Abbildungen Hieronymus Bosch 1450-1516

Hieronymus Bosch

Gerhard David steht trotz mancher Neuerungen, die er vor allem auf dem Gebiete der Landschaftsmalerei bringt, noch durchaus auf dem Boden der kirchlichen Kunst des 15. Jahrhunderts und seine religiösen Darstellungen tragen noch den Charakter von Andachtsbildern. Die ruhige Schönheit seiner Gestalten, die sanfte Anmut seiner Landschaften, der tiefe Friede, der über ihnen liegt, alles ist darauf berechnet, den Beschauer aus dem Gedankenkreise des alltäglichen Lebens in die andächtige beschauliche Stimmung zu versetzen, wie sie dem Besucher des Gotteshauses ziemt. Sein künstlerisches Schaffen bewegt sich noch unentwegt in den Bahnen der kirchlichen Kunsttradition und keine Andeutung, kein Hauch jenes gewaltigen Umschwungs, der sich in den Niederlanden bereits gegen das Ende seines Lebens vorzubereiten beginnt, ist in seinen Werken wahrzunehmen. Holländer von Geburt, ist er dennoch Vertreter jener weniger national, mehr kirchlich gefärbten Richtung der niederländischen Kunst, welche in der Folgezeit vor allem in den vlämischen Provinzen ihre Anhänger finden sollte, während sich die holländischen zum Zentrum der streng nationalen profanen Kunst emporschwingen. Doch der Gegensatz zwischen diesen beiden Kunstrichtungen, der in engem Zusammenhang mit der geistigen und politischen Entwicklung des niederländischen Volkslebens steht, beginnt sich schon zu Lebzeiten Gerhard Davids fühlbar zu machen.

Sein Landes- und Zeitgenosse Hieronymus Bosch ist der erste Vertreter einer Kunst, die nicht mehr ausschliesslich auf kirchlichreligiösen Grundlagen aufgebaut ist, sondern in den Anschauungen des Volks, im Volksleben, im Volksglauben wurzelt. In seinen Werken beginnt sich jene Umgestaltung der kirchlichen in eine profane Kunst vorzubereiten, deren Resultat in den holländischen Provinzen ein Jahrhundert später das völlige Erlöschen der ersteren ist.

Wie seine holländischen Nachfolger ist Hieronymus Bosch durchaus Charakteristiker, durchaus Naturalist. Seine unerbittliche Wahrheitsliebe lässt ihn das Leben in seinem ganzen Realismus, in seiner ganzen Derbheit schildern und selbst vor dem Göttlichen, Heiligen nicht Halt machen, welches er wie die Vorgänge des Alltagslebens in ein nüchternes menschliches Gewand hüllt. Mit seinem ganzen Kunstempfinden unmittelbar in der Natur wurzelnd, sucht Hieronymus Bosch entsprechende Gebiete für die Betätigung dieser seiner Begabung und er findet sie in der Beobachtung und dem Studium heimischen Volkslebens, heimischer Sitten und heimischer Natur. Er stellt das Volk in seiner ganzen Urwüchsigkeit dar, er schildert seine Spiele, seine Belustigungen und seine täglichen Beschäftigungen und gibt ein Stück seines Geisteslebens, seiner Lebensweisheit, indem er es uns in seinen Sprüchwörtern vorführt. Kurz er ist der nationale Sittenmaler in des Wortes vollster Bedeutung. Seine uns noch erhaltenen Werke, wie der Heuwagen im Kloster Escorial, die Operation am Kopfe im Praclo-museum zu Madrid, ferner die in graphischer Reproduktion erhaltenen Arbeiten, wie die Geldgier, die holländische Küche und die Parabel von den Blinden, endlich die dokumentarisch überlieferten Werke, wie die Hochzeit, der flandrische Tanz, der Schlittschuhläufer, der Kampf des Faschings mit den Fasten, legen ein beredtes Zeugnis davon ab, einen wie breiten Raum ‚dieser Typus von Darstellungen in seiner Kunst einnahm.

Auch dort wo er religiöse Themen behandelt, zeigt sich, wie schon erwähnt, das Streben, dieselben so zu wählen, dass ihm neben der Wiedergabe des eigentlichen religiösen Vorganges die Freiheit zur Betätigung seiner auf das Realistische, Bizarre gerichteten Begabung bleibt.

In erster Linie seien hier die Diablerien genannt, als deren Begründer Hieronymus Bosch mit Recht angesehen werden kann. Wohl finden sich schon in den Arbeiten der Meister des 15. Jahrhunderts, wie in dem Jan van Eyk zugeschriebenen Jüngsten Gericht der Eremitage zu Petersburg, dem den gleichen Gegenstand behandelnden Bilde des Petrus Cristus im Museum zu Berlin, des Rogier van der Weyden im Hospital zu Beaune und des Hans Memling in der Marienkirche zu Danzig Darstellungen des Höllenschlundes mit seinen Schrecken, diese ordnen sich aber dem leitenden religiösen Gedanken vollständig unter und bilden gleichsam nur dessen Beiwerk. Hieronymus Bosch macht sie zum eigentlichen Gegenstand, er erweitert und vertieft sie, und gestaltet sie geradezu zu höllischen Sittenbildern um, während der eigentliche religiöse Gegenstand nur als Vorwand dient.

Auch in der Behandlung der Landschaft zeigt sich den Vertretern der religiös-kirchlichen Richtung gegenüber ein grundlegender Unterschied. Wie die brabanter Schule und zuletzt Gerhard David den Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung des spezifisch vlämischen Zweiges der Landschaftsmalerei bildet, so ist es Hieronymus Bosch für jenen vlämisch-holländischen Zweig, der durch Pieter Brueghel den älteren, Jakob Grimmer und die frühesten holländischen Stimmungsmaler wie Hendrik van Averkamp, Arent van Kabel, Esaias van de Velde vertreten wird. Im Kirchenbilde des 15* und 16. Jahrhunderts harmoniert die Landschaft in der ihr eigenen feierlichen Stimmung mit dem Charakter der Szenen, denen sie als Hintergrund dient und ergänzt mit ihren sanften Linien, ihren lieblichen Motiven die beschauliche Wirkung des religiösen Vorgangs.

Bei Hieronymus Bosch dagegen tritt das idyllische Beschauliche vor dem Eindruck des Ernsten, Grossen der freien Natur entschieden zurück. Es ist die schlichte Grösse der heimischen Ebenen, die Wildnis mit all ihren Schrecken und erhabenen Reizen, die Elegie der Einsamkeit die er in seinen Bildern wiederzugeben sucht. Obzwar in ihrer primitiven Herbheit, in ihrem Mangel an Perspektive und dem Fehlen einer harmonischen Linienführung den Landschaftskompositionen Gerhard Davids nachstehend, sind sie diesen doch, was die Lebendigkeit und Unmittelbarkeit der Naturauffassung betrifft, überlegen und ungleich reicher an Entwicklungsmöglichkeiten.

In der perspektivischen Konstruktion zeigen sich die Landschaften des Hieronymus Bosch denen der frühen holländischen Meister wie Geertgen van Haarlem2 und Cornelis Engelbrechtsen insofern verwandt, als der Standpunkt des Beschauers verhältnismässig tief und die Horizontlinie im allgemeinen sehr hoch liegt. In der Epiphanie des Pradomuseums zu Madrid verhält sich beispielsweise das Land zur Luft wie 4:1, der Augenpunkt für den figürlichen Teil der Darstellung liegt ganz unverhältnismässig niedriger als die Horizontlinie und ähnliches wiederholt sich in den beiden Triptychen der Wiener Gemäldegalerie. In der Raumgliederung tritt an die Stelle der diagonalen Kulisse und der vertikalen Richtungsmotive, wie wir sie in den Werken der brabanter Schule kennen gelernt haben, häufig die Zerlegung in horizontale Stufen oder Streifen, die in Bildern wie der madrider Epiphanie geradezu pedantisch durchgeführt ist und noch an Raumanlagen erinnert, wie sie das Horarium des Herzogs zu Berry im Schlosse Chantilly zeigt. Drei streng voneinander geschiedene Gründe bauen sich hier hintereinander auf, vorn das figürliche Podium, dem eine Zone vorwiegend landschaftlichen Charakters folgt, im Hintergründe eine Reihe von Bauwerken, die die Landschaft gegen den Horizont zu begrenzt. Das figürliche Vorder-grundpodium ist stark hervorgehoben und scharf von den landschaftlichen Gründen getrennt. Diese Betonung des Vordergrundes steht im engen Zusammenhang mit der Bedeutung, die Hieronymus Bosch der Figur in seinen Darstellungen einräumt. Während sie bei Dirk Bouts und Gerhard David bereits in den Raum hineinkomponiert erscheint und sich den Raumverhältnissen anpasst, nimmt sie in den Bildern des Hieronymus Bosch eine bevorzugte Stellung ein, beherrscht den Vordergrund und steht noch wie bei den frühen Meistern des 15. Jahrhunderts vor dem Bildraum, nicht in demselben. Erst in den weiter zurückliegenden Teilen der Darstellung passt sie sich der Umgebung an und erhält den Charakter der Staffage.

