Lage und Gliederung

Das Ost-Mbamland umfaßt die Hochländer Inner-Kameruns östlich des Mbam, im großen und ganzen die von Tikar und Wüte bewohnten Landschaften des Joko-Bezirks.

Dieser zwischen den großen Flüssen Mbam und Djerem gelegene Teil des Hochlandes von Mittel-Kamerun wird von flachwelligen Ebenen eingenommen, deren Charakter durch das Überwiegen von Savannen, von Grasfluren mit einzelnen Bäumen und Flußwäldern, bestimmt wird. Das wellige Land hat im Durchschnitt eine Meereshöhe von 600 bis 1000 m. Aus ihm erheben sich Einzelberge wie Inseln aus dem Grasmeer; oft sind sie vergesellschaftet und bilden dann Inselberglandschaften, wie in Nord-Tikar. Im Südwesten, im Winkel zwischen Mbam und Sanaga steigt auf breitem, steilem Sockel das Inselgebirge der Njanti aus der Wute-Ebene empor.

Diese Ebene reicht vom Sanaga-Tal nordwärts bis an den jäh und unvermittelt aufragonden Stoilrand der Ndomme-Stufe, deren wellige Hochfläche sich weit nach Nordosten, bis gegen Tibati hin, erstreckt und sich dabei ganz allmählich abdacht. Von Osten und Westen greifen die Tieflandsbuchten des Meke und des Kim in die Hochfläche ein.

Die Landschaft zerfällt so in die beiden, großen Stockwerke der Wute-Ebene im Süden, der Ndomme-Hochfläche im Norden. Ihr Stufencharakter tritt im aufgowulsteten Südrand der Ndomme, der gegen die Wute-Ebene Höhenunterschiede von 300 bis 600 m aufweist, deutlich entgegen.

Der geologische Aufbau

Im Osten des Mbam ist nirgends basaltisches Gestein vorhanden; darin besteht der wichtigste Unterschied in der Gesteinszusammensetzung des Ost-Mbamlandes gegen die Hochländer westlich des Flusses, in denen basaltische Decken und jüngere Vulkane das geologische Bild beherrschen. Das ganze Land zwischen Mbam und Djerem scheint von jüngcron Störungen nicht mehr heimgesucht zu sein; es ist aus kristallinem Gestein aufgebaut, das vielfach von mächtigen Lateritdecken überlagert ist. Auch sie sind unmittelbar durch Verwitterung des kristallinen Materials entstanden, nicht etwa aus älteren oder jüngeren Sedimenten. Sedimentgesteine fehlen hier ebenso vollständig, wie in den westlichen Hochländern Kameruns.

Die Oberflächenformen

Das charakteristischste Oberflächengebilde des Ost-Mbamlandes ist die große, an 120 km lange Landstufe der Ndomme, mit der das obere Stockwerk, die Ndomme-Hochfläche, aus der Wute-Ebene emporsteigt. Ob die erste Anlage der Stufe tektonischen Kräften zu verdanken ist, ob wir es hier ursprünglich zu tun hatten mit einer großen Bruchstufe — ähnlich denen Ost-Afrikas — läßt sich mit unsrer heutigen Landeskenntnis geologisch nicht naehweisen bei der vollkommenen Übereinstimmung des Gesteins oben und unten. Für eine Auffassung des heutigen Bildes der Oberflächenformen ist schließlich die erste Entstehung unwesentlich. Eine wichtige Tatsache aber steht schon heute fest: der ursprüngliche Stufenrand hat sehr viel weiter draußen in der heutigen Ebene gelegen, zunächst in der mehr oder minder geraden Linie, in der heute vor der Ndomme-Mauer Felsberge einzeln oder vergesellschaftet liegen.

Wie eine riesige Felsmauer steht der Ndommerand über der Wute-Ebene, Buchten sind häufig tief eingeschnitten, umrahmt von Vorstufen, deren manche schon losgetrennt ist und freiliegt. Nirgends aber öffnet sich im Hintergrund der Buchten ein breiteres Tal. Der höchste Teil der Landstufe steht in einem Steil-ansteig, ohne jede Vorstufe, etwa 700 m über der Ebene. Fast tischgleich senkt sie sich hier ganz allmählich, aber deutlich zum Gebirgsfuß hin und hat vor dem höchsten Stufenstück ihre tiefste Lage. Der Gewässerreichtum ist gerade hier ganz enorm, die vielen zu Tal stürzenden Bäche haben das Vorland förmlich ausgekolkt und es in sumpfige, mit hellgrünem Gras bestandene Niederungen verwandelt. An andern Stellen tritt oben auf dem Rand wie unten in der Ebene dasselbe grobe granitische oder syenitische Gestein in riesigen Platten und flachen Schalen zu Tage. Diese Schalen wölben sich in der Ebene manchmal noch nicht einen Meter hoch aus dem Latent empor.

Die für das Klima der gemäßigten Zone so charakteristischen Schotter- und Schuttmassen von Nuß- bis Kopfgröße fehlen ganz: durch mechanische und chemische Zersetzung werden sie so rasch zerkleinert, wie das im europäischen Klima nie geschieht, von den gewaltigen Schichtfluten der Regenzeit werden sie ebenso rasch fortgeführt und an tieferen Stellen abgelagert. Das Schotter- und Schuttmaterial bleibt nirgends in großen Schuttkegehr liegen wie in der gemäßigten Zone, und die einmal gebildete Wand wird allmählich in ihrer ganzen Steilheit rückwärts verlegt. Natürlich geschieht das nicht in vollkommen gerader Linie; hie und da greift die Wandverwitterung rascher ein, es bilden sich Buchten mit dazwischen liegenden vorgeschobenen Bastionen. Diese Bastionen sind dann von drei Seiten der Wanderverwitterung ausgesetzt. Werden sie schließlich, auch durch die Mitarbeit des fließenden Wassers, ganz vom zusammenhängenden, langsam zurückweichenden Steilrand losgetrennt, so zeugen sie als frei stehende Felsberge vom einstigen Verlauf des Steilrandes. Diese Felsberge sind fast vollkommen kahl und vegetationslos.

Zeugen die Felsberge vor dem Ndommerand noch heute deutlich vom ehemaligen Zusammenhang mit dem Hochland, so läßt sich bei den größeren Inselbergen und dem Inselgebirge im westlichen Teil des Ost-Mbamlandes eine solche Beziehung nicht nachweisen. Auf engerem Raum und daher weniger augenfällig, aber doch erkennbar zeigen sich bei den größeren Inselbergen, wie dem Njua und den Njanti, die an loOU m hoch sind, dieselben charakteristischen Formen wie am Ndommerand: die leise Neigung der umgebenden Ebene rings um den Bergfuß, die schalige Verwitterung und dio steilen Wände an den Hängen. Ihre innere Fläche zeigt eine manchmal schon stark fortgeschrittene Zertalung.

In der Inselberglandschaft Nord-Tikars umzieht den Njua in weitem Halbkreis ein Kranz von Inselbergen mittlerer Höhe, die annähernd auf einer Linie parallel dem Lauf des Mbam stehen. Sie sind Reste der früheren Wasserscheide zwischen Mbam und Ngu, die durch Rückwärtseinschneiden der zahlreichen zum Mbam fließenden Bäche in Einzelberge aufgelöst ist. Sie gleichen in Aussehen und Vegetationscharakter mehr den großen Inselbergen als den Felsbergen der Wute-Ebene.

Der Boden

Hie spezifisch tropische Form des Verwitterungsbodens herrscht vor, Laterit von bald mehr roter, bald grauer oder gelblicher Farbe, je nach der Zusammensetzung des kristallinen Gesteins, aus dem er gebildet wurde. Diese lateritischen Böden sind wenig fruchtbar, sie bilden die Unterlage der den größten Raum bedeckenden Grasflur.

Wo höhere Niederschläge oder fließendes Wasser die Entstehung von Wald ermöglichen, vor allem also in West-Tikar, findet durch das Verrotten des Laubes in großem Umfang Humusbildung statt. Der so entstehende fette, schwarze Waldboden ist ungemein fruchtbar. Dank den ausgedehnten Waldungen in Tikar und den überaus zahlreichen Flußwäldern hat das Ost-Mbamland mehr solch fruchtbaren Boden, als man nach Meereshöhe und Küstenferne vermuten sollte.

Die Gewässer

Der große Wasserreichtum des Landes, der einer neunmonatigen Regenzeit entspricht, läßt ein weit verzweigtes Flußnetz entstehen, das sich äußerlich in der Wute-Ebene wie auf der Ndommeflächo in den dunklen Waldschlangen der Flußwälder deutlich vom Gras der Savanne abhebt. Es ist sehr schwor, in dieses Gewirr von mäandrierenden Wasseradern ein System zu bringen, denn dio Quellen sind nicht auf Gebirgsränder oder Inselborge beschränkt, sie bilden sich an unendlich vielen Stellen mitten auf der Fläche. Das Rogonwasser scheint bis zu einer gewissen Tiefe einzusickern, mindestens 2—3 m, häufig aber bis zu 6 m. Ausgehend von den ursprünglichen Wasserläufon, die durch Gebirgsbäche angelegt sein mögen, schneiden sich Seitonarme rückwärts immer weiter in die Fläche ein und bilden an ihren oberen Enden zirkusartige Schluchten mit einem Durchmesser von 5—10 m, steilwandige Quollköpfe. Stets sickern mehrere dünne Wasserfäden aus dem Fuß der Wand und laufen auf dem Grund des Quellkopfs in einem meist sumpfigen Rinnsal zusammen, das auch in der Trockenzeit nie ganz versiegt.

Neben diesen häufig stark versumpften Gewässern der Ebene kommen von den Einzelbergen und von der Höhe der Ndomme an vielen Stellen rasch fließende Bäche herab, die stets klares Wasser führen. Oben auf der Hochfläche sind die größeren Gewässer oft in steihvandigen Felsbetten tief eingeschnitten, die sie in Schnellen durchbrausen. Wo das Gelände flacher wird, neigen sie sofort in hohem Maß zum Mäandrieren und bilden ausgedehnte Sümpfe, die in der Regenzeit stark anschwellen. Aber selbst der Kim, der einzige größere Fluß des Landes, der in seinem 80 bis 100 m breiten Bett auch in der Trockenzeit reichlich Wasser führt, ist immer wieder auf längere Strecken von Stromschnellen durchsetzt. So wenig wie die großen Grenzströme Mbam, Djerem und Sanaga kann er eine natürliche Verkehrsader bilden.

Das Klima

Das Tropen-Klima des Ost-Mbamlandes wird charakterisiert durch den Wechsel einer sehr langen Regenzeit mit einer kurzen Trockenzeit. Wirkliche Trockenheit herrscht nur während dreier Monate; vom März bis in den November kann man mit Niederschlägen rechnon. Diese lange Ausdehnung der Regenzeit ist wohl dadurch zu erklären, daß das Ost-Mbamland auf der Grenze liegt zwischen den Gebieten mit doppelter Regenzeit und einmaliger Regenzeit. Während die Niederschläge im März, April und Mai verhältnismäßig häufig und kräftig fallen, sodaß man sich täglich auf mindestens ein bis zwei starke, meist mit gewaltigen elektrischen Entladungen verbundene Güsse gefaßt machen muß, flaut die Häufigkeit und Menge der Regen im Juni und Juli merkbar ab; nur hie und da fällt ein leichter Schauer, meist in der Nacht, mancher Tageslauf von 24 Stunden bleibt ohne Niederschlag. Von Ende Juli an aber nehmen die Regen wieder zu, um im September ihre höchste Höhe zu erreichen. Vorzüglich sind es Strichregen, die von Viertelstunde zu Viertelstunde mit hellem Sonnenschein wechseln. Von erhöhten Punkten aus, von einem Inselberg oder dem Ndomme-rand, kann man dann sehen wie die Regenkörper als graue Säulen in bestimmten Abständen neben einander zwischen Himmel und Erde über der Landschaft stehen und mit dem Wind, meist von O nach W, über das Land hinziehen. Ab und an treten aitch Tage auf, an denen es unablässig regnet, in schwerem Guß oder in feinem, eintönigem Rieseln. Nebel sind häufig, besonders in den Morgenstunden.

Im Oktober lassen die Güsse nach, nicht an Häufigkeit, aber an Dauer und Heftigkeit, um im November plötzlich beinahe ganz aufzuhören. Äußerst selten nur fällt noch im November oder gar im Dezember ein kurzer, starker Guß. Meist ist im Dezember der Zustand völliger Trockenheit wieder erreicht.

Der unbedeckte Himmel und die geringe Feuchtigkeit der Luft in der Trockenzeit gestatten eine große Intensität der Sonnenstrahlung bei Tag und eine ebenso starke Ausstrahlung des erwärmten Bodens und daher eine starke Abkühlung der Luft in der Nacht. Die Temperaturschwankungen sind in Folge dessen in der Trockenzeit sehr groß, im Durchschnitt bewegen sie sich zwischen einem Maximum von 35° und einem Minimum von 15°, ergeben also eine Spannung von 20°. Doch sind solche von 23°, zwischen 37° Maximum und 14° Minimum nicht selten. Auch steigen häufig die Temperaturen noch höher und sinken erheblich tiefer. Die höchste und die niedrigste Temperatur von 41° (25. 2. 1912) und 3,5° (JJ. o. I’¦)I2). in der gleichen Mecreshöho von rund 750 rn abgelesen, ergeben den größten absoluten Unterschied von 37,5°.

Dagegen zeigt die hohe Regenzeit im August und September im Durchschnitt Maxi mal-Temperaturen von nur 25° gegen MinimaJ-Temperaturen von 7°, also die sehr kleine Durchscbnittsspannung von nur 8°. Die geringste Spannung zwischen 21° und 10,25°, also 1,75°, wurde zugleich durch niedrige Maximal-Temperatur und hohe Mini mal-Temperatur hervorgerufen. Die bedeutendste absolute Spannung von 10,2° zu 28,2° erreicht auch nur 12°. Diese Messungen sind in. dem 1000 rn hoch gelegenen Joko im September und Oktober ausgeführt.

Trotzdem in der Regenzeit, in den ersten Monaten wie zur Zeit ihrer Höhe, die Tagesternperatur erheblich niedriger ist als in der Trockenzeit, wird sie bei dem starken Feuchtigkeitsgehalt der Luft unangenehmer empfunden und schwerer ertragen; das Regenzeit-Klima wirkt auf den europäischen Menschen oft ähnlich wie das Klima der immerfeuehten Küste.

Die Vegetation

Die Savanrie ist ein Übergangsgebiet vom immerfeuchten Wald zur exzessiv trockenen Steppe des Sudan, entsprechend dem übergangsklima. Der Wald ist dem Grasland der »Savanne eigen in seinen Flußwäldern, den verhältnismäßig schmalen Waldstreifen zu beiden »Seiten eines Wasserlaufs, dem sie allein ihre Lebensmöglichkeit verdanken. Die Flußwälder des Graslandes gleichen dem immergrünen, feuchten Küstenwald: hoch aufstrebende Riesenbäume mit glatter Rinde und mächtigen Brettwurzeln, holzige Lianen, Fpiphyton sind auch im Flußwald zu beobachten. Nur das Unterholz ist reicher entwickelt, weil das Licht bessern Zutritt hat.

Die Grasfluren der »Savanne sind nicht baumlos wie die der »Steppe, es ist im Gegenteil für sie geradezu charakteristisch, daß ihr Gras in mehr oder weniger großen Abständen von Bäumen und Gebüschen durchsetzt wird. Das Gepräge geben der »Savanne die hohen Gräser. Am Mbam, in 750 rn. Meereshöhe und in den Niederungen um den Njua haben wir 0—7 m hohe Grasbestände, förmliche Graswäldchen durchzogen. In 1000 und mehr Meter Höhe, oben auf der Fläche des Njua und des Njantigobirges werden die Gräser nur etwa 50 cm hoch. Mit den unterirdischen Wurzelatöcken ist das Gras der Trockenzeit angepaßt; unterm Boden überstellen die Gräser die heiße trockne Zeit und sind so auch vor einer Vernichtung durch die Grasbrände geschützt.

Die Bäume der Savanne sind wesentlich kleiner als die des immerfeuchten Waldes, nur wenige worden über 20 rn hoch, die meisten bleiben unter 5 m. Die Stämme der kleinen, oft strauchartigen Savannenbäume sind verbogen und verkrüppelt, ihre Rinde ist dick und. borkonartig. Die einzelnen Baumarten kommen nicht bestandbildend vor, sondern stehen gemischt. Die Baumsavannc wirktdoshaJb selten einförmig. Aus der Ferne erscheint sie manchmal wie ein lichter Wald, je näher man ihr aber kommt, um so mehr weichen die einzelnen Bäume aus einander.

In 700—900 m Meereshöhe überrascht in West-Tikar die Ausdehnung großer Wälder . Überblickt man das Land von einem höher gelegenen Punkt, macht es den Eindruck eines riesigen Waldgebiets. Weite Flächen erscheinen von dunklem Wald vollständig überzogen. Aber beim Durchwandern merkt man bald, daß der Wald doch nicht so geschlossen ist; häufig sind die wasserscheidenden Rücken in der Mitte mit Gras bedeckt.

Von außen gesehen erinnert dieser Wald durchaus an den Tieflands-Urwald der Küste, vor allem überraschen die Riesenbäume mit Brettwurzeln. Es sind aber auch wichtige Unterschiede vorhanden. Eine oft 15—20 cm dicke Schicht welken, abgefallenen Laubes den ausgedörrten Boden, sehr viele Bäume, besonders die höchsten, stehn jetzt kahl, auch das niedere Buschwerk ist häufig unbelaubt. In der Regenzeit ähnelt der Wald durchaus dem Tieflands-Urwald. Aber dieserWald des Ost-Mbamlandeshat nur zwei Stockwerke, das Unterholz und die Riesenbäume; die Bäume mittlerer Größe fehlen und damit auch das geschlossene Laubdach. Häufig sieht man im Wald Ölpalmen und Schirmbäume, die Charakterpflanzen des Sekundärwaldes.

Dies verhältnismäßig tief liegende Waldgebiet empfängt in der fast neun Monate währenden Regenzeit noch so viele Niederschläge, daß, unabhängig vom Lauf der Gewässer, üppigor Waldwuchs über die Fläche entstehen kann.

Im nördlichsten Teil des Ost-Mbamlandes, in der weiteren Umgebung von Ti-bati, ist deutlich ein Übergang zur Steppenvegotation des Sudan bemerkbar. Schon vom Moko Bangere an wird das Gras um so niedriger, je weiter man nach Norden kommt, und es ist schließlich nur noch 1/2 m hoch. Die Bäume verschwinden mehr und mehr, immer reiner wird der Charakter der Grassteppe. In ihr stehen einzelne lichte Wäldchen kleiner Schirm-Akazien, deren dürre Stämme und winzige Blätter ebenso wie die schirmartigen Kronen die Anpassung an das trocknere Klima deutlich dartun. Die Borassus-Palmen treten einzeln oder in kleinen Gruppen auf. Die Flußwälder sind verschwunden, der Meng zieht ganz ohne den begleitenden Saum dunklen Waldes durch das helle Gras. Am Mekai stehen nur hie und da einzelne, krüppelige Bäume.

In zweimaligem Wechsel ändert die Natur im Grasland der Savanne ihr Aussehen im Lauf eines Sonnenjahres, zur Regenzeit und zur Trockenzeit. Nicht die Temperaturen sind hier von maßgebendem Einfluß, die Niederschläge und ihre Verteilung über das Jahr bedingen den jahreszeitlichen Verlauf des Pflanzenlebens.

Im Flußwald scheint allerdings eine Periodizität des Pflanzenlebens zu fehlen, wie im Urwald der großen afrikanischen Hyläa; aber schon der ausgedehnte Wald West-Tikars, der ja nicht an das Bodenwasser gebunden ist, sondern von den Niederschlägen abhängt, zeigt in seiner Lebensweise ausgesprochen jahreszeitlichen Wechsel. Am ausgeprägtesten wechselt die Grasflur, besonders die der Savanne, Kleid und Aussehen in den beiden Jahreszeiten: während der Regenzeit üppigstes Wachstum oft riesiger Gräser, eine Fülle von Laub auf allen Bäumen, saftiges Grün wohin man blickt; in der Trockenzeit eine gelbe, dürre Grasöde, schwarze Flecken frisch gebrannter Flächen, kahle Bäume mit dicker, hellgrauer Borke, Alles gelbgrau flimmernd in der dunstigen Luft.

