Konstantins Neuerungen treten zunächst nach außen wenig in die Erscheinung. Sein gewaltiges Reich steht nach wie vor in mächtiger Geschlossenheit den die Grenzen bedrohenden Feinden gegenüber — hier Römer, dort Barbaren —und man braucht nur einen byzantinischen Historiker aufzuschlagen, um diesem Gegensatz auf Schritt und Tritt zu begegnen. Doch kommt durch die Christianisierung des Reiches im Laufe der Zeit audi in dem Verhältnis zu den Barbaren allmählich das religiöse Moment zur Geltung. Die römische Kirche im Westen, die griechische im Osten haben die alte Kultur eingesogen, das Christentum wird immer mehr zum Träger derselben, und bei seiner Ausbreitung übermittelt es den Fremde Völkern auch die alten Kulturgüter. So kann sich neben dem politischen Gegensatz «Römer — Barbaren» der religiöse Christen — Barbaren» geltend machen, und der Übertritt zur wahren Religion befreit gewissermaßen von der Barbarei.

Im Aufbau des Römerreiches selbst besteht das Epoche machende der konstantinischen Neugründung darin, daß durch sie der Schwerpunkt der Welt wieder nach dem Osten zurückverlegt wird und das Griechentum so abermals in die erste Reihe rückt. Im Jahre 395 folgt die Teilung des Reiches in eine westliche lateinische und eine östliche griechische Hälfte, die von nun an in immer schrofferen nationalen und kirchlichen Gegensatz geraten. Während dann Rom im 5. Jahrhundert dem Anprall der Barbaren erliegt und politisch zusammenbricht, vermag sidi das bis heute vielfach unterschätzte und mißachtete byzantinische Reich in tausendjährigem erfolgreichen Ringen der unaufhörlichen Angriffe der Feinde zu erwehren. In Rom tritt zunächst der Papst und die katholische Kirche das Erbe des römischen Reiches an, und so überträgt sich die gesamte politische Macht des alten Imperiums auf das Kaisertum von Byzanz und indirekt auf das in der Bevölkerung überwiegende griechische Element. Mit den Griechen geht infolgedessen in ihrem Verhältnis zu Kaiser und Reich eine bedeutsame Veränderung vor.

Hatte es bisher stets begeisterte Hellenen gegeben, die in den Römern doch nur die mindergebildeten Unterdrücker erblickten und sich daher für das erweiterte Vaterland nicht zu erwärmen vermochten, so gewöhnen sich die Griechen nun allmählich daran, den in ihrer Hauptstadt Konstantinopel residierenden Kaiser als ihren Kaiser und sein Reich als ihr Reich anzusehen, als dessen Angehörige sie nun den Namen «Römer» (in der griechischen Form. Rhomaioi, Rhomäer) nicht mehr wie ein äußeres Zeichen der Knechtschaft empfinden, sondern willig, ja mit Stolz führen, da er sie als Herrschervolk kennzeichnet. Das hellenische Nationälgefühl ist allerdings nicht erstorben, sondern flackert gelegentlich hell auf, im wesentlichen aber erschöpft es sich in der Anhänglichkeit an die orthodoxe griechische Kirche, und das religiöse, nicht das nationale Moment bildet auch das Bindeglied zwischen Herrscher und Volk.

Dabei mag auch die weitverbreitete, auf das Buch Daniel zurückgehende Vorstellung von den vier Weltmonarchien von Bedeutung gewesen sein. Nach christlicher Anschauung soll auf diese Monarchien das Erscheinen des Antichrist und der Untergang der Welt folgen. Schon der Kirchenvater Hippolytos (um 200) hat nun die vierte und letzte Monarchie mit dem römischen Reich gleichgesetzt und in diesem «den Hemmenden» erblickt, der die letzten Dinge auf halte. Seine Auffassung wurde von Hieronymus, Augustinus und Orosius übernommen und beherrschte von da ab die mittelalterliche Geschichtschreibung. Die Notwendigkeit des Fortbestandes des «römischen» Reiches war also ein weitverbreiteter frommer Glaube, der ja auch auf deutschem Boden wirksam war, und der sehr wohl auch bei den orthodoxen Griechen dazu beigetragen haben kann, sich mit dem Römertum zu versöhnen.

Alle diese Umstände bereiten nun einen merkwürdigen Bedeutungswandel des Begriffes «Römer» vor. Zunächst behält er auch im oströmischen, im Rhomäerreich den allgemeinen staatsrechtlichen Inhalt «Angehöriger des römischen Reiches», und die bunte Mischung dieser «römischen» Nation zeigte sich besonders augenfällig im Heere, das namentlich den kriegführenden Nachbarn als Repräsentant und Exponent des Reiches erschien. Dieses machte ihnen daher den Eindruck eines zwar einheitlichen, aber polyglotten Staates. So konnte der Türkenhäuptling Turxanthos (6. Jahrhundert) einer Gesandtschalt zurufen:

«Ihr seid also jene Römer, die zehn Sprachen sprechen, aber nur allein die Lüge kennen!»

In Wirklichkeit aber lag die Sache doch anders. Im Kern des Reiches war die Mehrzahl der Rhomäer Griechen oder doch griechisch sprechende Untertanen, denen in der Hauptstadt eine römische Dynastie mit ihrem Anhang gegenüberstand. Das war für die weitere Entwicklung des Römernamens maßgebend. Die Zentralgewalt, die auf die Untertanen natürlich den staatsrechtlichen Begriff «Römer» ohne Unterschied der Nationalität an wendete, hat daneben noch vielfach die Erinnerung an den ursprünglichen ethnographischen Begriff wacherhalten. Denn auch nach der Trennung und dem Untergang des weströmischen Reiches ist die lateinische Sprache offiziell in Geltung geblieben und wurde insbesondere in den Kaisertitulaturen, im Hofzeremoniell, in der Zentralverwaltung sowie in der Gesetzgebung und Rechtspflege und namentlich in der Organisation der Armee hartnäckig festgehalten. Auch der politische Gesichtspunkt einer möglichen Wiedergewinnung der lateinischen Teile des Reiches war hierfür mitbestimmend. So haftet dem Namen «Rhomäer» selbst dann, als der Machtbereich des römischen Kaisers sich auf den Osten beschränkte und das «römische» Reich somit eigentlich ein griechisches war, noch immer die alte ethnische Bedeutung und der Zusammenhang mit Rom und Italien an. Das ist noch durchaus der Standpunkt des Kaisers Justinian (527—565), auch in seinen in griechischer Sprache herausgegebenen Verordnungen. Nach seiner Auffassung ist sein Reich in ununterbrochener Entwichlung mit den Anfängen des alten Rom verknüpft, und von Äneas führt über Romulus und Numa und weiter über Kaiser Augustus eine gerade Linie bis zu seinem Staate, der sich aus jenen Vorstufen entwickelt hat. Er verknüpft also mit dem Namen «Römer» noch durchaus den alten Begriff des lateinischen Römertums, aus dem er hervorgegangen, er sucht die altrömischen Traditionen in jeder Weise zu bewahren und bezeichnet auch das «Römische», d. h. Lateinische, als «unsere, von den Vätern ererbte Sprache». Allerdings muß er bereits den Umständen insofern Rechnung tragen, als die meisten Novellen zu seiner lateinisch abgefaßten Gesetzessammlung sich bereits der Sprache des Volkes bedienen. Dieser offizielle Standpunkt wird dann in der Folgezeit auch von griechischen Schriftstellern festgehalten. Z, B. der byzantinische Historiker Theophylaktos Simokattas (erste Hälfte des 7. Jahrhunderts) bezeichnet die Byzantiner regelmäßig als «Römer», verwendet aber einige Male auch gleichbedeutend den Namen «Lateiner» und spricht von einem «lateinischen» Reich.

Dazu kam, daß die neue Hauptstadt gleich nach der Gründüng neben dem Namen Konstantinupolis von offizieller Seite auch die stolze Bezeichnung Neu-Rom erhielt, während die Siebenhügelstadt dann als «älteres» oder «westliches Rom» von Byzanz unterschieden wurde. Dieser Sprachgebrauch ist bei Justinian schon völlig eingebürgert und läßt sich von da ab bis in spätbyzantinische Zeit verfolgen. Ein Dichter des 12. Jahrhunderts, Konstantinos Manasses, preist Byzanz als «das neue, ewig junge Rom».

Das Volk ließ sich dieses Spiel mit dem altehrwürdigen Namen gefallen, da dies eine Erhöhung des Ansehens seiner Reichshauptstadt bedeutete, gegen seinen ursprünglichen Träger, das alte Rom, aber zeigte sich eine stetig wachsende Abneigung, wobei neben nationalen Fragen vor allem Glaubenssachen und der Gegensatz zwischen dem lateinischen und griechischen Ritus mitspielten. Den Höhepunkt erreichte die Empörung und die Verachtung der Griechen, als Rom seit 800 seine Kaiser aus Barbarenländern, aus Frankreich und Deutschland holte.

Die Folge dieses Gegensatzes war eine immer schärfer hervortretende sprachliche Scheidung. In Rom, wo zu Beginn des 3. Jahrhunderts die Christengemeinde noch griechisch war, scheint schon im 5. Jahrhundert die Kenntnis des Griechischen so gut wie ausgestorben, und nur vorübergehend hatten im 7., 8. und 9, Jahrhundert orientalische Mönche, die wegen der religiösen Wirren ihre Heimat verlassen hatten und nach Italien ausgewandert waren, die Kenntnis des Griechischen zeitweilig aufgefrischt. Im Osten hinwiederum war das Lateinische über die offiziellen Stellen hinaus nie sehr verbreitet gewesen, so daß z. B. auf den Konzilien die lateinischen Ansprachen der Kaiser und der päpstlichen Legaten stets ins Griechische übertragen werden mußten, um verstanden zu werden. Die Hauptstadt selbst war allerdings als Sitz des römischen Kaisers bisher zweisprachig geblieben. Nun aber begann man auch hier die lateinische Sprache in den verschiedenen Zweigen des öffentlichen Lebens der Reihe nach abzubauen. Hatte schon Justinian einen Teil seiner Verordnungen in griechischer Sprache herausgegeben, so wird dies seit Maurikios (582—612) die Regel, und der offiziellen griechischen Amtssprache folgt bald darauf die griechische Kommandosprache im Heere,- seit dem 8. Jahrhundert werden Münzen mit griechischer Aufschrift geprägt, und Basileios I. (876 —886) ersetzt das lateinische Corpus iuris durch das griechische Gesetzbuch der Basilika. So verschwinden allmählich die letzten Spuren der einstigen lateinischen Vorherrschaft, und das Reich erhält in den letzten Jahrhunderten seines Bestandes ein durchaus griechisches Gepräge, zumal seine Geschicke schließlich von nationaLgriechischen Dynastien gelenkt werden.

Nur eins war nach wie vor «römisch» geblieben, der Name von Staat und Volk, der aber eben infolge der geschilderten Entwickung seinen Inhalt und seine Bedeutung vollkommen gewechselt hatte. Da er nach byzantinischer Auffassung nur noch auf die Bewohner des Ostens, die Untertanen des echten römischen Kaisertums, angewendet werden konnte, diese aber durchaus Griechen waren, ergibt sich im Sprachgebrauch schließlich die Gleichung: Rhomäer = Griechen. Von besonderer Wichtigkeit war bei diesem Bedeutungswandel die Zugehörigkeit zur orthodoxen Kirche mit ihren griechischen Traditionen und ihrer griechischen Liturgie. Diese Zugehörigkeit bildet von nun an einen integrierenden Bestandteil des Begriffsinhaltes. Der orthodoxe Grieche mit seiner christlich-byzantinischen Kultur ist eben kein «Hellene» mehr, sondern ein «Rhomäer». Wenn man heutzutage von «Byzantinern» und einem «byzantinischen» Reiche spricht, so ist diese Ausdehnung der Namensbezeichnung der Hauptstadt auf das ganze Reich in dem alten Sprachgebrauch nicht begründet. «Byzantiner» hießen eigentlich nur die Bewohner von Byzanz , das Reich aber war und blieb das «rhomäische».

So zeigt der altehrwürdige Name «Römer» einen eigenen Entwicklungsgang im Laufe der Jahrhunderte. Ursprünglich auf die lateinische Nation beschränkt, wird die Bezeichnung in der Kaiserzeit staatsrechtlich auf alle Völker des römischen Reiches ausgedehnt, um am Ausgang der byzantinischen Periode wiederum einen ethnischen Sinn anzunehmen, aber nunmehr auf die angestammten Gegner der alten Römer überzugehen. Es ist begreiflich, daß dieser Bedeutungswandel bei den Schriftstellern gelegentlich ein Schwanken der Bedeutung zur Folge hat und diese daher von Fall zu Fall aus dem Zusammenhang festgestellt werden muß, oft nicht einmal mit Sicherheit klargelegt werden kann. Wenn die Rede ist vom römischen Reich, römischen Landstrichen oder Städten, vom römischen Heer, Feldherren oder Gesandten, von Gesetzen oder auch vom Gegensatz zwischen Römern und Barbaren, so schwebt auch den Byzantinern zunächst die politische Bedeutung des Wortes vor, die immer noch jenen altrömischen Beigeschmack hat, der sich in einzelnen Beispielen bis in die Zeit erhält, wo «rhomäisch» und «griechisch» längst identisch war. Diese politische Bedeutung schillert aber frühzeitig ins Ethnische über, und es finden sich zahlreiche Fälle, wo «Rhomäer» noch im staatlichen Sinn gedeutet werden könnte, sich aber mit Sicherheit auf Griechen bezieht. So wenn z, B. vom Goten Genton erzählt wird, daß er eine Frau geheiratet hatte, die von den in Epirus wohnenden Rhomäern abstammte, oder wenn mit Bezug auf Athen von Rhomäem gesprochen wird.

Wann sich der endgültige Übergang in den ethnischen Gebrauch vollzog, läßt sich nicht mit einem genauen Datum bezeichnen. In der Volkssprache wird es viel früher der Fall gewesen sein, später folgte, zum Teil widerwillig, das Schrifttum. Der Sprachgebrauch hatte sich derart eingebürgert, daß es als auffällige Erscheinung einer Erklärung bedarf, wenn sich in einem dem Weltgetriebe entrückten Ort noch der alte Name «Hellenen» erhalten hat. Einen solchen Fall erzählt der schriftstellernde Kaiser Konstantinos Porphyrogennetos (10. Jahrh.): «Die Bewohner des lakonischen Städtchens Mai’na stammen nicht von Slaven, sondern von den älteren Rhomäern (d. h. Griechen), die von den Eingeborenen bis heute Hellenen genannt werden, weil sie vor Alters nach Art der alten Hellenen Götzendiener waren. Sie wurden unter Kaiser Basileios getauft und sind Christen geworden». Daß in den letzten Jahrhunderten des byzantinischen Reiches sich die ethnische Bedeutung durchgesetzt hat, beweisen Stellen, wo bereits von Rhomäern (= Griechen) «der Abstammung nach» die Rede ist. Jedenfalls ist die Gleichung Rhomäer = Grieche im 13. Jahrh. völlig eingebürgert, denn nach Georgios Pachymeres beschwört der Kaiser Michael Paläologos, der den Zusammenstoß mit Karl von Apulien vermeiden wollte, den Papst, er solle Karl hindern und nicht zulassen, daß Christen gegen Christen ziehen,-denn auch die Rhomäer, die sie Graiker (Graeci) nennen, gehörten dem gleichen Christus und der gleichen Kirche an wie die Italiker.

Es steht wohl einzig in der Geschichte da, daß ein Volk durch die Umstände allmählich dazu geführt wird, einen ihm ursprünglich verhaßten Fremdnamen schließlich freiwillig anzunehmen. Der Gang der politischen Ereignisse allein hätte dies kaum vermocht, wenn nicht das ebenso einzig dastehende Verhängnis hinzugekommen wäre, daß der eigene angestammte Name entwertet und unbrauchbar geworden war. Seitdem er die Bedeutung «Heide» angenommen hatte, war es für einen Christen griechischer Abkunft einfach ausgeschlossen, sich einen Hellenen zu nennen, und gerade die orthodoxe griechische Kirche, deren erbitterter Kampf gegen die lateinische doch auch im Zeichen des neuerwachten Nationalgefühls geführt wurde, mußte sich gegen den Namen der Vorfahren, der jetzt eine verpönte Weltanschauung kennzeichnete, entschieden ablehnend verhalten und den neuen begünstigen. Wie tief und unausrottbar dieser religiöse Gegensatz wurzelte, zeigt sich darin, daß er selbst nach dem philhellenischen Zeitalter der Paläologen noch zu entschiedenem Ausdruck gebracht werden konnte. Georgios Scholarios, der unter dem Namen Gennadios nach dem Falle von Konstantinopel als erster Patriarch unter der Türkenherrschaft fungierte, entgegnete einem Juden, der ihm diesen Verrat an der griechischen Nation zum Vorwurf machte:

«Der Sprache nach Hellene, möchte ich mich doch niemals als Hellenen bezeichnen, da ich nicht von der Gesinnung bin, die einst die Hellenen hatten. Sondern ich möchte nach meinem Glauben benannt werden, und wenn mich jemand fragt, was ich bin, werde ich antworten: ein Christ . . . Bin ich ja doch Byzan-tier, obschon mein Vater aus Thessalien hier eingewandert ist, und nenne mich nicht einen Thessaler, da ich in Byzanz geboren bin».

Da nun anderseits der staatsrechtliche Begriff «Römer» durch den Lauf der Ereignisse ohnedies immer deutlicher in den ethnischen «Grieche» überging, wuchs der Name gleich-sam von selbst in die entstandene Lücke hinein. So wird er im Mittelalter offiziell verwendet 292), und so hat er bis auf den heutigen Tag seine unverwüstliche Lebenskraft bewahrt. Das Volk der Neugriechen bezeichnet seinen Dialekt immer noch als «rhomäisch» (rhomäikd), während für die neubelebte «reine» Schriftsprache der alte Name hellenikd (spr. ellinikä) wieder eingeführt wurde. In der Form RÜm finden wir dann den Namen des stolzen Rom auch in der arabischen und tür-kischen Sprache, wo damit das oströmische Reich und seine Bevölkerung bezeichnet wurde, und daher werden auch jetzt noch die Griechen von den Türken so genannt. Und da durch den Namen «Rhomaeos » schon im Mittelalter insbesondere die Zugehörigkeit zur griechischen Kirche hervorgehoben wurde, wird das Wort (rüm) heute noch von den Arabern in Palästina und Syrien, auch ohne Rücksicht auf die Nationalität, nur zum Ausdruck des orthodoxen Glaubensbekenntnisses angewendet, während der römisch-katholische Geistliche wie ehemals als lätin bezeichnet wird . Die Erben der politischen Macht Ostroms waren aber die Türken, und so ist der Name in diesem Sinne auf sie übergegangen. Schon das seldschukische Reich, das im 11. Jahrhundert in Konia entstand, hieß Rüm, jetzt haftet der Name an der europäischen Türkei, Rumili (Rumelien), und der in Konstantinopel residierende Sultan ist für die Bewohner Asiens der Rüm-Pädischähi (wörtlich «römischer Kaiser»), während das Volk der Osmanen Rümmilleti (« Römervolk ») heißt .

Der eigentliche Erbe der national-griechischen Traditionen war nun allerdings das heidnische Hellenentum, das denn auch den christlichen Schriftstellern mit dem alten Griechentum vielfach zu einer Einheit verschmolz. Doch stirbt es mit dem 10. Jahrhundert wohl endgültig aus. Aber auch der christliche Glaube hat ja den gebildeten Griechen nie gehindert, den Zusammenhang mit der altgriechischen Literatur aufrechtzuerhalten. Auch das christliche byzantinische Schrifttum ist zunächst naturgemäß eine Fortführung des althellenischen, wenn auch römische und orientalische Einflüsse hinzukommen, und immer wieder greifen die Schriftsteller auf den unerschöpflichen Born der klassischen Vorbilder zurück. Der christliche Philosophieprofessor des 11. Jahrhunderts, Michael Psellos, erklärt die Beschäftigung mit der hellenischen Lehre ausdrücklich für zulässig, wenn dies mit der nötigen Vorsicht geschieht. Den Auftakt zu diesen Bestrebungen hatte im 9. Jahrhundert der begeisterte Vorkämpfer für seine Nation, der gelehrte Patriarch Photios, gegeben, und seitdem sind, namentlich im Zeitalter der Komnenen, Sammler und Grammatiker für die Wiederbelebung der Antike tätig, während unter den Paläologen bereits die Zeit des Humanismus und eine reiche Entfaltung der literarischen Renaissance einsetzt. Ihr Hauptmerkmal aber ist der auch in dieser späteren Zeit auftretende Attizismus, der die Sprache rein zu erhalten sucht und sich dadurch immer mehr vom Volksidiom entfernt.

Da somit wenigstens in der Literatur immer wieder an die ruhmreiche Vergangenheit angeknüpft wurde, -wird auch die alte Verwendung unserer Termini immer wieder in Erinnerung gebracht und tritt mit den sprachlichen Neuerungen in verwirrende Konkurrenz. Man kann beobachten, wie die Autoren mit dem Problem ringen, wie sie sich dem Zwang der lebendigen Sprache nur mit Widerstreben fügen und sich bemühen, das Alte womöglich wieder in seine Rechte einzusetzen. Besonders schmerzlich mußte jedem national Empfindenden der Verlust des ruhmreichen Volksnamens «Hellenen» sein, den es denn möglichst zu schonen galt. Wenn man daher durch den Sprachgebrauch gezwungen ist, das Wort in der Bedeutung «Heide» anzuwenden, so wird wenigstens durch einen Zusatz angedeutet, daß man mit diesem Sprach* gebrauch nicht einverstanden ist: man spricht von «sogenannten Hellenen».

Dazu kam nun, daß die alte Terminologie literarisch tatsächlich nicht zu entbehren war. Selbstverständlich war vor allem, daß man die alten Griechen auch weiterhin als Hellenen bezeichnete. Aber auch für die byzantinischen Epigonen stand lange Zeit keine andere Bezeichnung zu Gebote, wenn es sich um Abstammung, Sprache oder Bildung handelte. Wurde ja «römisch» entweder, wie bemerkt, noch staatsrechtlich und übernational verstanden oder konnte gar in alter Weise auf den lateinischen Volksstamm und die lateinische Sprache bezogen werden, Da bot der alte Volksname wenigstens dann, wenn eine Beziehung auf die Religion ausgeschlossen war, ein willkommenes Auskunftsmittel, und wir finden in diesem Sinne häufig auch Hellenen und Römer in altgewohnter Weise gegenübergestellt.

Unterstützt wurde dieser Sprachgebrauch dadurch, daß sich zu allen Zeiten auch der Name des Landes Hellas forterhielt, wenn auch dessen Umfang verschieden vorgestellt wurde. Gewohnlich bilden die Thermopylen die Nordgrenze, doch ist es nicht verwunderlich, wenn ein Bewohner von Thessalonike auch Thessalien und Makedonien hinzurechnet oder ein volksbewußter Byzantiner in der Zeit des neuerblühenden Hellenismus den altberühmten Namen gar auf das ganze Reich ausdehnt . Eine Einengung erleidet der Begriff nach der Einführung der neuen Themenverfassung («Thema» etwa soviel wie «Provinz»), deren Zeitpunkt allerdings noch nicht feststeht. Seitdem ist der Name «Hellas» als Bezeichnung eines Themas offiziell auf das östliche Mittelgriechenland, d. h. im wesentlichen Attika, beschränkt und kommt daher in der Literatur gelegentlich im Gegensatz zum Peloponnes vor, der seinerseits ebenfalls ein Thema bildete . Wenn dann der Zusammenhang deutlich auf einen dieser den alten Namen tragenden geographischen Begriffe hinweist, so kann ohne Gefahr eines Mißverständnisses von «Hellenen» gesprochen werden.

Unzweifelhaft am wirksamsten aber wurde die Erinnerung an die alte Wortbedeutung lebendig erhalten durch die unverwüstlichen Formeln «Hellenen und Barbaren», «Hellas und Barbarenland», die auch in der byzantinischen Epoche allzeit im Gebrauche blieben.

Aber gerade diese Formel wirkte bereits wie ein Petrefakt, der auf die neuen Verhältnisse nicht mehr paßte, und im übrigen hätte der alte Griechenname meist Anlaß zu Mißverständnissen gegeben. So mußte man fich unter Umständen nach einem Ersatz für ihn umsehen. Zwei alte halbvergessene Wörter werden hervorgeholt. Das eine, Helladikös, von dem Namen des Landes abgeleitet, bedeutet eigentlich «den Bewohner von Hellas, den Griechenländer», so wie der Bewohner von Italien Italikös, Italiker heißt. Es deckt sich also nicht von vornherein mit der Bezeichnung «Hellene», sondern wird auch in byzantinischer Zeit nur auf denjenigen angewendet, der aus dem eigentlichen Griechenland stammt, im Gegensatz insbesondere zum Byzantiner. Wie dieser Name den durch den Bedeutungswandel unbrauchbar gewordenen alten ersetzt, illustriert z. B. eine Stelle in der Chronik des Johannes Malalas (6. Jahrhundert), wo berichtet wird, die Gemahlin des Kaisers Theodosios II. sei eine Helladike (Griechin), die Tochter des athenischen Philosophen Leontios namens Athenais gewesen, die der Kaiser taufen ließ und Eudokia nannte, da sie eine «Hellenin» (Heidin) war . Als aber «Hellas» zu dem kleinen Thema dieses Namens zusammenschrumpfte, wurde der Begriff Helladikol keineswegs auf dieses Gebiet eingeschränkt, sondern blieb auch für den Peloponnes in Geltung . Das untergeordnete Verhältnis der Provinz zur Residenz hatte wie überall eine gewisse Geringschätzung zur Folge, die auch in der Verwendung dieses Volksnamens zum Ausdruck gekommen sein mag.

Der zweite Name wurde auf dem Umwege über das Lateinische in Erinnerung gebracht: Graecas, Graikös, dessen Verwendung aber als Wiederbelebung einer urgriechischen Bezeichnung gelten konnte, da die Hellenen nach einer Überlieferung, die den byzantinischen Chronisten wohlbekannt war, so genannt worden waren, bevor ihnen ihr Stammheros Hellen seinen Namen gab. Das Wort ist durchaus eindeutig und wird daher von den byzantinischen Schriftstellern vielfach angewendet. Einbürgern konnte es sich aber schon deshalb nicht, weil ihm durch die Römer ein verächtlicher Beigeschmack anhaftete, der denn auch an manchen Stellen, natürlich im Munde von Gegnern, zu erkennen ist. Auf diesem Wege war also ein vollwertiger Ersatz für den alten Volksnamen nicht zu beschaffen.

Aber auch der Bedeutungswandel des Wortes «Römer, Rhomäer» hatte mannigfache sprachliche Schwierigkeiten zur Folge. Seitdem es die ethnische Bedeutung verloren hatte und einen jeden Angehörigen des Reiches bezeidhnete, und seitdem also auch die Griechen und andere Völker «Römer» geworden waren, kann man den lateinischen Stamm nicht mehr eindeutig mit diesem Namen bezeichnen. Es ist nur dann möglich, wenn noch ein klarer Hinweis hinzukommt, sei es, daß es sich um die lateinische Sprache handelt und lateinische Beispiele folgen, oder daß der Gegensatz «Römer — Hellenen» andeutet, daß beide Bezeichnungen noch in alter Weise verwendet werden. Sonst behilft man sich mit einem einschränkenden oder erklärenden Zusatz. So sagt man mit Bezug auf die Vergangenheit «die alten Römer», auf die Gegenwart «die westlichen Römer» oder «die Römer, d. h. Italiker» u. dgl.. Die Schwierigkeit der Ausdrucksweise steigert sich, seitdem die Byzantiner sich als die eigentlichen Römer fühlen und nationale Heißsporne die Italiker überhaupt nicht mehr als Römer anerkennen wollen.

Dies ist einer der Hauptgründe, warum auch hier andere Namen zur Anwendung kommen. Bei einem derselben, Alisones, mag auch der Sinn für Romantik mitgespielt haben. So nannten nämlich die Griechen der Vorzeit ursprünglich einen italischen Stamm und dann die Urbewohner Italiens überhaupt. Der Ausdruck wird nun von den Byzantinern ausgegraben und in Poesie und Prosa in der Bedeutung «Römer» verwendet. Ja die Gleichstellung wird eine so vollständige, daß das Wort schließlich auch das Schicksal seines Synonyms teilt, d. h. auf alle Römer, auch die Oströmer oder Byzantiner selbst angewendet wird und so nur einen gewählten Ausdruck für das übliche Rhomaioi darstellt.

Geeigneter und daher häufiger waren zwei andere Ausdrücke, «Italiker» (Italös, Italiötes) und «Lateiner» (Latinos), von denen der eine mehr den geographischen, der andere mehr den sprachlichen und später den kirchlichen Unterschied betonte und auch auf die Kreuzfahrer ausgedehnt wurde, die das «lateinische» Kaisertum in Konstantinopel begründeten. Beide Termini standen so im Gegensatz zu «Rhomäos».

In all diesen sprachlichen Wirrnissen lassen sich die Einflüsse verfolgen, die das seit dem 9. Jahrhundert neuerweckte hellenische Nationalgefühl und die Rückkehr zum Studium der althellenischen Literatur ausgeübt hat. Für die attisch gerichteten byzantinischen Schriftsteller waren die besprochenen Umwertungen alter Begriffe, abgesehen von dem immer stärker wirkenden nationalen Moment, schon allein vom Standpunkt der Korrektheit der Sprache unerträglich und ihr konservatives Bestreben also darauf gerichtet, auch die Namen «Hellenen» und «Römer» soweit als möglich in der ursprünglichen Bedeutung beizubehalten. In der Art, wie sich die Schriftsteller zu dieser Frage stellen, spiegelt sich bis zu einem gewissen Grade ihre nationale, politische und religiöse Gesinnung wieder.

Im Groben kann man zwei Hauptrichtungen unterscheiden und sie als «Rhomaisten» und «Hellenisten» bezeichnen. Die ersteren sind Anhänger der Dynastie und des römischen Reiches und lassen daher das nationale Moment zurücktreten. In kirchlichen Fragen können sie an der Einheit mit Rom festhalten oder aber dem Papsttum ablehnend gegenüberstehen. Ein Beispiel der letzteren Art ist Johannes Kinnamos, der Geheimsekretär des Kaisers Manuel (1143—1180), «der Typus eines Griechen, der in dem dynastischen und Staatsgedanken aufgegangen ist». Nur die Byzantiner sind ihm die echten Römer und werden daher stets als «Rhomäer» bezeichnet und den «Italern» gegenübergestellt. Für die griechische Nation als solche hat er kein Interesse, und der Name «Hellenen» kommt in seinem Geschichtswerk gar nicht vor.

Dem stehen die national-hellenistisdhen Bestrebungen gegenüber, die ihren Höhepunkt im Zeitalter des Humanismus erreichen. Als ihr Vertreter sei daher der schon genannte Humanist Laonikos Chalkondylas (15. Jahrhundert) namhaft gemacht, ein vornehmer Athener, also eigentlicher Grieche. Seiner Begeisterung für das Hellenentum und die altgriediisdie Sprache verleiht er in der Einleitung zu seinem Geschichtswerk beredten Ausdrudk. Für ihn ist Byzanz nicht ein römisches, sondern ein hellenisches Reich. Die Römer haben zwar Rom dem Papst überlassen und die griechische Stadt Byzanz zu ihrer Hauptstadt gemacht, aber die viel zahlreicheren Hellenen haben sich mit ihnen vermischt und dabei ihre Sprache und Sitte bewahrt. Den angestammten Namen freilich hätten sie geändert, da die Kaiser von Byzanz ihren Stolz darein setzten, sich Kaiser der Römer zu nennen, nicht Kaiser der Hellenen. Die (wirklichen) Römer aber und der Papst hätten sich kirchlich von den Hellenen getrennt und sich entschlossen, den römischen Kaiser einmal den Galatern, dann den Germanen zu entnehmen. Laonikos stellt sich also auch in der Terminologie auf den streng klassizistischen Standpunkt und bezeichnet in seinem Geschichtswerk die Byzantiner konsequent als «Hellenen», die Lateiner als «Römer» und kennt also auch nur einen «hellenischen Kaiser». Ähnlich verfährt der bedeutendste griechische Vertreter der Renaissance, der Philosoph Georgios Plethon Gemistos, der die Untertanen des Kaisers ihrer Abstammung nach als Hellenen bezeichnet, wie ihre Sprache und altererbte Kultur erfordern. Die Hellenen waren im Peloponnes und den angrenzenden Ländern und Inseln autochthon und dauernd ansässig und daher sei auch Byzanz, weil von Dorern, d. h. Peloponnesiern gegründet, eine hellenische Stadt und hätte den hellenischen Charakter auch durch die römische Neugründung nicht verloren, da die Sabiner, die mit den Aineaden Rom gegründet hätten, aus dem Peloponnes stammten. Daß diese klassizistische Terminologie auch in die Diplomatenspräche Eingang gefunden hatte, beweisen Briefe des Sultans Nasir Nasreddin Muhamed an römische Kaiser der Paläologenzeit.

Als wichtigstes äußeres Merkmal der hellenischen Bestrebungen ist somit festzuhalten, daß durch sie der dem Griechenvolk abhanden gekommene und längst außer Gebrauch gesetzte alte Name wenigstens in der Literatur wieder zu neuem Leben erweckt wurde. Aber natürlich wird dadurch die Verwirrung in der Terminologie nur vermehrt, da nun nicht mehr bloß die Heiden, sondern auch christliche Griechen «Hellenen» heißen können. Die Bedeutung «Heide» muß also wieder durch einen Zusatz bekräftigt werden, etwa: «Hellenen, die Götzendienst betreiben». Bei der Häufung mehrdeutiger Termini bedarf es daher manchmal der genauesten Berücksichtigung des Zusammenhanges, um den richtigen Sinn zu erfassen. Ein besonders bezeichnendes Beispiel sei hier angeführt. Die kaiserliche Prinzessin Anna Komnena (12. Jahrhundert) erzählt anläßlich der Beschreibung eines von ihrem Vater Kaiser Alexios in Konstantinopel errichteten Waisenhauses, zu welchem alle Nationen Zutritt hatten: «Man kann sehen, wie dort der Lateiner unterrichtet wird und der Skythe Griechisch lernt, ein Römer (offenbar = christlicher Byzantiner) die Schriften der Hellenen (= der alten heidnischen Griechen) studiert und der bildungslose Hellene (= geborener Grieche) richtig Griechisch spricht». An die Neubelebung des alten Sprachgebrauches am Ende des Mittelalters knüpft dann das befreite Griechenland der Neuzeit wieder an.

Zum Schluß noch ein Wort über die späteren Schicksale des Wortes «Barbar», namentlich in den Westländern. Es wurde bereits hervorgehoben, wie sehr in der Kaiserzeit das barbarische Element im römischen Heere überhandzunehmen begann und so zu bürgerlicher Gleichstellung gelangte. Das rauhe Kriegshandwerk erforderte rauhe Sitten, und bei der zunehmenden Abneigung der Römer gegen den anstrengenden Kriegsdienst war das Reich namentlich an der Rhein- und Donaugrenze immer mehr auf die fremden Hilfsvölker angewiesen,- insbesondere germanische Abteilungen erscheinen als Kerntruppen des Heeres. Im 5. Jahrhundert gibt überhaupt fast nur noch der Barbar einen brauchbaren Soldaten ab. Freilich die Zucht des einstigen Bürgerheeres ist dahin und es häufen sich die Klagen über schlechte Disziplin und Gewalttätigkeit barbarischer Söldner. Die Führung lag anfangs in römischen Händen, aber seit Konstantin gelangten vornehme Ausländer immer häufiger bis zu den höchsten Kommandostellen und den überlieferten Namen kann man entnehmen, daß unter Julian bereits mehr als die Hälfte solcher Posten von Germanen versehen wurde. So hatten sich im römischen Reich die Träger der Kultur allmählich selbst entwaffnet und ihren Schutz den kulturlosen, aber waffenfrohen Barbaren an-» vertraut. Die Folge davon war, daß sich das Volk daran gewöhnte, die Begriffe «Barbar» und «Soldat» als gleich-» bedeutend anzusehen und damit auch die Vorstellung der Tapferkeit zu verbinden. So kommt es, daß es in einer auf einem ägyptischen Papyrus vom Jahre 346 n. Chr. erhaltenen Eingabe einer Mutter um Befreiung ihres Sohnes vom Militärs dienst einfach heißt, er sei mit den «Barbaren» ausgerückt. Wenn dann sogar von Amts wegen die Militärkasse als fiscus barbaricus bezeichnet wird, so ist dies ein Zeichen, daß die barbari einen angesehenen Stand vorstellen, und es ist eine ansprechende Vermutung der neueren romanischen For-» schung, daß sich aus dem Wort in dieser seiner Bedeutung schließlich das romanische bravo, «brav, wacker», entwickelt hat.

Diese Veredelung der Bedeutung erleichterte bei dem Zusammenprall römischen und germanischen Wesens einen Vorgang, den wir analog bei der Einwirkung der Griechen auf die Römer zu beobachten Gelegenheit hatten. Wie sich die siegreichen, aber kulturell unterlegenen Römer anfangs arglos die Benennung als Barbaren gefallen ließen und selbst verwendeten, so finden wir Ähnliches bei den Ger» manen. Weniger ins Gewicht fällt es, wenn der griechische Historiker Prokopios den im Jahre 548 vor Justinian erschienenen Gesandten der Langobarden die Worte in den Mund legt, «sie hätten sich mit barbarischer Einfachheit ausgedrückt», da hier auch der Standpunkt des Schriftstellers maßgebend sein konnte , bezeichnend hingegen ist es, wenn das siegreiche Germanenvolk auf sich seit der Wende des 5. und 6. Jahr-» hunderts den romanischen Untertanen gegenüber den ihm von diesen beigelegten Sammelnamen barbari oder barbara natio anwendet. Dies geschieht in den Gesetzbüchern der Burgunden und Franken und in anderen Kundgebungen, wobei die römische Gesetzgebung als Vorbild gedient haben mag .

Diese Benennung drückt natürlich keinerlei Werturteil, sondern nur den nationalen Gegensatz zu den Römern aus. Die Vieldeutigkeit, die darin liegt, daß der Ausdruck auf jede nichtrömische Nation bezogen werden kann, vermag in der praktischen Anwendung nicht zu stören, da durch die Umstände stets genügend klar wird, welcher Volksstamm gemeint ist. So versteht der Bischof Gregor von Tours (6. Jahrhundert) und sein Freund, der Dichter Venantius Fortunatus unter den barbari die Franken, und daß der Ausdruck vollkommen indifferent gemeint ist und keinerlei Gehässigkeit enthalten haben kann, ergibt sich schon aus dem politischen Verhältnis zur herrschenden Nation und wird durch einzelne Beispiele bekräftigt. So läßt Gregor Mönche, die herankommende Franken um Schonung für ihr Kloster bitten, diese als «Barbaren» anreden, und Fortunatus schreibt der von ihm hochverehrten Königin Radegunde oder dem Dux Launebod «barbarische» Abkunft zu. Kam es einmal auf den Volksstamm selbst besonders an, so konnte der Name hinzugefügt werden, z. B. barbartis Salicus. Sonst verband man damals in Wendungen wie natione oder genere barbarus mit dem Wort wohl im allgemeinen den Begriff «germanisch».

Nur selten kommt es daneben vor, daß damit ein verächtlicher Sinn verbunden und diese «Barbaren» durch ihre Unbildung oder gar durch böse Eigenschaften, wie Wildheit, Ruchlosigkeit, Habgier, charakterisiert werden . Daß sie diese Verachtung zu vergelten wußten, beweist ein Ausspruch des langobardischen Bischofs Liudprand (10. Jahrhundert), von den Langobarden, Sachsen, Franken werde in der Erregung gegen einen Feind kein anderes Schimpfwort gebraucht als «Römer» und in diesem Namen alle Gemeinheit, Feigheit, Habsucht, kurz alle Laster vereinigt. Die Angriffe sind aber ebensowenig zu verallgemeinern wie anderseits das tendenziöse Lob der Fremden seitens des Salvianus von Marseille (5. Jahrhundert), der nur den Zweck verfolgt, die sündhafte Lebensführung der katholischen Römer mit der nach seiner Ansicht in vieler Beziehung musterhaften der heidnischen und ketzerischen Barbaren in Parallele zu stellen, und der die wirksame Antithese formuliert,

«man suche bei den Barbaren die römische Menschlichkeit, weil man die barbarische Unmenschlichkeit bei den Römern nicht mehr ertragen könne».

Die Analogie zur Einführung des Terminus im alten Rom wird mit dem Fortschreiten der römisch-christlichen Gesittung immer schlagender. Seit der Krönung Karls des Großen zum römischen Kaiser und insbesondere durch seinen Versuch, die antike Wissenschaft neu zu beleben und seinem Volke die Segnungen römischer Schulbildung zuteil werden zu lassen, wird in literarischen Kreisen die Überzeugung befestigt, daß der Mangel dieser neuen Kulturgüter mit Barbarei gleichbedeutend ist. Karls Biograph Einhart nennt sich, da er im lateinischen Ausdruck wenig geübt sei, einen Barbaren und läßt den Kaiser «Barbarenländer» sammeln, und der Mönch Otfried spricht in dem einleitenden lateinischen Briefe zu seiner Evangelienharmonie von der «Barbarei» der deutschen Sprache . Aber ebenso wie die Römer bei fortschreitender Hellenisierung bald den verächtlichen Sinn des ihnen von den Griechen beigelegten Namens herausfühlten und sich dagegen wehrten, so wird auch hier die neue Kulturgemeinschaft immer mehr betont, und man sucht die Bezeichnung «Barbaren», die die Nichtzugehörigkeit zur römischen Kulturwelt zum Ausdruck bringt, abzustreifen. Sie wird auf benachbarte, noch unkultivierte und unbekehrte Völker angewendet. So nennen in Salzburg entstandene Gedichte von der Mitte des 9. Jahrhunderts, welche die Verdienste der ersten Erzbischöfe um die Mission unter den Alpenslaven feiern, diese letzteren barbari, und die gleiche Bezeichnung wird auf die Magyaren angewendet, z. B. in einer Urkunde Kaiser Ottos III. vom Ende des 10. Jahrhunderts. Hier spielt, wie auch sonst öfter, der Gegensatz der Religion herein, so daß sich ähnlich wie auch im Osten Christenheit und Barbarentum gegenüberstehen , Barbari sind daher auch die Sarazenen in Sizilien und die Mauren in Spanien sowie im Zeitalter der Kreuzzüge ebenso wie bei den Byzantinern die ungläubigen Türken . Auch hier geht also das Vortragen der Kulturgrenze und das Zurückweichen des Geltungsbereiches des «Barbarentums» Hand in Hand.

Text aus dem Buch: Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins (1923), Author: Jüthner, Julius.

Siehe auch:
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – Vorwort
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – I. Name und Begriff.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – II. Die Aufklärung des 5. Jahrhunderts.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – III. Platon und Aristoteles.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – IV. Makedonien und Alexanders Weltreich.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – V. Isokrates und die Anfänge des Attizismus.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VI. Hellenismus und Kosmopolitismus. Idealisierung der Barbarenvölker.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VII. Die Römer.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VIII. Das Christentum.

Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins

Längst sind wir mit unseren Betrachtungen in eine Zeit vorgedrungen, wo ein neuer bedeutsamer Faktor in die Weltereignisse einzugreifen begonnen hat, das Christentum, das aus kleinen Anfängen allmählich zu einer Weltmacht emporwächst. Mit ihm war eine neuartige, an Zahl und Bedeutung stetig wachsende Menschenklasse erstanden und die Frage aufgeworfen, wie diese Neuerscheinung aufzufassen sei und wie sie sich in die alte Einteilung des Menschengeschlechts einfüge. Wie Eusebios (Praep. I 2. 1) bezeugt, bildete dies in der Tat lange Zeit eine Aporie und Streitfrage zwischen Christen und Heiden. Er gibt einem Gegner zu, man könne in Ungewißheit sein, ob die Christen Hellenen oder Barbaren oder ein Mittelding seien, desgleichen über ihre Eigenart und Lebens-weise,- denn sie dächten weder wie die Hellenen noch lebten sie wie die Barbaren. Es folgt dann die Darlegung seines Standpunktes.

Für die griechisch-römische Gesellschaft gab es von Anfang an keinen Zweifel, daß man es hier mit etwas Barbarischem zu tun hatte. Das Christentum war ja von Palästina und den Juden ausgegangen und folgte zunächst auch den Spuren der jüdischen Propaganda, und so erblickte man in der neuen Religionsgemeinschaft nichts anderes als eine jüdische Sekte. Die Juden aber, die den Götterkult ablehnten und ängstlich eine engere Berührung mit Andersgläubigen mieden, hatten sich den Vorwurf der Gottlosigkeit und Inhumanität (misanthröpia) zugezogen und zählten, obwohl von Staats wegen geduldet, bei Griechen und Römern von Jeher zu den verachtetsten Barbaren. Diesem Sprachgebrauch tragen auch jüdische Schriftsteller wie Josephos und Christen wie Justin Rechnung. Die verächtliche Bezeichnung geht dann aber auch auf die ersten Bekenner der neuen Religion über, um so mehr als anfänglich auch der Mangel an Bildung sie zu rechtfertigen schien. Denn die Apostel und die Christen der beiden ersten Jahrhunderte gehörten überwiegend den niederen Gesellschaftschichten an, und ihr ganzes, von der herrschenden Weltkultur und Staatsreligion abgewendetes Gehaben zog ihnen die Abneigung und Verachtung zu, die eben in jener Benennung zum Ausdruck kam. Der Neuplatoniker Amelios zitierte den Anfang des Evangeliums Johannis als Ausspruch eines Barbaren, und der Kirchenvater Eusebios, der uns dies berichtet, fügt hinzu, er habe den Evangelisten so genannt, da er und seine Väter Juden waren. Doch hat bei solcher Einschätzung auch die unklassische Sprache der heiligen Schriften mit ihren römischen Lehnwörtern und hebräischen Ausdrüdcen eine Rolle gespielt.