Dass den Landschaften unseres Meisters trotz des zuweilen etwas unbeholfenen Aufbaus, trotz der unverkennbaren perspektivischen Fehler eine einheitliche und in mancher Hinsicht grossartige Gesamtwirkung eigen ist, hat seine Ursache wohl hauptsächlich darin, dass er sowohl in gegenständlicher als in farblicher Beziehung die Einheitlichkeit ihres Charakters zu wahren versteht. Während selbst Gerhard David und die frühesten Vertreter des reinen Landschaftsfachs noch dem Einfluss der objektivierenden Richtung unterliegen, der sich sowohl in der Wahl des Gegenstandes als auch in der Behandlung der Motive geltend macht, tritt in den Landschaften Boschs das Gegenständliche zurück. Er geht hier nicht mehr auf die Einzeldarstellung auf die Detailwirkung aus, sondern gibt die Landschaft in ihrer Gesamtwirkung wieder, ohne ihre Bestandteile jeden für sich ins Auge zu fassen; er drückt die Raumweite nicht mehr durch die Anzahl der Motive sondern durch die Grösse der Linien und durch das Verhältnis des Einzelmotivs zum Raum aus und zeigt sich in dieser Beziehung selbst Gerhard David überlegen.

Dieses Streben nach einheitlicher Gesamtwirkung zeigt sich vor allem in der farblichen Behandlung der Landschaft, deren Einzelfarben er noch in weit höherem Grade als Gerhard David dem Gesamtton unterordnet. Denn während letzterer nur eine gewisse Harmonie zwischen diesen beiden Faktoren anstrebt und sie so wählt, dass ihr Zusammenwirken eine harmonische Tonwirkung hervorzubringen geeignet ist, ist bei Hieronymus Bosch der Gesamtton gleichsam das primäre Moment und die Farbenunterschiede äussern sich innerhalb desselben nur als Nuancenunterschiede. So zeigt die Landschaft der Kreuztragung Christi im Kloster Escorial sowie die Darstellung des Paradieses (linker Flügel des Jüngsten Gerichts in der Akademie in Wien) einen mattgrünen Ton und die Landschaft im Hintergrund der Epiphanie ist auf einen lichten Goldton gestimmt, innerhalb dessen die einzelnen Details nur durch eine hellere oder dunklere Tonfärbung hervortreten, ln dieser Hinsicht nähert er sich den holländischen Stimmungsmalern des 17. Jahrhunderts und stimmt auch darin mit ihnen überein, dass er zu Gunsten der Einheitlichkeit des Tons auf kräftigere Beleuchtungseffekte verzichtet, obzwar er gerade auf diesem Gebiete, wie beispielsweise im Nachtstück, in den Darstellungen nächtlicher Feuersbrünste und seinen Unterweltdarstellungen eine hervorragende Begabung zeigt. Durchgehends ist es ein gleich-massiges zerstreutes Tageslicht, welches in seinen Landschaften herrscht, über denen sich ein wolkenloser blauer, nur gegen den Horizont zu aufgehellter Himmel ausbreitet. Hierin unterscheidet er sich grundsätzlich von den Meistern der flandrischen und den späteren Malern der brabanter Schule, wie Dirk Bouts und besonders Gerhard David, während er in Bezug auf Lichtführung und Farbengebung die gleichen Ziele verfolgt wie Rogier van der Weyden und der Meister von Flemalle. Gerhard David strebt eine konsequente Gliederung des Raums nach belichteten und beschatteten Zonen an, beginnt sich der raumvertiefenden Wirkung des Lichts bewusst zu werden und benützt es zur Hervorhebung der wichtigsten Teile der Darstellung und zur Loslösung vom Grunde. Auch die Zerlegung des Raums in mehrere farblich verschiedene Zonen soll nicht bloss die Wirkungen der Atmosphäre auf das Aussehen der Landschaft ausdrücken, sondern hat daneben den Zweck, die sich aufeinander projizierenden Geländekulissen und Terrain-profile farblich voneinander loszulösen und zu unterscheiden. Anders bei Hieronymus Bosch, dem es weniger um das rein körperliche Zurückgehen der Landschaft, um das plastische Hervortreten ihrer einzelnen Teile zu tun ist als vielmehr um die Wiedergabe des Luftraums, um das Zusammenwirken von Licht und Luft in der Landschaft. Da er alles in seinen Landschaften auf einen einheitlichen Gesamtton zu stimmen sucht, so vermeidet er es auch, die farbliche Harmonie durch eine all zu schroffe Differenzierung der verschiedenen Tiefenzonen zu stören und betont die allmähliche Aufhellung nach dem Horizont zu dem luftperspektivischen Farben Wechsel gegenüber. Wie kein anderer Meister dieser Epoche versteht er es, die Wirkungen der Atmosphäre auf die Verteilung des Lichts im landschaftlichen Raum wiederzugeben und erscheint auch in dieser Beziehung als Vorgänger der holländischen Luft- und Stimmungsmaler des 17. Jahrhunderts. Die Stimmung eines klaren Sommermogens, weht uns aus Landschaften, wie der der Anbetung der Könige im Pradomuseum zu Madrid entgegen, während wieder über anderen, wie der des Martyriums der heiligen Julia die ernste Stimmung des hereinbrechenden Abends mit seinen bläulichen Schatten zu liegen scheint.

Ist Hieronymus Bosch in seinen Tageslandschaften vorwiegend Tonmaler, so zeigt er im Nachtstück wie schon erwähnt eine nicht minder grosse Begabung für die Wiedergabe kräftiger Beleuchtungseffekte. Mit Meisterschaft versteht er es die Lichtwirkungen einer nächtlichen Feuersbrunst mit all ihren Nuancen mit ihren Reflexen darzustellen, wie die brennende Stadt im Hintergrund der Vision des hl. Antonius (linker Flügel des Triptychons Nr. 633 der Gemälde Sammlung des A. H. Kaiserhauses in Wien) beweist, die mit ihren vom grellen Feuerschein beleuchteten Giebeln, mit der von fliehenden Menschen belebten ganz in rötliches Zwielicht getauchten Bogenbrücke ein Meisterstück der Beleuchtungskunst bildet, welches sich verwandten Leistungen holländischer Künstler des 17. Jahrhunderts würdig an die Seite stellen lässt.

In der Behandlung des Einzelmotivs zeigt sich neben der Tendenz, die Detailwirkung der Gesamtwirkung unterzuordnen, das Streben, gewisse besonders charakteristische Objekte aus der Masse der andern herauszuheben und das Augenmerk des Beschauers auf sie zu lenken. Hierin unterscheidet sich Bosch grundsätzlich von den Meistern der brabanter Schule und nähert sich der Schule der van Eyk. In der ersteren finden wir durch-gehends den Hang, die verschiedenen Gattungen von Landschaftsmotiven in immer wiederkehrenden sich im wesentlichen gleich bleibenden Formen zur Darstellung zu bringen und auf diese Weise ein Schema herauszubilden, welches die Klassenmerkmalt wiedergibt, ohne die individuellen Eigentümlichkeiten eines jeden einzelnen Objekts zu berücksichtigen. Die einzelnen Künstler unterscheiden sich innerhalb dieser Grenzen nur dadurch voneinander, dass sie die charakteristischen Merkmale der Gattung mehr oder weniger scharf und naturalistisch zu fassen verstehen. Bosch dagegen schematisiert nur dort, wo die Objekte in grösseren Massen also als Typus auftreten, während er sie dort, wo sie sich von ihresgleichen unterscheiden, mit all ihren charakteristischen Eigentümlichkeiten wiedergibt. Am deutlichsten zeigt sich dies in der Behandlung der Bäume. Grössere Bauingruppen sind in seinen Landschaften meist schablonenhaft und steif wiedergegeben, während andererseits einzelne besonders charakteristische Individuen mit all ihren Einzelheiten dargestellt werden und so die Aufmerksamkeit des Beschauers auf sich lenken, wie beispielsweise auf der Mitteltafel und dem rechten Seitenflügel der madrider Epiphanie, wo ein alter knorriger halb abgestorbener Eichenbaum aus der Masse der übrigen herausgehoben und sorgfältig bis ins kleinste durchgeführt ist. Diese Betonung der charakteristischen Merkmale einzelner Objekte anderen gleichartigen Objekten gegenüber, dieses Verlegen des Accents auf bestimmte besonders malerische Motive, welches schon in der Schule der van Eyk, wenn auch nicht so bewusst in Anwendung war, leitet eine neue differenzierende Richtung ein, welche zwischen den für die Eigenart des Landschaftsbildes bestimmenden malerischen und den nur für den Allgemeineindruck massgebenden Motiven unterscheidet, erstere hervorhebt, letztere aber in ihren allgemeinen Umrissen wiedergibt.

