Konstantins Neuerungen treten zunächst nach außen wenig in die Erscheinung. Sein gewaltiges Reich steht nach wie vor in mächtiger Geschlossenheit den die Grenzen bedrohenden Feinden gegenüber — hier Römer, dort Barbaren —und man braucht nur einen byzantinischen Historiker aufzuschlagen, um diesem Gegensatz auf Schritt und Tritt zu begegnen. Doch kommt durch die Christianisierung des Reiches im Laufe der Zeit audi in dem Verhältnis zu den Barbaren allmählich das religiöse Moment zur Geltung. Die römische Kirche im Westen, die griechische im Osten haben die alte Kultur eingesogen, das Christentum wird immer mehr zum Träger derselben, und bei seiner Ausbreitung übermittelt es den Fremde Völkern auch die alten Kulturgüter. So kann sich neben dem politischen Gegensatz «Römer — Barbaren» der religiöse Christen — Barbaren» geltend machen, und der Übertritt zur wahren Religion befreit gewissermaßen von der Barbarei.

Im Aufbau des Römerreiches selbst besteht das Epoche machende der konstantinischen Neugründung darin, daß durch sie der Schwerpunkt der Welt wieder nach dem Osten zurückverlegt wird und das Griechentum so abermals in die erste Reihe rückt. Im Jahre 395 folgt die Teilung des Reiches in eine westliche lateinische und eine östliche griechische Hälfte, die von nun an in immer schrofferen nationalen und kirchlichen Gegensatz geraten. Während dann Rom im 5. Jahrhundert dem Anprall der Barbaren erliegt und politisch zusammenbricht, vermag sidi das bis heute vielfach unterschätzte und mißachtete byzantinische Reich in tausendjährigem erfolgreichen Ringen der unaufhörlichen Angriffe der Feinde zu erwehren. In Rom tritt zunächst der Papst und die katholische Kirche das Erbe des römischen Reiches an, und so überträgt sich die gesamte politische Macht des alten Imperiums auf das Kaisertum von Byzanz und indirekt auf das in der Bevölkerung überwiegende griechische Element. Mit den Griechen geht infolgedessen in ihrem Verhältnis zu Kaiser und Reich eine bedeutsame Veränderung vor.

Hatte es bisher stets begeisterte Hellenen gegeben, die in den Römern doch nur die mindergebildeten Unterdrücker erblickten und sich daher für das erweiterte Vaterland nicht zu erwärmen vermochten, so gewöhnen sich die Griechen nun allmählich daran, den in ihrer Hauptstadt Konstantinopel residierenden Kaiser als ihren Kaiser und sein Reich als ihr Reich anzusehen, als dessen Angehörige sie nun den Namen «Römer» (in der griechischen Form. Rhomaioi, Rhomäer) nicht mehr wie ein äußeres Zeichen der Knechtschaft empfinden, sondern willig, ja mit Stolz führen, da er sie als Herrschervolk kennzeichnet. Das hellenische Nationälgefühl ist allerdings nicht erstorben, sondern flackert gelegentlich hell auf, im wesentlichen aber erschöpft es sich in der Anhänglichkeit an die orthodoxe griechische Kirche, und das religiöse, nicht das nationale Moment bildet auch das Bindeglied zwischen Herrscher und Volk.

Dabei mag auch die weitverbreitete, auf das Buch Daniel zurückgehende Vorstellung von den vier Weltmonarchien von Bedeutung gewesen sein. Nach christlicher Anschauung soll auf diese Monarchien das Erscheinen des Antichrist und der Untergang der Welt folgen. Schon der Kirchenvater Hippolytos (um 200) hat nun die vierte und letzte Monarchie mit dem römischen Reich gleichgesetzt und in diesem «den Hemmenden» erblickt, der die letzten Dinge auf halte. Seine Auffassung wurde von Hieronymus, Augustinus und Orosius übernommen und beherrschte von da ab die mittelalterliche Geschichtschreibung. Die Notwendigkeit des Fortbestandes des «römischen» Reiches war also ein weitverbreiteter frommer Glaube, der ja auch auf deutschem Boden wirksam war, und der sehr wohl auch bei den orthodoxen Griechen dazu beigetragen haben kann, sich mit dem Römertum zu versöhnen.

Alle diese Umstände bereiten nun einen merkwürdigen Bedeutungswandel des Begriffes «Römer» vor. Zunächst behält er auch im oströmischen, im Rhomäerreich den allgemeinen staatsrechtlichen Inhalt «Angehöriger des römischen Reiches», und die bunte Mischung dieser «römischen» Nation zeigte sich besonders augenfällig im Heere, das namentlich den kriegführenden Nachbarn als Repräsentant und Exponent des Reiches erschien. Dieses machte ihnen daher den Eindruck eines zwar einheitlichen, aber polyglotten Staates. So konnte der Türkenhäuptling Turxanthos (6. Jahrhundert) einer Gesandtschalt zurufen:

«Ihr seid also jene Römer, die zehn Sprachen sprechen, aber nur allein die Lüge kennen!»

In Wirklichkeit aber lag die Sache doch anders. Im Kern des Reiches war die Mehrzahl der Rhomäer Griechen oder doch griechisch sprechende Untertanen, denen in der Hauptstadt eine römische Dynastie mit ihrem Anhang gegenüberstand. Das war für die weitere Entwicklung des Römernamens maßgebend. Die Zentralgewalt, die auf die Untertanen natürlich den staatsrechtlichen Begriff «Römer» ohne Unterschied der Nationalität an wendete, hat daneben noch vielfach die Erinnerung an den ursprünglichen ethnographischen Begriff wacherhalten. Denn auch nach der Trennung und dem Untergang des weströmischen Reiches ist die lateinische Sprache offiziell in Geltung geblieben und wurde insbesondere in den Kaisertitulaturen, im Hofzeremoniell, in der Zentralverwaltung sowie in der Gesetzgebung und Rechtspflege und namentlich in der Organisation der Armee hartnäckig festgehalten. Auch der politische Gesichtspunkt einer möglichen Wiedergewinnung der lateinischen Teile des Reiches war hierfür mitbestimmend. So haftet dem Namen «Rhomäer» selbst dann, als der Machtbereich des römischen Kaisers sich auf den Osten beschränkte und das «römische» Reich somit eigentlich ein griechisches war, noch immer die alte ethnische Bedeutung und der Zusammenhang mit Rom und Italien an. Das ist noch durchaus der Standpunkt des Kaisers Justinian (527—565), auch in seinen in griechischer Sprache herausgegebenen Verordnungen. Nach seiner Auffassung ist sein Reich in ununterbrochener Entwichlung mit den Anfängen des alten Rom verknüpft, und von Äneas führt über Romulus und Numa und weiter über Kaiser Augustus eine gerade Linie bis zu seinem Staate, der sich aus jenen Vorstufen entwickelt hat. Er verknüpft also mit dem Namen «Römer» noch durchaus den alten Begriff des lateinischen Römertums, aus dem er hervorgegangen, er sucht die altrömischen Traditionen in jeder Weise zu bewahren und bezeichnet auch das «Römische», d. h. Lateinische, als «unsere, von den Vätern ererbte Sprache». Allerdings muß er bereits den Umständen insofern Rechnung tragen, als die meisten Novellen zu seiner lateinisch abgefaßten Gesetzessammlung sich bereits der Sprache des Volkes bedienen. Dieser offizielle Standpunkt wird dann in der Folgezeit auch von griechischen Schriftstellern festgehalten. Z, B. der byzantinische Historiker Theophylaktos Simokattas (erste Hälfte des 7. Jahrhunderts) bezeichnet die Byzantiner regelmäßig als «Römer», verwendet aber einige Male auch gleichbedeutend den Namen «Lateiner» und spricht von einem «lateinischen» Reich.

Dazu kam, daß die neue Hauptstadt gleich nach der Gründüng neben dem Namen Konstantinupolis von offizieller Seite auch die stolze Bezeichnung Neu-Rom erhielt, während die Siebenhügelstadt dann als «älteres» oder «westliches Rom» von Byzanz unterschieden wurde. Dieser Sprachgebrauch ist bei Justinian schon völlig eingebürgert und läßt sich von da ab bis in spätbyzantinische Zeit verfolgen. Ein Dichter des 12. Jahrhunderts, Konstantinos Manasses, preist Byzanz als «das neue, ewig junge Rom».

Das Volk ließ sich dieses Spiel mit dem altehrwürdigen Namen gefallen, da dies eine Erhöhung des Ansehens seiner Reichshauptstadt bedeutete, gegen seinen ursprünglichen Träger, das alte Rom, aber zeigte sich eine stetig wachsende Abneigung, wobei neben nationalen Fragen vor allem Glaubenssachen und der Gegensatz zwischen dem lateinischen und griechischen Ritus mitspielten. Den Höhepunkt erreichte die Empörung und die Verachtung der Griechen, als Rom seit 800 seine Kaiser aus Barbarenländern, aus Frankreich und Deutschland holte.

Die Folge dieses Gegensatzes war eine immer schärfer hervortretende sprachliche Scheidung. In Rom, wo zu Beginn des 3. Jahrhunderts die Christengemeinde noch griechisch war, scheint schon im 5. Jahrhundert die Kenntnis des Griechischen so gut wie ausgestorben, und nur vorübergehend hatten im 7., 8. und 9, Jahrhundert orientalische Mönche, die wegen der religiösen Wirren ihre Heimat verlassen hatten und nach Italien ausgewandert waren, die Kenntnis des Griechischen zeitweilig aufgefrischt. Im Osten hinwiederum war das Lateinische über die offiziellen Stellen hinaus nie sehr verbreitet gewesen, so daß z. B. auf den Konzilien die lateinischen Ansprachen der Kaiser und der päpstlichen Legaten stets ins Griechische übertragen werden mußten, um verstanden zu werden. Die Hauptstadt selbst war allerdings als Sitz des römischen Kaisers bisher zweisprachig geblieben. Nun aber begann man auch hier die lateinische Sprache in den verschiedenen Zweigen des öffentlichen Lebens der Reihe nach abzubauen. Hatte schon Justinian einen Teil seiner Verordnungen in griechischer Sprache herausgegeben, so wird dies seit Maurikios (582—612) die Regel, und der offiziellen griechischen Amtssprache folgt bald darauf die griechische Kommandosprache im Heere,- seit dem 8. Jahrhundert werden Münzen mit griechischer Aufschrift geprägt, und Basileios I. (876 —886) ersetzt das lateinische Corpus iuris durch das griechische Gesetzbuch der Basilika. So verschwinden allmählich die letzten Spuren der einstigen lateinischen Vorherrschaft, und das Reich erhält in den letzten Jahrhunderten seines Bestandes ein durchaus griechisches Gepräge, zumal seine Geschicke schließlich von nationaLgriechischen Dynastien gelenkt werden.

Nur eins war nach wie vor «römisch» geblieben, der Name von Staat und Volk, der aber eben infolge der geschilderten Entwickung seinen Inhalt und seine Bedeutung vollkommen gewechselt hatte. Da er nach byzantinischer Auffassung nur noch auf die Bewohner des Ostens, die Untertanen des echten römischen Kaisertums, angewendet werden konnte, diese aber durchaus Griechen waren, ergibt sich im Sprachgebrauch schließlich die Gleichung: Rhomäer = Griechen. Von besonderer Wichtigkeit war bei diesem Bedeutungswandel die Zugehörigkeit zur orthodoxen Kirche mit ihren griechischen Traditionen und ihrer griechischen Liturgie. Diese Zugehörigkeit bildet von nun an einen integrierenden Bestandteil des Begriffsinhaltes. Der orthodoxe Grieche mit seiner christlich-byzantinischen Kultur ist eben kein «Hellene» mehr, sondern ein «Rhomäer». Wenn man heutzutage von «Byzantinern» und einem «byzantinischen» Reiche spricht, so ist diese Ausdehnung der Namensbezeichnung der Hauptstadt auf das ganze Reich in dem alten Sprachgebrauch nicht begründet. «Byzantiner» hießen eigentlich nur die Bewohner von Byzanz , das Reich aber war und blieb das «rhomäische».

So zeigt der altehrwürdige Name «Römer» einen eigenen Entwicklungsgang im Laufe der Jahrhunderte. Ursprünglich auf die lateinische Nation beschränkt, wird die Bezeichnung in der Kaiserzeit staatsrechtlich auf alle Völker des römischen Reiches ausgedehnt, um am Ausgang der byzantinischen Periode wiederum einen ethnischen Sinn anzunehmen, aber nunmehr auf die angestammten Gegner der alten Römer überzugehen. Es ist begreiflich, daß dieser Bedeutungswandel bei den Schriftstellern gelegentlich ein Schwanken der Bedeutung zur Folge hat und diese daher von Fall zu Fall aus dem Zusammenhang festgestellt werden muß, oft nicht einmal mit Sicherheit klargelegt werden kann. Wenn die Rede ist vom römischen Reich, römischen Landstrichen oder Städten, vom römischen Heer, Feldherren oder Gesandten, von Gesetzen oder auch vom Gegensatz zwischen Römern und Barbaren, so schwebt auch den Byzantinern zunächst die politische Bedeutung des Wortes vor, die immer noch jenen altrömischen Beigeschmack hat, der sich in einzelnen Beispielen bis in die Zeit erhält, wo «rhomäisch» und «griechisch» längst identisch war. Diese politische Bedeutung schillert aber frühzeitig ins Ethnische über, und es finden sich zahlreiche Fälle, wo «Rhomäer» noch im staatlichen Sinn gedeutet werden könnte, sich aber mit Sicherheit auf Griechen bezieht. So wenn z, B. vom Goten Genton erzählt wird, daß er eine Frau geheiratet hatte, die von den in Epirus wohnenden Rhomäern abstammte, oder wenn mit Bezug auf Athen von Rhomäem gesprochen wird.

Wann sich der endgültige Übergang in den ethnischen Gebrauch vollzog, läßt sich nicht mit einem genauen Datum bezeichnen. In der Volkssprache wird es viel früher der Fall gewesen sein, später folgte, zum Teil widerwillig, das Schrifttum. Der Sprachgebrauch hatte sich derart eingebürgert, daß es als auffällige Erscheinung einer Erklärung bedarf, wenn sich in einem dem Weltgetriebe entrückten Ort noch der alte Name «Hellenen» erhalten hat. Einen solchen Fall erzählt der schriftstellernde Kaiser Konstantinos Porphyrogennetos (10. Jahrh.): «Die Bewohner des lakonischen Städtchens Mai’na stammen nicht von Slaven, sondern von den älteren Rhomäern (d. h. Griechen), die von den Eingeborenen bis heute Hellenen genannt werden, weil sie vor Alters nach Art der alten Hellenen Götzendiener waren. Sie wurden unter Kaiser Basileios getauft und sind Christen geworden». Daß in den letzten Jahrhunderten des byzantinischen Reiches sich die ethnische Bedeutung durchgesetzt hat, beweisen Stellen, wo bereits von Rhomäern (= Griechen) «der Abstammung nach» die Rede ist. Jedenfalls ist die Gleichung Rhomäer = Grieche im 13. Jahrh. völlig eingebürgert, denn nach Georgios Pachymeres beschwört der Kaiser Michael Paläologos, der den Zusammenstoß mit Karl von Apulien vermeiden wollte, den Papst, er solle Karl hindern und nicht zulassen, daß Christen gegen Christen ziehen,-denn auch die Rhomäer, die sie Graiker (Graeci) nennen, gehörten dem gleichen Christus und der gleichen Kirche an wie die Italiker.

Es steht wohl einzig in der Geschichte da, daß ein Volk durch die Umstände allmählich dazu geführt wird, einen ihm ursprünglich verhaßten Fremdnamen schließlich freiwillig anzunehmen. Der Gang der politischen Ereignisse allein hätte dies kaum vermocht, wenn nicht das ebenso einzig dastehende Verhängnis hinzugekommen wäre, daß der eigene angestammte Name entwertet und unbrauchbar geworden war. Seitdem er die Bedeutung «Heide» angenommen hatte, war es für einen Christen griechischer Abkunft einfach ausgeschlossen, sich einen Hellenen zu nennen, und gerade die orthodoxe griechische Kirche, deren erbitterter Kampf gegen die lateinische doch auch im Zeichen des neuerwachten Nationalgefühls geführt wurde, mußte sich gegen den Namen der Vorfahren, der jetzt eine verpönte Weltanschauung kennzeichnete, entschieden ablehnend verhalten und den neuen begünstigen. Wie tief und unausrottbar dieser religiöse Gegensatz wurzelte, zeigt sich darin, daß er selbst nach dem philhellenischen Zeitalter der Paläologen noch zu entschiedenem Ausdruck gebracht werden konnte. Georgios Scholarios, der unter dem Namen Gennadios nach dem Falle von Konstantinopel als erster Patriarch unter der Türkenherrschaft fungierte, entgegnete einem Juden, der ihm diesen Verrat an der griechischen Nation zum Vorwurf machte:

«Der Sprache nach Hellene, möchte ich mich doch niemals als Hellenen bezeichnen, da ich nicht von der Gesinnung bin, die einst die Hellenen hatten. Sondern ich möchte nach meinem Glauben benannt werden, und wenn mich jemand fragt, was ich bin, werde ich antworten: ein Christ . . . Bin ich ja doch Byzan-tier, obschon mein Vater aus Thessalien hier eingewandert ist, und nenne mich nicht einen Thessaler, da ich in Byzanz geboren bin».

Da nun anderseits der staatsrechtliche Begriff «Römer» durch den Lauf der Ereignisse ohnedies immer deutlicher in den ethnischen «Grieche» überging, wuchs der Name gleich-sam von selbst in die entstandene Lücke hinein. So wird er im Mittelalter offiziell verwendet 292), und so hat er bis auf den heutigen Tag seine unverwüstliche Lebenskraft bewahrt. Das Volk der Neugriechen bezeichnet seinen Dialekt immer noch als «rhomäisch» (rhomäikd), während für die neubelebte «reine» Schriftsprache der alte Name hellenikd (spr. ellinikä) wieder eingeführt wurde. In der Form RÜm finden wir dann den Namen des stolzen Rom auch in der arabischen und tür-kischen Sprache, wo damit das oströmische Reich und seine Bevölkerung bezeichnet wurde, und daher werden auch jetzt noch die Griechen von den Türken so genannt. Und da durch den Namen «Rhomaeos » schon im Mittelalter insbesondere die Zugehörigkeit zur griechischen Kirche hervorgehoben wurde, wird das Wort (rüm) heute noch von den Arabern in Palästina und Syrien, auch ohne Rücksicht auf die Nationalität, nur zum Ausdruck des orthodoxen Glaubensbekenntnisses angewendet, während der römisch-katholische Geistliche wie ehemals als lätin bezeichnet wird . Die Erben der politischen Macht Ostroms waren aber die Türken, und so ist der Name in diesem Sinne auf sie übergegangen. Schon das seldschukische Reich, das im 11. Jahrhundert in Konia entstand, hieß Rüm, jetzt haftet der Name an der europäischen Türkei, Rumili (Rumelien), und der in Konstantinopel residierende Sultan ist für die Bewohner Asiens der Rüm-Pädischähi (wörtlich «römischer Kaiser»), während das Volk der Osmanen Rümmilleti (« Römervolk ») heißt .

Der eigentliche Erbe der national-griechischen Traditionen war nun allerdings das heidnische Hellenentum, das denn auch den christlichen Schriftstellern mit dem alten Griechentum vielfach zu einer Einheit verschmolz. Doch stirbt es mit dem 10. Jahrhundert wohl endgültig aus. Aber auch der christliche Glaube hat ja den gebildeten Griechen nie gehindert, den Zusammenhang mit der altgriechischen Literatur aufrechtzuerhalten. Auch das christliche byzantinische Schrifttum ist zunächst naturgemäß eine Fortführung des althellenischen, wenn auch römische und orientalische Einflüsse hinzukommen, und immer wieder greifen die Schriftsteller auf den unerschöpflichen Born der klassischen Vorbilder zurück. Der christliche Philosophieprofessor des 11. Jahrhunderts, Michael Psellos, erklärt die Beschäftigung mit der hellenischen Lehre ausdrücklich für zulässig, wenn dies mit der nötigen Vorsicht geschieht. Den Auftakt zu diesen Bestrebungen hatte im 9. Jahrhundert der begeisterte Vorkämpfer für seine Nation, der gelehrte Patriarch Photios, gegeben, und seitdem sind, namentlich im Zeitalter der Komnenen, Sammler und Grammatiker für die Wiederbelebung der Antike tätig, während unter den Paläologen bereits die Zeit des Humanismus und eine reiche Entfaltung der literarischen Renaissance einsetzt. Ihr Hauptmerkmal aber ist der auch in dieser späteren Zeit auftretende Attizismus, der die Sprache rein zu erhalten sucht und sich dadurch immer mehr vom Volksidiom entfernt.

Da somit wenigstens in der Literatur immer wieder an die ruhmreiche Vergangenheit angeknüpft wurde, -wird auch die alte Verwendung unserer Termini immer wieder in Erinnerung gebracht und tritt mit den sprachlichen Neuerungen in verwirrende Konkurrenz. Man kann beobachten, wie die Autoren mit dem Problem ringen, wie sie sich dem Zwang der lebendigen Sprache nur mit Widerstreben fügen und sich bemühen, das Alte womöglich wieder in seine Rechte einzusetzen. Besonders schmerzlich mußte jedem national Empfindenden der Verlust des ruhmreichen Volksnamens «Hellenen» sein, den es denn möglichst zu schonen galt. Wenn man daher durch den Sprachgebrauch gezwungen ist, das Wort in der Bedeutung «Heide» anzuwenden, so wird wenigstens durch einen Zusatz angedeutet, daß man mit diesem Sprach* gebrauch nicht einverstanden ist: man spricht von «sogenannten Hellenen».

Dazu kam nun, daß die alte Terminologie literarisch tatsächlich nicht zu entbehren war. Selbstverständlich war vor allem, daß man die alten Griechen auch weiterhin als Hellenen bezeichnete. Aber auch für die byzantinischen Epigonen stand lange Zeit keine andere Bezeichnung zu Gebote, wenn es sich um Abstammung, Sprache oder Bildung handelte. Wurde ja «römisch» entweder, wie bemerkt, noch staatsrechtlich und übernational verstanden oder konnte gar in alter Weise auf den lateinischen Volksstamm und die lateinische Sprache bezogen werden, Da bot der alte Volksname wenigstens dann, wenn eine Beziehung auf die Religion ausgeschlossen war, ein willkommenes Auskunftsmittel, und wir finden in diesem Sinne häufig auch Hellenen und Römer in altgewohnter Weise gegenübergestellt.

Unterstützt wurde dieser Sprachgebrauch dadurch, daß sich zu allen Zeiten auch der Name des Landes Hellas forterhielt, wenn auch dessen Umfang verschieden vorgestellt wurde. Gewohnlich bilden die Thermopylen die Nordgrenze, doch ist es nicht verwunderlich, wenn ein Bewohner von Thessalonike auch Thessalien und Makedonien hinzurechnet oder ein volksbewußter Byzantiner in der Zeit des neuerblühenden Hellenismus den altberühmten Namen gar auf das ganze Reich ausdehnt . Eine Einengung erleidet der Begriff nach der Einführung der neuen Themenverfassung («Thema» etwa soviel wie «Provinz»), deren Zeitpunkt allerdings noch nicht feststeht. Seitdem ist der Name «Hellas» als Bezeichnung eines Themas offiziell auf das östliche Mittelgriechenland, d. h. im wesentlichen Attika, beschränkt und kommt daher in der Literatur gelegentlich im Gegensatz zum Peloponnes vor, der seinerseits ebenfalls ein Thema bildete . Wenn dann der Zusammenhang deutlich auf einen dieser den alten Namen tragenden geographischen Begriffe hinweist, so kann ohne Gefahr eines Mißverständnisses von «Hellenen» gesprochen werden.

Unzweifelhaft am wirksamsten aber wurde die Erinnerung an die alte Wortbedeutung lebendig erhalten durch die unverwüstlichen Formeln «Hellenen und Barbaren», «Hellas und Barbarenland», die auch in der byzantinischen Epoche allzeit im Gebrauche blieben.

Aber gerade diese Formel wirkte bereits wie ein Petrefakt, der auf die neuen Verhältnisse nicht mehr paßte, und im übrigen hätte der alte Griechenname meist Anlaß zu Mißverständnissen gegeben. So mußte man fich unter Umständen nach einem Ersatz für ihn umsehen. Zwei alte halbvergessene Wörter werden hervorgeholt. Das eine, Helladikös, von dem Namen des Landes abgeleitet, bedeutet eigentlich «den Bewohner von Hellas, den Griechenländer», so wie der Bewohner von Italien Italikös, Italiker heißt. Es deckt sich also nicht von vornherein mit der Bezeichnung «Hellene», sondern wird auch in byzantinischer Zeit nur auf denjenigen angewendet, der aus dem eigentlichen Griechenland stammt, im Gegensatz insbesondere zum Byzantiner. Wie dieser Name den durch den Bedeutungswandel unbrauchbar gewordenen alten ersetzt, illustriert z. B. eine Stelle in der Chronik des Johannes Malalas (6. Jahrhundert), wo berichtet wird, die Gemahlin des Kaisers Theodosios II. sei eine Helladike (Griechin), die Tochter des athenischen Philosophen Leontios namens Athenais gewesen, die der Kaiser taufen ließ und Eudokia nannte, da sie eine «Hellenin» (Heidin) war . Als aber «Hellas» zu dem kleinen Thema dieses Namens zusammenschrumpfte, wurde der Begriff Helladikol keineswegs auf dieses Gebiet eingeschränkt, sondern blieb auch für den Peloponnes in Geltung . Das untergeordnete Verhältnis der Provinz zur Residenz hatte wie überall eine gewisse Geringschätzung zur Folge, die auch in der Verwendung dieses Volksnamens zum Ausdruck gekommen sein mag.

Der zweite Name wurde auf dem Umwege über das Lateinische in Erinnerung gebracht: Graecas, Graikös, dessen Verwendung aber als Wiederbelebung einer urgriechischen Bezeichnung gelten konnte, da die Hellenen nach einer Überlieferung, die den byzantinischen Chronisten wohlbekannt war, so genannt worden waren, bevor ihnen ihr Stammheros Hellen seinen Namen gab. Das Wort ist durchaus eindeutig und wird daher von den byzantinischen Schriftstellern vielfach angewendet. Einbürgern konnte es sich aber schon deshalb nicht, weil ihm durch die Römer ein verächtlicher Beigeschmack anhaftete, der denn auch an manchen Stellen, natürlich im Munde von Gegnern, zu erkennen ist. Auf diesem Wege war also ein vollwertiger Ersatz für den alten Volksnamen nicht zu beschaffen.

Aber auch der Bedeutungswandel des Wortes «Römer, Rhomäer» hatte mannigfache sprachliche Schwierigkeiten zur Folge. Seitdem es die ethnische Bedeutung verloren hatte und einen jeden Angehörigen des Reiches bezeidhnete, und seitdem also auch die Griechen und andere Völker «Römer» geworden waren, kann man den lateinischen Stamm nicht mehr eindeutig mit diesem Namen bezeichnen. Es ist nur dann möglich, wenn noch ein klarer Hinweis hinzukommt, sei es, daß es sich um die lateinische Sprache handelt und lateinische Beispiele folgen, oder daß der Gegensatz «Römer — Hellenen» andeutet, daß beide Bezeichnungen noch in alter Weise verwendet werden. Sonst behilft man sich mit einem einschränkenden oder erklärenden Zusatz. So sagt man mit Bezug auf die Vergangenheit «die alten Römer», auf die Gegenwart «die westlichen Römer» oder «die Römer, d. h. Italiker» u. dgl.. Die Schwierigkeit der Ausdrucksweise steigert sich, seitdem die Byzantiner sich als die eigentlichen Römer fühlen und nationale Heißsporne die Italiker überhaupt nicht mehr als Römer anerkennen wollen.

Dies ist einer der Hauptgründe, warum auch hier andere Namen zur Anwendung kommen. Bei einem derselben, Alisones, mag auch der Sinn für Romantik mitgespielt haben. So nannten nämlich die Griechen der Vorzeit ursprünglich einen italischen Stamm und dann die Urbewohner Italiens überhaupt. Der Ausdruck wird nun von den Byzantinern ausgegraben und in Poesie und Prosa in der Bedeutung «Römer» verwendet. Ja die Gleichstellung wird eine so vollständige, daß das Wort schließlich auch das Schicksal seines Synonyms teilt, d. h. auf alle Römer, auch die Oströmer oder Byzantiner selbst angewendet wird und so nur einen gewählten Ausdruck für das übliche Rhomaioi darstellt.

Geeigneter und daher häufiger waren zwei andere Ausdrücke, «Italiker» (Italös, Italiötes) und «Lateiner» (Latinos), von denen der eine mehr den geographischen, der andere mehr den sprachlichen und später den kirchlichen Unterschied betonte und auch auf die Kreuzfahrer ausgedehnt wurde, die das «lateinische» Kaisertum in Konstantinopel begründeten. Beide Termini standen so im Gegensatz zu «Rhomäos».

In all diesen sprachlichen Wirrnissen lassen sich die Einflüsse verfolgen, die das seit dem 9. Jahrhundert neuerweckte hellenische Nationalgefühl und die Rückkehr zum Studium der althellenischen Literatur ausgeübt hat. Für die attisch gerichteten byzantinischen Schriftsteller waren die besprochenen Umwertungen alter Begriffe, abgesehen von dem immer stärker wirkenden nationalen Moment, schon allein vom Standpunkt der Korrektheit der Sprache unerträglich und ihr konservatives Bestreben also darauf gerichtet, auch die Namen «Hellenen» und «Römer» soweit als möglich in der ursprünglichen Bedeutung beizubehalten. In der Art, wie sich die Schriftsteller zu dieser Frage stellen, spiegelt sich bis zu einem gewissen Grade ihre nationale, politische und religiöse Gesinnung wieder.

Im Groben kann man zwei Hauptrichtungen unterscheiden und sie als «Rhomaisten» und «Hellenisten» bezeichnen. Die ersteren sind Anhänger der Dynastie und des römischen Reiches und lassen daher das nationale Moment zurücktreten. In kirchlichen Fragen können sie an der Einheit mit Rom festhalten oder aber dem Papsttum ablehnend gegenüberstehen. Ein Beispiel der letzteren Art ist Johannes Kinnamos, der Geheimsekretär des Kaisers Manuel (1143—1180), «der Typus eines Griechen, der in dem dynastischen und Staatsgedanken aufgegangen ist». Nur die Byzantiner sind ihm die echten Römer und werden daher stets als «Rhomäer» bezeichnet und den «Italern» gegenübergestellt. Für die griechische Nation als solche hat er kein Interesse, und der Name «Hellenen» kommt in seinem Geschichtswerk gar nicht vor.

Dem stehen die national-hellenistisdhen Bestrebungen gegenüber, die ihren Höhepunkt im Zeitalter des Humanismus erreichen. Als ihr Vertreter sei daher der schon genannte Humanist Laonikos Chalkondylas (15. Jahrhundert) namhaft gemacht, ein vornehmer Athener, also eigentlicher Grieche. Seiner Begeisterung für das Hellenentum und die altgriediisdie Sprache verleiht er in der Einleitung zu seinem Geschichtswerk beredten Ausdrudk. Für ihn ist Byzanz nicht ein römisches, sondern ein hellenisches Reich. Die Römer haben zwar Rom dem Papst überlassen und die griechische Stadt Byzanz zu ihrer Hauptstadt gemacht, aber die viel zahlreicheren Hellenen haben sich mit ihnen vermischt und dabei ihre Sprache und Sitte bewahrt. Den angestammten Namen freilich hätten sie geändert, da die Kaiser von Byzanz ihren Stolz darein setzten, sich Kaiser der Römer zu nennen, nicht Kaiser der Hellenen. Die (wirklichen) Römer aber und der Papst hätten sich kirchlich von den Hellenen getrennt und sich entschlossen, den römischen Kaiser einmal den Galatern, dann den Germanen zu entnehmen. Laonikos stellt sich also auch in der Terminologie auf den streng klassizistischen Standpunkt und bezeichnet in seinem Geschichtswerk die Byzantiner konsequent als «Hellenen», die Lateiner als «Römer» und kennt also auch nur einen «hellenischen Kaiser». Ähnlich verfährt der bedeutendste griechische Vertreter der Renaissance, der Philosoph Georgios Plethon Gemistos, der die Untertanen des Kaisers ihrer Abstammung nach als Hellenen bezeichnet, wie ihre Sprache und altererbte Kultur erfordern. Die Hellenen waren im Peloponnes und den angrenzenden Ländern und Inseln autochthon und dauernd ansässig und daher sei auch Byzanz, weil von Dorern, d. h. Peloponnesiern gegründet, eine hellenische Stadt und hätte den hellenischen Charakter auch durch die römische Neugründung nicht verloren, da die Sabiner, die mit den Aineaden Rom gegründet hätten, aus dem Peloponnes stammten. Daß diese klassizistische Terminologie auch in die Diplomatenspräche Eingang gefunden hatte, beweisen Briefe des Sultans Nasir Nasreddin Muhamed an römische Kaiser der Paläologenzeit.

Als wichtigstes äußeres Merkmal der hellenischen Bestrebungen ist somit festzuhalten, daß durch sie der dem Griechenvolk abhanden gekommene und längst außer Gebrauch gesetzte alte Name wenigstens in der Literatur wieder zu neuem Leben erweckt wurde. Aber natürlich wird dadurch die Verwirrung in der Terminologie nur vermehrt, da nun nicht mehr bloß die Heiden, sondern auch christliche Griechen «Hellenen» heißen können. Die Bedeutung «Heide» muß also wieder durch einen Zusatz bekräftigt werden, etwa: «Hellenen, die Götzendienst betreiben». Bei der Häufung mehrdeutiger Termini bedarf es daher manchmal der genauesten Berücksichtigung des Zusammenhanges, um den richtigen Sinn zu erfassen. Ein besonders bezeichnendes Beispiel sei hier angeführt. Die kaiserliche Prinzessin Anna Komnena (12. Jahrhundert) erzählt anläßlich der Beschreibung eines von ihrem Vater Kaiser Alexios in Konstantinopel errichteten Waisenhauses, zu welchem alle Nationen Zutritt hatten: «Man kann sehen, wie dort der Lateiner unterrichtet wird und der Skythe Griechisch lernt, ein Römer (offenbar = christlicher Byzantiner) die Schriften der Hellenen (= der alten heidnischen Griechen) studiert und der bildungslose Hellene (= geborener Grieche) richtig Griechisch spricht». An die Neubelebung des alten Sprachgebrauches am Ende des Mittelalters knüpft dann das befreite Griechenland der Neuzeit wieder an.

Zum Schluß noch ein Wort über die späteren Schicksale des Wortes «Barbar», namentlich in den Westländern. Es wurde bereits hervorgehoben, wie sehr in der Kaiserzeit das barbarische Element im römischen Heere überhandzunehmen begann und so zu bürgerlicher Gleichstellung gelangte. Das rauhe Kriegshandwerk erforderte rauhe Sitten, und bei der zunehmenden Abneigung der Römer gegen den anstrengenden Kriegsdienst war das Reich namentlich an der Rhein- und Donaugrenze immer mehr auf die fremden Hilfsvölker angewiesen,- insbesondere germanische Abteilungen erscheinen als Kerntruppen des Heeres. Im 5. Jahrhundert gibt überhaupt fast nur noch der Barbar einen brauchbaren Soldaten ab. Freilich die Zucht des einstigen Bürgerheeres ist dahin und es häufen sich die Klagen über schlechte Disziplin und Gewalttätigkeit barbarischer Söldner. Die Führung lag anfangs in römischen Händen, aber seit Konstantin gelangten vornehme Ausländer immer häufiger bis zu den höchsten Kommandostellen und den überlieferten Namen kann man entnehmen, daß unter Julian bereits mehr als die Hälfte solcher Posten von Germanen versehen wurde. So hatten sich im römischen Reich die Träger der Kultur allmählich selbst entwaffnet und ihren Schutz den kulturlosen, aber waffenfrohen Barbaren an-» vertraut. Die Folge davon war, daß sich das Volk daran gewöhnte, die Begriffe «Barbar» und «Soldat» als gleich-» bedeutend anzusehen und damit auch die Vorstellung der Tapferkeit zu verbinden. So kommt es, daß es in einer auf einem ägyptischen Papyrus vom Jahre 346 n. Chr. erhaltenen Eingabe einer Mutter um Befreiung ihres Sohnes vom Militärs dienst einfach heißt, er sei mit den «Barbaren» ausgerückt. Wenn dann sogar von Amts wegen die Militärkasse als fiscus barbaricus bezeichnet wird, so ist dies ein Zeichen, daß die barbari einen angesehenen Stand vorstellen, und es ist eine ansprechende Vermutung der neueren romanischen For-» schung, daß sich aus dem Wort in dieser seiner Bedeutung schließlich das romanische bravo, «brav, wacker», entwickelt hat.

Diese Veredelung der Bedeutung erleichterte bei dem Zusammenprall römischen und germanischen Wesens einen Vorgang, den wir analog bei der Einwirkung der Griechen auf die Römer zu beobachten Gelegenheit hatten. Wie sich die siegreichen, aber kulturell unterlegenen Römer anfangs arglos die Benennung als Barbaren gefallen ließen und selbst verwendeten, so finden wir Ähnliches bei den Ger» manen. Weniger ins Gewicht fällt es, wenn der griechische Historiker Prokopios den im Jahre 548 vor Justinian erschienenen Gesandten der Langobarden die Worte in den Mund legt, «sie hätten sich mit barbarischer Einfachheit ausgedrückt», da hier auch der Standpunkt des Schriftstellers maßgebend sein konnte , bezeichnend hingegen ist es, wenn das siegreiche Germanenvolk auf sich seit der Wende des 5. und 6. Jahr-» hunderts den romanischen Untertanen gegenüber den ihm von diesen beigelegten Sammelnamen barbari oder barbara natio anwendet. Dies geschieht in den Gesetzbüchern der Burgunden und Franken und in anderen Kundgebungen, wobei die römische Gesetzgebung als Vorbild gedient haben mag .

Diese Benennung drückt natürlich keinerlei Werturteil, sondern nur den nationalen Gegensatz zu den Römern aus. Die Vieldeutigkeit, die darin liegt, daß der Ausdruck auf jede nichtrömische Nation bezogen werden kann, vermag in der praktischen Anwendung nicht zu stören, da durch die Umstände stets genügend klar wird, welcher Volksstamm gemeint ist. So versteht der Bischof Gregor von Tours (6. Jahrhundert) und sein Freund, der Dichter Venantius Fortunatus unter den barbari die Franken, und daß der Ausdruck vollkommen indifferent gemeint ist und keinerlei Gehässigkeit enthalten haben kann, ergibt sich schon aus dem politischen Verhältnis zur herrschenden Nation und wird durch einzelne Beispiele bekräftigt. So läßt Gregor Mönche, die herankommende Franken um Schonung für ihr Kloster bitten, diese als «Barbaren» anreden, und Fortunatus schreibt der von ihm hochverehrten Königin Radegunde oder dem Dux Launebod «barbarische» Abkunft zu. Kam es einmal auf den Volksstamm selbst besonders an, so konnte der Name hinzugefügt werden, z. B. barbartis Salicus. Sonst verband man damals in Wendungen wie natione oder genere barbarus mit dem Wort wohl im allgemeinen den Begriff «germanisch».

Nur selten kommt es daneben vor, daß damit ein verächtlicher Sinn verbunden und diese «Barbaren» durch ihre Unbildung oder gar durch böse Eigenschaften, wie Wildheit, Ruchlosigkeit, Habgier, charakterisiert werden . Daß sie diese Verachtung zu vergelten wußten, beweist ein Ausspruch des langobardischen Bischofs Liudprand (10. Jahrhundert), von den Langobarden, Sachsen, Franken werde in der Erregung gegen einen Feind kein anderes Schimpfwort gebraucht als «Römer» und in diesem Namen alle Gemeinheit, Feigheit, Habsucht, kurz alle Laster vereinigt. Die Angriffe sind aber ebensowenig zu verallgemeinern wie anderseits das tendenziöse Lob der Fremden seitens des Salvianus von Marseille (5. Jahrhundert), der nur den Zweck verfolgt, die sündhafte Lebensführung der katholischen Römer mit der nach seiner Ansicht in vieler Beziehung musterhaften der heidnischen und ketzerischen Barbaren in Parallele zu stellen, und der die wirksame Antithese formuliert,

«man suche bei den Barbaren die römische Menschlichkeit, weil man die barbarische Unmenschlichkeit bei den Römern nicht mehr ertragen könne».

Die Analogie zur Einführung des Terminus im alten Rom wird mit dem Fortschreiten der römisch-christlichen Gesittung immer schlagender. Seit der Krönung Karls des Großen zum römischen Kaiser und insbesondere durch seinen Versuch, die antike Wissenschaft neu zu beleben und seinem Volke die Segnungen römischer Schulbildung zuteil werden zu lassen, wird in literarischen Kreisen die Überzeugung befestigt, daß der Mangel dieser neuen Kulturgüter mit Barbarei gleichbedeutend ist. Karls Biograph Einhart nennt sich, da er im lateinischen Ausdruck wenig geübt sei, einen Barbaren und läßt den Kaiser «Barbarenländer» sammeln, und der Mönch Otfried spricht in dem einleitenden lateinischen Briefe zu seiner Evangelienharmonie von der «Barbarei» der deutschen Sprache . Aber ebenso wie die Römer bei fortschreitender Hellenisierung bald den verächtlichen Sinn des ihnen von den Griechen beigelegten Namens herausfühlten und sich dagegen wehrten, so wird auch hier die neue Kulturgemeinschaft immer mehr betont, und man sucht die Bezeichnung «Barbaren», die die Nichtzugehörigkeit zur römischen Kulturwelt zum Ausdruck bringt, abzustreifen. Sie wird auf benachbarte, noch unkultivierte und unbekehrte Völker angewendet. So nennen in Salzburg entstandene Gedichte von der Mitte des 9. Jahrhunderts, welche die Verdienste der ersten Erzbischöfe um die Mission unter den Alpenslaven feiern, diese letzteren barbari, und die gleiche Bezeichnung wird auf die Magyaren angewendet, z. B. in einer Urkunde Kaiser Ottos III. vom Ende des 10. Jahrhunderts. Hier spielt, wie auch sonst öfter, der Gegensatz der Religion herein, so daß sich ähnlich wie auch im Osten Christenheit und Barbarentum gegenüberstehen , Barbari sind daher auch die Sarazenen in Sizilien und die Mauren in Spanien sowie im Zeitalter der Kreuzzüge ebenso wie bei den Byzantinern die ungläubigen Türken . Auch hier geht also das Vortragen der Kulturgrenze und das Zurückweichen des Geltungsbereiches des «Barbarentums» Hand in Hand.

Text aus dem Buch: Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins (1923), Author: Jüthner, Julius.

Siehe auch:
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – Vorwort
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – I. Name und Begriff.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – II. Die Aufklärung des 5. Jahrhunderts.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – III. Platon und Aristoteles.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – IV. Makedonien und Alexanders Weltreich.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – V. Isokrates und die Anfänge des Attizismus.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VI. Hellenismus und Kosmopolitismus. Idealisierung der Barbarenvölker.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VII. Die Römer.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VIII. Das Christentum.

Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins

Längst sind wir mit unseren Betrachtungen in eine Zeit vorgedrungen, wo ein neuer bedeutsamer Faktor in die Weltereignisse einzugreifen begonnen hat, das Christentum, das aus kleinen Anfängen allmählich zu einer Weltmacht emporwächst. Mit ihm war eine neuartige, an Zahl und Bedeutung stetig wachsende Menschenklasse erstanden und die Frage aufgeworfen, wie diese Neuerscheinung aufzufassen sei und wie sie sich in die alte Einteilung des Menschengeschlechts einfüge. Wie Eusebios (Praep. I 2. 1) bezeugt, bildete dies in der Tat lange Zeit eine Aporie und Streitfrage zwischen Christen und Heiden. Er gibt einem Gegner zu, man könne in Ungewißheit sein, ob die Christen Hellenen oder Barbaren oder ein Mittelding seien, desgleichen über ihre Eigenart und Lebens-weise,- denn sie dächten weder wie die Hellenen noch lebten sie wie die Barbaren. Es folgt dann die Darlegung seines Standpunktes.

Für die griechisch-römische Gesellschaft gab es von Anfang an keinen Zweifel, daß man es hier mit etwas Barbarischem zu tun hatte. Das Christentum war ja von Palästina und den Juden ausgegangen und folgte zunächst auch den Spuren der jüdischen Propaganda, und so erblickte man in der neuen Religionsgemeinschaft nichts anderes als eine jüdische Sekte. Die Juden aber, die den Götterkult ablehnten und ängstlich eine engere Berührung mit Andersgläubigen mieden, hatten sich den Vorwurf der Gottlosigkeit und Inhumanität (misanthröpia) zugezogen und zählten, obwohl von Staats wegen geduldet, bei Griechen und Römern von Jeher zu den verachtetsten Barbaren. Diesem Sprachgebrauch tragen auch jüdische Schriftsteller wie Josephos und Christen wie Justin Rechnung. Die verächtliche Bezeichnung geht dann aber auch auf die ersten Bekenner der neuen Religion über, um so mehr als anfänglich auch der Mangel an Bildung sie zu rechtfertigen schien. Denn die Apostel und die Christen der beiden ersten Jahrhunderte gehörten überwiegend den niederen Gesellschaftschichten an, und ihr ganzes, von der herrschenden Weltkultur und Staatsreligion abgewendetes Gehaben zog ihnen die Abneigung und Verachtung zu, die eben in jener Benennung zum Ausdruck kam. Der Neuplatoniker Amelios zitierte den Anfang des Evangeliums Johannis als Ausspruch eines Barbaren, und der Kirchenvater Eusebios, der uns dies berichtet, fügt hinzu, er habe den Evangelisten so genannt, da er und seine Väter Juden waren. Doch hat bei solcher Einschätzung auch die unklassische Sprache der heiligen Schriften mit ihren römischen Lehnwörtern und hebräischen Ausdrüdcen eine Rolle gespielt.

Die Christen haben sich dagegen zur Wehr gesetzt, und Tertullian begegnet offenbar einem solchen Angriff, wenn er darauf hinweist, daß der Name der Christen keineswegs barbarisch und mißtönend, sondern vielmehr gut griechisch und wohl verständlich sei. Aber es spricht für die Verbreitung und Selbstverständlichkeit des Schimpfnamens «Barbar», wenn auch die Christen sich nicht scheuten, – ihn gleichsam vom gegnerischen Standpunkt und zum Teil vielleicht ironisch anzuwenden.

Die äußere Veranlassung hierzu lag schon darin, daß die ersten Christen selbst den Zusammenhang mit dem Judentum nachdrücklich betonten und so beim Volk, das sich keine Mühe gab, den fundamentalen Unterschied zu erfassen, die äußere Verwechslung förderten. Sie betrachten sich als die wahren Israeliten und Nachfolger der Propheten, indem «das Evangelium als das vollendete Judentum, als neue Religion und als die wiederhergestellte und auf einen abschließenden Ausdrude gebrachte Urfeligion zugleich verkündet wurde».

Doch blieb das Christentum nicht lange in der jüdischen Sphäre. Bald verließ die christliche Propaganda den Boden von Palästina und erstreckte sich auch nicht mehr bloß auf die allenthalben vorhandenen jüdischen Gemeinden, sondern trug ihre werbende Kraft auch in die heidnische Welt. Jetzt macht sich auch, ebenso wie beim Judentum in der Diaspora, der Einfluß des Hellenismus geltend. Schon Paulus hat zu dieser Entwicklung den Anstoß gegeben. Von Geburt ein kleinasiatischer Jude, der Bildung nach ein Hellene, nach seiner rechtlichen Stellung aber römischer Bürger, war er hervorragend geeignet, seine Mission auf alle Völker auszudehnen, dem Christentum so eine universelle Richtung zu geben und es zur Weltreligion auszugestalten. Der Gedankeninhalt seiner Lehre ist allerdings im wesentlichen jüdisch-eschatologisch, und soweit sich griechische Denkart bei ihm nachweisen läßt, ist sie ihm wohl durch den jüdischen Hellenismus vermittelt worden, aber das sprachlich formale Moment ist durchaus hellenisch und äußert sich auch darin, daß er einmal die Formel «Hellenen und Barbaren» im landläufigen Sinne gebraucht. Gemeiniglich aber betrachtet er die Völker als geborener Jude und Pharisäer ganz vom Gesichtspunkt seines Stammvolkes.

Die Juden aber waren von jeher genau so exklusiv wie die Griechen. Auch sie fühlen sich als den Mittelpunkt der Welt, stellen ihr Volk mit Stolz allen anderen gegenüber und haben für die Nichtjuden auch einen zusammenfassenden Namen, goiim (in der LXX durch ethrie, gentes — Heiden wiedergegeben). Diese Zweiteilung ist nun auch dem Apostel Paulus geläufig, nur erscheint sie bei ihm in der Formel «Beschnittene und Unbeschnittene, Juden und Hellenen». Der Name der hervorragendsten Vertreter der Heiden, die mit. ihrer alten Kultur und hochentwickelten Philosophie die bedeutendsten Gegner zuerst des Judentums, dann der Christen waren, ist also auf die ganze Gattung übertragen. Das ist ein Sprachgebrauch, der sich offenbar schon längst eingebürgert hatte, da er sich auch sonst belegen läßt. Die Stelle des Markusevangeliums, die darüber berichtet, wie Christus in seiner Wirksamkeit ausnahmsweise den engen Kreis des jüdischen Volkes verließ und eine Fremde erhörte, erzählt von einer «Hellenin», die ihrer Abstammung nach eine Syrophönikerin war. Das Matthäusevangelium bezeichnet die Frau nur als Kanaaniterin, was ebenfalls soviel als Phönikerin bedeutet. Der scheinbare Widerspruch in der Angabe der Nationalität, den man vergebens aufzuhellen suchte, löst sich sofort, wenn man erkennt, daß hier «Hellenin» nichts anderes bedeutet als «Heidin» .

Es läßt sich aber beobachten, wie diese Zweiteilung bei Paulus unvermerkt in eine Dreiteilung übergeht, da die bekehrten Juden und Heiden eine neue Gemeinschaft bilden. Diese Kirche Christi kommt als ein Neues, Drittes hinzu und ist dazu bestimmt, die zweigeteilte Menschheit dereinst ganz in sich aufzunehmen und so alle Unterschiede aufzuheben/ denn das Gebot des Herrn lautet: «Lehret alle Völker». Daher gibt es für Paulus «keine Hellenen und Juden, keine Beschneidung und Vorhaut, keinen Barbaren, Skythen, Sklaven, Freien, sondern alles und in allen ist Christus». Alle nationalen, sozialen, ja sogar auch geschlechtlichen Unterschiede sind auF gehoben, der Kampf zwischen Judenchristentum und Heiden-Christentum ist entbrannt und führt zum Siege des letzteren. Die Kirche wird universell und kosmopolitisch (I. Tim. 2. 4). Ebenso wie im Weltstaat der Stoiker nicht die Abstammung, sondern die geistige und moralische Beschaffenheit den Ausschlag gab, so wird die Zugehörigkeit zu der neuen Gemeinschaft ausschließlich durch die religiöse Gesinnung, den Glauben an Christus bedingt. Ob Herr oder Knecht, Hellene oder Barbar, gilt dem Christen innerhalb und außerhalb der Kirche gleich.

Aber wie dieser humane Standpunkt bei den Stoikern zu keinerlei Folgerungen im praktischen Leben führte, so hatte auch die christliche Anerkennung der Menschenwürde in allen Nationen und Ständen zunächst nur theoretische Bedeutung, auf das soziale Leben, z. B. die Sklavenfrage, blieb sie ohne Einfluß, da auch die Kirche keinen Versuch machte in die äußeren Rechtsverhältnisse einzugreifen. Der große Unterschied bestand jedoch darin, daß der Stoizismus zwar die Zugehörigkeit zu einem Volke und Staate als gleichgültig hinstellte und so die nationalen Bande löste, für diesen Verlust aber nichts anderes zu bieten hatte als eine abstrakte Gemeinschaft, in der der Weise in Wirklichkeit isoliert und auf sich selbst gestellt war, während das Christentum in der Bruderliebe ein einigendes Band besaß, das seine Anhänger ohne Unterschied der Nation, der sozialen Stellung und des Bildungsgrades zu einer machtvoll gefestigten konkreten Einheit zusammenschloß.

Diese Einheit zeigte daher frühzeitig eine bunte Zusammensetzung: nicht mehr bloß Juden, sondern alle Volksstämme, insbesondere auch Griechen und Römer, waren darin vertreten. Konnte dieses Gemisch noch als Volk, als Nation bezeichnet werden, wo doch weder die Geburt noch der Besitz eines Bürgerrechtes, sondern der Empfang des Sakramentes der Taufe die Zugehörigkeit bedingte? Das eine war klar, daß die bisherige Gepflogenheit, die Christen kurzweg als Barbaren zu behandeln, dadurch unsinnig geworden war und nur Verwirrung stiftete. Denn ein gebildeter Grieche, der die hellenische Religion und Philosophie verleugnet und sich der neuen, nach der Auffassung seines Volkes barbarischen Weltanschauung zugewendet hat, ist dadurch noch kein Barbar geworden. Freilich ein Hellene ist er auch nicht mehr, da er mit der ganzen hellenischen Tradition gebrochen hat. Darin liegt, daß die alte Einteilung auf die neuen Zustände überhaupt nicht mehr anwendbar ist, Der Unterschied der Abstammung ist verwischt und bei der zunehmenden Macht des religiösen Gedankens das Glaubensbekenntnis zum Einteilungsprinzip erhoben. So kommt jene Dreiteilung empor, wie sie im wesentlichen schon bei Paulus angebahnt war. Ebenso wie die Christen von den Juden die Vorgeschichte und die Offenbarungen der heiligen Schriften, ja selbst den Namen ihrer Gemeinschaft  ist die Übertragung eines hebräischen Wortes) übernommen haben, so haben sie auch der alten jüdischen Scheidung des Menschengeschlechtes zum Siege verholfen. Nur ist in der ursprünglichen Zweiteilung «Juden —Heiden» bei ersteren eine Spaltung eingetreten und die Christen als dritter, wichtigster Teil hinzugekommen. Das früher mißachtete Judenvolk aber bildet als Vorstufe des Christentums von nun an eine gleichberechtigte eigene Menschenklasse. Was die stoische Philosophie nicht in die Wirklichkeit umzusetzen vermochte, eine Neugliederung der Menschheit nach der Gesinnung, das hat die jugendfrische Kraft der christlichen Lehre zustande gebracht: die Menschen zerfallen von nun an in Polytheisten oder Heiden einerseits, in Monotheisten d. h. Christen und Juden anderseits. Hellenen und Barbaren in nationalem Sinne sind hier wie dort vermischt.

Die Dreiteilung begegnet von nun an ständig in der altchristlichen Literatur, auch schon im vierten Evangelium. Am klarsten dargestellt und im einzelnen ausgeführt hat sie der älteste christliche Apologet Aristeides im zweiten Kapitel seiner an den Kaiser Antoninus Pius gerichteten Verteidigungsschrift: «Es ist uns klar, o Kaiser, daß es drei Geschlechter der Menschen auf dieser Welt gibt. Diese sind: die Verehrer der von euch so genannten Götter, die Juden und die Christen. Diejenigen aber, welche viele Götter anbeten, teilen sich wiederum in drei Geschlechter, Chaldäer, Hellenen und Ägypter,- denn diese sind für die übrigen Völker die Führer und Lehrer in der Verehrung und Anbetung der vielnamigen Götter». Aristeides selbst, obwohl gebürtiger Athener, rechnet sich nicht mehr zu den Hellenen, sondern er ist durch die Taufe in ein anderes « Geschlecht» übergegangen. Dagegen kann der römische Kaiser nur zu den Hellenen zählen, da die Römer unter der geistigen Führung der Griechen stehen und nach dieser Einteilung keine eigene Rasse bilden. Der Name «Hellenen» bezeichnet eben schon seit Alexander nicht mehr die Nation als solche, sondern die Kulturgemeinschaft, die auch die heidnische Religion und Weltanschauung in sich schließt.

Auf die Unterteilung der polytheistischen Religionen wurde übrigens kein besonderes Gewicht gelegt, da sich bei der Überfremdung des griechisch-römischen Kultes durch orientalische Einflüsse die Grenzen zwischen Hellenischem und Barbarischem stark verwischten und die verschiedenen Bekenntnisse der Vielgötterei für den Christen in eine einheitliche Masse Zusammenflossen. Ein merkwürdiges Beispiel dieser Anschauung bietet schon vor Aristeides die apokryphe Petruspredigt vom Anfang des 2. Jahrhunderts. Sie warnt vor der Gottesverehrung nach Art der Hellenen, die aus Unwissenheit die Stoffe, die ihnen Gott zum Gebrauche gegeben, Holz, Stein, Erz, Eisen, Gold, Silber in Form von Götzenbildern verehren und die Tiere in der Luft, im Meere und auf dem Lande, das Vieh vom Felde, dann Wiesel, Mäuse, Katzen, Hunde und Affen anbeten. Hier werden nicht bloß hellenische und ägyptische Kultbräuche in einer Gruppe vereinigt, sondern diese Gruppe wird still« schweigend a potiori unter dem Namen «Hellenen» zusammen« gefaßt. Dann folgt die Warnung vor dem Kult der Juden, und schließlich wird diesen beiden «alten » Religionen die «neue dritte Art» (triton genos) der Verehrung, nämlich die der Christen gegenübergestellt. Es liegt also eine klare Dreiteilung vor und zwar in Hellenen, Juden, Christen, der alte Name des Griechenvolkes aber erscheint hier in jener neu« artigen, von den Juden übernommenen Anwendung.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß die Neugruppierung des Menschengeschlechtes nach dem Glaubensbekenntnis der jüdisch-christlich haben, zumal ihnen die dadurch bewirkte strenge Abgrenzung von den beiden unsympathischen Religionen nicht unwillkommen war. Daß die Anbeter der Götter, das erste Geschlecht, bei Tertullian mit dem Sdilagwort «Römer» zusammengefaßt werden, ist in der westlichen Reichshälfte nicht verwunderlich, füllt aber auch diesen Namen mit neuem Inhalt, etwa «Bekenner der römischen Staatsreligion». Dadurch aber entsteht, ähnlich wie bei den Hellenen, eine irreführende Äquivokation mit dem gewöhnlichen Wortsinn «Römer von Geburt». Tertullian läßt sich denn auch diese Achillesferse des Schemas «Römer, Juden, Christen» nicht entgehen, sondern fährt an der oben zitierten Hauptstelle fort:

«Wo bleiben aber die Griechen? oder wenn sie zu dem Glauben der Römer gerechnet werden, da ja Rom auch die Götter Griechenlands herangezogen hat, wo wenigstens die Ägypter, die, soviel ich weiß, ebenfalls eine eigene, sorgfältig beobachtete Religion besitzen?»

Auch in seinem Nationalbewußtsein, das er sich trotz des Übertrittes zum Christentum bewahrt hat, fühlt sich Tertullian durch die Formel verletzt, da er nun als Christ aus seinem Volk ausgeschieden erscheint. Daher wehrt er sich gegen den Ausdruck «drittes Geschlecht», indem er ausdrücklich hervorhebt, daß damit nur der Glaube, nicht die Nationalität gemeint sein könne, und beklagt sich an einer anderen Stelle (Apol. 35):

«Man will uns nicht als Römer gelten lassen, sondern erblickt in uns Feinde der römischen Kaiser.»

Aber nach antiker Anschauung gehört nun einmal zur Religion auch das Substrat eines besonderen Volkes, das auch hier um so mehr vorauszusetzen war, als in der christlichen Kirche auch das einigende Band der Sprache nicht fehlte, im Osten das Griechische, das sogar in der römischen Gemeinde bis ins dritte Jahrhundert vorherrschte, in den westlichen Provinzen das Latein. Um so genauer mußten die Verächter des alten Glaubens einerseits gegen die wirklichen Griechen, anderseits gegen die echten Römer abgegrenzt werden. Dazu kam nun, daß sie sich selbst von allem Anfang an als eine Nation, als das auserwählte Volk Gottes betrachteten, was in Predigten, Apokalypsen, Briefen und Apologien in oft übertriebenem Selbstbewußtsein zum Ausdruck gebracht wurde. Hin.Ausspruch Justins sei angeführt:

«Wir sind nicht bloß ein Volk, sondern auch ein heiliges Volk, wir sind keine verächtliche Gemeinde, auch kein barbarischer Stamm, noch ein Volkshaufe wie die Karer oderPhryger, sondern Gott hat uns erwählt».

Obschon also bei der besprochenen Dreiteilung vorsichtig von «Geschlechtern» die Rede ist, werden darunter schließlich doch Völker, Nationen mit ihren verschiedenen Bekenntnissen vorgestellt. Und in diesem Sinne bürgert sich die Dreiteilung in der Kirchenschriftstellerei vollkommen ein.

Es bietet nun ein besonderes Interesse zu beobachten, was unter dem Einfluß dieser Neuerung aus der Formel «Hellenen und Barbaren» geworden ist. Ein Blick in die Literatur der damaligen Zeit genügt, um sich zu überzeugen, daß sie nicht verdrängt wurde, sondern unverändert weiterlebt, ein äußeres Kennzeichen fortdauernden hellenischen Nationalgefühls, das sich selbst nach dem endgültigen Sieg des Christentums noch lange mit Erfolg gegen dessen Übergewicht verteidigt. Nach wie vor bleibt die Welt auf den hellenischen Gesichtswinkel eingestellt, und auch das Christentum vermag den unverwüstlichen hellenischen Geist nur dadurch zu überwinden, daß es sich ihm unterwirft,- wiederum könnte ‚ein christlicher Horaz singen: Graecia capta ferum victorem cepit. Als nämlich bei zunehmender Verbreitung nicht mehr bloß die untersten Schichten des Volkes die Christengemeinden bildeten, sondern auch die Intelligenz sich der neuen Lehre zuzuwenden begann und zu dem frommen Glauben das Streben nach Verstandesmäßigem Erfassen hinzutrat, da konnte die Kirche im Kampfe gegen das Heidentum und seine vornehmsten Vertreter, die Philosophen und Rhetoren, der altbewährten geistigen Waffen der Gegner nicht entraten, ihre Propaganda mußte sich in Inhalt und Form dem geistigen Bedürfnis der Menschheit anpassen, wenn sie sich nicht dem Vorwurf der Barbarei aussetzen wollte, der schon gegen die Evangelien erhoben worden war. Man suchte die kirchliche Lehre wissenschaftlich zu begründen und begann, anfangs zaghaft, später mit voller Überzeugung aus der griechischen Literatur zu schöpfen und die Weisheit der Philosophen, soweit sie mit der christlichen Lehre vereinbar schien, namentlich Platon und die Stoa, heranzuziehen und schließlich durch Vermittlung des Neuplatonismus die gesamte Gedankenwelt der griechischen Philosophie zu umfassen- Anderseits wurde durch Nachahmung der sprachlichen Korrektheit des Attizismus und der Stilfeinheiten der Rhetorik den künstlerischen Anforderungen der gebildeten Zuhörer Rechnung getragen. Es taten dies auch Schriftsteller, die wie Tatian, Tertullian, Clemens von Alexandria, Basileios, Gregorios von Nyssa die Verachtung der schönen Form im Munde führten. Mancher brachte übrigens eine gediegene rhetorische Schulung aus seiner heidnischen Vergangenheit bereits mit. Den Weg zum Hellenismus, den schon Paulus gewiesen, haben besonders energisch Clemens von Alexandria und Origenes verfolgt und ein Basileios, Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomos namentlich in der künstlerischen Richtung vollendet. Der Versuch Kaiser Julians, den Christen das Studium der griechischen Klassiker zu verschließen und so die neue Religion zu einer bildungslosen und barbarischen herabzudrücken, schlug fehl. Die Überlegenheit der hellenischen Bildung war damit praktisch anerkannt und wurde nur erhärtet, wenn christliche Apologeten, namentlich Clemens von Alexandria, den Versuch wieder aufnahmen, alle griechische Weisheit, alle richtigen Lehren auf die Barbaren, in erster Linie auf die Hebräer zurückzuführen. Daß sich orientalische Einflüsse von jeher geltend machten, war allerdings unleugbar, und auch der Einwirkung christlicher Lehren, insbesondere der Ethik konnte sich die griechische Philosophie nicht entziehen. Es ergab sich eine Wechselbeziehung, die die beiden feindlichen Geistesrichtungen einander näher brachte als gemeiniglich angenommen wird. Das Resultat dieser Verschmelzung von Christentum und Hellenismus war aber ein christlicher Humanismus, der dem im Niedergang begriffenen griechische römischen vielfach überlegen war.

Mit der immer bewußter vollzogenen Assimilierung der griechischen Bildung sind nun auch viele hellenische Anschauungen in die Gedankenwelt der Christen übergegangen, und zu diesen gehörte als eine der landläufigsten eben der Gegensatz von Hellenen und Barbaren, der im Sprachgebrauch unverrückbar festsaß und in alten und neuen Schriften bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck kam. An dieser Formel konnten auch die christlichen Hellenisten nicht vorübergehen, und es wurde bereits hervorgehoben, daß sie sie tatsächlich verwendet haben.

Dies machte keinerlei Schwierigkeiten, wenn es sich nicht um die Teilung, sondern um die Zusammenfassung der Menschen handelte, weil dann eine genauere Abgrenzung beider Begriffe und eine Feststellung ihres Inhaltes nicht in Frage kam und dem Ermessen eines jeden einzelnen anheimgestellt blieb. So etwa, wenn Clemens einmal sagt: «Christi Lehre verbreitete sich über die ganze Welt und erfüllte bei Hellenen und Barbaren Volk um Volk, Dorf um Dorf, Stadt um Stadt», oder in der Äußerung des Eusebios: «Niemand hat je, kein Barbar und kein Hellene, allen Menschen die Wahrheit vermittelt, nur unser Heiland». Bis in die christliche Gegenwart ragt gleichsam die alte Einteilung bei Athanasios: «Vor alters, da sie noch Götzendienst trieben, haben sich Hellenen und Barbaren gegenseitig bekämpft . . ., jetzt, wo sie zur Lehre Christi des Friedensspenders übergegangen sind, . . . sinnen sie nicht mehr auf Krieg». Auch sonst, wenn es galt auf alt-hellenische Verhältnisse zurückzugreifen und das nationale Moment zu betonen oder anderseits auf wilde Völker hinzuweisen, war die Anwendung der alten Begriffe ganz am Platze.

Viel häufiger aber beobachtet man bei den christlichen Schriftstellern das siegreiche Vordringen der neuen Einteilung. Da der Standpunkt gewechselt hat und nicht mehr das Griechenvolk, sondern die Christenheit im Mittelpunkt der Betrachtung steht und daher auch nicht mehr die Nationalität, sondern das Religionsbekenntnis das Einteilungsprinzip bildet, sehen wir die Erweiterung des Begriffes «Hellene» zu der allgemeinen Bedeutung «Verehrer der Götter, Heiden» in stetem Kampfe mit dem älteren Sprachgebrauch, bis der Sieg des Christentums im 4. Jahrh. auch den Sieg der christlichen Umdeutung des alten Nationalbegriffes entscheidet. So ist denn die neue Verwendung bei Kirchenschriftstellern bis in die byzantinische Zeit auf Schritt und Tritt anzutreffen. Unter «Hellenen» versteht man «Heiden», hellenismös heißt «Heidentum», hellemzein «heidnisch gesinnt sein». Erleichtert wurde diese Entwicklung durch den Umstand, daß seit Alexander die fortschreitende Hellenisierung der Barbaren und der Einfluß der stoischen Lehre die griechische Nationalität ohnedies bereits zersetzt und auch den Namen «Hellenen» mit kulturellem Inhalt gefüllt hatte. Er bezeichnet ja längst nicht mehr bloß die Nation, sondern umfaßt alle «Vertreter der griechischen Kultur» und konnte also wenigstens innerhalb der Grenzen der Oekumene ohne Schwierigkeit auf den negativen Begriff «Nichtjuden und Nichtchristen» übertragen werden. So wurde es auch den Heidenchristen und selbst den Gegnern des Christentums nicht schwer, sich die neue Einteilung zu eigen zu machen.

Da jedoch der neue Sprachgebrauch den alten nicht reinlich ablöste, sondern beide nebeneinander bestanden, ging es freilich lange Zeit nicht ohne Schwanken ab, und man kann den allmählichen Übergang von der nationalen zu der neuen Bedeutung sowohl in der jüdischen wie in der christlichen Literatur noch vielfach beobachten und bei manchem Kirchenschriftsteller beide nebeneinander feststellen. Doch gibt es auch unter ihnen national gesinnte Männer wie der Neuplatoniker Synesios, der auch als christlicher Bischof an dem alten Herkommen festhält und unter «Hellenen» stets nur «Griechen» versteht.

Bei näherer Betrachtung bedeutete die neue Einteilung freilich nichts Geringeres, als daß die altehrwürdige hellenische Kultur von ihrer beherrschenden Höhe herabzugleiten und der aufstrebenden Macht der christlichen Weltanschauung die Führung zu überlassen beginnt. Bezeichnete der Name «Hellenes» einst jenes selbstbewußte Volk, das stolz auf alle Fremden herabblickte und sie als Nichtgriechen, als Barbaren verachtete, so erhält er jetzt vom Standpunkt des immer mehr an Geltung gewinnenden Christentums den Beigeschmack zumindest religiöser und moralischer Minderwertigkeit, stellt seinerseits einen negativen Begriff dar und ersetzt nun jenes hebräische Wort, das bei den Juden sogar «Barbar» bedeuten konnte. Es klingt daher zwar befremdlich, ist aber kein Widerspruch, wenn sich der Perserkönig Chosroes II. in einem Briefe im Gegensatz zu seiner christlichen Gemahlin einen’«Hellenen» nennt, oder wenn Euagrios (6. Jahrh.) einen arabischen Nomadenhäuptling als «fluchbeladenen, unflätigen Hellenen» oder ein etwas späterer Schriftsteller einen Mohammedaner gar als «sarazenischen Hellenen» bezeichnet.

Im Hellenen erblickt also der Christ nunmehr vor allem den Heiden. Kommt aber daneben auch die nationale Zugehörigkeit zum Bewußtsein, so ergibt sich die Mischvorstellung « ungetaufter, noch der alten Weltanschauung huldigender Grieche». Gelegentlich kann das religiöse Moment auch ganz zurücktreten, und dann bezieht sich der Name wie ehemals auf die Griechen als Nation, namentlich wenn die alten Griechen gemeint sind. Der Begriff ist also vieldeutig und unklar geworden, und jeder kann den ihm genehmen Sinn hineinlegen. Bei christlichen Schriftstellern ist die Bedeutung «heidnischer Grieche» die vorherrschende.

In der neuen Einteilung fehlt der Begriff «Barbar» und hat; darin auch keine Daseinsberechtigung, da weder die Nationalität noch die Kulturhöhe oder der Bildungsgrad bei der Aufnahme in die Kirche in Betracht kamen. Die alte Formel ist also in ihrer eigentlichen Bedeutung höchstens in der Weise mit der neuen zu vereinigen, wie dies etwa Gregor von Nyssa (4. Jahrh.) einmal versucht hat. Er betrachtet als Gegenpol des Christianismos allerdings den Hellenismos, fühlt aber, daß damit speziell das griechische Heidentum bezeichnet wird, neben welchem es auch noch eine «barbarische Philosophie» gab, zu der er z. B. die chaldäische rechnet. Erst diese beiden zusammen bilden die Philosophie außerhalb des Christentums. Hier ist also die alte Formel noch lebendig, umfaßt aber nicht mehr das ganze Menschengeschlecht, sondern wird als Unterteilung benutzt.

Doch hat der sonstige Sprachgebrauch der christlichen Schriftsteller einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Im nationalen und politischen Gegensatz zu den Barbaren stehen ja nicht mehr die Griechen, die im römischen Staate aufgegangen sind, sondern die Römer und ihr Reich, so daß jetzt der schon von dem Sophisten Aristeides vorgeahnte Gegensatz «Römer — Barbaren» allein praktisch in Betracht kommt. In dieser Verbindung hat der zweite Bestandteil seinen alten Begriffsinhalt so ziemlich bewahrt und nur im Umfang die durch den Lauf der Geschichte bedingte Verschiebung erfahren. Eben deshalb aber bildet er kein geeignetes Korrelat zu dem neuen christlichen Begriff «Hellenen», sondern muß, um die Formel auch für christlichen Gebrauch verwendbar zu machen, ebenfalls eine Umbiegung erfahren. Es sind dann diejenigen Barbaren damit gemeint, die im Gegensatz zu den heidnischen Griechen an einen Gott glauben, d. h. die Juden und dann auch die Christen. Bei den Apologeten bedeutet also «Hellenen und Barbaren» vielfach «heidnische Griechen (Heiden) und Juden oder Christen». Tatian z. B., ein gebürtiger Syrer, schließt seine an «Hellenen» gehaltene Ansprache folgendermaßen: «Diese Rede, o Hellenen, habe ich Tatianus zusammengestellt, der ich mich der Philosophie der Barbaren angeschlossen habe, geboren im Lande der Assyrier, erzogen zuerst in euerem Glauben, dann aber in dem, den ich jetzt bekenne und verkünde». Diese «barbarische Philosophie» ist eben der aus dem Judentum hervorgegangene christliche Glaube. Justinus Martyr stellt dem Hellenen Sokrates unter den Barbaren Jesus Christus oder an einer anderen Stelle Abraham und andere Juden gegenüber. Kam es auf die zahlreichen Völker wie die Ägypter, Inder, Babylonier, Skythen usw. an, die bei solcher Begriffsverengerung ausgeschlossen blieben, so konnte durch einen Zusatz auf sie hingewiesen werden: für die Hellenen waren es «die übrigen Barbaren» (nämlich abgesehen von Juden und Christen), für die Christen wiederum «die übrigen heidnischen Völker» (abgesehen von den Hellenen). Ja selbst eine Vermischung beider Standpunkte ist möglich, wenn z. B. Clemens aufzählt: «Unsere Propheten, die alten Hellenen und die übrigen (d. h. die heidnischen) Barbaren».

Die alte Formel lebt also noch und wird von dem hellenisierten Christentum für die Einteilung der Menschheit verwendet.

Aber wieder hat durch eine mächtige geistige Bewegung eine Umwertung platzgegriffen und die Begriffsverwirrung abermals Fortschritte gemacht. Denn unter den «Barbaren» verbergen sich jetzt auch getaufte Griechen und Römer, der Titel «Hellenen» aber kann von Christen auch heidnischen Barbaren verliehen werden. Vor Alexander war mit der Formel «Hellenen und Barbaren» eine nationale Scheidung gemeint, nach ihm bedeutete sie auch die Trennung nach dem Kulturgrade in Gebildete und Ungebildete, jetzt teilt sich die Menschheit nach der Weltanschauung in Bekenner des Heidentums und des jüdisch-christlich.

Der Umstand nun, daß sich diese drei Anschauungen nicht einfach ablösten, sondern nebeneinander fortbestehen und sich gegenseitig durchdringen, hat jenes Schwanken der Wortbedeutung zur Folge gehabt, das fast in jedem Einzelfall eine genauere Untersuchung notwendig macht. So ist, um nur dieses eine Beispiel anzuführen, Tatian, der ja unter «Hellenen» an zahlreichen Stellen «Heiden» versteht, zu Beginn seiner Rede in Verlegenheit, wen er als Hellenen bezeichnen soll, da die Dorer, Attiker, Aioler und Ionier in der Sprache nicht übereinstimmen. Ist er also hier in die nationale Auffassung zurückverfallen, so nennt er an einer anderen Stelle seine Zuhörer die «Gebildeten» im Gegensatz zu der vermeintlichen Unkultur der barbarischen Christen. Von diesem Schwanken hat sich der Sprachgebrauch nie mehr befreit, im Gegenteil, die Verwirrung ist später noch größer geworden.

Wenn nun die Christen sich als eigenes Volk betrachteten und auch so angesehen wurden, so ergab sich von selbst die Frage nach ihrem Verhältnis zum römischen Reich . Ihre Religion war nicht die erste, die, die nationalen Grenzen überschreitend, der Universalität und dem religiösen Individualismus zustrebte. Im Orient war dieser Prozeß längst angebahnt und der Weg in die Welt von der ägyptischen Religion, dem Kult der Magna Mater, der Sonnenanbetung, dem Judentum eingeschlagen, Aber diese Religionen drangen auch in der Fremde entweder nicht weit über die Grenzen ihres Volkstums vor, oder sie standen nicht im Gegensatz zum Kaiserkult und wurden daher von der Staatsreligion aufgesogen und assimiliert. Das Christentum allein besaß die Fähigkeit, selbständig die Welt zu erobern und sich mit eiserner Konsequenz der Staatsreligion als unabhängiger Faktor entgegenzustellen. Da die Gläubigen infolge religiöser Bedenken auch keine Ämter bekleiden, keinen Militärdienst leisten wollten und sich außerdem durch ihre geheimen Zusammenkünfte verdächtig machten, wurden sie als Feinde des Staates angesehen und grausam verfolgt. In Wahrheit aber haben sie die staatlichen Einrichtungen nie bekämpft, im Gegenteil Gehorsam gegen die von Gott eingesetzte Obrigkeit gefordert, so daß die Apologeten nicht ohne Berechtigung die Loyalität der Christen betonen können,- denn den haßerfüllten Ergüssen der Jüdisch-christlichen apokalyptischen Literatur stand die Kirche als solche fern. Als Akt nationaler Notwehr war die Christenverfolgung also nicht am Platze, da ein nationaler Gegensatz eigentlich nicht bestand.

Das Wachstum des Reiches hatte es mit sich gebracht, daß es den Namen eines Nationalstaates nur noch in uneigentlichem Sinne verdiente, da es alle Völker der bewohnten Erde zu vereinigen sucht, also einen Weltstaat darstellt, der durch Ausbreitung des römischen Bürgerrechtes nur äußerlich die Form eines Nationalstaates angenommen hat. Wohl aber wird in diesem Weltreich die durch die griechische Philosophie erzeugte Vorstellung von der wesentlichen Einheit des Menschengeschlechts in gewissem Sinne in die Wirklichkeit umgesetzt. Da nun das Ziel der Kirche ein ähnlich weltumspannendes ist, tritt die Wahlverwandtschaft zwischen beiden immer mehr hervor, nur daß das christliche Ideal das Reich Gottes ist und jeder Erdbewohner, wes Stammes er auch sei, als Bruder angesehen wird, dem die Pforten der Kirche offen stehen. Denn «für Gott ist diese Welt ein Haus». Es handelt sich somit das eine Mal um materielle, das andere Mal um geistige Interessen, und diese Bestrebungen sind einander daher nicht entgegen gesetzt, sondern laufen parallel, ja sie könnten sich, miteinander versöhnt, ganz gewaltig unterstützen. Dies beweist die Kirche gerade auf nationalem Gebiete, das ihr im Grunde gleichgültig ist. Bei ihrer Weltmission war sie von vornherein auf eine Weltsprache angewiesen und hat sich seit Paulus unter dem Zeichen des Hellenismus verbreitet, um später im Westen den Pfaden der römischen Kultur zu folgen. So hat das Christentum einerseits die nationale Vorarbeit für sich genutzt, anderseits aber auch, insbesondere an den Reichsgrenzen, gewiß nicht unbeträchtlich zur Hellenisierung und Romanisierung beigetragen und so, freilich ohne Absicht, im Sinne des Staates und der Nation gewirkt. In einer Zeit, wo der Staat selbst immer unfähiger wurde, diese nationale’und kulturelle Arbeit aus eigenem zu leisten, bedeutete die Verfolgung des Christentums insofern auch eine Schädigung der nationalen Idee.

Dazu kam nun, daß auf religiösem wie auf philosophischem Gebiete der Monotheismus die Geister immer mehr gefangen nahm und keine Religion diesen Vorstellungen bei der Intelligenz wie bei dem einfachen Manne besser entgegenkam als die christliche, der Kampf des Staates gegen sie also immer aussichtsloser wurde. So war es ein erlösender und genialer Gedanke Kaiser Konstantins, den Christenglauben zur Staatsreligion zu erheben und die beiden ebenbürtigen Mächte, Weltstaat und Weltreligion, in eine Einheit zu verschmelzen. Dies und die Verlegung der Residenz nach Byzanz, das nach seinem zweiten Gründer den Namen Konstantinopel erhielt, bedeutet einen Wendepunkt nicht nur in der Geschichte des römischen Reiches, sondern auch in der Entwicklung des Hellenentums.

Text aus dem Buch: Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins (1923), Author: Jüthner, Julius.

Siehe auch:
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – Vorwort
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – I. Name und Begriff.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – II. Die Aufklärung des 5. Jahrhunderts.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – III. Platon und Aristoteles.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – IV. Makedonien und Alexanders Weltreich.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – V. Isokrates und die Anfänge des Attizismus.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VI. Hellenismus und Kosmopolitismus. Idealisierung der Barbarenvölker.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VII. Die Römer.

Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins