Wir verstauen uns, Indianer und Weiße, mit Mundvorrat und Tauschwaren in Aguirres Kanu. Es ist ein kleines, wackeliges Ding. Als der letzte Indianerjunge hineingeklettert ist, ist es so belastet, daß der Rand nur ein paar Finger breit über dem Wasser liegt. Hastig gleitet das Kanu den Fluß hinab, das Urwaldufer entlang zwischen Haufen von Geäst und Bäumen, die ins Wasser gestürzt sind. Das eine Ufer ist hoch, steil und mit Urwald bedeckt, das andere niedrig und dicht mit Pfeilgrasbüschen bewachsen. Im Kanu wird gelacht und geschnattert; kein Laut aus dem Walde, kein plätschernder Fisch entgeht dem Naturmenschen. Man erblickt die Tiere tief drinnen im dichten Laubwerk, man ahmt den Schrei der Affen nach, man erfreut sich an allem in der Natur. Doch sind die Tiere hier scheu, da sie von ungewöhnlich geschickten Bogenschützen verfolgt werden, die viel geschickter sind als andere Indianer, die ich kennengelernt habe. Es ist etwas Bezauberndes an einer solchen Fahrt, wenn es im raschen Takt den reißenden Fluß hinabgeht und die Indianer mit dem Kanu geschickt zwischen Holzstöcken und durch Wasserwirbel hindurchmanövrieren. DieMännerin ihren Hemden aus geklopftem Bast und mit ihren rotgemalten Gesichtern, die Weiber mit ihren Bastkleidern und den Halsbändern aus Samen und Glasperlen hängen so eng zusammen mit diesem Leben auf dem Urwaldflusse.

Aber auch die Kanufahrten haben ihre Unannehmlichkeiten. Am Morgen und Abend, wenn es kühl ist, ist es behaglich, aber wenn die Mittagssonne herabbrennt, da vergißt man die schöne Natur und die interessante Reisegesellschaft. Die Tiere im Walde haben ihre Verstecke aufgesucht, und es ist still, schweigsam und drückend heiß. Gar nicht selten wird man auf solchen Fahrten von einem Gewitter überrascht — und was für einem Gewitter! Das ist kein artiges schwedisches Gewitter, sondern ein solches Gewitter kann nur in den Tropen Vorkommen, rasch, wahnsinnig, gewaltsam. Der Donnergott verwendet nicht wie zu Hause eine alte Vorderladekanone, sondern schießt mit Schnellfeuergeschützen. Der Regen stürzt unaufhaltsam herab. Wir halten an einem hohen Flußufer, wo eine halbverwachsene Bananenpflanzung zwischen dem Geäst der Bäume hervorschimmert, und nachdem wir das Kanu vertäut haben, gehen wir ans Land. Am Waldesrande liegt ein verlassenes Indianerfeld, das der Fluß zur Hälfte weggespült hat.

Ein gut ausgetretener Weg führt von hier in den Wald. Es ist ein herrlicher, düsterer, stiller Wald, reich an mächtigen, geraden Bäumen, welche die Yuracäreindianer zu Kanus aushöhlen, die sie teils selbst verwenden, teils an die Weißen und andere Indianer verkaufen. — Noch weit weg in den Kautschukgegenden an der Grenze Brasiliens haben keine Kanus so guten Ruf wie die dieser Indianer. Sie selbst bekommen freilich nicht viel dafür, aber wenn die Weißen damit untereinander schachern, so wird ein solches Boot mit drei- bis vierhundert Kronen bezahlt. Es gibt Kanus, die bis zu drei Tonnen nebst Steuermann und acht Ruderern laden können. Diese ganz großen machen sie aber nur auf Rechnung der Weißen; für eigenen Gebrauch behalten sie leichte, kleine Kanus. Wir sind noch nicht weit gegangen, da kommen wir zu großen verlassenen Pflanzungen, welche die leichte Garde des Urwaldes, die Schlinggewächse, bereits in Besitz zu nehmen begonnen haben. Wir sehen hier Bananen, Papaya, Kürbisse, Mandioca massenhaft, ferner Süßkartoffel, Baumwolle und andere Gewächse, die die Urwaldindianer bauen. Im Felde liegen die Überreste von abgebrannten Häusern. „Das ist mein Acker“, sagt der alte Aguirrc. „Als meine Frau starb, wurde sic hier in der Hütte begraben, worauf ich diese verbrannte und wegzog.“ Es ist eine eigentümliche Sitte, die diese Indianer haben. Wenn jemand von der Familie stirbt, wird der Hof verbrannt und die Überlebenden ziehen weit weg, wo sie ein neues Haus bauen und neue Felder roden; aber es scheint sie nichts daran zu hindern, auf diesen verlassenen Pflanzungen zu ernten. Die Furcht vor dem Geiste des Toten vertreibt diese Menschen von Hütte und Feld, um mit großer Mühe im Urwald einen anderen Platz auszuroden. Vor den Geistern der Toten, „sinokshe“, die im Walde umherwandern, hegen die Yuracáre große Angst. Sie verbittern das Dasein dieser Menschen.

Überall in diesen Wäldern, wo wir vorbeikommen, finden wir Überreste von mehr oder weniger verfallenen und verwachsenen Kulturen. — Als wir Weiße einmal allein waren, verproviantierten wir uns in einem solchen verlassenen Feld. Das hätten wir jedoch nicht tun sollen, denn als wir mit der Diebsbeute an den Fluß kamen, füllte sich das Kanu durch eine Unvorsichtigkeit mit Wasser, und alles, was wir gestohlen, und vieles andere noch dazu schwamm fort. Im Innern des Waldes kommen wir endlich zu großen, gutgepflegten Äckern, wo fleißige Hände ein großes Gebiet gerodet haben, und wo nun die gelben Früchte des Papayabaumes, große Bananenbündel, wohlschmeckende Ananas und vieles andere locken. In den Feldern liegen zwei gutgebaute Hütten, wo ein Yura-careindianer mit seinen nächsten Angehörigen wohnt. Diese Indianer haben es fein und gemütlich. Alles ist geputzt und rein. Alle, auch die Kinder, sind mit Hemden aus Rindenstoff bekleidet. Auf die Kleider der Kinder hat man bunte Vogelfedern, Vogelschnäbel und anderes zum Schmuck gehängt. Wir sind offenbar erwartet, niemand ist mit Arbeit beschäftigt. Man bietet uns leckere, kleine, gelbe Bananen und ungewöhnlich süße Ananas. Wir setzen uns auf Holzklötze und essen so viele Früchte, als wir nur können.

Neugierig blicken wir uns um. Bei diesen Indianern gibt es keine Hängematten; sie liegen auf Matten aus den Blattscheiden einer Palme, und darüber sind Moskitonetze aus Rindenstoff aufgehängt. Hier am Rio Chimore würde ich lieber zwei Tage hungern als eine Nacht ohne Moskitonetz im Walde liegen. Das wäre schrecklich. Es gibt mehrere Arten von Moskitos, aber alle Arten sind gleich gemein, zudringlich und unverschämt. Nicht nur in der Nacht plagen die Moskitos die Menschen. Im Walde verfolgen sie einen den ganzen Tag. Auf dem Flusse gibt es tagsüber keine Moskitos, dagegen Massen von Mücken verschiedener Größe und Gattung. Am Dache der Hütte hängen zahlreiche Körbe, von denen besonders die viereckigen den Sammler locken (Abb. 26). ln diesen verwahren die Männer alle ihre Kostbarkeiten, gleichwie die Frauen ihre in Säcken aus Rindenstoff. Auf einem breiten Gestell liegen Bogen, Pfeile und Ruder.

Auf dem Boden stehen nur wenige, äußerst einfache, unbemalte Tongefäße, aber große Mengen von Holznäpfen und Holzschüsseln. In den größten von diesen, die beinahe so groß sind wie kleine Kanus, gärt dasMandiocabier. Bei fast allen Indianern, die ich kenne, spielt das Trinkgelage eine große Rolle. Man macht weite Ausflüge, um sich nachbarlich zu besuchen, zu trinken und zu plaudern.

Wie in allen Yuracárehütten, die ich besuchte, haben auch die hiesigen Indianer eine kleine Menagerie mit Affen und Waldvögeln. Sie sind die Freunde und Gesellschafter der Kinder. Versteckt in einem Winkel der Hütte, hockt ein kleiner lichtscheuer Nachtaffe; ein rotblauer Ararapapagei, bunter als alle anderen Urwaldvögel, sitzt auf einem Sproß im Dach. Ein kleines Mädchen geht immer mit einer Beutelratte im Haare. In einer Ecke der Hütte sitzen zwei taubstumme Mädchen und unterhalten sich in der Zeichensprache mit einem älteren, ebenfalls taubstummen Weibe, das leise ein Kind in einer Wiege aus Rindenstoff wiegt. Alle anderen sind um den weißen Mann versammelt. Sie sind neugierig wie Kinder auf den Inhalt meiner großen Bündel. Man hat bereits von dem weißen Manne gehört, der so viele von ihren Sachen eintauscht. Alle sind ganz entzückt, als ich die Bündel öffne und die Tauschwaren ausbreite. Leider verderbe ich die ganze Gcsellschaft damit. Die Hemden aus Rindenstoff tauscht man gegen Hemden aus Kattun. Man nimmt die Schatzkörbe und Schmucktäschchen herab, voll mit Federn, geschnitzten Früchten, Tierfiguren, die man aus Alligatorzähnen geschnitten hat, und vielen anderen Dingen, die den Sammler locken. Ein und das andere aus ihrem Besitz ist ganz bemerkenswert.

So verstehen diese Indianer mit geschnittenen Holzstempeln eigentümliche Ornamente auf ihre Rindenstoffezu drucken (Abb.15), wie sie oft auch die Ornamente, mit denen sie ihr Gesicht schmücken, mit Stempeln auftragen (Abb. 35—38). Wie immer bei Indianern, die nicht viel Berührung mit den Weißen hatten, stehen die Eisenwaren am höchsten im Werte. Die Äxte aus schwedischem Eisen und die Waldmesser halte ich am längsten zurück. Mit ihnen versuche ich die Kostbarkeiten herauszulocken, die ich versteckt vermute, und die sie nicht gerne hergeben wollen. Schön langsam kommt doch ein Familienkleinod nach dem anderen hervor. Fein ornamentierte Flöten aus Bein (Abb. 29), alte Pfeifen aus Holz (Abb. 9 und 11), Kämme, die richtige kleine Kunstwerke sind, und verschiedene andere Sachen holt man aus den Verstecken.

Die Männer geben leicht weg, was sie haben; die Frauen tauschen ungern ihre liebsten Schmuckstücke. Nichts kann eine von ihnen bewegen, einen Hängeschmuck aus roten Tukanfedern und geschnitzten schwarzen Früchten, der ihr Stolz zu sein scheint, auszutauschen. Die Kinder geben ihr Spielzeug für Spiegel und andere lustige Sachen. Unmöglich sind jedoch diese Indianer zu bewegen, fremdes Eigentum fortzugeben. Nicht einmal ein Stück Ton, das sic vom oberen Rio Chimore zur Töpferei geholt haben, kann ich hcraus-locken, — da die Besitzerin nicht zu Hause ist. So verbringen wir einige Stunden in diesen Hütten und bereichern die Sammlungen mit verschiedenen interessanten Dingen. Als cs spät wird, beschließe ich, zu Aguirrcs Hütte, meinem Hauptquartier, zurückzukehren, und verspreche, an einem anderen Tag zurückzukommen. Wir verabschieden uns von unseren neuen Freunden und gehen denselben Weg zurück, den wir gekommen. Es ist bereits Abend, als wir zum Kanu gelangen. Sachte rudern wir den brausenden Fluß hinauf. Viele sonderbare Laute klingen aus dem Walde. Die Feuerfliegen leuchten auf und verschwinden, und die Grillen zirpen. Kühl und herrlich ist der Tropenabend. Vorne sitzt schweigend der alte Aguirre und blickt ins Dunkel. Er ist so freundlich, dieser Alte. Ruhig habe ich viele Nächte lang unter seinem Dache geschlafen, ruhiger als vielleicht gut war, denn ich weiß wohl, daß ich bei einem Manne schlief, der einen grauenhaften Mord begangen hat. Ein gebildeter Engländer, ein Sonderling, namens Mentith (?), lebte viele Jahre lang einsam bei diesem Mann und seinen Stammesfreunden, bis diese aus unbekanntem Anlaß den Fremden auf langsame und grausame Weise ermordeten. Diese guten Naturmenschen, die wie große Kinder wirken, können bisweilen eine Grausamkeit entwickeln, die völlig unerklärlich ist. Auch hier im Urwald besteht der Mensch aus Gegensätzen. Man hat behauptet, daß sie von den Weißen in Sta. Rosa am Rio Chapáre verleitet wurden, da diese fürchteten, der Engländer könnte zu viel Einfluß auf die Indianer gewinnen.

Noch spät am Abend sitzen wir in Aguirres Hütte am Feuer und plaudern. Wir sprechen darüber, wie die Chimäneindianer die Yuracáre verhexen und über die Mission am oberen Laufe des Flusses, über die Übergriffe der Weißen und vieles andere. Ich suche vergebens Aguirre zu überreden, mich zu seinen Stammesfreunden zu führen, die tief im Urwald verborgen wohnen, wohin die Weißen nie gehen, und wohin nur die Indianer durch die Sumpfgebiete kommen können. Aber Aguirre will nicht zum Verräter an seinem Stamme werden, trotzdem ich mit großen, großen Geschenken locke. Ich verspreche schließlich, nie den anderen Weißen das zu erzählen, was ich gesehen, aber der Alte ist nicht zu erweichen.

Er lehrt mich kleine Yuracáregedichte. Und der Yuracáreindianer und der Schwede singen zusammen in der Urwaldhütte die einfachen Gesänge:

Endlich legen wir uns schlafen nach einem angenehmen und lehrreichen Tage, nachdem wir die Sammlung um mindestens hundert Gegenstände vermehrt haben, die in einem anderen Weltteil Zeugnis ablegen sollen von dem Kampf ums Dasein und dem Kunstsinn dieser Menschen. Einmal werden sie zu den wenigen Erinnerungen gehören, die von diesem eigentümlichen Volk übrig sind, das am Rio Chimore seine Felder bestellte und in den Urwäldern jagte.

Das war der eine Ausflug von Aguirres Hütte. Der andere galt einer kleinen Missionsstation der Franziskaner am oberen Rio Chimore. Vergebens suchten die Missionare die verschiedenen Yuracárefamilien dort zu sammeln. Für einige Zeit kommen sie wohl zu den Mönchen. Aber die Messe interessiert sie nicht. Es gibt eine andere Seite der Religion, auf die sie Wert legen. In der Mission bekommen sie nämlich Werkzeuge u. dgl. Wenn sie bekommen haben, was sie brauchen, dann verschwinden sie wieder in die Freiheit des Urwaldes.

Der Missionsleitcr schien mir unverständig. So klagte er zum Beispiel darüber, daß die Eltern nicht erlaubten, daß er die Kinder züchtige, wenn diese seiner Meinung nach einen Fehler begangen hätten. — Welche Unverschämtheit, die freien Kinder des Urwaldes züchtigen zu wollen! Vielleicht wollten sie nicht in die Messe gehen. Die Yuracärc schlagen ihre Kinder nie. D’Orbigny sagt darüber:

„Nie habe ich einen Vater gesehen, der seine Kinder bestraft; sie begreifen nicht das Recht zu strafen, sie besitzen nicht einmal ein Wort in ihrer Sprache, um diese Idee auszudrücken.“

Eine wichtige Aufgabe aber haben die Missionare hier. Sie versuchen die Indianer gegen die Übergriffe der Weißen zu schützen. Durch die Begierde der Indianer nach Branntwein wollen die Weißen sie an sich binden, und dann legt man sie an die Ketten der Schuldsklaverei. Denn die Weißen brauchen sie als Ruderer. In der Mission gab es bei meinem Besuch fünfzehn Familien, weitere fünfundvierzig waren dort gewesen, aber wieder in die Wälder zurückgekehrt. Nach Pierini1 gab es in dieser Mission zwei Jahre vorher, 1906, hundertzweiundvierzig Indianer, verteilt auf vierunddreißig Familien. Davon waren dreißig Schulkinder. Wahrscheinlich wird diese Mission verschwinden, wie alle Missionen, die man bei den Yuracáre anzulegen versuchte. Brauchten die Indianer nicht den Schutz der Mission gegen die Weißen, so wären sie längst alle zur Freiheit zurückgekehrt. Bei den Mönchen der Mission geht es arm und dürftig zu. Es gibt keinen Überfluß an Speise wie bei den freien Yuracáre, die ich besuchte. Diese Tatsache gibt zu denken.

Text aus dem Buch: Indianer und Weisse in Nordostbolivien (1922), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianer und Weisse in Nordostbolivien (Einleitung und Vorwort)
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Der skulptierte Berg bei Samaipata
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Herz von Südamerika
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Die Grenze von Sta. Cruz
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Churápaindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Im Motorboot zu den Yuracáreindianern

Indianerleben

Ich habe die Indianer, die ich im Chaco kennen gelernt habe, hier zu schildern gesucht. Wir sind zum Schluß bis an die Grenze des Unbekannten gekommen, dessen Geheimnisse noch niemand erforscht hat. Ein großes Gebiet im Chaco ist den Weißen vollständig unbekannt, ein noch größeres ist noch niemals von einem Forscher besucht worden.

Es ist ein gefährliches Gebiet, nicht so sehr der feindlichen Indianer wegen, die man dort wahrscheinlich antrifft, sondern infolge des Wassermangels. Mit Hilfe der Indianer könnte man dort vorwärts kommen, ohne sie kann man die Wasserstellen nicht finden. Im vorhergehenden habe ich gesagt, daß man im Chaco Reste sehr primitiver Stämme finden muß, denn es ist der natürliche Zufluchtsort für diejenigen, die in den Kämpfen um die Flüsse und um die Gegemden, wo die Forderungen des Magens leicht zu befriedigen sind, besiegt worden sind. Die hier geschilderten Stämme hätte ich gern viel besser kennen gelernt. Über die religiösen Vorstellungen der Chorotis und Ashluslays wissen wir beinahe nichts. Nur einige der hier mitgeteilten Sagen habe ich in der Originalsprache auf-gezeichnet. Auch die Individualpsychologie lockt mich. Es dürfte dem Leser deshalb nicht wunderbar erscheinen, wenn ich noch einmal am Indianerleben am Rio Pilcomayo teilnehmen möchte, wenn ich noch einmal die alten Sagen am Lagerfeuer möchte erzählen hören, wenn ich in die unbekannten Gegenden des nördlichen Chaco eindringen möchte.

Bevor dies geschehen kann, muß ich jedoch die Ergebnisse meiner letzten Fahrt, die einen viel größeren Teil von Bolivia als den Chaco berührt hat, vollständig veröffentlichen. Nicht zum mindesten wichtig ist, daß meine Funde bei meinen archäologischen Ausgrabungen beschrieben werden. Vielleicht wären auch meine Urwald Wanderungen und Flußfahrten im nordöstlichen Bolivia weit bis zu der Grenze Brasiliens es wert, einem größeren Publikum als dem, das ethnographische Fachzeitschriften liest, geschildert zu werden.

Im Dezember 1909 verließ ich, von meinem schon beschriebenen zweiten Besuch bei den Chorotis und Ashluslays kommend, Yacuiba.

Nach Hause ging die Fahrt!

Ende Januar 1910 war ich wieder in Schweden. Meine beiden Reisebegleiter waren in Südamerika geblieben. Sie sind jung und wollen versuchen, sich in dem neuen Lande durchzuschlagen. Ich hoffe, es wird ihnen gelingen. Gefällt es Moberg bei den Weißen nicht, so läßt er sich wohl bei den Indianern und Indianerinnen nieder, wo er sich so wohl gefühlt hat.

Als ich von Batirayu Abschied nahm, sagte er:

,,Es isttraurig, zu scheiden und sich niemals wieder zu treffen, wenn man so befreundet geworden ist.“

Wer weiß, vielleicht treffen wir uns noch einmal. Möge Yamandutunpa dich beschützen. Batirayu. Möge es lange dauern, bis du nach Aguararenta wanderst, um Maisbier bei deinen Vorvätern zu trinken.

,,Hayma opama!“ (Und mehr war es nicht.)

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern
Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen
Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Der Indianer als Historiker
Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten
Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
Indianerleben – Nahrungszweige
Indianerleben – Zubereitung der Speisen
Indianerleben – Spiele
Indianerleben – Das Leben der Indianerkinder
Indianerleben – Alltagskleidung
Indianerleben – Reinlichkeit
Indianerleben – Vom Mutterleib bis zum Grabe
Indianerleben – Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a.
Indianerleben – Häuptlinge und Gesetze
Indianerleben – Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Sage und Religion
Sage und Religion – 1. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – 2. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – Geister- und Tiersagen
Indianerleben – Die katholischen Missionen unter den Chiriguanos
Indianerleben – Die Furcht vor den Gummigegenden.
Indianerleben – Frondienste für die Weißen
Indianerleben – Die Tapieteindianer
Indianerleben – Kultur und Sprache der Tapieteindianer
Indianerleben – Tapietesagen
Indianerleben – Die Tsirakuaindianer

Indianerleben

Bei den wilden Tapietes am Rio Parapiti machte ich, wie schon erwähnt, die Bekanntschaft von Gefangenen eines Stammes, der in den unbekannten, wasserarmen Buschfeldern des nördlichen Chaco umherstreift. Die Tapietes nennen diese Indianer nach ihren eigentümlichen Streit-kolbcn und Grabekeulen (Abb. 139) Tsirakuas. Die Weißen nennen sie Empelotos, was nackt bedeutet, die Chanes sagen Tsiriöno. Mit den in den Urwäldern nördlich und östlich von Santa Cruz de la Sierra wohnenden Sirionos haben sie indessen nichts Gemeinsames. Die Tsirakuas gehören dem Trockenwald, die Sirionos dem finsteren, üppigen Hochwald an. Die Tsirakuas werden von allen verfolgt. Die Weißen schießen sie nieder, wo sie sie treffen. W enn möglich, rauben sie die Kinder von den Eltern, um sie taufen zu lassen und dann zu verkaufen. Die Chanes behandeln sie ebenso wie die Weißen. Die Tapietes in gleicher Weise.

Ihnen selbst ist es zuweilen gelungen, sich zu rächen. Am Rio Grande ermordeten sie vor einigen Jahren einige Kinder. Schlafende Landreisende sind des Nachts zwischen dem Rio Parapiti und dem Rio Grande überfallen worden. Wahrscheinlich sind es die Tsirakuas, die manchmal die von der Saline de San Jose Salz Holenden überfallen haben. Die Tsirakuas, die ich gesehen habe, waren vier Kinder und zwei Frauen. Sie schienen mir ein ungewöhnlich breites Gesicht mit her vorstehenden Backenknochen zu haben. Die Kinder waren auf der Stirn bis zu den Augenbrauen stark behaart. Auch auf dem Körper hatten sie viel Haare. Die beiden Frauen waren im Verhältnis zu anderen Chacoindianern von normaler Größe.

Nach dem, was ich gesehen und erfahren habe, scheinen sich die Tsirakuas nicht zu tätowieren und auch keinen Körperteil zu verstümmeln oder zu durchbohren. Sie bemalen sich dagegen mit den Samen von Uruku rot und mit Ruß. Sowohl die Frauen als die Kinder waren äußerst schmutzig und voller Läuse. Nach den Tapietes haben die Tsirakuas dieselben runden Hütten, wie sie selbst, die Chorotis, die Matacos und andere Stämme hier haben. Sie haben keine Hunde und keines der Haustiere des weißen Mannes. In der Nähe der Hütten haben sie zahme Vögel, die schreien, wenn sich jemand diesen nähert.

Was für Feuerstätten sie in den Hütten haben, weiß ich nicht. Eine der Tsirakuafrauen, der ich ein Stück Fleisch schenkte, grub in meiner Gegenwart einen den hier (Abb. 16) von den Ashluslays wiedergegebenen vollständig gleichen Ofen. Mit ihrer Grabekeule machte sie, auf dem Boden sitzend, eine Grube. Zu dieser grub sie einen schrägen Gang. Sie legte dann Holz in die Grube, das mit einem von einer anderen Feuerstätte geholten Feuerbrand angezündet wurde. Auf dem Magen liegend, blies sie aus allen Kräften durch ein Bambusrohr in den Gang, damit das Holz brenne. Hierauf hieb sie mit ihrer (hier also als Axt angewendeten) Grabekcule ein großes Stück Rinde aus einem Flaschenbaum. Als sie in der Grube genügend Glut hatte, legte sie das Fleisch in die Grube und bedeckte dann sowohl die Grube als den Gang mit Rinde und Sand. Sie ließ das Fleisch dann mehrere Stunden rösten. Leider war icli nicht dabei, als es aufgegessen wurde, es war aber sicher wohlschmeckend.

Eine gleiche Art des Fleischröstens ist von den argentinischen Gauchos bekannt. Es ist eine vortreffliche Art. Als die Frau ihre Nahrung zubereitete, warf sie hier und da Hände voll Sand nach verschiedenen Richtungen, gleichsam um böse Geister oder dergleichen zu verjagen. Die Tsirakuas leben hauptsächlich von Honig, wilden Früchten, Wurzeln und von der Jagd. Die oben erwähnte Frau sammelte Stämme von Caraguatä, die sie röstete und aß. Die mit den Tsirakuas verwandten Zamucos1) haben nach Cardus2) einen äußerst primitiven Feldbau. Die Tsirakuas kennen Hais, Tabak, Uruku und Zapallo.

Die Waffen dieser Indianer sind vor allem Keulen. Außer den langen Grabekeulen haben sie Wurfkeulen von verschiedenen Typen (Abb. 140). Als ich der Tsirakuafrau meine von den Yanaygua und Chanes erhaltene Keulensammlung von ihrem Stamm zeigte, erklärte sie mir ihre verschiedene Verwendung und führte, die Grabekeule gegen den Mund gedrückt, einen Kriegstanz auf, wobei sie mit blökender Stimme: ,,hé ha há, he si sia, he ha há, he si sia“ sang.

Als Signal für Aufpassen wenden die Tsirakuas Pfeifen von eigentümlicher Form an (Abb. 142).
Nackt nennen die Weißen die Tsirakuas. Dies ist unrichtig, denn bei diesen Indianern findet man dieselben Kleidungsstücke wie bei den wilden Tapietes. Die Frauen haben ein Stück Zeug um die Beine, die Männer eines, das die Geschlechtsteile bedeckt und um den Leib befestigt ist (Abb. 141), Außerdem haben sie große Decken, die in der Form den von den Chorotis, Ashluslays usw. angewendeten ähnlich sind. Alle diese Kleider sind aus Caraguatä, und nicht aus Wolle. Die Kleider sind aus Schnüren geknotet. Sie verstehen auch breite Bänder aus‘ Caraguatä zu weben.

An den Füßen tragen die Tsirakuas viereckige Sandalen aus Tapirhaut (Abb. 138) oder Holz. Diese haben vier Löcher für die Schnüre, während die von anderen Indianern angewendeten Sandalen nur drei haben. Wir finden bei den Tsirakuas dieselbe Art Taschen aus Caraguatä, wie bei den Chorotis und Ashluslays. Den Honig verwahren sie in Taschen aus ganz abgezogenen Tieren. Ein einziges grobes Tongefäß habe ich von diesen Indianern, sowie eine mit einem eingeritzten Vogel verzierte Kalebasse. Das Eisen ist bei den Tsirakuas sehr selten. Jedes Stückchen wird aufbewahrt und geschäftet. Größere Stücke, deren sie habhaft werden, werden zwischen mehreren geteilt. Sie sollen manchmal die Weißen und die Chanes nur überfallen, um Eisen zu bekommen. Für einige Stückchen dieses kostbaren Metalls setzen sie ihr Leben aufs Spiel. Wahrscheinlich verfolgen auch die Chamacocos1) oder ein anderer Stamm die Tsirakuas und drängen sie nach dem Rio Parapiti, wo sie, wie Batirayu mir gesagt hat, erst in neuerer Zeit aufzutreten beginnen. Die Tsirakuas gehören den unbekannten Wildnissen des nördlichen Chaco an, von dem wir so wenig wissen. Eine Erforschung des Inneren dieses Landes würde sicher viel Interessantes bieten.

Was für Menschen leben dort? Diese Frage habe ich an viele Indianer gerichtet. Von diesen hat mir ein Chanéindianer, Bätcha, der, wie gesagt, lange mit den Tapiete-indianem gelebt hatte, folgendes berichtet. Ungefähr sechs Tagemärsche vom Rio Parapiti westwärts wohnt, wie die Tapietes sagen, ein Zwergvolk, das in Erdhöhlen lebt. Diese Zwerge sind freundlich gesinnt und sprechen Guarani. Von ihren Höhlen hörte ich schon 1902 von einem Sergeant Gonzales, der diese auf einer Expediton nach dem Innern des Chaco gesehen hatte. Einen solchen Bericht hat man allen Anlaß, wenigstens was die Zwerge betrifft, für unwahr zu halten. Die Erdhöhlen können Brunnen sein, wie sie die Ashluslays und Lenguas graben. Sehr eigentümlich ist es gleichwohl, daß Hawtrey von den am Kio Paraguay wohnenden Lenguaindianern dieselbe Angabe über Zwerge erhalten hat. Zwei auf beiden Seiten des großen unbekannten Gebietes im nördlichen Chaco wohnende Stämme haben also dieselbe Erzählung. Möglicherweise ist es nur eine gemeinschaftliche Sage. Die Zukunft wird es zeigen. Im Innern des Chaco nahe der Saline de San Jose hat man, wie erzählt wird, moderne Indianergräber getroffen, die alle mit hölzernen Kreuzen geschmückt waren. Ob dies wahr ist, weiß ich nicht. Unmöglich ist es nicht, denn viele der dort wohnenden Indianer stammen sicher von Indianern, die Christen gewesen sind. Unter den Zamucos, die, wie gesagt, den Tsirakuas nahe stehen, haben die Jesuiten Missionen gehabt.

Vielleicht ist es nicht ein reiner Zufall, daß die hier abgebildete Tsirakuafrau die Hände auf Christenweise wie zum Gebet faltet. Etwas Ähnliches habe ich bei den nicht von den Missionaren besuchten Chorotis und Ashluslays niemals gesehen.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern
Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen
Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Der Indianer als Historiker
Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten
Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
Indianerleben – Nahrungszweige
Indianerleben – Zubereitung der Speisen
Indianerleben – Spiele
Indianerleben – Das Leben der Indianerkinder
Indianerleben – Alltagskleidung
Indianerleben – Reinlichkeit
Indianerleben – Vom Mutterleib bis zum Grabe
Indianerleben – Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a.
Indianerleben – Häuptlinge und Gesetze
Indianerleben – Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Sage und Religion
Sage und Religion – 1. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – 2. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – Geister- und Tiersagen
Indianerleben – Die katholischen Missionen unter den Chiriguanos
Indianerleben – Die Furcht vor den Gummigegenden.
Indianerleben – Frondienste für die Weißen
Indianerleben – Die Tapieteindianer
Indianerleben – Kultur und Sprache der Tapieteindianer
Indianerleben – Tapietesagen

Indianerleben

Wie die Papageien den Tapietes Mais verschaffen.

Es war einmal eine Frau, die hatte „huirakuio“ gegessen. Es wird erzählt, daß sie zwei kleine Klöße aufgespart hatte. Am nächsten Tage, als sie essen wollte und hinging, um sie zu holen, hatten sie sich in kleine Papageien verwandelt. Nach zwei Tagen hatten diese Flügel. Nach fünf Tagen konnten sie fliegen und waren gegangen, um Nahrung zu suchen. Sie hatten Mais gefunden und vier Körner geholt, die sie ihrer Frau gaben. Sie sagten, sie solle dieselben säen. Am folgenden Tage waren sie wieder gegangen, um von diesem Mais zu fressen und waren mit schmutzigem Schnabel zurückgekehrt. Am folgenden Tage hatten sie von dem Mais gegessen, den die Alte gesäet hatte. Sie kamen und sagten zu ihrer Frau, sie solle den Mais holen. Sie waren mit vier Maiskolben zurückgekehrt und hatten jedem von der Familie einen gegeben. Darauf waren sie einen Augenblick ausgegangen und wieder hineingekommen. Es war dort viel Mais, ein ganzer Haufe.

Seitdem haben die Tapictes Mais.

Wie die Tapietes das Schaf bekamen.

Es war einmal eine alte Tapietefrau, die hatte zwei ganz kleine junge Hunde. Alle hatte sie gegessen. Sie hatte nichts. Sie hatte einen Poncho aus Gras. Es wird erzählt, Tunpa sei zur Alten gekommen und habe gesagt: „Ich will deine jungen Hunde mitnehmen, und ich komme zurück.“ Nach drei Tagen kam er mit den Hunden, die trächtig waren, zurück. Er sagte zur Frau, sie solle zehn Stöcke in eine Reihe stellen und die Hunde anbinden. In der Nacht verwandelten sich diese in zehn Schafe, die an die Stöcke gebunden waren. Tunpa sagte, sie solle Ponchos machen, und die Alte machte eine Spindel. Es wird auch erzählt, daß Tunpa gegangen sei, um für die Frau Gesellschaft zu suchen. Er kam mit einem Mädchen und einem Knaben. Als diese groß waren, verheirateten sie sich. Die Frau gebar einen Knaben und danach ein Mädchen. Diese verheirateten sich wieder und bekamen Kinder, die sich wieder miteinander verheirateten. Von diesen stammen alle Tapietes.

Der Raub des Feuers.

Der schwarze Geier hatte Feuer, das er durch den Blitz vom Himmel (ära) bekommen hatte. Die Tapietes hatten kein Feuer. Ein kleiner Vogel, ,,cáca“, stahl ihnen Feuer, es erlosch aber. Sie hatten kein Feuer, um das Fleisch des Wildschweines, des Rehbocks und anderer Tiere zu braten. Sie froren sehr. Der Frosch empfand Mitleid mit ihnen. Er ging zu dem Feuer des schwarzen Geiers und setzte sich dorthin. Als der schwarze Geier sich gerade wärmte, nahm der Frosch zwei Funken und verbarg sie im Munde. Darauf hüpfte er davon und machte dann den Tapietes ein Feuer an. Seit dieser Zeit haben die Tapietes Feuer. Das Feuer des schwarzen Geiers erlosch. Der Frosch hatte alles gestohlen. Die Hände über den Kopf setzte ich der schwarze Geier hin und weinte. Alle Vögel sammelten sich nun, um zu verhindern, daß jemand dem schwarzen Geier Feuer gab.

Das Entstehen der Zahnschmerzen.

Die Alten hatten Zähne aus Silber. Wenn sie aßen, verschluckten sie Knochen, Fleisch und alles. Sie gaben ihren Hunden nichts zu fressen. Dies machte, daß Tunpa Mitleid mit den Hunden empfand. Er gab deshalb den Menschen Samen von Zapallo (Kürbis). Sie aßen Kürbisse und ihre Zähne verwandelten sich in Knochen. Von dieser Zeit an bekamen die Hunde Essen und die Menschen Zahnschmerzen. Diese Sagen von den Tapietes sind Kulturmythen. Wir erfahren hier, wie diese Indianer das Feuer, ihre zwei wichtigsten Kulturpflanzen, den Mais und den Kürbis, sowie ihr nunmehr unentbehrliches Haustier, das Schaf, erhalten haben. Die letztere Sage ist natürlich ganz modern, da die Tapietes die Schafe erst durch die Weißen erhalten haben. Es erscheint mir nicht unmöglich, daß mehrere der Kulturmythen viel moderner sein können, als man im allgemeinen glaubt. Denken wir uns z. B., daß ein Stamm keinen Mais gehabt hat, weil sie Mißernte gehabt hatten und vielleicht aus Hunger gezwungen gewesen waren, aufzuessen, was sie zur nächsten Saat aufbewahrt hatten. Sie müssen da versuchen, neue Saat zu bekommen und werden vielleicht gezwungen, sie einem anderen feindlichen Stamm zu stehlen. Dieses wahrscheinlich gefährliche Abenteuer gibt Veranlassung zu einer Kulturmythe, in welcher, wie immer in der Phantasie der Indianer, die Tiere eine große Rolle spielen.

Die Taubstummen der Tapietes.

Wenn ein Indianer erzählt, so verdeutlicht er die Rede mit Händen und Füßen. Maße und fast immer Zahlen werden durch Zeichen ausgedrückt. Soll er z. B. acht sagen, so tut er dies, indem er acht Finger zeigt. Er hat keine Worte, die Maße bezeichnen, er mißt das Maß mit der Hand oder mit dem Arm. Erzählt er von Tieren, so schildert er die Bewegungen des Tieres äußerst lebhaft durch Gebärden. Er ahmt sie mit der scharfen Beobachtungsgabe des Naturmenschen nach.

Oftmals ist es mir, wenn ich keinen Dolmetscher hatte, mit wenigen Worten und zahlreichen Zeichen, gelungen, mit meinen Freunden, den Indianern, eine recht lebhafte Unterhaltung zu führen. Unter den Indianern gibt es jedoch, wie bei uns, Personen, die, da sie taub geboren sind, sich nur durch Zeichen verständigen können. Vollständig Taubstumme habe ich bei zwei Stämmen, den Tapietes am Rio Pilcomayo und den Yuracäre am Rio Chimore, kennen gelernt. Unter den zivilisierten Indianern habe ich ebenfalls einige Taubstumme getroffen. Bei den Tapietes lernte ich einen taubstummen Greis kennen, der intelligent war und gut behandelt wurde. Alle verstanden die Zeichensprache, die er sprach. Unter den Yuracäres sah ich drei taubstumme Frauen, eine Mutter mit ihren beiden Töchtern. Bei dem letzteren Stamme sollen mehrere Taubstumme Vorkommen. Sämtliche Tapietes konnten mit dem Tauben sprechen. Die für Mitteilungen an ihn angewendete Zeichensprache, benutzen Such diejenigen, die normales Spreclivermögen haben, unter sich, wenn sie sich in der Entfernung stillschweigend etwas mitteilen wollen. Im Vergleich zu den der ärmeren Klasse angehörenden taubstummen Weißen in Ostbolivia scheinen mir ihre indianischen Unglücksbrüder entwickelter und, infolge des Interesses und der Freundlichkeit, die ihnen von der Umgebung gezeigt wurde, glücklicher.

Bei den Tapietes (Yanaygua) am Rio Parapiti war ein Knabe, der vom Rio Pilcomayo war. Ich fragte ihn, ob er Yare kenne, er tat aber, als kenne er ihn nicht. Da machte ich ihm Zeichen, wie ich sie von dem Taubstummen im Dorfe Yares gelernt hatte. Der Junge begann zu lachen und wurde ganz mitteilsam. Das mußte ein komischer Weißer sein, der die Zeichensprache wie ein Tapiete konnte. Die meisten Zeichen der Taubstummen sind rein beschreibend. Einige sind gleichwohl konventionell und von Außenstehenden schwer zu verstehen. Die Lehrer des Taubstummen sind seine Umgebung, seine Mutter, sein Vater, seine Spielkameraden.

Hier unten sind einige von mir bei den Tapietes gesammelte Taubstummenzeichen wiedergegeben. Pferd — man streicht sich mit der rechten Hand, dem Daumen und dem Zeigefinger von der Oberlippe über die Mundwinkel und macht den Mund auf (Abb. 135 A). Katze — man zieht sich am Schnurrbart (die Tapietes haben in der Regel einen kleinen Schnurrbart), d. h. den Schnurrhaaren, und macht eine krallenförmige Bewegung mit der Hand in Katzenhöhe über dem Fußboden. Jaguar — man streckt beide Hände krallenförmig nach vorn und zieht sie geschwind zurück (Abb. 135 B). Puma — man macht wie im Vorhergegangenen und streicht sich außerdem mit der rechten flachen Hand hin und her über den Mund. Fisch — die rechte Hand macht eine den schwimmenden Fisch imitierende Bewegung (Abb. 135 C).

Feuer — man führt den Zeigefinger an den Mund und bläst (Abb. 135 D). Sonne — man macht dieselbe Bewegung wie bei Feuer und zeigt nach oben. Mond — man macht eine schmatzende Bewegung mit dem Mund und zeigt nach dem Himmelsgewölbe. Stern — man macht mit Daumen und Zeigefinger ein Loch (Abb. 135 E) und zeigt kreuz und quer am Himmelsgewölbe. Wasser — man streicht sich mit der flachen Hand über das Gesicht und macht eine trinkende Bewegung. Gut, schön — man streicht die rechte flache Hand über die linke flache Hand (Abb. 133 F). Schlecht — man schlägt mit der rechten Faust auf die linke flache Hand (Abb. 135 G). Die Bewegung wird in gleicher Höhe mit dem Gesicht gemacht. Kalebaßschale — man bildet mit den Händen eine Kale-baßschale. Tragtasche — die Hände werden über den Kopf erhoben und über die Seiten des Kopfes gestrichen (Abb. 133 H). Krug — man bildet mit der Hand eine Krugmündung über dem Boden (Krughöhe) und macht dann eine trinkende Bewegung. Poncho — man streicht sich mit beiden Händen über die Schultern am Körper herunter. Weg — man streckt die Arme und Hände gerade aus und führt sie parallel aufwärts. Weit — man streckt den Arm aus und knipst schnell mit Daumen und Zeigefinger (Abb. 136 I). Nahe — man zeigt mit dem Zeigefinger nach vorn und unten. Er ist gegangen — man streckt den Zeigefinger aufwärts und führt den Arm weg und nach oben (Abb. 136 J). Komm her — man hält die Hand ganz offen und führt den gekrümmten Arm zu sich hin (Abb. 136 K). Fischnetz — man bildet mit beiden Armen das ovale Netz (Abb. 137 L). Mais — man macht dieselbe Bewegung, als ob man den Mais abgriest (Abb. 137 M). Auge — man zeigt auf das Auge. Auf dieselbe Weise werden alle anderen Körperteile ausgedrückt. Freund — man klopft sich auf die Brust und zeigt auf den Freund hin.Mataco — man schlägt mit dem rechten Zeigefinger in die linke flache Hand (Abb. 137 N). Die Ursache, warum die Matacos auf diese Weise bezeichnet werden, ist die, daß die Tongefäßtrommel für sie so außerordentlich charakteristisch ist. Der Zeigefinger ist der Trommelstock und die Hand die Trommel. Choroti — man zeigt auf die Ohrläppchen. In diesen tragen die Chorotis, wie erwähnt, Holzklötze. Weißer Mann — man formt mit den Händen einen Hut und einen Bart. Tanzen — man führt die Arme kreuzweise vor den unteren Teil des Magens. Tod — man wendet die flache Hand schnell nach oben. Frau — man zeigt auf die Brust, alle Finger auf die Brust stellend (Abb. 137 O). Missionar — man macht mit der Hand eine Tonsur auf dem Kopf. Mutter — man klopft sich auf die Brust und macht dabei dieselbe Bewegung, als wenn man eine Frau bezeichnet. Caraguatá — man dreht die eine Hand über die andere (Abb. 137 P). Algarrobo — man legt die Hand auf den Mund und saugt (Abb. 137 R). Messer — man führt die Hände vorwärts (Abb. 137 S) und sticht nach dem Gürtel. Tunpa (großer Geist) — man hält die Arme in die Seiten und zittert. Hübsches Mädchen — man macht das Zeichen für Frau und für hübsch. Seele, Geist (ana) — man öffnet den Mund und macht eine speiende Bewegung nach vorn.

Wenn ich die Ouichuaindianer auf dem Calileguaberge, bei denen wir einen flüchtigen Besuch abgelegt haben, ausnehme, haben wir in diesem Buche zwei Indianerkulturen kennen gelernt, eine ursprünglichere bei den Chorotis und Ashluslays, eine entwickeltere bei den Chiriguanos und Chanes. Zu den ersteren gehören auch die Matacos und Tobas, welche hier nur flüchtig erwähnt sind. Wo diese beiden Indianerkulturen sich treffen, haben wir eine Mischung beider, ein Kontaktvolk. So müssen wir, meiner Ansicht nach, die Tapietes auffassen. Sie sind diejenigen von den Chacostämmen, die den Chiriguanos am nächsten gewohnt und deshalb den meisten Einfluß von ihnen erfahren haben.

Bevor ich mein Buch abschließe, will ich auch über das wenige, das ich von den Tsirakuaindianern weiß, die wir als Gefangene der Tapietes kennen gelernt haben, berichten. Es ist ein Blick in das große Unbekannte, in den nördlichen Chaco, wo noch ein großer, weißer Fleck auf der Karte Südamerikas ist.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern
Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen
Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Der Indianer als Historiker
Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten
Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
Indianerleben – Nahrungszweige
Indianerleben – Zubereitung der Speisen
Indianerleben – Spiele
Indianerleben – Das Leben der Indianerkinder
Indianerleben – Alltagskleidung
Indianerleben – Reinlichkeit
Indianerleben – Vom Mutterleib bis zum Grabe
Indianerleben – Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a.
Indianerleben – Häuptlinge und Gesetze
Indianerleben – Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Sage und Religion
Sage und Religion – 1. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – 2. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – Geister- und Tiersagen
Indianerleben – Die katholischen Missionen unter den Chiriguanos
Indianerleben – Die Furcht vor den Gummigegenden.
Indianerleben – Frondienste für die Weißen
Indianerleben – Die Tapieteindianer
Indianerleben – Kultur und Sprache der Tapieteindianer

Indianerleben