Die Christen haben sich dagegen zur Wehr gesetzt, und Tertullian begegnet offenbar einem solchen Angriff, wenn er darauf hinweist, daß der Name der Christen keineswegs barbarisch und mißtönend, sondern vielmehr gut griechisch und wohl verständlich sei. Aber es spricht für die Verbreitung und Selbstverständlichkeit des Schimpfnamens «Barbar», wenn auch die Christen sich nicht scheuten, – ihn gleichsam vom gegnerischen Standpunkt und zum Teil vielleicht ironisch anzuwenden.

Die äußere Veranlassung hierzu lag schon darin, daß die ersten Christen selbst den Zusammenhang mit dem Judentum nachdrücklich betonten und so beim Volk, das sich keine Mühe gab, den fundamentalen Unterschied zu erfassen, die äußere Verwechslung förderten. Sie betrachten sich als die wahren Israeliten und Nachfolger der Propheten, indem «das Evangelium als das vollendete Judentum, als neue Religion und als die wiederhergestellte und auf einen abschließenden Ausdrude gebrachte Urfeligion zugleich verkündet wurde».

Doch blieb das Christentum nicht lange in der jüdischen Sphäre. Bald verließ die christliche Propaganda den Boden von Palästina und erstreckte sich auch nicht mehr bloß auf die allenthalben vorhandenen jüdischen Gemeinden, sondern trug ihre werbende Kraft auch in die heidnische Welt. Jetzt macht sich auch, ebenso wie beim Judentum in der Diaspora, der Einfluß des Hellenismus geltend. Schon Paulus hat zu dieser Entwicklung den Anstoß gegeben. Von Geburt ein kleinasiatischer Jude, der Bildung nach ein Hellene, nach seiner rechtlichen Stellung aber römischer Bürger, war er hervorragend geeignet, seine Mission auf alle Völker auszudehnen, dem Christentum so eine universelle Richtung zu geben und es zur Weltreligion auszugestalten. Der Gedankeninhalt seiner Lehre ist allerdings im wesentlichen jüdisch-eschatologisch, und soweit sich griechische Denkart bei ihm nachweisen läßt, ist sie ihm wohl durch den jüdischen Hellenismus vermittelt worden, aber das sprachlich formale Moment ist durchaus hellenisch und äußert sich auch darin, daß er einmal die Formel «Hellenen und Barbaren» im landläufigen Sinne gebraucht. Gemeiniglich aber betrachtet er die Völker als geborener Jude und Pharisäer ganz vom Gesichtspunkt seines Stammvolkes.

Die Juden aber waren von jeher genau so exklusiv wie die Griechen. Auch sie fühlen sich als den Mittelpunkt der Welt, stellen ihr Volk mit Stolz allen anderen gegenüber und haben für die Nichtjuden auch einen zusammenfassenden Namen, goiim (in der LXX durch ethrie, gentes — Heiden wiedergegeben). Diese Zweiteilung ist nun auch dem Apostel Paulus geläufig, nur erscheint sie bei ihm in der Formel «Beschnittene und Unbeschnittene, Juden und Hellenen». Der Name der hervorragendsten Vertreter der Heiden, die mit. ihrer alten Kultur und hochentwickelten Philosophie die bedeutendsten Gegner zuerst des Judentums, dann der Christen waren, ist also auf die ganze Gattung übertragen. Das ist ein Sprachgebrauch, der sich offenbar schon längst eingebürgert hatte, da er sich auch sonst belegen läßt. Die Stelle des Markusevangeliums, die darüber berichtet, wie Christus in seiner Wirksamkeit ausnahmsweise den engen Kreis des jüdischen Volkes verließ und eine Fremde erhörte, erzählt von einer «Hellenin», die ihrer Abstammung nach eine Syrophönikerin war. Das Matthäusevangelium bezeichnet die Frau nur als Kanaaniterin, was ebenfalls soviel als Phönikerin bedeutet. Der scheinbare Widerspruch in der Angabe der Nationalität, den man vergebens aufzuhellen suchte, löst sich sofort, wenn man erkennt, daß hier «Hellenin» nichts anderes bedeutet als «Heidin» .

Es läßt sich aber beobachten, wie diese Zweiteilung bei Paulus unvermerkt in eine Dreiteilung übergeht, da die bekehrten Juden und Heiden eine neue Gemeinschaft bilden. Diese Kirche Christi kommt als ein Neues, Drittes hinzu und ist dazu bestimmt, die zweigeteilte Menschheit dereinst ganz in sich aufzunehmen und so alle Unterschiede aufzuheben/ denn das Gebot des Herrn lautet: «Lehret alle Völker». Daher gibt es für Paulus «keine Hellenen und Juden, keine Beschneidung und Vorhaut, keinen Barbaren, Skythen, Sklaven, Freien, sondern alles und in allen ist Christus». Alle nationalen, sozialen, ja sogar auch geschlechtlichen Unterschiede sind auF gehoben, der Kampf zwischen Judenchristentum und Heiden-Christentum ist entbrannt und führt zum Siege des letzteren. Die Kirche wird universell und kosmopolitisch (I. Tim. 2. 4). Ebenso wie im Weltstaat der Stoiker nicht die Abstammung, sondern die geistige und moralische Beschaffenheit den Ausschlag gab, so wird die Zugehörigkeit zu der neuen Gemeinschaft ausschließlich durch die religiöse Gesinnung, den Glauben an Christus bedingt. Ob Herr oder Knecht, Hellene oder Barbar, gilt dem Christen innerhalb und außerhalb der Kirche gleich.

Aber wie dieser humane Standpunkt bei den Stoikern zu keinerlei Folgerungen im praktischen Leben führte, so hatte auch die christliche Anerkennung der Menschenwürde in allen Nationen und Ständen zunächst nur theoretische Bedeutung, auf das soziale Leben, z. B. die Sklavenfrage, blieb sie ohne Einfluß, da auch die Kirche keinen Versuch machte in die äußeren Rechtsverhältnisse einzugreifen. Der große Unterschied bestand jedoch darin, daß der Stoizismus zwar die Zugehörigkeit zu einem Volke und Staate als gleichgültig hinstellte und so die nationalen Bande löste, für diesen Verlust aber nichts anderes zu bieten hatte als eine abstrakte Gemeinschaft, in der der Weise in Wirklichkeit isoliert und auf sich selbst gestellt war, während das Christentum in der Bruderliebe ein einigendes Band besaß, das seine Anhänger ohne Unterschied der Nation, der sozialen Stellung und des Bildungsgrades zu einer machtvoll gefestigten konkreten Einheit zusammenschloß.

Diese Einheit zeigte daher frühzeitig eine bunte Zusammensetzung: nicht mehr bloß Juden, sondern alle Volksstämme, insbesondere auch Griechen und Römer, waren darin vertreten. Konnte dieses Gemisch noch als Volk, als Nation bezeichnet werden, wo doch weder die Geburt noch der Besitz eines Bürgerrechtes, sondern der Empfang des Sakramentes der Taufe die Zugehörigkeit bedingte? Das eine war klar, daß die bisherige Gepflogenheit, die Christen kurzweg als Barbaren zu behandeln, dadurch unsinnig geworden war und nur Verwirrung stiftete. Denn ein gebildeter Grieche, der die hellenische Religion und Philosophie verleugnet und sich der neuen, nach der Auffassung seines Volkes barbarischen Weltanschauung zugewendet hat, ist dadurch noch kein Barbar geworden. Freilich ein Hellene ist er auch nicht mehr, da er mit der ganzen hellenischen Tradition gebrochen hat. Darin liegt, daß die alte Einteilung auf die neuen Zustände überhaupt nicht mehr anwendbar ist, Der Unterschied der Abstammung ist verwischt und bei der zunehmenden Macht des religiösen Gedankens das Glaubensbekenntnis zum Einteilungsprinzip erhoben. So kommt jene Dreiteilung empor, wie sie im wesentlichen schon bei Paulus angebahnt war. Ebenso wie die Christen von den Juden die Vorgeschichte und die Offenbarungen der heiligen Schriften, ja selbst den Namen ihrer Gemeinschaft  ist die Übertragung eines hebräischen Wortes) übernommen haben, so haben sie auch der alten jüdischen Scheidung des Menschengeschlechtes zum Siege verholfen. Nur ist in der ursprünglichen Zweiteilung «Juden —Heiden» bei ersteren eine Spaltung eingetreten und die Christen als dritter, wichtigster Teil hinzugekommen. Das früher mißachtete Judenvolk aber bildet als Vorstufe des Christentums von nun an eine gleichberechtigte eigene Menschenklasse. Was die stoische Philosophie nicht in die Wirklichkeit umzusetzen vermochte, eine Neugliederung der Menschheit nach der Gesinnung, das hat die jugendfrische Kraft der christlichen Lehre zustande gebracht: die Menschen zerfallen von nun an in Polytheisten oder Heiden einerseits, in Monotheisten d. h. Christen und Juden anderseits. Hellenen und Barbaren in nationalem Sinne sind hier wie dort vermischt.

Die Dreiteilung begegnet von nun an ständig in der altchristlichen Literatur, auch schon im vierten Evangelium. Am klarsten dargestellt und im einzelnen ausgeführt hat sie der älteste christliche Apologet Aristeides im zweiten Kapitel seiner an den Kaiser Antoninus Pius gerichteten Verteidigungsschrift: «Es ist uns klar, o Kaiser, daß es drei Geschlechter der Menschen auf dieser Welt gibt. Diese sind: die Verehrer der von euch so genannten Götter, die Juden und die Christen. Diejenigen aber, welche viele Götter anbeten, teilen sich wiederum in drei Geschlechter, Chaldäer, Hellenen und Ägypter,- denn diese sind für die übrigen Völker die Führer und Lehrer in der Verehrung und Anbetung der vielnamigen Götter». Aristeides selbst, obwohl gebürtiger Athener, rechnet sich nicht mehr zu den Hellenen, sondern er ist durch die Taufe in ein anderes « Geschlecht» übergegangen. Dagegen kann der römische Kaiser nur zu den Hellenen zählen, da die Römer unter der geistigen Führung der Griechen stehen und nach dieser Einteilung keine eigene Rasse bilden. Der Name «Hellenen» bezeichnet eben schon seit Alexander nicht mehr die Nation als solche, sondern die Kulturgemeinschaft, die auch die heidnische Religion und Weltanschauung in sich schließt.

Auf die Unterteilung der polytheistischen Religionen wurde übrigens kein besonderes Gewicht gelegt, da sich bei der Überfremdung des griechisch-römischen Kultes durch orientalische Einflüsse die Grenzen zwischen Hellenischem und Barbarischem stark verwischten und die verschiedenen Bekenntnisse der Vielgötterei für den Christen in eine einheitliche Masse Zusammenflossen. Ein merkwürdiges Beispiel dieser Anschauung bietet schon vor Aristeides die apokryphe Petruspredigt vom Anfang des 2. Jahrhunderts. Sie warnt vor der Gottesverehrung nach Art der Hellenen, die aus Unwissenheit die Stoffe, die ihnen Gott zum Gebrauche gegeben, Holz, Stein, Erz, Eisen, Gold, Silber in Form von Götzenbildern verehren und die Tiere in der Luft, im Meere und auf dem Lande, das Vieh vom Felde, dann Wiesel, Mäuse, Katzen, Hunde und Affen anbeten. Hier werden nicht bloß hellenische und ägyptische Kultbräuche in einer Gruppe vereinigt, sondern diese Gruppe wird still« schweigend a potiori unter dem Namen «Hellenen» zusammen« gefaßt. Dann folgt die Warnung vor dem Kult der Juden, und schließlich wird diesen beiden «alten » Religionen die «neue dritte Art» (triton genos) der Verehrung, nämlich die der Christen gegenübergestellt. Es liegt also eine klare Dreiteilung vor und zwar in Hellenen, Juden, Christen, der alte Name des Griechenvolkes aber erscheint hier in jener neu« artigen, von den Juden übernommenen Anwendung.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß die Neugruppierung des Menschengeschlechtes nach dem Glaubensbekenntnis der jüdisch-christlich haben, zumal ihnen die dadurch bewirkte strenge Abgrenzung von den beiden unsympathischen Religionen nicht unwillkommen war. Daß die Anbeter der Götter, das erste Geschlecht, bei Tertullian mit dem Sdilagwort «Römer» zusammengefaßt werden, ist in der westlichen Reichshälfte nicht verwunderlich, füllt aber auch diesen Namen mit neuem Inhalt, etwa «Bekenner der römischen Staatsreligion». Dadurch aber entsteht, ähnlich wie bei den Hellenen, eine irreführende Äquivokation mit dem gewöhnlichen Wortsinn «Römer von Geburt». Tertullian läßt sich denn auch diese Achillesferse des Schemas «Römer, Juden, Christen» nicht entgehen, sondern fährt an der oben zitierten Hauptstelle fort:

«Wo bleiben aber die Griechen? oder wenn sie zu dem Glauben der Römer gerechnet werden, da ja Rom auch die Götter Griechenlands herangezogen hat, wo wenigstens die Ägypter, die, soviel ich weiß, ebenfalls eine eigene, sorgfältig beobachtete Religion besitzen?»

Auch in seinem Nationalbewußtsein, das er sich trotz des Übertrittes zum Christentum bewahrt hat, fühlt sich Tertullian durch die Formel verletzt, da er nun als Christ aus seinem Volk ausgeschieden erscheint. Daher wehrt er sich gegen den Ausdruck «drittes Geschlecht», indem er ausdrücklich hervorhebt, daß damit nur der Glaube, nicht die Nationalität gemeint sein könne, und beklagt sich an einer anderen Stelle (Apol. 35):

«Man will uns nicht als Römer gelten lassen, sondern erblickt in uns Feinde der römischen Kaiser.»

Aber nach antiker Anschauung gehört nun einmal zur Religion auch das Substrat eines besonderen Volkes, das auch hier um so mehr vorauszusetzen war, als in der christlichen Kirche auch das einigende Band der Sprache nicht fehlte, im Osten das Griechische, das sogar in der römischen Gemeinde bis ins dritte Jahrhundert vorherrschte, in den westlichen Provinzen das Latein. Um so genauer mußten die Verächter des alten Glaubens einerseits gegen die wirklichen Griechen, anderseits gegen die echten Römer abgegrenzt werden. Dazu kam nun, daß sie sich selbst von allem Anfang an als eine Nation, als das auserwählte Volk Gottes betrachteten, was in Predigten, Apokalypsen, Briefen und Apologien in oft übertriebenem Selbstbewußtsein zum Ausdruck gebracht wurde. Hin.Ausspruch Justins sei angeführt:

«Wir sind nicht bloß ein Volk, sondern auch ein heiliges Volk, wir sind keine verächtliche Gemeinde, auch kein barbarischer Stamm, noch ein Volkshaufe wie die Karer oderPhryger, sondern Gott hat uns erwählt».

Obschon also bei der besprochenen Dreiteilung vorsichtig von «Geschlechtern» die Rede ist, werden darunter schließlich doch Völker, Nationen mit ihren verschiedenen Bekenntnissen vorgestellt. Und in diesem Sinne bürgert sich die Dreiteilung in der Kirchenschriftstellerei vollkommen ein.

Es bietet nun ein besonderes Interesse zu beobachten, was unter dem Einfluß dieser Neuerung aus der Formel «Hellenen und Barbaren» geworden ist. Ein Blick in die Literatur der damaligen Zeit genügt, um sich zu überzeugen, daß sie nicht verdrängt wurde, sondern unverändert weiterlebt, ein äußeres Kennzeichen fortdauernden hellenischen Nationalgefühls, das sich selbst nach dem endgültigen Sieg des Christentums noch lange mit Erfolg gegen dessen Übergewicht verteidigt. Nach wie vor bleibt die Welt auf den hellenischen Gesichtswinkel eingestellt, und auch das Christentum vermag den unverwüstlichen hellenischen Geist nur dadurch zu überwinden, daß es sich ihm unterwirft,- wiederum könnte ‚ein christlicher Horaz singen: Graecia capta ferum victorem cepit. Als nämlich bei zunehmender Verbreitung nicht mehr bloß die untersten Schichten des Volkes die Christengemeinden bildeten, sondern auch die Intelligenz sich der neuen Lehre zuzuwenden begann und zu dem frommen Glauben das Streben nach Verstandesmäßigem Erfassen hinzutrat, da konnte die Kirche im Kampfe gegen das Heidentum und seine vornehmsten Vertreter, die Philosophen und Rhetoren, der altbewährten geistigen Waffen der Gegner nicht entraten, ihre Propaganda mußte sich in Inhalt und Form dem geistigen Bedürfnis der Menschheit anpassen, wenn sie sich nicht dem Vorwurf der Barbarei aussetzen wollte, der schon gegen die Evangelien erhoben worden war. Man suchte die kirchliche Lehre wissenschaftlich zu begründen und begann, anfangs zaghaft, später mit voller Überzeugung aus der griechischen Literatur zu schöpfen und die Weisheit der Philosophen, soweit sie mit der christlichen Lehre vereinbar schien, namentlich Platon und die Stoa, heranzuziehen und schließlich durch Vermittlung des Neuplatonismus die gesamte Gedankenwelt der griechischen Philosophie zu umfassen- Anderseits wurde durch Nachahmung der sprachlichen Korrektheit des Attizismus und der Stilfeinheiten der Rhetorik den künstlerischen Anforderungen der gebildeten Zuhörer Rechnung getragen. Es taten dies auch Schriftsteller, die wie Tatian, Tertullian, Clemens von Alexandria, Basileios, Gregorios von Nyssa die Verachtung der schönen Form im Munde führten. Mancher brachte übrigens eine gediegene rhetorische Schulung aus seiner heidnischen Vergangenheit bereits mit. Den Weg zum Hellenismus, den schon Paulus gewiesen, haben besonders energisch Clemens von Alexandria und Origenes verfolgt und ein Basileios, Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomos namentlich in der künstlerischen Richtung vollendet. Der Versuch Kaiser Julians, den Christen das Studium der griechischen Klassiker zu verschließen und so die neue Religion zu einer bildungslosen und barbarischen herabzudrücken, schlug fehl. Die Überlegenheit der hellenischen Bildung war damit praktisch anerkannt und wurde nur erhärtet, wenn christliche Apologeten, namentlich Clemens von Alexandria, den Versuch wieder aufnahmen, alle griechische Weisheit, alle richtigen Lehren auf die Barbaren, in erster Linie auf die Hebräer zurückzuführen. Daß sich orientalische Einflüsse von jeher geltend machten, war allerdings unleugbar, und auch der Einwirkung christlicher Lehren, insbesondere der Ethik konnte sich die griechische Philosophie nicht entziehen. Es ergab sich eine Wechselbeziehung, die die beiden feindlichen Geistesrichtungen einander näher brachte als gemeiniglich angenommen wird. Das Resultat dieser Verschmelzung von Christentum und Hellenismus war aber ein christlicher Humanismus, der dem im Niedergang begriffenen griechische römischen vielfach überlegen war.

Mit der immer bewußter vollzogenen Assimilierung der griechischen Bildung sind nun auch viele hellenische Anschauungen in die Gedankenwelt der Christen übergegangen, und zu diesen gehörte als eine der landläufigsten eben der Gegensatz von Hellenen und Barbaren, der im Sprachgebrauch unverrückbar festsaß und in alten und neuen Schriften bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck kam. An dieser Formel konnten auch die christlichen Hellenisten nicht vorübergehen, und es wurde bereits hervorgehoben, daß sie sie tatsächlich verwendet haben.

Dies machte keinerlei Schwierigkeiten, wenn es sich nicht um die Teilung, sondern um die Zusammenfassung der Menschen handelte, weil dann eine genauere Abgrenzung beider Begriffe und eine Feststellung ihres Inhaltes nicht in Frage kam und dem Ermessen eines jeden einzelnen anheimgestellt blieb. So etwa, wenn Clemens einmal sagt: «Christi Lehre verbreitete sich über die ganze Welt und erfüllte bei Hellenen und Barbaren Volk um Volk, Dorf um Dorf, Stadt um Stadt», oder in der Äußerung des Eusebios: «Niemand hat je, kein Barbar und kein Hellene, allen Menschen die Wahrheit vermittelt, nur unser Heiland». Bis in die christliche Gegenwart ragt gleichsam die alte Einteilung bei Athanasios: «Vor alters, da sie noch Götzendienst trieben, haben sich Hellenen und Barbaren gegenseitig bekämpft . . ., jetzt, wo sie zur Lehre Christi des Friedensspenders übergegangen sind, . . . sinnen sie nicht mehr auf Krieg». Auch sonst, wenn es galt auf alt-hellenische Verhältnisse zurückzugreifen und das nationale Moment zu betonen oder anderseits auf wilde Völker hinzuweisen, war die Anwendung der alten Begriffe ganz am Platze.

Viel häufiger aber beobachtet man bei den christlichen Schriftstellern das siegreiche Vordringen der neuen Einteilung. Da der Standpunkt gewechselt hat und nicht mehr das Griechenvolk, sondern die Christenheit im Mittelpunkt der Betrachtung steht und daher auch nicht mehr die Nationalität, sondern das Religionsbekenntnis das Einteilungsprinzip bildet, sehen wir die Erweiterung des Begriffes «Hellene» zu der allgemeinen Bedeutung «Verehrer der Götter, Heiden» in stetem Kampfe mit dem älteren Sprachgebrauch, bis der Sieg des Christentums im 4. Jahrh. auch den Sieg der christlichen Umdeutung des alten Nationalbegriffes entscheidet. So ist denn die neue Verwendung bei Kirchenschriftstellern bis in die byzantinische Zeit auf Schritt und Tritt anzutreffen. Unter «Hellenen» versteht man «Heiden», hellenismös heißt «Heidentum», hellemzein «heidnisch gesinnt sein». Erleichtert wurde diese Entwicklung durch den Umstand, daß seit Alexander die fortschreitende Hellenisierung der Barbaren und der Einfluß der stoischen Lehre die griechische Nationalität ohnedies bereits zersetzt und auch den Namen «Hellenen» mit kulturellem Inhalt gefüllt hatte. Er bezeichnet ja längst nicht mehr bloß die Nation, sondern umfaßt alle «Vertreter der griechischen Kultur» und konnte also wenigstens innerhalb der Grenzen der Oekumene ohne Schwierigkeit auf den negativen Begriff «Nichtjuden und Nichtchristen» übertragen werden. So wurde es auch den Heidenchristen und selbst den Gegnern des Christentums nicht schwer, sich die neue Einteilung zu eigen zu machen.

Da jedoch der neue Sprachgebrauch den alten nicht reinlich ablöste, sondern beide nebeneinander bestanden, ging es freilich lange Zeit nicht ohne Schwanken ab, und man kann den allmählichen Übergang von der nationalen zu der neuen Bedeutung sowohl in der jüdischen wie in der christlichen Literatur noch vielfach beobachten und bei manchem Kirchenschriftsteller beide nebeneinander feststellen. Doch gibt es auch unter ihnen national gesinnte Männer wie der Neuplatoniker Synesios, der auch als christlicher Bischof an dem alten Herkommen festhält und unter «Hellenen» stets nur «Griechen» versteht.

