Ich habe versucht, das Verhältnis zwischen Indianern und Weißen auf dem bolivianischen Flachlande zu schildern. Es sind die Beobachtungen von meiner letzten Reise. Schon in den Jahren 1904 bis 1905 bin ich in den Kautschukwäldern gewesen; damals in den Grenzgebieten von Bolivien und Peru. Am Lagerfeuer machte ich mir Notizen über Kautschuk und Indianer, vielleicht ist hier der richtige Platz, einige davon wiederzugeben. Sie bestehen aus dem, was ich sah und hörte. Diese Aufzeichnungen vervollständigen verschiedenes in diesem Buche.

Die Täler des Rio Mapiri, Rio Beni, Rio Madidi, Rio Tambo-pata und vieler anderer Flüsse sind reich an Kautschukbäumen. Des Landes eigene Einwohner und Ausländer haben von der Regierung in diesen Tälern auf mehr oder weniger große Landstrecken, sog. Gomales, die sie auswerten, Konzessionen erhalten. Auf den Gomales bauen sie eine oder mehrere Hütten, Barracas, wo sie ein paar Angestellte haben, deren Aufgabe es ist, die Wälder, in denen Kautschuk gesammelt werden soll, abzugehen, Werkzeuge, Essen usw. an die Arbeiter, „los picadorcs“, auszuteilen, Kautschuk zu übernehmen und zu wägen. Als „picadorcs“ verwendet man hier, außer Urwaldindianern und Mestizen, Quichuaindianer von den Bergen und Gebirgstälern der Anden, Nachkommen der Inkakultur. Jedem Indianer wird ein gewisses Waldgebiet, „estrada“, angewiesen, wo er arbeiten soll. Das Kautschuksammeln geschieht auf folgende Weise: Von dem Kautschukbaume werden mit einer kleinen Axt an mehreren Stellen kleine Stücke der Rinde abgeschält und kleine Blechtassen unter der Wunde aufgehängt, um die herausperlende Milch, wie man es hier nennt, aufzufangen. Ein guter Picador kann ungefähr hundertfünfzig Bäume in einem halben Tag verwunden. Er geht am Morgen hinaus und betreibt dies bis Mittag. Nachdem er alle Bäume verwundet hat, sammelt er die Milch in ein größeres Gefäß und bringt sie zu seiner Hütte, wo geräuchert wird, damit sie fest und zäh werde. Das Räuchern muß noch an demselben Tage geschehen wie das Abzapfen, sonst verdirbt die Milch. Dabei geht es so zu: Ein kleiner Ofen wird in die Erde gegraben, aus dem durch ein kleines Loch der Rauch aufsteigt. Man verwendet das Holz einer bestimmten Palme. Ein Holzspaten wird in die Milch getaucht und in den Rauch gehalten, bis die Milch fest wird; dann wird er wieder eingetaucht usw. Schön langsam sammelt sich auf dem Spaten die Milch in einem großen Klumpen, dem sogenannten Bolacha. Diese Kautschukklumpen werden exportiert. Das ist in Kürze die Art und Weise der Kautsehukgewinnung.

Wie gesagt, werden Indianer als Picadores verwendet. War man eine Zeitlang bei einer Kautschukbaracke, so wird es einem bald klar, daß fast alle Picadoren ihrem Herrn etwas schuldig sind, manche mehrere hundert, ja bis zu tausend Bolivianos. Ein Picador verdient seine dreißig Bolivianos im Monat, manchmal bedeutend mehr, wenn er geschickt und fleißig ist. Dieser Verdienst schmilzt jedoch rasch dahin, da alle Lebensmittel sehr teuer sind und der Picador während der Regenzeit nichts verdienen kann. Die teuren Lebensmittel und die verlorene Arbeitszeit genügen jedoch nicht, um zu erklären, warum die Indianer ihren Herren so viel schuldig sind. Nein, die Schulden hatten sie bereits, als sie zu den Kautschukbaracken kamen. Wenn der Besitzer einer Kautschukbaracke indianische Arbeiter haben will, so schickt er einen seiner Angestellten zu einem großen Indianerfest, wo wüd gesoffen wird, und leiht dort Geld her. Der betrunkene Indianer borgt und borgt, und schließlich sitzt er fest. Er kann seine Schulden nicht bezahlen, sondern muß zur Arbeit in die Kautschukwälder wandern. Tatsächlich ist er Sklave geworden, der seine Freiheit für Jahre hinaus, vielleicht für immer verloren hat.

Wenn der Gläubiger den Sklaven nicht mehr braucht, so verkauft er ihn, ja, er verkauft ihn. Das geschieht so: Eine andere Person übernimmt die Schulden, und eines schönen Tages merkt der Indianer, daß er seinen Herrn gewechselt hat und zur Arbeit auf eine andere Gummibaracke getrieben wird. Flieht er, so wird er bald festgenommen, und dann, wehe ihm, dann wird er gründlich mißhandelt. Um die Indianer zu den Kautschukbaracken zu locken, richtet man dort eine Branntweinbrennerei ein, denn man weiß genau, daß die dem Trünke verfallenen Indianer wie die Ameisen zum Zucker kommen. Die Mühle mahlt Branntwein, Kautschuk, Gold, Krankheit und Elend.

Die Kautschukbaracken sind ein Unglück für dieses Land. Sie geben Gold an nur wenige und bringen Elend über viele. Die letzte Ursache zu dem Unglück der Indianer ist natürlich ihre Leidenschaft für den Branntwein. Es gibt hier keinen, der versucht, die Sauferei zu vermindern, dagegen unzählige, die sich des Lasters der unglücklichen Quichuaindianer bedienen, um — Gold zu machen. An dem zähen Kautschuk kleben Verbrechen. Vielleicht zweifelt ihr, aber es ist volle Wahrheit, hier herrscht noch die Sklaverei. Die Wege, die von den Bergen zu den Kautschukwäldern führen, sind fast ausschließlich mit indianischen Arbeitskräften angelegt worden, die äußerst schmutzig bezahlt wurden. Massenhaft hat man hier Quichuaindiancr zum Trägerdienst gepreßt, um Waren in die Kautschukwälder und Kautschuk aus ihnen heraus zu bringen. Infolge des ungesunden Klimas ist eine große Anzahl von ihnen dem Fieber erlegen.

Die Armut in den Gebirgstälern, wo die Quichua wohnen, die mit den Kautschukgegenden in nächster Berührung stehen, ist sehr groß. Die Schwierigkeiten, die Bedürfnisse des Lebens zu kaufen, sind dort außerordentlich. Die indianische Rasse ist abgestumpft und versoffen. Die Weißen leben ausschließlich als Parasiten der Indianer und respektieren weder ihr Besitzrecht an die Erde, die ihre Väter gerodet, noch ihre persönliche Freiheit.