Text aus dem Buch: Im Hochland von Mittel-Kamerun, AuthorThorbecke, Franz.

Siehe auch:
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Vorwort
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Duala und die Nord-Bahn
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Von Nkongsamba nach Bamum
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Bamum
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Nord-Tikar
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Von Ngambe nach Linde
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Die Ndomme
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Im Wirteland am Südrand der Ndomme
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Nach Tibati
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Auf einer deutschen Station
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Noch einmal durch Tikar
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Das Gebirge der Zwerge
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Wirtschaftliche Erschließung des Ost-Mbamlandes durch einen Bahnbau

Im Hochland von Mittel-Kamerun


Als Gegenleistung für die Befreiung von der Gebühr für amtliche Trägergestellung habe ich dem Gouverneur von Kamerun über die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes und die Möglichkeit eines Bahnbaus berichtet. Vieles, das ich darin über die Oberflächengestalt des Landes und über den Lauf der Gewässer gesagt habe, ist in dieser Arbeit bereits in anderm Zusammenhang behandelt worden, ich gebe hier noch einmal alles, was die wirtschaftliche Erschließung des Ost-Mbamlandes durch einen Bahnbau in der Richtung auf Tibati berührt. Der Gouverneur hatte die Frage gestellt, ob ich ihm für eine Trace in der Richtung Jaunde—Joko—Tibati Vorschläge machen könne. Da ich die Strecke Jaunde—Joko nur in ihrem letzten Stück vom Fui-Berg bis Joko bereist habe, so schied für mich der südlichste Teil des in Frage kommenden Gebiets aus. Ich habe es vermieden, mich über diese Strecke zu äußern, habe nur meine Bedenken geltend gemacht gegen die Schwierigkeiten, die unter allen Umständen die Sümpfe der Wute-Ebene bereiten würden.

Der Steilrand der Ndomme bietet nur an einer einzigen Stelle, da wo wir es auf neuem Weg von Ngadde aus überquert haben, einer Eisenbahn trace die Möglichkeit eines Eintritts. Aber das breite Waldtal des Djim, das sieh dort öffnet, verengt sich sehr bald zu einer von Wasserfällen durchbrochenen Felsschlucht, in der es steil bergan geht. Die Schlucht mündet in einen Talkessel in halber Höhe des Anstiegs. Sie, wie die hohen Wände des Kessels dürften dem Bahnbau große Schwierigkeiten und Kosten verursachen, ebenso eine Fortsetzung der Bahn von Jakong aus in der Richtung auf Tibati über die Fläche der Ndomme, die hier durch den Kim und seine Zuflüsse iu tiefen, steil-wandigen Tälern stark zerschnitten wird. Dieselben Hindernisse stellen sich natürlich der Weiterführung einer Trace entgegen, die das breite Mpem-Tal benutzend im Westen den Steilhang der Ndomme umgeht. Diese Linienführung hatte ich zuerst ins Auge gefaßt und für sie ausführliche Vorschläge mit Höhenangaben gemacht. Der Marsch von Jakong bis Njua im November 1912 hat mir dann die Schwierigkeiten einer Fortsetzung dieser Trace vor Augen geführt.

Sollte die Richtung Jaunde —Joko—Tibati unter allen Umständen beibehalten werden, so muß die Bahn den steilen Gebirgsrand, auf dem Joko liegt, westlich liegen lassen und östlich vom Baschu nach Norden Vordringen. Man hätte dann zu wählen zwischen einem Weg, der das ganze Ndomme-Hochland umgeht und, stets in der Nähe des Djerem und Mao-Meng bleibend, Tibati erreicht, oder einem zweiten, der sich zuerst unmittelbar am Fuß des Hochlands hält und dann, in der Bucht des Meke-Bangere und Mere aufwärts steigend, das Hoclüand gewinnt, wo sich nun bis Tibati keine Schwierigkeiten mehr bieten. Aber auf beiden Wegen hätte man -große Sumpfstrecken zu überwinden, der Weg am Djerem entlang ist sogar so sumpfig, daß in der Regenzeit in Tibati für diese Strecke weder Führer noch Träger zu bekommen sind, da jedermann weiß, daß man im Sumpf stecken bleibt. Und was Sumpfstrecken in Kamerun bedeuten, das lehrt uns die Geschichte der bisherigen Bahnbauten. Daß etwa die Bahn nach Überwindung aller Schwierigkeiten der Wute-Ebene bei Joko selbst die Hochfläche gewinnen könne, ist ausgeschlossen; sie müßte aus der Ebene in 600 m Meereshöhe steil hinauf auf die 1000 m von Joko und nach Tibati wieder 150 m hinunter. Auch sind die Täler nördlich von Joko besonders tief eingeschnitten.

So bin ich auf Grund meiner Beobachtungen allmählich zu der Überzeugung gekommen, daß der Süd- und Ostrand der Ndomme für die Führung einer Bahn ganz auszuscheiden hat, und daß eine Bahn von Jaunde nach Tibati ganz im Westen der Ndomme über Ngambe geführt werden müßte. Die bisher dargelegten Tracen setzen einen Bahnbau von Jaunde aus voraus und damit einen Anschluß an die im Bau befindliche Mittelland-Bahn, die in absehbarer Zeit die Gegend von Jaunde erreichen wird. Die Feststellung, daß der Kim erst in der Breite von Ditam in den Mbam mündet, sowie die Beobachtungen auf dem Rückmarsch durch Süd-Bamum haben in mir immer mehr den Eindruck vertieft, daß eine Erschließung des Ost-Mbamlandes am besten von Westen her, durch einen Weiterbau der Nord-Bahn möglich wäre.

Auf dem Marsch vom Mbam bei Ngakua nach Fumban habe ich trotz des dunstigen Wetters und der wenigen Fernblicke feststellen können, daß sich das etwa 1000 m hohe Bamum-Plateau in südlicher Richtung auf Manso und Fimbo allmählich zur 700 m hohen Mbam-Niederung senkt, die sich jenseits des Flusses über Ngambe hinaus durch ganz Tikar ungefähr im gleichen Niveau erstreckt. Die Vermessungsarbeiten der Bahnbauleitung haben Ende 1912 im Dschang-Bezirk und am Nun eine Trace für den Aufstieg vom Manenguba-Hochland aufs innere Hochland hinauf gefunden, im Batuni-Tal, in derselben Gegend, die uns schon im Dezember 1911 dazu geeignet schien. Ich glaube daher, daß Mer bei Ngpa, 1—2 Tagemärsche südöstlich der Hauptstadt Fumban, die geeignete Stelle sei, die Nord-Bahn weiter über den Mbam zu bauen. Vom Hochlandsrand könnte sie in östlicher Richtung ohne Schwierigkeiten durch Bangante über den Nun in das südliche Bamum geführt werden und damit die erfolgreich begonnenen Kulturversuehe der landwirtschaftlichen Station Kuti erst wirklich wertvoll machen. Von dort würde die Balm, ohne das zu hoch gelegene Fumban selber zu berühren, in der von mir bezeiclmeten Gegend von Mansso oder Fimbo in die Mbamniederung hinabsteigen. Nördlich der Einmündung des Kim, also nicht weit von Ditam, dessen günstige Lage für eine Baumwoll-Einkaufsstelle ich dargologt habe würde die Balm den Mbam überschreiten und damit Tikar, das reichste Land östlich des Mbam, erschließen. Auf der Wasserscheide zwischen Kim und Mbam könnte sie über Ngambe nach Tibati weiter geführt wrerden, ohne irgend welche erheblichen Steigungen auf dieser langen Strecke überwinden zu müssen.

Da sich nach der Meinung der Ingenieure die Trace ohne übergroße Kosten auf das Innerhoehland hinauf führen läßt, bin ich der Ansicht, daß die von mir bereisten Gebiete besser und rascher von der Nord-Bahn als von der Mittelland-Bahn her erschlossen werden können. Welche Vorteile ein Anschluß der Baumwolle bauenden Tikarländer und des viehreichen Tibati an die Küste für die Entwicklung der ganzen Kolonie bringen würde, liegt auf der Hand. Denn ohne rasche und billige Verbindung mit der Küste nützen alle Kulturversuche mit Baumwolle so „wenig etwas wde aller Viehreichtum der Fullah-Länder.

Statistische Angaben über die Arbeiten und Sammlungen der Expedition1

Die Expedition war vom Abmarsch von Nkongsamba bis zur Rückkehr dahin 13 1/2 Monate unterwegs. Auf die Bahnfahrt von 160 km [Duala-Nkong-samba] folgte eine nicht aufgenommene Anmarschstrecke von etwa 360 km, deren Weglänge bei der Rückkehr Ende 1912 noch einmal durchmessen wurde, dazu Dr. Waibels Weg zur Küste über Jaunde nach Kribi von mindestens 500 km. Im Arbeitsgebiet sind über 1200 km topographisch aufgenommen, weitere 5—600 km auf denselben Routen nur marschiert. Jeder von der Expedition im Ost-Mbamland überhaupt zurückgelegte Weg ist topographiert worden, auch da, wo schon ältere Aufnahmen Vorlagen. Das ganze, schätzungsweise 12000 qkm große Gebiet ist durch sehr viele Hand- und Stativpeilungen und etwa 70 Rundpeilungen auf dem Peiltisch von Standpunkten, die durch die Route festgelegt sind, mit einem teilweise sehr dichten Netz von Peilstrahlen überzogen, die die Lage aller topographisch wichtigen Punkte bestimmen; damit ist eine Roh-Triangulation des Ost-Mbamlandes gegeben, die anschließt an das nach Länge und Breite festliegende Joko und an die in ihrer geographischen Breite bestimmten Punkte Ditam, Ngambe, Tibati. Mehrere hundert Blatt Panoramazeichnungen von allen Peilpunkten und viele Landschafts-Photographien bilden die notwendige Ergänzung der topographischen Arbeiten. Etwa hundert Höhenmessungen mit Siedethermometem kontrollieren die sehr zahlreichen Ablesungen der Aneroide. Ein fortlaufendes meteorologisches Tagebuch über alle Elemente von Wetter und Klima wurde während der ganzen Reise geführt.

Die Sammlungen ergeben etwa:
1300 Gesteine und Bodenproben,
800 botanische Nummern, darunter eine Sammlung Hölzer,
300 zoologische Nummern,
6 menschliche Schädel, davon 2 mit ganzem Skelett, und Skeletteile, 50 Phonogramme von Musik- und Sprachproben,
1300 Ethnographika,
800 Photographien, die alle unterwegs entwickelt wurden,
80—90 Aquarelle, Ölgemälde und Farbenskizzen sowie viele Bleistiftzeichnungen.

1 Vergl. Thorbecke. Der bisherige Verlauf und die Arbeiten der Forschungsreise der Deutschen Kol.-Ges. nach Kamerun. Deutsche Kol.-Ztg. 1912. Nr. 45 u. 46.

Text aus dem Buch: Im Hochland von Mittel-Kamerun, AuthorThorbecke, Franz.

Siehe auch:
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Vorwort
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Duala und die Nord-Bahn
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Von Nkongsamba nach Bamum
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Bamum
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Nord-Tikar
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Von Ngambe nach Linde
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Die Ndomme
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Im Wirteland am Südrand der Ndomme
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Nach Tibati
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Auf einer deutschen Station
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Noch einmal durch Tikar
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Das Gebirge der Zwerge

Im Hochland von Mittel-Kamerun


Es hatte endgültig ausgeregnet. Seit Ngambe war kein Tropfen Regen mehr gefallen, dafür war die Luft von Tag zu Tag dunstiger und staubiger geworden. Das Ngutte-Gebirge, das Ziel unseres Marsches nach Süden, dessen kühne Formen wir so oft aus der Feme, vom Fuß und von den Höhen der Ndomme, bewundert hatten, war von Ditam aus gar nicht zu sehen, der nahe gelegene Jessom hob sich nur ab und an in ganz schwachen Umrissen am Osthorizont ab. Nur ein einziges Mal haben wir an einem der nächsten Wandertage Ngutte-Berge und Jessom gleichzeitig gesehen. Auch die Ndomme haben wir in dieser beginnenden Trockenzeit nicht zu Gesicht bekommen. Es war wie im vergangenen Februar oben in Nord-Tikar; wir konnten bei der diesigen Luft oft tagelang nicht photographieren.

In Ditam hatte uns niemand brauchbare Auskunft über die Ngutte-Berge geben können; nicht einmal über den Namen waren sich die Leute einig. An den Bergen lebt ein anderer Volksstamm, weder Tikar noch Wüte; was gingen also diese Menschen sie an? Der auf den Karten gebräuchliche Name Ngutte-Gebirge stieß überall nur auf Lachen. Er war ein bloßer Notbehelf des Weißen, der dort den alten Ngutte lange vergeblich gesucht und endlich gefangen hatte. In Linde war der Gebirgsstock von Dukan und seinen Leuten ganz allgemein Jangba-Berge genannt worden, das Volk, das an seinen Hängen wohnt, Mendjanti oder auch nur Njanti. Njanti-Leute haben wir auch gleich auf dem ersten Marsch nach Südosten getroffen. Aber nicht allein die sitzen hier am Gebirge, es hat auch einer ganzen Reihe anderer Stämme als Rückzugsgebiet gedient; sie alle haben sich von den verschiedensten Seiten auf die unzugänglichen Felshöhen geflüchtet, als die große Welle der Wüte über das Land hereinbrach. So bildet die Völkerkarte hier auch heute noch ein buntes Mosaik, trotzdem die meisten vom Gebirge wieder in die Ebene hinabgestiegen sind. Irgend ein System in dies bunte Völkergemisch zu bringen, ist fast unmöglich, so toll sind sie alle, die Njanti, Bati, Fuk, Balom, Jandjom im Verlauf von fünf Jahrzehnten hier ifi der Südwestecke des Ost – Mbamlandes durch einander gewirbelt worden; und zwischen ihnen sitzen auch heute noch in kleinen, aber streng abgeschlossenen Kolonien Wüte, ihre früheren Zwingherren. All die in sich so verschiedenen Völker und Stämme eint der gleiche, noch immer ungekühlte Haß gegen den ehemaligen Unterdrücker. Wie der Deutsche den Tikar vom Fulbejoch befreite, so ist er auch für sie der Befreier von dem vielleicht noch schwereren Joch der Wüte gewesen.

Die ursprünglichen Bewohner des Gebirges sind die Njanti gewesen, die einzigen, die auch heute noch seine innere Fläche besiedelt haben. Ich schlage daher vor, das Massiv Njanti-Gebirge zu nennen und den gänzlich ungerechtfertigten Namen Ngutte-Gebirge aus der Kamerun-Literatur und den Karten auszumerzen. Unsere Umfragen und Erkundungen über die Geschichte des Landes haben im Großen und Ganzen das bestätigt, was wir in Linde über die an und für sich ja ziemlich gleichgültige Frage nach dem Ngaundere II erfahren hatten.

Zwischen der Landschaft Ditam und dem Njanti-Gebirge dehnt sich, immer ungefähr in derselben Meereshöhe, ein weites, flaches Land aus, dessen niedrige Wellen dichten Graswuchs tragen, aus dem sich, ähnlich wie in Tikar, die kleinen krüppeligen Bäumchen erheben: die charakteristische Savanne. Hier sind aber die Galeriewälder seltener, weil fast alle Wasserläufe, die an der Nordseite des Gebirges herunterkommen, am Fuß ost- und westwärts abbiegen. Nicht weit südöstlich von Ditam durchzogen wir jedoch einen breiten, dichten Wald, den ich für den Best einer früher größeren Waldbedeckung halte, da wir in ihm nicht einen einzigen Wasserlauf fanden. Wo aber reichlich Wasser vorhanden war, wie beim Dorfe Kenna, da standen in den feuchteren Galeriewäldern und an den Hängen der oft tief eingeschnittenen Bachschluchten Ölpalmen in Hülle und Fülle. Haben sie die Leute von Ditam, deren Macht bis hierher reicht, in diesem äußersten Vorposten des Tikarlandes angepflanzt, oder sind sie Reste einst großer Bestände, die die Wüte auch hier vernichtet haben, wie überall, wo sie hingekommen sind? Diese kulturfeindliche Tätigkeit der Wüte habe ich ja früher1 schon charakterisiert. Wo heute noch Ölpalmen im Ost-Mbamland Vorkommen, hat der Wüte sicher nie festen Fuß gefaßt.

Südlich von dieser letzten Ölpalmeninsel beherrscht plötzlich die Borassus-Palme die Landschaft, in einem schmalen Streifen, der sich am Nordfuß der Njanti-Berge hinzieht weit nach Westen über den Mbam bis ins südliche Bainum. Mir ist dies vereinzelte Vorkommen des für die Adamaua-Steppe von Tibati charakteristischen Baumes noch ganz unverständlich. Daß sie etwa angepflanzt wird, glaube ich nicht, denn nirgends sahen oder hörten wir, daß die Leute die eßbaren Früchte ausnutzen. Besonders merkwürdig war das oft geradezu massenhafte Auftreten junger und jüngster Bäumchen mitten in der Savanne oder auf aufgelassenen Äckern; sehr häufig sah man im Gras nur die riesige, gespreizte Fläche eines einzigen Blattes, das auf ganz kurzem Stiel direkt aus dem Boden sprießt. Die großen, ausgewachsenen Bäume aber haben schlanke, gerade Stämme von 20—30 m Höhe, die etwas oberhalb der Mitte die charakteristische spindelförmige Verdickung zeigen und eine runde Krone aus vielen der riesigen Blattfächer tragen. An mehr als einem Stamm hingen aus der Krone heraus die mächtigen, orangefarbenen Fruchttrauben.

Die Nordseite des Njanti-Gebirges läßt sich gar nicht denken ohne die prachtvolle Staffage dieser Riesenpalmen. Links und rechts erheben sich steil und unvermittelt aus dem flachen Land ringsum in der gewaltigen Gebirgsmauer die beiden Ecktürme des Jangba und des Jandjom. Unser Standpunkt war dem Jangba näher; in der Abendsonne glänzten die Biesenwände dieses spitzen Felsberges, den in seinen unteren Teilen dichter Wald umzieht.

Nach Westen dehnt sich in halber Gipfelhöhe bis zum fernen Jandjom die breite, innere Hochfläche des Gebirges, über der ein Kranz spitzer Zacken und runder Kuppen aufsteigt; mauerartig steil fällt sie ab, in ihrer Mitte öffnet sich gegen Nordwesten ein breites Tal, durch das ein großer Teil der inneren Gebirgsfläche zum Mbam entwässert wird. Auch hier senkt sich, wie bei andern vorher beobachteten Inselbergen, das Vorland zum Gebirge. Jetzt wurde uns auch klar, warum die Savanne zwischen Ditam und der Nordseite der Berge so wasserarm ist: alle Gewässer fließen den beiden Häuptbächen zu, die in der Senke nach Osten und Westen ausbiegen. Vom Dorf Jangba, unmittelbar am Fuß des gleichnamigen Berges, erzwangen wir gegen den Willen der Dorfbewohner eine Besteigung des kühn gebauten Felskegels. Beim Aufbruch am frühen Morgen lag dichter Nebel in großen, grauen Schwaden über der ganzen Ebene, ein Nebelkranz hing um den Berg und versperrte jeden Blick auf seine Spitze. Steil ging es in dichtem Wald hinauf, anfangs auf leidlich gutem Weg, bis zu den Trümmern einer alten Siedelung, die auf dem Sockel in etwa 1000 m Meereshöhe gelegen war. Wald und Berg boten genügend Schutz gegen die Wüte, die vielen Ölpalmen des Hanges werden noch heute genutzt.

Als wir aus dem Wald heraustraten, ragte plötzlich über uns die steile Pyramide des Jangba mit ihren fast senkrechten, 300 m hohen, kahlen Felswänden auf. Tiefe Rillen hat das Regenwasser in sie genagt, die ganze Wand ist in zahllose Säulen und Säulchen aufgelöst; wie ein ungeheurer Schratten-kegel hebt sich der Berg aus dem Waldkranz. An dieser Stelle war ein Anstieg unmöglich, aber unser Führer wußte einen andern Pfad, der in weitem Umweg erst auf die innere Hochfläche führte, dann steil aufwärts durch dichten Regenwald mit einzelnen Ölpalmen, und schließlich über Riesenblöcke zwischen kurzem Gras den Gipfel erreichte. Ein Granitwürfel bildet die höchste Spitze, die nach allen Seiten senkrecht in 6 m hohen und breiten, ganz glatten Wänden abfällt. Da hinauf zu kommen war unmöglich, wir machten am Fuß halt.

Die innere ungefähr dreieckige Hochfläche wird an der Südost- und Südwest-Seite von einem Kranz hoher Gipfel umrahmt, nordwärts aber bricht sie ohne Randerhöhung steil ab. Sie ist bereits stark zertalt. Die Rücken zwischen den tief eingeschluchteten Bachbetten sind mit dichtem, aber verhältnismäßig niedrigem Gras bedeckt, die Länge der einzelnen Hahne bleibt weit zurück hinter denen der Grasfelder der Niederung. An den steilen Talwänden tritt vielfach nacktes Gestein zu Tage in großen, glattgewaschenen Schalen, stets Granit. Die Talgründe sind mit dichtem Wald erfüllt, der sich da, wo die Hauptbäche aus dem Gebirge heraustreten, an den Hängen hinunterzieht. Oben wohnt niemand, und kein Weg führt über das Gebirge, war uns unten im Dorf gesagt worden. Und nun sahen wir auf der inneren Hochfläche Felder und kleine Farmdörfer, und ein oft begangener Pfad sollte, wie jetzt unser Führer erklärte, quer über das Gebirge führen. Wir schwankten, ob wir diese Gelegenheit ausnutzon sollten, entschieden uns aber dann für eine vollständige Umwanderung und Besteigung der beiden andern höchsten Gipfel, des Jakunga und Jandjom. Diese Hochgipfel des Njanti-Gebirges sind im Gegensatz zu allen andern von uns bestiegenen Bergen in ihren obersten Teilen vollkommen nackter Fels, der längs der Kluftrichtungen verwittert. In den Klüften wachsen einzelne von Grund auf verzweigte Bäumchen, deren Aste sich breit auf den Fels legen, Moose und Flechten sind viel seltener als auf den Höhen der Ndomme und des Njua. Der Jangba-Gipfel hatte uns bei den Wanderungen am Fuß und über die Höhen der Ndomme stets als Peilmarke gedient, um so mehr bedauerten wir, jetzt nicht von ihm aus Peilungen auf den Ndommerand machen zu können.

Wir sind nicht die ersten Weißen gewesen, die das Gebirge besucht haben. Im April 1901 weilte die Jaundc-Jabassi-Expedition des Hauptmanns v. Schimmelpfennig am Jangba, beim Wute-Häuptling Giong, der damals in dem von ihm unter-Avorfenen Dorf Jangba saß. Wo das Dorf des Giong damals gelegen hatte, ob an der Stelle des heutigen Jangba oder oben bei den Trümmern auf dem Gebirgssoekel, konnten Avir nicht mehr feststellen. Oskar Zimmermann berichtet. Ton der Besteigung eines hohen Berges; wenn er aber sagt, „daß JangAva mit dem von Premierleutnant Morgen 1890 erstürmten Ngaunderre II identisch ist“, so irrt er. „Ngaunderre II“, oder Avie es Avirklich hieß, Ngandelle, lag wohl auf der Fläche desselben Gebirges, aber Adel weiter südlich, an einer Stelle, die wir später vom Jakunga aus deutlich sahen. Ob der Stabsarzt Hoesemann auf dem Gipfel des Jangba gewesen ist, seine Höhe bestimmt und von ihm aus gepeilt hat, ist weder aus Zimmermanns Bericht noch aus der 1903 erschienenen Karte des mittleren Teils von Kamerun zu ersehen.

Bei den folgenden Wanderungen war Ndenge, der Häuptling der Bati von Goro unser Führer. Bati wohnen überall auf dieser Seite des Gebirges; sie sind identisch mit den von Dominik zuerst so genannten „Sanaga“, deren Hauptsitze auf beiden Ufern des großen Stroms liegen. Hier im Machtbereich der Wüte haben sie ihre heimische Bau- und Siedelungsform, die dem Jaunde-Weiler ähnelt, völlig aufgegeben; Kegeldachhütte und Haufendorf kommen allein A’or. Ob die Bati Bantu- oder Sudan-Neger sind, kann erst die vergleichende Untersuchung unsrer Sprachenproben ergeben. Auf keinen Fall hängen die Bati mit Tibati zusammen, so ähnlich die Namen auch klingen mögen.

Von Jangba zogen Avir über Lunda, die einzige Fuk-Siedelung, um das Gebirge und kamen nach Wanda am Fuß des Jakunga. Wir überschritten dabei den Goro, der, aus dem Innern des Gebirges kommend, den Südostrand durchbricht und mehrere Kilometer in breitem, tief eingegrabenem Bett am Gebirgs-fuß entlang fließt. Am Gebirge lagen große. Maisfarmen und gut gepflegte öl-palmen-Wälder um ein kleines Bati-Dorf. Von einem frei liegenden Vorhügel war der ganze Gebirgsrand zu übersehen, von der die innere Fläche umrahmenden Kette die Gipfel Jakenge, Jandenge, Jakunga und Wanda. Der Jakunga, den Avir von Wanda aus bestiegen, ist etwas niedriger als der Jangba. In dem nebeligen Morgen verlor der Führer vollkommen die Orientierung und schleppte uns auf mehrere Vorgipfel, von denen wir jedes Mal wieder tief hinunter mußten, ehe wir endlich auf den höchsten kamen. Überraschend war trotzdem die gute Geländeauffassung der Eingeborenen, die uns zuerst auf eine vorspringende Felsenkanzel des Gebirgssockels führten und dort erklärten, jetzt ständen wir auf dem „großen Berg“, was noch käme, wären nur „kleine Berge“. Sie unterschieden also deutlich den breit hingelagerten Gebirgssockel in etwa 1000 m Meereshöhe und die darauf aufsitzenden Gipfelberge, die noch mehrere hundert Meter höher sind.

Stundenlang kletterten wir die steilen Hänge empor, der sehr lockere Humusboden im Wald rutschte unter den Füßen weg, auf den glatten Graswänden kam man immer wieder ins Gleiten, und das letzte Stück war ein Klimmen von Fels zu Fels bis auf den Gipfelturm, der in fast senkrechter Wand etwa 700 m über der Ebene steht. Aber die Nebel waren noch nicht gewichen; schwer lagen sie rings über der Ebene, verhüllten zeitweise den ganzen Sockel und brandeten ab und an in dicken Schwaden zu uns herauf. Schließlich siegte doch die Mittagssonne, aber wir mußten uns mit der Arbeit sehr beeilen; denn der Rückmarsch war weit, der uns auf neuem Weg über ein breites Tal in der Sockelfläche und durch ölpalmenreiche Wälder führte. Wir konnten das alte Dorf des Ngandelle festlegen, dessen Wallgraben noch deutlich zu sehen war, also an einer ganz andern Stelle als Zimmermann angibt. In den dichten Wäldern am Fuß des Jakunga hatte der alte Ngutte seine letzte Zufluchtstätte gefunden; ihre Ölpalmen boten ihm und seinen wenigen Getreuen eine willkommene Zukost zum Fufu, das ihm die kleinen Farmdörfer des Gebirges liefern mußten.

Auch vom Jakunga aus sahen wir in der Richtung auf den Jandjom ein Dorf zwischen Farmen liegen, und einer unsrer Führer erbot sich, in anderthalb Tagen über das Gebirge zu laufen und dem Häuptling Njansa, dem einzigen, der am Jandjom Bescheid weiß, unsre baldige Ankunft zu melden. Die Bewohner eines kleinen Farmdorfes am Fuß des Jakunga baten uns, für sie ein Wort bei der Station Joko einzulegen: sie wollten an ihrem heutigen Wohnplatz bleiben und nicht vom Gebirge hinunter, weit weg an die Straße, ins Gebiet eines Wüte-Häuptlings ziehen. Der größte Teil der Dorfleute war bereits durch einen Soldaten fortgeholt worden, die andern durften vorläufig oben bleiben, um die Reife des Mais abzuwarten; dann sollten auch sie nachkommen. Sie würden des ganzen Nutzens ihrer ölpalmen verlustig gehen, die dauernder Beaufsichtigung und Reinigung der Stämme bedürfen, wenn sie ertragreich bleiben sollen. Wir haben natürlich bei der Station die Bitte der Dorfleute befürwortet. Das Erlebnis bestärkte mich in der Meinung, man solle nicht die-Methoden, die sich bei der Eingeborenen-Ansiedlung im Urwald bewährt haben, ohne weiteres im Grasland anwenden. Jede Verpflanzung von Dörfern dürfte im Grasland erst nach genauer Untersuchung der örtlichen Verhältnisse durch einen Weißen geschehen; nie sollten so wichtige Angelegenheiten dem Ermessen von schwarzen Soldaten oder Stationsboten überlassen bleiben.

Beim Marsch ums Gebirge kamen wir ganz langsam in immer geringere Meereshöhe; die Tage waren schwül, und die Nächte brachten nicht mehr die gewohnte Abkühlung, in Gonang, dem südlichsten Punkt unsrer Reise im Ost-Mbamland, sank das Minimum nicht mehr unter 21°. Wir waren in ein niedriges Hügelland eingetreten, in dem der Pfad fortwährend auf und ab fülirte, durch große, oft auffallend üppige Wälder. Diese ausgedehnten Urwälder haben den Charakter des reinen Galeriewaldes längst verloren. Stundenbreit ziehen sie sich über welliges Gelände hin, in ihnen wachsen all die Riesenbäume des westlichen Tikar und der Küste. Undurchdringlich erscheint das Gestrüpp des in sich oft förmlich verfilzten Unterholzes, unentwirrbar das Lianengewebe zwischen den Bäumen, armdick oft winden sich die Schlinggewächse zwischen den Stämmen dahin wie Riesenschlangen, unter ihnen viele Gummi-Lianen, wohl Landophia-Arten, die der Eingeborene auf den ersten Blick sicher als solche erkennt. Am erstaunlichsten ist der Ölpalmenreichtum dieser Wälder, deren sekundärer Charakter auch bewiesen wird durch zahlreiche Schirmbäume, aber einer anderen Art als an der Küste, mit stark verzweigtem Stamm und endständigen, riesigen Blattrosetten. Überall lärmten große Scharen Graupapageien, die mit der Ölpalme fast wie in Symbiose leben. In allen Gebieten, in denen Ölpalmen versprengt, aber noch Bestände bildend auftreten, habe ich dieselbe Erfahrung gemacht; sieht man Graupapageien ziehen, so kann man mit Sicherheit auch in sonst ölpalmenarmen Gebieten auf das Vorkommen von Ölpalmen schließen. Die Feuchtigkeit und der Reichtum an fließendem Wasser ist in diesen Waldungen nördlich von Gonang sehr groß. Manche Waldstrecke steckt tief im Sumpf, große Raphiabestände haben sich darin entwickelt. Im West-Mbamland ziehen die Raphia-Sümpfe in schmalen Linien durch das Gras der Savanne, hier stehen mitten im dichtesten Dickicht hohe Palmenstauden in Haufen beisammen, mit großen, bis zu 10 m langen Wedeln. Ihre Blattrippen werden ganz besonders dick, die für die westlichen Grashochländer charakteristische dünnrippige Raphia habe ich im Ost-Mbamland nirgends gesehen.

An trockneren Stellen trifft man mitten im Wald Wiesen, auf denen sich vereinzelte Borassus-Palmen erheben, die aber hier im Südwesten der Njanti viel weniger charakteristisch für das Vegetationsbild sind. Am 8. Dezember waren wir in Djinga, dem größten Dorf der Balom. Die Balom sind nahe Verwandte der Bafia, die auf dem andern Mbamufer wohnen; sie sprechen, nach ihrer eigenen Aussage, dieselbe Sprache. Wir waren jetzt wieder ganz nahe an den Mbam gekommen, man hörte das Rauschen seiner Stromschnellen. Erst aber ging es noch einmal ins Gebirge; wir wollten seinen höchsten Gipfel, den Jandjom, bezwingen und auch von Westen einen Überblick über die innere Hochfläche gewinnen. Diese letzten Tage im Arbeitsgebiet haben uns die größte Überraschung und eine wirkliche Entdeckung gebracht: wir fanden Zwerge. Wir hatten keine Ahnung von ihrem Vorkommen; auch unser Führer Ndenge, der doch sonst seine Heimat gut kennt, wußte nichts davon. Ein reiner Zufall brachte uns auf ihre Spur. Hier, mitten im Grashochland von Kamerun nach Pygmäen zu fragen, wäre uns nie in den Sinn gekommen; galt es doch bisher als feststehende Tatsache, daß diese letzten Reste einer afrikanischen Urbevölkerung nur in den undurchdringlichen Urwäldern des Kongo-Beckens und den mit ihnen zusammenhängenden Waldländem Süd-Kameruns vorkämen. Daß die Pygmäen auch in West-Afrika schroffe, schwer zugängliche Gebirge im Grashochland als Rückzugsgebiet aufsuchen, widersprach allen Annahmen und Kenntnissen*.

Als wir im Dorf Djinga die Absicht äußerten, den Jandjom, den höchsten Gipfel der Njanti-Berge, zu besteigen, ließ uns der Häuptling durch Ndenge sagen, da oben am Berg wohnten Zwerge, nicht verkrüppelte Menschen, sondern kleine Leute [“short people“], die früher oben auf und an den Gipfeln in Höhlen gehaust hätten, jetzt aber von den umwohnenden Häuptlingen, denen die Berge gehören, herunter geholt und in eigenen Farmdörfem angesiedelt seien; wir würden morgen in ihrem Dorf lagern. Wir trauten unsem Ohren nicht; aber unsre Erwartung war doch aufs höchste gespannt, als wir am nächsten Morgen, nach langem Marsch durch ein reich angebautes, gut bevölkertes Land an den Fuß des Gebirgssockels kamen. Die kleinen Leute sollten in dem Dörfchen wohnen, das auf dem unteren sanften Anstieg inmitten schöner Farmen liegt. Der Häuptling Njansa, der uns mit viel Volk die Hälfte des Weges entgegen gekommen war, brachte auf unser Verlangen sofort die ganze Zwergenschar an, wirkliche, echte Pygmäen, nicht etwa zwerghafte Krüppel. Beeinflußt durch den Eindruck, den bei uns in Europa solch imglückliche Geschöpfe auf Schaustellungen machen, waren wir auf den Anblick abstoßender, winziger, nackter Gestalten gefaßt. Um so mein waren wir überrascht: wir fanden wohl sehr kleine, aber durchaus nicht abnorm häßliche Menschen; aus der Feme gesehen, fielen sie überhaupt nicht auf, wenn sie nicht gerade neben unsem langen Trägern standen.

In der Nähe und neben großen Negern wiesen sie allerdings die charakteristischen Merkmale einer Pygmäen-Rasse deutlich auf. Der runde Kopf saß auf verhältnismäßig großem Oberkörper, an dem kurze, aber sehnige Arme herunterhingen, mit kleinen Händen. Die Beine waren gleichfalls kurz und schienen für den schweren Oberkörper viel zu schwach, ein Eindruck, der durch die ebenfalls kurzen Füße entschieden verstärkt wurde. Wir zeichneten Hände und Füße im Umriß auf, es waren unglaublich kleine Gebilde, selbst im Verhältnis zum kurzen Körper. Maß doch der größte Mann nicht mehr als 151 cm, der kleinste sogar nur 140,5 cm; dazwischen lagen die Maße der drei andern Männer: 149,4 cm, 145,6 cm, 143,0 cm. Die Frauen waren ebenso groß wie die Männer, maßen aber nicht wie bei den Zwergvölkern Süd-Kameruns noch unter 140 cm. Mit der schmutzig-graubraunen Hautfarbe und der geringen Bekleidung, die nicht über eine Hüftschnur und ein ganz kleines Lendentuch hinausging, machten die Gestalten der Zwerge einen recht kümmerlichen Eindruck, wenn sie mit vornüber geneigten Schultern und ernsten, fast schwermütigen Gesichtern vor uns standen; sie waren sich völlig bewußt, daß sie die Zielscheibe des Spotts der großen Leute waren.

Fast alle waren gesund und sehnig, wie ich bei der Besteigung des Jandjom, auf der sie mich führten, beobachten konnte. Einer von ihnen hat nachher tagelang Trägerdienste bei uns getan und seine Last, allerdings nur 20 kg, leicht und sicher getragen. Im Dorf lobten im ganzen 14 Pygmäen: 5 Männer, 3 Weiber, 6 Kinder. 2 Männer waren verheiratet, ihre noch jungen Frauen waren Schwestern, Töchter eines alten, eisgrauen Mütterchens, das sich noch sehr gut der Zeiten erinnerte, als die Zwerge hoch oben am Jandjom in den Granithöhlen hausten. Heide Ehepaare hatten Kinder, das ältere 3, von denen ein Mädchen schon im Heranwachsen war, das andere eines; 2 andere Kinder waren Waisen und wurden von dem jüngeren Ehepaar aufgezogen.

Heute sind die Pygmäen des Jandjom seßhafte Ackerbauer und bauen Mais, Hirse, Kartoffeln, ja sogar Baumwolle, die sie an die Balom verkaufen oder zu Schnüren verarbeiten. Früher nährten sie sich von dem, was ihnen der Wald gab, von seinen Früchten und Wurzeln; sie plünderten die Ölpalmen, die sie meisterlich erklettern, für sie ist kein Baum zu hoch. Als Jäger sind sie noch heute berühmt, Bogen und Pfeil sind ihre Waffen, der Speer ist unbekannt, den der Bagielli des Süd-Kameruner Urwalds als einzige Waffe führt. Darin besteht wohl auch einer der Hauptunterschiede zwischen den Berg- und Wald-Zwergen. Ihre großen, starken Bogen und holzgeschnitzten Pfeile handhaben sie sehr gewandt und halten die Finger beim Auflegen des Pfeils wie die südafrikanischen Buschmänner. Auch ihre Art des Bogenspannens war mir neu; sie erregte sogar bei meinen Leuten, die doch zum Teil ganz in der Nähe wohnen, lebhaftes Erstaunen.

Es ist noch gar nicht lange her, daß die großen Jandjom-Neger unter dem Vater des jetzigen Häuptlings Njansa die Zwerge im Gebirge entdeckt und als Gefangene mit in ihre Dörfer genommen haben. Da sie jetzt unten ihre Kinder geboren hätten, liefen sie nicht mehr davon, sagten die Njansa-Leute, und die Tatsachen gaben ihnen recht. Aus der Zeit, als die Zwerge noch so innig mit der Natur zusammen lebten, haben sie die Kenntnis von allerlei heilkräftigen Wurzeln und Kräutern des Waldes hinübergerettet in ihr heutiges, seßhaftes Leben; sie bewahren sie als ihr Geheimnis im instinktiven Bewußtsein der Macht, die es ihnen über die langen Nachbarn verleiht. Sie werden häufig um heilkräftige Medizin und um allerhand mystische Zaubermittel angegangen; nur mit einem Gemisch von Scheu und Spott reden dann die Langen von den kurzen Leuten.

Ob die Pygmäen noch ihre eigene Sprache sprechen, konnten wir leider nicht sicher feststellen; nach den Erfahrungen in Süd-Kamerun ist es wahrscheinlich. Die Zwerge selber leugneten es bestimmt und behaupteten, daß sie früher eine eigene Sprache gesprochen, sie aber jetzt ganz vergessen hätten. Sie sprachen das Jandjom, einen Dialekt des Balom. Aber Balom und Bati sagten übereinstimmend aus, daß sie noch heute bei ihren heimlichen Totenklagen eine eigene Sprache sprächen, die weder Balom noch Bati verständen. Ihre Toten schleppen die Pygmäen auf den höchsten Gipfel des Jandjom und werfen sie in einen tiefen Abgrund hinein1, der, wie ich bei der Besteigung feststellte, vollkommen unzugänglich ist. So war natürlich kein Schädel zu erhalten, wir mochten bieten soviel wir wollten.

Auch andere Häuptlinge am Njanti-Gebirge, so der von Kenna, sollen Zwerge besitzen, wir konnten aber diese Spuren aus Zeitmangel nicht weiter verfolgen. Und jetzt kamen auch unsre schlauen Tikarjungen aus Ngambe damit heraus, daß ganz in der Nähe ihrer Stadt, im Kim-Wald zwischen Ngambe und Jakong, short people in festen Häusern wohnen und Ackerbau treiben, w;ohl 80 an der Zahl. Aber warum habt Ihr uns das nicht längst gesagt, wir sind doch drei Mal in Ngambe gewesen?! Du hast uns ja nicht danach gefragt, war die bezeichnende Antwort. Wer konnte auch im Tikarländ Zwerge vermuten, wo selbst die Missionare, die schon fast drei Jahre in Ngambe leben, nichts davon wußten. Diese Ngambe-Zwerge sollen früher am Njua in den Urwäldern des Nje gehaust haben; nachts hätten sie sich mit Blättern zugedeckt. Für uns war es jetzt leider zu spät geworden, dem Problem der Graslandzwerge weiter nachzugehen.

Noch von Bamum aus habe ich den Missionar Reimer in Ngambe gebeten, nach den dortigen Zwergen zu forschen. Seine Antwort, die photographischen Aufnahmen und Längenmaße lassen mich aber vermuten, daß es sich hier nicht mehr um reine Pygmäen sondern um Mischlinge handelt, wahrscheinlich zwischen Zwergen und Tikarleuten. Auch sie sprechen nur Tikar, aber sie werden von den Tikar als Fremde betrachtet und Medzan genannt. Reste einer eigenen Sprache konnte auch der Missionar, der fließend Tikar spricht, nicht feststellen. Diese Medzan sollen früher auch eine Zeit lang in den Höhlen der Ndommeberge gewohnt haben. Sie ähneln entschieden den half and half, den Mischlingen zwischen Jandjom-Zwergen und Bati-Leuten, die heute im Gebiet der Bati in einem Dorf des Ndenge für sich wohnen und sich streng von den Langen wie von den Kurzen absondem. Während meine Frau im Dorf blieb, um weitere Aufnahmen der Pygmäen zu machen, brach ich am 10. Dezember in aller Morgenfrühe zum Jandjom auf. Der größte und kräftigste der Zwerge war mein Führer; er kannte sein heimatliches Gebirge genau, er wußte jeden Wildpfad, jeden Schleichweg. Bewundernswert war seine Geschicklichkeit im Erklettern steiler Felsen. Hätte es noch eines Beweises bedurft, daß wir es nicht mit Krüppeln zu tun hatten, hier war er erbracht.

Nach langem, ermüdendem Anstieg erreichte ich endlich über glatte Grashänge und Felsen, durch oft sehr unwegsamen Wald die Sockelhöhe. Fast senkrecht stieg aus ihr die gewaltige Felsmasse des Jandjom empor. Er steht aber nicht, wie die andern hohen Gipfel der Ostseite, am Außenrand der Sockelfläche, seine Wände bilden nicht, wie beim Jangba und Jakunga die unmittelbare Fortsetzung ihrer Hänge. Wie das ganze Njanti-Gebirge als ein großer Inselberg aus der Ebene des Ost-Mbamlandes aufsteigt, so steht der Jandjom auf der Sockelfläche, in ihrem wogenden Grasmeer wie eine Insel. Den Fuß des Berges umzieht dichter Wald, aber nur an der Südostseite steigt er an den Hängen hoch empor und bedeckt hier selbst den höchsten, zerklüfteten Gipfel. Die senkrechten, fast überhängenden Nordwände sind ebenso kahl und glatt wie die des Jangba. Sie hatten schon aus weiter Ferne einen gewaltigen Eindruck auf uns gemacht. Ich mußto ein gutes Stück der Fläche durchwandern, bis ich an den Fuß des Berges selbst kam. Hier und am untersten Teil seines Hanges zeugen aufgelassene Farmen und Haustrümmer zwischen Bananengruppen von Besiedelung und Bewirtschaftung vor gar nieht langer Zeit; hier hatten früher die Leute des Njansa gesessen, in den Wuto-Kricgen waren sie über den Mbam geflohen und hatten sieh naeh Herstellung des Friedens unter dem Schutz der deutschen Herrschaft viel weiter unten, in der Ebene am Fuß des Gebirges angesiedelt. Am Gebirge selbst sitzen jetzt nur die ihnen Untertanen Zwerge.

Steil ging es in dichtem Wald bergan, wir kamen nur Schritt für Seliritt vorwärts. Plötzlieh blieben wir wie gebannt stehen: ein gewaltiges Knacken und heftiges Rausehen in der Schlucht neben uns, dann ein Brechen und Stampfen, wie wenn eine große Viehherde im Galopp davonrast. Zu sehen war weit und breit gar nichts, aber der Führer sagte, es sei eine der zahheichen Büffelherden gewesen, die im Bergwald vor der Tageshitze Sehutz suchten. Ieh hätte nie gedacht, daß diese so schwerfällig aussehenden Tiere der offenen Steppe aufs steile, unzugängliche Waldgebirge hinaufsteigen könnten. Die Büffel hatten hier oben wohl nieht allein Sehutz vor den sengenden Strahlen der Sonne gesucht, der einsame Bergwald bot ihnen auch Zuflucht vor den Nachstellungen der Menschen, die jetzt nur noch selten hier heraufkommen. Der Wald des Jandjom schien auch noch anderm, seltnerem Getier eine Zufluchtstätte zu bieten. In dem Felsenmeer zwischen den Türmen des höchsten Gipfels fand ieh im Diekieht auf niedrigen Bäumen große nestartige Gebilde, Affennester, wie die Eingeborenen sagten des großen, bösen Affen. Haben sieh hier Schimpansen ihre Sehlafstätte gebaut? Oder kommt hier oben im unzugänglichen Gebirge neben dem Zwerg auch der andere charakteristische Bewohner des Süd-Kameruner Urwalds, der Gorilla, vor? Naeh der Aussage der Njansa-Leute sind diese Affen riesengroß; wer aber will der Aussage von Negern unbedingt Glauben schenken? Ubertreiben sie doch alle. Auf dem Njua und den andern Inselbergen Nord-Tikars ist das Vorkommen von Schimpansen ziemlich einwandfrei festgestellt; daß aber diese Affen unter Mensehengröße blieben, erzählten uns auch die Tikar.

Stundenlang ging es immer im diehten Wald aufwärts; plötzlieh war ieh, ohne es recht gemerkt zu haben, oben. Ich stand auf dem höchsten Gipfel, nieht nur des Jandjom, auch des übrigen Gebirges, ja unsres gesamten Arbeitsgebiets. Das Siedethermometer zeigte, daß ieh noch etwa 100 m höher stand als auf dem höchsten Gipfel des Njua, ich war mindestens 1550 m hoch. Hunderte von Metern brach der waldige Felsturm nach drei Seiten ab, ein direktes Hinabklettem an irgendeiner Stelle wäre unmöglich gewesen, mein Führer versicherte, daß hier höchstens Affen steigen können. Vor uns, jenseits einer gähnenden Schlucht, stieg eine Felsnadel senkrecht aus der waldigen Tiefe empor, unzugänglich für Mensehenfuß, nur wenig niedriger als mein Standpunkt. Seit zwei Wochen hatten wir diese Felsnadel vor dem Gipfel des Jandjom gesehen, sie hatte mieh aufs höchste gereizt, und ieh war ehrlieh enttäuscht, nicht zu ihr hinüber zu können. Die tiefe, steile Schlucht, die mieh von ihr trennte, war der Totenplatz der Zwerge.

 

Auch der Jandjom besteht, wie das ganze übrige Gebirge, aus Granit. Damit ist der einheitliche Bau des Njanti-Gebirges bestätigt. Ich fasse es auf als ein großes Massiv von Inselbergcharakter, dessen aus der Ebene steil aufsteigender Sockelfläche ein Kranz meist spitzer, zackiger Gipfelberge als oberes Stockwerk aufgesetzt ist. Am 13. Dezember kamen wir bei Kgakua an den Mbam, an die Westgrenze unsres Arbeitsgebiets; wir überschritten ihn und zogen rasch, ohne unterwegs zu arbeiten, auf schlechten Pfaden, bei mangelhafter Verpflegung durch das noch fast unbekannte Süd-Bamum nach Fumban. Dort nahmen wir unsre Sammlungslasten auf und erreichten in Eilmärschen, auf der großen Straße über Dschang, am 31. Dezember 1912 Kkongsamba, den Endpunkt der Kord-Bahn, den Ausgangspunkt unsrer Reise.

Text aus dem Buch: Im Hochland von Mittel-Kamerun, AuthorThorbecke, Franz.

Siehe auch:
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Vorwort
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Duala und die Nord-Bahn
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Von Nkongsamba nach Bamum
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Bamum
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Nord-Tikar
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Von Ngambe nach Linde
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Die Ndomme
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Im Wirteland am Südrand der Ndomme
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Nach Tibati
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Auf einer deutschen Station
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Noch einmal durch Tikar

Im Hochland von Mittel-Kamerun


Wir verließen Joko am 5. November mit wenigen Trägem; alles entbehrliche Gepäck und die Sammlungen wurden nach Bamum gesandt. Wir wollten über die Ndomme-Fläche von Jakong zum Njua marschieren, um seine Ostseite kennen zu lernen und den Verlauf der Stufe, die wir vom Bamadurru östlich um den Njua ziehen sahen, zu erforschen.

Der Weg über die Savanne war nördlich von Jakong weit schwieriger, als wir uns vorgestellt hatten. Versumpfte Bachniederungen, Verpflegungsmangel, der Verlust eines Pferdes in den Fluten des hoch angeschwollenen Kim, vor allem das unglaublich starke, riesenhohe Gras, das selbst über dem Kopf des Reiters zusammenschlug, machten diese Tage fast zu den schlimmsten der ganzen Reise. Viele kleine Farmdörfer sind zwischen Jakong und dem Kim über die flache Savanne zerstreut. Erst eine hohe, freiliegende Kuppe gestattete weiten Blick über das Grasmeer auf die nahen Labarä, jene Berggruppe, die wir zuerst in Mongong, dann wieder vom Bamadurru und von der Tibati-Straße gesehen hatten; in drei sanften Wellen steigen ihre Höhen über der Fläche auf. Der Kim fließt in breiter Talsenke zwischen ihnen und dem weiter östlich liegenden Einzelberg Mbo, den er von der Hauptgruppe ganz losgetrennt hat. In starken Windungen bricht der jetzt in der Regenzeit reißende Fluß gerade durch diesen höchsten Teil der nördlichen Ndommefläche. Felsenufer, Stromschnellen, Wasserfälle und Engen bezeichnen seinen Lauf. Weiter draußen begleitet ihn breiter Wald fernhin nach Westen.

Nach der Karte sollte gleich nördlich der Übergangsstelle über den Kim ein zweiter, ebenso großer Strom kommen, ein Nebenfluß, der Kepo, der sich nur wenige Meter unterhalb mit ihm vereinigt. Wir überschritten ihn auf schwanker Reisigbrücke hoch über einer engen, kaum drei Meter breiten Klam, durch die das Wasser, dessen Spiegel wenig oberhalb 10—15 m breit sein mag, in toller Geschwindigkeit hindurchschießt und dabei noch eine Stufe von 1—2 m Höbe hinunterfällt. Die Felswände aus hellem Granit, durch die sich die Fluten mit furchtbarer Gewalt zwängen, sind spiegelglatt poliert, selbst jetzt, am Ende der Regenzeit standen wir auf der Brücke noch fast 3 m über dem Strudel. An einer Stelle kleben im stärksten Strom tausendblattartige Wasserpflanzen am Fels; man begriff kaum, daß sie nicht alle mit fortgerissen wurden. Wir fragten, wie immer, nach der Quelle des Flusses, die nach den Andeutungen der Karte sehr fern gen Tibati liegen sollte. „Er hat keine“, denn er ist nur ein Seitenarm des Kim, der liier eine Felsinsel umschließt. Der Tikar-Name „Kepo“ bedeutet „ohne Kopf“, eine sehr originelle Bezeichnung des quellenlosen Flusses.

Über den Kim spannt sich eine etwa 60 m lange Hängebrücke in flachem Bogen zwischen hohen, düstern Bäumen des schmalen Galeriewalds. In ruhigem, aber starkem Strom fließt der Kim liier, aber nur wenig unterhalb stürzt er in Schnellen und Strudeln über gewaltige Blöcke und hat sich, ähnlich wie der Kepo, nur viel großartiger, durch riesige Felswände sein Bett gesägt. Mächtige, 10 und mehr Meter hohe, glatte Felsen stehen steil zu beiden Seiten; der starke Fluß, verstärkt durch die Wassermassen des Kepo zwängt sich in raschem Lauf zwischen ihnen durch.

Wie schon früher, in der Nähe von Ngambe, bekamen wir auch hier den bestimmten Eindruck, daß der große, das ganze Jahr hindurch wasserreiche Kim leider gar nicht schiffbar ist, weil er überall von Fällen und Stromschnellen durchsetzt wird. Die Landschaft bot immer das gleiche Bild der welligen Savanne mit waldumsäumten Bächen in scharf eingeschnittenen Schluchten und einzelnen, etwas erhöhten Buckeln, auf denen das granitische Gestein wieder in Schalen zu Tage trat. Endlich kamen wir an den Rand der Stufe, die die Ebene des Njua umsäumt, und damit an die Wasserscheide zwischen dem Kim und seinem großen Nebenfluß Nje. Da sahen wir den Njua in seiner ganzen Ausdehnung gegen den blauen Himmel stehen, seine Gliederung, seine steilen Linien, die sich klar und deutlich von der weiten, flachen Ebene absetzen, die von zahllosen, dunkeln Wäldern durchzogen wird. An seinem F\iß fließt der Nje im Südosten eine Strecke entlang; wir überschritten ihn und erreichten am 12. November das Häuptlingsdorf Njua. Unser Flaggensignal hatten die Eingeborenen in scheuer Ehrfurcht vor dem Weißen nicht zerstört, trotzdem sie das große Stück Stoff stark lockte. So konnten wir schon von weitem Anschluß gewinnen an unsre ersten topographischen Arbeiten im Tikarland.

Die letzten Märsche hatten uns die Südostseite des Njua erschlossen. Nur von Nordosten hatten wir ihn noch nicht gesehen; leider ließen die Sümpfe und das unglaublich hohe Gras eine Umwanderung im Osten nicht zu. Von einem kleinen Farmdorf am Nordostfuß arbeiteten wir getrennt weiter: ich hielt mich mehr in der Nähe des Gebirges, meine Frau ging weiter nach Osten, um einen Überblick über den ganzen Osthang zu gewinnen; sie entdeckte dabei den heiligen See der Njua-Leute, der klar und ruhig zwischen Savannenrücken liegt, aber nur eine Erweiterung des wasserreichen Baches Nsakoa ist, ähnlich den seeartigen Altwässem des Mbam.

In Njua selbst hatten wir Gelegenheit, Gelbgießer bei ihrer interessanten Arbeit zu beobachten. Auf schmalen Negerpfaden durchzogen wir die Ebene zwischen Njua und Bengbeng in gerader Richtung. Das nicht sehr hohe, aber ausgedehnte Inselberg-Massiv wird auf seiner Ostseite durch ein tief eingeschnittenes Felsental von der ganz allmählich zu ihm ansteigenden Hochfläche getrennt. Nach Süden fällt es besonders steil ab, einige kleine Hügel sind hier vorgelagert. Alle Höhen und Hänge bedeckt auf dieser Seite dichter Wald, der aber durch heiße Savannenflächen von den großen, schattigen Wäldern getrennt ist, in denen Ngambe liegt. Früher hatten diese Wälder noch viel größere Ausdehnung und reichten bis zum Häuptlingsplatz; ihnen verdankt das vom Weißen nach dem ersten Häuptling „Ngambe“ genannte große Dorf den bei den Tikar allgemein üblichen Namen „Nsoflo“, „das Kühle“. In den langen Jahren der Belagerung durch die Tibati, als Mamalamu in Sanserni vor den Toren Ngambes saß, ist viel Wald von Freund und Feind gerodet und in Ackerland verwandelt worden. Aber in der Richtuug auf den Kim dehnen sich auch heute noch große Wälder.

In Ngambe zwang eine leichte Malaria, die uns beide befiel, die Expedition zu einer Woche Stilliegen. Aber der Aufenthalt zeitigte doch einen besondern Erfolg: erst jetzt, wo wir zum dritten Mal in Ngambe waren, bekamen wir die alten, kostbaren Bronzeschätze des Häuptlings und seiner Großen zu Gesicht und konnten sie größtenteils erwerben. Die Missionare der Baptisten – Station halfen uns wieder mit größter Freundlichkeit über alles Ungemach hinweg.

In Eilmärschen ging es Ende November südwärts, auf Waibels Route durch die großen Wälder West-Tikars, die er uns so lebhaft geschildert hatte. Drei Tage brauchten wir bis Ditam, und von Tag zu Tag wurde das Land reicher an Ölpalmen, die in der Nähe des Häuptlingsorts das Landschaftsbild vollkommen beherrschen, stellenweise ganz reine Bestände bilden und selbst auf der offnen Savanne einzeln oder in Gruppen Vorkommen. Am besten und üppigsten gedeihen die Ölpalmen auch hier auf aufgelassenem Farmland. Auch Baumwolle fanden wir überall; in jedem kleinen Dorf, deren viele erst in den letzten zwei Jahren an der großen, leidlich gut gehaltenen Straße angesiedelt waren, standen in der Nähe der Hütten einige Baumwollstauden, an denen jetzt die ersten geöffneten Kapseln den weißen Stapel sehen ließen.

Ditam liegt im Mittelpunkt des Baumwolle bauenden Gebiets östlich des Mbam. Hier sollte, am besten wohl im Anschluß an die landwirtschaftliche Versuchsstation Kuti in Bamum, durch die Regierung, zusammen mit den dazu berufenen wirtschaftlichen Vereinigungen in der Heimat, eine Baumwoll-Einkaufs-stelle mit Ginnerei gegründet werden, die durch das Ankäufen der Baumwolle die Tikar und ihre Nachbarn zur Wiederbelebung dieser so wichtigen, liier seit alters heimischen Kultur anregen würde, aber auch gleichzeitig die Anbau-Methoden kontrollieren, belehrend und helfend eingreifen könnte. Die Tikar würden sicher mit großem Eifer zu intensiverem Anbau von Baumwolle zurückkehren, wenn sie etwas dabei verdienen könnten. Ditam hat für ein solches Baumwollunternehmen, das die nur schlummernden, wirtschaftlichen Werte dieses Landes in ungeahnter Weise heben könnte, die günstigste Lage. Für das nördliche Tikar wie für die südlich angrenzenden Gebiete der Bati, Njanti und Balom, die alle Baumwolle bauen, ist es gleichmäßig gut gelegen; in 7—8 Tagemärschen sind auf viel begangenen Straßen die Spitze der Nordbahn und der schiffbare Wuri bei Jabassi zu erreichen. Wer ein solches Unternehmen hier einrichtet, wird sich ein unschätzbares Verdienst um die Entwicklung der Kolonie Kamerun erwerben. Unserer heimischen Textilindustrie aber würde die Möglichkeit geboten, Baumwolle des Ost-Mbamlandes in größeren Mengen zu verarbeiten und damit erst ein sicheres Urteil über ihren Wert zu gewinnen. Die sehr günstige Beurteilung der von uns mitgebrachten Proben sollte dazu veranlassen, dies auch für Kamerun wichtigste kolonialwirtsehaftliche Problem sofort in Angriff zu nehmen.

Text aus dem Buch: Im Hochland von Mittel-Kamerun, AuthorThorbecke, Franz.

Siehe auch:
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Vorwort
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Duala und die Nord-Bahn
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Von Nkongsamba nach Bamum
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Bamum
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Nord-Tikar
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Von Ngambe nach Linde
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Die Ndomme
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Im Wirteland am Südrand der Ndomme
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Nach Tibati
Im Hochland von Mittel-Kamerun – Auf einer deutschen Station

Im Hochland von Mittel-Kamerun