Als echter Bewohner der Ebene zeigt sich Hieronymus Bosch vollkommen unfähig, die Struktur des Berges oder Felsens eini-germassen organisch richtig wiederzugeben. Den Berg bildet er, wie in der Epiphanie des Pradomuseums zu Madrid, insoweit er nicht als lang gezogener den Horizont begrenzender Höhenrücken gedacht ist, als runden symmetrischen Hügel, der mit den Dünenformationen seiner Heimat grosse Verwandtschaft hat, oder wie in der Versuchung des hl. Antonius der Ayuda zu Lissabon, und in dem Triptychon Nr. 651 der wiener Gemäldegalerie, als phantastisches Felsgebilde, das in seinen abenteuerlichen Formen, wild zerklüftet als steiler Felsturm ansteigend häufig eine unverkennbare Aehnlichkeit mit den Felsbildungen des Hendrik Bles zeigt. An Kompositionen dieses Meisters, erinnert auch die Beschreibung, die van Mander von einer Flucht nach Aegypten gibt, deren landschaftlicher Hintergrund ein phantastisches Felsgebilde zeigt, welches in seinem Innern ein Einkehrwirtshaus birgt. Auch auf diesem Gebiete scheint also die Tätigkeit Boschs bahnbrechend gewirkt und zur Entwicklung jener phantastischen Richtung beigetragen zu haben, die während der Dauer des 16. Jahrhunderts die Landschaftsmalerei beherrscht.

Das merkwürdige Gemisch von Phantasten und strengem Naturalisten zeigt sich bei Hieronymus Bosch auch auf architektonischem Gebiet in einem Nebeneinander von schlichten niederländischen und abenteuerlichen exotischen Bauwerken, wie es in der schon mehrfach erwähnten Epiphanie hervortritt. Eine ärmliche halb verfallene niederländische Hütte mit zerbröckelten Lehtmvänden und spitzen Strohdach dient dem figürlichen Vorgang als Schauplatz und ebenso mutet die Landschaft mit ihren strohgedeckten Gehöften, mit ihren Windmühlen durchaus niederländisch an. Im Gegensatz hiezu zeigt das im Hintergrund aufragende Jerusalem Monumentalbauten in den mannigfaltigsten und abenteuerlichsten Formen, die sich über dem Giebelgewirr der Stadt teils in der Gestalt assyrischer Stufentempel oder byzantinischer und orientalischer Kuppelbauten erheben, zuweilen aber auch Formen annehmen, die wohl ausschliesslich der Phantasie des Meisters entsprungen sein dürften, wie der glockenförmige Bau, welcher am weitesten vorgeschoben als Torturm der Stadtmauer dient und mit wenigen Veränderungen auf dem Juliatriptychon der Kaiserlichen Gemäldesammlung in Wien, sowie in der von Dollmayer dem Jan Mandeyn zugeschriebenen Vision des hl. Antonius ebendaselbst wiederkehrt. Dass sich Hieronymus Bosch bei der Darstellung seiner phantastischen Architekturen etwa wie Hans Memling an bestimmte Vorbilder gehalten hat, ist umso weniger zu glauben, als er seine Heimat wahrscheinlich nie verlassen und daher nicht wie dieser Meister und andere Zeitgenossen, die Gelegenheit hatte, sich die Kenntnis fremder Baustile anzueignen. Das häufige Vorkommen jener auf den Tempelstil zurückgehenden Rundbauten, die bei den Andachtsmalern des 15. Jahrhunderts von den Brüdern van Eyk an in den meisten Darstellungen der Stadt Jerusalem wiederkehren, lässt vielmehr darauf schliessen, dass Bosch zum Teil aus diesen Quellen geschöpft und das Gesehene frei verarbeitet hat.

Auch auf rein technischem Gebiete nimmt Hieronymus Bosch seinen Zeitgenossen gegenüber eine Sonderstellung ein, bricht mit den Traditionen des 15. Jahrhunderts und erscheint in gewissem Sinne als Begründer einer neuen auf malerische Wirkungen ausgehenden Oeltechnik. Der glatte Vortrag, das vorwiegend zeichnerische Eingehen auf die kleinsten Details, welches die Schöpfungen dieser Epoche auszeichnet, ist seiner Malweise fremd. Sein Farbenauftrag ist breit und kernig und überall begegnet man dem Streben die Objekte in ihrer optischen Gesamtwirkung wiederzugeben. Er drückt die Form durchaus malerisch aus, d. h. die Farbe steht nicht mehr wie, bei seinen Vorgängern im Dienste der Linie, der Zeichnung, sondern die Form erscheint als ein Resultat des Zusammenwirkens von Licht und Farbe, des Zusammenwirkens von Farbenflecken und -flächen. Nicht mehr die Linie die von allen Zufälligkeiten befreite Form des Gegenstandes ist massgebend für seine Darstellung, sondern dessen Eigenschaften als Licht- und Farbenerscheinung im Luftraum. Am deutlichsten zeigt sich dies in der Behandlung der landschaftlichen Hintergründe des Martyriums der heiligen Julia, und des rechten Flügels der Epiphanie, deren breite und malerische Behandlung in keinem zeitgenössischen Werke nur annähernd erreicht wird. Während es als typisches Merkmal der Landschaften des 15. und zum Teil auch des 16. Jahrhunderts gelten kann, dass die Ferne mit derselben Gewissenhaftigkeit ausgeführt ist wie die nächste Nähe, sind die Hintergründe in den genannten Landschaften des Bosch locker und nur in grossen Zügen hingeworfen und das Detail rein skizzenhaft mit einer Breite behandelt, die an die Technik Joos de Mompers erinnert.

Was die Schulangehörigkeit Boschs betrifft, so schliesst Justi3 aus der grossen Verwandtschaft der Figurentypen auf der Kreuztragung Christi im Kloster Escorial mit denjenigen der älteren Meister der brabanter Schule, dass diese einen starken Einfluss aufseine künstlerische Entwicklung ausgeübt haben dürfte, eine Vermutung, für welche unter anderem auch die Uebereinstimmung der madrider Epiphanie mit der Geburt Christi des Meisters von Flemalle im Museum zu Dijon spricht. Jedenfalls deutet die Aehn-lichkeit der Madonnentypen, die Auffassung des Christuskindes als kleinen hageren Knäbleins und die Wahl des Schauplatzes auf einen gewissen Zusammenhang zwischen den beiden Meistern. Dagegen würde die Behandlung der Hände mit ihren kurzen Fingern, mit ihrer breiten Palme auf den Einfluss Albert von Ouwaters schliessen lassen, wie er uns in der Auferweckung des Lazarus im berliner Museum entgegentritt.

Die künstlerische Persönlichkeit Hieronymus Boschs ist neben der der Brüder van Eyk wohl die bedeutendste, welche das 15. Jahrhundert hervorbrachte. Geben erstere dem Kirchen- und Andachtsbilde die Gestalt, welche es sich während der folgenden zwei Jahrhunderte bewahren sollte, so liegen in den Werken Boschs bereits alle Ansätze für die weitere Entwicklung der nationalen und profanen niederländischen Kunst. Die religiöse Genredarstellung, das ländliche und bürgerliche Sittenbild, in dem der niederländische Volkscharakter sowie die nationale Eigenart des Künstlers am deutlichsten zum Ausdruck kommt, die dem Sittenbildc verwandte satyrisch-sinnbildliche Darstellung, als deren Haupt Vertreter im 17. Jahrhundert Jan Steen auftritt, die grosse Gruppe der Diablerien, die besonders im 16. Jahrhundert blühen, sind in seinen Werken ebenso vorgebildet, wie die verschiedenen Zweige der Landschaftsmalerei, die Stimmungslandschaft, wie sie bei den holländischen Tonmalern ihre vollendetste Gestalt erhält, die abenteuerliche Phantasielandschaft, die in Hendrik Bles ihren hervorragendsten Vertreter findet, und das Nachtstück, die nächtliche Feuersbrunst, die im 16. Jahrhundert Pieter Schoubroeck, im 17. Aert van der Neer mit besonderer Vorliebe pflegen. Alle diese Zweige der profanen niederländischen Malerei zeigen sich bereits in ihren Anfangsstadien mehr oder minder entwickelt in den Werken des Hieronymus Bosch.

