Die oberste Aufgabe der Sittengeschichtschreibung muß stets sein, zu zeigen, wie die Dinge einstmals gewesen sind: Rekonstruktion der vergangenen Wirklichkeit durch planmäßiges Zusammenfugen der jeweils charakteristischen Tatsachen. Je plastischer und blutvoller dabei die Vergangenheit vor dem Leser lebendig wird, um so besser ist die Aufgabe gelöst. Das gilt natürlich in gleicher Weise, ob es sich in der betreffenden Arbeit um das Gesamtgebiet der Sittengeschichte handelt, oder, wie hier, nur um ein Teilgebiet: das der geschlechtlichen Moral. Und diese Art Rekonstruktion der Vergangenheit soll in dem vorliegenden Werke in erster Linie versucht werden.

Wenn die Sittengeschichtschreibung in diesem Resultat ihre Hauptaufgabe suchen muß, so darf sie andererseits niemals davon ausgehen, bestimmte sittliche Maßstäbe an die Vergangenheit anzulcgen. Das erste Ergebnis, das sich dem Forscher bei seinen Untersuchungen aufdrängt, ist nämlich die Erkenntnis, daß es keine ewig gültigen sittlichen Maßstäbe in der Geschichte gibt, daß sich diese im Gegenteil in ständiger Umbildung befinden. Infolgedessen kann man stets nur relativ von Sittlichkeit und von Unsittlichkeit reden. Von absoluter Unsittlichkeit dagegen höchstens, wenn es sich um Verstöße gegen die sozialen Triebe der Gesellschaft, also um Verstöße handelt, die sozusagen wider die Natur sind. Es gibt kein Sittengesetz, das unabhängig von Zeit und Raum unsere Handlungen im Raume und in der Zeit regelte. Und hier muß man sogar sagen: wenn das von dem gesamten Komplex der Moral gilt, so von der speziell geschlechtlichen Moral in allererster Linie. Denn diese gehört zu den wandelbarsten Teilen der allgemeinen Moralsatzungen und zu denen, die sich nicht nur am leichtesten wandeln können, sondern die sich in der Tat auch am häufigsten wandeln. Weil aber die zweite Erkenntnis, die der Forscher macht, darin besteht, daß diese ständige Umformung der allgemeinen sittlichen Anschauungen ganz bestimmten Gesetzen unterworfen ist, so folgt daraus, daß jedes Zeitalter andere sittliche Maßstäbe fordert. Und darum wäre es wirklich der albernste Kinderwitz, wollte man ausgemacht mit den Maßstäben von heute die Vergangenheit schulmeistern. Nur Narren und Unwissende können das Feste, das Erstarrte mit dem Beweglichen abmessen; die Zahl solcher unhistorisch denkender Köpfe ist freilich heute selbst in der Wissenschaft noch so groß wie je. Zu beachten ist hier außerdem noch: Wer sich auf sogenannte „allgemein gültige sittliche Maßstäbe“, die außerhalb von Zeit und Raum liegen sollen — „gebettet in der Natur des Menschen“ —, festlegt, kann nur verherrlichen oder verunglimpfen, aber niemals zum historischen Verständnis einer Sache oder Person Vordringen. Die Verleugnung einer ewig-unwandelbaren sittlichen Idee ist somit die unbedingte Voraussetzung, will man die Erscheinungen der Vergangenheit — in unserem Falle die sittlichen Zustände — jrichtig, also wissenschaftlich anschauen.