Bei näherer Betrachtung bedeutete die neue Einteilung freilich nichts Geringeres, als daß die altehrwürdige hellenische Kultur von ihrer beherrschenden Höhe herabzugleiten und der aufstrebenden Macht der christlichen Weltanschauung die Führung zu überlassen beginnt. Bezeichnete der Name «Hellenes» einst jenes selbstbewußte Volk, das stolz auf alle Fremden herabblickte und sie als Nichtgriechen, als Barbaren verachtete, so erhält er jetzt vom Standpunkt des immer mehr an Geltung gewinnenden Christentums den Beigeschmack zumindest religiöser und moralischer Minderwertigkeit, stellt seinerseits einen negativen Begriff dar und ersetzt nun jenes hebräische Wort, das bei den Juden sogar «Barbar» bedeuten konnte. Es klingt daher zwar befremdlich, ist aber kein Widerspruch, wenn sich der Perserkönig Chosroes II. in einem Briefe im Gegensatz zu seiner christlichen Gemahlin einen’«Hellenen» nennt, oder wenn Euagrios (6. Jahrh.) einen arabischen Nomadenhäuptling als «fluchbeladenen, unflätigen Hellenen» oder ein etwas späterer Schriftsteller einen Mohammedaner gar als «sarazenischen Hellenen» bezeichnet.

Im Hellenen erblickt also der Christ nunmehr vor allem den Heiden. Kommt aber daneben auch die nationale Zugehörigkeit zum Bewußtsein, so ergibt sich die Mischvorstellung « ungetaufter, noch der alten Weltanschauung huldigender Grieche». Gelegentlich kann das religiöse Moment auch ganz zurücktreten, und dann bezieht sich der Name wie ehemals auf die Griechen als Nation, namentlich wenn die alten Griechen gemeint sind. Der Begriff ist also vieldeutig und unklar geworden, und jeder kann den ihm genehmen Sinn hineinlegen. Bei christlichen Schriftstellern ist die Bedeutung «heidnischer Grieche» die vorherrschende.

In der neuen Einteilung fehlt der Begriff «Barbar» und hat; darin auch keine Daseinsberechtigung, da weder die Nationalität noch die Kulturhöhe oder der Bildungsgrad bei der Aufnahme in die Kirche in Betracht kamen. Die alte Formel ist also in ihrer eigentlichen Bedeutung höchstens in der Weise mit der neuen zu vereinigen, wie dies etwa Gregor von Nyssa (4. Jahrh.) einmal versucht hat. Er betrachtet als Gegenpol des Christianismos allerdings den Hellenismos, fühlt aber, daß damit speziell das griechische Heidentum bezeichnet wird, neben welchem es auch noch eine «barbarische Philosophie» gab, zu der er z. B. die chaldäische rechnet. Erst diese beiden zusammen bilden die Philosophie außerhalb des Christentums. Hier ist also die alte Formel noch lebendig, umfaßt aber nicht mehr das ganze Menschengeschlecht, sondern wird als Unterteilung benutzt.

Doch hat der sonstige Sprachgebrauch der christlichen Schriftsteller einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Im nationalen und politischen Gegensatz zu den Barbaren stehen ja nicht mehr die Griechen, die im römischen Staate aufgegangen sind, sondern die Römer und ihr Reich, so daß jetzt der schon von dem Sophisten Aristeides vorgeahnte Gegensatz «Römer — Barbaren» allein praktisch in Betracht kommt. In dieser Verbindung hat der zweite Bestandteil seinen alten Begriffsinhalt so ziemlich bewahrt und nur im Umfang die durch den Lauf der Geschichte bedingte Verschiebung erfahren. Eben deshalb aber bildet er kein geeignetes Korrelat zu dem neuen christlichen Begriff «Hellenen», sondern muß, um die Formel auch für christlichen Gebrauch verwendbar zu machen, ebenfalls eine Umbiegung erfahren. Es sind dann diejenigen Barbaren damit gemeint, die im Gegensatz zu den heidnischen Griechen an einen Gott glauben, d. h. die Juden und dann auch die Christen. Bei den Apologeten bedeutet also «Hellenen und Barbaren» vielfach «heidnische Griechen (Heiden) und Juden oder Christen». Tatian z. B., ein gebürtiger Syrer, schließt seine an «Hellenen» gehaltene Ansprache folgendermaßen: «Diese Rede, o Hellenen, habe ich Tatianus zusammengestellt, der ich mich der Philosophie der Barbaren angeschlossen habe, geboren im Lande der Assyrier, erzogen zuerst in euerem Glauben, dann aber in dem, den ich jetzt bekenne und verkünde». Diese «barbarische Philosophie» ist eben der aus dem Judentum hervorgegangene christliche Glaube. Justinus Martyr stellt dem Hellenen Sokrates unter den Barbaren Jesus Christus oder an einer anderen Stelle Abraham und andere Juden gegenüber. Kam es auf die zahlreichen Völker wie die Ägypter, Inder, Babylonier, Skythen usw. an, die bei solcher Begriffsverengerung ausgeschlossen blieben, so konnte durch einen Zusatz auf sie hingewiesen werden: für die Hellenen waren es «die übrigen Barbaren» (nämlich abgesehen von Juden und Christen), für die Christen wiederum «die übrigen heidnischen Völker» (abgesehen von den Hellenen). Ja selbst eine Vermischung beider Standpunkte ist möglich, wenn z. B. Clemens aufzählt: «Unsere Propheten, die alten Hellenen und die übrigen (d. h. die heidnischen) Barbaren».

Die alte Formel lebt also noch und wird von dem hellenisierten Christentum für die Einteilung der Menschheit verwendet.

Aber wieder hat durch eine mächtige geistige Bewegung eine Umwertung platzgegriffen und die Begriffsverwirrung abermals Fortschritte gemacht. Denn unter den «Barbaren» verbergen sich jetzt auch getaufte Griechen und Römer, der Titel «Hellenen» aber kann von Christen auch heidnischen Barbaren verliehen werden. Vor Alexander war mit der Formel «Hellenen und Barbaren» eine nationale Scheidung gemeint, nach ihm bedeutete sie auch die Trennung nach dem Kulturgrade in Gebildete und Ungebildete, jetzt teilt sich die Menschheit nach der Weltanschauung in Bekenner des Heidentums und des jüdisch-christlich.

Der Umstand nun, daß sich diese drei Anschauungen nicht einfach ablösten, sondern nebeneinander fortbestehen und sich gegenseitig durchdringen, hat jenes Schwanken der Wortbedeutung zur Folge gehabt, das fast in jedem Einzelfall eine genauere Untersuchung notwendig macht. So ist, um nur dieses eine Beispiel anzuführen, Tatian, der ja unter «Hellenen» an zahlreichen Stellen «Heiden» versteht, zu Beginn seiner Rede in Verlegenheit, wen er als Hellenen bezeichnen soll, da die Dorer, Attiker, Aioler und Ionier in der Sprache nicht übereinstimmen. Ist er also hier in die nationale Auffassung zurückverfallen, so nennt er an einer anderen Stelle seine Zuhörer die «Gebildeten» im Gegensatz zu der vermeintlichen Unkultur der barbarischen Christen. Von diesem Schwanken hat sich der Sprachgebrauch nie mehr befreit, im Gegenteil, die Verwirrung ist später noch größer geworden.

Wenn nun die Christen sich als eigenes Volk betrachteten und auch so angesehen wurden, so ergab sich von selbst die Frage nach ihrem Verhältnis zum römischen Reich . Ihre Religion war nicht die erste, die, die nationalen Grenzen überschreitend, der Universalität und dem religiösen Individualismus zustrebte. Im Orient war dieser Prozeß längst angebahnt und der Weg in die Welt von der ägyptischen Religion, dem Kult der Magna Mater, der Sonnenanbetung, dem Judentum eingeschlagen, Aber diese Religionen drangen auch in der Fremde entweder nicht weit über die Grenzen ihres Volkstums vor, oder sie standen nicht im Gegensatz zum Kaiserkult und wurden daher von der Staatsreligion aufgesogen und assimiliert. Das Christentum allein besaß die Fähigkeit, selbständig die Welt zu erobern und sich mit eiserner Konsequenz der Staatsreligion als unabhängiger Faktor entgegenzustellen. Da die Gläubigen infolge religiöser Bedenken auch keine Ämter bekleiden, keinen Militärdienst leisten wollten und sich außerdem durch ihre geheimen Zusammenkünfte verdächtig machten, wurden sie als Feinde des Staates angesehen und grausam verfolgt. In Wahrheit aber haben sie die staatlichen Einrichtungen nie bekämpft, im Gegenteil Gehorsam gegen die von Gott eingesetzte Obrigkeit gefordert, so daß die Apologeten nicht ohne Berechtigung die Loyalität der Christen betonen können,- denn den haßerfüllten Ergüssen der Jüdisch-christlichen apokalyptischen Literatur stand die Kirche als solche fern. Als Akt nationaler Notwehr war die Christenverfolgung also nicht am Platze, da ein nationaler Gegensatz eigentlich nicht bestand.

Das Wachstum des Reiches hatte es mit sich gebracht, daß es den Namen eines Nationalstaates nur noch in uneigentlichem Sinne verdiente, da es alle Völker der bewohnten Erde zu vereinigen sucht, also einen Weltstaat darstellt, der durch Ausbreitung des römischen Bürgerrechtes nur äußerlich die Form eines Nationalstaates angenommen hat. Wohl aber wird in diesem Weltreich die durch die griechische Philosophie erzeugte Vorstellung von der wesentlichen Einheit des Menschengeschlechts in gewissem Sinne in die Wirklichkeit umgesetzt. Da nun das Ziel der Kirche ein ähnlich weltumspannendes ist, tritt die Wahlverwandtschaft zwischen beiden immer mehr hervor, nur daß das christliche Ideal das Reich Gottes ist und jeder Erdbewohner, wes Stammes er auch sei, als Bruder angesehen wird, dem die Pforten der Kirche offen stehen. Denn «für Gott ist diese Welt ein Haus». Es handelt sich somit das eine Mal um materielle, das andere Mal um geistige Interessen, und diese Bestrebungen sind einander daher nicht entgegen gesetzt, sondern laufen parallel, ja sie könnten sich, miteinander versöhnt, ganz gewaltig unterstützen. Dies beweist die Kirche gerade auf nationalem Gebiete, das ihr im Grunde gleichgültig ist. Bei ihrer Weltmission war sie von vornherein auf eine Weltsprache angewiesen und hat sich seit Paulus unter dem Zeichen des Hellenismus verbreitet, um später im Westen den Pfaden der römischen Kultur zu folgen. So hat das Christentum einerseits die nationale Vorarbeit für sich genutzt, anderseits aber auch, insbesondere an den Reichsgrenzen, gewiß nicht unbeträchtlich zur Hellenisierung und Romanisierung beigetragen und so, freilich ohne Absicht, im Sinne des Staates und der Nation gewirkt. In einer Zeit, wo der Staat selbst immer unfähiger wurde, diese nationale’und kulturelle Arbeit aus eigenem zu leisten, bedeutete die Verfolgung des Christentums insofern auch eine Schädigung der nationalen Idee.

Dazu kam nun, daß auf religiösem wie auf philosophischem Gebiete der Monotheismus die Geister immer mehr gefangen nahm und keine Religion diesen Vorstellungen bei der Intelligenz wie bei dem einfachen Manne besser entgegenkam als die christliche, der Kampf des Staates gegen sie also immer aussichtsloser wurde. So war es ein erlösender und genialer Gedanke Kaiser Konstantins, den Christenglauben zur Staatsreligion zu erheben und die beiden ebenbürtigen Mächte, Weltstaat und Weltreligion, in eine Einheit zu verschmelzen. Dies und die Verlegung der Residenz nach Byzanz, das nach seinem zweiten Gründer den Namen Konstantinopel erhielt, bedeutet einen Wendepunkt nicht nur in der Geschichte des römischen Reiches, sondern auch in der Entwicklung des Hellenentums.

Text aus dem Buch: Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins (1923), Author: Jüthner, Julius.

Siehe auch:
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – Vorwort
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – I. Name und Begriff.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – II. Die Aufklärung des 5. Jahrhunderts.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – III. Platon und Aristoteles.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – IV. Makedonien und Alexanders Weltreich.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – V. Isokrates und die Anfänge des Attizismus.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VI. Hellenismus und Kosmopolitismus. Idealisierung der Barbarenvölker.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VII. Die Römer.

Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins

Wir haben den Siegeszug des Hellenismus nach Osten verfolgt und dabei zunächst außer acht gelassen, daß die kolonsatorische Tätigkeit der Griechen sich gleich von allem Anfang an, seit dem 8. Jahrhundert, auch nach dem fernen Westen, nach Italien und Sizilien erstreckte. Von den Völkern, die sie in diesen fremden Ländern antrafen, standen zwar die Tyrrhener auf einer höheren Kulturstufe, aber selbst sie und noch mehr die übrigen machten ihnen schon durch die Sprache und Sitten wohl einen ähnlich wilden und barbarischen Eindruck wie die Menschen in Thrakien oder am Schwarzen Meere- Doch macht sich im Laufe der Zeit der kulturelle Einfluß der griechischen Kolonien geltend. Das Alphabet wird von den Italikern nachgeahmt, die Maß- und Gewichtsordnung findet Eingang, das älteste Recht läßt die Einwirkung des griechischen von Unteritalien erkennen, und aus Religion und Mythos wird vieles herübergenommen. All dies sowie die zunehmende Ausbreitung der Kenntnis der griechischen Sprache bleibt anfangs allerdings auf die Oberschichte beschränkt, während das knorrige, allem Fremden abholde latinische Bauernvolk diesem Fortschritt noch verständnislos gegenübersteht. Auch die Griechen haben ihn zunächst nicht gewürdigt. Als sich Postumius bei den Verhandlungen mit den allerdings feindseligen Tarentinern der griechischen Sprache bediente, wurde er wegen der Sprachfehler, die ihm unterliefen, ausgelacht und die Gesandten als Barbaren beschimpft und aus der Versammlung vertrieben .

Eine entschiedene Wendung tritt bald darauf in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts ein, also mit dem Moment, wo die Römer zum erstenmal in politischen Gegensatz zu Hellas gerieten. Die griechische Stadt Tarent, mit der sie in Fehde lagen, ruft König Pyrrhus von Epirus zu Hilfe, und er ist der erste Hellene des Mutterlandes, der den Römern mit den Waffen entgegentritt. Die nähere Berührung zwischen Rom und Griechenland erfolgte also zu einer Zeit, da das alte nationale Hellenentum bereits ausgestorben und einem neueren, umfassenderen gewichen war. Pyrrhus ist der richtige Vertreter dieser neuen Zeit, ein hellenistischer Fürst, der selbst, ähnlich wie einst die makedonischen Könige, um seine Zugehörigkeit zum Griechenvolke kämpfen mußte und sich durch Zurückführung seines Stammbaumes auf Aiakos und Achill als Grieche zu legitimieren suchte. Er wird besiegt, Tarent eingenommen, und als hätte sich ein Einfallstor geöffnet, ergießt sich von hier eine Welle hellenischer Kultur über Italien: Großgriechenland liefert dem stolzen Rom seine ersten lateinischen Dichter, und die Anfänge der römischen Poesie, Übersetzungen und Bearbeitungen nach griechischen Originalen, zeigen völlige Abhängigkeit von der fremden Literatur.

Kein Wunder, wenn sich die Römer der Überlegenheit des Hellenentums derart gefangen geben, daß sie sich ganz auf den griechischen Standpunkt stellen und ihre eigene Sprache, das Latein, als barbarisch, sich selbst als Barbaren bezeichnen. Plautus gibt z. B. im Prolog der Asinaria den griechischen Namen des Stückes und den Verfasser an und fügt hinzu, Maccus —¦ worunter er selbst zu verstehen ist —‘ habe es ins Barbarische, d. h. ins Latein übertragen. An anderen Stellen nennt er Latium ein Barbarenland, die lateinischen Städte Praeneste und Signia barbarische Städte, die römischen Gesetze barbarische und den Dichter „‚Naevius einen Barbaren. Da damit sicherlich keine Herabsetzung beabsichtigt ist, kann hier mit dieser Bezeichnung nichts anderes gemeint sein als «nicht griechisch», vom Standpunkt des Griechen «fremd». Und so verwendet sie auch im 2. Jahrhundert der Römerfreund Polybios, wenn er den akarnanischen Gesandten Lykiskos, der die Lakedaimonier für Philipp gewinnen will, die Warnung aussprechen läßt, sich nicht mit den barbarischen, stammfremden Römern zu verbinden, um die stammverwandten Achaier und Makedonen zu bekämpfen. Die Stelle konnte daher von Livius ohne Arg benutzt werden, und auch Cicero nimmt keinen Anstand von barbarischen, d. h. lateinischen Endungen bei griechischen Wörtern zu sprechen. Einen solchen unverfänglichen Sprachgebrauch konnte man, namentlich von einem Römer selbst, hinnehmen.

Aber das Wort hatte nun einmal die ungünstige Nebenbedeutung, die von ihm nicht zu trennen war und in griechischem Munde aus dem verächtlichen Unterton gewiß deutlich herausklang, und so kam es, daß die Römer es schließlich als Schimpf empfanden, so genannt zu werden. Cato beklagt sich daher seinem Sohne gegenüber mit den Worten: «Die Griechen bezeichnen auch uns als Barbaren und beschmutzen uns noch mehr als andere mit der Benennung Opiker.» Das war nämlich ein italischer Volksstamm ( Osker), dessen Name offenbar von den Westgriechen auf die Römer übertragen wurde und diesen noch gehässiger klang als «Barbar». Der römische Nationalstolz wehrt sich auch sonst gegen das Barbarentum und strebt Gleichberechtigung mit den Griechen an, und in der Tat wird der Ausdruck schon im 2. Jahrhundert von den Römern so verwendet, daß sie selbst nicht mehr mit inbegriffen erscheinen. Lucilius ist, soviel wir sehen, der erste, der Römer und Barbaren gegenüberstellt, und dieser Gegensatz besteht auch sonst, wenn Griechen nicht weiter in Betracht kommen. Treten auch sie hinzu, so ergibt sich eine Dreiteilung, und von Cicero und späteren wird die Erde eingeteilt in «Griechenland, Italien, Barbarenland». In der Kaiserzeit ist dieser Sprachgebrauch bei römischen Schriftstellern so eingebürgert, daß es eine starke Abhängigkeit von der griechischen Quelle verrät, wenn der Philosoph Seneca im 1. Jahrhundert n. Chr. noch ganz im griechischen Sinne die Menschheit als Griechen und Barbaren zusammenfaßt.

Seit jener Neuerung erscheint dann der Ausdruck bar-bariis in ähnlich übertragener Verwendung, wie wir sie beim griechischen Worte beobachtet haben, insbesondere kann es bedeuten: «roh, wild, unkultiviert, ungebildet» oder, auf die Sprache bezogen: «fehlerhaft». Und nur in diesem letzteren Sinne kann es auch bei lateinisch sprechenden Griechen angewendet werden.

Begründet ist das Ausscheiden der Römer aus dem Kreise der Barbarenvölker einerseits in ihrer fortschreitenden Hellenisierung, anderseits in dem wachsenden politischen Übergewicht. Der Einzug griechischer Bildung und Kultur vollzog sich allerdings nicht ohne heftige Opposition, doch konnten die immer wieder auftretenden nationalen Gegenströmungen das siegreiche Vordringen des internationalen Hellenismus nicht aufhalten. Der strenge Cato, der die Gegenbewegung einleitete und die lateinische Prosa schuf, um die griechische entbehrlich zu machen, lernte selbst in vorgerücktem Alter die verhaßte Sprache, und ein erbitterter Gegner des griechischen Wesens und Schrifttums wie C. Marius, der zwar ein großer Feldherr, aber kein Mann von feinerer Bildung war, hatte keinerlei Einfluß auf die maßgebenden vornehmen Kreise.

Je mehr Rom als Beherrscherin der Welt in den Vordergrund trat, desto reicher wurde der Zuzug griechisch Sprechender und desto weiter verbreitete sich die Kenntnis der griechischen Sprache. Gesandte, Bittsteller, Vorgeladene erschienen, makedonische Prinzen und griechische Vornehme nahmen, gezwungen oder freiwillig, für längere Zeit Aufenthalt in Italien und empfingen und spendeten Anregung, ganz zu schweigen von dem Heere von Ärzten, Philosophen, Lehrern, Kaufleuten, Sklaven und Freigelassenen sowie Abenteurern aller Art, die für die unteren Schichten die Kulturträger abgaben. Daß sich darunter auch recht fragwürdige Elemente herandrängten, vermochte den Respekt vor der griechischen Kultur nicht zu beeinträchtigen, hatte aber die Bildung jenes Typus des «Graecülus» zur Folge, dessen unsympathischste Züge wohl übrigens vorwiegend griechisch sprechende Orientalen geliefert haben. National gesinnte Patrioten beobachten diese Entwicklung mit Besorgnis und befurchten vor allem auch eine moralische Schädigung des römischen Volkes. Einen besonders drastischen Ausdruck verleiht diesem Gedanken Ciceros Vater mit den Worten: «Unsere Leute ähneln den syrischen Sklaven: je besser einer Griechisch kann, desto schlechter ist er». Aber Tatsache war, daß man die zweite Sprache immer weniger entbehren konnte. Denn schon um nur den Aufführungen im Theater mit Verständnis folgen zu können, mußte man Griechisch verstehen und mit griechischen Verhältnissen, namentlich der Mythologie vertraut sein, denn die aus dem Griechischen übertragenen Stücke, Tragödien wie Komödien, wimmelten von Fremdwörten und Anspielungen, abgesehen davon, daß griechische Stücke auch in griechischer Sprache aufgefuhrt wurden. So wurde die römische Gesellschaft frühzeitig zweisprachig, und die ältesten Geschichtsschreiber, die Annalisten, konnten sich, da eine lateinische Prosa noch nicht ausgebildet war, in griechisch geschriebenen Werken an die Gebildeten wenden, unter denen gediegene Kenntnis des Griechischen durchaus keine Seltenheit war. Dem T. Quinctius Flamininus kam es bei der Einnahme von Theben sehr zustatten, daß er des Griechischen mächtig war, und seine Statue in Rom trug gar eine griechische Inschrift. L. Aemilius Paullus konnte sich dem Perseus gegenüber der griechischen Sprache bedienen, und geradezu Aufsehen erregte der Statthalter der Provinz Asia P. Licinius Crassus dadurch, daß er seine Rechtsprüche je nach den Parteien im Schriftgriechisch ebenso wie in einem der vier Dialekte verlautbaren konnte. Von anderen wird erzählt, daß sie die Sprache wie geborene Griechen beherrschten. Politiker halten vor Griechen griechische Reden, so z. B. Ti. Gracchus bei den Rhodiern oder Cicero vor dem Rate von Syrakus, auch schriftstellerisch wurde die fremde Sprache weiterhin gemeistert (Rutilius Rufus, Cn. Aufidius, L. Licinius Lucullus, Cicero), ja sogar an griechische Verse wagten sich Dichterlinge heran. Ähnliche Verhältnisse herrschen dann unter den römischen Kaisern, deren Vorliebe für das Griechische vielfach bezeugt ist.