Es ist die Morgendämmerung einer neuen Zeit, neuer Ziele und Probleme, die mit dem Auftreten dieses ersten Vertreters der niederländischen Volkskunst anbricht, die Dämmerung der nationalen Renaissance der niederländischen Malerei.

Aus dem Buch „Von Jan van Eyk bis Hieronymus Bosch : ein Beitrag zur Geschichte der niederländischen Landschaftsmalerei“ aus dem Jahr 1903, Autor: Schubert-Soldern, Fortunat von.

Siehe auch: Hieronymus Bosch (1450-1516), Hieronymus Bosch – Dokumente, HÖLLENSCHILDERUNGEN DES MITTELALTERS, JAN VAN EYCK, Studien zur Deutschen Kunstgeschichte – Von Jan van Eyck bis Hieronymus Bosch – Kapitel V, Studien zur Deutschen Kunstgeschichte – Von Jan van Eyck bis Hieronymus Bosch – Kapitel IV,Studien zur Deutschen Kunstgeschichte – Von Jan van Eyck bis Hieronymus Bosch – Kapitel III,Studien zur Deutschen Kunstgeschichte – Von Jan van Eyck bis Hieronymus Bosch – Kapitel II, Studien zur Deutschen Kunstgeschichte – Von Jan van Eyck bis Hieronymus Bosch

Weitere Künstler auf Kunstmuseum Hamburg: HYACINTHE RIGAUD, ALBRECHT DÜRER, TIZIAN, RAFFAEL, FERDINAND BOL, ADRIAEN VAN DER WERFF, SALOMON KÖNINCK, JAN VAN DER MEER VAN DELFT, CARLO DOLCI, KASPAR NETSCHER, GERARD DOU, REMBRANDT VAN RIJN, JAN DAVIDSZ DE HEEM, GABRIEL METSU, REMBRANDT VAN RIJN, ADRIAEN VAN OSTADE, DER MEISTER DES TODES DER MARIA, JUSEPE DE RIBERA, GUIDO RENI, LORENZO LOTTO, FRANCISCO DE ZURBAR AN, RAPHAEL MENGS, REMBRANDT VAN RIJN, BARTOLOME ESTEBAN MURILLO, HANS HOLBEIN DER JÜNGERE, JEAN ETIENNE LIOTARD, ANTON GRAFF, ANGELICA KAUFFMANN, ANTONIO ALLEGRI DA CORREGGIO, JAN VAN EYCK, ANTONIUS VAN DYCK, JACOB VAN RUISDAEL, CLAUDE LORRAIN, ANTOINE WATTEAU, PAOLO VERONESE, MEINDERT HOBBEMA, PETER PAUL RUBENS, CIMA DA CONEGLIANO, JAN WEENIX, PALMA VECCHIO, JAN WILDENS, MICHELANGELO CARAVAGGIO, POMPEO BAtONI, FRANCESCO FRANCIA, JAN VAN DER MEER VAN HAARLEM, DAVID TENIERS DER ÄLTERE, WILLEM KLAASZ HEDA, ADRIAEN BROUWER, JAN FY , HRISTIAN LEBERECHT VOGEL.

Hieronymus Bosch 1450-1516 Studien zur Deutschen Kunstgeschichte Von Jan van Eyck bis Hieronymus Bosch

Hier gezeigte Abbildungen:
Die triumphierende Kirche – Stich nach Hieronymus Bosch
St. Martin in der Barke – Stich nach Hieronymus Bosch
Konstantin empfängt die Erscheinung des heiligen Kreuzes – Stich nach Hieronymus Bosch
Der heilige Christophorus – Stich nach Hieronymus Bosch
Heraklius zieht mit dem heiligen Kreuz in Jerusalem ein – Stich nach Hieronymus Bosch
Der Elefant – Stich nach Hieronymus Bosch
Musikanten beim Brunnen – Stich nach Hieronymus Bosch

1.)  DIE APOKALYPSE VON AKHMIN (2. CHRISTLICHES JAHRHUNDERT) *1

ICH sah aber auch einen anderen Ort, jenem gerade gegenüber, der ganz finster war. Und es war ein Ort der Strafe. Und die, welche gestraft wurden, und die strafenden Engel hatten ein dunkles Gewand an gemäß der Luft des Ortes.

Und es waren welche dort, die waren an der Zunge aufgehängt. Das waren die, welche den Weg der Gerechtigkeit lästerten, und unter ihnen brannte Feuer und peinigte sie. Und es war da ein großer See gefüllt mit brennendem Schlamm, in dem sich sob che Menschen befanden, welche die Gerechtigkeit verdrehten, und Engel bedrängten sie als Folterer.

Es waren aber auch sonst noch Weiber da, die an den Haaren aufgehängt waren, oben über jenem auf brodelnden Schlamm. Das waren die, welche sich zum Ehebruch geschmückt hatten; und die, welche sich mit ihnen vermischt hatten in der Schande des Ehebruchs, waren an den Füßen aufgehängt und mit dem Kopf in jenen Schlamm gesteckt, und sie sprachen: „Wir glaubten nicht, daß wir an diesen Ort kommen würden.“ Und die Mörder erblickte ich und ihre Mitschuldigen, die geworfen waren an einen engen Ort, der voll war von bösem Gewürm; und sie wurden gebißen von jenen Tieren und mußten sich dort in jener Qual winden. Es bedrängten sie Würmer wie Wolken der Finsternis. Und die Seelen der Gemordeten standen da und sahen auf die Qual jener Mörder und sprachen: „O Gott, gerecht ist dein Gericht.“

Nahe an jenem Ort sah ich einen anderen engen Ort, in dem das Blut und der Unrat derer, die bestraft wurden herabfloß und dort wie ein See wurde. Und dort saßen W’eiber, die hatten das Blut bis an den Hals und ihnen gegenüber saßen viele Kinder, die da unzeitig geboren waren, und weinten. Und von ihnen gingen Feuerstrahlen aus und trafen die Weiber über das Gesicht. Das waren die, welche unehelich empfangen und abgetrieben hatten.

Und andere Männer und Weiber waren in Flammen bis zu der Mitte und sie waren geworfen an einen finsteren Ort und wurden gegeißelt von bösen Geistern und ihre Eingeweide wurden aufgezehrt von Würmern, die nicht ruhten. Das waren die, welche die Gerechten verfolgt und sie verraten hatten.

Und nicht weit von jenen wiederum Weiber und Männer, die sich die Lippen zerbißen und gepeinigt wurden und feuriges Eisen über das Gesicht bekamen. Das waren die, welche gelästert hatten und geschmäht den Weg der Gerechtigkeit.Und diesen gerade gegenüber waren wieder andere Männer und Weiber, die sich die Zungen zerbißen und brennendes Feuer im Munde hatten. Das waren die falschen Zeugen.

Und an einem anderen Orte waren Kieselsteine, spitzer als Schwerter und jede Speerspitze, die waren glühend, und Weiber und Männer in schmutzigen Lumpen wälzten sich auf ihnen gepeinigt. Das waren die Reichen und die auf ihren Reichtum vertrauten und sich nicht erbarmt über W7aisen und Witwen, sondern das Gebot Gottes vernachlässigt hatten.

Und in einem anderen großen See, der mit Eiter und Blut und auf brodelndem Schlamm gefüllt war, standen Männer und W’eiber bis an die Knie. Das waren die Wucherer und die Zinseszins forderten.
Andere Männer und W’eiber wurden von einem gewaltigen Abhang hinab gestürzt, kamen hinunter und wurden wiederum von den Drängern auf den Abhang hinauszugehen getrieben und von dort hinabgestürzt und hatten keine Ruhe vor dieser Pein. Das waren die, welche ihre Leiber befleckt und sich benommen hatten wie W’eiber, und die W’eiber bei ihnen, das waren die, welche beieinandergelegen hatten wie ein Mann beim Weibe. Und bei jenem Abhang war ein Ort voll gewaltigen Feuers, und dort standen Männer, welche sich mit eigener Hand Götzenbilder gemacht hatten statt Gottes.Und bei jenen waren andere Männer und W’eiber, welche Stäbe von Feuer hatten und sich schlugen und niemals aufhörten mit solcher Züchtigung.
Und wiederum waren nahe bei jenen andere W’eiber und Männer, die gebrannt und gefoltert und gebraten wurden. Das waren die, welche den Weg Gottes verlassen hatten.