Die Verleugnung allgemein gültiger sittlicher Maßstäbe ist natürlich etwas ganz anderes als das Leugnen sittlicher Triebkräfte in der Geschichte; das Wirken der Letzteren kann man trotz alledem uneingeschränkt anerkennen. So selbstverständlich dies ist, so darf man doch nie unterlassen, dies ausdrücklich zu betonen, weil die Leute, die in der Geschichte immer das Walten ewiger sittlicher Gesetze sehen wollen, einem stets das letztere unterschieben, freilich mit mehr Fingerfertigkeit als Logik. Ebenso selbstverständlich ist, daß sich aus dieser von uns geforderten Stellung zu den Dingen auch nicht ohne weiteres eine geschichtliche Rechtfertigung aller Erscheinungen der Vergangenheit ableiten läßt, geschweige denn eine Apologetik, was ebenfalls oft genug untergeschoben wird. Das Abstrahieren von einer unwandelbaren sittlichen Idee als ewigem Weltgesetz für alle Menschen, Klassen, Völker und Zeiten ist nur die Methode, aber auch die unentbehrliche Voraussetzung, die es ermöglicht, die Dinge — „das Gute und das Böse“ — in ihrer historischen Bedingtheit zu erkennen. Wenn man diese Bedingtheit, das kategorische Muß der Geschichte, aufdeckt, zieht man aber noch lange nicht den Schluß: weil es mit historischer Notwendigkeit zu diesen oder jenen Zuständen einst hat führen müssen, darum sind diese betreffenden „historischen Notwendigkeiten“ vor dem Urteil der Geschichte auch gerechtfertigt. Der Mörder ist, um einen ganz trivialen Vergleich heranzuziehen, noch lange nicht entschuldigt, wenn man seine Tat in ihren Zusammenhängen begreift. Dagegen führt diese Geschichtsbetrachtung zu etwas anderem, und zwar zu etwas wirklich Bedeutsamem: zu dem letzten Grunde der wissenschaftlichen Betrachtung der Dinge und darum zu einer höheren Logik der Geschichte.

Die Vergangenheit erforschen und ihre Geschichte schreiben, also das systematische Aufdecken dessen, was war, was ist, und die Konstruktion der Verbindungsstege, die von dem „war“ zu dem „ist“ führen, — das soll niemals nur der bloßen Lust dienen, die Neugier zu befriedigen — auch nicht die „edelste Neugier“, wie manche den Zweck der Geschichtswissenschaft analysieren —, sondern vor allem dem Zweck, die Gesetze zu erkennen, denen alles Geschehen folgt. Denn nur die richtige Er* klärung der Dinge gestattet uns, die Geschichte besser als seither zu machen. Das ist aber der Sache innerster Kern, der ernsten Wissenschaft erster und letzter Zweck: die Tat zu befruchten, die Gegenwart und die Zukunft zu beeinflussen. Der Menschheit höchstem Problem, ihre Geschichte mit Bewußtsein zu machen, wird damit der Weg gehauen. Und dies bedeutet wahrlich nichts Körperloses, sondern es ist die Formel für den reichsten Inhalt: die Menschheit so führen, daß sie imstande sei, ihre Geschichte mit Bewußtsein zu machen, heißt nichts anderes, als die Menschheit jenen Höhen der Entwicklung, zu denen die höchsten Ideale weisen, sicher und in beschleunigtem Tempo entgegenführen.

Wenn die historische Betrachtung der Dinge zu der Erkenntnis führt, daß die sittlichen Maßstäbe ständig wechseln, und das „Was ist sittlich?“ darum jeweils eine andere Beurteilung zu erfahren hat, so ergeben sich für die Lösung der in einer Sittengeschichte gegebenen Probleme als erstes Erfordernis zwei Aufgaben. Diese beiden Aufgaben bestehen darin: erstens die Zusammenhänge zwischen dem sittlichen Gebaren oder den herrschenden sittlichen Anschauungen und dem allgemeinen gesellschaftlichen Sein der Menschen zu untersuchen und festzustellen, und zweitens, jene Gesetze zu entschleiern, denen das jeweilige sittliche Geschehen folgt; jene Faktoren sind aufzudecken, die die sittlichen Anschauungen jedes Zeitalters prägen und umformen.