Aber nicht nur die Sprache wurde eifrig gepflegt, sondern auch Lebensweise, Sitten und Einrichtungen nachgeahmt. So wird, um nur einiges anzuführen, das Wohnhaus nach griechischem Geschmack umgestaltet, indem neben den primitiven altitalischen Lichthof, das Atrium, der prächtige griechische Säulenhof, das Peristyl, trat, das mit griechischem Wandschmuck ausgestattet wurde. Die massenhafte Verschleppung griechischer Kunstwerke bot Gelegenheit, öffentliche und private Gebäude mit wertvollen Originalen zu schmücken. Die von den Griechen übernommene Sitte, bei Tisch zu liegen, hatte eine entsprechende Einrichtung der Speisesäle zur Folge. Nach griechischer Art wurde das Rasieren des Bartes eingeführt, und selbst der athletische Sport, der mit seiner Nacktheit und der Ölmassage dem römischen Geschmack eher zuwider war, fand Liebhaber, Schon Scipio Africanus erregte dadurch Ärgernis, daß er im Jahre 204 im Gymnasion von Syrakus in griechischer Tracht umherging und sich mit Literatur und palästrischen Übungen befaßte. Bald hatte denn jedes bessere Landhaus seinen Turnplatz, seine Palästra. Ja selbst der Totenkult erhielt durch Einführung von Grabschriften und Denkmälern neue Anregung. Neben vielem Guten hielt freilich auch manche bedenkliche Sitte, ja manches Laster seinen Einzug, was insbesondere Juvenal mit unerbittlicher Satire geißelt. Er findet es unerträglich, daß Rom in Sprache und Sitten eine griechische Stadt geworden ist.

Das Wichtigste aber war die Hellenisierung des Unterrichtes, wodurch das Griechische als unentbehrlicher Bildungsbestandteil für die Römer und für alle Folgezeit anerkannt war. In den vornehmen Familien Roms gehörte es zum guten Ton, einen griechischen Hofmeister, womöglich einen Philosophen, im Hause zu haben, und diese Leute gelangten dann infolge ihrer Bildung und Gewandtheit zu maßgebendem Einfluß. Griechische Freigelassene haben schon in der Umgebung des Pompeius und Cäsar, noch mehr unter den Kaisern des julisch-klaudischen Hauses und weiterhin eine wichtige Rolle gespielt. Hervorragende Lehrer der Philosophie und Rhetorik, desgleichen Grammatiker, die mit Vorträgen öffentlich auftraten, hatten großen Zulauf der römischen Jugend, und daran vermochten auch wiederholte Ausweisungen wenig zu ändern. So entwickelte sich seit Ämilius Paullus ein höherer, auf allgemeine Bildung hinzielender griechischer Unterricht. Natürlich setzte auch hier die nationale Opposition ein, und ein Freund des Marius, L. Plotius Gallus war es, der nicht ohne Erfolg die erste lateinische Rhetorenschule gründete. Aber da in dieser zwar die griechische Sprache und Literatur ausgeschlossen wurde, die Lehre und Methode aber genau die griechische war, so war damit doch wieder nur eine griechische Schule, wenn auch mit lateinischer Unterrichtssprache, gewonnen.

Damit hat das Bildungsideal, das seit Isokrates die griechische Schule beherrschte, auch in Rom seinen Hinzug gehalten. Auch dort wurde griechische Literatur, belebt durch mythologisches und historisches Wissen, vor allem aber Rhetorik nebst Philosophie gelehrt162). Ja es bürgerte sich bei der römischen Jugend der Brauch ein, die Heimstätten griechischer Bildung selbst aufzusuchen und auf den hohen Schulen Athens, von Rhodos oder Pergamon die Studien zu vertiefen. So haben es Cicero, Brutus, Cassius und Cäsar gehalten. Das Ergebnis dieser modernen römischen Erziehung war ein Aufgehen in jener hellenisch gefärbten internationalen Bildung, die seit Alexander die Welt erfüllte und nun auch das Römertum in ihren Machtbereich gezwungen hatte. Politisch hat Rom Griechenland geknechtet und seiner Freiheit beraubt, kulturell mußte es sich ihm unterwerfen. Graecia capta ferum victorem cepit singt Horaz (Epist. II 1. 156): Das unterjochte Griechenland hat den rauhen Sieger durch seine Kunst und Kultur gefangen genommen. Die Römer wurden ihrem Volkstum nicht entfremdet, wohl aber vom Hellenentum derart erfüllt, daß sie, wenigstens in den obersten Schichten, an allen seinen geistigen Bestrebungen lebhaften und bestimmenden Anteil nehmen konnten. Neuerungen und Moden auf dem Gebiete griechischer Bildung und Literatur wurden in Rom nicht nur getreulich mitgemacht, sondern Meinungsverschiedenheiten und Kämpfe vielfach hier, im Zentrum des Reiches, ausgetragen. Hier ward der Sieg des Attizismus erfochten, der das Schicksal der griechischen Sprache und Literatur für alle Zukunft entschieden hat.

Auf römischem Boden wurde denn auch der Begriff höherer Menschlichkeit nicht nur verständnisvoll aufgenommen, sondern ausgestaltet und vertieft. Von der Sophistik angeregt, ist die Idee, wie wir sahen, durch Isokrates zunächst in dem engeren Rahmen des Hellenentums ausgebaut worden, um erst von den Stoikern auf die ganze Menschheit ausgedehnt zu werden. Durch einen namhaften Vertreter dieser Schule, Panaitios, wird der vornehme und gebildete Kreis des jungen Scipio für den Gedanken gewonnen, und hier erlangte jener Begriff die Mannigfaltigkeit und Vielseitigkeit, wie sie sich in den ciceronianisdien Schriften widerspiegelt. Er umfaßt jetzt jegliche Art wohlwollender Rücksicht gegen die Nebenmenschen ebenso wie alle geselligen Vorzüge und die Schönheiten der äußeren Formen, vor allem aber alle ernsten Früchte der Muße: Bildung und Gelehrsamkeit, Sinn für das Schöne in Dichtung und bildender Kunst, ja auch Lust zu eigenem literarischen Schaffen. Dem schroffen nationalen Römertum, wie es der alte Cato vertreten hatte, wird jetzt das Menschentum zwar nicht entgegengesetzt, aber doch als gewissermaßen übergeordneter Begriff an die Seite gestellt. Damit ist aber das völkische Moment eigentlich ausgeschaltet und ersetzt durch das kulturelLmoralische, wodurch die Bewertung des Menschen von Abstammung und Nationalität unabhängig gemacht und daher auch für die Römer das schmerzliche Schwanken in der Auffassung ihres Verhältnisses zum Barbarentum beendigt und die ganze Rassenfrage gegenstandslos wird. Daher die Erwägung Ciceros (Rep. 1. 58):

«War Romulus König von Barbaren? Wenn die Griechen mit Recht alle Menschen in Hellenen und Barbaren einteilen, dann, glaube ich, war er König von Barbaren wenn dieser Name aber auf die Sitten, nicht auf die Sprache zu beziehen ist, dann halte ich die Griechen für nicht minder barbarisch als die Römer».

Selbstredend gilt ihm nur die zweite Alternative, und er will sagen, daß bei den Griechen ebenso wie bei den Römern nur eine kleine Schar Auserlesener den Anforderungen feiner Gesittung genügt und sich dadurch aus der allgemeinen Barbarei erhebt.

Für diese die ganze Menschheit ohne Unterschied der Abstammung verbindende Gesinnung und Gesittung stellt sich in Rom auch der Name ein, der sich seitdem bis auf den heutigen Tag erhalten hat: humanitas, Humanität, während inhumanus das unsympathische Wort «Barbar» ersetzen kann. Isokrates glaubte noch mit dem Ausdruck paideia, Bildung, das Auslangen zu finden, doch mußte bald noch ein zweiter, philanthropia, Menschenfreundlichkeit, zu Hilfe genommen werden, an den sich der lateinische Name offenbar anlehnt, der Bedeutung nach aber beides zusammenfaßt. Freilich verführt der Wortsinn von humanitas das Volk dazu, den Begriff vielfach auf das eine Gebiet einzuengen und die Bedeutung «Bildung» mehr zurücktreten zu lassen, so daß diese erst wieder in Erinnerung gebracht werden mußte.

So stand das gebildete Rom ganz im Banne des Hellenist mus und hatte sich auf diese Weise auch in den Augen einsichtiger Griechen aus dem Barbarentum emporgearbeitet, ja es hat im Osten politisch die Aufgabe übernommen an Stelle der Griechen, die dies nicht mehr vermochten, die hellenische Kultur und Gesittung gegen den Ansturm östlicher Barbarenstämme zu verteidigen. Wäre Cäsar nicht den Dolchen der Verschwörer erlegen, so wäre auch das hellenische Königtum nach Rom verpflanzt worden. Erst Oktavian lenkte in national-römischem Sinne ein, und in der Schlacht bei Aktium prallen die beiden gegensätzlichen Strömungen: die westliche nationale und die hellenisch-orientalische aufeinander, und hier entschied es sich, daß das römische Element im Reiche die Oberhand behielt. Der Prozeß wurde dadurch freilich nur unterbrochen, nicht aufgehalten.

Die Hellenisierung Roms zeigt große Ähnlichkeit mit der Makedoniens. Hier wie dort ein mächtiges, ursprünglich barbarisches Reich, das die Herrschaft über Hellas erlangt, aber seine Kultur übernommen hat. Makedonien hat außerdem auch die Sprache angenommen und ist so ganz im Hellenentum aufgegangen. Dieses nach dem Osten zu tragen war seine historische Mission, während Rom, das seine nationale Eigenart voll bewahrt hat, die Aufgabe übernahm, den westlichen und nördlichen Provinzen die griechisch-römische Kultur zu vermitteln. Ebenso wie Makedonien unter diesen Umständen nicht auf die Dauer als Barbarenland gelten konnte, mußte auch Rom, die Beherrscherin der Welt, schließlich im Kulturverbande des Hellenismus als gleichwertiges Glied anerkannt werden.

Offiziell erfolgte diese Anerkennung sogar lange vor der Unterwerfung Griechenlands, im Jahre 229, als die Römer unter dem Jubel von Hellas das Adriatische Meer von der Plage der illyrischen Piraten befreit hatten. Die Korinther beeilten sich damals, die Befreier durch Zulassung zu den isthmischen Spielen als Landsleute anzuerkennen, und sie verliehen auch einem Römer namens Plautus den Siegeskranz im Stadionlauf. Auch die Athener schlossen Freundschaft und gewährten ihnen das Bürgerrecht und die Teilnahme an den eleusinischen Mysterien, von derBarbaren ausgeschlossen waren. Während von da ab auch bei anderen Festspielen Römer zugelassen wurden, scheint man in Olympia anfangs zurückhaltender gewesen zu sein,- denn der erste römische Olympionike, von dem wir erfahren, war der Stiefsohn des Augustus, der spätere Kaiser Tiberius, der wahrscheinlich im Jahre 1 n. Chr. im Wettrennen mit dem Viergespann den Sieg davontrug. Später trat Kaiser Nero im Sängerwettkampf zu Olympia auf. Wenn kein Römer unter den Siegern im Stadionlauf vorkommt, nach denen die Olympiade den Namen erhielt, so mag dies mit der Unzulänglichkeit der Römer im athletischen Sport Zusammenhängen.

Diese offizielle Gleichstellung des fremden Volkes scheint aber dessen Gleichwertigkeit nicht ganz außer Frage gestellt zu haben, denn sonst hätten es die römischen Annalisten und in Anlehnung an sie römerfreundliche griechische Literaten nicht nötig gehabt, immer wieder von neuem den Nachweis zu versuchen. Eine offenkundige Liebedienerei ist es allerdings, wenn Aristodemos von Nysa, der Erzieher der Söhne des Pompeius, den Homer auf Grund des Vergleiches römischer Sitten für einen Römer erklärt. Ernste wissenschaftliche Gründe hingegen glaubt, wie wir sehen werden, in augusteischer Zeit Dionysios von Halikarnaß vorzubringen und verficht in der Einleitung zu seiner römischen Geschichte (I 5. 3) mit großem Eifer die Behauptung, daß die Römer von Anfang an in Ansehung der Frömmigkeit, Gerechtigkeit, Gesittung und kriegerischen Tüchtigkeit mit keinem griechischen oder barbarischen Volke den Vergleich zu scheuen hätten. Ein anderer Verfechter dieses Gedankens ist Plutarch, der in seinen Parallelbiographien den Versuch unternimmt, hervorragende Griechen und Römer als Angehörige ebenbürtiger Völker einander gegenüberzustellen, nachdem vorher schon der Kritiker Caecilius von Kaleakte in einer verlorenen Schrift die beiden größten Redner Demosthenes und Cicero in ihren Leistungen miteinander verglichen hatte.

Aber man geht noch weiter und versucht geradezu die Verwandtschaft der Römer mit den Griechen nachzuweisen, und zwar werden zu diesem Zwecke wie bei den Makedonen vornehmlich zwei Gründe ins Treffen geführt: die Verwandtschaft der Abstammung und die Verwandtschaft der Sprache.

Was den ersten Punkt anbelangt, so war in der Äneaslegende eine Anknüpfung an altgriechische Traditionen gegeben, die aber freilich nicht direkt zum Ziele führte. Der Troer Äneas, der Sohn des Anchises und der Aphrodite, hatte nach der schließlichen Fassung der Sage das brennende Troja mit seinem greisen Vater und seinem jugendlichen Sohne verlassen und ist unter Mitnahme der Heiligtümer der Stadt nach langen Irrfahrten auf italischem Boden gelandet. Dort gründete er mit seinen Trojanern die Stadt Lavinium und wurde der Ahnherr der Römer. Diese Erzählung ist verhältnismäßig jung. Bei Homer bleibt Äneas noch im Lande, Stesichoros erwähnt seine Ausfahrt mit Vater und Sohn gegen Hesperien, aber erst bei Timaios (um 300 v. Chr.) ist die Sage im wesentlichen abgeschlossen, um dann von den römischen Dichtern und Historikern im einzelnen ausgestaltet zu werden.

Damit war den Römern ein altehrwürdiger, vornehmer Stammbaum gesichert, aber hellenische Ahnen brachte er ihnen nicht: Äneas war ein Trojaner, also ein Barbar, und durch diesen Stammheros schien somit das Barbarentum des stolzen Volkes erst recht unterstrichen. Das Merkwürdige ist nun, daß keinerlei Versuch gemacht wurde, diese Tatsache zu verwischen oder zu beschönigen, daß die Äneaslegende vielmehr beim ganzen Volke, den Nationalisten wie den Philhellenen, in großem Ansehen stand und die Adelsfamilien Roms keinen größeren Ehrgeiz kannten, als ihren Stammbaum bis auf die Trojaner zurückzuführen. Ohne Scheu wird in der Literatur, auch bei den das julische Geschlecht verherrlichenden Dichtem, sogar der Ausdruck «barbarisch» mit Bezug auf die Trojaner angewendet und kein Bedenken getragen, Äneas den «Phiyger» zu heißen, obwohl «phrygisch» und «barbarisch» geradezu gleichbedeutend gebraucht wurde und dieser Volksstamm hauptsächlich dadurch bekannt war, daß er die trägsten und beschränktesten Sklaven lieferte. Es war eben zu klar, daß bei diesen Bezeichnungen die ungünstige Bedeutung gar nicht in Betracht kam, sondern lediglich vom Standpunkt der Griechen die Stammesverschiedenheit gekennzeichnet wurde, wobei immer die Hauptsache blieb, daß die Ahnen der Römer einem Volke angehörten, das den Griechen dereinst gleich geachtet gegenüberstand, mit dem sie vor tausend Jahren in schweren Kämpfen hatten ringen müssen.

Der römische Stammheld Äneas, ein zweiter Odysseus, war also zwar kein Grieche, aber den griechischen Helden vollkommen ebenbürtig. Der völkisch gesinnte Römer konnte sich diesem Bewußtsein mit Genugtuung hingeben und gerade diese Verschiedenheit der Abstammung dem vordringenden Hellenentum gegenüber betonen, der Philhellene sich der wohlwollenden Schilderung der Troer bei Homer und im Mythos erinnern und vor allem die alles überstrahlende Tatsache im Auge behalten, daß Äneas schließlich der Sohn einer griechischen Göttin war. Wenn Cäsar auf die Abstammung seines Geschlechtes von Äneas Sohn Iulus solches Gewicht legte, so sonnte er sich in dem Glanze seiner Stammutter, der Venus genetrix, und hatte gewiß nicht das Gefühl, dem Antonius nachzustehen, der sich stolz einen Nachkommen des Herakles nannte,- und wenn der Philhellene T. Quinctius Flamininus, der erste Römer, dem die Griechen göttliche Ehren erwiesen, auf einem Weihgeschenk in Delphi sich und sein Volk als Aineaden bezeichnete, so wollte er sich damit gewiß nicht als minderwertigen Barbaren hinstellen. Im Gegenteil, man hat in solchen Fällen das Gefühl, als würde Äneas wie ein Grieche angesehen, und ist daher auch nicht verwundert, wenn der Römerfreund Dionysios von Halikarnaß die Trojaner zu den «griechischesten Völkern» rechnet. Daß Ilion und die Troas in römischer Zeit längst hellenisiert und die zugehörigen Städte griechisch verwaltet waren, mag diese Auffassung unterstützt haben.

Der uralte politische Gegensatz bleibt davon allerdings unberührt, und es war in der Tat auf griechischer wie auf römischer Seite üblich gewordenem dieser Hinsicht die Gegenwart mit der Vorzeit in Beziehung zu setzen, ja die Verwandtschaft der Römer mit den Trojanern politisch geltend zu machen. So soll sich Pyrrhus von Epirus bei seinem Zuge gegen die Römer daran erinnert haben, daß er als Nachkomme des Achilleus gegen Abkömmlinge der Troer zu Felde ziehe, und in der gleichen Auffassung bewegt sich der zeitgenössische Dichter Lykophron, wenn er in der ihm eigenen Rätselsprache die trojanische Seherin Kassandra den Gegner des Pyrrhus Fabricius als ihren Bruder bezeichnen läßt. Einem König Seleukos von Syrien, wahrscheinlich dem II. Kallinikos, haben die Römer gegen 243 v. Chr. nur unter der Bedingung das erbetene Freundschaftsbündnis gewährt, daß er die ihnen verwandten Bewohner von Ilion von jeglicher Abgabe befreite. Den Akarnanen halfen bald darauf die Römer gegen die Aitoler mit Rücksicht auf die von ihnen vorgebrachte Tatsache, daß sie allein unter den Griechen nicht gegen Troja gezogen waren. Ganz besonders wertvoll aber wurde die alte Verwandtschaft, als ein Orakelspruch den Sieg über Hannibal von dem Besitz des heiligen Steines der Göttermutter abhängig machte. Um ihn aus Pessinus in Phrygien zu erlangen, machten die Römer mit Erfolg ihre Abstammung von dem «Phryger» Äneas geltend. So wurde diese Sage politisch verwertet. Mochte somit die Äneaslegende für Griechenschwärmer eine Quelle nationalen Stolzes gewesen sein, hellenische Abstammung bewies sie jedenfalls nicht. Wer diese geltend machen wollte, mußte andere Sagen und Traditionen heranziehen.

Solche Sagenformen aber, welche nicht den flüchtigen Trojanern, sondern den heimkehrenden Achäern oder anderen Griechen die Besiedelung Italiens zuschrieben, gab es seit Hesiod, wenn sie auch später von der zur Alleinherrschaft gelangten Äneaslegende verdrängt wurden. Natürlich stand ursprünglich der Seefahrer Odysseus im Vordergrund, ward aber schon im 5. Jahrh. v. Chr. von Hellanikos mit Äneas bei der Gründung von Rom zusammengebracht. Andere, vor allem Aristoteles, sprechen im allgemeinen von Achäern, und ähnlich bezeichnen römische Annalisten wie Cato und C. Sem-pronius Tuditanus die Aboriginer als Hellenen, die viele Menschenalter vor dem Trojanischen Krieg aus Achaia ausgewandert waren. Seit Fabius Pictor aber wird erzählt, daß der Arkader Euandros 60 Jahre vor dem Trojanischen Kriege die älteste Ansiedlung auf dem Palatium gegründet habe, er habe den Barbaren das äolische Griechisch übermittelt und diese Sprache sei auch von Romulus und seinen Leuten verstanden worden. Im Hinblick auf solche Gründungssagen konnte dann Rom von Griechen und Römern als hellenische Stadt, ihre Bewohner als Griechen angesehen werden. Dies tat der Platonschüler Herakleides Pontikos, der römische Annalist Coelius, Dionysios von Halikarnaß und Kaiser Julian. Und daß diese Auffassung auf griechischer Seite sogar offizielle Beachtung fand, beweist das Vorgehen des Demetrios Poliorketes, der gefangene Seeräuber aus Antium den Römern mit dem Bemerken zurücksandte, er schenke ihnen wegen ihrer Verwandtschaft mit den Griechen das Leben.

Sicherlich wurde von seiten der Römer auch diese Chance politisch ausgenutzt, wie ja der Kampf um die politische Obmacht im Osten vielfach ein Kampf um die Seele des hellenischen Volkes war. Schon Philipp von Makedonien hatte richtig gefühlt, daß den Griechen seine Herrschaft erträglicher erscheinen werde, wenn sie ihn als zugehörig anerkannten, und dies blieb die Politik seiner Nachfolger und der später hervortretenden asiatischen Machthaber. Der rührige Mithradates von Pontos gab sich als hellenischer Fürst und Vorkämpfer des Griechentums, und selbst die siegreich Vordringenden barbarischen Parther suchten vor allem das Vertrauen der Hellenen zu gewinnen. Auch die Römer konnten den gleichen Zweck um so leichter erreichen, wenn sie durch eine uralte Verwandtschaft unterstützt wurden. Dagegen lag es im Interesse politischer Gegner, solche Traditionen zu bekämpfen, und es ist eine ansprechende Vermutung, daß zu letzterem Zwecke von einem oppositionellen griechischen Schriftsteller die Erzählung von jenem in mehrfacher Hinsicht rätselhaften Asyl erfunden wurde, das Romulus eröffnet haben soll, um die neugegründete Stadt zu bevölkern. Die ersten Römer sollten dadurch im Gegensatz zu den landläufigen Sagen als hergelaufenes barbarisches und sklavisches Gesindel hingestellt werden.

