MEMLINGS Bedeutung im kunsthistorischen Zusammenhänge steht nicht ganz auf der Höhe seiner Popularität. Die neuere Kunstgelehrsamkeit, die nicht unabhängig ist von der neueren Kunstproduktion, betrachtet den Meister mit kühler Schätzung. Überdies glaubt sie auf ein allzu bekanntes Gebiet zu blicken, in dem unentdeckte Tiefen oder übersehene Schätze nicht mehr zu finden seien. Wenn Memling vor allen altniederländischen Malern, vielleicht selbst vor Jan van Eyck, berühmt ist, so hat das Gründe, die zum Teil zufälliger Natur sind. Brügge ist der Ort, wo die Kunstformen des 15. Jahrhunderts sich am reinsten erhalten haben. Die Stadt scheint seit dem 15. Jahrhundert im Schlaf zu liegen, in einem Schlaf, der sie gut konserviert hat. Sie zwingt auch dem weniger empfänglichen Besucher historische Nachdenklichkeit auf. Und hier, in einer Baulichkeit, die von dem Brügger Stadtgeist besonders stark erfüllt ist, in dem Johanneshospital, wirkt Memlings Kunst noch heute mit konzentrierter Kraft. Sieben Werke des Meisters, dabei das Höchste, was ihm geglückt ist, stehen beieinander. So reich entfaltet sich an keiner anderen Stelle die Kunst eines anderen altniederländischen Meisters, und keine Kirche und kein Museum vermögen den stilgerechten, die Stimmung fördernden Rahmen zu bieten, dessen Memlings Tafeln an ihrem Entstehungsorte sich erfreuen. Die Schöpfungen der anderen grossen Meister sind in alle Welt zerstreut. Namentlich Roger van der Weyden und Hugo van der Goes sind in ihrem Vaterlande nicht mehr recht heimisch. Höchstens der Kunstgelehrte, der alle Sammlungen Europas besucht, vermag sich eine Vorstellung von ihrer Grösse zusammenzusuchen.

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Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst Hans Memling

Geboren vor 1430 wahrscheinlich zu Mömlingen bei Mainz, Gestorben zu Brügge 1494
NIEDERLÄNDISCHE SCHULE

die Verlobung der Heiligen Katharina

In dem Kreise altniederländischer Meister, die in ihrem unbestechlichen Wahrheitssinn die Anregung zu ihrer Kunst nur aus ihrer nächsten Umgebung schöpfen und daher auch herbe und selbst hässliche Formen nicht scheuen, um wahr und charakteristisch zu sein, tritt uns Hans Memling in seiner abweichenden Eigenart halb fremdartig entgegen. Seinen Kompositionen ist eine grosse Ruhe, seinen Gestalten, wenn sie auch nicht so wahr und ausdrucksvoll sind wie die seiner grossen Vorgänger, eine ungewöhnliche Lieblichkeit, seinen Köpfen eine ausserordentliche Milde des Ausdrucks eigen; wir werden vor seinen Bildern an die Schöpfungen eines deutschen Zeitgenossen, des Martin Schongauer, erinnert. Dies ist keine zufällige Verwandtschaft, denn Memling war, wie wir jetzt wissen, ein Deutscher von Geburt und stammte, wie Schongauer, vom Mittelrhein. Diesen deutschen Charakter hat er sich auch trotz seiner Ausbildung zum Künstler in den Niederlanden und trotz seines Lebens in der Hauptstadt des niederländischen Handels, in Brügge, erhalten. Seine Bilder befriedigen am meisten, wenn sie Darstellungen frommer Andacht und stiller Hingebung schildern, wie hier in der mystischen Verlobung der h. Katharina, einem der umfangreichsten und dem schönsten Bilde, das Memling für das Johannishospital in Brügge gemalt hat, dessen Vorstand ihn mit Vorliebe mit der Ausschmückung seiner Altäre betraute. Die Anordnung der Maria über einem farbenprächtigen kleinasiatischen Teppich und vor einem leuchtenden Sammetbaldachin inmitten der Heiligen zu ihren Füssen hat etwas sehr Feierliches; die schmächtigen, jungfräulichen Gestalten sind holdselige Geschöpfe, ihre Andacht ist eine stille, echte, die Farben sind von grosser Schönheit und Harmonie.

Hans Memling

Abbildungen Hans Memling Kunstdrucke