2.)  AUS DER APOKALYPSE DES APOSTELS PAULUS (SYRISCH. 5. JAHRHUNDERT N. CHR.) *1

Dann hob er mich empor und führte mich über jene Ströme des Sees und erhob mich über jenen Ozean, der das Firmament des unteren Himmels tragt, und nun begann der Engel bei mir und sagte zu mir: „Weißt du, Paulus, wohin du jetzt gehst!“ „Nein, Herr“ erwiderte ich. Und er sprach weiter: „Folge mir nach! Und ich werde dir den Weg zeigen, wo die Sünder und die Seelen der Gottlosen gepeinigt werden.“ Und er führte mich gegen Sonnenuntergang hin, und ich sah daselbst den Anfang des Himmels festgestellt auf einem mächtigen Strome und sagte zu ihm: „Was ist dies da unten?“ Er antwortete mir: „Dies ist das Meer des Ozeans, das die ganze Erde umringt, und darin ist die Erde. Es ist aber der Gürtel ob ihrem Haupte, und die Erde befindet sich in seiner Mitte.“ Ich sah aber dort feurige Kohlen gelegt, und eine Flamme stieg daraus hervor und eine große Menschenmenge war darin versenkt; einige davon waren bis zu den Lippen, andere bis zu den Bäuchen im Feuer. Da fragte ich den Engel: „Was sind denn diese da für Leute, Herr?“ Und er entgegnete mir: „Die sind solche, welche sich weder den Gerechten noch den Sündern gleichgemacht, aber auch keine Bekehrung angenommen haben. Ihr Leben verging in dumpfer Gedankenlosigkeit und in Pflege ihrer Körper, und was sie immer taten, bestand in Unzucht und großen Sünden; allein der Buße ergaben sie sich durchaus nicht und erinnerten sich auch nicht an das Ende. Nachdem sie gestorben, brachte man sie hierher“. Und ich sagte nun zu dem Engel: „Was sind wohl jene für Leute, o Herr, die bis zu den Knien im Feuer versunken sind?“ Und er sprach zu mir: „Dies sind jene, die aus der Kirche gehen und vom Gebet ablassen und unnützes schwatzen, die nur aufmerken, wenn es ihnen beliebt, und ihre Stimme über die anderen erheben.“ Hernach fragte ich ihn: „Herr! und jene, die bis zu ihrem Bauch im Feuer versunken sind, wer sind sie?“ Und er gab mir zur Antwort: „Dies sind jene, die nach dem Empfange des Leibes Christi Ehebruch und Hurerei trieben und ihre Leiber nicht zur Ehre ihres Herrn bewahrten, und von ihrer Geilheit nicht abließen, bis sie starben.“

„Und wer sind denn jene, die bis zu den Lippen ms Feuer versenkt sind?“

„Dies sind diejenigen, welche zwar allzeit in der Kirche Psalmen hersagten, aber durch Ränke einander befeindeten und mit verstellter Liebe ihren Nebenmenschen winkten.“

Ich erblickte nachher dort im Westen von der Sonne viele und mannigfaltige Feinen, und den Ort voll Männer und Weiber. Zwischen ihnen floß ein Feuerstrom hervor, und sie erlitten darin bittere Qualen.

Dort sah ich ferner tiefe Tiefen und darin eine Menge Seelen, eine auf die andere geworfen. Die Tiefe des Feuerstromes betrug mehr als dreitausend Ellen. 1 Le Seelen aber weinten und stöhnten alle zugleich, rufend: „Unser Herr, erbarme dich unser, Herr, Gott!“ Bisher jedoch ward ihnen keine Barmherzigkeit zu Teil.

Ich fragte nun den Engel, der bei mir war: „Wer sind w’ohl diese, o Herr?“ Und er antwortete mir: „Dies sind diejenigen, welche auf Gott nicht vertrauten, daß er ihr Helfer sein werde, vielmehr aber auf ihren Reichtum ihr Vertrauen setzten.“ Dann sagte ich zu ihm: „Herr, seit welcher Zeit sind sie hier?“ Und er erwiderte mir: Seit zwanzig Geschlechtern und länger noch bleiben sie, eine Seele auf der anderen, in dieser ganzen Tiefe da, so weit sie nur reicht.“ Weiter sprach der Engel zu mir: „Diese Tiefe und dieser Abgrund haben kein Maß. Er wallt aber heftig glühend gleich einem Kessel auf, wie du siehst.“

Ich schaute jetzt hin und sah noch eine andere Tiefe, die tiefer als jene erste war, und darin befanden sich Seelen von Gottlosen. Es verhielt sich mit ihrer Tiefe aber so, daß wenn Seelen von Gottlosen in sie geworfen werden, sie kaum in hundert Jahren in den Grund derselben kommen.

Als ich Paulus dies geschaut, weinte und stöhnte ich darüber, daß dem Menschengeschlechte so viele Peinen bereitet sind. Der Engel aber fragte mich: „Warum weinst du und weshalb seufzest du? Bist du etwa barmherziger als Gott?“ Ich antwortete: „Das sei ferne von mir, o Herr! Gott ist gütig und barmherzig gegen die Menschen und läßt jeden von ihnen nach seinem Willen wandeln, wie es demselben gefällt.“ Und ich schaute wieder und sah wieder einen Feuerstrom, der viel reißender war als der andere, und einen Greis dabei. Den führten Engel dahin und versenkten ihn in den feurigen Strom bis zu den Knien hinauf. Dann ward ein Diener aus den Engeln beordert; dieser hielt in seiner Eland einen eisernen Stab, an dem drei Zähne waren, und zog die Eingeweide des alten Mannes bei seinem Munde heraus. Nun sagte ich zum Engel, der bei mir war: „Was sind das für schreckliche Peinen, womit man diesen alten Mann peinigt?“ Und der Engel sagte zu mir: „Dieser war ein Priester und verrichtete sein Amt nicht, wie er schuldig war; er ließ keinen Tag vom Ehebrechen, Essen, Trinken, UnzuchMreiben ab; die gewöhnliche Pflicht seines Amtes erfüllte er aber auch nicht einen Tag.“

Ich schaute weiter und erblickte einen anderen Greis, den vier Engel streng in ungestümem Laufe herschleppten und bis zu den Knien in jenen Feuerstrom versenkten. Sie ließen ihn nicht rufen: „Herr, erbarme dich meiner“!, sondern peinigten ihn grausam. Da sprach ich zum Engel, der bei mir war: „Wer ist dieser, o Herr?“ Und er antwortete mir: „Mein Sohn, dieser war ein Bischof, weidete aber seine Herde nicht gut, sondern machte sich nur durch Essen, Trinken und Wollüste einen Namen, dachte jedoch nicht an die Güte, welche ihn erhoben und des großen Geschäftes gewürdigt hatte, ein Oberhirt zu sein. Auch nicht ein gerechtes Gericht richtete er, noch hatte er Erbarmen für Waisen und Witwen.“

Ich sah aber daselbst auch einen anderen Mann, der bis zu seinem Nacken versenkt und in Blut getaucht war. Würmer krochen aus seinem Munde herauf, er weinte bitterlich und schrie: „Unser Herr, erbarme dich meiner“! Diese Pein war nämlich härter als alle anderen Peinen. Ich sagte nun zum Engel, der bei mir war: „Wer ist dieser da, o Herr?“ Und er erwiderte mir: „Dieser war ein Diacon und genoß das Opfer auf ungeordnete Weise mit der Gier nach Brot. Zudem verrichtete er keinen Tag etwas Gottgefälliges, sondern trieb Ehebruch, Deswegen erweist man ihm keine Barmherzigkeit und seine Peinigung ist ohne Erbarmen.“

Wieder sah ich einen anderen Mann in grausamer Bedrängnis. Man warf ihn nämlich in dieses Feuer und es kam zu ihm ein Engel, der nämlich die Oberaufsicht über die Peinen hatte. Dieser hielt in seiner Hand eine heftig brennende Feuerzange und zer* schnitt langsam die Lippen des Mannes. Bei diesem Anblicke weinte ich Paulus und sprach zum Engel an meiner Seite: „Herr, wer ist dieser?“ Der Engel aber sagte mir: „Dieser war ein Lehrer und Lector in der Welt, hielt aber keines der Gebote, die er lehrte. Er starb unbekehrt und deshalb peinigen wir ihn,“