Ganz sicher kommen auch Grausamkeiten gegen die Indianer vor. Viele Quichuaträger mußten in den Urwäldern Perus verhungern, weil die Provinzbehörden das Geld gestohlen hatten, das von der Regierung zu ihrem Unterhalt bestimmt war. Ich selbst mußte meine Träger zweimal bezahlen, das eine Mal dem Gouverneur, der das Geld stahl, das andere Mal den Trägern selbst. Derartiges dürfte sehr gewöhnlich sein. Zuweilen kommt das Raubtier im Menschen zum Vorschein. Ich kenne einen Herren von La Paz, der mit einem Deutschen eine Kautschukbaracke am Rio Mapiri leitete. Eine tödliche, ansteckende Krankheit brach in der Baracke aus. Um der Krankheit Einhalt zu tun, ermordeten diese Herren die kranken Indianer — sie warfen sie ganz einfach in den Fluß. Das hat der Pazeno mir selbst erzählt. Er hielt es für eine humane Handlung.

Wir dürfen nicht glauben, daß die Europäer immer so human sind, wenn sie Kautschukpatrone werden. Wohl bekannt war z. B. der Franzose M., der am Rio Madidi Indianerkinder raubte. Es waren Tacana. In der Nacht lagerte er am Flußufer. Die gefangenen Kinder schrien und weinten und waren nicht zu beruhigen. M. fürchtete, daß sein Lagerplatz durch das Geschrei den Vätern der Kinder verraten würde, und daß diese in ihrer Verzweiflung versuchen würden, sie ihm wegzunehmen. Da nahm der Franzose ein Kind nach dem andern bei den Beinen und zerschmetterte ihnen die Schädel an den Steinen des Flußufers. Denkt daran, daß auch die Indianer ihre Kinder lieben. Aber ich wiederhole noch einmal, daß diese Grausamkeiten, im großen gesehen, eine weit geringere Bedeutung haben, als die ökonomische Unterdrückung der Indianer, denn diese ist allgemein; man begegnet ihr überall. Es war sicherlich noch ein Glück für diese Kinder, daß sie ermordet wurden, daß sie nicht zu Kautschukarbeitern, zu Dienern der Weißen erzogen wurden.

Das eine ist offenkundig, wohin man in den Kautschukwäldern Südamerikas geht, überall trifft man die gleiche Unterdrückung der Indianer. Überall derselbe Konflikt — viel Kautschuk, d. h. Gold, und die Schwierigkeit, Arbeitskräfte zu bekommen, die das Gold holen. Der Goldhunger zwingt die Weißen zur Rücksichtslosigkeit. Überall Raubbau, ob es Menschen oder Tieren, Bäumen oder Gruben gilt — stets der gleiche Raubbau, immer derselbe Konquistadorengeist, früher vielleicht großzügig, jetzt klein und kümmerlich.

Ende

Text aus dem Buch: Indianer und Weisse in Nordostbolivien (1922), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianer und Weisse in Nordostbolivien (Einleitung und Vorwort)
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Der skulptierte Berg bei Samaipata
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Herz von Südamerika
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Die Grenze von Sta. Cruz
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Churápaindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Im Motorboot zu den Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zwei Ausflüge mit Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Bei den Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Arbeit und Kleinkunst
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Den Rio Mamoré hinab
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Chacoboindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Schmuck und Kleidung der Chacoboindianer
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Indianisches Klubleben
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Maloka
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Kampf ums Dasein. Arbeit. Einige Sitten und Gebräuche
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zurück zum Rio Mamoré
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zum Rio Guaporé
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – In den Kautschukwäldern am Rio Guaporé
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Märchen und Religion der zivilisierten Indianer
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Land der Guarayúindianer
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Alte und neue Vorstellungen
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Arbeit, Wohnungen, Tracht u. a.
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Siriono
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Tiefland von Mojos
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Kulturgrenzen und Kultureinflüsse
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Schlußwort

Indianer und Weisse in Nordostbolivien

Ich habe den Leser zu mehreren Indianerstämmen geführt, die unter ganz verschiedenen Verhältnissen leben. Wenn mich nun jemand fragte, welche von den Indianern das Problem Indianer und Weiße am besten verstanden haben, so würde ich zur Antwort geben: Die sich noch mit den Weißen raufen. Die Itene-indianer sind noch unabhängig, denn sie verteidigen sich, sie wollen keinen Frieden, sie wollen keine Sklaven sein. Auch sie gehen unter, aber sie sterben frei und überleben viele der zivilisierten Indianerstämme. Als die Weißen nach Sta. Cruz de la Sierra kamen, lebten dort friedliche, unterwürfige Indianer. Diese sind ausgestorben oder vollständig mit den Weißen vermischt. Man verkaufte sie massenweise nach Peru zu den Grubenarbeiten. Die Chiriguano dagegen bereiteten den Weißen viele Sorgen durch ihre Streitlust, weil sie sich nicht unterwerfen wollten. Sie sind noch da, aber eigentlich nur in den Gegenden, wo sie ihre Unabhängigkeit am energischsten verteidigten. Diejenigen von ihnen, die in den ältesten Missionen nördlich des Rio Grande lebten, sind nahezu verschwunden, als Rasse ausgelöscht. Sobald die Missionare sie verließen, gingen sie unter.

Für die Indianer dieser Gegenden war es gefährlicher, ein Freund als ein Feind der Weißen zu sein. Wenn ich sage, daß die Iteneindianer am besten das Problem Indianer und Weiße verstanden haben, so habe ich damit diesen Rassenkonflikt für unlöslich erklärt. Hier wie anderswo werden die Indianer untergehen. Doch wäre es ein Glück, wenn die Indianer, die nun von den Weißen abhängig sind, mit mehr Menschlichkeit behandelt würden, als‘ dies jetzt geschieht. Ich muß hier zugeben, daß von allen Indianern, denen wir hier begegneten, diejenigen es am besten haben, die in den Missionen in Guarayos leben. Es ist daher zu hoffen, daß die bolivianische Regierung die Mönche in ihren Bestrebungen unterstützt und sie gleichzeitig dazu anhalt, die Indianer zur Selbständigkeit zu erziehen. Ein guter Vorschlag erscheint mir, die in der Regel versoffenen, sittenlosen Pfarrer in den Indianerdörfern durch Franziskanermönche zu ersetzen, die Autorität über die Indianer erhalten und die Möglichkeit, sie gegen die Weißen zu schützen. Das sind gewöhnlich Herren, die sich auch bei den Kautschukpatronen in Respekt zu setzen wissen.

Notwendigerweise müßte man den Indianern über das Land, das sie bebauen, Besitzrecht zuerkennen, aber nicht Eigentumsrecht. Das ist nur gerecht. Die Weißen betrachten nämlich die Landstrecken, die ausschließlich von Indianern bewohnt werden, als herrenlos, eine Rechtsauffassung, die nicht einmal die bebauten Felder der Indianer respektiert. Sehr wichtig wäre es auch, so schnell als möglich die Eisenbahn von Argentinien nach Sta. Cruz de la Sierra und Quatro Ojos zu führen, teils um einer kommenden Negerinvasion mit der Madeirabahn entgegenzuarbeiten, teils um den Wohlstand dieser Gegenden zu erhöhen. In den Distrikten, die keinen Kautschuk liefern, gibt es sicherlich viel Armut, welche die Weißen zum Export der indianischen Arbeitskräfte verlockte. Durch die Eisenbahn vermehren sich die neueingewanderten Arbeitgeber, Deutsche, Engländer u. a., die die Löhne hinauftreiben. Infolge der Eisenbahn würden Kleider, Werkzeuge u. dgl. im Preise fallen. Damit will ich nicht gesagt haben, daß die Indianer vor dem Unter-gang gerettet werden können, aber cs würde ihnen bedeutend besser gehen. Sicherlich wird auch die Madeira-Eisenbahn kräftig zur Verbesserung der Lebensbedingungen der indianischen Arbeiter beitragen.