Eine richtige und plastische Rekonstruktion der Vergangenheit ist mit einer bloßen — also mit einer systemlosen — Tatsachensammlung nämlich nicht erfüllt. Ja, man kann sogar sagen: Nicht einmal eine wertvolle Tatsachensammlung ist möglich, solange die ebengenannten Grundlagen fehlen, denn der Wert jeder einzelnen Tatsache bemißt sich einzig danach, wie weit sie das Grundgesetz des betreffenden Zeitalters in bezeichnender Weise spiegelt. Damit ist weiter gesagt, daß die samtlichen Tatsachen, die aus der aufspürenden Prüfung und Sichtung Wissenschaftlicher Forschertätigkeit hervorgehen, innerlich durch ihre historische Bedingtheit verbunden sein müssen, die das Gesetz darstellt, aus dem sie resultieren. Andererseits verleiht erst die Kenntnis dieses Gesetzes wieder der einzelnen Tatsache, wie einer bestimmten Tatsachenreihe, ihren besonderen rekonstruktiven Wert. Tatsachen, die willkürlich aneinandergereiht sind, und wären sie einzeln noch so interessant und merkwürdig, ergeben niemals ein richtiges Bild, geschweige denn ein plastisches Bild der Vergangenheit, so wenig wie ein Steinhäufen, der aus Tausenden von köstlich und künstlerisch behauenen Steinen zusammengetragen ist, sich in der Phantasie ohne weiteres zu einem stolzen Bau zusammenfügt, oder eine Anzahl Räder, Hebel und Wellen zu einer Maschine, — sie müssen, die einen wie die andern, organisch miteinander verbunden sein, ausgewählt und aneinandergereiht nach den Gesetzen, die ihre besondere Form und ihren besonderen Platz bestimmt haben.

Die Schilderungen dieser inneren Zusammenhänge und die Feststellung der Faktoren, die das jeweilige sittliche Gebaren der Menschen formen und umwälzen, muß daher stets den Ausgangspunkt einer jeden methodisch aufgebauten Sittengeschichte bilden, die mehr sein will als ein interessantes Geschichtenbuch. Und darum wollen wir diese Untersuchung auch als einleitendes Kapitel an die Spitze unserer Arbeit stellen, um einesteils dadurch unserer Arbeit ein festes Fundament zu sichern, und andernteils zugleich dem Leser den nach unserer Ansicht unentbehrlichen Leitfaden durch das Buch zu geben. Freilich muß hier hinzugesetzt werden: Diese Ausführungen sollen und können sich, gemäß der ganzen Anlage des Werkes, das nicht in der theoretischen Analyse, sondern in einer plastischen Tatsachenschilderung seine Flauptaufgabe erblickt, nur auf die wichtigsten Hauptlinien beschränken, und unsere Ausführungen werden sich darum nur in knappen Umrissen bewegen. Überdies maßen wir uns auch gar nicht die Kräfte an, die gewaltigen Aufgaben lösen zu können, die der theoretischen Geschichtsbetrachtung auf diesem Gebiet noch harren. Wir verhehlen uns keinen Augenblick, daß unsere theoretischen Darlegungen nur ganz primitiver Art sein können. Aber sie sollen auch nichts mehr sein als Wegeweiser, Orientierungstafeln mit knappen Erläuterungen.

An dieser Stelle ist nun noch der äußeren Hilfsmittel zu gedenken, mit denen wir die Aufgabe der plastischen Rekonstruktion des sittlichen Gebarens der einzelnen Völker, Klassen und Volkskrcise in den verschiedenen Epochen zu lösen haben.

Die Erfüllung dieser Aufgabe muß auf den zeitgenössischen Urkunden fußen, und darum auf deren weitestmöglicher Verwendung. Zeitgenössische Urkunden haben wir einerseits in der zeitgenössischen Literatur jeder Art, andererseits in der zeitgenössischen bildnerischen Darstellung von Personen, Dingen und Ereignissen. Nur dadurch, daß die Zeit in solcher Weise selbst zu Worte kommt: in ihrer eigenen Sprache, in ihrem eigenen Jargon, in den von ihr selbst gebildeten Vergleichen usw., und zwar so oft und so ausführlich wie möglich, erwacht und ersteht sie zu wirklichem Leben. Zu einem Leben, in dem wir dann nicht nur selbst mitten drin zu stehen scheinen, sondern das wir außerdem durch die Methode unserer Geschichtsbetrachtung von erhöhter Tribüne aus in seiner Gesamtheit zu überschauen vermögen, so daß uns neben dem Einzelbild immer auch dessen Beziehungen zum Ganzen offenbar werden.

Gegenüber den beiden Arten Urkunden ergibt sich darum die Aufgabe, alles das heranzuziehen, worin sich die jeweilige sittliche Anschauung der Zeit und der verschiedenen Klassen charakteristisch manifestiert hat, was greifbares Zeugnis davon ablegt. Hinsichtlich der Litteratur sind das: Nachrichten aller Art, Verordnungen, Verbote, Sittenmandate, Schilderungen von Gebräuchen, Spielen und Festen, und nicht zum wenigsten die künstlerischen literarischen Produkte jeder Zeit: Gedichte, Schwänke, Erzählungen, Schauspiele, einerlei ob kirchlichen oder profanen Charakters. Solche Dokumente werden wir nicht nur vereinzelt, sondern, wie gesagt bei jeder Gelegenheit heranziehen, um die eigene Schilderung zu stützen, zu vertiefen oder zu unterstreichen.