Hernach erblickte ich einen anderen Ort, worin verzehrendes Feuer mit einem Wurm war, und eine Menge Männer und W eiber waren hineingeworfen. „Der Wurm aber fraß und verzehrte ohne Schonung. Da fragte ich den Engel, der bei mir war: „Was sind diese da für Leute, o Herr?“ Er antwortete mir dann: „Du siehst da, o Paulus, diejenigen, welche Zins genommen haben und auf ihren Reichtum vertrauten, auf den Herrn aber als ihren Retter nicht hofften. Nachdem sie dann unbußfertig gestorben, kamen sie in diese furchtbare und bittere Qual.“

Darauf zeigte er mir aber einen anderen Ort, der noch viel bedrängnisvoller und schrecklicher als jener erste war. Darin befanden sich Männer und Weiber, deren viele sich die Zungen zerbissen, und ich fragte den Engel bei mir: „Wer sind diese, Flerr?“ Und er sagte: „Dies sind diejenigen, welche in der Kirche zur Zeit der Feier der hl. Geheimnisse redeten Sie merkten auf die Worte Gottes nicht, sondern schwatzten von eitlen Dingen und unterließen den Umgang mit Gott. Sie starben dahin, ohne Buße angenommen zu haben.“

Wieder schaute ich in eine andere Tiefe, aus der Qualm hervorströmte, und ich er* blickt eine Menge Männer und Weiber, die ohne Erbarmen gepeinigt wurden, und zwar einige bis zu ihren Lippen, andere bis zu ihrem Haupte. Da sprach ich zum Engel, der bei mir war: „Wer sind diese, o Herr?“ Und er gab mir zur Antwort: „Diese sind Zauberer und Zauberinnen, die sich selbst keine Ruhe ließen, bis sie aus der Welt schieden.“

Darüber hinaus sah ich aber eine gräuliche Finsternis, in der sich Männer und Weiber befanden. Ihr Geschrei erhob sich bis zum Himmel unausgesetzt, und sie riefen: „Unser Herr, erbarme dich unser’“ Allein jene Engel vermehrten noch ihre Peinen und Qualen, sprechend: „Hier ist kein Raum mehr zur Buße. Hättet ihr vor eurem Hinscheiden sie dargebracht, so hätte man euch vielleicht aufgenommen.“ Ich, Paulus seufzte aber und weinte, indem ich sagte: „Weh euch, ihr Gottlose! Wozu seid ihr wohl auf der W eit geboren worden?“ Und er antwortete mir: „Noch mehr solltest du weinen über die Patriarchen und Metropoliten und Bischöfe. Weine aber über die Priester und Diaconen; denn alle haben sich mehr versündigt als die Geldlieb* haber. Sie liebten diese Peinen, die jetzt ihnen auferlegt sind. Deshalb finden sie, da sie keine Barmherzigkeit ausübten, auch selbst keine Ruhe, sondern werden sieben* fach mehr gepeinigt, weil sie die Zeit der Buße verloren haben. Gott ist barmherzig; denn er hat jedem den freien Willen gelassen, und daher gebühren ihnen die bitteren Qualen.“

Als ich darüber weinte, sprach der Engel zu mir: „Du bist verrückt, Paulus! Bisher hast du grausame Peinen noch gar nicht gesehen.“ Dann führte er mich gegen Westen, wo alle Qualen bereitet waren, und hernach stellte er mich ober einen Brunnen, von dem ich sah, daß er mit drei Siegeln versiegelt war. Und der Engel, welcher bei mir war, hob an und sagte zu mir: „Siehst du, Paulus, diesen Brunnen?“ Darauf sprach er zum Engel, welcher ober der Öffnung des Brunnens stand: „Öffne diesen Brunnen, damit Paulus, der Geliebte unseres Herrn, schaue“ (was unten ist!). Ihm gab er näm* lieh die Erlaubnis, sowohl alle Wonnen und Seligkeiten der Gerechten, als auch alle Wehen und Peinen der Sünder zu sehen.

Jener Engel (der bei der Öffnung war) antwortete darauf und sagte zu uns: „Steht also weit entfernt, damit der Geruch der Verwesung und des Gestankes euch nicht treffe!“ Da er nun den Brunnen öffnete, drang ein gewaltiger Gestank daraus hervor, und der Engel an meiner Seite sprach zu mir: „Von jedem, der immer in diesen Brunnen geworfen wird, wisse, daß seiner weder bei Gott noch bei den Engeln mehr gedacht wird.“ Und ich fragte den Engel, der bei mir war: „Herr, wer sind jene, die dieses Brunnens würdig sind? Er aber antwortete mir: „Jene, die den Herrn Jesus und seine Auferstehung nicht bekennen, auch nicht, daß er Mensch geworden, sondern die da meinen, er sei allen anderen Menschen gleich, und in bezug auf das Opfer des Leibes unseres Herrn sagen, es sei nur Brot.“

Nun blickte ich gen Westen, und sah den Himmel offen und den Engelfürsten Michael, der dem Bunde vorsitzt, vom Himmel herabsteigen, und Märtyrer und Engelreihen mit ihm, und er kam zu jenen, die in der Pein waren, und sie sprachen zu ihm: „Unser Herr, erbarme dich über uns! Wir wissen, daß du, solang wir auf der Welt waren, jederzeit für uns Gebete darbrachtest. Nun aber hat uns das gerechte Gericht Gottes erreicht.“ Michael antwortete und sagte zu ihnen: „Höret ihr alle in der Pein: Bei dem Herrn, vor dem ich stehe, nie höre ich dort auf, für euch zu weinen, allein ihr Gottlosen hörtet nie auf zu sündigen, und ihr habet euer Leben in Eitelkeiten zu* gebracht. Wo sind jetzt aber, o ihr Gottlosen, eure Gebete? Wo ist eure Buße, daß etwa über euch Barmherzigkeit ergehen könnte?“ Ich Paulus vernahm dies von Michael; allein jene Gottlosen weinten nun und schrien, und ihre Stimme war wie Donner. Ich dachte an die Worte unseres Herrn, der da sagte: „Dort wird Weinen und Zähne* knirschen sein.“ Die Engel schrien mit ihnen und sprachen: „Unser Herr, erbarme dich über uns und dein Gebilde! Herr, sei gnädig deinem Ebenbilde!“

3.) AUS DER VISION DES TUNDALO (SPÄTMITTELALTERLICHES VOLKSBUCH) *1

DIE Seele Tundalos kam, nachdem sie den Händen zahlloser Teufel entgangen war, von einem Lichtengel begleitet durch dichte Finsternis in ein schreck* liches Tal voll glühender Kohlen, mit einem sechs Meter dicken Himmel aus glühendem Eisen bedeckt. Auf diesen ungeheuren Deckel regnen unaufhörlich die Seelen der Mörder, wo sie, von der furchtbaren Hitze durchdrungen, schmelzen wie der Speck in der Pfanne, und, flüssig geworden, durch das Metall durchsickern, wie Wachs durch ein Tuch und auf die darunterliegenden Kohlen herabtröpfeln, dann in ihren früheren Zustand zurückkehren, um neue Qualen zu erdulden. Weiterhin ist ein Berg von wunderbarer Größe, voll Schrecken in weiter Einsamkeit. Man erreicht ihn auf einem schmalen Pfade, auf dessen einer Seite sich stinkendes, dunkles Feuer, auf der anderen Hagel und Schnee befindet. Der Berg ist voll von Teufeln, die mit Haken und Dreizacken bewaffnet, die Seelen der Intriganten und Wortbrüchigen an* fallen, welche auf jenem Pfade dahinwandeln, sie hmabstoßen und mit ewigem Wechsel aus dem Eis ins Feuer und aus dem Feuer ms Eis werfen. Dann folgt ein anderes Tal, so dunkel, daß man seinen Grund nicht sehen kann. Die Luft ist voll Gebrüll durch den Sturz eines Schwefelflusses, welcher da unten strömt und durch das fortwährende Geheul der Verdammten und zugleich mit unerträglich stinkendem Rauch erfüllt. Die gegenüberliegenden Wände dieses Schlunds verbindet eine Brücke von tausend Schritt Länge und nicht mehr als einem Fuß Breite, ungangbar für die Hochmütigen, welche von ihr in die endlosen Qualen hinabstürzen. Nach langem und mühsamen Weg erscheint der entsetzten Seele eine Bestie, größer als die größten Berge und von schauderhaftem Ansehen. Ihre Augen sind wie zwei brennende Hügel und das Maul so ungeheuer groß, daß es neuntausend bewaffnete Männer fassen könnte. Zwei Riesen halten wie zwei gewaltige Säulen dieses Maul offen und unauslöschliches Feuer ent* quillt ihm. Von einem Fleer von Teufeln angetrieben und gezwungen stürzen sich die Seelen der Geizigen in die Flammen, dringen ins Maul und werden aus dem Maule in den Bauch des Ungeheuers hinabgeschlungen, von wo man das Geheul von My* riaden Gequälter hört. Dann folgt ein großer, gefährlicher Sumpf voll schrecklicher, brüllender Tiere, über den eine Brücke, zwei Meilen lang und eine Spanne breit, starrend von spitzen Nägeln, führt. Die Tiere sammeln sich längs der Brücke, Flammen ausspeiend, und verschlingen die Seelen von Dieben und Räubern, die herabstürzen. Aus einem Ungeheuern, runden, einem Schmelzofen ähnlichen Gebäude brechen Flammen, welche noch in tausend Schritte Entfernung die Seelen quälen. Vor den Toren, mitten im Feuer, stehen teuflische Henker mit Messern, Sicheln, Bohrern, Beilen, Karsten, Schaufeln und anderen Werkzeugen, womit sie die Seelen der Ge* fräßigen schinden, köpfen, durchbohren, vierteilen, zerstückeln, um sie dann ins Feuer zu werfen. Ferner sitzt dort auf einem gefrorenen Sumpfe eine Bestie, scheußlicher als alle anderen, mit zwei Füßen, zwei Flügeln, langem Flaks und eisernem Schnabel, welche unauslöschbares heuer speit. Dieses Tier verschlingt alle Seelen, welche ihm nahe kommen, verdaut sie und gibt sie dann als Kot wieder von sich. Dieser Seelenschmutz fällt dann auf den gefrorenen Sumpf, wo jede Seele wieder ganz ihre frühere Gestalt erhält und darauf sogleich schwanger wird, sei sie Mann oder Weib. Die Schwangerschaft nimmt ihren natürlichen Verlauf und während dieser Zeit stehen die Seelen auf dem Eis, während ihre Eingeweide von dem Produkt der Empfängnis zerrissen werden. Wenn ihre Zeit gekommen ist, gebären sie, sowohl Männer wie Weibei, und zwar scheußliche Bestien mit Köpfen von glühendem Eisen, spitzen Schnäbeln und von Dornen starrenden Schwänzen. Diese Bestien dringen aus allen i eilen des Leibes hervor und beim Hervorkomraen zerreißen sie das Fleisch und die Eingeweide und ziehen sie hinter sich her, kratzend, beißend, brüllend: dies ist die Strafe der V ollüstigen, vorzüglich derjenigen, welche in den Dienst Gottes traten und dann ihr Fleisch nicht beherrschen konnten. In einem anderen entfernteren Tale sind viele Schmieden und unzählige Teufel in Gestalt von Grobschmieden, welche die Seelen mit glühenden Zangen fassen und auf brennende, fortwährend durch Blasebälge angefachte Kohlen werfen; wenn sie dann glühend geworden sind, ziehen sie sie mit großen, eisernen Haken aus dem Feuer, fassen ihrer zwanzig, dreißig oder selbst hundert zusammen, werfen die feurige Masse auf die Ambose und hämmern lustig darauf los. Die so zusammengeschweißte Masse werfen sie durch die Luft anderen, nicht weniger schrecklichen Schmieden zu, welche sie wieder mit ihren Eisenzangen fassen und das Spiel von neuem beginnen. Tundalo selbst wird der Strafe unterworfen, welche für diejenigen bestimmt ist, die Sunde auf Sünde häufen. Wenn die Seele die furchtbare Probe bestanden hat, gelangt sie in die Öffnung des letzten und tiefsten Höllenschlundes, an Gestalt ähnlich einer viereckigen Zisterne, woraus eine riesige Feuer und Rauchsäule hervorbricht. Eine Unmasse von Seelen und unzählige Teufel fliegen in dieser Feuersäule wie Funken umher, um dann in den Schlund zurückzufallen. Hier, in der äußersten schrecklichen Tiefe des Abgrundes befindet sich der 1 ürst der I insternis selbst, auf einem ungeheueren eisernen Rost ausgestreckt, festgebunden und von I eufeln umgeben, welche die unter ihm prasselnden Kohlen mit Blasebälgen anfachen. Er ist von riesiger Größe, schwarz wie Rabenfedern, rührt in der I insternis tausend Arme, mit eisernen Klauen daran, und entrollt einen gewaltigen Schwanz, ganz mit spitzen Pfeilen besetzt. Das entsetzliche Ungeheuer zittert und windet sich, schäumend vor Schmerz und V ut, fährt mit seinen tausend Händen durch die dunkle Luft, welche ganz mit Seelen erfüllt ist, und wenn er eine Anzahl von ihnen erfaßt hat, drückt er sie in seinem verbrannten Munde aus, wie es ein durstiger Bauer mit einer Weintraube macht, dann seufzt er und bläst sie wieder von sich; wenn er wieder einatmet, zieht er sie alle wieder ein. So werden diejenigen bestraft, welche nicht auf die Barmherzigkeit Gottes gehofft oder nicht an Gott geglaubt haben, und ebenso alle anderen Sünder, welche erst eine Zeitlang die anderen Qualen ausstehen müssen und dann endlich dieser letzten unterworfen werden, welche ewig dauert.

*1) Auf die Bedeutung der literarischen Höllenschilderungen für die Höllenbilder Boschs hat zuerst Dollmayr im österreichischen Jahrbuch hingewiesen.

Aus dem Buch: Hieronymus Bosch, das Werk herausgegeben von Kurt Pfister (1922).

Siehe auch: Hieronymus Bosch (1450-1516), Hieronymus Bosch – Dokumente.

Weitere Texte über Künstler auf Kunstmuseum Hamburg gibt es hier zu bescihtigen.

Siehe auch: HYACINTHE RIGAUD, ALBRECHT DÜRER, TIZIAN, RAFFAEL, FERDINAND BOL, ADRIAEN VAN DER WERFF, SALOMON KÖNINCK, JAN VAN DER MEER VAN DELFT, CARLO DOLCI, KASPAR NETSCHER, GERARD DOU, REMBRANDT VAN RIJN, JAN DAVIDSZ DE HEEM, GABRIEL METSU, REMBRANDT VAN RIJN, ADRIAEN VAN OSTADE, DER MEISTER DES TODES DER MARIA, JUSEPE DE RIBERA, GUIDO RENI, LORENZO LOTTO, FRANCISCO DE ZURBAR AN, RAPHAEL MENGS, REMBRANDT VAN RIJN, BARTOLOME ESTEBAN MURILLO, HANS HOLBEIN DER JÜNGERE, JEAN ETIENNE LIOTARD, ANTON GRAFF, ANGELICA KAUFFMANN, ANTONIO ALLEGRI DA CORREGGIO, JAN VAN EYCK, ANTONIUS VAN DYCK, JACOB VAN RUISDAEL, CLAUDE LORRAIN, ANTOINE WATTEAU, PAOLO VERONESE, MEINDERT HOBBEMA, PETER PAUL RUBENS, CIMA DA CONEGLIANO, JAN WEENIX, PALMA VECCHIO, JAN WILDENS, MICHELANGELO CARAVAGGIO, POMPEO BAtONI, FRANCESCO FRANCIA, JAN VAN DER MEER VAN HAARLEM, DAVID TENIERS DER ÄLTERE, WILLEM KLAASZ HEDA, ADRIAEN BROUWER, JAN FY , HRISTIAN LEBERECHT VOGEL.