Gegen solche Behauptungen wendet sich in begeisterter Schwärmerei für das Römervolk der schon wiederholt genannte Dionysios von Halikarnaß, der es in der Einleitung zu seiner römischen Altertumskunde als einen Hauptzweck seines Werkes hinstellt, die Unrichtigkeit jener Ansicht nachzuweisen, und ausdrücklich verspricht zu zeigen, «daß die Gründer Roms Hellenen sind und daß die Stämme, aus denen sie sich vereinigten, keineswegs zu den geringsten und schlechtesten gehören». Rom sei eben eine hellenische Stadt, deren Bewohner sich zusammensetzten aus Pelasgern, den Arkadern unter Euandros, den Peloponnesiern mit Herakles, schließlich den Trojanern, die sich den vorigen zugesellten, lauter Völkerschaften, die, wie er sagt, zu den ältesten und hellenischesten gehören. Nach seiner Ansicht können die Römer gar keine Barbaren sein, da sie sonst während ihrer bereits sieben Generationen währenden Herrschaft das hellenische Volk hätten barbarisieren müssen .

Solche nebelhafte Rekonstruktionen der Urgeschichte schienen eine gewichtige Bestätigung durch die Beobachtung der Sprache zu erhalten, die in Rom gesprochen wurde. Der Grieche, der im 2. Jahrhundert v. Chr. oder später die Reichshauptstadt besuchte, konnte sich dort wie zu Hause fühlen. In den vornehmen Häusern, in denen er Aufnahme fand, konnte er sich nicht nur in seiner Muttersprache verständigen, sondern er fand auch Interesse und Verständnis für alle geistigen Bestrebungen seines Volkes. Griechische Gesandtschaften, z. B. die drei Philosophen mit Karneades an der Spitze, die 155 v. Chr. nach Rom kamen, konnten sich vor dem Senate ihrer Sprache bedienen. Zwar wurden ihre Reden von einem Dolmetsch ins Lateinische übertragen, doch war das nur eine Formalität,-ihre sonst gehaltenen Prunkvorträge hatten großen Zulauf, und so konnten sie sicherlich auch im Senat an der gespannten Aufmerksamkeit der Zuhörer erkennen, daß sie unmittelbar verstanden wurden. Und so hat denn schon Sulla die Anhörung fremder Gesandten auch ohne Dolmetsch gestattet, und von Claudius und Nero wird uns berichtet, daß sie selbst sich gelegentlich, entgegen der strengen Regel, der griechischen Sprache

bedient haben. Infolge der weiten Verbreitung griechischer Sprachkenntnis konnte Rom bei oberflächlicher Betrachtung in der Tat den Eindruck einer griechischen Stadt machen, zumal auch der Name einen gut griechischen Klang hatte (rhome = Stärke).

Indes die Sprache des Volkes war doch lateinisch, also ein barbarisches Idiom! Aber auch da wußten die griechischen Verehrer der Römer Rat. Das Latein ist gar keine fremde Sprache, behaupteten sie, sondern es ist ein griechischer Dialekt. So verfaßte der jüngere Tyrannio, ein Freigelassener von Ciceros Gattin Terentia, ein Buch mit dem Nachweis, daß der römische Dialekt aus dem Griechischen stamme, und nach Dionysios ist die Sprache der Römer weder durchaus barbarisch, noch völlig griechisch, sondern eine Art Gemisch aus beiden, und zwar größtenteils äolisch. Die vielen Beimengungen hatten nur die eine Folge, daß die richtige Aussprache der Laute gelitten hat. Also mit anderen Worten, das Latein ist ein verderbtes Griechisch.

Diese Behauptung wird nicht näher begründet, aber es ist klar, daß sie auf der Beobachtung der in die Augen springenden Übereinstimmungen beruht. Abgesehen von solchen, die in der indogermanischen Verwandtschaft der beiden Sprachen ihren Grund haben, wie pater fero ego, sind es vor allem gegenseitige Entlehnungen aus einer Sprache in die andere. Die Hellenisierung Roms führte natürlich eine Flut von griechischen Wörtern in die lateinische Sprache ein. Wir wissen, daß fremde Einrichtungen in der Regel samt der fremden Terminologie übernommen werden. So sind unsere militärischen und diplomatischen Termini französisch, die der Musik und des Handels italienisch, die sportlichen Bezeichnungen englisch. Nun verdanken aber die Römer, abgesehen vom Staatswesen, dem Militär und dem Recht, so ziemlich auf allen Gebieten menschlicher Betätigung, namentlich in Kunst und Wissenschaft, den Griechen grundlegende Förderung, kein Wunder, wenn ihre Sprache hiervon reichliche Spuren trägt.

Erst in zweiter Linie steht dann umgekehrt die Aufnahme lateinischer Wörter ins Griechische, die, anfangs von geringem Belang, mit zunehmendem politischen Einfluß der Römer an Bedeutung gewann. Ein stetes Hindernis bildete hier die große Empfindlichkeit des griechischen Ohres gegen fremde Laute und das Bestreben der Gebildeten, ihre Sprache von Barbarismen rein zu erhalten und fremde Ausdrücke daher, so gut es ging, in der eigenen Sprache wiederzugeben. Aber ganz freihalten konnte man sich davon nicht, da auch nur annähernd Gleichwertiges nicht immer zu Gebote stand. Voranging in der Verwendung italischer Wörter die sizilische Posse, und der dortige griechische Dialekt kam wohl nicht zuletzt aus diesem Grunde bei den Vertretern der feinen Schriftsprache in Verruf. Weitere Fortschritte machte dieser Prozeß mit der Ausbreitung der römischen Macht nach dem Osten. Die offi-zielle Amtssprache und die Sprache des siegreichen Heeres und der nachströmenden Kaufleute konnte in den eroberten Ländern nicht ohne Einfluß bleiben, und insbesondere waren es gewisse technische Ausdrücke, die als unübersetzbar in die griechische Sprache aufgenommen werden mußten und so auch den Hellenen geläufig wurden. Sie betrafen staatliche und militärische Einrichtungen, das Münzwesen, Maße und Gewichte, den Kalender und dergleichen. Von den griechisch schreibenden römischen Annalisten in die Literatur eingefuhrt, wurden sie auch von griechischen Schriftstellern wie Polybios, Dionysios, Plutarch, Cassius Dio u. a. übernommen und vermehrt. Es sind dies Schriftsteller, die sich nicht ängstlich gegen die Koine abschließen oder die aus Vorliebe für das Römertum wenigstens gelegentlich den streng attizistischen Standpunkt verlassen. Die Koine aber, die Verkehrssprache des gewöhnlichen Lebens, war dem fremden Einfluß besonders ausgesetzt, seitdem Hellas und der Orient von den Römern kolonisiert, von Soldaten, Verwaltungsbeamten, Steueraufsehern und Kaufleuten aus Rom überflutet wurde. Die Römer konnten freilich über die Tatsache nicht hinweggehen, daß das Griechische die allgemein verstandene Geschäftssprache war, sie waren auch klug genug, es sogar als offizielle Kanzlei- und Verwaltungssprache zuzulassen, neben welcher, wie wir insbesondere in Ägypten beobachten können, das dem Volke unverständliche Latein nur wenig zur Geltung kam aber da nun die Orientierung des gesamten Staatslebens romwärts ging und das ganze politische Denken daher notwendig romanisiert wurde, bleibt auch die Wirkung auf die Sprache nicht aus: sowohl die griechische Kanzlei- und amtliche Verkehrssprache wie auch insbesondere die Umgangssprache ward mit Latinismen aller Art durchsetzt und entfernte sich auch in dieser Hinsicht immer mehr von der mit peinlicher Sorgfalt von allen Barbarismen freigehaltenen attizistischen Schriftsprache.

Für uns ist dieses volkstümliche Idiom freilich so gut wie verschollen, nur in Ägypten, wo dieser römische Einfluß vielleicht am wenigsten durchgreifend, wenn auch immerhin merklich war, ist es uns in den reichen Papyrusfunden lebendig geworden, während wir sonst auf einzelne Inschriften, vor allem aber auf die Sprache der Evangelien und der Apostelgeschichte angewiesen sind, deren auffällig reichliche Latinismen eben dadurch möglich waren, daß uns hier Denkmäler der von attischem Purismus freien Volkssprache vorliegen.

So hatten sich die beiden urverwandten Sprachen im Laufe der Entwicklung äußerlich stark angeglichen, und da somit das Latein eine Unzahl von Wörtern enthielt, die dem Griechen unmittelbar verständlich waren, so hatte die Behauptung von dessen griechischem Ursprung einen gewissen Schein der Möglichkeit für sich, ja es klang nicht einmal übertrieben, wenn Übereifrige sogar den Versuch machten, echt lateinische Ausdrücke aus dem Griechischen abzuleiten.

Aber im Grunde beweisen alle diese Versuche, die Römer zu echten Griechen zu stempeln, doch nur, daß die im hellenischen Volk, namentlich bei den Gebildeten verbreitete Ansicht die gegenteilige war. Für den selbstbewußten Sohn der alten Kulturnation bedeutete das Hellenentum den von keinem anderen Volke erreichten Gipfelpunkt der Bildung und Zivilisation, und auch der Römer blieb ihm daher trotz seiner Macht der minderwertige Fremde, der Barbar, wenn er ihm auch infolge der Verwandtschaft der Rasse und Sprache näher stand als etwa ein hellenisierter Syrer, Jude oder Ägypter. Dieser Gegensatz war nur durch die äußeren Verhältnisse, das Übergewicht des herrschenden Volkes und die Ohnmacht des geknechteten Griechenlands einigermaßen in den Hintergrund gedrängt, doch fanden sich zu allen Zeiten national fühlende Männer, die den Gegensatz hervorkehrten und ihrer Abneigung Ausdruck verliehen. Besonders pedantisch erweist sich in dieser Richtung der Philosoph Apollonios von Tyana, der im 1. Jahrh. n. Chr. als hellenischer Heiland umherzog. Er sprach in einem Briefe an die Bewohner von Smyrna seine Mißbilligung über den Barbarismus aus, daß sie in einen Gemeindebeschluß den römischen Namen Lucullus aufgenommen hatten, und er tadelte überhaupt die Sitte, statt der guten alten griechischen Namen neue römische anzunehmen.

Weitere Kreise ergriff diese oppositionelle Gesinnung, wenn der von seiten Roms ausgeübte politische Druck zeitweilig nachließ. Da stellte sich gleich wieder der alte Dünkel ein. Dies zeigte sich besonders, als der Philhellenismus Hadrians und der Antonine dem schwergeprüften, wirtschaftlich ausgebeuteten Hellas eine gewisse äußerliche Wohlfahrt, den Schein einer Autonomie und die Möglichkeit einer letzten Blüte schaffte. Dies hob das Nationalbewußtsein des Volkes und wendete seinen Blick zurück nach der ruhmreichen Vergangenheit, den alten Sitten und Einrichtungen und der alten Reinheit der Sprache. Mit dieser romantischen Schwärmerei verbindet sich naturgemäß ein vornehmes Hinwegsehen über die tatsächlichen drückenden Verhältnisse oder gar ein deutlich ausgesprochener Widerwille gegen die fremden Machthaber. Das war die Gesinnung, die aus manchen Werken der sogenannten zweiten Sophistik herauszufühlen ist, mag sie auch durch verbindliche Verbeugungen gegen das Siegervolk aufgewogen sein. Selbst Aristeides, der in festlicher Rede vom Lobe des Römertums überfließt, kann sich einen richtigen Kaiser ohne die Tugend des Philhellenismus nicht vorstellen. Der Syrer Lukian, der im Nigrinus und De mercede conductis seiner Antipathie gegen die Römer besonders deutlichen Ausdruck verlieh, hat allerdings im hohen Alter aus praktischen Gründen eingelenkt. Seine Stellungnahme ist auch sonst inkonsequent. Einmal findet er es lächerlich, lateinische Namen dadurch auszumerzen, daß man sie gräzisiert, und er verspottet einen attischen Historiker, der aus einem Saturninus einen Kronios, aus einem Fronto einen Phrontis, aus einem Titianus einen Titanios macht,- ein andermal aber vertauscht er seinen eigenen römischen Namen mit dem Schriftstellernamen Lykinos. Wie tief eingewurzelt übrigens die Vorstellung von dem Barbarentum der Römer war, beweist der Umstand, daß noch im 5. Jahrhundert ein christlicher Schriftsteller Theodoret an der bereits verwerteten Stelle, wo er den Barbaren Kunst und Wissenschaff und eine größere Weisheit als den Hellenen zuschreibt, unter den ersteren neben Indern, Ismaeliten und Ägyptern auch die Römer namhaft macht.

So bleibt bei den griechischen Literaten die kulturelle Gleichberechtigung der Römer und ihre Zugehörigkeit zum Hellenentum vielfach bestritten. Eben deshalb aber ist die Formel «Hellenen und Barbaren» längst unklar und zur Bezeichnung der ganzen Menschheit ungeeignet, da sie gerade die herrschende Nation nicht unzweideutig berücksichtigt. Sie unter den «Hellenen» mitzuverstehen verbot schon der landläufige Wortsinn, und bezog man den Namen nur auf Griechen von Geburt und Sprache, so blieben die Römer außer Betracht oder zählten gar als Barbaren. Den Römerfreunden unter den Griechen blieb also nichts anderes übrig, als jeneDreiteilung in «Griechen, Römer, Barbaren» zu übernehmen, die längst bei den römischen Schriftstellern üblich war. Cassius Dio (3. Jahrh. n. Chr.) z. B. gebraucht zur Bezeichnung der ganzen Menschheit die Wendung: «Die Hellenen und die Barbaren und auch die Römer selbst», und diese so erweiterte Formel wird nun neben der einfacheren älteren bis in die byzantinische Zeit angewendet.

Diese Berücksichtigung der Römer bei der Einteilung des gesamten Menschengeschlechts entsprach der überragenden politischen Stellung des herrschenden Volkes, mit der sich auch ein stetig zunehmender kultureller Einfluß verband. Bei dem fortschreitenden Niedergang Griechenlands beginnt das hellenisierte Rom auch die geistige Führung an sich zu reißen und erlebt zurZeit des Augustus einen literarischen Aufschwung, dem die Griechen nichts Ähnliches an die Seite zu setzen haben.

Im Westen und Norden waren die Römer unbestritten die Träger und Verbreiter der Zivilisation, in der östlichen Reichshälfte war dies dort der Fall, wo nicht bereits der Hellenismus festen Fuß gefaßt hatte, insbesondere in Moesien und Dakien. Hier vermochte das römische Militär und die Kolonisten die Romanisierung der Bevölkerung zu bewirkenm). Aber auch im eigentlichen Bereich des Griechentums war die Bevölkerung vielfach genötigt, sich mit der Sprache und Gedankenwelt des Siegervolkes vertraut zu machen, und es zeigte sich immer mehr, daß selbst in geistiger und sittlicher Beziehung nicht mehr der Hellenismus allein an der Spitze schritt, sondern auch das Römertum mächtig einwirkte. Weist noch Cicero (62 v. Chr.) auf den engen Bereich der lateinischen Literatur im Gegensatz zu der bei allen Völkern verbreiteten griechischen hin, so heben schon die Dichter der ersten Kaiserzeit mit Genugtuung hervor, daß sie auf der ganzen Erde gelesen werden. So konnte der ältere Plinius in stolzer Verallgemeinerung von Italien sagen, es sei die Nährmutter der ganzen Welt, von der Gottheit dazu ausersehen, die zerstreuten Reiche zu vereinigen, die Sitten zu veredeln und das wilde Sprachengewirr der zahlreichen Völker in einer Sprachgemeinschaft zusammenzufassen, den Menschen Verständigung und Bildung zu vermitteln, kurz für alle Menschen auf dem ganzen Erdkreis das gemeinsame Vaterland zu werden m). In der Tat, das Weltreich, das Alexander angestrebt, hatten die Römer mit ihren siegreichen Waffen begründet und so das große Ziel erreicht, die ganze zivilisierte Welt in einer bewundernswert organisierten Einheit zu umfassen.

Nicht zuletzt gelang ihnen das durch kluge Ausnutzung des mächtigen Kulturfaktors des Hellenismus, der ihnen vor« gearbeitet hatte, und um so leichter wurde es einsichtigen Hellenen, sich mit dieser Tatsache abzufinden. In der Entwicklung des römischen Reiches zum Weltreich konnten sie die Verwirklichung der Idee des Weltbürgertums erblicken, und immer häufiger wurden Männer von der Gesinnung Epiktets, Plutarchs oder des Dion von Prusa, die bemüht waren, römische Eigenart zu verstehen und einen vermittelnden Standpunkt einzunehmen. So wurde in weiten Kreisen mit dem alten Vorurteil aufgeräumt und zugegeben, daß als Träger der Kultur nicht mehr bloß die Griechen, sondern auch die Römer den Barbaren gegenüberstehen und daß die große Aufgabe, die Zivilisation gegen die Barbarei zu schützen, nunmehr auf die einstigen «Barbaren» übergegangen war. Die Grenzen sind abermals weiter hinausgerückt und ein gewaltiges, durch das römische Schwert politisch geeinigtes, mit griechisch-römischer Kultur erfülltes Gebiet steht nun der umgebenden Unkultur gegenüber. Die Völker, die jetzt Barbaren heißen, befinden sich außerhalb der griechisch-römischen Welt an den Rändern der Oekumene, von den Galliern und Germanen im Westen angefangen bis zu den Indern und Afrikanern.

Als das tüchtigste Volk der Erde hatten sich also nicht die Griechen, sondern die Römer erwiesen, und der Architekt Vitruvius, ein Zeitgenosse des Augustus, hat vollkommen recht, die alte Klimatheorie, nach der die Griechen als Bewohner eines gemäßigten Himmelsstriches den übrigen Völkern überlegen waren, nunmehr in römisch-patriotischem Sinne umzudeuten. Danach nehmen nicht mehr die Hellenen, sondern das römische Volk die Mitte des Erdkreises ein. Italiens Stämme bilden mit ihren vollkommenen Mischungsverhältnissen die richtige Mitte zwischen den geistreichen, aber feigen Südvölkern und den kampfesmutigen, aber geistig schwerfälligen Nationen des Nordens: so hat der göttliche Ratschluß den römischen Staat in ein herrlich gemäßigtes Klima verlegt, auf daß er sich der Weltherrschaft bemächtige.

Trotz der Machtverschiebung ist das Ringen zwischen Römertum und Hellenentum keineswegs beendigt, sondern setzt sich in anderer Form bis ins Mittelalter fort. Die politische Position ist für die Griechen endgültig verloren, und sie versuchen sie kaum mehr wiederzugewinnen. Aber das kulturelle Übergewicht zu behaupten und auch in der Terminologie zum Ausdruck zu bringen wird doch gelegentlich, wenn auch vergebens, versucht. Noch im 4. nachchristlichen Jahrhundert möchte der hervorragende Sophist Libanios, der‘ als begeisterter Verfechter des Hellenismus den Römern nicht viel Anhänglichkeit entgegenbringt, die Römer ausschalten und die alte Zweiteilung «Hellenen und Barbaren» unverändert beibehalten. An den ihm befreundeten römischen Kaiser Julianus richtet er (15. 25) folgende Worte:

«Du bist gewissermaßen ein Hellene und herrschest über Hellenen denn so nenne ich lieber das Gegenteil der Barbaren, und das Geschlecht eines Äneas wird es mir sicherlich nicht übelnehmen.»

Er möchte also die Römer unter den Hellenen mitverstehen, ist aber im Hinblick auf den politischen Widersinn vorsichtig genug, eine beschwichtigende Bemerkung hinzuzufügen.

Den Gang der Ereignisse konnten solche romantische, von altererbtem Nationalstolz eingegebene Versuche natürlich nicht aufhalten. Die Zeiten, wo die griechische Kultur allein eine bevorzugte Stellung in der menschlichen Gesellschaft verbürgte und das Verhältnis zu ihr auch politisch bedeutsam war, sind eben endgültig vorbei. Während Mithradates von Pontos den Kampf wider Rom noch als Verfechter des Hellenismus geführt hatte und auch die Parther und Armenier sich als Philhellenen gaben, war es nunmehr im ganzen Reiche, auch in seinen östlichen Teilen, ratsam, ein gutes Verhältnis zu den Machthabern herzustellen und ihr Wohlwollen zu gewinnen. Es wurde immer vorteilhafter und galt als Ehre und Gewinn, wenn man das römische Bürgerrecht erlangen, sich einen lateinischen Namen beilegen und römische Tracht und Sitte annehmen konnte. Besonders verächtlich benahm sich in dieser Hinsicht der König Prusias II. von Bithynien, der Schwager des Perseus, der den bei ihm erscheinenden römischen Gesandten mit geschorenem Haupt und in der Tracht eines römischen Freigelassenen entgegentrat und sich als ihren libertus vorstellte, der sich ganz ihrer Art und Sitte ergeben wolle. Damit gab der Asiate das Hellenentum preis und unterwarf sich dem siegreichen Römertum. Antiochos, König von Kommagene, einer der letzten Seleukiden, glaubte noch eine mittlere Linie einhalten zu können und nannte sich Römerfreund und Griechenfreund (philorhömaios und philhellen), aber es ist ihm eine willkommene Auszeichnung, wenn ihm unter Cäsars Konsulat das Tragen der toga praetexta erlaubt wird. Asiatische Prinzen, wie die Nachkommen Herodes des Großen, die Söhne und Enkel des Partherkönigs Phraates oder der armenische Königssohn Tigranes, wurden nun nach der Welthauptstadt geschickt, um hier römische Erziehung zu erhalten. Mag auch die Grundlage der feineren Ausbildung im wesentlichen die hellenische gewesen sein, so nahmen sie doch auch römisches Wesen in sich auf.

So machte die Romanisierung des Orients Fortschritte, nicht durch Gewaltmittel, sondern durch die kluge Politik der Römer, die ähnlich wie dies Alexander getan, die Eigenart der Völker schonten und insbesondere das kulturell an der Spitze stehende hellenische Element bevorzugten. Besonders gut können wir dies wiederum in Ägypten beobachten, wo Oktavian die ein« geborenen Ägypter zu Unterworfenen  machte, die die Kopfsteuer entrichten mußten, während den Hellenen eine bevorzugte Stellung eingeräumt wurde. Hellenen hießen in Ägypten etwa seit der Wende vom 3. zum 2. Jahrhundert, wo die speziellen Herkunftsbezeichnungen (Athener usw.) zu« rücktraten, die Bürger der autonomen Gemeinden und gewisse nicht sehr zahlreiche Siedlerverbände mit loserer Verfassung im Delta, im Fayüm, in der Thebais, deren Merkmal die Ab« stammung und die Erziehung der Jugend im Gymnasion, d. h. die Ephebie war. Die bevorzugte staatsrechtliche Stellung, die, wie es scheint, zu einer Art Organisation der «Hellenes» führte, sowie der stets lebendig erhaltene Zusammenhang mit der gesamthellenischen Entwicklung mag auf die seit den Ptole« mäern fortschreitende Vermischung der Rassen hemmend ge« wirkt und die Annäherung der hellenischen und barbarischen Volksteile erschwert haben. Daß sie nicht aufzuhalten war, beweisen die ägyptischen Namen, die in die Listen der «Helleneseindringen, und es läßt sich beobachten, wie die Grenzen zwischen den letzteren und dem Mischvolk der Gräko« Ägypter, das insbesondere im Glauben dem ägyptischen Wesen verfallen war, immer mehr und mehr verschwimmen. Schließ« lieh wirkte auch hier wie in allen übrigen Teilen des Reiches der römische Einfluß ausgleichend. Schon die Anpassungs« fähigkeit der Römer in kultlichen Dingen, worin sie die Griechen noch übertrafen, und die Leichtigkeit, mit der sie die obskursten Barbarengötter anerkannten und wie ihre eigenen verehrten, förderten die Verschmelzung, ausschlaggebend aber war die zunehmende Freigebigkeit in der Erteilung des römischen Bürgerrechts.

In der Republik und in der ersten Kaiserzeit war man damit noch sparsam, dann aber mehrten sich die Fälle, wo um den Staat verdienten Fremden oder auch solchen, die durch Geburt, Reichtum oder geistige Eigenschaften hervorragten, das römische „Bürgerrecht erteilt wurde. Anfangs wurden hier wiederum die Hellenen bevorzugt, aber bald kamen auch andere Elemente hinzu. Sklaven wurden freigelassen und zu römischen Bürgern gemacht, gelangten zu Amt und Würden und bildeten zum Teil den neuen Beamtenadel der Kaiserzeit. Eine Hauptquelle der Ergänzung der römischen Bürgerschaft war aber das Heer. Den Legionssoldaten und den ausgedienten Hilfstruppen wurde das Bürgerrecht verliehen, und da die Provinzialen seit Hadrian immer mehr zum Kriegsdienst herangezogen wurden, gewannen auf diese Weise neben Griechen auch zahlreiche, selbst ungebildete, wenn auch in langjähriger Dienstzeit meist ganz romanisierte und jedenfalls an römische Zucht und Ordnung gewöhnte Barbaren das römische Bürgerrecht. Angehörige aller möglichen barbarischen Völker gelangten auf diesem Wege zu hohen Würden, ja bis auf den römischen Kaiserthron. Dieses Eindringen der Barbaren in einflußreiche Stellungen wuchs sich in der Folgezeit zu einer Gefahr für das Reich heraus, vor der einsichtige Männer wie der Bischof Synesios (um 400) vergebens warnten. Die Römer sollten trachten ihre alte militärische Tüchtigkeit wiederzuerlangen und die Barbaren vom Kriegsdienst wie auch von den Ämtern und dem Senat auszuschließen. Es sei ein unerhörter Widersinn, daß jene langhaarigen Blondköpfe (er spricht speziell von Skythen) bei den gleichen Menschen zu Hause Sklavendienste verrichten, in der Öffentlichkeit aber die Machthaber vorstellen.

Eine starke Vermehrung der Bürger brachte bekanntlich die Constitutio Antonina des Kaisers Caracalla im Jahr£ 212, und in der späteren Kaiserzeit machte dieser Prozeß solche Fortschritte, daß sich z. B. in Ägypten im 6. Jahrhundert Kopten der niedrigsten Schichten, Feldhüter und Hirten, den römischen Gentilnamen Aurelius beilegen konnten . Der Name «Hellene» war längst nicht mehr das Zauberwort, das einem den Zutritt zur Gesellschaft und den Weg zu Ansehen und Ehren eröffnete. Barbaren mit römischem Bürgerrecht waren jenen Griechen, die diesen Vorzug nicht genossen, in ihrer rechtlichen Stellung weit überlegen,- denn die ideellen gesellschaftlichen Vorteile, die mit der Zugehörigkeit zum hellenischen Kulturkreise verbunden waren, wurden dadurch mehr als aufgewogen. Kein Wunder, wenn dieses wertvolle Vorrecht allgemein hoch eingeschätzt und eifrig angestrebt wurde. Durch diese Verhältnisse ergibt sich aber vielfach eine Umschichtung der Bevölkerung, die sich auch in der Terminologie geltend macht. Denn wenn Liebedienerei die Römer als Hellenen pries, so konnte schließlich auch ein romanisierter Barbar von einiger Bildung diese Gleichstellung für sich in Anspruch nehmen, und so gerät die alte Einteilung in heillose Verwirrung. Nicht . nur behaupten nunmehr die einstmals als Barbaren mißachteten Römer den Vorrang unter allen anderen Nationen, auch Angehörige der eigentlichen Barbarenvölker werden durch Romanisierung dieses Vorrechtes teilhaftig. Der Unterschied der Rasse ist verwischt, das alte Nationalbewußtsein aufgelöst und an seine Stelle ein neuer Begriff der «Nation» getreten, der auf der staatlichen Zugehörigkeit aufgebaut ist.

Die Anfänge dieser Entwicklung liegen bereits der Schmeichelei zugrunde, die der bedeutendste Sophist und Stilist des 2. Jahrhunderts, Aelius Aristides, dessen römerfreundliche Gesinnung sich schon in seinem Namen kundgibt, in seiner überschwenglichen Lobrede auf Rom und die Römer eingeflochten hat: «Ihr habt bewirkt, daß der Name Römer nicht die Zugehörigkeit zu einer Stadt, sondern zu einer ganzen Nation bezeichnet, und zwar nicht zur ersten besten von allen, sondern die allen übrigen gegenübergestellt ist. Denn nicht in Hellenen und’Barbaren teilt ihr jetzt die Volksstämme ein, . . . sondern in Römer und Nichtrömer. Zu solcher Bedeutung habt ihr den Namen der Stadt erhoben».

Diese neue Einteilung beruht auf ähnlich kontradiktorischer Begriffsbildung wie die in Hellenen und Barbaren, nur daß für den negativen Begriff eine zusammenfassende Bezeichnung fehlt. Das Einteilungsprinzip ist neu, denn weder die Abstammung und Rasse, noch die geistige und sittliche Beschaffenheit, sondern die staatsrechtliche Stellung bedingt die Einordnung des Individuums. Da nun die Römer Alexanders gewaltigen Plan tatsächlich zur Ausführung brachten und fast die ganze bewohnte Erde unter ihrer Herrschaft vereinigten, war auch das alte Ideal der Weltbürgerschaft seiner Verwirklichung nähergebracht und dadurch auch längst die Sympathie der Stoa für die Bestrebungen des Herrschervolkes gewonnen. Mit dem stoischen hatte dieser neue Kosmopolitismus allerdings nur die Zurückstellung der Nationalität gemein. War dort der Weltbürger der geistig und sittlich hochstehende Weise, so ist es hier der römische Untertan. Und wie dem stoischen Weisen die ganze Welt offenstand und er in ihr überall zu Hause war, so kann derselbe Aristides nunmehr zum Preise der Römer sagen:

«Jetzt kann der Grieche und Barbar mit oder ohne seine Habe ohne Schwierigkeit wandern, wohin er will, als ginge er einfach von Vaterland zu Vaterland. Und weder ist das Kilikische Tor zu fürchten noch der enge und sandige Weg durch Arabien nach Ägypten, nicht unzugängliche Gebirge, nicht der Ströme unermeßliche Größe, nicht die ungeselligen Stämme der Wilden, sondern zur persönlichen Sicherheit genügt es ein Römer zu sein, vielmehr auch einer eurer Untertanen, und das Wort Homers ,die Erde ist aller Gemeingut habt ihr zur Tatsache gemacht».

Übrigens beweist diese Stelle wie eine andere vorhergehende, daß auch Aristides die alte Einteilung nicht entbehren kann und eigenelich auf dem Standpunkt der Dreiteilung «Römer, Griechen, Barbaren» steht.

Denn natürlich war mit der Erlangung der Civität und der Annahme eines römischen Namens die Abstammung und völkische Zugehörigkeit nicht beseitigt, zumal, namentlich in späterer Zeit, nicht einmal die Bedingung der lateinischen Sprachkenntnis eingehalten wurde. Die Hellenen in Ägypten, welche durch Caracalla das Bürgerrecht erhielten, nehmen zwar römische Namen an, werden aber in den erhaltenen Urkunden niemals ausdrücklich als Römer bezeichnet. Es sind eben Griechen mit römischem Bürgerrecht. Aus Eitelkeit oder in Fragen des praktischen Lebens wird das Römertum allerdings gern hervorgekehrt. Für einen geborenen Barbaren war jetzt die Romanisierung und Erlangung des römischen Bürgerrechts natürlich ein wirksameres Mittel seine Abkunft vergessen zu machen, als der Anschluß an die alte hellenische Weltkultur.

Text aus dem Buch: Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins (1923), Author: Jüthner, Julius.

Siehe auch:
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – Vorwort
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – I. Name und Begriff.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – II. Die Aufklärung des 5. Jahrhunderts.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – III. Platon und Aristoteles.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – IV. Makedonien und Alexanders Weltreich.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – V. Isokrates und die Anfänge des Attizismus.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VI. Hellenismus und Kosmopolitismus. Idealisierung der Barbarenvölker.

Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins

Wir waren genötigt vorzugreifen und müssen nun den fallengelassenen Faden wieder aufnehmen. Alexanders Reichsgründung und die weitere Entwicklung unter seinen Nachfolgern war für das Griechentum von epochaler Bedeutung, denn nun beginnt sich unaufhaltsam die Hellenisierung des Orients zu vollziehen. Überall wohin Makedonen und Griechen gedrungen waren und sich angesiedelt hatten, verbreitet sich griechische Sprache und Gesittung, die neugegründeten Städte und Kolonien erhalten griechische Verfassung, es werden griechische Kulte, Feste und Wettkämpfe eingerichtet, Vereine gegründet, Theater und Gymnasien gebaut und die Erziehung der Jugend nach attischem Muster organisiert, die Kulturzentren mit Bibliotheken und Pflegestätten der Wissenschaft ausgestattet. Ein steter Austausch von Lehrern, Künstlern, Agonisten aller Art findet statt, und auch durch regen Handelsverkehr und Heranziehung immer neuer Einwanderer aus griechischen Landen wird die Verbindung mit dem Mutterlande aufrechterhalten und so das griechische Element immer wieder gestärkt. Es ist klar, daß die einheimische Bevölkerung die Fremdherrschaft zunächst mit Widerwillen ertrug und daß es in der Folgezeit immer und Immer wieder zu nationalistischen Reaktionen und Revolten kam. Aber auf die Dauer konnten sich die Besiegten dem Zauber der neuen Kultureinflüsse nicht entziehen, auch lag es in ihrem Interesse, sich der Vorteile der herrschenden Sprache und Kultur teilhaftig zu machen und sich auf diese Weise den Gewalthabern möglichst anzugleichen.

Aber der Einfluß war keineswegs bloß ein einseitiger. Das Hellenentum war nicht nur der gebende, sondern auch der empfangende Teil und wurde es mit zunehmender Verschmelzung der Rassen immer mehr. Vor allem zeigte sich die alte Aufnahmsfähigkeit für fremde Kulte und für Einflüsse auf dem Gebiete des Glaubens und des Aberglaubens. Die barbarischen Götter werden mit den verwandten einheimischen identifiziert und ihre Kulte vereinigt, die religiösen Traditionen des Orients um so bereitwilliger aufgenommen, je mehr sie unter den Ein<= fluß griechischer Reflexion gerieten. Die babylonische Astrologie und die persischen Zauberkünste finden Anklang, und ägyptische und jüdische Elemente gesellen sich hinzu. In Kunst und Wissenschaft freilich konnte der Orient dem fortgeschrittenen Hellenentum kaum mehr etwas bieten, und doch sind auch hier fremde Einwirkungen zu beobachten. Immerhin sind die verschiedensten barbarischen Schriften ins Griechische übertragen worden, z. B., um ganz Disparates zu erwähnen, das Werk des Karthagers Mago über den Ackerbau oder die dem Zoroaster zugeschriebenen Bücher. Die enge Berührung erhöht auch das Interesse an der Geschichte der Fremdvölker, dem nebst griechischen Autoren auch hellenisierte Barbaren in griechisch geschriebenen Werken entgegenkommen: Berossos für Babylonien, Manethos für Ägypten, ein Demetrios und später Eupolemos und Artapanos für die Juden, andere für die Phöniker, Karer und Kilikier. Rechnet man nun noch hinzu, daß auch im täglichen Leben unter dem Einfluß der neuen Umgebung und des erschlaffenden Klimas mancher griechische Charakterzug verändert und manche fremde Ge= wohnheit und Anschauung übernommen wurde, so wird man nicht bloß von einer Hellenisierung der Barbaren, sondern auch von einer Orientalisierung der Hellenen sprechen müssen, die, an den früheren Grenzen des Griechentums z. B. in Kleinasien oder den ägyptischen Kolonien längst zu spüren, seit Alexander und der Einrichtung der hellenischen Reiche in Asien und Ägypten unter seinen Nachfolgern infolge der völligen Durchdringung des Orients einen ganz anderen Um= fang annimmt und viel tiefere Wirkung übt, obschon dies nach außen hin neben dem sprachlichen und kulturellen Übergewicht der makedonisch^griechischen Eroberer weniger in die Erscheinung trat.

Denn mögen diese auch manchenorts nur eine dünne Oberschicht gebildet haben, das ganze Leben und Treiben hatte doch einen durchaus hellenischen Anstrich, und es kam gar nicht selten vor, daß Barbaren dem Griechischen zuliebe ihre eigene Muttersprache vernachlässigten. So ist es bekannt, daß die alexandrinischen Juden ihr Aramäisch im Laufe der Zeit so vergessen hatten, daß eine griechische Übersetzung ihrer heiligen Schriften notwendig wurde. Diese Hellenisierung betrifft allerdings zunächst die Städte, während die große Masse der Landbevölkerung von dieser Bewegung im allgemeinen unberührt blieb. Auch haben sich verschiedene Länder in dieser Hinsicht verschieden verhalten: das nahegelegene Kleinasien unterlag dem Einfluß am meisten, aber auch in Syrien erstanden viele Griechenstädte, während weiter nach dem Osten die Kolonisation immer mehr abnimmt. Die reichen Papyrusfunde bringen es mit sich, daß wir am besten für Ägypten über die Grenzen zwischen Griechentum und Orient unterrichtet sind, und mit Staunen lernen wir aus den reichen literarischen Funden, wie dort die griechische Bildung bis in entfernte Dörfer vorgedrungen ist.

Anfangs mag die Verachtung und Abneigung gegenüber den unterworfenen Fremdvölkern den Siegern Zurückhaltung auferlegt haben, doch schon Alexanders Verschmelzungspolitik hatte Heiraten der Makedonen und Griechen mit barbarischen Frauen und somit die Vermischung begünstigt, die bei fortschreitender Annäherung durch das geänderte Vorgehen der Diadochen und die spätere Hervorkehrung des Unterschiedes zwischen Herrenvolk und Unterworfenen wohl erschwert, aber nicht ganz gehindert werden konnte. Und so entstanden überall Mischvölker wie die hellenisierten Syrer und Juden oder die sogenannten Gräkoägypter, vergleichbar in gewissem Sinne dem heutigen Levantinertum. In den gebildeten Oberschichten aber entwickelt sich jene neue Kultur, die man zum Unterschied von der althellenischen die hellenistische genannt hat, das Kennzeichen einer weitausgreifenden gebildeten Gesellschaft, die über die politischen Grenzen hinweg die gesamte Kulturwelt umfaßte.

So war zwar Griechenlands politische Selbständigkeit durch Philipp und Alexander verloren gegangen, aber dafür hatte der griechische Geist die engen Grenzen der Polis gesprengt und mit dem Eroberer seinen Siegeslauf über die ganze Welt angetreten. Das Hellenentum hatte freilich seinen streng nationalen Charakter eingebüßt und alles bodenständige Griechische abgestreift, aber es war auf dem besten Wege als Weltkultur den ganzen Erdkreis zu umspannen. Der gebildete Grieche war, wo immer er hinkam, schon durch seine Bildung allein beglaubigt, er konnte sich überall heimisch fühlen oder er war, wie dies schon Aristipp von Kyrene, einer griechischen Kolonie in Afrika, ausgedrückt hatte, «überall zu Gaste». Aber auch die Nichtgriechen, die sich die neue Bildung -zu eigen gemacht, genossen den Segen der Zugehörigkeit zu einer großen Ge^ meinschaft und traten in dem geistigen Ringen der Zeit als Gleichberechtigte in Wettbewerb, ja mancher errang auf gehstigem Gebiete eine führende Stellung. Zwischen einem griechisch erzogenen Fremden und einem gebildeten Griechen war kaum mehr ein Unterschied zu merken, und die strenge Scheidung von Hellenen und Barbaren war daher nicht mehr aufrechtzuerhalten: der alte Gegensatz trat, wenigstens in der gebildeten Gesellschaft, stark zurück.

Ein Beispiel, wenn auch aus späterer Zeit, soll die eigentümlich beherrschende Stellung des Hellenismus, die nur in den Hauptzügen angedeutet werden konnte, verdeutlichen. Meleagros, ein Epigrammendichter des 1. Jahrhunderts v. Chr., von dem sich eine Reihe lieblicher Gedichte erhalten hat, macht in seiner selbstverfaßten Grabschrift über seine Herkunft folgende Mitteilung:

«Attisches Heimatland im assyrischen Gadara zeugt mich, aufgezogen doch hat Tyros die Inselstadt mich.

Eukrates aber entsproßt7 ich, der Musenfreund Meleagros, der mit Menipp ich zuerst rang um der Anmut Kranz.

Bin ich ein Syrer, was Wunder? O Freund: ein Chaos doch hat uns Sterbliche alle gezeugt, Vaterland ist uns die Welt.»

Die syrische Stadt Gadara, unweit der Grenze von Palästina gelegen, kann Meleagros als seine attische Heimat bezeichnen, offenbar weil hier attische Kultur zu Hause war.

Und wenn er in dem phönikischen Tyros erzogen wurde und hier zum griechischen Dichter heranwuchs, so hat er, der gebürtige Syrer, dort eben griechische Bildung genossen. Die beiden genannten Städte lagen auf der Heeresstraße Alexanders und gehörten zu den ersten, die der große Eroberer untere worfen und hellenisiert hatte. Griechisch national ist unser semitischer Dichter freilich nicht geworden, denn er fühlt sich als Angehöriger des gesamten Menschengeschlechts, sein Vaterland ist ja die ganze Welt. Abermals begegnen wir also hier der Idee des Kosmopolitismus, dem unser Dichter als Anhänger der kynischen Philosophenschule huldigt, und es ist nun an der Zeit, diese bedeutsame Strömung näher ins Auge zu fassen und ihrer Wirkung auf das Verhältnis zu den Barbaren nachzugehen.

Das Staatsideal eines Platon und Aristoteles war naturgemäß noch auf der griechischen Polis aufgebaut, es war aber deren letzte Verherrlichung unmittelbar vor ihrem Untergang. Schon der Individualismus der Aufklärung und der ablehnende Standpunkt der Sophistik gegenüber jeder menschlichen Satzung hatte ihren Verfall angebahnt, die politischen Ereignisse haben ihn besiegelt: mit den bei Chaironeia Gefallenen wurde auch die Selbständigkeit der nationalgriechischen Stadtstaaten zu Grabe getragen, und in Alexanders Weltreich waren sie zu einem Scheindasein und zu politischer Ohnmacht verurteilt. Anderseits aber hat die Großtat des jungen Makedonenkönigs zugleich den Horizont in ungeahnter Weise erweitert und die Hellenen aus den Grenzen ihrer engeren Heimat Unausgeführt in die weite Welt. Und so haben die gewaltigen Geschehnisse die längst aufgekeimten weltumspannenden Ideen der Sophisten, Kyrenaiker, Skeptiker, Kyniker in die Wirklichkeit umgesetzt und den Anstoß dazu gegeben, den Gedanken von der Gleichheit aller Menschen und der Freizügigkeit des Weisen zu der Idee des Weltstaates auszugestalten.

Der kynische Philosoph Diogenes, den die Anekdote mit dem Welteroberer zusammenbringt, war der erste, der sich als «Weltbürger» (kosmopoUfes) bezeichnete, ausgebaut aber und in ein System gebracht wurde der neue Gedanke erst in der Schule der Stoiker, deren ältere Vertreter großenteils dem Völkergemisch des Orients entstammten und daher vom hellenischen Nationalgefühl und historischen Traditionen weniger beeinflußt waren. Nach ihnen hat die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Staatswesen für den Weisen keine Bedeut tung, sein Vaterland ist die Welt, die Welt im Sinne der be-wohnten Erde, der Oekumene (griech. oikümene), und das einigende Band, das alle Weltbürger umschlingt und zu einem einzigen großen Staatswesen zusammenfaßt, das ist die gleich-mäßige Beschaffenheit der vernünftig denkenden und handelnden Individuen, deren innere Beglückung eine Hauptaufgabe der Philosophie zu bilden hat.

Wie sich nun unter dem Einfluß dieser kynisch-stoischen Lehre die Auffassung von dem Verhältnis der Griechen und Barbaren gewandelt hat, können wir den Aussprüchen zweier späterer Eklektiker entnehmen, des großen alexandrischen Gelehrten Eratosthenes (3. Jahrhundert v. Chr.) und des feingebildeten Philanthropen Plutarch (1. Jahrhundert n. Chr.). Mit deutlicher Anspielung auf Aristoteles verurteilt ersterer diejenigen, welche dem Alexander jenen Rat betreffend die Behandlung der Hellenen und Barbaren gegeben hatten, und er verurteilt überhaupt diese Zweiteilung des Menschengeschlechts. Viel besser sei eine Scheidung nach Tugend und Schlechtigkeit. Gebe es ja einerseits schlechte Griechen und anderseits gebildete Barbaren wie die Inder, Arianer, Römer und Karthager mit ihren bewundernswerten staatlichen Einrichtungen. Alexander habe den Rat mit Recht nicht befolgt, sondern auf seine Weise richtig umgedeutet. Auch Plutarch stimmt dem jungen König zu, daß er nicht, wie Aristoteles riet, den Hellenen ein Führer, den Barbaren ein Gewaltherrscher war, sondern als Vermittler auftrat und die Oekumene als gemeinsames Vaterland aller und die Guten als Stammesgenossen, die Schlechten als Stammfremde ansehen hieß, da nicht der übliche äußere Unterschied zu machen sei, sondern das hellenische Wesen an der Tugend, das barbarische an der Schlechtigkeit erkannt werde. Das Einteilungsprinzip der Rasse und des nationalen Gegensatzes erscheint somit überwunden und ersetzt durch die verschiedene Beschaffenheit der geistigen und sittlichen Natur. Alle ethisch hochstehenden, dem einen Gesetz der Vernunft gehorchenden Menschen sind Angehörige einer weltumspannenden Gemeinschaft, mögen sie wo immer zu Hause und mögen sie ihrer Geburt nach auch Barbaren sein. Wie Platon und Aristoteles in ihren Staatstheorien den bestehenden Verhältnissen Rechnung getragen haben, so spiegelt das stoische Weltbild gewissermaßen die politische Umwälzung wider, die durch Alexander herbeigeführt worden war, Es ist daher ganz im Sinne der kynischen Auffassung, wenn Anacharsis, geschmäht, daß er ein Skythe sei, erwidert: «Von Geburt, nicht der Gesittung nach», und wenn hingegen Kaiser Maximinus den Sitten wie der Abstammung nach als Barbare gilt.