Das gleiche gilt von der zeitgenössischen bildlichen Darstellung. Die Bedeutung des zeitgenössischen Bildes als Hilfsmittel der Geschichtschreibung dünkt uns aber dem literarischen Dokument nicht nur ebenbürtig, sondern ihm in mancherlei Hinsicht sogar noch überlegen. Wir sehen im Bilde geradezu das wichtigste, weil das allerzuverlässigste Hilfsmittel zur wirklich plastischen Rekonstruktion der Vergangenheit. Außerdem ist u. E. das zeitgenössische Bild auch zugleich das einzige und das’beste Kontrollmittel der literarischen Darstellung. Das Bild ist die klarste und einfachste Geschichtsquelle. Am näher präzisierten Beispiel erweist sich dies sofort. Wie umständlich und kompliziert ist es z. B.t auch nur einen ganz einfachen Modetyp mit Worten so zu schildern, daß vor cer Phantasie des Lesers ein absolut richtiges Bild ersteht. Jede Kontrolle würde sofort zu dem Beweis fuhren, daß sich schließlich jeder einzelne eine andere Vorstellung konstruiert hat. Bei einer reich gegliederten Mode ist die Schilderung noch komplizierter, und das Resultat würde selbst bei der glänzendsten Darstellungsgabe ohne Zweifel noch ungenügender sein. Dasselbe gilt in gleicher Weise von allen anderen Erscheinungstatsachen: vom Wirtshausleben, von den Festen, vom Liebesgebaren, kurzum von allem. Wie ganz anders, wenn das Bild als kontrollierbare Tatsache direkt und fertig, in plastischer, von keiner Stimmung beeinflußten Klarheit sofort daneben rückt.

Und nicht nur darin besteht der Wert des bildlichen Kommentars, daß die Schilderung sich dem Bearbeiter als dankbarer erweist. Dem Bilde kommt noch eine weitere wichtige Sondereigenschaft zu: Jede bildliche Schöpfung aus der Zeit löst im nachdenklichen Beschauer außerdem unzählige von Assoziationen aus, an die der Verfasser oft selbst nicht gedacht hat, oder die alle anzuführen häufig nichts weniger als im Interesse einer übersichtlichen und durchsichtigen Darstellung des fraglichen Gegenstandes liegen würde. Hunderte, nein viele Hunderte von Bildern geben nicht nur einen Einzelzug, eine Einzelerscheinung aus dem Bilde der Entstehungszeit, sondern umspannen jedes für sich allein eine ganze Weit, einen ganzen Komplex von bezeichnenden Tatsachen, sind also für sich allein nicht selten eine Sittengeschichte, aus der jeder, der zu sehen vermag, immer neue Einsichten ablesen kann. Zur größeren Klarheit fugt sich der unerschöpfliche Reichtum.

Die unabweisliche Konsequenz dieser Tatsache ist, daß eine Sittengeschichte, der es als oberste Aufgabe gestellt ist, zu zeigen, wie die Dinge und Zustände in ihrer äußeren Erscheinung einst gewesen sind, nicht nur dringend des zeitgenössischen Bildmaterials als Brücke zur richtigen und möglichst fehlerlosen Anschauung bedarf, sondern daß ein Verzicht auf das Bild überhaupt nicht zulässig ist. Zum mindesten muß daher der Verfasser alle wichtigen Gesichtspunkte bildlich belegen. Und so werden wir denn neben dem zeitgenössischen Literaturdokument auch jede Form der zeitgenössischen bildlichen Darstellung in unsern Dienst stellen: Die Buchillustration, das Fliegende Blatt, das Modebild, das Kunstwerk, das Porträt, die wissenschaftliche zeichnerische Darstellung und vor allem das Sittenbild.

