Abbildungen Indische Plastik Skulpturen

Die indischen Religionen gleichen einem tropischen Urwalde. Unaufhörlich überwuchern mit unglaublicher Schnelligkeit neue Schichten den alten Untergrund. Wie man dem Wachsen der Tropenpflanzen zuschauen zu können glaubt, und wie eine kurze Spanne Zeit genügt, um ganze verlassene Städte unter der Urwalddecke gleichsam zu begraben, so wandelt sich das religiöse Leben des Inders fast vor unseren Augen. Ebenso stark, wie der Inder an alten Sitten und Gebräuchen festhält, ebenso rastlos und wandelbar ist sein religiöses Denken und Fühlen. Sekten auf Sekten erstehen, blühen und lösen sich ab. Unaufhörlich erzeugen sich neue Gottheitsbildungen und neue Mythen. Hier wird durch dieses Dickicht indischer Mythologie und religiöser Spekulation nur ein schmaler Pfad gebahnt werden können.

Unter Hinduismus verstehen viele allein den Brahmanismus in seiner neueren Entwicklung etwa seit den ersten nachchristlichen Jahrhunderten im Gegensatz zu den übrigen Religionen Indiens. Das dünkt uns unzweckmäßig und auch ungenau. Niemand vermag zu sagen, wo und wann der Brahmanismus aufhört und der sogenannte Hinduismus einsetzt. Immer deutlicher zeigt es sich, wie weit so viele Gestalten und Gedanken zurückgehen, die man heute hinduistisch zu nennen pflegt.

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Indische Plastik

Einführung.

Man versperrt sich den Zugang zum Verständnis der indischen Plastik, wenn man sie nach den Gesetzen der europäischen oder etwa der ägyptischen Kunst beurteilt. Die erste Vorbedingung für eine Befreiung der Augen von allen Engen ist die Erkenntnis, daß jeder der großen Kunstkreise eine Sendung zu erfüllen hat, wie ja auch jedes große Kulturvolk die Welt um seine an sich wertvolle Eigenart bereichert. Nur das gegenseitige Verständnis wechselt im Laufe der Jahrhunderte je nach der geistigen Haltung der verschiedenen Perioden, die eine nationale Kultur mit Notwendigkeit durchzumachen hat. Für Europa ist unzweifelhaft der Augenblick gekommen, wo sich die Sinne für das Wesen fernöstlicher Kultur zu öffnen beginnen, ja wo viele nicht ohne Berechtigung von den tiefsten Gedanken, die der ferne Osten hervorbrachte, Hilfe aus innerer Not erhoffen.

Die ägyptische Bildnerei steht der indischen in gewisser Weise geradezu gegensätzlich gegenüber. Sie ist vor allem tektonisch. Gesetze, sichtlich der Architektur eingeboren, bändigen Ausdruck und Phantasie. Die Bewegung wagt sich nicht aus dem Block, das Relief nicht aus der hart den Raum umschließenden Wand. Der Ägypter ist Baumeister. Der Inder ist Plastiker. Selten zeigt seine Bildnerei eine Spur von tektonischer Bindung. Freies hemmungsloses Ausdrucksstreben bedeutet alles. Atemlose Leidenschaft, stürmische Bewegung durchglüht sie. Die Gebundenheit gewisser Vishnu- und Buddhadarstellungen darf nicht als tektonisch aufgefaßt werden, sie soll der Ausdruck höchster Erhabenheit sein oder jener gewaltigen götterstürzenden Willenskraft, die man in Indien Yoga nennt, die Haltung schärfster, geistiger Anspannung und Sammlung. In der Mitte zwischen beiden Polen, hier Tektonik, dort Ausdrucks- und Bewegungsüberschwang – Ägypten und Indien steht Europa mit seiner scharf gegliederten und immer irgendwie der Wissenschaft ergebenen Kunst.

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