Hand in Hand damit geht die Erkenntnis, daß der Begriff «fremd, andersartig, barbarisch» ein relativer ist und von dem Standpunkt abhängt, den man einnimmt. Das ist ausgedrückt iij dem Apophthegma: «Anacharsis spricht für die Athener fremdartig, die Athener aber ebenso für Anacharsis», ein Gedanke, der in der Folgezeit internationale Verbreitung findet. Ovid, über dessen lateinische Rede die «dummen Geten» seines Verbannungsoftes Tomi lachten, ist zu dem ärgerlichen Geständnis gezwungen:

«Hier bin ich Barbar und werde von niemand verstanden», und Paulus spricht den Gedanken ganz allgemein aus: «Wenn ich die Bedeutung der Rede nicht verstehe, werde ich für den Redenden ein Barbar sein und der Redende für mich ein Barbar».

So hat die kynischstoische Lehre zu grundsätzlicher Anerkennung der Barbaren als gleichberechtigter Bürger des Weltstaates geführt, wofern sie den Anforderungen der Vernunft und Sittlichkeit genügten. Dies galt aber doch nur in der Theorie. In Wirklichkeit ist man über die Verschiedenheit der Nationalität und über die Scheidewand der Sprache und Bildung natürlich nie hinweggekommen, sondern konnte sich nur dort unter seinesgleichen fühlen, wo hellenische Kultur vorhanden war. Unter dieser stillschweigenden Voraussetzung war die «Welt» des praktischen Kosmopolitismus eben im wesentlichen doch nichts anderes als die griechische Welt, der «Kosmos» fällt zusammen mit der bewohnten Erde, der Oekumene, die ja seit Alexander in der Tat etwa so weit reicht als die griechische Zunge klingt. Ebenso wie der un-gebildete Grieche längst nicht mehr als ebenbürtiger Voll-hellene angesehen wird, so wird auch nur denjenigen Fremden, die die griechische Sprache und Zivilisation angenommen haben und somit im Hellenismus aufgegangen sind, ihre Abstammung verziehen. Ein Meleagros oder später Lukian und Jamblichos konnten, obwohl sie ihre syrische Abkunft nie ver-leugneten, infolge ihrer hervorragenden schriftstellerischen Leistungen schließlich als Hellenen gelten, desgleichen der Karthager Hasdrubal, der als Kleitomachos Professor der Philosophie und Schulhaupt der Akademie in Athen wurde. Die hellenisierten Juden Philon und Josephos fühlen national mit ihrem Volke, rechnen sich aber der Sprache und Bildung nach zu den Hellenen. Auch die unedle Abkunft des phrygischen Sklaven Epiktet geriet leicht in Vergessenheit.

Anderseits kann sich von nun an auch ein geborener Grieche durch Mangel an Bildung oder Zivilisation den Vorwurf der Barbarei zuziehen oder in einer Umgebung ohne höhere Interessen auch als Gebildeter ein «Barbare» werden, d. h. verbauern. So ist es z. B. dem Apollonios von Tyana ergangen, der infolge seiner Erfahrungen in Argos, Phokis, Lokris, Sikyon, Megara das öffentliche Reden aufgab und dies damit erklärte,

«daß er ein Barbar geworden sei, nicht weil er lange von Hellas abwesend war, sondern weil er sich lange in Hellas aufhielt».

Zwar hat also die philosophische Theorie den Versuch gemacht mit der Idee des Kosmopolitismus den Gegensatz zwischen Hellenen und Barbaren zu verwischen, tatsächlich ist aber wieder nur eine Verschiebung eingetreten, indem eine Auswahl unter den Barbaren, eben die, welche die griechische Bildung und Gesittung angenommen hatten, der Gemeinschaft des Hellenentums einverleibt wurden. Allerdings wird dadurch seine nationale Eigenart zersetzt, und es entwickelt sich eine Art Bildungsinternationale auf hellenischer Basis. Der Umfang des Begriffes «Hellene» hat sich somit erweitert, und der Name bedeutet nicht mehr bloß den geborenen Griechen, sondern konnte in weiterer Anwendung auf jeden bezogen werden, der an jener aus dem Griechischen erwachsenen allgemeinen Bildung und Weltkultur teilnahm, wenn er auch von barbarischer Abstammung war. Also jetzt erst ist jene Auffassung erreicht, die man schon bei Isokrates voraussetzen wollte: «Hellene» soviel wie «der griechisch Gebildete» oder, da das Griechentum die Grundlage und der Hauptbestandteil des allgemein Menschlichen ist und mit dem Vernünftigen an sich gleichgestellt wird, «der Gebildete und Gesittete» schlechtweg. Das intellektuel Umoralische Moment steht also nunmehr im Vordergrund, und neben der ursprünglichen ethnographischen Bedeutung hat sich eine umfassendere, mehr kulturelle oder gesellschaftlich-literarische entwickelt. Diese Entwicklung bietet nur scheinbar etwas Überraschendes und Sprunghaftes,- denn im Grunde ist ja das äußerlich einigende Band immer nur das kulturelle gewesen, da es zu einer politischen Zusammenfassung aller Stammesangehörigen nie gekommen ist. Seitdem allerdings das Hellenentum, wenn auch national verflacht und verbreitert, in dem neuen Weltreich und dann in den Nachfolgestaaten die herrschende Oberschicht darstellte, hat dieser erweiterte Begriff «Hellene» auch einen staatsrechtlichen Beigeschmack erhalten. Antiochos von Syrien ist für die Juden der Beherrscher eines hellenischen Reiches, und wenn Johannes Chrysostomos den Makedonen Alexander «König der Hellenen» nennt, so versteht er dies nicht in dem alten national begrenzten, sondern in dem neuen erweiterten Sinne.

Dem Gebrauch der festen Formel «Hellenen und Barbaren» tut dieser Umschwung keinen Eintrag, da sie ja die Zusammenfassung, nicht die Teilung des Menschengeschlechtes betonte und im übrigen von jedem in seiner Weise, auch in der alten Bedeutung, verstanden werden konnte. Bezeichnend ist die Unbefangenheit, mit der die genannten hellenisierten Juden, desgleichen auch der Apostel Paulus und besonders häufig die Kirchenväter sie verwendeten.

Durch diese Entwicklung wird auch ganz von selbst jener logische Fehler in der Einteilung der Menschheit behoben, den schon Platon gefühlt hat (S. 23). Bisher betraf der Name «Hellene» eine bestimmte Volksindividualität und konnte insofern als Eigenname gelten, dem dann aber «Barbar» als eine Art Gattungsname gegenüberstand jetzt, wo der eine wie der andere nicht mehr die Abstammung, sondern die geistige Beschaffenheit kennzeichnet, sind beide Teile logisch gleichwertig. Aber die frühere Bedeutung ist keineswegs abgekommen, und welche man zugrunde legen wollte, hing von dem Standpunkt ab, den man der Nationalität gegenüber einnahm. Der ahnenstolze Vollblutgrieche hat mit dem altehrwürdigen Namen seines Volkes gewiß einen anderen Begriff verbunden als ein heimatloser Bettelphilosoph oder etwa ein griechisch erzogener Syrer. Das Zurückstellen der Abstammung und das Hervorheben des kulturell-ethischen Momentes lag naturgemäß im Interesse der hellenisierten Barbaren, während der echte Hellene auf seine Geburt pochte und in der AnerkennungFremder zurückhaltend war. Freilich, sie schlechtweg als Barbaren zu behandeln, wenn sie hellenisch gebildet waren, ging auch nicht mehr an. Begann man sich doch allmählich daran zu gewöhnen, die hochkultivierten Barbarenvölker, die im Bereiche des Hellenismus waren, mit dieser herabsetzenden Bezeichnung überhaupt zu verschonen.

Mit zunehmender Ausbreitung des Hellenentums nach Osten und Süden entfernt sidi nun die alte von Hippokrates formulierte und durch Platon und Aristoteles zum Gemeingut gewordene Lehre von dem Zusammenhang des Volksdiarakters mit dem Klima, wenigstens was die Abgrenzung von Hellenen und Barbaren anbelangt, immer mehr von der Wahrheit. Schon Aristoteles, der die Scheidung von Europa und Asien aufrecht erhielt, war, wie wir sahen, mit der Charakterisierung der asiatischen Griechen in Schwierigkeiten geraten. Jetzt hatte sich die bisher auf Griechenland beschränkte gesegnete Mittelzone mit ihrer intelligenten Bevölkerung durch die politischen Vorgänge gewaltig ausgedehnt, in Asien und Ägypten waren hellenische Reiche entstanden, bevölkert mit Griechen und hellenisierten Barbaren, die durchihre geistigen und kriegerischen Eigenschaften dem Volkscharakter im eigentlichen Griechenland nichts nachgaben. Auf diese neuen ethnischen Verhältnisse paßte nun ziemlich genau die seit Parmenides übliche geographische Einteilung der Erdkugel in fünf, beziehungsweise der zunächst in Betracht kommenden nördlichen Erdhälfte in drei Zonen, wenn man die ganze zivilisierte Welt, Hellenen und Barbaren, in der mittleren, gemäßigten vereinigte. Die unkultivierten Völker aber, die eigentlichen «Barbaren», rückten so an die Grenzen dieser Kulturgemeinschaft, d. h. an die Ränder der Oekumene. Angeführt werden im kalten Norden die Skythen (und Kelten), im heißen Süden die Äthiopier.

Während der ausgebaute stoische Weltstaat, die Gesellschaft der vernunftbegabten Wesen, naturgemäß ein gewisses Maß von Bildung bei seinen Mitgliedern voraussetzt, steht der strenge Kynismus im Gegenteil auf dem Standpunkt der Verherrlichung der Unkultur. In dem Widerstreit von Natur und Satzung, phvsis und nömos, standen die Kyniker entschieden auf seiten der ersteren. Eines ihrer Ideale ist die Bedürfnislosigkeit, die den Menschen von äußeren Kulturgütern unabhängig macht und ihm so erst völlige Freiheit gewährt. Sie verlangten Abkehr von den Fesseln der hellenischen Zivilisation und Rückkehr zum Naturzustände, und Diogenes war es bekanntlich, der diese kynische Askese bis zur Karikatur übertrieben hat. Die Reinheit von schädlicher Kultur aber fand man einerseits bei den Tieren, anderseits bei den primitiven Barbaren, die also in ihrer Einfachheit und Natürlichkeit dem Weisen als nachahmenswertes Muster dienen sollen.

Zur Darlegung dieses Standpunktes bot sich eine in der Literatur schon längst beliebte legendarische Figur dar, nämlich der bereits kurz erwähnte vornehme und weise Skythe Anacharis, von dem Herodot (4. 76) nur so viel berichtet, daß er viele Länder bereiste und reiches Wissen nach Hause trug, aber nach seiner Rückkehr bei der Einführung des Kultes der Göttermutter von seinem Bruder, dem König, erschossen wurde. Andere Nachrichten deuten aber darauf hin, daß schon diese alte Legende ihn auch bereits griechische Sitten und Gebrauche mit Verwunderung betrachten und bekritteln ließ, und das war der Zug, der von den Kynikern eigens weitergebildet wurde. Alles spricht dafür, daß schon vor den letzten Dezennien des 4. Jahrhunderts eine kynische Anacharsisschrift mit jener Tendenz entstanden war. Darin erscheint der Barbar als der von überfeinerter griechischer Kultur unverdorbene Sohn eines freien Naturvolkes, der nicht kommt, um zu lernen, sondern um die griechischen Einrichtungen einer strengen satirischen Kritik zu unterziehen, ihnen gegenüber die einfachen Sitten seines Volkes zu preisen und Rückkehr zur Natur zu predigen. Er wird schließlich gewürdigt unter die sieben Weisen Griechenlands aufgenommen zu werden. So tritt uns diese Gestalt im Zwiegespräch mit Solon als dem Vertreter griechischer Sitte und Satzung in später Wiederverwendung bei dem Satiriker Lukian entgegen, der in seinen drei Skythendialogen sich ganz in stoisch-kynischem Fahrwasser bewegt.

Der Versuch der Kyniker, die Einfachheit und Natürlichkeit primitiver Menschen der hellenischen Überkultur gegenüber als etwas Erstrebenswertes hinzustellen, kreuzt sich mit einem Gedanken, mit dem die Griechen schon seit Homer gespielt haben, mit der Idealisierung der Barbaren und der Vorstellung von der Gerechtigkeit und dem Glück der Naturvölker. Die ungetrübte moralische Reinheit, die die Menschen bei sich vergebens suchten, und die damit verbundene Glückseligkeit wurde zunächst in sagenhafter zeitlicher oder räumlicher Entrückung vorgestellt, in dem verlorenen Paradies des goldenen Zeitalters oder in einem Wunschland wie der Insel der Seligen. Als dann jonische Seefahrer von den märchenhaften Herrlichkeiten entlegener Länder Kunde brachten, war dadurch der Anstoß gegeben, jene Gebilde der Phantasie auf der Erde selbst, allerdings in unzugänglicher Ferne am Rande der Welt zu lokalisieren und mit wirklichen Menschen in Verbindung zu bringen, die dort ihre Tage in Seligkeit und Gerechtigkeit verleben. Hier also setzt die poetische Idealisierung fremder Völker ein.

Die Entfernung, in der sie angesetzt werden, hängt zusammen mit der Vorstellung von der Ausdehnung des Erdkreises, der Oekumene. Bei Homer ist ihre ursprüngliche Grenze im Norden durch die Skythen, im Süden durch die Äthiopier gekennzeichnet. Besonders ausführlich kommt er zu Beginn des 13. Gesanges der Ilias auf die Nordvölker zu sprechen, die rossezüchtenden Thraker, die mysischen Kämpen, die trefflichen milchessenden Hippemolgen (Stutenmelker) und die Ahier, die gerechtesten Menschen. Ein Vergleich mit Herodot (4. 2) ergibt, daß unter den über die Thraker hinaus wohnenden, von Stutenmilch lebenden Völkerschaften eben die Skythen zu verstehen sind, die auf diese Weise durch Homer, die unerschöpfliche Fundgrube alles menschlichen Wissens, eine auch für die Folgezeit maßgebende Charakteristik erhalten haben. Denn die Verse bilden fortan die Grundlage für die Vorstellung von den nordischen Völkern und haben auch in der wissenschaftlichen ethnographischen Literatur bis Pompeius Trogus (Justin 2, 2), Strabon und Pomponius Mela ihre Spuren hinterlassen, obwohl seit Herodot wahrheitsgetreue Berichte von der Roheit, Wildheit, Trägheit und Trunksucht jener Völker verbreitet und gewisse Mythen, z. B. von Iphigenie in Taurien, auf ihrer Grausamkeit aufgebaut waren.

Immerhin zwingt die zunehmende Erkenntnis zu allmählicher Hinausschiebung der idealen Zone. An Stelle der Skythen treten die glückseligen Hyperboreer, die nun hoch im Norden am Rhipäischen Gebirge und an den Ufern des Istros angesetzt werden, im Süden rückt die Grenze von den Äthiopiern zu den Antipoden. Den östlichen Rand der Welt bilden zunächst die Inder, die aber von dem entlegeneren Fabelvolk der Serer oder Chinesen abgelöst werden.

Daß diese idealisierende Beurteilung fremder Völker neben der durch die jonische Ethnographie eingeführten nüchtern-wissenschaftlichen Erforschung ihrer wirklichen Eigenart solche Verbreitung finden und sich im ganzen Altertum behaupten konnte, erklärt sich, abgesehen von der allgemein menschlichen Sehnsucht nach Sittenreinheit und Glück, wohl auch vornehmlich dadurch, daß sich von den Spekulationen griechischer Denker mannigfache Fäden zu den Barbaren hinüberspannen und die Gepflogenheit aufkam, allerhand ideale Konstruktionen bei wirklich existierenden, wenn auch entfernten und unbekannten Völkern nachzuweisen, bzw. auf sie zu übertragen. So wurde Pythagoras mit den Hyperboreern in Beziehung gebracht, und die Betonung ihrer Enthaltung von Fleischgenuß und ihrer Gerechtigkeit erhält dadurch eine besondere Bedeutung. Xenophon hat sein Erziehungs- und Staatsideal nach Persien verlegt und so die in gewissem Sinne schon durch Aischylos eingeleitete Idealisierung der alten Perser fortgesetzt und populär gemacht. Die an Nordvölkern gelobte und im besonderen den Skythen zugeschriebene Weiber- und Gütergemeinschaft interessierte als Verwirklichung des platonischen Kommunismus. Das meiste haben aber zur Verherrlichung der Barbarenvölker wohl die Kyniker beigetragen, die in ihnen ihre Ideale teils schon verwirklicht sahen, teils geeignete Objekte erblickten, um ihre Lehre auf sie anzuwenden. Doch machen sich auch skeptische und epikureische Einflüsse in der gleichen Richtung geltend.

So sehen wir bei der Beurteilung fremder, nichthellenischer Eigenart hauptsächlich drei Momente Zusammenwirken: die phantastische Gestaltung im Mythos und in der Poesie, die objektive ethnographische Schilderung, Einflüsse der philosophischen Spekulation. Das mythisch-poetische Wunschland nach Art des Elysion oder der Meropis Theopomps einerseits und anderseits die nüchterne, rein ethnographische Schilderung, deren Höhepunkt der klingende Name eines Poseidonios bezeichnet, haben mit der Völkeridealisierung eigentlich nichts zu tun und bleiben als die beiden Extreme außerhalb der von uns ins Auge zu fassenden Reihe, desgleichen auch frei erfundene politische Ideale in durchaus märchenhaft-utopischer Einkleidung wie etwa die platonische Atlantis. Nicht inbegriffen sind streng genommen auch jene Fälle, wo bei objektiver Darstellung wirklich vorhandene Eigenschaften lobend hervorgehoben und das Fehlen von Schäden und Auswüchsen der Kultur mit Genugtuung festgestellt wird. Das ist nicht eigentliche Idealisierung, sondern höchstens «ethnographische Romantik», die, angewidert von den bestehenden sozialen Mißständen, das Ziel der eigenen Sehnsucht bei kulturlosen Völkern zu finden glaubt. Ein bezeichnendes Beispiel ist die Germania des Tacitus.

Das Wesen der Idealisierung besteht vielmehr in der Vereinigung von Elementen der Wirklichkeit mit solchen, die der Gedankenwelt des Menschen entspringen. Dies können mythische Phantasien und poetische Ausschmückungen oder philosophische Spekulationen sein, oft findet sich beides vereinigt. Die zahllosen Möglichkeiten und Grade der Mischung dieser Elemente ergeben eine reizvolle, aber verwirrende Fülle und Mannigfaltigkeit von Abstufungen und Qbergangsformen, die sich jedoch in einzelnen Haupttypen zusammenfassen lassen.

Den ersten Anstoß zu solcher Betrachtung der Barbaren hat, wie wir sahen, Homer gegeben, indem er die Lebensweise der Nordvölker sachlich beschreibt, sie aber mit dem der Vorstellung eines Wunschlandes entnommenen Zuge der Gerechtigkeit ausstattet. Dieser Typus fließt dann in der Folge meist zusammen mit einer zweiten Art, wo die wahrheitsgetreue Schilderung vermischt ist mit solchen Charakterzügen, die die Verwirklichung eines philosophischen Ideals darstellen sollen. Hier ist der im vierten Jahrhundert lebende Historiker Ephoros einzureihen, der. nach einem Zitat bei Strabo (VII 463) die in den ethnographischen Quellen enthaltene ungünstige Charakteristik der Skythen durch ein Idealbild ergänzt, das teils Homer nachgebildet ist, teils aber sichtlich bereits auf kynischen Einflüssen beruht, vielleicht jenem Anacharsisbuch entnommen, dem er offenbar auch die von ihm zum ersten Male überlieferte Nachricht verdankt, daß Anacharsis unter die sieben Weisen aufgenommen wurde.

Der philosophische Einschlag kann aber weiterhin die Wirklichkeit vollkommen überwuchern, wenn es nämlich gilt, an einem Volk von realer Existenz auf Grund philosophischer Theorien einen Musterstaat zu demonstrieren. Dies tut ein Schüler des Skeptikers Pyrrhon, Hekataios von Teos, der in seiner ägyptischen Geschichte das alte Wunderland mit seinen Bewohnern und Herrschern tendenziös verklärt und modernisiert, oder vom kynischen Standpunkt Alexanders Obersteuermann Onesikritos, der in seiner Schilderung Indiens ein eigenartiges Gemisch von Wahrheit und reichlicher Dichtung bietet. Für unsere Zwecke genügt es, diese Haupttypen hervorzuheben, zumal das andere bei der Lückenhaftigkeit unserer Überlieferung zumeist nur schwer zu fassen ist.

Die Projektion hellenischer Ideen auf barbarischen Boden, die ihnen zunächst nur den Reiz und die Beglaubigung des Fremdartigen verleihen sollte, aber schließlich ernst genommen werden konnte, ferner die zunehmende Berücksichtigung orientalischer Religion und Geheimwissenschaft brachte eine eigene tümliche Verschiebung in der Bewertung hellenischen und nicht-hellenischen Wissens hervor. Schon Ktesias von Knidos (um 400 v. Chr.)  lobt die konservative Stabilität der chaldäischen Philosophie gegenüber der widerspruchsvollen Zerfahrenheit der griechischen, und vielfach wird der Überzeugung Ausdruck gegeben, daß die Quellen der griechischen Philosophie und gesamten Weisheit bei den Barbaren des Ostens zu suchen seien. Für Ägypten hat dies der schon genannte Hekataios von Teos in seiner utopischen Art ausgeführt, mit besonderem Eifer aber suchten jüdische Schriftsteller wie Demetrios, Eupolemos, Artapanos die gesamte Kultur der übrigen Völker auf die Juden zurückzuführen, was dann auch von griechischen Literaten nachgesprochen wird. In späterer Zeit übernahmen die Neupythagoräer und Neuplatoniker diese Ansichten, und es ist begreiflich, daß christliche Schriftsteller gerne mit einstimmten und sich dieses Kampfmittels gegen die heidnischen Lehren bedienten. So Justinus Martyr, Tatian und besonders Clemens von Alexandria, ferner Origenes, Eusebius und Augustinus. Selbst Laertios Diogenes, der diese Ansicht in der Einleitung seiner Philosophenbiographien bekämpft, stellt die Weisheit der ägyptischen Priester, der keltischen Druiden, der persischen Magier, der indischen Brahmanen und Gymnosophisten oder der babylonischen Chaldäer für die Griechen als vorbildlich hin.

Auch aus dieser ganzen Betrachtung geht hervor, wie sehr die Barbaren weit seit alten Zeiten die Phantasie und Wißbegier der Griechen beschäftigte, und welche Fülle disparatester Vorstellungen mit dem Namen verknüpft wurde. Die ganze Gefühlsskala von wegwerfender Verachtung bis zu maßloser Überschätzung wird hier durchlaufen, und das merkwürdige ist, daß diese Extreme zu allen Zeiten nebeneinander bestehen konnten.

Text aus dem Buch: Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins (1923), Author: Jüthner, Julius.

Siehe auch:
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – Vorwort
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – I. Name und Begriff.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – II. Die Aufklärung des 5. Jahrhunderts.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – III. Platon und Aristoteles.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – IV. Makedonien und Alexanders Weltreich.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – V. Isokrates und die Anfänge des Attizismus.

Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins