Abbildungen HANS THOMA 1839-1924 Kunstdrucke

„Dem mir gewordenen Erbe und dieser günstigen Erziehung nach müssten meine Bilder so sonnenklar gut sein, dass niemals ein Zweifel hätte auftauchen können darüber, dass sie dies nicht seien — und so stehe ich den Freunden, die so freundlich gut meinen 60. Geburtstag feiern, etwas verlegen gegenüber. — Aber es ist ja doch die Liebe zur Kunst, die wir alle gemeinsam haben, das Suchen nach ihrem reinen und vollen Ausdruck, das uns allen angelegen ist, welche uns heute vereinigt, und welche mir Ihre so freundliche Teilnahme eingetragen hat — Ihre Teilnahme, für die ich Ihnen allen herzlich danke.“

„Da wir Deutsche sind, freuen wir uns auch, wenn wir in der Kunst Spuren von dem finden, was wir als unser Eigenstes erkennen, und die Kunst kann sehr gut eine Antwort sein auf die Frage: Was ist deutsch? Sie kann ebenso gut wie die Sprache ein Band unserer Gemeinsamkeit sein, wenn auch nicht des Denkens, so doch unseres Fühlens.“

„Für uns Deutsche wird die Kunst nie lange Zeit bloss eine Prunk- und Luxussache sein können — wir werden immer wieder suchen müssen, sie zu einer Herzenssache zu machen — mag sie dadurch auch zeitweise kleinlich werden, wir brauchen keine Angst zu haben, dass sie dies auch bleiben wird.

„Die deutschen Herzen können auch in der Kunst hoch schlagen und aus ihnen kann erst recht der innerlich gegründete und gefestigte Prachtbau grosser Kunst her vor wachsen.“
„Die deutsche Kunst, sie blühe und wachse!“

Siehe auch:
Hans Thoma – Radierungen, Zeichnungen und Malereien
Hans Thoma sein Leben und seine Kunst – Teil I
Hans Thoma sein Leben und seine Kunst – Teil II
Hans Thoma sein Leben und seine Kunst – Teil III
Hans Thoma

HANS THOMA 1839-1924












„Dem mir gewordenen Erbe und dieser günstigen Erziehung nach müssten meine Bilder so sonnenklar gut sein, dass niemals ein Zweifel hätte auftauchen können darüber, dass sie dies nicht seien — und so stehe ich den Freunden, die so freundlich gut meinen 60. Geburtstag feiern, etwas verlegen gegenüber. — Aber es ist ja doch die Liebe zur Kunst, die wir alle gemeinsam haben, das Suchen nach ihrem reinen und vollen Ausdruck, das uns allen angelegen ist, welche uns heute vereinigt, und welche mir Ihre so freundliche Teilnahme eingetragen hat — Ihre Teilnahme, für die ich Ihnen allen herzlich danke.“

„Da wir Deutsche sind, freuen wir uns auch, wenn wir in der Kunst Spuren von dem finden, was wir als unser Eigenstes erkennen, und die Kunst kann sehr gut eine Antwort sein auf die Frage: Was ist deutsch? Sie kann ebenso gut wie die Sprache ein Band unserer Gemeinsamkeit sein, wenn auch nicht des Denkens, so doch unseres Fühlens.“

„Für uns Deutsche wird die Kunst nie lange Zeit bloss eine Prunk- und Luxussache sein können — wir werden immer wieder suchen müssen, sie zu einer Herzenssache zu machen — mag sie dadurch auch zeitweise kleinlich werden, wir brauchen keine Angst zu haben, dass sie dies auch bleiben wird.

„Die deutschen Herzen können auch in der Kunst hoch schlagen und aus ihnen kann erst recht der innerlich gegründete und gefestigte Prachtbau grosser Kunst her vor wachsen.“
„Die deutsche Kunst, sie blühe und wachse!“

HANS THOMA 1839-1924

Im Text gezeigte Abbildungen:
Zierleiste Hans Thomas
Schwarzwaldhaus
Aus der Jugendzeit – Nach einer Radierung Hans Thomas
Idylle im Tierreich – nach einer Radierung Hans Thomas
Saturn – Nach einer Lithographie Hans Thomas
Kampf in den Wassern – nach einen Aquarell Hans Thomas
Es werde Licht – nach einer Lithographie Hans Thomas
Betendes Kind – Zeichnung Hans Thomas
Aus dem A B C – Buch Hans Thomas


Von Jahr zu Jahr das Schaffen des Künstlers zu verfolgen, wie wir es bei Betrachtung seiner Jugendzeit versucht, ist unmöglich. Den fast unübersehbaren Hervorbringungen gegenüber bleibt nichts andres übrig, als in einem Ueberblick, nach dem Gegenständlichen geordnet, die Gemälde, auf welche diese Publikation sich ja beschränkt, zusammenzufassen. Dies behält freilich immer sein Mißliches. So bedeutungsvoll und so bestimmend für den Eindruck das Gegenständliche wird, ist es, um Thomas eignen Ausspruch zu zitieren, „nicht der Gegenstand, der dem Bilde künstlerischen Wert gibt, sondern die Anschauung, die Summe von anschaulicher Erkenntnis, die sich im Werke ausspricht“. Was in der photographischen Reproduktion übrigbleibt, das ist freilich das Gegenständliche, „das was die Dinge erzählen, man vergißt darüber oft gar zu leicht, daß den Künstler doch etwas andres geleitet haben kann als Grund seiner Darstellung, und darüber, über eine Raumanschauung, ein plastisches Gefühl, den Ausdruck feinfühliger Licht- und Farbenempfindung kann nur die Anschauung des Originales selber Auskunft geben. Da versteht man auch, daß der Künstler so gerne sagt: ich habe nicht erzählen wollen, ich will nur darstellen, und fast ärgerlich wird, wenn der Beschauer etwas andres hinter seinem Bilde sucht als Augenweide — das ist nämlich jedes gute Bild.“

Eine im höheren Sinne künstlerische Anordnung wäre also eine solche, die von der Art und Verwandtschaft der Anschauungen ausginge — wie aber wäre die, von ganz allgemeinen Grundsätzen abgesehen, mit Worten zu charakterisieren und noch dazu im Hinblick auf Schöpfungen eines Malers, der seine Universalität und Ursprünglichkeit auch in der immer neuen und unmittelbaren Anschauung bewährt und in herrlicher Mannigfaltigkeit fast jedem Werke einen nur diesem eignen Charakter aufprägt. Und gerade Thomas Kunst belehrt, im Gegensätze zum impressionistischen Naturalismus und im Sinne der Kunst aller großen vergangenen Epochen, darüber, daß freilich wohl alles auf das „Wie“ ankommt, daß aber das „Wie“ doch immer durch das „Was“ und umgekehrt bestimmt wird. In seinem Aufsatze: „Dürfen Bilder Geschichten erzählen?“ hat er, der als echter Künstler gegen alle „Begriffspoesie in der Malerei, Frühlingsseligkeit, Liebespärchenzauberei, Theaterhistorienpose und Stimmungsmache“ Protest einlegte, doch dem Natürlichen wieder zu seinem Rechte verholten, indem er hervorhob, wie es eben im Wesen jedes Bildes liege, etwas zu erzählen.

So dürfen, ja müssen wir denn eine Uebersicht der Werke auf Grund der Einteilung nach dem Gegenständlichen zu gewinnen suchen. Nur der Gemälde — nicht der Hunderte von Aquarellen, Steindrucken, Radierungen, ausgeführten Zeichnungen und kunstgewerblichen Entwürfen, die einen zweiten Band wie diesen füllen würden.

Und es ist zu bemerken, daß bei allem sorgfältigen Streben nach Vollständigkeit in der Wiedergabe wenigstens der Bilder diese, wie die Liste im Anhang erweist, doch nicht erreicht werden konnte, da die Besitzer einer großen Anzahl von Werken nicht festzustellen waren und manche Gemälde schon seit langem verschollen sind. Die Gesamtzahl dürfte sich auf etwa tausend belaufen; mehr als achthundert haben in unserm Bande Aufnahme gefunden.

I. Die Landschaften

Als das Element, welches dem gesamten Schaffen Thomas seine grundlegende Einheit gibt, ist, entsprechend dem Geiste der germanischen Malerei überhaupt und dem der neueren im besonderen, die Landschaft zu bezeichnen. Mag sie selbständig erscheinen, mag menschliches Dasein in sie einbezogen sein, immer ist sie der Ausdruck der großen, von der menschlichen Seele mystisch erfaßten, allumfassenden Harmonie der Welt und ihrer geheimnisvollen Gesetzmäßigkeit, die Spiegelung innerer Gefühlsvorgänge in äußeren Erscheinungen. Alle treue Naturauffassung hat nicht den Zweck virtuoser Nachbildung, sondern jenen, die Gemütsstimmung, aus der diese hervorgegangen, festzuhalten und andern mitzuteilen. Die Eindrücke werden nicht gewollt und gesucht, sondern die empfangenen bewirken mit Notwendigkeit die künstlerische Gestaltung. Und Eindrücke sind für diesen Künstler nicht bloß Sensationen, sondern durch Sinnesempfindungen geweckte und mit ihnen sich durchdringende Gemütsbewegungen. Schön wird ihm die Erscheinung nur dadurch, daß sie die innere Harmonie zum Erklingen bringt. Frei von jeder doktrinären Regel in Komposition, Licht und Farbe entdeckte er, kraft seines unmittelbaren Liebesverhältnisses zur Natur, überall neue Einheiten, d. h. neue Schönheiten — es ist begreiflich, daß man sie zunächst nicht verstand; man mußte sie erst durch ihn sehen lernen. Dann aber wurde man zu seinem Erstaunen gewiß, daß er ja nur alle Stimmungen veranschaulichte, die jeder fühlende Deutsche bei seinen Wanderungen, entzückt oder ergriffen, empfunden hatte. Die Wahl seiner Motive, der Farben, der Beleuchtungen verdeutlichte mit einem Schlage unbewußt von uns Erlebtes. So gewiß manche edle und innige künstlerische Bestrebung schon vor ihm diese Richtung eingeschlagen hatte, so neu und unabhängig war doch seine Entdeckung: das lange Verkennen seiner Kunst beweist es. Er war ein „Moderner“, bewährte aber sein malerisches Schauen in einem ganz andern Sinne wie seine meisten Zeitgenossen, denn mit allen ihren Theorien, die zum Siege des neufranzösischen Virtuosenprinzips des L’art pour l’art führten und die Kunst zu einer Verstandesangelegenheit und zugleich zur Sinnlichkeitsausschweifung machten, hatte er nichts zu schaffen. Alle sinnliche Kraft der Anschauung, deren auch er sich, und zwar im höchsten Grade, freute, und eine verhehlte Meisterschaft, ja wahre Virtuosität der Technik, wie sie keiner der andern besaß, machte er der seelischen Aufgabe der Kunst dienstbar. Sich in die Sklaverei der Natur durch direktes Abmalen ihrer Erscheinungen zu begeben, verschmähte er — schöpferisch frei aus tief sich einprägenden Eindrücken und auf Grund der in Studien gewonnenen gesamten Anschauungen zu gestalten, hieß für ihn Kunst. Nur so ja vermochte er, der beunruhigenden Willkür und Zufälligkeit der Erscheinungen entrückt, vereinfachend deren Uebereinstimmung und Ausdrucksbedeutung herauszubilden, d. h. künstlerisch wahr zu sein. Denn die künstlerische Wahrheit ist nichts andres als Gesetzmäßigkeit, und diese wird nicht durch Unterwerfung unter die Natur, sondern durch die Herrschaft des Geistes über die Natur erzeugt, und nur ihm wird die überraschende Glaubwürdigkeit der Darstellung verdankt. Welche Landschaften wären denn „naturwahrer“ als die seinen , obgleich er sie mit Hilfe von zunächst nur leicht andeutenden Skizzen aus der Erinnerung geschaffen! Und obgleich sie einen ausgeprägten Stil, nämlich Gesetzmäßigkeit im Räumlichen, in der Farbe und Licht besitzen!

Nichts bezeichnender für sein Künstlertum als die Antwort, die er auf die Frage, welche deutsche Landschaft auf ihn den stärksten Eindruck gemacht und wie dieser Eindruck auf sein Schaffen eingewirkt, gegeben hat: „Mir hat immer die Landschaft den stärksten Eindruck gemacht, in der ich mich aufhielt. Da ich zur Landschaft in meiner Eigenschaft als Maler auch die Wolken und das Himmelsblau — das atmosphärische Licht — das Spiel der Schatten mit dem Lichte, die daraus hervorgehenden Farbenwirkungen, das Fließen des Stromes, das Wogen des Grases im wehenden Wind und noch viel dergleichen Dinge, die überall sind, rechne, so fand ich überall schöne Landschaft, die für mich eindrucksvoll war.“ So ist es denn, möchte man sagen, nicht eigentlich von entscheidender Bedeutung für die Erkenntnis des Wesens seiner Kunst, welchen Gegenden er seine Motive entnommen hat; es würde dasselbe geblieben sein, wenn sein Lebensschicksal ihn an andre Orte zu dauerndem oder längerem Aufenthalte geführt hätte; und es bezeichnete Mangel an jedem Verständnis, wenn man diesem freien und universellen Künstler als dem Schwarzwaldmaler eine abgegrenzte Stellung zuweisen wollte.

Eines aber darf zugegeben werden, daß der weite Himmelshorizont und das atmosphärische Licht seiner Heimat von vornherein seiner Anschauungsweise eine bestimmte Richtung im allgemeinen malerischen Sinn gegeben haben, und so wollen die Schwarzwaldlandschaften, nicht nur weil sie auf die zeitlich frühesten Eindrücke zurückgehen, zuerst betrachtet sein. Einsame kahle Höhen unter weit sich ausspannendem Himmel, von sanften Bergeslinien eingefaßt, mit vereinzelten Häusern, einem sich schlängelnden Wege oder Bach, der Blick von einer Höhe über Täler und Berge in weite Ferne,durch Tannenwald begrenzte Halden oder Wiesen, mit blühenden Wiesen bedeckte Mulden, sanfte Anhöhen, über die ein Weg führt und auf dem das Vieh weidet, ein an Sandabhängen vorbeifließender Bach, mit einzelnen Tannen bestandene Hügel, ein um eine Terrainsenkung sich herumziehender Weg — schlichtere Motive sind kaum denkbar; welche Stimmungen aber entlockt ihnen der Künstler, welche Reize verleiht er ihnen durch die verschiedenartigen Erscheinungen der Wolken, des Lichtes und der Farben! Was haben ihm nicht alles die über Steine rauschenden braunen Bächlein zu sagen, die durch blühende Wiesen, an Büschen, an Tannen vorbei in Frühling, Sommer und Herbst gleich munter dem Dorfe zueilen, als geschwätzige Boten von den Waldeshöhen! (Zahlreiche Bilder.)

Mit ihm empfinden wir den bergenden Frieden der alten Bauernhäuser, die mit ihren Gärtchen und umfriedigten Viehweiden, jedes für sich, eine kleine Welt mit allen Freuden und Leiden des Menschenherzens bilden und deren Braun so kräftig und warm mit dem gedämpften Grün der Matten sich verbindet. Wir erleben den Winter, da rings alles unter weißer Decke begraben ist. Wir schreiten mit dem Jäger durch die feierlich ragenden Stämme des Waldes, mit dem Reiter über die Höhen, von denen der Blick über weite Fernen hinabschweift, wir ruhen mit den Kindern unter dem Schutz der einsamen Tanne droben über dem Dorf, mit den badenden Knaben erfreuen wir uns der lauschigen Kühle am Bach unter schattendem Gebüsch, durch das die Sonne friedlich schimmert, oder am Wasserfall, der in hundert silbernen Fäden über den schwärzlichen Fels herabrieselt. Wir begleiten, hellen Blickes alles in uns aufnehmend, den jungen Maler nach St. Blasien, durch das in Sommerlicht gebadete Albtal oder das Böllental weiter hinab in traulicher uns umfangende Gegenden, vorbei an heiteren, in stillen Wiesen gebetteten hellen Häusern, an Mühlen, an üppigen Laubbäumen, an wuchernden Gründen, bis zu weit sich erstreckendem Flußtal.

Immer von Zeit zu Zeit hat es ihn wieder in die Heimat hinaufgetrieben; nach dem Alten suchend, was noch vorhanden ist. „Die alten Tannenwälder, die grünen Wiesen, die klaren Forellenbäche, den blaufunkelnden Himmel mit den so schönen Silberwolken, die frische Luft, das gesunde Quellwasser — auch die alten Bauernhöfe unter dem breiten Schindeldache, unter dem in breiter Reihe dicht gedrängt die Fenster der Eckstube hervorlachen — darüber sind Lauben mit herunterhängenden Nelken und zinnoberroten Geranien —, das Bauerngärtlein mit seinen Würzpflanzen ist auch noch da, eine kleine Kapelle steht im Garten, denn so ein einsamer Hof steht für sich, und es ist gar schön, daß im Garten ein Raum auch zum Beten eingerichtet ist; um das Haus oder hinter ihm stehen mächtige Ahorne und Eschen.“

Das zweite Bereich, in dem Thomas Landschaftskunst tiefe Wurzeln schlug, war das Oberrheinische bei Säckingen. Bereits lernten wir Städteansichten aus dieser Gegend kennen, auch den Rheinfall bei Schaffhausen, auch den weiten Blick über das Rheintal, den er in drei größeren Bildern variiert hat. Es gesellen sich die wirbelnden Stromschnellen bei Laufenburg. Immer von neuem fesselt ihn das Spiel des Lichtes auf dem breit und machtvoll im weichen Wellengeschiebe an bebuschten Ufern hinfließenden Strom in sommerlicher heller Bläue unter zartblauem Himmel, die Lichtbahn, welche aus dunkeln Wolken hervorschießender Sonnenglanz auf den Wassern breitet, der träumerische Zauber der Dämmerung. Er liebt es, unter Bäumen und Büschen zu weilen, die sich an die Ufer drängen, in das üppige Dickicht von Feuchtigkeit geschwängerter Wiesen, in das reiche weiche Grün von Pappeln, Erlen, Weiden und Schilf sich zu verlieren; vielleicht am vertrautesten in allen Wundern des Abend-und des Morgenrotes, lichten silbernen Tagesscheines und flimmernden Mondenglanzes wird ihm eine kleine Bucht des Flusses, von der aus man am ragenden Gebüsch vorbei bis weit in die Ferne den Blick über den Wasserspiegel gleiten lassen kann. Die herrliche Kahnfahrt im Mondenschein, von der Herr Alexander Gerlache in zweites Exemplar besitzt, und die Mondnacht reihen sich an.

Es wurde schon bemerkt, daß alle empfangenen Eindrücke in des Malers Phantasie lebendig wirksam bleiben; ebensowohl wie in der früheren Zeit entstehen, zu immer bedeutenderer Gestaltung gebracht, Schwarzwald- und Rheinlandschaften weiter auch in den späteren Jahren, als er nun neue Anregungen der Umgebung von Frankfurt entnimmt. Aus den Studien, die er im Taunus machte, werden die Ansichten weit sich erstreckender, weich gebetteter Täler, die Fernblicke über schier unermeßliche Strecken leicht gewellten Felderlandes, die frappante Ansicht von Mamolsheim, der Blick durchs Fenster auf die Oberurseler Kirche, die Wiesen mit den großen Edelkastanien. Er schildert den gemessen in leisen Krümmungen durch flaches Land ziehenden Main, sucht andre Stellen an ihm auf, wo parkartig die Ufer säumende Bäume und Büsche an blauen Sommertagen das Gefühl glückseligen Genügens erwecken; vgl. auch das friedliche Tal , belauscht die Abendstimmungen dort, wo zartbelaubte Bäume am gegenüberliegenden Ufer sich wie leichte Traumgebilde vom hellen Himmel abheben, und gibt in leuchtenden Farben die Sonnenglut wieder, die in der Nähe der Gerbermühle auf Wiesen mit vereinzelten hoch- und geradstämmigen Bäumen lastet. Den schlichten Motiven der Nidda, deren fast ölig glatte schmale. Wasserfläche zum reinen Spiegel der Umgebung und des Himmels wird, werden feinste malerische Wirkungen abgewonnen, die sich von sanften grauen Tönen bis zu leuchtendem Grün steigern, ja bisweilen fast visionärer Art sind. — Hinzufügen lassen sich „die Weiden am Niederrhein“ , der weite Blick im Vogelsgebirge und die Juralandschaft.

Ist schon bei diesen Landschaften es schließlich gleichgültig, auf welche Gegenden sie zurückzuführen sind, da etwas typisches Deutsches gegeben wird, so gilt dies in noch höherem Grade von andern. Da haben wir alle die freudigen Sommerbild er, die uns häufig im Geleit von Schnittern am Rande der Felder entlang führen unter weißen Sommerwolken, bisweilen auch vor drohenden Wettern, da die zarten Frühlingsgefilde mit noch kaum belaubten oder blühenden Bäumen, die Wonne der Kinder, da die blumenreichen Wiesen am Waldrand, die unwiderstehlich zum Pflücken verlocken, da die Zeit der Heuernte, da die stillen zum Träumen auffordernden, in Bäumen und Büschen versteckten Winkel am Bach, da die sonnigen Wege durch flaches Land, da die dunkle Felsenschicht. Was fragen wir bei jenen Meisterwerken, die in den Jahren 1903 bis 1906 rasch aufeinander folgten, dem Johannistag, der Birke, der Herbstlandschaft mit der Buche, dem Sonimerglück, dein lichterfüllten Tal, dem Abendstern, dem Morgen am Donauufer danach, wo die Studien zu ihnen entstanden sind — sind es doch zur Erscheinung gewordene Stimmungen allgemein menschlicher Art.

Ja, ich möchte so weit gehen, zu sagen, daß auch die Alpenbilder, der Eibsee, St. Anton bei Partenkirchen und jene unerhörten malerischen Revelationen der Gletscherberge: das Lauterbrunner Tal, „Auf dem Pilatus“ und die Jungfrau Typen, nicht Veduten sind und gerade hierin ihre einzigartige Größe beruht.

Unmerklich führen sie uns hinüber zu den Phantasielandschaften, zu der Flußlandschaft, die durch bestimmte Motive noch mit der Realität näher zusammenhängt, zu dem paradiesischen Traumbild, zu dem feierlichen Frühlingshymnus mit dem Schwan, zu den wunderbaren Visionen der Gralsburg. Aber hier stehen wir schon an der Grenze der Märchen- und Mythendichtungen, die uns weiterhin neue Zaubergebiete der Natur erschließen werden.

Von seinen künstlerischen Erlebnissen in Italien hat uns Thoma selbst erzählt; wir rufen uns seine Schilderungen in Erinnerung, jene Stunden zunächst, da ihn der Frühlingszauber der Campagna zart umspann: die wie von Sonnenstrahlen selbst gewobenen Frühlingsbilder mit den schlanken, zierlich geästeten Bäumchen, die klaren Fernsichten über Flächen, die von weidenden Herden belebt sind, bis hin zu den zartkonturierten Bergen, die sanft fließenden Flüßchen, an die der Maler wohl manchmal angesichts der Nidda bei Frankfurt gedacht haben mag, der Hain der Egeria. Und dann die blauen Fernsichten durch die alten Oliven droben in Tivoli hindurch, die es ihm so angetan, daß ersieh in ihrer Wiedergabe nicht genugtun konnte — wer aber auch hätte es vermocht wie er, dem die zartesten Farbennuancen selbst in den weiten Fernen silbrigen Verschwimmens von Himmel und Erde nicht entgingen! Das waren nicht minder große malerische Entdeckungen als die in Deutschland gemachten. So auch in allen Feinheiten hatte noch niemand die Wasserfälle wiedergegeben. Im Sabinergebirge und am Nemisee machte er Studien. Im Vorbeiwandern durch die Villa Borghese blieben die Sonnenwirkungen auf den Pinien in seinem Sinne haften. In der schwermütig erhabenen Auffassung der Zypressen — Villa d’Este — vergleicht er sich Böcklin.

Am Neapolitanischen Busen war es Sorrent, das er, von einer Höhe mit dem Meer und den Bergen überschaut, von Sonnenlicht überflutet, festhielt. Ein andres Bild, die Meeresbrandung an der Küste, zeigt die von tiefblauem Wasser sich blitzend abhebenden weißen Wellen. Auch den Gesamteindruck des Vesuvs sich festzuhalten, reizte ihn.

Erinnerungen an die entzückenden Täler um Siena sind in mehreren Gemälden erhalten, auch ein kleines Architekturstück, in andern Motive aus der Umgebung von Florenz, darunter eines mit einem Blick von unten über Oliven hinweg zu S. Miniato. Wie der im Eisenbahncoupe gewonnene Eindruck der schneeig weißen Carraraberge, die hinter schlanken, goldgrünen Frühlingsbäumen leuchten, von ihm später zu Bildern gestaltet wurde, erzählt er uns selbst. Der Aufenthalt am Golf von Spezia lebt in zwei Seestiicken , in „Lcrici“ und in zwei durch Oelbäume hindurch gesehenen Ansichten der weiten Bucht fort. Die letzten Früchte der Reise 1880 waren die beiden Bilder vom Lago Maggiore, in denen er das Verträumte dieses Sees zu wunderbar poetischem Ausdruck brachte.

Eine besondere Gruppe für sich bilden endlich die Landschaften vom Gardasee. Dreimal gibt er von verschiedenen Höhen aus gesehen: durch Olivenzweige in silbernem Lichte, durch schlanke, noch unbelaubte Bäumchen in heller, fast reiner Beleuchtung, und an Lorbeeren und Pappeln vorbei in goldigem Glanze, den meergleichen See. In Tälchen mit blühenden Bäumen, mit Lorbeeren, mit Oliven, mit Feigenbäumen führen andre Gemälde, wieder andre erschließen den Blick auf den beschneiten Monte Baldo. Ein letztes zeigt einen in seinem Weingarten zur Dämmerungsstunde mitOchsen pflügenden Bauern.

Die Wirkung, welche die Erscheinungen der italienischen Natur auf seine Auffassung der deutschen ausgeübt, zu verfolgen, wäre eine fesselnde Aufgabe. Er selbst sagt hierüber: „Eine solche Reise müßte die Empfänglichkeit des Auges stärken, so daß es auch die oft leiseren, zarteren, oft bunteren, gröberen Reize, die es bei uns empfängt, zu einem harmonischen Ganzen vereinigen kann. Denn die Harmonie, die Schönheit liegt nicht in der Welt da draußen, sie ist nur eine Fähigkeit der Seele, das zu empfangen, was die Sinne ihr zuführen.“

II. Das Bauernleben

Aus der Natur heraus, innig mit ihr verbunden tritt unsbeiThoma der Mensch entgegen. So hohe Bedeutung diesem in seiner Kunst auch geschenkt wird, auch die Darstellungen menschlicher Vorgänge könnten in einem tieferen Sinne alle als Landschaftsbilder bezeichnet und mit Fug und Recht, zahllose neue Motive bringend, in die Reihe der eben besprochenen Werke eingefügt werden. Das Menschenwesen nur ein Teil der Natur, nach seinem physischen und seelischen Leben einbezogen in deren Erscheinungen und durch die Stimmungen mit ihr in Einklang gebracht, die Natur der Ausdruck der Menschenseele und der Mensch die höchste Verdeutlichung des Naturgeheimnisses — vielleicht nie ist diese alte germanische Anschauung zu einem so unbedingten Gesetz künstlerischen Schaffens und zu einer so vielseitigen Gestaltung geworden wie hier. Diesem Gesetz entsprach es, daß nur solches Menschentum geschildert ward, das noch innig mit der Natur verknüpft ist, denn nur so war der Einklang herzustellen. Der „natürliche“ Mensch, d. h. der von historischen Bedingtheiten und Konventionen freie, kann aber nur in zweierlei Art vorgestellt werden: als Bauer, dessen Leben und Tätigkeit sich ganz in der Natur vollzieht und unmittelbar auf sie sich bezieht, oder als erträumtes, ideales, mythisches Wesen. Die gesamte bürgerliche und vornehme Gesellschaft, aber auch der Fabrikarbeiter wurde, weil der Natur entfremdet, von Thoma aus dem Bereiche seiner Darstellungen ausgeschieden – aber nicht etwa aus einem Verstandesprinzip, sondern aus dem Zwange seines tiefen künstlerischen Bewußtseins. Und aus diesem heraus auch wurden die Motive bestimmt, die er wählte — nämlich diejenigen, die man als die ewig natürlichen bezeichnen kann. In seinen Darstellungen aus dem Bauernleben lassen sich etwa vier Gruppen solcher Motive unterscheiden: Familie, Kinderleben, Arbeit und Mußefreuden. Solche Beschränkung auf die einfachsten und unmittelbar verständlichen Lebensmomente brachte es mit sich, daß alle anekdotischen oder novellistischen Vorgänge, welche immer zum Nachteil der reinen Gefühlsauffassung, d. h. der künstlerischen, denVerstand aufrufen, ausgeschlossen blieben, wie nicht minder alle Kuriosa in Trachten und Sitten.

In den Vordergrund aller dieser innigen Schilderungen, an deren Eingang die Familie im Gärtchen (S. 1) steht und deren Mannigfaltigkeit freilich nur der beurteilen kann, der auch alle die zahlreichen Aquarelle, Drucke und Zeichnungen kennt, tritt die Mutter oder Schwester mit dem Kind in ihren Armen. Bewacht von ihrem Auge und schirmend von ihrer Hand umfangen, liegt es tief schlummernd in ihrem Schoß, sei es zur Mittagsstunde unter dem blühenden Flieder oder im Gärtchen zur Abendzeit, da das letzte Sonnenrot auf den Bergen glüht. Wiedererwacht trägt sie es, fest umschlungen, wandernd mit sich (S. 165), läßt es auf ihrer Hand tanzen , oder es lehnt sich müde an sie an, indes auch der ältere Bruder von Arbeit und Spielen rastet, der auf einem andern Bilde vom gleichförmigen Rauschen des Brünnleins zwischen den Knien der Schwester in Schlummer gelullt worden ist und nicht gewahrt, wie der Vollmond über den Tannen emporsteigt. Wo die Liebe der Mutter waltet, da erfüllt sich das Wort: „Friede auf Erden“; ohne daß sie und die herbeigeeilten Nachbarkinder es ahnen, hält, die Laute spielend, ein Engel die Wacht.

Ein fast noch engeres Band als mit der Mutter verknüpft die Kinder mit der Großmutter, die wir schon vor dem Hause oder am Fenster und mit den Verwandten zur Morgenandacht vereint gewahrt haben. Für dieses Verhältnis zwischen Alter und Kindheit hat Thoma die ergreifendsten Töne gefunden, vor allem in jenem geheimnisvollen, feierlichen Bilde der Dämmerung, welche mit feuriger Glut die Alte und das blondlockige Kleine in sich hineinzieht, und in dem „Religionsunterricht“, da wie aus Sibyllenmund der lauschende Knabe die heiligen Geschichten vernimmt, deren Sinn ihm aufgeht, indes den jüngeren Geschwistern das große Buch noch mehr ein Gegenstand scheuen Respektes ist und das jüngste die Rosenkranzkette zum gewissenhaften Spiele benutzt. Die höchste Schätzung aber seitens der Kinder gewinnt die Ahne als Besitzerin des Märchenschatzes. Aus einer frühen Darstellung von entzückender dramatischer Natürlichkeit entwickelt sich zu monumentaler Charakteristik die allgeliebte Szene beim Mondenschein.

„Die uralte Frau Sage sitzt noch hier und da in einer der Hütten auf der Ofenbank und erzählt an den Winterabenden den Kindern Märchen, daß die Kleinen bald mit Gruseln, bald mit Lachen an solchen luftigen Gestaltungen sich freuen. Und wenn diese Kinder im Sommer Waldbeerlein sammeln an den sonnigen Halden oder das Vieh hüten, so werden die Märchen erst recht lebendig—wenn sie über die dunkeln Wälder in die Täler hinunterschauen und die Schweizer Alpen am Horizont erglänzen sehen, so träumen sie von Helden, verzauberten Prinzessinnen, die in goldenen Schlössern wohnen, von bösen Riesen bewacht, die sie noch bezwingen wollen. — Ja, Frau Sage versteht es auch jetzt noch, aus den Fäden alltäglichster Vorgänge schöne Gespinste zu weben — und immer noch stehen gar viele in ihrem Dienste. Hebels Dengelegeist geht immer noch um am Feldberg.“

Klingt diese Schilderung des Malers „aus der Sommerfrische“ nicht ganz wie eine Interpretation jenes Bildes und zugleich aller der uns schon bekannten und noch zu betrachtenden Darstellungen, welche uns das Treiben der Kinder bei den Herden, auf Wiesen, an den Bächen und in den Büschen zeigen? Wie hat er sie zu belauschen verstanden: die beiden Kleinen, die friedlich nebeneinander eingeschlummert sind, das betende, das lustig auf dem Kissen im Grase die eignen Füße haschende, jene, die von den Weiden im März die Kätzchen pflücken, und alle die kleinen Blümchensammlerinnen, die nach unermüdlicher Tätigkeit sich wohl auch einmal mit den andern großen der Rast ergeben. Die tollen raufenden Knaben haben wir schon gesehen, auch den Frühlingsreigen unter Blütenbäumen auf blumiger Wiese.

Und wieder kommt uns ein Wort des Künstlers, der in hohen Jahren wandernd nach dem Lächeln der Gelassenheit sucht und es nun bei dem Kinde findet, ins Gedächtnis: „Immer wieder erscheint das Kind, die ewige Verjüngung, rein, unschuldig, von Ewigkeit her, ein gottgesendetes Wesen. Ich weiß wohl, daß auch dieses Kind zu den allzuvielen gehört, die die Fülle des Lebens alljährlich jederzeit über die Erde ausschüttet wie die Blumen des Feldes. Für mich ist dies Kind ein .Vorzugsmensch‘, und wenn ich eine Blume betrachte, so liebe ich sie, und sie ist für mich eine ,Vorzugsblume‘. Es gäbe wohl auch keine einzelne Löwenzahnblume mehr, wenn nicht das Füllhorn des Frühlings sie so millionenweise über alle Gefilde ausgebreitet hätte, diese gemeinste der Blumen, die in ihrer frechen Gelbheit so voller Lebenslust lacht, ich liebe sie und kann auch ihre Sprache verstehen.“

Mit der Arbeit wird es anfangs nicht gar zu streng genommen. Man nimmt die Schreibtafel mit zu den Hühnern, oder unter die Weiden mit den Kätzchen hinaus, und die Mädchen stellen sich heitere Blumensträuße auf den Tisch, wenn sie lesen oder schreiben oder nähen, wie denn Thoma und seine Frau selbst auch in ihren städtischen Wohnungen durch Pflanzen und Blumen bei ihrer Tätigkeit sich der Natur nahebrachten. Werden die geistigen Aufgaben schwieriger, dann hilft wohl die ältere Schwester dem Bruder. Nicht Lesen und Schreiben aber, das fortan den Mußestunden zufällt, sondern die an der Mutter Erde sich betätigende Kraft wird der Beruf. Im Tau des Morgens fällt unter den Sensen das Gras, mit Heu werden die Wagen beladen, von dem Ochsenpaar gezogen zieht seine tiefen Furchen der Pflug , der, auf dem Felde zurückgelassen, der einzige Zeuge der über das einsame Land herziehenden Gewitterstürme wird. Sanfte Frühlingsregen gehen hernieder, der Sämann streut seinen Samen über die Erde aus, der junge mit zum Himmel emporgerichtetem Blick, ein Bild des Vertrauens und der Hoffnung, der alte gesenkten Hauptes der Tiefe zugewandt (das Bild nicht reproduziert). Von den Feldern kehren die Schnitter heim, mit dem üppigen Grasbündel auf ihrem Esel die Bäuerin — doch ist das noch Wirklichkeit? — zarte Luftgeister begleiten sie, und ein solcher, ein kleiner Liebesgott, reitet auf dem Gaule, den der Bauernbursche führt! Fangen die Märchen der Großmutter Gestalt zu gewinnen an?

Und nach der Arbeit die Freuden der Rast und Muße. Das behagliche Blicken der Hirten über Täler und Höhen , das Lauschen auf den rieselnden Bach, die friedliche Erholung am Pfeifchen vor dem Hause, das Hinaussehen zum Fenster, gemeinsamer Genuß der Nachmittagswärme, wohl auch einmal — aber in andern Daseinsregionen — das Ruhen in der Hängematte. Vor allem aber in den Abendstunden die Musik. Der eine Bursche dort lernt es sich noch mühsam ein, von des andern Geige aber klingt es melodisch durch die blauende Dunkelheit, aus der die Feuerlilien leuchten, und der Mond erhebt sich über dem Horizont, um das Träumen zu belauschen. Solche Töne künden freilich von anderm als die Tanzweisen der Sonntagskapelle. Sind es doch die Klänge, welche die Harmonie eines schlichten Menschenlebens mit der Natur verkünden — die Klänge, welche in allen diesen Bildern zu Erscheinungen geworden sind!

Einzig das Volk in der Natur ist es auch gewesen, was Thoma in Italien zur künstlerischen Schilderung angeregt hat. Die Hirten in der Campagna sahen wir schon. Mit gleicher Kraft der Charakteristik wie seine Schwarzwälder, gibt er in einzelnen Köpfen auch die südlichen Typen wieder: den jungen Burschen im großen Hut , den Bauern mit der Pfeife im Mund, das bronzefarbene, fast arabisch wirkende neapolitanische Straßenkind, die kleine schmeichlerische Blumenverkäuferin von Albano das sonntäglich geschmückte Mädchen mit den großen schwermütigen Augen, das holde Kind mit seinem Zitronenkorb, die neapolitanische Gitarrespielerin, die man nicht überrascht sein würde, in Japan zu finden. Von Luft und Licht und Früchten zauberhaft umsponnen erscheint die Sorrentiner Spinnerin am Fenster vor dem weiten blauen Meere, durch die grauen Mauern hesperidischer Gärten schreitet mit ihrem Esel eine andre Sorrentinerin, über die Höhen Albanos ein heroisches Paar, vom Hund begleitet und den Pferden gefolgt. Die Arbeit in den terrassenförmigen Weinbergen von Gar-done wurde in zwei Bildern festgehalten . Mehr orientalisch als südlich wirkt das Mädchen mit dem Teller voll Trauben.

III. Die Porträts

In unmittelbarstem Zusammenhang mit seinen Schilderungen des Bauernlebens stehen in der früheren Zeit seine Bildnisse. Sind doch die Figuren in den Genreszenen Porträts. So dürfen sie auch in der Betrachtung hier folgen. Da die meisten uns im Verlaufe der Lebensschilderung schon bekannt geworden sind, genügt ein kurzes, ihre künstlerische Art betreffendes Wort. Thoma steht dem einzelnen Menschen mit derselben Unbefangenheit gegenüber wie allen andern Erscheinungen der Natur. Ja, die Aufgabe einer treuen Wiedergabe erscheint ihm, dem Phantasievollen, hier von der Wahrhaftigkeit seiner Gesinnung und der Ehrfurcht vor der Natur ohne weiteres geboten. Das Künstlerische liegt in der Geschlossenheit und Einfachheit der Erscheinung. Alles, was nach Pose und künstlicher Erhöhung der Wirkung aussehen könnte, vermeidet er ebensogut wie Zuspitzungen momentanen geistigen Ausdruckes. Er vertraut der Form, daß sie, klar und bestimmt wiedergegeben, das Wesen der Persönlichkeit deutlich ausdrücken wird. Er, der sonst dem Konventionellen abhold ist und in einem kleinen Aufsatz aus seiner ästhetischen Verurteilung unsrer Tracht, namentlich der männlichen, kein Hehl gemacht hat, behielt in den Porträts diese bei, ja, sucht ihr Unerfreuliches nicht einmal abzuschwächen. Sieht man, daß er nur ausnahmsweise in seinen Selbstporträts, in mehreren seiner Gattin und denen einiger Frauen Stimmung erweckenden landschaftlichen Hintergrund anbringt, so könnte man geneigt sein, geradezu einen Widerspruch zwischen seiner Bildniskunst und dem so ausgeprägten Phantasiecharakter seiner meisten Schöpfungen zu finden. Das wäre aber ein gründlicher Irrtum: gerade weil er die Grenzen kennt, die durch die eigentliche Aufgabe des Porträts der Ausschmückung oder Poetisierung desselben, soll nicht die Wahrhaftigkeit leiden, gesetzt sind, beschränkt er sich auf das Einfache, nur darauf bedacht, diesem eine entsprechende harmonische malerische Erscheinung zu verleihen.

IV. Tierleben

In vielen Landschaften und Szenen aus dem Bauernleben sind uns die treuen Lebens- und Arbeitsgenossen der Landleute schon begegnet. Die Hauptrolle fällt ihnen in andern Gemälden zu. Wie sehr in früheren Studien und Bildern den Künstler das drollige unruhige Hühnervolk mit den malerischen Reizen seiner Erscheinung beschäftigt hat, ward uns bekannt: in den vier großen Bildern der Fütterung (S. 10,16, 33), in der monumentalen Porträtierung einzelner Prachtexemplare und in den kleinen Darstellungen verträglichen Zusammenlebens der Kinder und des Geflügels . Welcher Humor und Scharfblick für die Individualitäten sich hier äußert, ist nicht zu sagen.

Eine ganz besondere Vorliebe — ich spreche hier nicht von den Katzen, die, wie in den Schwarzwälder Bauernhäusern, so auch in seinem eignen Heim ihm tägliche Genossen waren — hat Thoma weiter für die Zi eg en. Auch in ihrer Schilderung: in den Herden auf den Bergweiden, wo die zarten Färbungen der Tiere so fein mit denen des Gesteins, der Baumstämme und der Matten sich verbinden, in der Heimkehr ins Dorf , in dem Stall , vornehmlich aber in dem großen Bilde, das noch spät 1891 entstand (S. 338), glaubt man geradezu ein vertrautes persönliches Verhältnis zu jedem einzelnen Geschöpf zu spüren. Es beansprucht seine besondere Beachtung, während die Schafherden mehr als Ganzes den Flächenlinien der Landschaft sich einfügen.

In seinen Kuhherden, die auf flachen Wiesen und an Bergeslehnen weiden, wohl auch einmal zur Tränke an den Fluß treten, braucht der Maler den Vergleich mit den Holländern nicht zu scheuen. Auch weidende Pferde finden wir, oder in die Schwemme gehende, aber nur ausnahmsweise. Dem Pferd gebührt, vereinzelt, eine höhere Stellung, als teilnehmendem und mithandelndem Gefährten des tatenfreudigen mythischen Menschen, in dessen Umgebung uns auch die wilden Tiere jeder Art begegnen werden. Welche Studien den zwanglos entstehenden Schöpfungen vorangegangen sein müssen, darüber läßt das schon erwähnte „Frühlingswunder“ keinen Zweifel.

Der Augenblick, in dem das für sich dastehende Quartett von Dachshunden entstanden ist, muß ein solcher ganz besonders guter Laune des Künstlers gewesen sein. Wie gerne ginge man auch der Stimme der Singvögel nach, die aus so vielen Bildern lieblich ihre Weisen erschallen lassen, und suchte ihre Arten auch aus der Erscheinung zu erkennen, aber sie sitzen so hoch auf den Zweigen oder so tief im Gebüsch, daß es vergeblich wäre. Es genügt, daß sie, wie die menschlichen Musikanten, der Friedensharmonie dieser freudigen Kunst Ausdruck in Tönen verleihen.

V. Stilleben

Daß Thoma auch Stilleben zu malen sich getrieben sah, versteht sich, auch wenn wir nicht sein germanisches Wesen in Anschlag bringen, eigentlich von selbst. Denn genau betrachtet bestehen seine Werke ja aus Einzelheiten, die mehr oder weniger alle als Stilleben bezeichnet werden könnten. Seine ganze große phantasievoll freie Kunst erwächst auf dem Grunde sorgfältigster zeichnerischer und malerischer Einzelstudien. Jedes, auch das kleinste Ding ist für ihn wertvoll, weil sich in jedem etwas Göttliches offenbart, weil in jedem dieselbe Harmonie sich zeigt wie in dem Ganzen der Welt. Auch das Kleinste, aber niemals in kleinlicher und peinlicher, sondern in lebendiger Auffassung dessen, was ihm Bedeutung verleiht, und stets dem großen Ganzen untergeordnet! Dies ist es, was seine Werke bis in jede Ecke hinein beseelt erscheinen, was den Betrachter selbst bei langer Bekanntschaft doch immer neue Entdeckungen in ihnen machen läßt. Organisch wie aus Zellen baut sich dieses Schaffen auf. In nie endender Arbeit wird jene Kenntnis aller Erscheinungen gewonnen, die einzig und allein der Phantasie die Herrschaft über sie gibt. Der Grashalm, das Sternchen, die Blume, das Blatt, der Zweig, der Baum, die Wolke, der Gischt der Welle — nichts zeigt sich, was in zahllosen Variationen von seinem Auge nicht scharf beobachtet und wiedergegeben worden wäre. Vornehmlich natürlich in der Jugend — doch erinnere ich mich wohl der herrlich dnrchgeführten Zeichnungen eines Feigenbaumes, des Lorbeers und der Olive, in welchen der Künstler sich noch während seines Aufenthaltes in Gardone Rechenschaft über die besondere Gesetzmäßigkeit dieser Gewächse ablegte.

„Wenn icli sehe,“ sagt er, „wie so oft jetzt die Studien von jungen Künstlern gemacht werden, mit welcher Pietätlosigkeit vor der Natur — statt liebendes Eingehen und treues Sehen im Auge ein Malrezept von der letzten Ausstellung her im Kopfe, so kann ich nur die allzuvielen, die dem Malerelend verfallen, tief bedauern — ich muß damit auch die Vergröberung unsrer Sinne bedauern — und unsre Kultur braucht doch so sehr der Verfeinerung, der Vergeistigung — sogar um die Farbenhaufen, die verkleckst werden, tut es mir leid. Ich weiß es ja, daß die Natur einem solchen Studienmaler gar nichts sagen, gar nichts von ihren Wundern offenbaren kann.“

Das ist es: nur dem Liebenden antwortet die Natur, für die Herzlosigkeit des doktrinären Impressionismus, den eine wahnbetörte unkünstlerische Zeit für eine neue Offenbarung hielt, hat sie sich dadurch gerächt, daß sie diese sogenannte Kunst in Roheit und Gemeinheit versinken ließ.

Wollte man Thoma als Stillebenmaler betrachten, so müßte man also demnach alle die intimen Reize seiner Schöpfungen im einzelnen würdigen — und das wäre wahrlich eine an Ueberraschungen und Freuden unerschöpflich reiche Aufgabe. Hier aber gilt es, sich nur auf die sogenannten „Stillebenstücke“ zu beschränken. Wie bezeichnend wiederum, was für Vorwürfe er gewählt hat! Nichts von Schaustellungen koloristisch üppiger Salon- und Atelierstoffe, -gefäße und Prunkgegenstände: nur das einem einfachen Leben nächste Natürliche verherrlicht sein Pinsel! So kann ihn die frische Ausbeute der Gemüsegärten, wie sie auf den Markt und in die Küche gebracht wird, zur Darstellung reizen ausnahmsweise auch wohl einmal aus rein malerischem Interesse das erbeutete Wild , ein andres Mal das Beieinander von irisierenden Muscheln und zierlichen Gefäßen, als sein eigentliches Gebiet aber betrachtet er das Reich der Blumen. Und sicherlich gehört er zu den Größten in dieser Kunst. Ja, es ist ihm etwas zu eigen, was vielleicht kein andrer in diesem Grade besitzt: die ungemein schlichte Frische und Natürlichkeit seiner Auffassung. Kein Wunder! Lernte er doch zuerst die lachenden Frühlingskinder auf Feldern und Wiesen und in Sträußen, wie sie die Schwester mit heimbrachte und bei sich hatte, lieben. Schon die frühesten Bilder enthalten, wie wir sahen, solche entzückende Stilleben, die er auch später an offenen Fenstern anzubringen liebte. Des Liverpooler Herrn von Sobbes Auge hatte fein empfunden, als er nach und nach eine ganze Sammlung von Blumenstücken sich anlegte, die nun wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind. Man sehe die wundervollen Sträuße von Feldblumen, die Mohnblumen , die Anemonen und Schneeglöckchen. Aber auch der Garten gibt seine Zier her. Von den Blumenkränzen und -festons, die auf so manchen Gemälden freudig leuchten, sei hier nur der eine genannt, dessen Verfertiger Putten, in weißer Wolke sich senkend, sind. Eben diese Luftgeister verraten uns, worin der Zauber dieser Bilder beruht — in den Blumen erkannte Thoma das Kinderlächeln wieder. Und Blumen und Luftgeister geleiten uns hinüber aus der Wirklichkeit in das Reich seiner freien dichterischen Phantasien.

Mit diesem Worte darf man in weiterem Sinne alle jene Darstellungen, welche den Menschen in einer idealen, erträumten, sei es sagen-, sei es märchenhaften Erscheinung der Natur verbunden zeigen, also auch solche, welche an bestimmte antike oder germanische Mythen anknüpfen, bezeichnen, in einem engeren Sinne bloß jene Fiktionen, deren Gestalten, namenlos und von allgemeiner Art, Personifikationen von Naturstimmungen und -Vorgängen sind. Es ist in ihnen vornehmlich, daß sich eine neue schöpferische Erfindung bewährt, mögen auch, wie gar nicht anders denkbar, alte, unverwüstlich der Phantasie eingeprägte Vorstellungen, wie die der Eroten, Nymphen, Faune, Nereiden, Tritonen, Centauren, kurz alle jene Geschöpfe, in denen des Griechen Künstlerauge die Uebergänge von Pflanzen und Tieren zum Menschen gewahrte, mittätig gewesen sein. Hier, bei dieser „Wiedergeburt des Menschen aus der Landschaft“, wie ich es an anderm Orte genannt habe, in dieser originellsten und bedeutungsvollsten Tat der Malerei des neunzehnten Jahrhunderts bewährt sich Thoma mit Böcklin, unterscheiden sich seine Dichtungen dem Geist und der Form nach auch wesentlich von jenen des stammverwandten Schweizer Malers. Vielleicht könnte man den Unterschied am besten so charakterisieren, daß er mehr im Tone des nordischen Märchens, Böcklin in dem südlicher Sagen erzählt, wie es den verschiedenen Naturstimmungen, deren Ausdruck die Gestalten des einen und des andern sind, entspricht.

Die so entstehende neue Mythologie, deren erste Anfänge bis in das Ende der sechziger Jahre zurückzuführen sind und die sich während der ersten siebziger in München und Italien entwickelte, nimmt ihren Ausgang von zwei Quellen: der dichterischen Stimmung, die durch die Natur erweckt wird, und dem bildnerischen Verlangen nach der Gestaltung des rein und natürlich Menschlichen, das seine letzte und höchste Befriedigung im Nackten findet. Beide Momente sind so innig mit einander verbunden, daß man zumeist gar nicht unterscheiden kann und darf, ob ein bestimmtes formales Motiv die dichterische Konzeption oder umgekehrt diese das Motiv bedingt hat, da die dichterische Konzeption sogleich als malerische Anschauung eintritt. Gewiß aber ist es, daß erst durch solche Anschauungen die menschliche Erscheinung zu ihrer vollen, freien und allgemeinen Bedeutung gelangt und gleichen Wert wie die sie umgebende Natur gewinnt, daher auch alles Modellund Poiträtmäßige verschwindet. Eine absolute Bedeutung aber, das ist anderseits zu beachten, erhält dieser ideale Mensch doch nicht, er bildet nur einen wenn auch ausgezeichneten Teil eines auch ihn einschließenden und bedingenden Ganzen, eben des Naturganzen, dessen Stimmungsgehalt zu verdeutlichen er eine mehr oder weniger große Rolle spielt. Immer also wird in dem Ganzen dieser Harmonie zwischen Natur und Mensch die Einheit des Eindruckes beruhen — in ihr liegt die Schönheit, was von Menschen, welche die vollkommene Schönheit der einzelnen Figur verlangen, verkannt wird. Niemals fehlt diese Harmonie, diese Schönheit des Ganzen, in dem Mensch und Natur zur unlöslichen Einheit nach Form und Gehalt verbunden sind, mögen auch öfters neben vollkommenen, mit denen der Renaissance wetteifernden Gestalten unschöne oder sagen wir besser absonderliche auffallen, die man nur mit den Hervorbringungen unsrer großen altdeutschen Meister zu vergleichen braucht, um zu erkennen, daß es sich hier um Eigentümlichkeiten der auf Charakteristik, Ausdruck oder Humor ausgehenden Wesensseite der deutschen Kunst überhaupt handelt.

a)Das Reich derLuft. Schon haben wir sie den Bann der Wirklichkeit durchbrechen und der Bäuerin, dem Bauernburschen sich gesellen sehen: die heiteren kleinen Flügelkinder, die Liebesboten zwischen Himmel und Erde. Nun werden sie uns in ihrem Heim, den weichen weißen Wolken, die hoch über die Lande hin schiffen, gezeigt. Wer hätte es geahnt, daß die geballten Dünste droben im Aether nichts andres sind als ein Gewimmel von weißen und rosigen Körperchen, und daß die zarten Sphärenklänge, die wir bisweilen, in der Frühlingswiese gelagert, vernehmen, von dieser Schar herrühren, deren Hauptbeschäftigung Musik und Reigentanz ist. Sie können freilich froh sein, denn für sie bedeuten selbst die Blitze nur ein lustiges Feuerwerk. Erhalten sie Aufträge für die Welt, dann schwingen sie sich auf einen Vogel: da sehen wir gerade einen, dessen Ziel irgendein zu beglückendes Haus in Rothenburg ist . Die Zeit ihrer Hauptgeschäftigkeit auf Erden ist der Lenz: da schwirrt ihre Schmetterlingsschar über Wiesen und durch Haine, da tanzen sie in der blauen Luft den Ringelreihen, locken über Bächen Regenbogen hervor, spielen mit den Rehen und geleiten holde Märchenfrauen. Auch finden sie sich überall ein, wo es Tanz oder Musik gibt. Sie folgen den Rittern und verstecken sich in deren Helm. Im Meer suchen sie sich die Delphine zum Spiel aus, und der eine macht des großen Dichters Worte wahr: er wird zum Landschaftsmaler.

Mit ihnen teilen sich in der Herrschaft der Lüfte großbeschwingte Vögel, nicht allein die Reiher und die Kraniche, die gen Süden ziehen, sondern Wu n der-vögel, hoch über urweltlichen Flächen und Seen, denen nachzustreben die Sehnsucht die Arme erhebt. Jener in der Nähe der Puttenwolken ist wohl der Vogel Phantasus selbst.

b) Das Reich des Wassers. Wohl gebührt hier dem Herrscher, Neptun, der,gezogen von hoch sich aufbäumenden Rossen und umspielt von Meergottheiten, mit Amphitrite durch die Wellen zieht, die erste Stelle (S. 138). Ihm eifert derTriton mit seinem Gefolge nach. Durch glatte Flut stampft, grünschillernd wie diese, das Paar der Meercentauren, hell leuchtet das weiße Fleisch der auf dem Triton reitenden Nereide im Gewitterdunkel. Hebt sich die Sonne strahlend über den Horizont, dann steigt aus den blauen Tiefen das Tritonenpaar empor, der Jüngling mit Muschelklang den Tag begrüßend, wie noch traumumfangen das Geheimnis des Wasserabgrundes grüßend die Frau, und weit draußen in der Einsamkeit jauchzt das Fischweib dem Lichte entgegen.

In immer neuem Reigen finden sich die Wasserjungfrauen, im hellen Sonnenlicht wie Fische aus der Flut emporschnellend, die wild frohlockenden Meerweiber in mondscheinerglitzernden Wellen, mit Fischen und Muscheln spielend, zusammen. Meermänner heben auf großer Muschel den Fund der Tiefe, den Fischgreis, empor, dessen Stelle durch ein Wunder in einem andern Bild ein geflügeltes Kerlchen, ein Ei in den Armen, eingenommen hat. Andre schmieden erregt Pläne, indes ein lichtes Meerwunder, die liebliche Göttin auf ihrer Muschel, ihnen entschwindet. Vom Strand her aber erklingen die Stimmen der Sirenen, seltsame Vogelweiber (S. 128) in perlmuttergleich schillernden Gewändern, frech und geschwätzig wie die am Gestade sich brechenden Wogen. Das alles hatte das südliche Meer dem Künstler erzählt — der Gott eines italienischen Sees auch ist es, der sich vom Fisch in sanfter Luft dahintragen läßt (S. 364, 421), und all das Gefühl blauer Unendlichkeit, das den auf den Höhen des Golfes von Spezia Rastenden empfing, ward zur Gestalt in der Einsamkeit. Das Reich der Erde. Reichbevölkert mit Wesen verschiedener Art sind Höhen, Wälder, Wiesen und Haine. Wem das Auge einmal für diese Wunder geöffnet ist, der erschaut sie allüberall. Zuerst die Faune, Satyrn und Nymphen.

Nicht allein in der Campagna heißem Sonnenlicht findet man, von Ziegen umgeben, die Rast haltend, die Faunsfamilie oder den kleinen Pan, der sich geschmeichelt von Mädchen bekränzen läßt (S. 298), oder sieht man hügelab den frohen Zug ziehen, von dem man nicht recht weiß, sind es Hirten oder Nachzügler der Bacchusschar , nein, auch im Norden sind Satyrn und Faune und Nymphen zu Hause. Auf irgendeinem einsamen Steine am Rheine blasen die Bockgesellen die Syrinx und belauschen die Wasserjungfrauen, verfolgen auch im Schutze der Nacht an einer Bucht die Nymphe , und vertragen sich ganz wohl mit den Bewohnern des Dickichts. Auf stillen Wiesenhöhen findet man den zur Mittagszeit eingeschlafenen Musikanten oder die Nymphe, welche für den Kleinen die Ziege melkt, im Buchenwald den jungen, die Flöte blasenden Gesellen, den man im Abendgold für einen jungen Stamm halten könnte und unter dichtem Gebüsche im behaglichsten Frieden den alten Faun, der seine Freude daran hat, wie brüderlich das eine Söhnchen dem andern schlummernden die Fliegen abwehrt. Ja, man braucht in der Abenddämmerung nur zum Bächlein bei Bernau hinaufzugehen, da kann man sie zum Klange der Schalmei tanzen sehen; auch die in Träumerei versunkene Nymphe wird sich wohl dazu entschließen müssen, kommt der blonde kleine Kavalier nur glücklich über das Wasser herüber.

Wer Weiteres von diesem Leben erfahren will, der muß sich freilich an die Aquarelle wenden, und auch, wem an der Bekanntschaft mit den Centauren liegt. Nur eine wilde Szene ist ihm hier zu sehen vergönnt.

Wie sollen wir das andre Geschlecht nennen: die Menschen in ursprünglichern Naturdasein? Es bedarf keines Namens, um, allem Zwange der Zivilisation und Konvention entronnen, mit ihnen voller Freiheit und Natürlichkeit uns zu freuen — sei es nun in friedlichem Sichgehenlassen, sei es in mutiger Anspannung der physischen Kraft. Durch sie alle schreitet, mit Blumen geschmückt, von Flügelkindern geleitet, dem Mädchen aus der Fremde gleich, wäre sie nicht immer nahe, eine liebliche Frühlingsgestalt — wem es so behagt, der mag sie Flora nennen. Sie wandelt allein über die Wiesen, aber sie hat viele Schwestern, namenlos wie sie, und diese verkünden uns, daß, wo sie weilen, paradiesische Freuden ihren Ausdruck in Musik finden. Gesang und Saitenspiel und Flötenklang — oder sind es die Farben der Gewänder und Lüfte und Blumen und Früchte, die ertönen? Der tief geheimnisvolle Grund der Einheit der Harmonien für Auge und für Ohr tut sich auf: der ewige Rhythmus, der Töne und Bewegungen und Lichtstrahlen eint. Der Grund, in dem Thomas gesamtes Dichten und Schauen und Schaffen wurzelt und auf den er immer wieder selbst hindeutet. Musik bei der rauschenden Fontäne , Lautenschlag am Wasserfall (in einem Aquarell), Schalmeienklang auf der Wiese, am sanft gleitenden Fluß, auf Bergeshöhen, am Weiher, wo die Nymphen tanzen und wo nicht sonst? Musik auch im Plätschern des Sees, über den die Schwäne ziehen, in dem Rieseln der Quelle, die den Labetrunk bietet, in dem Rauschen der hohen, rosenumsponnenen Pinien, unter denen die Elfen ihren Reigen schlingen, in dem Sonnenglühen, dem Ziehen der Kähne, dem Wandeln entrückter Menschen, dem Flug der Vögel in den Gefilden der Seligen. Ewig Ersehntes zeigt sich dem berauschten Auge — das wiedergefundene Paradies öffnet sich — immer neue Herrlichkeiten lachender Gefilde, in denen das erste Menschenpaar inmitten freundlicher Tiere unschuldig wandelt und träumt. Träume, die der Meister nicht müde geworden ist, den Menschen wiederzuerzählen und in denen er auch, gefeit vor allen drohenden Gefahren, den reinen Jüngling als Heiligen erschaut.

Jubelnde Rufe der Kraft locken uns in ein andres Bereich ursprünglichen Daseins, dorthin, wo in leichtem Schwünge muskulöser Glieder die Bogenschützen die Vögel vom Himmel herunterholen, wo Jünglinge auf stürmenden Rossen über die Ebene hinjagen (S. 286), wo der Kühnste auf tanzendem Schimmel mit der Lanze den furchtbaren, Feuer aus Rachen und Schwanz speienden Wurm bedroht.

Und weiter zu den heldenhaften Kämpfern, den geharnischten Rittern. Wohin des Weges, ihr einsamen Reiter, welche Taten gibt es zu wirken, bringt ihr der Unschuld Schutz? Wollt ihr im Wald den Drachen erlegen? Hütet euch vor dem Zauber, zierliche Liebesgötter werden euch zu einsamen Schönen am Bach führen! Aber seid auch des gewiß: den Schlaf des Müden werden holde Waldfräulein bewachen. Bis ihr zum Ziele eurer Wanderschaft kommt! Ihr zu dem Liebesgarten, dessen sonnige Seligkeit ihr mit dem Löwen zusammen treulich bewachen werdet, den Versuchungen Trotz bietend, ihr Hüter des Tales, zu dem Schwarzwalddorf, dessen nächtlichen Frieden, die flatternde Fahne in der Hand, ihr beschützt — ihr, Gralsritter, zu der hochschimmernden Burg von Monsalvat.

Als Schützer gleichsam des friedvollen und unschuldigen Naturlebens, das er in herrlichen Bildern dargestellt, hatte der Künstler die Ritter heraufbeschworen: — nun werden sie, wie die musizierende Frau zur heiligen Cäcilie ward, von selbst zu Heiligen (der Hüter des Tales) oder zum Erzengel Michael. So nahe grenzt Heiliges und Menschliches beim Deutschen aneinander.

„Nach langen Jahren, in manchem ein andrer geworden, bin ich wieder auf den Schwarzwaldhöhen, der Himmel über mir strahlt im gloriosesten Abendglanze, und die silbrig schimmernden Schindeldächer im Tale liegen schon schlafend, in blauender Ruhe die Täler, dunkel steigen aus ihnen schwankende Gestalten der Erinnerungen herauf, sie ziehen in die nahende Nacht des Vergessens hinein, es ist so einsam um mich; es schlafen die Brüder und Schwestern mit ihrem Glück und mit ihren Leiden unten im Tal, nun kann ich sie alle liebhaben, nun muß ich sie alle liebhaben, es ist mir, als ob ich sie schützen müßte in ihrem Wohl und Weh, und ich seufze auf, daß ich die Macht dazu nicht habe. — Da steigt die Göttertochter Phantasie zu mir herab, diese Trösterin des Menschen in seiner größten Einsamkeit, und auf dem Fels zwischen den Tannen zeigt sie mir einen eisengepanzerten Ritter, der hat Flügel, und ein Heiligenschein geht von seiner jugendlichen Kraft aus, ein blitzendes Schwert hält er in der Rechten und in der Linken eine Wage — dieser gepanzerte Jüngling ist ein Engel mit sanften Flügeln, er hält die Wache über die im Schlafe versunkenen Täler, es ist der treuherzige Schutzgeist der Deutschen, er ist der gute deutsche Michel. Gott ist mit ihm, und er wird seine Lande getreulich hüten.“

VII. Antikische Mythen

Die Zahl dieser Darstellungen ist beschränkter: nur Vorwürfe von ausgesprochenem landschaftlichem Stimmungsgehalt konnten den Maler reizen, und zumeist fast zufällig ergaben sich aus solchen Stimmungsanschauungen Beziehungen zu Mythen, was un-gemein bezeichnend für die Unabhängigkeit seiner Phantasie von bereits früher künstlerisch geformten Vorstellungen ist. Nur in einem Werke findet sich eine direkte Anlehnung an ein antikes Vorbild, eine pompejanische Wandmalerei (S. 143).

Zweimal erscheint Venus im Meere, das eine Mal ihm entsteigend (S. 115), das andre Mal auf einem Delphin (S. 407). Ob man ihren Namen der bekränzten Krau, die sitzend auf einem Delphin durch die blaue südliche Flut zieht und zum Begleiter Amor hat, geben soll, mag jeder für sich entscheiden (S. 27(3, 307). Ohne Zweifel aber darf man den von schlüpfrigen Seehunden umgebenen, in sich gekauerten Meergreis Proteus nennen (S. 218). Und ebenso ruhig dürfen wir die Komposition mit dem schießenden Jüngling und der sitzenden Frau, die durch Stiche Barbaris und Dürers angeregt sein dürfte, als „Apollo und Diana“ bezeichnen (S. 262). Der Lautenspieler in der Campagna, um den sich die Tiere sammeln, ist, wenn es auch ursprünglich ein Hirtenknabe war, der in der sanften Frühlingsumgebung Eindruck machte, kein andrer als Orpheus (S. 411), der Jüngling in reich verziertem Helm, hinter dem die Stadt in Flammen auflodert, Mars (S. 444).

Nur zwei griechische Mythen hat er wiederholt behandelt: den von Apollo und Marsyas’ Wettkampf in drei voneinander sehr abweichenden Kompositionen und Lunas Besuch bei dem schlafenden Endymion (der einmal S. 238 auch allein dargestellt ist) in vier Gemälden, die in ihrer Veranschaulichung einer lauen Sommernacht, in welcher das Mondeslicht durch weißes Wolkengewimmel bricht, zu dem Bezauberndsten gehören, was seine wunderbare malerische Kunst hervorgebracht hat. Und zu dem Größten und Eigentümlichsten auch gehört jener schon erwähnte Charonsnachen, da die bleichen Gestalten von allen Schrecknissen und Geheimnissen einer Gewitternacht über düsterem Gewässer umgeben sind.

VIII. Deutsche Sagen und Märchen

Man darf Dr. Eiser und Simon Ravenstein gewiß dankbar dafür sein, daß sie durch ihren Wunsch Thoma veranlaßten, Momente aus den Werken Richard Wagners malerisch zu gestalten. Von selbst wäre er wohl darauf nicht gekommen. Seine Phantasie lehnte, wie eben schon bemerkt ward, jeden Zwang ab, wie er durch in sich bestimmte Dichtungen hervorgebracht wird, jede Zumutung zu etwas, was auch nur entfernt als Illustration zu bezeichnen wäre. Er selbst ist Dichter, der sich unmittelbar von der Natur inspirieren läßt, er schafft sich seine eignen Märchen und Sagen, und zwar rein aus der Wahrhaftigkeit seines künstlerischen Bedürfnisses heraus, indem er alle nur in einem größeren Zusammenhang erklärlichen Vorgänge und Handlungen vermeidet. Hieraus erklärt es sich auch, was doch sehr auffallen muß: daß deutsche Märchen-und Legendenstoffe —man denke an Moritz von Schwind, mit dem er bisweilen fälschlich verglichen wird! — von ihm gar nicht behandelt worden sind: die kleine heilige Genoveva ausgenommen, um die er vermutlich aber auch gebeten worden ist. Ja, für die Laterna magica der Kinder seiner Freunde hat er gutlaunig wohl allerlei Märchen ausgeschnitten: Sneewittchen, Schneeweiß und Rosenrot, der Jud im Dorn, der Zwergnarr, das tapfere Schneiderlein, auch hat er wohl einmal die sieben Schwaben in einer Lithographie wiedergegeben — seine malerische Phantasie aber beschäftigen diese Stoffe nicht. Was ihn an deutschen Sagen zur Gestaltung anregte, waren etwa nur eindrucksvolle allgemeine Typen, wie die Nomen, die er in einem Gemälde und in einer Lithographie in Gestalt alter Bauernweiber dargestellt hat, die Rheintöchter, Wotan mit den Raben, die Hexen vom Blocksberg (in mehreren Zeichnungen ), die eulenartige Harpyie, die wohl auch im Harz zu Hause sein mag, etwa aucli noch Siegfried im Walde (Lith.) und die Walküren (S. XXXIX). Und wohin Eindrücke, wie die von Parsifal führten, sahen wir in den Bildern mit der Gralsburg. Aber Zyklen, wie die bei Dr. Eiser: die Rheintöchter, die Götter auf dem Regenbogen, der Walkürenritt, Wotans Befehl an Brünnhilde, Siegfried bei Mime , — oder bei Ravenstein: Siegfried im Walde, die Erweckung Brünnhildes, der Empfang in der Gibichungenhalle, Siegfried und die Rheintöchter, der Tod Siegfrieds schuf er nur den Freunden zu Gefallen. Dankbar, sage ich, müssen wir diesen aber sein, denn gerade diese Werke, von zum Teil wunderbarer Schönheit und Kühnheit, sind in ihrer Unabhängigkeit von den szenischen Bildern, denen er sich, wie leicht begreiflich, nur im Parsifal mit den Blumenmädchen nähert, überraschende Zeugnisse für die Freiheit seines Schauens. Und gibt es etwas Bezeichnenderes für seine Art als die Wahl der Motive aus dem Lohengrin und Tannhäuser: Lohengrin im schwangezogenen Kahn in der Morgendämmerung seiner Bestimmung entgegenfahrend, Tannhäuser mit den Pilgern von den Alpen in Italiens holde Auen hinabsteigend— als die Art, wie er den durch den jungen Wald reitenden Thoren darstellt!

IX. Monatsdarstellungen und Planeten

Sind und bleiben nach allem Gesagten die Phantasien Thomas eigenstes Gebiet, so kann es uns nicht verwundern, in den Kalenderbildein, mit denen er einen uralten Phantasiebesitz des Volkes neu belebte, Mythisches mit reinen Fiktionen und Naturereignissen in freiester Weise verbunden zu sehen. In dem Turm bei Würzburg hatte er dereinst die vier Winde, die er auch im Cafe Bauer anbrachte, in dem Ullmann-schen Hause die vier Jahreszeiten, die als Putten mit ihren Gaben den Kopf Saturns umtanzen, geschildert. Putten in verschiedenen charakteristischen Tätigkeiten verbunden mit den Tierzeichen stellten auch die Monate im Caf£ Bauer vor. In den lithographischen Blättern seines Kalenders und in den Bildern an der Eingangswand des Saales im Thomamuseum gewannen diese Vorstellungen ihre letzte und eigentümlichste Gestaltung. Da erscheint als Januar der älteste der drei Weisen, der greise Eiskönig, als Februar im Schneegestöber Frau Holle. Im März vertreibt ein Lenzeswind den Winter, der im April von der bekränzten Frühlingsgöttin geblendet wird. Musik und Blumen verkünden den Mai, der Juni ist ein Jüngling, der aus den Lüften eine Rose auf die Erde fallen läßt. Donner schlägt im Juli aus den Wolken den Blitz, im frohen Erntereigen schwingen sich im August ein Jüngling und ein Mädchen in den Lüften. Ueber den September hält der heilige Michael die Wacht, Bacchus und ein Satyr über den Oktober. Regengötter entleeren im November Kübel über der Erde, über welche im Dezember Odin mit seinen zwei Wölfen wandelt . — Die lachende, von den sechs Regenbogenfarben umspielte Sonne und der traumbefangene Mond eröffnen den Zyklus der Planeten. Merkur mit dem geflügelten Rad und dem Schlangenstab erscheint über dem Meere, Jupiter hält das Büschel zuckender Blitze, Venus hegt Rosen und ein Taubenpaar, Mars mit einem Medusenhelm läßt Feuersbrünste auflodern, Saturn ist wieder von den vier Jahreszeiten umspielt. Hinzugefügt ist die Erde, unter deren Schutz ein junges Bauernpaar sich die Hände reicht.

X. Allegorisches

So muß man wohl eine kleine Gruppe von Phantasien bezeichnen. Ob freilich mit den Frauen, die sich im Spiegel beschauen, die „Vanitas“ gemeint ist, bleibt mehr als zweifelhaft, auch dürfte sich für die Frau mit dem Reh unter einer Buche schwerlich ein Name finden lassen.

Die auf einer Kugel über die Frde ziehende Frau aber ist als Fortuna gedacht, und in dem schlanken Jüngling, der schlafbefangen in der Morgendämmerung wie von fremder Macht bewegt über das Land schwebt, ist der „Traum“ zu erkennen, das sagen die Vorgänge darunter. Eine wunderbar ergreifende Konzeption ist die „Nacht“, eine in Wolken gebettete schwarze Frau, müde das Haupt gesenkt, mit zwei schlafenden Kindern, in der Höhe blitzende Sterne. Wie in den Münchener Jahren Todesgedanken bildnerischen Ausdruck gewannen : Saturn, der dem Tod die Sense wetzt, der Schnitter Tod und das Mädchen (S. 41,51), das an den Künstler selbst herantretende Gerippe, erfuhren wir schon, auch wie aus letzterem Bilde die Darstellung des den Tod vertreibenden Amor ward.

XI. Religiöse Darstellungen

Religiös darf, dies Wort in einem weitesten und tiefsten Sinne gefaßt, wohl die gesamte Kunst Thomas genannt werden, denn sie ist ein Ausdruck des Bewußtseins von dem Göttlichen, in dem Alles seine Einheit und Harmonie findet. Ihr Schöpfer hat sich aber auch im besonderen gedrungen gefühlt, sie zur Verkünderin seines tiefen und schlichten Gottes- und Christusglaubens zu machen. In einem seiner ergreifendsten und geheimnisvollsten Werke hat er sich selbst als Nikodemus dargestellt, in nächtlicher Stunde die Offenbarung von den Lippen des heiligsten Lehrers empfangend, die als göttliches Licht in seinem Innern zu wirken bestimmt ist. Und in hohen Jahren spricht er wohl gerne von diesem Lichte:

„Das Schöpfungswort: ,Es werde Licht hat gewiß auch seine geistige Bedeutung — der Gottmensch erscheint, das Evangelium von der Kindschaft Gottes beginnt, und wir feiern das Fest der Menschwerdung an Weihnachten. Unser Wesen beruht in Gott, er wiikt in uns durch das ganze Leben hindurch — durch Liebe zu den Brüdern und Schwestern, durch tätige Mithilfe in Barmherzigkeit, durch Mitleid mit allem, was in dem Lebenskampf mit seinem Zufalle, der über das Leben so rücksichtslos hinweggeht, leidet. — So bis zum Ende — da steht der Gekreuzigte, der mit allen Martern geplagte Mensch und dennoch Gott, der als das Wesen von Ewigkeit der Auferstehung gewiß ist. Das Kreuz auf allen Wegen, auf den Gräbern, es zeigt, wie tief das christliche Bewußtsein im Volke noch lebt — dessen dürfen wir uns freuen, die Verbindung deutschen Geistes mit dem Christentum wird immerfort gute Früchte tragen, so daß wir mit Hoffnung erfüllt sein dürfen, ohne daß wir hochmütig werden: ,Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!*“

Liebevoll und zuversichtlich, wie die alten deutschen Meister, naht er, dem der alte Lieblingsheilige der Deutschen, der Christophorus, der vertrauteste Freund ist, oft in Zeichnungen und Aquarellen), sich den heiligen Gestalten, im Menschlichen das Göttliche suchend. Auch hier sieht er alles neu — keine Tendenz einer modernen Christusanschauung beeinträchtigt die Wärme seines wahrhaft volkstümlichen deutschen Empfindens. Die hohe Schönheit vergangener Kunst verlockt ihn nicht auf Pfade, die ihn von seinem eignen Schauen und Dichten ablenken könnten. Aber eines wird auch hier bestimmend wie in allem seinem Schaffen: die Auffassung der Einheit von Natur und Mensch. Nur jene heiligen Vorwürfe gewinnen für ihn Anschaulichkeit, die Seelenstimmungen in der Natur zur Erscheinung zu bringen gestatten.

Aus kleinen Anfängen entwickelt sich seine religiöse Vorstellungswelt zu immer mannigfaltigeren, umfassenderen und gehaltvolleren Gestaltungen, bis sie in den letzten Jahren sich siegreich über alles andre: Landschaften und Lebensschilderungen und Phantasien, erhebt als die Höhe, zu der alles emporstrebt! Fast unbemerklich taucht zuerst in einem Bildchen der Münchner Zeit die heilige Familie in der Ruhe auf der Fluchtauf. Man könntemeinen, die kleinen Frühlingsgeister, die damals zu schwirren beginnen, hätten sie mit sich gebracht. Bald wird sie, den Frieden holdseliger Natur um sich ausbreitend, zu einem Lieblingsvorwurf. Die Anschauung steigert sich: die Gestalten gewinnen die Herrschaft über die Umgebung. Die Tageshelle weicht des Mondenglanzes stiller Feierlichkeit, Engelmusik senkt sich herab. Und zu gleicher Zeit wird aus einer kleinen früheren märchenhaften Erzählung der Flucht nach Aegypten (S. 60), die aus schlicht natürlichen Motiven des Bauernlebens sich aufbauende monumentale Komposition der vom Engel geleiteten Wanderung im Strahlenglanze.

Die erste Fassung der Versuchung Christi durch den Teufel, der ihm den Stein weist, fällt in das Jahr 1871. Schon hier wie auf dem späteren großen Bilde gewahren wir den entsetzten Blick des Reinen, der die Sünde trifft, wilde Wolken verhüllen die Erde in Nacht. In aller Lichteshelle aber erglänzt die Welt, die schauspielerisch imperatorenhaft der Versucher dem an ihm vorbeistreichenden Heiland weist. — Dichtgedrängte Scharen des Volkes haben sich zu abendlicher Stunde um Christus am See Genezaretli geschart, zweifelnd, erschreckt und sinnend seinem Worte lauschend, das nur in den Herzen der Frauen reinen Widerhall erweckt. Wie auch in „Christus und die Samariterin“ das Verhältnis der Menschenseele zu ihrem Erlöser seine trostreiche Antwort erhält. – In das Gleichnis vom bösen Sämann, der zur Nacht das Unkraut ausstreut, vertieft sich der Maler in vier Bildern, und viermal auch stellt er den verlorenen Sohn bei der Schwcincherde dar, als habe er das Bild, das in den Maremmencinöden ihm aufgetaucht war, nicht wieder los werden können.

Spät erst hat er sich entschlossen, in die Leidenswelt der Passion sich zu versenken — lange bleibt die erhabene Darstellung der Pieta mit den zwei Engeln, in welcher er das Thema der Kunst Mantegnas und Giovanni Bellinis als ein Gleichberechtigter aufnahni, vereinzelt, und Christus erscheint uns, durch Gefilde wandelnd, eine Blume in der Hand. Indessen aus den Paradiesesphantasien heraus in den achtziger und neunziger Jahren die Darstellungen des Sündenfalls wurden, deren Hauptmotiv der dämonische Entschluß Evas, den Apfel zu brechen, ist, auch in einem Bilde Abels Opf er (S. 342) entstand, hat er die von der Sünde erlösende Tat, das Gethsemane und die Kreuzigung, nur in Lithographien, aber freilich in wie erschütternder Weise, geschildert.
Dann entstanden die großen Wandbilder in der Peterskirche zu Heidelberg: die zwei großen Natur- und Seelenwunder der Errettung Petri aus den Wellen, da aus den Nebeln die erlösende Lichtgestalt sich offenbart, und der ErscheinungvorMagda-lena, die zur ewigen Frühlingsverheißung für das Sehnen menschlichen Herzens wird. Und nun treten wir in den religiösen Raum des Museums in Karlsruhe. In dem Rahmen des steten irdischen Zeitenwechsels (Monate, Planeten , Tierzeichen in Holzschnitzerei), in dem alle Schilderung der Natur und des Menschendaseins, die Thoma im Laufe seines Lebens in Hunderten und aber Hunderten Bildern gegeben, gleichsam symbolisch gipfelt, vollzieht sich das Walten der Erlösertat.
Mit den Hirten, denen jubelnde Engel die Himmelsbotschaft verkünden, und den drei Königen nahen wir uns der Hütte, mit Maria das Kindlein anzubeten. Weihnachten, so wie wir es mit Kinderaugen erschaut unter dem strahlenden Baume! Die Ruhe auf der Flucht im südlichen Frühlingstälchen, auf Bergeshöhen die Versuchung, am See die alle Menschheit umfangende Liebespredigt, Magdalena zu den Füßen Christi, auf Felsen unter dem Oelbaum das Gebet in Gethsemane, in nächtigem Dunkel die Kreuzigung . Und dann an der rechten Seitenwand das Ostertriptychon: zwischen Hölle (S.511) und dem Reiche der Erlösten der auferstandene Christus über der Frühlingswiese, in welcher der Tod liegt.

Der Liebeshymnus dieser großen Kunst erhebt sich zu höchsten Sphären — wer sie ahnt, folgt ihr nach!

„Alle Kunst geht aus der Einheit der Seele hervor, und so wird sie dort, wo sie Eingang findet, auch wieder zur Einheit der Seele sprechen,“ hat Thoma einmal gesagt. Bei aller ihrer wunderbaren Mannigfaltigkeit bildet seine Kunst, als Ausdruck einer in ihrem Reichtum harmonischen Seele, eine Einheit. Darzulegen, wie eines durch das andre bedingt und in seinem Verhältnis zueinander steht, so daß das gesamte Schaffen wiederum den Eindruck eines Kunstwerkes macht, ist im vorausgehenden versucht und damit die Erkenntnis von der Gesetzmäßigkeit in dem künstlerischen Sichauswirken dieser Seele hoffentlich erleichtert worden. Auf die Gesetzmäßigkeit der Formen des Ausdrucks, auf Thomas Stil, näher einzugehen, ist hier nicht der Platz. Nur allgemein darf auf die Grundtatsachen hingewiesen werden.

Zunächst, daß ein hohes Bewußtsein von den der Malerei innewohnenden Gesetzen den Künstler bei seinem Schaffen leitet, daß grundlegend für ihn die klare Raumanschauung und -Verdeutlichung ist: auf die Lehre von der Raumkonstruktion wünscht er alle künstlerische Erziehung begründet zu sehen. Worin es Hans von Marees nur zu Experimenten gebracht, wird bei ihm die vollkommen beherrschte natürliche Bedingung des Kunstwerkes. Dann daß seiner Universalität im Schauen die Universalität der von ihm verwerteten Stilfaktoren entspricht: Zeichnung, Farbe und Licht gehen als gleichberechtigte Momente in seinen Werken einen innigen Bund ein, indem sie, jedes seine Bedingungen machend, sich gegenseitig bestimmen. Die bestimmte, deutliche lineare Form wirkt auf das Kolorit, indem sie die Anforderungen der Klarheit, Transparenz und Einzelbedeutung an die Farbe stellt, auf das Licht, indem sie von diesem eine der Gestaltenerscheinung günstige Helligkeit, Intensität und Ruhe heischt. Die Farbe macht ihre Rechte geltend durch Milderung der Strenge, Starrheit und Abgeschlossenheit des Linearen und durch die Bestimmung des Lichtes nach der Seite seiner farbenweckenden Kraft. Das Licht endlich, als das die Seele besonders stimmende Element, schließt, das Körperliche der Gestalten verklärend und die Farbe durchleuchtend, den Bund zwischen beiden. Was sich als Ganzes der Erscheinung hieraus ergibt, ist durchgängige Klarheit, deutliche Bestimmtheit in Form, Farbe und Licht — gesetzmäßige Harmonie. Nur einer, dessen Auge gleich empfänglich für die Reize der Form wie der Farbe war, konnte sie erreichen. Durch diese Gesetzmäßigkeit ist weiter aber auch die des Technischen bedingt. Nur Mittel des Ausdruckes, in keiner Weise den Anspruch auf Beachtung erhebend, besitzt seine Technik, über die er sich in einem Aufsatze geäußert hat, eine Vollkommenheit, die an sich schon den Rückschluß auf die Höhe seines Ideales gestatten würde. Ungemein vielartig, wie die Anschauung des Künstlers, entspricht sie dieser in jedem einzelnen Falle so durchaus, daß Schauen und Gestalten sich vollständig deckt. Alle schwere Stofflichkeit ist den Farben genommen und alle Fleckigkeit des Auftrages vermieden; die Malwcise erscheint allgemein gleichmäßig ausgeglichen, so lebendig und feinfühlig sie auch das Gegenständliche nach den Unterschieden seiner Eigenschaften zu charakterisieren weiß und so ferne sie jeder Glätte und Gelecktheit bleibt. Die Ausnützung aller Freiheiten und Möglichkeiten, welche die Lasurfarben darbieten, und der Sinn für Reinlichkeit und Klarheit läßt Thoma, der wie alle großen Meister auch auf diesem Gebiete ohne Unterlaß schöpferisch war, eine Technik finden, die jener der großen alten Zeiten nahe verwandt ist. Wer die Entwicklung seiner Fertigkeit verfolgt und wahrnimmt, wie er mit immer weniger Mitteln immer mehr zu sagen weiß, ja bis zu einer wunderbaren Vereinfachung schließlich gelangt ist, erfaßt damit zugleich die große Entwicklung und Steigerung in seinem künstlerischen Schaffen überhaupt, die eben in wachsender Einfachheit und Klarheit der Vorstellungen beruht.

Und so erklärt es sich, daß diese Kunst, die so erstaunlich beweglich, ausdrucksvoll und im Gegenständlichen mannigfaltig ist, doch zugleich in jeder ihrer Hervorbringungen vollkommenen Stil zeigt. Als die höchste Erscheinung der deutschen Malerei des neunzehnten Jahrhunderts steht sie vor uns, ihr Meister tritt in eine Reihe mit den Großen des fünfzehnten und sechzehnten. Er gab uns mit seinem Schaffen, das, von allem Wechsel und Wandel der Richtungen und Moden unberührt, über diese alle sich siegreich dauernd erhob, die Gewißheit darüber, daß das Wesen des wahren Künstlers „Tun und Wirken als Ausdruck eines ruhigen, in sich gegründeten Seins ist, ohne die vorgefaßte Absicht, damit die Welt beglücken, belehren zu wollen — ein frohes Spiel der in ihm liegenden Kraft“, und zugleich darüber, daß diese Kraft im Geheimnisvollen, im Göttlichen wurzelt.

„Die Harmonie, die Schönheit liegt nicht in der Welt da draußen, sie ist nur eine Fähigkeit der Seele, das zu empfangen, was die Sinne ihr zuführen.“

Aus dem Buch: Hans Thoma des Meisters Gemälde in 874 Abbildungen (1909), Author Henry Thode.

Siehe auch den Text:

Hans Thoma sein Leben und seine Kunst – Teil I

Hans Thoma sein Leben und seine Kunst – Teil II

Hans Thoma

HANS THOMA 1839-1924