Vor allem, wie gesagt, das Sittenbild. Dieses wird und muß eine Hauptrolle spielen, obgleich zwar vorsichtige Leute, — was wir nicht unerwähnt lassen wollen, weil es uns willkommene Gelegenheit gibt, unsem Standpunkt am besten zu fixieren —, zu verschiedenen Zeiten gegen das zeitgenössische Dokument, soweit es sich um Sittenschilderungen handelt, den Einwand erhoben, dasselbe dürfe immer nur mit starken Einschränkungen als Beweis gelten, weil jeder zeitgenössische Sittenschilderer übertrieben habe, wie er auch heute noch übertreibe, und zwar im Positiven ebenso wie im Negativen, und gleich stark, ob er mit der Feder oder mit dem Stift hantiere. Weiter sei das Bild, das der Sittenschilderer von seiner Zeit schaffe, vor allem deshalb sehr unzuverlässig, weil der Durchschnitt des Lebens immer am wenigsten registriert wurde, dagegen um so eifriger alle Übergriffe. Diese Einwände sind zweifellos richtig und gelten sowohl für die Literatur als auch für das Bild. Aber wir setzen ihnen das Wort entgegen, aus dem wir einst die Bedeutung der Karikatur für die Geschichtschreibung herleiteten: Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, sondern im Extrem. Durch die Steigerung ins Extrem wird das Wesen der betreffenden Sache oder Person offenbar. Und darum ist die Übertreibung im Positiven wie im Negativen kein Nachteil, sondern im Gegenteil ein Vorteil: gerade der in Betracht kommende besondere Wertfaktor des zeitgenössischen Dokuments.

Und daraus leiten wir denn auch für das vorliegende Werk die Verpflichtung her, in besonderem Maße auch die Karikatur wieder zu Worte kommen zu lassen, d. h. in dem ihr gebührenden Maße, denn sie ist das Dokument, das diese Tendenz sozusagen im Prinzip verkörpert. Für den Leser aber heben wir hervor, daß er sich bei der Beurteilung dieser Produkte des satirischen Geistes keinen Augenblick durch die tiefsinnigen Salbadereien des landläufigen Einerseits und Anderseitsstandpunktes beirren lassen darf, der gerade hinsichtlich der Karikatur die größten Einschränkungen gemacht haben will und nie etwas Geistreicheres zu sagen wußte, als

„daß die sittlichen Zustände in der schönen guten alten Zeit natürlich nicht so verderbt gewesen seien, wie es die zeitgenössischen Moralisten und Satiriker beliebt hätten, auf ihren Bildern darzustellen.“

Solche Bilder — wissen diese Leutchen gewöhnlich weiter hinzuzusetzen — seien zweifellos stark übertrieben und vielmehr Zeugnis der Freude an derben Späßen, wie man sie vor allem im 14., 15. und 16. Jahrhundert gehabt habe, als Zeugnisse des wirklichen Lebens selbst usw. Wie schön klingt diese objektive Anschauung, dieses gerecht abwägende Urteil! Leider müssen wir widersprechen und sagen, daß dieser landläufige Standpunkt nur die eine Bedeutung hat, daß er die vollkommene Unklarheit der betreffenden Biederleute über das Wesen der Karikatur, über das, was sich in ihr manifestiert und zum Ausdruck ringt, mit jedem Wort verrät. Gewiß ist das Wesen der Karikatur die Übertreibung. Und gewiß hat sich, um gleich auf das klassischste Beispiel zu verweisen, niemals eine bäuerliche Kirchweih in Form eines solchen bacchantischen Taumels, einer solchen kolossalen Liebesraserei abgespielt, wie es uns z. B. Rubens auf seinem herrlichen Bilde „Das flämische Fest“ im Louvre — eine der kühnsten Karikaturen der Geschichte I — so überzeugend dargestellt hat (siehe Beilage). Und trotzdem ist in solchen Werken der Wahrheitsgehalt am größten. Und zwar nicht trotz der Übertreibung, sondern gerade wegen der Übertreibung. Im Übertreiben wird der Kern der Sache herausgeschält, die irreführende Draperie beiseite geschoben. Das Auge sieht das Grundgesetz infolge der quantitativen oder qualitativen Häufung seiner Hauptbestandteile lebendig werden; das wahre Wesen wird sichtbar, und zwar so stark sichtbar, daß man es nicht mehr übersehen, nicht mehr daran vorbeisehen kann. Der stumpfeste Blick erkennt, um was es sich allein dreht, der schwerfälligste Verstand begreift das innere Geheimnis der Sache. Das alles schafft das Extrem. Und darum findet man die Wahrheit eher beim Extrem als in der Mitte. Den Kern der Sache wollte jede Zeit herausschälen, und auf diese Weise hat ihn jede Zeit herausgeschält. Jede hat die Konsequenzen der Theorie angewendet, ehe sie diese selbst begründet und ergründet hatte. Das gleiche gilt von der literarischen Satire. Und darum gebührt der Karikatur in Wort und Bild in einer Sittengeschichte unter allen Umständen immer ein hervorragender Raum.

Wenn wir das in seiner ganzen Bedeutung einschätzen, was wir hier über den Wert des zeitgenössischen Dokumentes gesagt haben, so kommen wir schließlich noch zu einer anderen Schlußfolgerung; diese lautet: Jede Zeit hat sich ihre Sittengeschichte bereits selbst geschrieben. Sie hat sie geschrieben in allen den tausend Formen, in denen sie sich schöpferisch manifestierte. Und es macht darum nichts aus, ob sie in religiösem Gewände einhertrat, oder im Flitterstaat der ausgelassenen Lebensfreude. Immer ist sie es, die Zeit, die sich darin birgt und bewegt; ihr spezielles Menschentum steckt dahinter. An uns ist es also nur, die von jeder Zeit geformten Hieroglyphen, in die sie ihre Geschichte umgeformt hat, richtig zu entziffern und zu deuten. Und diesen Deuterdienst wollen wir hier tun.

Mit einigen Worten möchten wir schon hier am Schluß der Einleitung auf die bildliche Illustration dieser Einleitung und des ersten Kapitels zu sprechen kommen, um den Leser schon an dieser Stelle zu informieren. Sowohl die Illustrationen dieser Einleitung, als auch die des ersten theoretischen Kapitels sollen im einzelnen nicht im direkten Zusammenhang zu dem Texte stehen; ihr Zweck ist vielmehr, alle die Seiten und Gegenstände, die in dem Werke in gesonderten Kapiteln zur Schilderung gelangen werden, schon hier charakteristisch an bezeichnenden Bildproben zu illustrieren. Eine eingehende Erklärung oder ihre Verwendung als illustrierender Kommentar wird den einzelnen Bildern daher erst in den betreffenden späteren Kapiteln zuteil werden. Um aber die Einheitlichkeit des historischen Rahmens des Werkes nicht zu stören, beschränken wir uns jedoch ausschließlich auf Bilder aus den Gebieten und dem Zeitraum des ersten Bandes.






Text aus dem Buch: Illustierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Renaissance, Author Eduard Fuchs.

Siehe auch:

Sittengeschichte : Vorwort

Illustrierte Sittengeschichte

Das jeweilige sittliche Gebaren und die jeweiligen sittlichen Anschauungen und Satzungen, die die geschlechtlichen Betätigungsformen der Menschen innerhalb einer bestimmten Epoche regeln oder sanktionieren, sind die bedeutsamsten und bezeichnendsten Erscheinungen dieser Entwicklungsepoche. Die Wesensart jeder Zeit, jedes Volks und jeder einzelnen Klasse offenbart sich gerade darin am ausgesprochensten. Denn das Geschlechtsleben zeigt uns in seinen tausenderlei Ausstrahlungen nicht nur ein wichtiges Gesetz, sondern das Gesetz des Lebens überhaupt; die Ur« funktion des Lebens ist in dem sittlichen Gebaren, den sittlichen Anschauungen und den sittlichen Satzungen einer Zeit Form geworden. Es gibt keine einzige Form und keinen einzigen Bestandteil der Lebensbetätigung, die nicht durch die geschlechtliche Basis des Lebens ihren bestimmenden, zum mindesten einen charakterisierenden Einschlag bekommen hätten; das gesamte öffentliche und private Leben der Völker ist von geschlechtlichen Interessen und Tendenzen durchtränkt und gesättigt. Es ist das ewige und unerschöpfliche Problem und Programm, das keinen Tag von der Tagesordnung weder des einzelnen noch der Gesamtheit kommt.

Aber jede Zeit — und das ist das Entscheidende — hat dieses Geschehen anders geformt und seine Satzungen stets von neuem revidiert und korrigiert. Tausendfach und immer neu sind die Abstufungen innerhalb der Grenzen, in denen es sich bewegt: von der einen, wo es als kaum begriffene Naturkraft nicht viel mehr als ein bloßes animalisches Erfüllen war, zu deren Gegenpol, wo es sich zum köstlichsten Geheimnis des Daseins und zum Endpunkt alles Schöpferischen erhob, und wiederum zu jener Grenze, wo es der Stoff zu einer einzigen fortgesetzten Zote war und jedes Wort und alles Tun im Dienste eines orgienhaften Austobens der Sinne stand.

Auf Grund von alledem ist die Geschichte des sinnlichen Gebarens in den verschiedenen Entwicklungsstadien der Kultur nichts Geringeres als einer der Hauptbestandteile der gesamten Menschheitsgeschichte. In bestimmt umgrenzte Begriffe gefaßt, heißt das: Die Geschichte der geschlechtlichen Sittlichkeit umfaßt die wichtigsten Gebiete des gesellschaftlichen Seins der Menschen, also die Gesamtgeschichte der legitimen und der illegitimen Liebe (Ehe, eheliche Treue, Keuschheit, Ehebruch, Prostitution), der unerschöpflichen Arten des gegenseitigen Werbens im Dienste und Interesse der Geschlechtsbetätigung, der Sitten und Gebräuche, zu denen sich dieses verdichtet hat, der Begriffe über Schönheit, Freude und Genuß, der Ausdrucksformen im Geistigen (Sprache, Philosophie, Anschauung, Recht usw.) und nicht zuletzt der ideologischen Verklarungen durch alle Künste, zu denen der Geschlechtstrieb immer von neuem hinführt.

Weil die Geschichte des sinnlichen Gebarens der Hauptbestandteil der gesamten Menschheitsgeschichte ist, darum ist auch der Reichtum an Dokumenten, die in jedem Lande von ihm künden, nicht nur unerschöpflich, sondern es sammelt sich in ihnen auch das Größte und Bedeutsamste, das Raffinierteste und Ungeheuerlichste, aber auch das Blödeste und Trivialste, was der Menschengeist ausgesonnen und geschaffen hat. Die Resultate seines kühnsten Denkens, seiner göttlichsten Inspirationen und seiner peinlichsten Verirrungen vereinigen sich hier.

Aber von so fundamentaler Wichtigkeit eine Sittengeschichte, die sich speziell mit der geschlechtlichen Moral befaßt, für den nach historischer Erkenntnis der Vergangenheit ringenden Geist auch ist, und so reich die Quellen hier jedem Forschenden sprudeln, so ist die Entwicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral in der modernen Geschichtswissenschaft doch ein überaus vernachlässigtes Gebiet. Wir besitzen in der deutschen Literatur beachtenswerte Arbeiten auf diesem Gebiete höchstens über das alte Rom. Dagegen existiert bis heute keine Sittengeschichte der Zeit seit dem ausgehenden Mittelalter, in der die verschiedenen Wandlungen in den Anschauungen und Forderungen der geschlechtlichen Moral innerhalb dieser Geschichtsperiode historisch dargcstellt und begründet wären. Wir haben eine Reihe Materialsammlungen und einige kleinere summarische Monographien über einzelne, enger begrenzte Fragen, Linder oder Zeitabschnitte. Das ist alles. Aber selbst dieses Wenige ist ganz unzulänglich, denn es befindet sich darunter kaum eine einzige Arbeit, die auf modernen wissenschaftlichen Gesichtspunkten aufgebaut wäre.

Von dieser Lücke möchte ich mit meiner Arbeit einen Teil austüllen. Aber trotzdem sic auf drei Bände angelegt ist, weiß ich, daß es nur ein sehr kleiner Teil sein wird, denn wirklich aus« gefüllt kann sie nur durch ein Riesenunternehmen werden, das eine ganze Bibliothek umfaßt und ein Heer von Spezialisten in Dienst stellt. Freilich diese Spezialkenner gibt es noch gar nicht. Und die Wenigen, die es gibt, haben keinen Sinn für die inneren Zusammenhänge aller Kulturcrscheinungen. —

In einer darstellenden Geschichte der geschlechtlichen Moral sammelt sich, wie gesagt, alles: das Edelste und das Gemeinste. Aber jede derartige Sittengeschichte wird darum doch viel mehr eine Unsittengeschichte sein, wenn man so sagen will. Das liegt in der Natur der Sache, weil das jeweils Moralische vorwiegend im Unterlassen besteht, also im Nichtdarstellbaren; das jeweils Un« sittliche dagegen stets im „Tun“, im Darstellbaren. Oder um ein Paradoxon zu gebrauchen: in der Geschichte der geschlechtlichen Moral ist das Negative häufig das einzig Positive. Eine Sitten« geschichte, die es unternimmt, die sämtlichen Probleme in ihrer Tatsächlichkeit, unbeirrt von angst, liehen und kleinlichen Bedenklichkeiten, zu schildern und in ihrem Wesen erschöpfend zu be« gründen, ist also keine Unterhaltungslektüre für schulpflichtige Kinder — solche Eigenschaften sind aber auch niemals der Ruhm eines ernsten Werkes.

Was sich von dem reichen Dokumentenmaterial, das mir zur Verfügung steht, trotzdem nicht für eine allgemeine Verbreitung eignet, oder die Darstellung ungebührlich beschweren würde, aber als wissenschaftliches Dokument wichtig ist, werde ich später in einem Sonderband vereinigen, der Gelehrten und Sammlern die nötigen Ergänzungen bietet.

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Schließlich möchte ich hier noch folgendes bemerken:

Mein Name ist in der Literatur mit der Geschichte der Karikatur verknüpft. Manche Leser werden infolgedessen wähnen, daß ich mich mit dem vorliegenden Werke nun auf ein anderes Gebiet begäbe. Diese Ansicht wäre durchaus irrig. So wenig ich meine Arbeiten auf dem Gebiete der Geschichte der Karikatur für abgeschlossen erachte, so wenig leiste ich mir mit diesem Werke eine Extratour. Meine gesamte wissenschaftliche Tätigkeit war immer der Kulturgeschichte zu« gekehrt; ich wollte mit meinen Studien in den historischen Entwicklungsgang der Gesellschaft ein« dringen. Auf diesem Weg ist mir die Karikatur begegnet. Als ich fand, daß ich durch sie Ein« blicke und Klarheit über Dinge und Personen erlangte, die mir nirgends sonstwo in derselben Prägnanz offenbar wurden, da erwachte in mir die Lust, die Karikaturen aus den verschwiegenen Mappen herauszuholcn, in denen viele jahrhundertelang unerkannt in ihrem Werte und darum auch unbeachtet geschlummert hatten. Mit den wachsenden Resultaten der mir immer reicher zu« flutenden Materialmenge und der immer fester sich gründenden Überzeugung, daß man es in der Karikatur mit einem wichtigen Hilfsmittel der Geschichtsrekonstruktion zu tun hat, erwuchs mir der Ehrgeiz, die Geschichte dieser eigenartigen Dokumente des Zeitgeistes zu schreiben.

Weil ich der Karikatur als Kulturhistoriker gegenübergetreten bin und in ihr vor allem die Wahrheitsquelle der Vergangenheit und Gegenwart für Sitten, Zustände, Ereignisse und Personen suchte, so habe ich die künstlerische Seite der Frage mit Absicht immer erst in zweiter Linie bc. handelt. Nicht daß ich diese Seite ihrer Bedeutung auch nur einen Tag verkannt hätte. Ja gerade deshalb, weil mir auch diese Bedeutung ungemein wichtig erschien, erblickte ich darin stets eine Spezialaufgabe für einen Ästhetiker. Und ich bin kein Ästhetiker.

Ich trete also, wie gesagt, nicht aus der Reihe, wenn ich jetzt eine Sittengeschichte heraus« gebe; ich werde meiner großen Liebe, der Karikatur, damit gar nicht untreu, so wenig wie ich meinen kulturgeschichtlichen Interessen damals untreu wurde, als ich es unternahm, die Geschichte der Karikatur zu schreiben: meine Werke über die Karikatur und die vorliegende Arbeit bewegen sich alle in denselben Gedankengängen.

Berlin-Zehlendorf, Frühjahr 1909
Eduard Fuchs

Text aus dem Buch: Illustierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Renaissance, Author Eduard Fuchs.

Illustrierte Sittengeschichte