Kategorie: Indianerleben

Wie die Papageien den Tapietes Mais verschaffen.

Es war einmal eine Frau, die hatte „huirakuio“ gegessen. Es wird erzählt, daß sie zwei kleine Klöße aufgespart hatte. Am nächsten Tage, als sie essen wollte und hinging, um sie zu holen, hatten sie sich in kleine Papageien verwandelt. Nach zwei Tagen hatten diese Flügel. Nach fünf Tagen konnten sie fliegen und waren gegangen, um Nahrung zu suchen. Sie hatten Mais gefunden und vier Körner geholt, die sie ihrer Frau gaben. Sie sagten, sie solle dieselben säen. Am folgenden Tage waren sie wieder gegangen, um von diesem Mais zu fressen und waren mit schmutzigem Schnabel zurückgekehrt. Am folgenden Tage hatten sie von dem Mais gegessen, den die Alte gesäet hatte. Sie kamen und sagten zu ihrer Frau, sie solle den Mais holen. Sie waren mit vier Maiskolben zurückgekehrt und hatten jedem von der Familie einen gegeben. Darauf waren sie einen Augenblick ausgegangen und wieder hineingekommen. Es war dort viel Mais, ein ganzer Haufe.

Seitdem haben die Tapictes Mais.

Wie die Tapietes das Schaf bekamen.

Es war einmal eine alte Tapietefrau, die hatte zwei ganz kleine junge Hunde. Alle hatte sie gegessen. Sie hatte nichts. Sie hatte einen Poncho aus Gras. Es wird erzählt, Tunpa sei zur Alten gekommen und habe gesagt: „Ich will deine jungen Hunde mitnehmen, und ich komme zurück.“ Nach drei Tagen kam er mit den Hunden, die trächtig waren, zurück. Er sagte zur Frau, sie solle zehn Stöcke in eine Reihe stellen und die Hunde anbinden. In der Nacht verwandelten sich diese in zehn Schafe, die an die Stöcke gebunden waren. Tunpa sagte, sie solle Ponchos machen, und die Alte machte eine Spindel. Es wird auch erzählt, daß Tunpa gegangen sei, um für die Frau Gesellschaft zu suchen. Er kam mit einem Mädchen und einem Knaben. Als diese groß waren, verheirateten sie sich. Die Frau gebar einen Knaben und danach ein Mädchen. Diese verheirateten sich wieder und bekamen Kinder, die sich wieder miteinander verheirateten. Von diesen stammen alle Tapietes.

Der Raub des Feuers.

Der schwarze Geier hatte Feuer, das er durch den Blitz vom Himmel (ära) bekommen hatte. Die Tapietes hatten kein Feuer. Ein kleiner Vogel, ,,cáca“, stahl ihnen Feuer, es erlosch aber. Sie hatten kein Feuer, um das Fleisch des Wildschweines, des Rehbocks und anderer Tiere zu braten. Sie froren sehr. Der Frosch empfand Mitleid mit ihnen. Er ging zu dem Feuer des schwarzen Geiers und setzte sich dorthin. Als der schwarze Geier sich gerade wärmte, nahm der Frosch zwei Funken und verbarg sie im Munde. Darauf hüpfte er davon und machte dann den Tapietes ein Feuer an. Seit dieser Zeit haben die Tapietes Feuer. Das Feuer des schwarzen Geiers erlosch. Der Frosch hatte alles gestohlen. Die Hände über den Kopf setzte ich der schwarze Geier hin und weinte. Alle Vögel sammelten sich nun, um zu verhindern, daß jemand dem schwarzen Geier Feuer gab.

Das Entstehen der Zahnschmerzen.

Die Alten hatten Zähne aus Silber. Wenn sie aßen, verschluckten sie Knochen, Fleisch und alles. Sie gaben ihren Hunden nichts zu fressen. Dies machte, daß Tunpa Mitleid mit den Hunden empfand. Er gab deshalb den Menschen Samen von Zapallo (Kürbis). Sie aßen Kürbisse und ihre Zähne verwandelten sich in Knochen. Von dieser Zeit an bekamen die Hunde Essen und die Menschen Zahnschmerzen. Diese Sagen von den Tapietes sind Kulturmythen. Wir erfahren hier, wie diese Indianer das Feuer, ihre zwei wichtigsten Kulturpflanzen, den Mais und den Kürbis, sowie ihr nunmehr unentbehrliches Haustier, das Schaf, erhalten haben. Die letztere Sage ist natürlich ganz modern, da die Tapietes die Schafe erst durch die Weißen erhalten haben. Es erscheint mir nicht unmöglich, daß mehrere der Kulturmythen viel moderner sein können, als man im allgemeinen glaubt. Denken wir uns z. B., daß ein Stamm keinen Mais gehabt hat, weil sie Mißernte gehabt hatten und vielleicht aus Hunger gezwungen gewesen waren, aufzuessen, was sie zur nächsten Saat aufbewahrt hatten. Sie müssen da versuchen, neue Saat zu bekommen und werden vielleicht gezwungen, sie einem anderen feindlichen Stamm zu stehlen. Dieses wahrscheinlich gefährliche Abenteuer gibt Veranlassung zu einer Kulturmythe, in welcher, wie immer in der Phantasie der Indianer, die Tiere eine große Rolle spielen.

Die Taubstummen der Tapietes.

Wenn ein Indianer erzählt, so verdeutlicht er die Rede mit Händen und Füßen. Maße und fast immer Zahlen werden durch Zeichen ausgedrückt. Soll er z. B. acht sagen, so tut er dies, indem er acht Finger zeigt. Er hat keine Worte, die Maße bezeichnen, er mißt das Maß mit der Hand oder mit dem Arm. Erzählt er von Tieren, so schildert er die Bewegungen des Tieres äußerst lebhaft durch Gebärden. Er ahmt sie mit der scharfen Beobachtungsgabe des Naturmenschen nach.

Oftmals ist es mir, wenn ich keinen Dolmetscher hatte, mit wenigen Worten und zahlreichen Zeichen, gelungen, mit meinen Freunden, den Indianern, eine recht lebhafte Unterhaltung zu führen. Unter den Indianern gibt es jedoch, wie bei uns, Personen, die, da sie taub geboren sind, sich nur durch Zeichen verständigen können. Vollständig Taubstumme habe ich bei zwei Stämmen, den Tapietes am Rio Pilcomayo und den Yuracäre am Rio Chimore, kennen gelernt. Unter den zivilisierten Indianern habe ich ebenfalls einige Taubstumme getroffen. Bei den Tapietes lernte ich einen taubstummen Greis kennen, der intelligent war und gut behandelt wurde. Alle verstanden die Zeichensprache, die er sprach. Unter den Yuracäres sah ich drei taubstumme Frauen, eine Mutter mit ihren beiden Töchtern. Bei dem letzteren Stamme sollen mehrere Taubstumme Vorkommen. Sämtliche Tapietes konnten mit dem Tauben sprechen. Die für Mitteilungen an ihn angewendete Zeichensprache, benutzen Such diejenigen, die normales Spreclivermögen haben, unter sich, wenn sie sich in der Entfernung stillschweigend etwas mitteilen wollen. Im Vergleich zu den der ärmeren Klasse angehörenden taubstummen Weißen in Ostbolivia scheinen mir ihre indianischen Unglücksbrüder entwickelter und, infolge des Interesses und der Freundlichkeit, die ihnen von der Umgebung gezeigt wurde, glücklicher.

Bei den Tapietes (Yanaygua) am Rio Parapiti war ein Knabe, der vom Rio Pilcomayo war. Ich fragte ihn, ob er Yare kenne, er tat aber, als kenne er ihn nicht. Da machte ich ihm Zeichen, wie ich sie von dem Taubstummen im Dorfe Yares gelernt hatte. Der Junge begann zu lachen und wurde ganz mitteilsam. Das mußte ein komischer Weißer sein, der die Zeichensprache wie ein Tapiete konnte. Die meisten Zeichen der Taubstummen sind rein beschreibend. Einige sind gleichwohl konventionell und von Außenstehenden schwer zu verstehen. Die Lehrer des Taubstummen sind seine Umgebung, seine Mutter, sein Vater, seine Spielkameraden.

Hier unten sind einige von mir bei den Tapietes gesammelte Taubstummenzeichen wiedergegeben. Pferd — man streicht sich mit der rechten Hand, dem Daumen und dem Zeigefinger von der Oberlippe über die Mundwinkel und macht den Mund auf (Abb. 135 A). Katze — man zieht sich am Schnurrbart (die Tapietes haben in der Regel einen kleinen Schnurrbart), d. h. den Schnurrhaaren, und macht eine krallenförmige Bewegung mit der Hand in Katzenhöhe über dem Fußboden. Jaguar — man streckt beide Hände krallenförmig nach vorn und zieht sie geschwind zurück (Abb. 135 B). Puma — man macht wie im Vorhergegangenen und streicht sich außerdem mit der rechten flachen Hand hin und her über den Mund. Fisch — die rechte Hand macht eine den schwimmenden Fisch imitierende Bewegung (Abb. 135 C).

Feuer — man führt den Zeigefinger an den Mund und bläst (Abb. 135 D). Sonne — man macht dieselbe Bewegung wie bei Feuer und zeigt nach oben. Mond — man macht eine schmatzende Bewegung mit dem Mund und zeigt nach dem Himmelsgewölbe. Stern — man macht mit Daumen und Zeigefinger ein Loch (Abb. 135 E) und zeigt kreuz und quer am Himmelsgewölbe. Wasser — man streicht sich mit der flachen Hand über das Gesicht und macht eine trinkende Bewegung. Gut, schön — man streicht die rechte flache Hand über die linke flache Hand (Abb. 133 F). Schlecht — man schlägt mit der rechten Faust auf die linke flache Hand (Abb. 135 G). Die Bewegung wird in gleicher Höhe mit dem Gesicht gemacht. Kalebaßschale — man bildet mit den Händen eine Kale-baßschale. Tragtasche — die Hände werden über den Kopf erhoben und über die Seiten des Kopfes gestrichen (Abb. 133 H). Krug — man bildet mit der Hand eine Krugmündung über dem Boden (Krughöhe) und macht dann eine trinkende Bewegung. Poncho — man streicht sich mit beiden Händen über die Schultern am Körper herunter. Weg — man streckt die Arme und Hände gerade aus und führt sie parallel aufwärts. Weit — man streckt den Arm aus und knipst schnell mit Daumen und Zeigefinger (Abb. 136 I). Nahe — man zeigt mit dem Zeigefinger nach vorn und unten. Er ist gegangen — man streckt den Zeigefinger aufwärts und führt den Arm weg und nach oben (Abb. 136 J). Komm her — man hält die Hand ganz offen und führt den gekrümmten Arm zu sich hin (Abb. 136 K). Fischnetz — man bildet mit beiden Armen das ovale Netz (Abb. 137 L). Mais — man macht dieselbe Bewegung, als ob man den Mais abgriest (Abb. 137 M). Auge — man zeigt auf das Auge. Auf dieselbe Weise werden alle anderen Körperteile ausgedrückt. Freund — man klopft sich auf die Brust und zeigt auf den Freund hin.Mataco — man schlägt mit dem rechten Zeigefinger in die linke flache Hand (Abb. 137 N). Die Ursache, warum die Matacos auf diese Weise bezeichnet werden, ist die, daß die Tongefäßtrommel für sie so außerordentlich charakteristisch ist. Der Zeigefinger ist der Trommelstock und die Hand die Trommel. Choroti — man zeigt auf die Ohrläppchen. In diesen tragen die Chorotis, wie erwähnt, Holzklötze. Weißer Mann — man formt mit den Händen einen Hut und einen Bart. Tanzen — man führt die Arme kreuzweise vor den unteren Teil des Magens. Tod — man wendet die flache Hand schnell nach oben. Frau — man zeigt auf die Brust, alle Finger auf die Brust stellend (Abb. 137 O). Missionar — man macht mit der Hand eine Tonsur auf dem Kopf. Mutter — man klopft sich auf die Brust und macht dabei dieselbe Bewegung, als wenn man eine Frau bezeichnet. Caraguatá — man dreht die eine Hand über die andere (Abb. 137 P). Algarrobo — man legt die Hand auf den Mund und saugt (Abb. 137 R). Messer — man führt die Hände vorwärts (Abb. 137 S) und sticht nach dem Gürtel. Tunpa (großer Geist) — man hält die Arme in die Seiten und zittert. Hübsches Mädchen — man macht das Zeichen für Frau und für hübsch. Seele, Geist (ana) — man öffnet den Mund und macht eine speiende Bewegung nach vorn.

Wenn ich die Ouichuaindianer auf dem Calileguaberge, bei denen wir einen flüchtigen Besuch abgelegt haben, ausnehme, haben wir in diesem Buche zwei Indianerkulturen kennen gelernt, eine ursprünglichere bei den Chorotis und Ashluslays, eine entwickeltere bei den Chiriguanos und Chanes. Zu den ersteren gehören auch die Matacos und Tobas, welche hier nur flüchtig erwähnt sind. Wo diese beiden Indianerkulturen sich treffen, haben wir eine Mischung beider, ein Kontaktvolk. So müssen wir, meiner Ansicht nach, die Tapietes auffassen. Sie sind diejenigen von den Chacostämmen, die den Chiriguanos am nächsten gewohnt und deshalb den meisten Einfluß von ihnen erfahren haben.

Bevor ich mein Buch abschließe, will ich auch über das wenige, das ich von den Tsirakuaindianern weiß, die wir als Gefangene der Tapietes kennen gelernt haben, berichten. Es ist ein Blick in das große Unbekannte, in den nördlichen Chaco, wo noch ein großer, weißer Fleck auf der Karte Südamerikas ist.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern
Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen
Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Der Indianer als Historiker
Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten
Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
Indianerleben – Nahrungszweige
Indianerleben – Zubereitung der Speisen
Indianerleben – Spiele
Indianerleben – Das Leben der Indianerkinder
Indianerleben – Alltagskleidung
Indianerleben – Reinlichkeit
Indianerleben – Vom Mutterleib bis zum Grabe
Indianerleben – Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a.
Indianerleben – Häuptlinge und Gesetze
Indianerleben – Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Sage und Religion
Sage und Religion – 1. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – 2. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – Geister- und Tiersagen
Indianerleben – Die katholischen Missionen unter den Chiriguanos
Indianerleben – Die Furcht vor den Gummigegenden.
Indianerleben – Frondienste für die Weißen
Indianerleben – Die Tapieteindianer
Indianerleben – Kultur und Sprache der Tapieteindianer

Indianerleben

Die Tapietes sprechen dieselbe Sprache wie die Chiriguanos, nämlich Guarani. Im vorhergehenden habe ich berichtet, wie auch die Chanes, pbschon anderen Ursprungs als die Chiriguanos, deren Sprache angenommen haben. Ein Chiriguano, der lange bei den Tapietes gewesen ist, behauptete mit Bestimmtheit, daß sie unter sich eine andere Sprache sprechen, die er nicht verstand. Diese Spuren habe ich auf mehrfache Weise zu verfolgen gesucht. Der Tapiete-häuptling Yare beteuerte jedoch, daß dies nicht wahr sei. Am Rio Parapiti suchte ich in Batiravus Gesellschaft einen Chane, Batcha, auf, der ungefähr ein Jahr mit den Tapietes gelebt hat. Er sagte ebenfalls, er habe sie niemals eine eigene Sprache sprechen hören. Was die Weißen für eine Geheimsprache hielten, sei Choroti, das einige von ihnen sprechen könnten. In der Zeit, die ich bei den Tapietes verlebt habe, habe ich sie nie etwas anderes als Guarani sprechen hören.

Wir kennen somit von ihnen keine andere Sprache, als diese.Kulturell gehören die Tapietes eher zu den Matacos, Chorotis und Tobas, als zu den Chiriguanos. Dies ist besonders für die wilden Tapietes (Yanayguas) der Fall. Die Tapietes scheinen mir deshalb ein zur Mataco-Choroti-gruppe gehöriger Stamm zu sein, der die Chiriguanosprache angenommen hat, obschon sie ihre eigene Kultur bewahrt haben. Das Land der Tapietes ist ein gewaltiges Gebiet, das sich vom Rio Pilcomayo bis zum Rio Parapiti und tief in den großen, unbekannten nördlichen Chaco hinein erstreckt. Es ist ein Land, das zeitweise so trocken ist, daß die dort Lebenden kein anderes Wasser haben, als das, das sie aus der Wurzel des ,,sipoy“ bekommen können. Den Weißen ist es deshalb nicht gelungen, das Land der Tapietes zu erforschen. Diese haben das Glück, ein Gebiet zu besitzen, das den Eroberer nicht hat locken können. Die Schwierigkeit, Nahrung zu finden, und das Eisen der Weißen hat sie jedoch aus ihren Wildnissen herausgelockt und zur Abhängigkeit geführt. Zuweilen sind sie auch gekommen, um bei den Chiriguanos und Chanes zu dienen. Der Hunger hat sie getrieben. Es ist somit nichts Ungewöhnliches, daß die Tapietes mit Kindern, Hab und Gut, Hunden und Schmutz angewandert kommen und sich in der Nähe eines Chiriguano- oder Chane-dorfes niederlassen. Sie müssen dort alle mögliche Arbeit verrichten und werden in Mais bezahlt. Diese Art des Wan-derns ist ganz verschieden von der der Chiriguanos und Chanes, stimmt aber mit den Sitten und Gebräuchen der Matacos, Chorotis und Tobas überein.

In dem indianischen Gemeinwesen gibt es keine Diener, habe ich gesagt. Der Häuptling arbeitet ebenso wie die anderen des Stammes. Wir sehen jedoch hier wieder, daß Indianer des einen Stammes bei Indianern eines anderen Stammes dienen können. Die verschiedene Entwicklungsart der Stämme ist hier der Grund eines sehr’scharfen Klassenunterschiedes. Daß ein Chiriguano einem Tapiete dienen könnte, wäre unsinnig, lächerlich, ebenso unmöglich, als wenn ein Chiriguanomädchen die Geliebte eines schmutzigen Choroti sein würde. Dies hindert jedoch nicht, daß, wie ich gesagt habe, ein Chiriguano sich mit einem hübschen Choroti-mädchen amüsiert. Zur Frau nimmt er sie nicht, das wäre allzu idiotisch.

Innerhalb der Stämme herrscht somit kein Klassenunterschied, zwischen den einzelnen Stämmen kann er dagegen äußerst scharf sein. Die Kultur der Tapietes kann ich hier nicht schildern. Das wäre ungefähr eine Wiederholung des über die Chorotis und Ashluslays Gesagten.1) Von den Chiriguanos haben ihre Männer den Gebrauch des Lippenknopfes, der Tembeta, angenommen. Ihre Weiber sind beinahe wie die Chorotis tätowiert.

Bevor ich diese Indianer verlasse, will ich jedoch einige ihrer Sagen sowie einige Zeichen ihrer Taubstummensprache wiedergeben.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern
Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen
Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Der Indianer als Historiker
Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten
Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
Indianerleben – Nahrungszweige
Indianerleben – Zubereitung der Speisen
Indianerleben – Spiele
Indianerleben – Das Leben der Indianerkinder
Indianerleben – Alltagskleidung
Indianerleben – Reinlichkeit
Indianerleben – Vom Mutterleib bis zum Grabe
Indianerleben – Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a.
Indianerleben – Häuptlinge und Gesetze
Indianerleben – Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Sage und Religion
Sage und Religion – 1. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – 2. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – Geister- und Tiersagen
Indianerleben – Die katholischen Missionen unter den Chiriguanos
Indianerleben – Die Furcht vor den Gummigegenden.
Indianerleben – Frondienste für die Weißen
Indianerleben – Die Tapieteindianer

Indianerleben

Zu diesen Indianern.

Hier habe ich zwei verschiedene indianische Kulturen geschildert, teils eine, die wir bei den noch ursprünglichen Chorotis und Ashluslays kennen gelernt haben, teils eine, die wir am Fuße der Anden bei den halbzivilisierten Chanés und Chiriguanos angetroffen haben. Die Indianer, über die ich hier berichten will, sind dadurch bemerkenswert, daß sie die materielle Kultur der ersteren und die Sprache der letzteren (Guarani) haben.

Ende Juli 1908 verweilte ich über eine Woche bei dem Tapietehäuptling Yare am Rio Pilcomayo, und im August desselben Jahres besuchte ich ihre wilden, unzuverlässigen Stammfreunde am Rio Parapiti, welche dort Yanayguas genannt werden.

Dieser letztere Besuch war recht abenteuerlich. Mit Isiporenda am Rio Parapiti als Ausgangspunkt, hatte ich mit einem Chiriguanoindianer als Dolmetscher ein kleines Yanayguadorf besucht, aus dem die Indianer zu kommen pflegten, um bei den Chanes und manchmal auch bei den Weißen Arbeit zu suchen. Dort hörte ich von einem großen Yanayguadorf, das verborgen im Walde liegen sollte. Ein Yanaygua wurde zu diesen Indianern mit einer Einladung geschickt, mich zu besuchen. Am folgenden Tage kam er mit der Antwort. Sie lautete: ,.Haben die weißen Männer uns etwas zu sagen, so mögen sie zu uns kommen.“ Sie selbst wollten nicht zu dem weißen Mann kommen, der sie möglicherweise fangen und nach den Gummigegenden verkaufen wollte.

Ich entschloß mich sofort für die Visite. Meine schwedischen Begleiter waren natürlich sofort zu dem Abenteuer bereit, und der Dolmetscher, der die Segnungen der Zivilisation durch die Mission kennen gelernt hatte, wurde durch eine Geldsumme mutig gemacht. Mit einem Yanaygua als Wegweiser machten wir uns auf. Über die blendend weißen Sandfelder des ausgetrockneten Rio Parapiti und auf Indianerpfaden reitend, die uns über große Dünen und durch trockene Gebüsche und Wälder führten, kamen wir nach dem Dorf.

Es lag auf einem Hügel in einem Kesseltal. Der Platz war gut gewählt, da das Dorf schwerlich von den Feinden der Yanayguaindianer, den Tsirakuaindianern, überfallen werden konnte, ohne daß die Einwohner Zeit hatten, sich auf die Verteidigung vorzubereiten. Als wir uns dem Dorfe näherten, tauchten überall bewaffnete Leute, wie aus dem Boden hervorgezaubert, auf. Seine Gäste mit Waffen in der Hand empfangen, hielt ich für etwas unhöflich, ich entschuldige aber das Mißtrauen dieser Indianer gegen die Weißen. Vor einigen Jahren waren andere Weiße, wie ich, mit Geschenken gekommen und hatten mehrere Männer in einen Hinterhalt gelockt. Diese wurden gebunden nach Santa Cruz de la Sierra gebracht, um nach den Gummigegenden verkauft zu werden, aber schließlich durch die Vermittlung einiger humaner Leute freigelassen. Ohne auf die Waffen zu blicken und tuend, als würden wir auf die liebenswürdigste Weise empfangen, ritten wir mitten in das Dorf hinein und fragten nach dem Häuptling. Ein Herr in mittleren Jahren, mit einem Schurkengesicht und einem Streitkolben in der Hand, kam zu uns hin und erhielt sofort ein Waldmesser zum Geschenk. Andere Geschenke wurden ausgeteilt, und das Ganze schien sich auf die freundschaftlichste Weise zu entwickeln. Man bot uns Holzklötze zum Sitzen an, und ich packte bunte Halstücher, Messer, rote und grüne Bänder, Nähnadeln, Mundharmonikas und vieles andere aus den Satteltaschen aus und begann einen lebhaften Tauschhandel.

An einem der Lagerfeuer saß eine einsame, verschüchterte Frau. Sie war eine Kriegsgefangene von dem letzten Kriege der Yanaguays mit den Tsirakuas. Diese letzteren hatten eine Yanayguafrau und deren Kind getötet, welchen Mord die Yanayguas bei der ersten Gelegenheit zu rächen beschlossen. Eines Tages befanden sie sich auf einer Wanderung in der Wildnis, um wilde Früchte zu suchen, als sie Spuren von Menschen sahen. Infolge der eigentümlichen Abdrücke der großen viereckigen Sandalen (Abb. 138) verstanden sie, daß die Spuren von den Tsirakuaindianern herrührten. Sie folgten ihnen und kamen in deren Dörfer. Die Tsirakuas wurden sie jedoch gewahr und konnten fliehen. Die Yanayguas folgten den Spuren und spürten am Abend ihr Lager auf. Sie zogen sich jedoch zurück und fielen sie in der allerfrühesten Morgendämmerung an. Der Überfall kam dem Feinde unvermutet, und er suchte seine Rettung in wilder Flucht. Ein Tsirakuamann wurde getötet und zwei verwundet. Zwei Frauen und sechs Kinder, sowie alles, was sie von der Habe der Indianer mitschleppen konnten, wurden die Beute der Sieger.

Mit Ausnahme der Gefangenen übernahm ich die Kriegsbeute. Es war eine bemerkenswerte Sammlung von Grabkeulen, Wurfkeulen, primitiven Werkzeugen, Mänteln aus Bast usw. Eine der gefangenen Frauen (Abb. 134) verkauften die Yanayguas für vierzehn (14) Pesos in schlechtem Branntwein, ungereinigtem Zucker und Sirup an die Weißen. Diese arme Frau hat mir in einer Sprache, von der ich nicht die Worte, aber doch beinahe alles verstand, ihre Leiden erzählt. Sie erzählte von ihren Kindern, die nun mutterlos in der Wildnis waren. Sie lehrte mich auch etwas von ihrer Sprache.

Mit der Sammlung beladen, verließen wir die Yanayguas mit dem gegenseitigen Versprechen, uns wieder zu treffen. Ich glaubte, die Freundschaft sei fest gegründet. Am Abend desselben Tages, an dem wir bei ihnen waren, zündeten die Yanayguas gleichwohl ihr Dorf an und zogen sich in die Wildnisse des Chacos zurück, da sie von vielleicht dem einzigen Indianerfreund, den sie unter den Weißen kennen gelernt hatten, Verrat fürchteten.

Ein Jahr darauf besuchte ich, wie erwähnt, wieder den Rio Parapiti. Von dem ganzen Yanayguastamm war keine Spur vorhanden. Sie waren nach Gegenden verschwunden, in die der Weiße niemals dringt, aus Furcht, vor Durst umzukommen, da er die wenigen Wasserstellen nicht kennt. Die Tsirakuafrau traf ich dagegen bei dem Priester in Charagua, einem Dorfe der Weißen, wohin sie nebst einem kleinen beinahe einjährigen Knaben, den sie während der Gefangenschaft geboren hatte, verkauft worden war. Wir waren richtig gute Freunde, die häßliche Alte und ich. Ich kam zu ihr mit Zucker und Kuchen, und sie zeigte mir mit Stolz und Freude ihren kleinen Jungen, ihren Trost in der Einsamkeit unter den Weißen.

So zog ich weiter.

Der letzte, der sie sah, war Moberg. Eines Tages, als er auf der Dorfstraße ging, traf er eine in Lumpen gehüllte, verzweifelte, verweinte Frau, die ihn am Arm packte und von Haus zu Haus zog, damit er ihr helfe, ihren kleinen Knaben zu finden. Die „Wildin“ aus den Urwäldern des Chacos .verstand instinktmäßig, daß dieser blonde Mann mehr Herz hatte, als die anderen Weißen. Den Knaben hatte der Priester verschenkt oder verkauft, diese arme Frau von allem, dem einzigen, was sie in der Welt besaß, trennend.

Da sie ihr Kind nicht fand, entfloh sie in die Wälder. Ich hoffe, wage es aber nicht zu glauben, daß es ihr gelungen ist, die Ihrigen zu finden, und nicht von den Todfeinden ihres Stammes, den Yanayguaindianern, wieder eingefangen worden ist. Der Besuch beim Tapietehäuptling Yare in Yuquirenda am Rio Pilcomayo, verlief dagegen ganz friedlich. Mir wurden richtig gute Freunde, ja so gute Freunde, daß Yare, nachdem ich das Dorf verlassen hatte, über ioo km ging, um mich zu treffen und mir die Übergriffe der Weißen zu berichten. Yare bildete sich nämlich ein, ich sei ein mächtiger Mann unter den Weißen.

Was konnte ich für ihn tun? Ich schrieb einen Brief an den Gouverneur im Chaco, Dr. L. Trigo, der den Indianern helfen wollte und auch konnte. Der Brief kam niemals an. Als ich in Yares Dorf war, kam eines Tages ein alter, schwacher Tapiete und seine blinde Frau, beide gehegt und gepflegt von einer keineswegs schönen oder jungen Tochter, aus dem Innern des Chacos. Der Greis war krank und die Frauen waren um ihn beschäftigt. Man holte auch den weißen Mann, der auch den Ärzten ins Handwerk zu pfuschen pflegte, aber schwere Fälle nicht liebte. Wenn ein gebrechlicher Greis am Rande des Grabes steht, ist für einen Arzt nicht viel zu tun, und noch weniger für einen Mann, der von der Heilkunde nichts versteht. Trotz meiner und der Frauen Anstrengung starb der Alte. Grenzenlos war die Trauer der Frauen, und auch die Männer weinten. Klageschreie ertönten im ganzen Dorfe.

,,Mein Freund ist tot, mein Freund ist tot“,

schrie und sang die blinde Frau. Ihre Trauer, wenn auch affektiert maßlos in ihren wilden Ausbrüchen, machte auf mich den Eindruck der Echtheit. Die Frauen kleideten den Alten ein. Er wurde in seine besten Lumpen gehüllt und erhielt Sandalen an die Füße. Die Knie wurden ihm bis ans Kinn hinaufgezogen, die Arme kreuzweise über die Brust gelegt und der Kopf abwärts gebogen. So zusammengebogen, wurde er in ein großes Tragnetz gesteckt, das fest um seinen Körper gezogen wurde. Nun sollte der Alte begraben werden. Seine Frau und Tochter wollten ihn in der Hütte begraben, Yare sagte aber, er solle in den Wald getragen werden. Weinend versuchte die blinde Witwe ihrem Manne mit den Händen eine Grube in der Hütte zu graben, der Häuptling war aber unbeweglich. Er und noch ein Mann hängten das Bündel mit dem Mann an eine lange Stange, die sie zwischen sich trugen, um ihn in den Wald zu bringen. Außer diesen beiden bestand der Leichenzug nur aus der Tochter, die ihre blinde Mutter nach dem Grabe des Alten führte. Erst wollte ich mitgehen, dann aber zauderte ich. Der Mensch in mir gewann die Oberhand über den neugierigen Forscher. Ich fühlte, daß ich diese Frauen nicht in ihrer Trauer stören dürfe, daß ich nicht das Recht hatte, mit dem Photographieapparat angelaufen zu kommen. Von Yare hörte ich später, daß der Alte mit einer Kalebasse Wasser im Schoß in eine runde Grube gelegt worden war. Kein Grabzeichen zeigt, wo er liegt. Sobald der Alte gestorben war, schnitten Tochter und Frau die Haare ab und verbrannten sie zum Zeichen ihrer Trauer.

Nach dem Tode des Alten herrschte Trübseligkeit im Tapietedorf. Beständig, besonders des Morgens, hörte man die laute Klage der Frauen, an der auch die Männerteil nahmen. Wir können sicher sein, daß es auch unter diesen Menschen Männer und Frauen gibt, die Hand in Hand durchs Leben gewandert sind, die sich geliebt haben. Dies war das einzige Mal, daß ich einen Indianer habe sterben sehen.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern
Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen
Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Der Indianer als Historiker
Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten
Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
Indianerleben – Nahrungszweige
Indianerleben – Zubereitung der Speisen
Indianerleben – Spiele
Indianerleben – Das Leben der Indianerkinder
Indianerleben – Alltagskleidung
Indianerleben – Reinlichkeit
Indianerleben – Vom Mutterleib bis zum Grabe
Indianerleben – Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a.
Indianerleben – Häuptlinge und Gesetze
Indianerleben – Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Sage und Religion
Sage und Religion – 1. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – 2. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – Geister- und Tiersagen
Indianerleben – Die katholischen Missionen unter den Chiriguanos
Indianerleben – Die Furcht vor den Gummigegenden.
Indianerleben – Frondienste für die Weißen

Indianerleben

Die Chiriguanos und Chanés, die in ihrem eigenen Land bei der zugezogenen weißen Rasse als Diener arbeiten, sind außerordentlich schlecht bezahlt. Dies gilt besonders für abgelegene Gegenden, wo die infolge der Konkurrenz höheren Arbeitspreise in den argentinischen Zuckerfabriken nicht auf die Löhne haben zurückwirken können. Den Chanés am Rio Parapiti wird z. B. selten mehr als 20 Centavos (nicht ganz 35 Pf.) pro Tag nebst Kost bezahlt. Die Frauen verdienen ungefähr halb soviel. Der Verdienst wird den Indianern teils in Branntwein und Zucker, teils in Zeug und Werkzeug ausbezahlt. Das Zeug ist so schlecht, daß ein Hemd aus einem solchen Stoff nicht viel länger reicht, als die Zeit, die zum Verdienen desselben gebraucht wird. Infolge dieses Systems fangen auch die Chanes und Chiriguanos an, wie ihre Stammfreunde in den Gummigegenden im nordöstlichen Bolivia, der Schuldsklaverei zu verfallen.

Zu hoffen ist, daß die vom Ingenieur Herrmann in Gang gesetzten großen Anlagen in San Franzisko am Rio Pilcomayo die indianischen Lohnverhältnisse im allgemeinen verbessern werden. Bezahlt er besser als andere, so kommen alle Indianer zu ihm, und die übrigen Arbeitgeber müssen die Löhne erhöhen. Die Chiriguanos und Chanes sind somit auf dem besten Wege, in den alles andere als glücklichen Kampf zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hineinzugeraten.

Die bolivianische Regierung sollte dafür sorgen, daß die Felder der Indianer ins Grundbuch eingetragen werden, damit die Weißen sich nicht ihrer bemächtigen können. Die Regierung müßte auch die Bedingung aufstellen, daß kein Indianer sein Land verkaufen darf. Auf diese Weise würde die Regierung den Indianern das Besitzrecht am Lande, aber nicht das Eigentumsrecht an demselben zusichern. Die Unsicherheit und die gedrückten Lohnverhältnisse, unter denen diese Indianer leben, tragen natürlich zur Auswanderung nach Argentinien und vor allem dazu bei, daß viele Indianer das Land nicht nur als Saisonarbeiter, sondern für immer verlassen. Will die bolivianische Regierung etwas für die Indianer tun, so muß sie in erster Reihe ein Mittel gegen das schlimmste Übel, und zwar den Alkoholismus, zu finden suchen. Zwischen Maisbier- und Branntweintrinken ist nämlich ein ungeheurer Unterschied.

Ein Indianer, der sich in einheimischen Getränken betrunken hat, ist niemals so auf Streit und Schlägerei erpicht, wie derjenige, der von der Höllensuppe der Weißen gekostet hat. Außer daß der Branntwein die Moral und Gesundheit der Indianer schädigt, ruiniert er sie vollständig. Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie ein Indianer für ein Fäßchen Branntwein seine beste Kuh hergeben kann. Die Brennerei für den eigenen Bedarf ist in Bolivia noch gestattet. Sie müßte verboten werden, ebenso, daß jeder an beliebiger Stelle Alkohol verkaufen darf.

Ganz unvernünftig ist das bolivianische Militärgesetz, das die Indianer zwingt, Militärdienst zu verrichten. Dasselbe kommt zwar sehr selten zur Anwendung, wenn es aber geschieht, und wenn die Behörde einen Jüngling zum Militärdienst abholt, ist er selbst und alle anderen Indianer in der Gegend mit ihm außer sich vor Schreck. Man kann nicht verlangen, daß die Indianer an der Verteidigung des Vaterlandes teilnehmen, bevor sie dieselben Rechte wie andere Bürger haben und wissen, welches ihr Vaterland ist. Es ist unrecht, zu verlangen, daß sie helfen sollen, Bolivia zu verteidigen, die Weißen zu verteidigen, die ihnen, ihren Begriffen nach, ihr Land gestohlen haben. Auch die Chiri-guanos und Chanes lieben ihr Land, aber dieses Vaterland sind nur die Täler und Wälder, in denen ihre Väter gerodet und ihre Mütter Tongefäße für die Feste gemalt haben. Während der Entwicklungsperiode, die Bolivia jetzt durchmacht, ist es wichtig, sich die indianische Arbeitskraft auch hier im Lande der Chané- und Chiriguanoindianer zunutze zu machen.

Trotz ihrer eigenartigen Kultur setze ich keine großen Hoffnungen auf die Zukunft der Chiriguano- und Chanéindianer. Sie werden indessen als ein wichtiges Element der Mestizenrasse einverleibt werden, die in Zukunft allein über die Trockenwälder des Parapititales und die letzten Ausläufer der Anden nach El gran Chaco herrschen wird.

Allmählich vergessen sie wohl ihre Sagen von Tatutunpa und Aguaratunpa und den anderen Göttern. Die Nachkommen Maringays, Vocapoys und der anderen werden dann vielleicht studieren, was über ihre Vorväter in diesem Buche geschrieben ist, das in einem Lande gedruckt ist, wo der Mais nicht reift und die Palmen nur unter Glas wachsen. Sie werden vielleicht nach Norden fliegen, um die Schmucksachen zu sehen, mit denen die Alten bekleidet waren, und die schöngemalten Trinkgefäße, in welchen ihre Stammutter das Maisbier zu den Festen gereicht haben.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern
Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen
Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Der Indianer als Historiker
Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten
Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
Indianerleben – Nahrungszweige
Indianerleben – Zubereitung der Speisen
Indianerleben – Spiele
Indianerleben – Das Leben der Indianerkinder
Indianerleben – Alltagskleidung
Indianerleben – Reinlichkeit
Indianerleben – Vom Mutterleib bis zum Grabe
Indianerleben – Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a.
Indianerleben – Häuptlinge und Gesetze
Indianerleben – Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Sage und Religion
Sage und Religion – 1. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – 2. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – Geister- und Tiersagen
Indianerleben – Die katholischen Missionen unter den Chiriguanos
Indianerleben – Die Furcht vor den Gummigegenden.

Indianerleben