Die Eisenbahn möge jedoch der bolivianischen Regierung keinerlei Hoffnungen auf eine große Emigration europäischer Arbeiter in die Urwaldgebiete vorspiegeln. Diese bleiben in Argentinien, das ein für Weiße gutes Klima hat, oder ziehen möglicherweise bis in die bolivianischen Berggegenden. Deshalb ist es wichtig, mit der indianischen Arbeitskraft hauszuhalten und nicht Raubbau damit zu treiben.

In unserer Zeit sucht man durch Gesetzgebung Elefanten, Flußpferde, eigentümliche Baumarten, sonderbare Felsen vor der Zerstörungslust des weißen Mannes zu schützen. Wäre es nicht von noch größerem Interesse, seltene Menschengattungen zu erhalten, ehe sie verschwinden.

Wir Weißen sind doch selbst auch Menschen. Auch hier stehen wir vor einem Problem, das auf die Dauer unlösbar ist. Da Nordostbolivien im Verhältnis zur Einwohnerzahl enorm groß ist, könnte sich ja die bolivianische Regierung den Luxus leisten, ganz einfach zuzusehen, daß die Indianer, die jetzt unabhängig sind, auch weiterhin von den Weißen in Ruhe gelassen werden, sowie man Santos Nocos kleinen Staat seit langem nicht beunruhigte. Endlich hoffe ich auch, daß irgendein genialer Chemiker Kautschuk auf künstlichem Wege zu billigem Preise herstellt. Tut er dies bald, so wird er den Indianern nützen, außerdem wird er auch ein reicher Mann, und er nützt der von unserer Zeit so bewunderten Industrie, die angeblich in hohem Grade dazu beiträgt, die Menschen „glücklich“ zu machen.

Text aus dem Buch: Indianer und Weisse in Nordostbolivien (1922), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianer und Weisse in Nordostbolivien (Einleitung und Vorwort)
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Der skulptierte Berg bei Samaipata
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Herz von Südamerika
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Die Grenze von Sta. Cruz
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Churápaindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Im Motorboot zu den Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zwei Ausflüge mit Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Bei den Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Arbeit und Kleinkunst
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Den Rio Mamoré hinab
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Chacoboindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Schmuck und Kleidung der Chacoboindianer
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Indianisches Klubleben
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Maloka
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Kampf ums Dasein. Arbeit. Einige Sitten und Gebräuche
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zurück zum Rio Mamoré
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zum Rio Guaporé
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – In den Kautschukwäldern am Rio Guaporé
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Märchen und Religion der zivilisierten Indianer
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Land der Guarayúindianer
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Alte und neue Vorstellungen
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Arbeit, Wohnungen, Tracht u. a.
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Siriono
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Tiefland von Mojos
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Kulturgrenzen und Kultureinflüsse

Indianer und Weisse in Nordostbolivien

Im dritten Kapitel dieses Buches sprach ich von natürlichen Kulturgrenzen und Kulturprovinzen in Bolivien, betonte besonders die Bedeutung der Sta.-Cruz-Grenze, wo so viele für die Indianer wichtige Gewächse ihre Nord- oder Südgrenze haben. Gleichzeitig mit meinem Versuch, das Verhältnis der Indianer zu den Weißen zu schildern, suchte ich auch das Wichtigste von dem hervorzuheben, was ich sonst beobachtet und bei den Indianern gesammelt habe. Wir haben Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten in den Kulturen der Stämme gefunden, die bloß durch die Anpassung an die umgebende Natur und die Existenzmöglichkeiten, die sie bietet, erklärt werden können. Wir können hier die natürlichen Kulturgrenzen noch recht gut studieren, dagegen sind die Schwierigkeiten sehr groß, um Kultureinflüsse der Stämme untereinander zu beobachten. Wir sind leider zu spät daran. Die Zusammenhänge zwischen den Stämmen, die es im Chaco noch gibt, sind hier verschwunden. Die verschiedenen Stämme wohnen, wie wir gesehen haben, ganz isoliert voneinander, in unzugänglichen Gegenden, abseits der großen Durchzugsstraßen.

Der Einfluß der Weißen hat in die meisten Kulturen der hiesigen Indianer tief eingegriffen. Wenn wir daher die Anthropogeographie dieser Gegenden studieren, können wir unsere Forschungen nicht bloß auf die jetzt lebenden Indianer gründen, denn nur allzu wenige behalten ihre alte Kultur. Es sind nur noch Trümmer von den Stämmen, die früher hier lebten. Viel Interessantes finden wir in den Schriften der alten Jesuiten. Diese Mönche sahen hier die indianische Kultur nahezu ursprünglich, ohne wesentlichen Einfluß von seiten der Weißen. Auch die archäologischen Ausgrabungen können uns helfen, unsere Lücken in der Kenntnis der Indianer zu füllen.

Aber unsere Kenntnisse werden immer mangelhaft bleiben, denn die Jesuiten des siebzehnten Jahrhunderts hatten nicht dasselbe ausgedehnte Interesse wie wir. In der Erde findet man nur solche Dinge, die dem Verfaulen widerstehen konnten, hier fast nur Tongefäße. Es ist auch schwer zu sagen, von welchen Indianern die Gräber und Wohnplätze stammen, die wir finden. Ich kann hier nicht über die Schriften der alten Mönche referieren. Ein oder das andere scheint mir doch wert hervorgehoben zu werden, manches hatte ich schon im vorhergehenden erwähnt. Am höchsten unter allen Indianern dieser Gegend standen die Baure, deren Nachkommen wir als Schuldsklaven in San Joachim und Carmen antrafen. Sie hatten gut angelegte, befestigte Dörfer mit Straßen und Marktplatz, wo sich die Soldaten übten. Die Häuser waren gut gebaut und sehr rein gehalten. Die Wände der Räume waren mit feinen, eigentümlich geflochtenen Matten bekleidet. Ihre Feldarbeiten erregten die Bewunderung der Jesuiten.

Sie hatten, wie jetzt noch die Chacobo, Klubhäuser, wo sie unmäßig tranken. Nach dem Jesuiten Marbän lebten die Mojoindianer in Pfahlbauten. Jose del Castillo bespricht näher ihre Häuser. Die Gebäude, in denen sie schliefen, waren viel besser als die Häuser in Peru. In jeder Hütte war Raum für sechs bis acht Hängematten, manchmal auch mehr. Das ganze Dach der Hütte ruhte auf einem Pfosten in der Mitte. Die Wände der Hütten waren mit Erde beworfen. Das Dach war mit langem Gras gedeckt. Das Essen kochten sie in einem viereckigen Haus mit offenen Wänden.

Ihre Keramik mit stilisierter Tierornamentik war außerordentlich schön. Die Pfeile waren so fein gemalt, „als wären sie als Gabe für den König bestimmt“. Außer dem Wurfholz, das ich schon besprach, kannten sie das Blasrohr und die Schleuder, die nun alle vergessen sind. Sie hatten große Mengen Schmuck-gegenstände, von denen die großen Federkronen, mit denen sie heute noch in der Kirche von Trinidad tanzen, erwähnt werden. Gleich den Baure hatten die Mojo Klubhäuser. Diese waren gut gebaut. Dort bewahrten sie ihre Waffen, ihren Schmuck, die Schädel der erschlagenen Feinde, Jaguarköpfe u. a. ln den Klubhäusern hatten sie ihre Trinkgelage. Die ersten Weißen trafen also, wie der Leser sieht, keine tiefstehenden Wilden in Mojos. Die indianische Kultur war sicher recht bemerkenswert. Wir wissen, daß alles dies bereits verschwunden ist. Wir sind zwischen den Trümmern gewandert, und wir verstehen, daß die anthropogeographischen Studien hier auf große Schwierigkeiten stoßen müssen. Es gibt einen Stamm hier, der vielleicht viel von der alten Kultur der Baureindianer bewahrt. Das sind die Itene. Bei diesen wird jedoch, wie ich berichtete, kein Weißer willkommen geheißen. Einiges erkennen wir auch bei den Chacobo wieder. Die ursprünglichen Indianer, die wir kennenlernten, sind die Siriono. Sie stellen vielleicht, wie ich schon sagte, die Reste einer Urbevölkerung dar.

Während der kulturelle Zusammenhang zwischen den Indianern der Gebirgsgegenden Boliviens und den Indianern des Tieflandes von Nordostbolivien recht unbedeutend war, machte sich hier sicherlich ein starker Kulturcinfluß aus dem nördlichen Südamerika geltend. Von Gegenständen, die für die peruanisch-bolivianische Bergkultur charakteristisch sind, und die wir bei den hiesigen Indianern finden, scheinen die langen Hemden die wichtigsten zu sein. Möglicherweise wurden sie auch erst von den Weißen hier eingeführt, vielleicht von den Missionaren, die über die Nacktheit empört waren. Sie glauben nämlich, wie so viele Leute bei uns, daß Nacktheit gleichbedeutend sei mit Unsittlichkeit, ein Irrtum, dessen Ursache tn ihrer eigenen sinnlichen Phantasie liegt. Es ist interessant zu finden, daß weder die Yuracaré, Chacobo, Guarayú noch, soviel man weiß, die Siriono an ihren Tongefäßen Henkel haben. Dasselbe gilt auch von der Keramik, die ich in Mojos bei meinen archäologischen Grabungen fand. Henkel, wirkliche Handgriffe fehlen an allen Tongefäßen, die ich im Tieflande von Nordostbolivien angetroffen habe.

Wir dürfen die Bedeutung einer so wichtigen Erfindung wie des Henkels an den Tongefäßen nicht unterschätzen. Daß er in Nordostbolivien, wo der Einfluß der Weißen sich nicht geltend machte, unbekannt ist, kann seine Ursache nicht in den natürlichen kulturellen Voraussetzungen haben. Man kannte ihn nicht und hatte keine Gelegenheit, ihn von den Gebirgsindianern kennenzulernen. Die Chiriguano und die Indianer in El Gran Chaco haben heute an allen ihren Gefäßen Henkel, aber man findet auch innerhalb des Chiriguanogebietes Keramik aus einer Zeit, da die Henkel dort unbekannt waren. Von der Gebirgskultur stammen möglicherweise die eigentümlichen hölzernen Pfeifchen, die ich bei den Churápa- und Yuracáreindianern abgebildet habe. Besonders die eine Type (Abb. 9) ist auch von Peru bekannt; aber es ist glaubwürdiger, daß die Churápa und Yuracare deren Gebrauch von den Chiriguano lernten. Indianerstämme, die weiter ab von der Gebirgskultur wohnen, kennen sie nicht. Der Jesuit Eder sagt ausdrücklich, daß die Indianer in Mojos keine Verbindung mit Peru, d. h. den Inkas, hatten. Sind die Kultureinflüsse aus dem Westen gleich Null oder nur unbedeutend gewesen, so waren sie desto größer aus dem Norden. Dies erfährt man vor allem aus den archäologischen Grabungen. Da findet man Dreifuß-Keramik, eigentümliche Gefäße mit durchlöchertem Boden, und mehrere andere Gegenstände, die auf solche Kultureinflüsse deuten. Auch die jetzt lebenden Indianerstämme haben ein und das andere bewahrt, das sie von dem Norden lernten, z. B. die losen Füße zu irdenen Gefäßen, von denen ich bei den Movima sprach, und die eigentümlichen Holzstempel, die wir bei den Yuracäre kennenlernten.

Ich habe hier schon hervorgehoben, daß wir auf dem Flachlande von Bolivien einer Stammesgruppe begegnen, den Aro-waken, die vom nördlichen Argentinien bis zur Küste von Florida in Nordamerika lebten. Bei den archäologischen Grabungen habe ich Graburnen gefunden, in die man die Toten legte, nachdem das Fleisch von dem Skelette abgefallen war (Nachbegräbnis). Diese Sitte kam vermutlich mit den Arowaken von Norden. Man kennt sie von mehreren Stämmen im nordöstlichen Südamerika und auch aus dem Südwesten von Nordamerika. Als wir den skulptierten Berg bei Samaipata verließen, sagte ich, daß wir die Gebirgskultur, die Inkakultur, hinter uns ließen. In der Ebene, nicht weit vom Gebirge, haben wir Trümmer einer indianischen Kultur gefunden, die mehr mit den Moundbuilders von Florida in Nordamerika als mit den Inkas in Cuzco Gemeinsames zu haben scheint. Dies ist das wichtigste Ergebnis meiner Forschungen in Südamerika. Wir haben hier in Nordostbolivien einen Guaranistamm getroffen, die Guarayü. Sie haben mit den Guarani sprechenden Chiriguano, die ich im „Indianerleben“ schilderte, den Kulturmythos vom Frosche, der das Feuer raubte, wichtige Details in dem Märchen vom Fuchs und Jaguar, die Sitte, in irdenen Gefäßen zu begraben, gemeinsam. Charakteristisch für diese beiden Stämme ist auch der Gebrauch von Hängchaken und Hängcgcstellcn. Bei beiden findet man die Tabakspfeife. Den Guarayü fehlen jedoch die schöne Keramik der Chiriguano, die eigentümlichen hölzernen Pfeifchen und einige andere der feinsten Dinge, welche die Chiriguano verfertigen. Die Chacobo sind ein Panostamm. Ihre Kultur zeigt nahe Übereinstimmungen mit den Caripunaindianern am Rio Madeira. Sie haben dieselben Hütten, dieselben Klubhäuser, denselben Nasen- und Ohrenschmuck, dieselben Rindenkanus. Mit den Pano, Atsahuaca, die ich 1904 in den Grenzgebieten von Peru und Bolivien besuchte, haben sie weniger gemeinsam. Die Atsahuaca haben nicht die stattlichen Hütten der Chacobo und nicht dieselbe Art von Schmuckgegenständen. Sie haben aber viel mehr Pfeiltypen. Die Tragkörbe sowie die Körbe zum Verwahren des Federschmuckes sind bei den Chacobo und den Atsahuaca von einer schlagenden Ähnlichkeit. Sicher sind das Typen, die beide Stämme von der gleichen Gegend erhielten.

Die Yuracáre haben recht viel mit den Indianern im Chaco gemeinsam, wie das Tragnetz, die Pfeifen und einige eigentümliche Spielzeuge, die wir bei den anderen hiesigen Stämmen nicht antrafen. Wir haben hier, sagte ich, unter Trümmern gesammelt. Für die Forschung ist es wichtig, soviel als möglich zu erhalten, ehe es zu spät ist, und es ist leider schon sehr spät. Es gibt Kautschukgegenden in Südamerika, in den Flußgebieten des Rio Beni und des Rio Madre de Dios, wo mehrere Indianerstämme aussterben, ohne daß irgend etwas von ihnen gesammelt oder aufgezeichnet wird. Ja nicht einmal ihre Namen werden der Nachwelt überliefert. Obgleich ich selbst als Archäolog recht viel in Südamerika gearbeitet habe, muß ich doch zugeben, daß es gegenwärtig unermeßlich wichtiger ist, die noch lebenden Indianerstämme zu studieren, als archäologische Ausgrabungen zu machen. Mehr als es jetzt geschieht, sollten die Amerikanisten alle ihre Aufmerksamkeit auf die Indianer konzentrieren, die noch ihre ursprüngliche Kultur haben, und retten, was man retten kann. Daß man nicht den richtigen Blick für die Sache hat, geht daraus hervor, daß man z. B. in Argentinien bedeutende archäologische Arbeiten macht, während man den Indianern, die noch im Gran Chaco in dieser Republik leben, nur geringe Aufmerksamkeit widmet. Vielleicht beruht das darauf, daß es bequemer ist, in Gegenden nahe der Eisenbahn zu forschen, als die Indianer in der Wildnis aufzusuchen.

Die Archäologie ist natürlich von größter Bedeutung, um die Geschichte der indianischen Rasse kennenzulernen, aber die Vernichtungsgefahr ist bei dem toten Material nicht so schnell und so gründlich wie beim lebenden. Die alten Gräber und Wohnplätze könnten durch eine wirkungsvolle Gesetzgebung gegen Plünderung geschützt werden. Wir dürfen auch nicht die Bedeutung der Forschung überschätzen. Sicher ist es wichtiger, etwas zur Verbesserung der Lage der Indianer zu tun, als Aufzeichnungen und Gegenstände von ihnen für Museen und Abhandlungen zu sammeln.

Text aus dem Buch: Indianer und Weisse in Nordostbolivien (1922), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianer und Weisse in Nordostbolivien (Einleitung und Vorwort)
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Der skulptierte Berg bei Samaipata
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Herz von Südamerika
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Die Grenze von Sta. Cruz
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Churápaindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Im Motorboot zu den Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zwei Ausflüge mit Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Bei den Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Arbeit und Kleinkunst
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Den Rio Mamoré hinab
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Chacoboindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Schmuck und Kleidung der Chacoboindianer
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Indianisches Klubleben
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Maloka
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Kampf ums Dasein. Arbeit. Einige Sitten und Gebräuche
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zurück zum Rio Mamoré
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zum Rio Guaporé
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – In den Kautschukwäldern am Rio Guaporé
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Märchen und Religion der zivilisierten Indianer
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Land der Guarayúindianer
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Alte und neue Vorstellungen
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Arbeit, Wohnungen, Tracht u. a.
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Siriono
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Tiefland von Mojos

Indianer und Weisse in Nordostbolivien


Wir haben die Guarayúindianer verlassen. Wir sind durch den großen Urwald zwischen dem Rio San Miguel und dem Rio ivary geritten und befinden uns nun im Tieflande von Mojos. Der Rio Ivary mündet in den Rio Mamore, den wir bereits kennenlernten. Es ist gerade Mai, das Ende der Regenzeit. Die Ebene ist überschwemmt. Zuweilen müssen die Maulesel sich mit großer Mühe durch den Sumpf, der reich an Alligatoren und Boaschlangen ist, durcharbeiten; zuweilen ist er so tief, daß wir im Kanu fahren müssen und die Maulesel hinterdrein schwimmen. Mojos ist ein sonderbares Land, ein Land der Gegensätze. Während der Trockenzeit hält es schwer, auf derselben Ebene einen Tropfen Wasser zu bekommen, und oft sieht man weit umher das Land vom Feuer verheert. Während der Regenzeit besuchen die Nachbarn einander im Kanu, zur Zeit der Dürre sieht man diese Kanus mitten auf der Ebene, wo es nicht die geringste Feuchtigkeit gibt, und wer mit den Verhältnissen nicht vertraut ist, könnte sich leicht fragen: was in aller Welt wollen diese Leute hier auf dem trockenen Lande mit Kanus machen? Mojos ist wirklich ein wunderliches Land; da schwimmt man mit dem Ochsengespann und fährt mit dem Kanu auf dem Lande herum. In den Wäldern wohnen Siriono, die hie und da von den Weißen heftig verfolgt werden. Auf den Pampas leben meist Weiße, die sich der Viehzucht widmen. Man ist auch hier mit dem Vieh schlimm gefahren. Jegliche Pferdezucht ist unmöglich infolge einer schweren Krankheit „el peste de caderas“, die in kurzer Zeit die meisten eingeführten Pferde und Maulesel tötet.

Eine selbständige indianische Bevölkerung findet man auf diesen Pampas nicht. Die Nachkommen der alten Mojoindianer sind, wie gesagt, in die Kautschukgegenden geführt worden, um dort zu sterben, oder sie dienen bei den Weißen. Sie sind simple Taglöhner, die kaum eine selbständige Kultur besitzen. Indianer früherer Zeiten haben es verstanden, sich den Verhältnissen in Mojos anzupassen. Um sich gegen Überschwemmungen zu schützen, haben sie Wohnhügel gebaut und dammförmige Wege, auf denen sie trockenen Fußes von Dorf zu Dorf gehen konnten. Häufig wohnen die Weißen und ihre Knechte auf diesen Hügeln oder sie haben Felder darauf angelegt, d. h. auf denen, die am Rande des Waldes oder von Waldinseln liegen.

Don Casiano Gutierrez in der Provinz Sara hatte mir erzählt, man habe auf einem dieser Hügel sonderbare kleine Götterbilder aus gebranntem Ton und Ziegel mit Rillen gefunden. Das hatte mich in das sumpfige Tiefland von Mojos gelockt. Zwei Monate lang grabe ich in Mojos. Das Resultat dieser Ausgrabungen will ich in einer besonderen Arbeit publizieren. So viel will ich jedoch von meinen Funden hier erwähnen, daß der Leser weiß, daß diese Gegenden einmal eine kunstfertige Indianerbevölkerung hatten, die große, gemeinsame Arbeiten ausführen konnte. Gräbt man in den künstlichen Hügeln, so findet man schön bemalte Graburnen, in welche die Gebeine der Toten gelegt wurden, nachdem das Fleisch verwest war. Die Ornamentik auf diesen Urnen (Abb. 84) ist so eigentümlich, so verwickelt, so sicher gemalt, daß wir wohl kaum etwas Ähnliches bei den jetzt lebenden Indianern in Südamerika haben. Die Form der Tongefäße und verschiedenes andere zeigt, daß diese Halbkultur, von der wir hier Überreste finden, von der Inkakultur auf den

Anden nicht beeinflußt war, sondern von dem nördlichen Südamerika und von Zentralamerika. Die hiesigen Mojo- und Baureindianer sind Arowaken. Sie gehören also zu einer Stammesgruppe, die eine weite Ausdehnung besitzt von den Antillen bis Nordargentinien. Bekanntlich gründeten die Jesuiten im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert im Lande der Mojo- und Baureindianer mächtige Missionen. Den Jesuiten verdanken wir eine recht gute Kenntnis der Verhältnisse in diesem Lande, ehe die Indianer von den Weißen zivilisiert wurden. Überaus interessant sind die Schilderungen, die Jose del Castillo von diesen Indianern gibt. Sie machen den Eindruck großer Wahrheitsliebe und außerordentlichen Verständnisses. Wir ersehen aus ihnen, daß Bruder Jose de Zaragoza ein wirklicher Indianerfreund war.

Er schildert mit großer Zuneigung die Gemeinschaft der Mojoindianer. Die Väter liebten ihre Kinder, und die Kinder gehorchten den Eltern, sagt Bruder Jose. Fast nie wurde jemand bestraft, denn keiner bedurfte der Strafe. Sie lebten stets froh und zufrieden. Selten oder nie hörte man Zank und Schelten. Die Kriege waren recht unblutig. Man hatte immer zu essen, denn die Felder, besonders die Mandiocapflanzungen, waren groß. Ihr kostbarstes Eigentum ließen sie offen liegen, denn keiner stahl. Erst als die Weißen nach Mojos kamen, begannen sie sich vor Dieben zu hüten. Ihre Kunstfertigkeit war groß; ihre Tongefäße, ihre Pfeile, ihre Häuser, ihr Federschmuck erweckte die Bewunderung von Bruder Jose. Es ist ganz natürlich, daß Bruder Jose einiges von den Sitten und Gebräuchen dieser Indianer verurteilen mußte, aber er macht es auf eine verständnisvolle Weise. So erklärt er ihre Sitte, den Säugling lebend mit der gestorbenen Mutter zu begraben, auf folgende verständige Weise:

„Die Grausamkeit, Kinder, die ohne Mutter sind, welche ihnen Milch geben soll, und die so klein sind, daß sie ohne die Mutter sterben würden, lebendig zu begraben, hat ihre Ursache in dem Irrtum, daß das Kind von keinem anderen Milch annehmen wolle, und daß eine Frau nicht genug Milch für zwei habe.“ Sie glaubten, daß man in der ganzen Welt so handele.

„Sollen wir uns darüber wundern,“ sagt der gute Klosterbruder, „daß sich die Barbaren bei dieser Grausamkeit irren, wenn sogar Fürsten des Geistes in dieser Hinsicht irrten! Aristoteles riet die Fruchtabtreibung an, sagt Francisco de Sales.“ Castillo und vielleicht einige andere Mönche mit ihm stehen wohl einsam mit ihrem Verständnisse für die Indianer. So ruft er aus:

„Das ist ein Unglück für die Indianer, ich meine auch die christlichen in Peru, daß es wenige gibt, die sie verteidigen, und unzählige, die sie, wenn schon nicht verfolgen, so doch mit Geringschätzung und Verachtung betrachten. Am Ende traf sie des Esels Schicksal. Er dient demütig, arbeitet viel, ist mit wenigem zufrieden, verlangt keine Ausgaben für Hufeisen, auch nicht für vergoldetes Zaumzeug, keinen feinen Sattel, sondern nur einen einfachen Packsattel, und der Lohn, den er bekommt, sind Prügel und Schimpfworte; und die Vorstellung, die man sich von ihm macht, ist eine sehr schlechte.“

Wären alle Missionare wie Bruder Jose, so müßten wir uns tief vor ihnen verneigen. Es gibt andere Jesuiten, die die Indianer von Mojo nicht mit Zuneigung geschildert haben, aber wir dürfen nicht vergessen, daß es in ihrem Interesse lag, deren Fehler zu betonen, auf daß ihre Bekehrungsarbeit um so außerordentlicher erschien. Nahezu hundert Jahre lang herrschten die Jesuiten in Mojos, wo sie mehrere blühende Missionen gründeten. Die Kirchen zeugen trotz aller Plünderungen, trotz des Verfalles noch von dem ehemaligen Reichtume. In der Kirche in San Pedro allein gab es 1767 1000 kg Silber, sagt d’Orbigny3. Noch heute sieht man viele Silbergegenstände in den Kirchen, manchmal auch Gold und Edelsteine. Die Taufsteine sind aus Carraramarmor. Bewundernd stand ich vor mehreren schönen Gemälden in diesen Kirchen. Pfeiler, Bänke, Stühle, Altäre sind oft schön geschnitzt. Die Erinnerungen aus einer Blütezeit gewähren einen wunderbaren Anblick. Mehrere der alten Heiligenbilder sind sicher von Künstlern geschnitzt. Allgemein wird zugegeben, daß die Indianer die einzigen sind, die diese Erinnerungen in den Kirchen zu bewahren suchten. Vieles wurde von den Weißen gestohlen, besonders von den Pfarr-herren. Diese zeigen ein Unverständnis für diese Sachen, das empörend ist. In einer alten Jesuitenkirche z. B. hatte ein Priester den Taufstein aus Marmor mit einem Waschbecken aus widerlich bemaltem Blech vertauscht. In San Joachim trugen ein paar schön geschnitzte hölzerne Engel einige Bretter, auf denen die Köchin des Pfarrers sein schmieriges Eßgeschirr reinigte. Über die Missionen der Jesuiten kann man sich nur schwer ein Urteil bilden. Das ist jedoch sicher: als sich die Jesuiten der Indianer in Mojos und dem nahen Chiquitos annahmen, waren diese teils den Sklavenhändlern in Sta. Cruz, teils den Räuberzügen der brasilianischen Mameluken ausgesetzt1. Unter der Leitung der Jesuiten konnten die Indianer die Sklavenhändler ab-wehren. So wurden die Mameluken von einem Indianerheer unter dem Jesuiten Arce geschlagen, worauf sie diese Missionen in Ruhe ließen.

Es scheint jedoch, daß die Jesuiten zuweilen sich nicht scheuten, mit Gewalt Indianer einzufangen, um sie zu dem milden christlichen Glauben zu bekehren. In vielem herrschte wohl in den Jesuitenmissionen derselbe Geist wie heute in Guarayos. Vermutlich waren jedoch die Missionen der Jesuiten großartiger. Die Jesuiten schützten die Indianer gegen die anderen Weißen, aber beraubten sie ihrer Freiheit und machten sic so unselbständig, daß sic nach der Vertreibung der

1 So hießen die Räuberbanden von Mestizen und Portugiesen, die von S. Paulo in Brasilien aus eine systematische Sklavenjng’d nuf Indianer betrieben.

Missionare eine leichte Beute für die rücksichtslosen Weißen wurden. Eigentlich bereiteten sie gegen ihren Willen den Untergang vieler Indianerstämme vor. Rene Moreno sagt folgendes über das System der Jesuiten, was uns eine gute Vorstellung davon geben kann, wie sie die Indianer erzogen.

„Niemand war beschäftigungslos, alle arbeiteten; arbeiteten gemeinsam unter der Vormundschaft der Priester, ohne persönliches Eigentum, ohne Geld, Kauf oder Verkauf kennenzulernen; sie empfingen alles aus den Händen der Mönche, von Nahrung und Kleidung für die Familie bis zu Heiligung und Religionsunterricht, von handwerklicher Unterweisung und Arbeitsbeispiel bis zu den gelegentlichen Strafen und bis zur Ewigkeit von Himmel und Hölle.“

Daß für die Mojoindianer nach der Vertreibung der Jesuiten harte Zeiten begannen, erwähnt schon Viedma. D’Orbigny sagt 1832, daß sich die Bevölkerungszahl in Mojos nach der Vertreibung der Jesuiten eher vermindert als vermehrt habe. Er liefert eine sehr interessante Statistik über die Zahl von Geburten und Sterbefällen bei den Mojoindianern in den Jahren 1828, 1829, 1830 und 1831 und kommt zu dem Ergebnis, daß in normalen Jahren die Geburten die Sterbefälle bedeutend überschreiten. Diese Vermehrung wird durch häufig auftretende, bösartige Epidemien neutralisiert. Das System der Missionare, die Indianer in großen Dorfschaften zu sammeln, hat sicher dazu beigetragen, die Epidemien verheerender zu machen.

Es ist offenkundig, daß im Jahre 1832 die Entvölkerung von Mojos noch nicht ernstlich begonnen hatte. Die fürchterliche Verheerung datiert von der Entdeckung der Kautschukwälder. Um diese ausnützen zu können, brauchte man Arbeiter. Wenn sie nicht freiwillig kamen, band man sie mit den Fesseln der Schuldsklaverei und führte sie von ihrer Heimat fort, wie ich bereits berichtete. Seit der Vertreibung der Jesuiten lebten die Indianer in Sklaverei. Diese Angaben macht sowohl d’Orbigny 1 1832 als auch Gibbon2 1852.

Der gelehrte Franziskanermönch Ducci3 ruft in seinem Tagebuch von 1805 entrüstet aus:

„Wohin sind die 31400  Neubekehrten gekommen, die sich am Ende des vorigen Jahrhunderts in den Missionen in Mojos befanden, oder die 22000, die in den Provinzen Cordillera, Azero und Salinas unter der Leitung des Franziskanerkollegiums in Tarija standen? Sie sind wie durch ein Wunder verschwunden, und nur geringe Überreste bestehen noch, begraben in der gröbsten Unkenntnis und in die größte Armut versunken. Ist vielleicht der gegenwärtige Zustand der Mojoindianer ihrem Leben als Wilde im Urwalde vorzuziehen? Wir haben viele Gründe, diese Frage verneinend zu beantworten.“

Wir wissen bereits, daß sie in die Kautschukwälder oder zu den Madeirafällen geführt wurden. Die noch da sind, sind Schuldsklaven. Das bestätigt auch Dr. Jose M. Urdininea, „El Delegado nacional“, in seinem offiziellen Rapport an die bolivianische Regierung. Er sagt folgendes6: „Dieses Departement ist vollständig entvölkert, weil man die Einwohner zur Gewinnung von Kautschuk an den Madeira geführt, wovon selten jemand zurückkehrt.

Die Jndianer, die hier bleiben, sind wirkliche Sklaven. Ein Christ stellt einen Indianer in seinen Dienst für sechs Pesos im Monat und trachtet, ihm alles, was er für den Bedarf seiner Familie oder um sich zu betrinken verlangt, auf Vorschuß zu geben. Mit der Zeit wächst die Schuld. Und der Indianer stirbt, ohne bezahlen zu können, als Sklave, getrennt von Weib und Kind.“

Über die Indianer sagt er weiterhin: „Diese sind nicht imstande freie Mitbürger zu sein, da sie sich nicht selbst regieren können; ihrem Charakter nach sind sie Kinder, und sie brauchen notwendig die Vormundschaft und den Schutz der Missionare, die ihnen als Väter und Verteidiger ihrer Rechte dienen. Kurz gesagt, soll Beni1 wieder auferstehen, so müssen die Indianer geschützt werden, man muß sie unter das alte System der Jesuiten stellen, das so ausgezeichnete Ergebnisse hatte. Man verwende dieselbe Methode, und man wird dasselbe Resultat erreichen. In einer Zeit ohne Indianer wird es hier keinen Ackerbau, keine Schiffahrt, rein gar nichts geben, denn die hiesigen Weißen taugen zu nichts anderem als dazu, die Indianer auszunützen.“

Das sind wahrhaft kräftige Lobesworte über die Indianer, nicht besonders schmeichelhaft für die Weißen. Alle Indianer, die in die Kautschukwälder geführt wurden, sind natürlich nicht gestorben, sondern ein großer Teil lebt noch in den Baracken. Ein Teil hat auch Kinder. Vergleichsweise sind es jedoch sehr wenige. Die Sterblichkeit bei kleinen Kindern ist in den Kautschukwäldern sehr groß, so daß es sicher keine Vermehrung gibt. Hier in Mojos hörte ich zum erstenmal von einem Herren, der die Schulden des Vaters erblich auf die Kinder übertrug. Ich glaube jedoch nicht, daß solche erbliche Schuldsklaverei gewöhnlich ist.

1 Er meint hier das Departement Beni, zu dem der größte Teil Nordostboliviens gehört.

Um nicht ungerecht zu erscheinen, habe ich geforscht, ob die Indianer nicht von den Weißen, die keine Missionare sind, etwas Gutes gelernt haben. Aber wie ich auch suchte und grübelte, ich habe nichts gefunden. Die Indianer stehen in keiner Schuld zu ihren weißen Herren. Die Missionare lehrten und lehren sic recht viel. Die Weißen hingegen schulden den Indianern sehr viel, das haben wir bereits erfahren — sogar die Entdeckung des Kautschuks; denn ehe die Weißen ihn kannten, verwendeten ihn die Indianer schon zu Spielbällen. Vielleicht wäre auch der Callahuaya-indianer, der nach der Überlieferung die Kraft der Chinarinde über das Fieber entdeckte, wert, auf einem Felsen an den Madeirafällen ein Denkmal zu erhalten. Ohne das Chinin würden die Weißen in den fieberkranken Kautschukwäldern nicht leben können. In der Regel scheinen sich die weißen Herren in Mojos recht schlecht zu stehen. Sie leiden selbst bei der Schuldsklaverei. Es erfordert recht viel Kapital, um genügend Indianer in Schulden setzen zu können.

Es gibt daher einige Weiße, die dies verurteilen. Sie können es jedoch nicht allein abschaffen, denn dann würden sie vermutlich ohne Arbeiter sein. Sie müssen sich dem Systeme fügen. Angenommen, sie bezahlen den Indianern nur den Lohn und verkaufen ihnen keinen Branntwein. Demoralisiert, wie diese heute sind, würden sie von einem anderen Herren Geld leihen, um ihren Bedarf an Branntwein und ihre Kauflust im allgemeinen zu befriedigen. Einmal in Schulden geraten, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als in den Dienst des Gläubigers zu treten. Das Ergebnis würde sein, daß der frühere Herr einen Diener weniger, der andere einen Schuldsklavcn mehr hat. Die Ursache zu vielen Zwisten zwischen den Herren in ganz Nordostbolivien ist die, daß sie sich gegenseitig die Indianer wcgstehlcn. Ich habe einen guten Freund da draußen, der immer bestrebt war, daß die Indianer nur geringe Schulden hatten. Das hatte zur Folge, daß ihm ein schachernder Pfarrer mehrere Indianer wegnahm, indem er ihnen Geld lieh, um ihre Schulden zu bczahlen. Es liegt daher im Interesse des Indianerbesitzers, zu trachten, daß die Indianer nicht allzu kleine Schulden haben.

Um nicht auf diese Weise die indianischen Arbeiter zu verlieren, weigern sich die Herren Geld anzunehmen, wenn sich ein Indianer durch Bezahlung der Schulden loskaufen will. Sie erklären ganz einfach, der Vorschuß sei auf die Arbeit gegeben worden und müsse mit Arbeit zurückbezahlt werden. Zweifellos gibt es auch Herren, die unbekümmert die Buchführung verfälschen und die Indianer für erdichtete Schulden in Sklaverei halten Es liegt jedoch eine Gefahr in den großen Vorschüssen. Dem Indianer kann es gelingen zu flüchten, und das bedeutet einen ökonomischen Verlust. Leider sterben sie auch von den Schulden weg. Die Schuldsklaverei kann hier vielleicht notwendig erscheinen. Bemerkenswerterweise sehen wir einen so warmen Indianerfreund wie Koch-Grünberg diesen Gesichtspunkt verfechten. Er sagt über die Schuldsklaverei in Nordwestbrasilien:

„Dieses System der Schuldsklaverei ist vom rein moralischen Standpunkte aus gewiß zu verwerfen, aber es ist in diesen Gegenden ein durchaus notwendiges Übel, um überhaupt Arbeitskräfte zu bekommen, und hat seinen Grund in der Indolenz der Indianer und ihrem Widerwillen gegen ungewohnte Arbeit. Es bedarf eines gewissen Druckes, um den Indianer zu einer regelrechten Arbeit zu bewegen, und dieser Druck wird eben durch die Schulden ausgeübt.“

Dieses Mal hat Koch-Grünberg die Verhältnisse mit den Augen der weißen Patrone gesehen. Ich kann nicht einsehen, daß die Indianer irgendwie verpflichtet sind, für die Weißen zu arbeiten. Daß sie es jedoch ganz freiwillig tun auch unter ökonomisch gesunden Verhältnissen, um Werkzeuge, Kleider u. dgl. zu erhalten, zeigen die Verhältnisse in der Provinz Jujuy in Argentinien, wo sich jährlich Tausende von Indianern sammeln, um in den Zuckerfabriken zu arbeiten1. Ihrer Natur nach sind diese Chacoindianer nicht fleißiger als die in Nordbolivien und Brasilien. Sie haben dort nicht die Möglichkeit, Geld zu leihen oder Waren auf Kredit zu nehmen. Man ist stets ehrlich gegen sie. Sie werden demoralisiert, das ist wahr, aber sie sind keine Sklaven. Wie sich die Verhältnisse entwickeln, sehe ich ein, daß man hier vor einem schwer lösbaren, sozialen Problem steht; aber es kann nicht richtig sein, die Schuldsklaverei ein „notwendiges Übel“ zu nennen, wenn es auch in gewissen Gegenden ein gegenwärtig unheilbares Übel ist. Nach beendigten Ausgrabungen reiten wir nach Loreto, das eines der blühendsten Dörfer zur Jesuitenzeit war. In Loreto zählte man 16912 3822 Indianer, 1832 waren es 2145 und 1909 gab es da einige Greise, Witwen und Waisenkinder. Nur noch wenige Häuser in Loreto sind heute bewohnt. Es sind die Ruinen eines Dorfes.

In Masicito, nahe bei Loreto, am Rio Mamore gehen wir an Bord eines kleinen Dampfers, der uns wieder nach Las Juntas bringt. Von dort setzen wir unsere Reise nach Sta. Cruz de la Sierra fort und dann im Juli weiter nach El Gran Chaco, an den Rio Pilcomayo, wo wir zum zweitenmal die Indianer besuchen, die ich in meinem Buche „Indianerleben“ geschildert habe. Damals waren sie noch unabhängig oder fast unabhängig von den Weißen. Als ich wieder heimreiste nach Schweden, blieb Moberg da draußen in Bolivien am Rio Pilcomayo. Er hat geschrieben und ein und das andere von dort berichtet.

Künftighin wird es schwer, vielleicht ganz unmöglich sein, das Indianerleben am Rio Pilcomayo in seiner Ursprünglichkeit zu studieren. Die Indianer haben sich mit den Soldaten eines Forts, das flußaufwärts liegt, geschlagen, erzählt Moberg. Die Soldate schlachteten Hunderte von Indianern, Weiber und Kinder mitgerechnet. Aus Angst, überfallen zu werden, und im Glauben an eine falsche Nachricht, daß die Indianer sich bewaffneten, überfielen sie im Morgengrauen das Dorf, das zwei Meilen von dem militärischen Posten entfernt lag, und mit einigen Salven schlachteten sie die armen, schlafenden Indianer hin, die nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet waren. Das Dorf hieß „Tones“ und gehörte den Ashluslayindianern. Nie vergesse ich die Kinderspiele, die Tänze der Jugend und die Trinkgelage bei Tone! Nun ist es still geworden auf dem Spiel- und Festplatze. Auch dorthin sind die Weißen mit ihrer „Zivilisation“ gekommen. Zuerst kommen die Soldaten mit Blei und Pulver. Dann kommen die Mönche zu den Überlebenden mit der „Religion der Liebe“.

Text aus dem Buch: Indianer und Weisse in Nordostbolivien (1922), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianer und Weisse in Nordostbolivien (Einleitung und Vorwort)
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Der skulptierte Berg bei Samaipata
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Herz von Südamerika
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Die Grenze von Sta. Cruz
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Churápaindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Im Motorboot zu den Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zwei Ausflüge mit Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Bei den Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Arbeit und Kleinkunst
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Den Rio Mamoré hinab
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Chacoboindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Schmuck und Kleidung der Chacoboindianer
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Indianisches Klubleben
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Maloka
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Kampf ums Dasein. Arbeit. Einige Sitten und Gebräuche
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zurück zum Rio Mamoré
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zum Rio Guaporé
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – In den Kautschukwäldern am Rio Guaporé
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Märchen und Religion der zivilisierten Indianer
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Land der Guarayúindianer
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Alte und neue Vorstellungen
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Arbeit, Wohnungen, Tracht u. a.
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Siriono

Indianer und Weisse in Nordostbolivien