Hieronymus Bosch 1450-1516

1.) AUS DEM MALERBUCH DES FELIPE DA GUEVARA

ES gibt eine unendliche Reihe von Gemälden dieser Gattung, die mit dem Namen des Hieronymus Bosch, jedoch fälschlich, bezeichnet sind; Gemälde, an welche Hand anzulegen ihm nie eingefallen ist, sondern nur dem Rauch und den kurz* sichtigen Köpfen, indem man sie in Kaminen räucherte, um ihnen Glaubwürdigkeit und altes Ansehen zu verschaffen. Ich wage sogar zu behaupten, daß Bosch nichts unnatürliches in seinem Leben gemalt hat, außer in Sachen der Hölle und des Fege* feuers, wie ich bereits bemerkte. Er bemühte sich zwar, für seine Erfindungen höchst seltene Dinge zu suchen, aber naturgemäß der Art, daß man es als ein allgemeingültiges Gesetz aufstellen kann, ein jedes Gemälde, und sei es auch mit seiner Unterschrift versehen, in dem irgend eine Monstrosität vorkommt oder etwas, das die Grenzen der Natürlichkeit verläßt, sei gefälscht oder nachgemacht, wenn es nicht, wie ich sagte, die Hölle oder etwas daraus vorstellt. Es ist sicher und jedem, der mit Aufmerksamkeit die Schöpfungen des Bosch betrachtet, ist dies offenkundig geworden, daß er viel Gewicht auf das Schickliche legte und die Grenzen der Natürlichkeit auf das sorgsamste eingehalten hat; ebensosehr und noch viel mehr als irgend einer seiner Kunstgenossen. Doch verlangt es die Gerechtigkeit, darauf aufmerksam zu machen, daß es unter diesen Nachahmern des Hieronymus Bosch einen- gibt, der sein Schüler war, und der aus Verehrung für seinen Meister, oder um seinen eigenen Werken mehr Wert zu geben, sie mit dem Namen des Bosch und nicht mit dem seinen versah. Das sind trotz des eben bemerkten Umstandes Schöpfungen, die großer Wertschätzung würdig sind, und wer sie besitzt, muß sie hochhalten, denn in den Erfindungen aus Sittenbildern lebt in ihm ein Zug seines Meisters; in der Ausarbeitung war er noch sorgsamer und geduldiger als dieser und entfernte sich nicht von der Lebendigkeit und Frische, Stattlichkeit und vom Kolorit seines Lehrers. Ein Beispiel für diese Gattung von Gemälden ist ein l isch, den Sc. Majestät besitzt, auf welchem im Kreis die sieben Todsünden in Figuren und Beispielen gemalt sind. Obwohl das Ganze an und für sich wunderbar ist, so ist insbesondere das Bild des Neides nach meinem Urteil so gelungen und so vortrefflich und darin der Affekt so ausgedrückt, daß es mit Aristides wetteifern kann, dem Erfinder solcher Gemälde, welche die Griechen Ethnika nennen, was in unserem Kastilianisch soviel als Gemälde heißt, welche Sitten und Affekte der Menschen zum Vorwurf haben.

2.) DER BERICHT DES CAREL VAN MANDER (1617)

Mannigfach und oft seltsam sind die Neigungen, Malweisen und Werke der Maler. Ein jeder hat darin das Beste erreicht, wozu ihn eine natürliche Neigung hingezogen hat. Wer sollte wohl all die wunderlichen und seltsamen Phantasien aufzählen können, die Hieronymus Bosch in seinem Kopfe gehabt und mit dem Pinsel dargestellt hat, all den Spuk und die Ungeheuer der Hölle, die manchmal mehr grauenerregend als ansprechend anzusehen sind. Er wurde zu Herzogenbusch geboren, aber ich habe, außer daß er schon zu sehr früher Zeit gelebt hat, keine Daten über sein Leben und Sterben in Erfahrung bringen können. Gleichwohl unterschied er sich in der Art seiner Drapierungen sehr von der altmodischen Art der mannigfach gebrochenen und gefalteten Gewänder. Seine Malweise war energisch, geschickt und schön. Er malte seine Sachen vielfach auf einen Wurf fertig, wodurch die Bilder gleichwohl, ohne sich in der Farbe zu verändern, sehr schön bleiben. Er hatte auch wie noch andere alte Meister die Gewohnheit, seine Sachen auf den weißen Grund der Malbretter aufzu* zeichnen und darüber einen karnatartigen Ton zu legen. Auch ließ er manchmal den Grund mit sprechen. Zu Amsterdam befinden sich einige von seinen Bildern. An einer Stelle habe ich dort eine Flucht nach Ägypten gesehen mit Joseph, der einen Bauern nach dem Wege fragt und Maria, die auf dem Esel sitzt. Im Hintergründe sieht man einen seltsamen Felsen, wo man sich wunderbarerweise restaurieren kann, da er wie eine Herberge eingerichtet ist. Dort sieht man auch einige fremdartige Figürchen, die einen großen Bären gegen Geld tanzen lassen. Alles das ist wunder* seltsam und belustigend anzusehen. Ferner ist auf der Waal eine Hölle von ihm. Hier ist dargestellt, wie die Patriarchen erlöst werden und wie Judas, der auch meint mit hineinziehen zu dürfen, mit einem Strick in die Höhe gezogen und gehängt wird. Es ist wunderbar, was hier alles an grotesken Spukgestalten zu sehen ist, und wie schön und wie natürlich er Flammen, Glut und Rauch wiederzugeben verstanden hat. Ferner befindet sich von ihm zu Amsterdam eine Kreuzschleppung, bei der er mehr Ernst, als sonst wohl seine Gewohnheit war, gezeigt hat. Zu Harlem, im Hause des kunstliebenden Tan Dietring habe ich verschiedene Sachen von ihm gesehen, nämlich Altarflügel mit Heiligen — unter anderem einen heiligen Mönch, der mit einer Anzahl Ketzer disputiert und alle ihre Bücher nebst seinen eigenen in das Feuer legen läßt. Derjenige sollte Recht haben, dessen Buch nicht verbrennen würde, und das Buch des Heiligen fliegt aus dem Feuer heraus. Dieses war sehr schon gemalt, sowohl was das Lodern der flammen betrifft, als auch die verbrannten und mit Asche bedeckten rauchenden Holzstücke. Der Heilige und sein Begleiter waren sehr ernst aufgefaßt, während die anderen Figuren seltsame Gesichter hatten. An einer anderen Stelle sieht man die Darstellung eines Wunders, da ein König und andere Personen am Boden liegen und großen Schrecken zeigen. Ihre Gesichter, Haare und Barte sind bei ge* rin gern Aufwand an Arbeit sehr charakteristisch wiedergegeben. In den Kirchen zu Herzogenbusch kann man noch Werke von seiner Hand sehen, ebenso an anderen Orten. Auch im Escorial sind Sachen von ihm, die dort sehr in Ehren gehalten werden. Zu ihm spricht Lampsonius in seinen Versen in folgendem Sinne:

Quid sibi vult, Hicronyme Boschi Ille oculus tuus attonitus? quid Pallo in cre? veliit lemures si Spectra Erebri volitantia coram Aspiceres? Tibi Dilis avari Credideni, patuise recessus Tariareasque domos: tua quando Quidquid habet sinus imus A verni,Tarn potuit bene pingcre dextra.

Aus dem Buch: Hieronymus Bosch, das Werk herausgegeben von Kurt Pfister (1922).

Themenverwandt: Hieronymus Bosch (1450-1516), Hieronymus Bosch – Dokumente, HÖLLENSCHILDERUNGEN DES MITTELALTERS, JAN VAN EYCK.

Siehe auch: HYACINTHE RIGAUD, ALBRECHT DÜRER, TIZIAN, RAFFAEL, FERDINAND BOL, ADRIAEN VAN DER WERFF, SALOMON KÖNINCK, JAN VAN DER MEER VAN DELFT, CARLO DOLCI, KASPAR NETSCHER, GERARD DOU, REMBRANDT VAN RIJN, JAN DAVIDSZ DE HEEM, GABRIEL METSU, REMBRANDT VAN RIJN, ADRIAEN VAN OSTADE, DER MEISTER DES TODES DER MARIA, JUSEPE DE RIBERA, GUIDO RENI, LORENZO LOTTO, FRANCISCO DE ZURBAR AN, RAPHAEL MENGS, REMBRANDT VAN RIJN, BARTOLOME ESTEBAN MURILLO, HANS HOLBEIN DER JÜNGERE, JEAN ETIENNE LIOTARD, ANTON GRAFF, ANGELICA KAUFFMANN, ANTONIO ALLEGRI DA CORREGGIO, JAN VAN EYCK, ANTONIUS VAN DYCK, JACOB VAN RUISDAEL, CLAUDE LORRAIN, ANTOINE WATTEAU, PAOLO VERONESE, MEINDERT HOBBEMA, PETER PAUL RUBENS, CIMA DA CONEGLIANO, JAN WEENIX, PALMA VECCHIO, JAN WILDENS, MICHELANGELO CARAVAGGIO, POMPEO BAtONI, FRANCESCO FRANCIA, JAN VAN DER MEER VAN HAARLEM, DAVID TENIERS DER ÄLTERE, WILLEM KLAASZ HEDA, ADRIAEN BROUWER, JAN FY , HRISTIAN LEBERECHT VOGEL.

Hieronymus Bosch 1450-1516