Wenn die prähistorische Archäologie allmählich immer mehr einen gewissen homogenen Zustand der in Europa sich ausbreitenden und dasselbe eigentümlich kolonisierenden indogermanischen oder arischen Stämme in Bezug auf das häusliche Leben und die Anfänge gewerblicher Thätigkeit aufdeckt, so entsprechen dem auch die Besultate der Untersuchungen über den mythologisch-religiösen Entwickelungsstandpunkt derselben. Neben den überall bei den betreffenden Völkern auftauchenden analogen Naturanschauungen, als Grundlage ihrer Mythologie, erscheint aber schon eine gemeinsame Phase in der Entwickelung der auf jenen hin sich entfaltenden religiösen Vorstellungen und Gebräuche. Die gleichsam noch flüssigen Elemente fangen schon an eine gewisse Consolidierung zu zeigen. Unter anderem tritt uns eine solche höchst bezeichnend in dem sogenannten Baumkultus und den sich daran schließenden mythisch-religiösen Vorstellungen entgegen, welche nicht, wie man bisher gemeint und namentlich Boetticher und Mannhardt in neuerer Zeit mit großer Gelehrsamkeit auszu-fiihren sich bemüht, aus dem Waldleben der Urzeit unmittelbar hervorgegangen, sondern ursprünglich auf Vorstellungen von einem wunderbaren Welt- oder Himmelsbaum zurückzuführen sind, als dessen Abbilder nur gleichsam gewisse irdische Bäume dann eingetreten. Mit diesem Himmelsbaum stehen wir aber im Mittelpunkt einer eigentümlichen, höchst primitiven Welt- resp. Himmelsanschauung überhaupt, welche zu ihrer Zeit die betreffenden Kreise ebenso beherrschte und für andere Vorstellungen als Anlehnung diente, wie später in den historischen Zeiten innerhalb der klassischen und christlichen Welt selbst noch auf dem Gebiete wissenschaftlicher Forschung der Glaube an die angeblich um die Erde als ihren Mittelpunkt sich drehenden Himmelskörper maßgebend war, bis auch diese Vorstellung wieder einem neuen, nämlich dem kopernikanischen Systeme weichen mußte.

Unter den vielen prähistorischen Vorstellungen von der Sonne, oder sagen wir gleich besser, vom Sonnenlicht, wie es mit der Morgenröte sich in den Wolken zu verzweigen beginnt, tritt uns nämlich bei den Indogermanen und, wie ich gleich hinzufügen will, auch bei den Semiten und überhaupt im Orient die Ansicht entgegen, daß man meinte, es sei ein wunderbarer »lichter« Baum, der sich da über den Himmel ausbreite, wie auch Bück er t noch dies Bild eines solchen Sonnenbaumes reproduziert, wenn er singt:

Streife nicht am Boden, schwebe

Dort hinan im Siegeslauf,

Wo im Blauen unbegrenzet

Blüht der Sonne goldner Baum;

oder in volkstümlicher Form ein kleinrussisches Volksrätsel dieselbe Anschauung zeigt, wenn es heißt:

»Es steht ein Baum mitten im Dorfe,

in jeder Hütte ist er sichtbar«

, und die Auflösung dann ist: »die Sonne und ihr Licht.«

Ich habe die betreffende Vorstellung in dieser Weise in Mythe und Kultus zuerst in einem Aufsatz der Berliner Ethnologischen Zeitschrift (v. J. 1874) über den Sonnenphallus, dann in meiner Schrift vom Ursprung der Stamm- und Gründungssage Borns (v. J. 1878) auf das mannigfachste begründet und verfolgt, nachdem ich früher im »Ursprung der Mythologie« p. 130 ff. mit Kuhn nur eigentümliche Wolkenbildungen als Ausgangspunkt für die betreffende Vorstellung, z. B. für die Weltesche Yggdrasil, angenommen hatte, indem wir bei unseren Wanderungen (s. Kuhn und Schwärtz, Norddeutsche Sagen u. s. w. G. 412. 428) für gewisse derartige Wolkenformationen noch die volkstümlichen Bezeichnungen: Abrahams- oder Adams- oder kurzweg Wetterbaum vorgefunden hatten. Da aber die in den erwähnten Abhandlungen von mir gegebenen allgemeinen neuen Ausführungen z. T. anderen Zwecken dienten, so schien es mir bei der Bedeutsamkeit der Sache an sich, namentlich auch in Bezug auf den oben angedeuteten Standpunkt als einer eigentümlichen Religionsphase der in Europa sich ausbreitenden Indogermanen, wohl wert, die betreffende Kultusvorstellung von diesem Standpunkt aus einmal selbständig, wenigstens in den Hauptmomenten zu erörtern.

Mit einigen Bemerkungen greife ich jedoch, des allseitigen Verständnisses halber, auf meine Untersuchungen erst zurück. Das aufsteigende Licht erschien, wie ich speziell daselbst ausgeführt, (im Gegensatz zu einer Rauchsäule als Lichtsäule oder unter dem Reflex eines Baumes als Stamm; die in den Wolken sich verästelnden Sonnenstrahlen als Aeste und Zweige, die Wolken als Blätter u. s. w. Die Sonne selbst (in ihrer kugelartigen Gestalt galt zunächst dabei als eine Art Accidens, welches dann erst allmählich die verschiedensten Nebenvorstellungen weckte, z. B. vereint mit der Vorstellung vom Mond und namentlich den Sternen als zauberhaften Erüchten an jenem (goldenen) Himmelsbaum, u. a. die von einem himmlischen Apfel- oder Feigenbaum.

In dem angedeuteten Sinne spricht, wie ich nachträglich zur Bestätigung meiner Ansicht anführen konnte, der Talmud noch ganz gewöhnlich von der Säule der Morgenröte oder vergleicht das aufsteigende Sonnenlicht mit seinen seitlich hindurchbrechenden Lichtstreifen mit einer aufsteigenden und sich verästelnden Palme, und eine indische Sage führt das Bild noch weiter aus, wenn sie berichtet:

»In der Mitte der Welt ist der Baum Udetaba, der Baum der Sonne, welcher mit Sonnenaufgang aus der Erde hervorsproßt und in dem Maße, wie die Sonne steigt, in die Höhe wächst und sie mit seinem Gipfel berühret, wenn sie im Mittag steht; worauf er wieder mit dem Tage abnimmt und sich beim Sonnenuntergang in die Erde zurückzieht.«

Wenn es mir aber gelungen war, in den Mythen der alten Welt von zauberhaften Bäumen das betreffende Bild als die Urvorstellung zu eruieren, so war damit auch der Ursprung des weitverbreiteten Säulen- und Baumkultus nachgewiesen. Wie meistenteils wurde nämlich das himmlische Bild in einem irdischen Abbilde nachgeahmt. Eine Säule, ein aufgerichteter Stamm vertrat die himmlische Lichtsäule als ihr irdisches Substitut, und allmählich reihte sich daran eine Art Kultus, wie wir ihn noch jetzt z. B. bei rohen Stämmen Indiens in der primitivsten Weise als Mittelpunkt ihrer Religion wiederfinden, wenn sie einen solchen Stamm mit Ocker bemalt und meist noch mit einem ungeheuren Ungarn versehen, in ihren Niederlassungen aufrichten, — eine Symbolik, die dann in den verschiedensten Variationen, mehr oder minder reich entwickelt, bei den Völkern der alten Welt noch mannigfach hindurchbricht, bei den Deutschen speziell sich in der Irmensäule erhalten hat Ebenso fand der Naturmensch, als jener Wunderbaum, von jenem natürlichen Urbild am Himmel sich gleichsam allmählich loslösend, in der Tradition selbständige Gestalt und Wurzel faßte, in alten, viele Generationen von Menschen überdauernden Exemplaren von Bäumen, die in ihrer Gewaltigkeit ihm imponierten und selbst der Vorzeit anzugehören schienen, Anknüpfung zu irdischer Lokalisierung und einer Substituierung in ähnlicher Art im Kultus1). Nicht bloß im Himmel, auch auf Erden finden wir nun den alten Lichtbaum unter den verschiedensten Formen in der Sage wieder; was sie aber von ihm erzählt, bestätigt überall den behaupteten Ursprung der Vorstellung, denn es stammt meist alles von dem himmlischen Urbilde her. Die Tradition hat eben den wunderbaren Stoff in der Hauptsache mit der Phantasie festgehalten und ihn nur zum Teil im Fortschritt der Zeiten verschiedenartig gestaltet, so daß nur die Wissenschaft hinter den individuellen Bildern den Analogen Hintergrund herausfindet. Denn sonst gilt auch hier der Grundsatz, den ich zuerst in meiner Schrift vom »Heutigen Volksglauben« u. s. w., Berlin 1850 (2. Aufl. 1862) aussprach, daß die Tradition, namentlich in ihrer äußeren Gestaltung, dem Leben der Völker nachgeht und danach sich vielfach wandelt.

Tritt nun jene Vorstellung des betreffenden Himmelsbaumes, wie Kuhn in seinem Buche »Über die Herabkunft des Feuers und Göttertrankes« s. Z. nachgewiesen, bei Indem wie Persern charakteristisch hervor, obgleich, wie ich sofort hervorheben will, echt phantastisch-orientalisch ausgemalt, so sehen wir in den mythologischen Massen der europäischen Arier das betreffende mythische Element des himmlischen Sonnenbaumes mehr in einer gewissen plastischen Einfachheit gefaßt, daneben aber doch in voller Naturwüchsigkeit sich geltend machend und überall gleichsam mit stets neuen Schößlingen in Mythe, Sage, Märchen und Kultus immer wieder Wurzel treibend und zu neuen Gebilden sich gestaltend. Wenn die so historisch entstandene Mannigfaltigkeit in den einzelnen lokalen Gestaltungen bisher jenen einheitlichen Hintergrund hat verkennen lassen, so legt nach unserm Standpunkt dies nur dafür Zeugnis ab, daß die betreffende Anschauung noch lebendig inmitten einer um sie sich immer reicher entfaltenden und in den verschiedenen Stammes- und Lokalkreisen sich mannigfach gestaltenden Naturbetrachtung und mythischen Produktion stand. Die Phantasie brachte nämlich hier und dort in der verschiedensten Weise die anderen, gleichfalls im Himmel um den Weltenbaum auftretenden atmosphärischen Erscheinungen, wie Sturm, Blitz und Donner, kurz das ganze Treiben am Himmel mit ihm in fernere oder nähere Beziehung, so daß, je nachdem die Tradition dies religiös oder historisch, poetisch oder in einem die geglaubte Scenerie nachahmenden Gebrauch verwertete, die mannigfachsten Spielarten jeder Gattung und die oft anscheinend heterogensten Stoffe daraus wurden, während der eigentliche Mittelpunkt, um den sie sich wie Krystalle angesetzt, derselbe ist

Um diesen Entwickelungsprozeß zu verstehen, um den behaupteten einheitlichen Ausgangspunkt des betreffenden Baumkultus, wie er auch bei Griechen und Römern, Nord- und Südgermanen, ja auch Kelten in Sage und Kultus uns entgegentritt, zu erkennen, muß man vor allem die erwähnten Acci-dentien der übrigen Himmelserscheinungen in ihren mannigfachen Formen und daran sich knüpfenden verschiedenen Gestaltungen von dem gemeinsamen Hintergrund erst gleichsam loslösen und in ihrer Besonderheit fixieren, weil sie vor allem es sind, welche den Bildern das bunte Kolorit verleihen, welches den ursprünglich analogen Einschlag des Gewebes zunächst verdeckt und so verkennen lässt, daß es ursprünglich dasselbe Material ist, welches nur in verschiedenen Orten und anderen Zeiten anders verwendet worden ist.

Die hauptsächlichsten mythischen Elemente, welche sich nun im Anschluß an die verschiedenen atmosphärischen Erscheinungen um den Sonnenbaum in den Sagen gruppieren, sind zunächst folgende:

I. In theriomorphischer Auffassung der Wolken galt:

A) Die drohend hängende Gewitterwolke, (die pen-dentia vellera lanae des Lncrez) als ein Fell, eine Art Aegis und erschien am Sonnenbaum so u. a. aufgehängt. Poet. Kat II. p. 1 ff. u. 35 ff.

B) Dahinschwebende Wolken, (die volantes nubes des Lucrez) erschienen daneben als Vögel verschiedener Art, die helleren, lichteren besonders als Schwäne1), z. T. auch als Tauben.2) ürspr. d. Myth. 155. 161. 194. 199. 205. 215. 218. 270. 275. Poet. Kat. I. 21. 28. 115—119. 173. 188. 190. Die grosse dunkle Gewitterwolke galt von diesem Standpunkt aus speziell als ein schwarzer Aar ((ff. aquilo und aquila, sowie den Adler als Blitzträger des Zeus u. dergl.). Schwartz, »Der heutige Volksglaube und das alte Heidentum«, Berlin, II. Aufl. 1862 p. 67 ff. Urspr. d. Myth. p. 199 ff. Poet. Kat L 16 f. 108. H. 34.

II. Der sich schlängelnde Blitz erschien als Schlange oder Brache. Urspr. d. Myth. 1—159. Poet Nat. n. 83 ff.

III. Der Zickzackblitz leuchtete als Gehörn eines himmlischen Hirsches oder galt als „springende Geiß“, wie .der nordische Thor auch mit Böcken fährt Poet Nat I. 42 1 75. H. 93 ff. cf. Urspr. d. Myth. 219 ff.

Da haben wir beispielsweise schon den Keim verschiedener, um den himmlischen Lichtbaum sich gruppierender, bekannter mythischer Bilder.

No. LA. und No. II. Vließ und Drachen zeigen uns sofort in Verbindung mit dem Sonnenbaum im östlichen Sonnenlande der griechischen Mythe den heiligen Baum der Argonautensage, an dessen Zweigen das goldene Vließ hängt, bewacht von einem gewaltigen Drachen. Im Westen entspricht ihm, — denn Ost und West gelten in mythischer Hinsicht oft in gleicher Weise als Sonnenlokalitäten, — der hesperidische Wunder-Apfelbaum (s. oben), dem der hütende Drache nicht fehlt. Nach dem einen zieht Jason, nach dem andern Herakles.

Gehört beides mehr der in der Feme am Weltrande sich lokalisierenden Sage oder, fast möchte ich in diesem Falle sagen, dem »Märchen« an, so vergleicht Boetticher schon mit Recht hiermit und führt auf dasselbe mythische Element die Sage zurück, nach der es zu Athen hieß: Athene habe eigenhändig den schlangengestaltigen Heros Erichthonios zum Wächter ihres heiligen Baumes auf die athenäische Burg getragen (p. 19 cf. 206). Die Richtigkeit der behaupteten Beziehung tritt um so schlagender hervor, als Boetticher die weitere Verbreitung des betreffenden Bildes nachweist (wenngleich er nach dem bisherigen vulgären Standpunkt irrtümlich dabei an irdische Bäume und an die Schlange als Dämon der Erde (!) denkt). »Nicht nur heilige Bäume, die aus der Sage berühmt sind«, sagt er p. 205, »haben diesen ihren Schutzheros (den Schlangendämon), — eine Menge Bildwerke, auf denen sich die Baumschlange schützend um den heiligen Baum windet, zeigen die Verbreitung dieses Gedankens in der alten Welt«, d. h. wie ich meine, die ursprünglich am Himmel angeblich gefundene Be-ziehungvom Sonnenbaume und der Blitz esschlange(resp. des Gewitterdrachens) und ihre mannigfache irdische Lokalisierung.

In ähnlicher Weise zeigt No. I. B. verbunden mit Nö. II. und HI. (d. h. das mythische Vogelelement mit Schlange, Hirsch, Geiß um den Sonnenbaum sich gruppierend) auf die nordische, durch alle Welt sich ausbreitende Esche Yggdrasil hin, den hohen immergrünen d. h. ewigen Baum, den »weißer Nebel« netzt, wo nach der Edda in Urds Brunnen zwei Schwäne sich nähren, »von denen das Vogelgeschlecht dieses Namens kommt«, während oben auf dem Baum ein kluger Adler sitzt, am Fuß aber nicht bloß die mythische Schlange (namentlich dieNidhöggr), sondern auch nochHirsch und Ziege bedeutsam auftreten. Wenn dieser Hirsch dann in weiterer Beziehung zur Sonne gebracht wird und als sogenannter Sonnenhirsch in den Sagen eine besondere Rolle spielt und bedeutsam wird, so charakterisiert ihn in dem angedeuteten Gewitterkreise zunächst noch höchst bezeichnend der Umstand, daß es von seinem Geweih bei der Esche Yggdrasil nach Hrwergelmir, dem Brunnen Niflheims, tropft, wovon alle Ströme kommen. Geht dies auf die Regenwasser die beim Erscheinen, d. h. dem Heraufkommen des dunklen Nebelreichs am Himmel,3) von dem kolossal zu denkenden Gewittertier zu triefen schienen, so bezieht es sich auf die weißlichen Wolken, die ursprünglich als eine Art himmlischer Milch gedacht wurden, wenn von den Eutern der Himmelsziege Heidrun, der nordischen Amaltheia, so viel Milch fließt, daß die Einherier in Odhins Halle vollauf davon zu trinken haben.

Zur Esche Yggdrasil stellt sich nun weiter als Dublette, auch auf dem Boden der nordischen Mythologie, der auch über alle Lande gehende Baum Mimameidr, wie ich Urspr. d. M. 206 ff. ausgeführt, besonders da auf seiner Höhe auch ein Yogel und zwar ein Hahn (Auer- oder Birkhahn?) sitzt, schwarz und goldig zugleich, was an Lenau’s Yerse von der Gewitternacht erinnert, wenn er sagt:

Als wie ein schwarzer Aar, des Flügel Feuer fingen,

So schlägt die schwarze Nacht die feuervollen Schwingen.

Wir werden nachher in der dodonäischen Eiche noch in anderen Beziehungen mannigfacher Art ein irdisch lokalisiertes Abbild unseres himmlischen Lichtbaumes auf griechischem Boden wiederfinden, hier mag genügen, darauf hinzuweisen, daß nicht bloß bei der Esche Yggdrasil und dem Baum Mimameidr, ebenso wie bei den indischen und persischen Sonnenbäumen göttliche oder zauberhafte Vögel eine Rolle spielen (Urspr. d. röm. Stammsage 15 f.), sondern auch auf der dodonäischen Eiche, bei der alle Mythen, wie wir sehen werden, mit der weissagenden Kraft des Himmelsbaumes in Verbindung gebracht werden, nach Herodot (2,55) ein schwarzer, zauberhafter Yogel, nämlich eine schwarze Taube (a&Uta (tikacva) sich gezeigt haben sollte, die mit menschlicher Stimme verkündete, daß dort ein Orakel des Zeus sein solle. Aber nicht dies allein, auch sonst verbindet die Sage die Peleiaden dort mit dem Dienst des Zeus mannigfach und höchst charakteristisch, indem es, wie Perthes ebenso fein als ausführlich dargelegt hat, oft kaum zu unterscheiden ist, ob damit weissagende Nymphen oder Tauben gemeint, weshalb er sie auch den Schwanjungfrauen der deutschen Sagen vergleichen möchte. Nichts aber beweist mehr die ursprüngliche Wolkennatur der dodo-näischen Peleiaden, als dieser Umstand, daß sie in der Ueber-lieferung bald als Frauen, bald als Vögel erscheinen, und daß zugleich, wie eben erwähnt, keine dieser beiden Gestalten bei einer genaueren Prüfung Stich hält. Diese Doppelnatur teilen sie mit den deutschen Schwanjungfrauen, die in kühler Flut badend am Ufer den Schwanring oder das Schwanhemd ab-legen und der Gewalt dessen verfallen, der ihnen dies raubt, sowie mit den drei Tauben, die in einer deutschen Dichtung zu einer Quelle fliegen und als sie die Erde berühren, zu Jungfrauen werden, denen dann Wieland die Kleider entwendet und nicht eher wiedererstattet bis sich eine derselben bereit erklärt, ihn zum Manne zu nehmen, und endlich mit den drei weissagenden Meerweibern, denen in dem Nibelungenlied Hagen das Gewand weggenommen hatte und die vor ihm »wie Vögel aus der Flut aufschwebten.« Wenn Perthes dabei Grimm D. M.’p. 399 citiert, so füge ich aus der letzten Stelle noch hinzu, daß Grimm die letzteren Wesen unbedenklich auch speziell als Schwanenjungfrauen faßt, und mache in betreff der alten weiten Verbreitung und mannigfachen Nüan-cierung des betreffenden Zuges noch darauf aufmerksam, daß auch Aeneas bei Virgil von einer der oft auch in der Dreizahl auftretenden Harpyien, nämlich der Keläno, nachdem er sie im Kampf gestellt, eine Weissagung empfängt, ebenso wie Hagen, und daß die Harpyien recht eigentlich in drastischer Weise, wie ich nachgewiesen, die Gewittervögel repräsentieren, s. Urspr. d. M. im Index unter Harpyien.

Kurz, wenn wir hinzunehmen, daß auch Tauben nach Homer täglich dem Zeus den Göttertrank bringen, — ein Moment, auf das wir übrigens nachher noch einmal bei den am Himmelsbaum auftretenden Quellen und Tränken zurückkommen müssen, — so stellen sich die Tauben mit samt den Peleiaden zu Dodona ganz zu den nordischen Schwanjungfrauen nicht bloß in analoger Gestaltung, sondern auch charakteristischer Thätigkeit, denn auch die Schwanjungfrauen reichen den Göttern und Einheriern den himmlischen Trank und berühren sich mit den weissagenden Nomen, wie schon Grimm M. p. 397 ausführt Ja unter dem Reflex der angeführten Momente werden wir auch jetzt in den oben bei der Esche Yggdrasil erwähnten, im Nornenbrunnen schwimmenden Schwänen eine Bestätigung und Beziehung dafür finden. Während sonst Peleiaden und Schwanjungfrauen in gleicher Weise zwischen Nymphen und Yögeln schwanken1), hätte dann hier an der Esche Yggdrasil nur eine direkte Sonderung in Nomen und Schwäne stattgefunden: beides, sowohl das Schwanken zwischen verschiedenen Gestalten, sowie die Aussonderung und Ausbildung dann zu verschiedenen Bildern sind Entwickelungsphasen, wie sie oft die alten Mythen nebeneinander zeigen.

Daß der Ficus Ruminalis der römischen Stamm- und Gründungssage mit dem ihn umfliegenden und die göttlichen Zwillinge (Romulus und Remus) ätzenden Specht auch hierher gehört, habe ich ausführlich in der Schrift: »Der Ursprung der römischen Stamm- und Gründungssage« u. s. w. Jena 1878 dargethan, cf. Praehist Studien p. 416 ff.

IV. Tritt zum Sonnenbaum der Regenquell (Urspr. d. M. 60. 166. 256) und erklärt, warum bei allen heiligen, überhaupt mythischen Bäumen der Indogermanen ein Quelle fast nie fehlt und an den sich bei jenen entwickelnden mythischen Bezügen in der Sage Anteil erhält, mit dem Baum z. B. die Quelle resp. die Quellennymphen weissageriseh werden.

V. Neben die oben erwähnten tiergestaltigen Wesen treten bei weiterer mythischer Entwickelung menschenähnliche, neben Wolken- und Sturmesgeister besonders Wolkenwasserfrauen und lichte, strahlende Sonnen-, überhaupt Eimmelswesen (männlich und weiblich); sie erscheinen dann anf, unter, überhaupt hei dem heiligen Baum.

VI. Schließen sich an dies letztere die Epiphanien, so knüpft sich an diese, wie an den Baum selbst, in den verschiedensten Formen, wie schon angedeutet, eine alte Art Weissagung. Der Stnrm näihlich und der murmelnde Donner, die zu allen Zeiten als himmlische Stimmen galten, schienen von dem Baum oder seiner Umgebung, z. B. aus dem himmlischen Quell (dem Regenquell) auszugehen und ließen alles daselbst (Baum wie Quell) als weissagerisch erscheinen.

Verfolgen wir zuerst die nach No. IV. durch den Regenquell erweiterte himmlische resp. irdische Scenerie, so treten uns alle drei Momente: Drache, Himmelsbaum und Quelle bedeutsam zunächst noch in den Schilderungen der Drachenkämpfe hervor. Die Quelle ist fast typisch überall, der Baum ist auch noch hinlänglich gekennzeichnet Von den Beziehungen des Gewitterdrachen zu den himmlischen Wassern habe ich zunächst Urspr. d. M. p. 58 ff. des ausführlichen gehandelt. Mit Recht sagt schon, wie ich daselbst anführte, Rochholz:

»Alle Drachensagen spielen an Gewässer und Sumpf, die Winkelrieds-Sage am Bache des Rozloches und am Oedwiler-sumpfe, die Sintram- und Betramsage an der Giesenau der Burgdorfer Emme, der Beatusdrache am Beatenfall des Thuner Sees, der Pilatusdrache am Pilatussee und im Kriensbache.«

»In der älteren Sage zeigt sich dasselbe Verhältnis. Der Beowulfedrache wohnt an der Meeresklippe, der Siegfriedsdrache an der hohlen Wand am Ehein, König Frotho erschlägt den Drachen, der von der Tränke auf der Insel zurückkommt, und sein Sohn Eridler tötet den andern, der eben aus dem Gewässer auftaucht«.

Ich vervollständige jetzt die Scenerie, indem ich auf die dabei typisch auftretenden Bäume hinweise, und lasse zunächst wieder Boetticher für mich sprechen, der gerade jene Scene vom Drachenkampf des Apollo ergänzt Er sagt p. 116:

»Ist aber die sakrale Verehrung von solchen Bäumen, welche in den Mythos einer Gottheit oder die Vorgeschichte eines Stammes und Ortes eng verwebt sind, nicht immer geradezu bemerkt, so schimmert sie gleichwohl sehr deutlich durch die Vorgänge hindurch, bei welchen sie erwähnt wird und als deren Zeuge sie dasteht Der heilige Lorbeer Apollos auf der Burg zu Megara zeigt dies recht deutlich.«–

»Weiter giebt die Platane zu Delphi hiervon einen Beweis. Diese Platane stand neben dem Strudel der Kastalia in der delphischen Thalschlucht, an sie knüpfte die berühmteste Sage des delphischen Heiligtums an. Unter ihren Zweigen lag nämlich der heilige Stein, auf welchen sich Leto mit ihren Kindem rettete – als sie vom Python angefallen wurde«.

Hier entwickelte sich also dann der Drachenkampf gerade wie auch in der entsprechenden Sage vom Kampf des Herakles mit der Hydra eine Platane neben den Quellen der Amymone ausdrücklich erwähnt wird1), im Kampf des Kadmos mit dem Drachen die Aresquelle in dem Hain, »den noch nie ein Beil verletzet«, bekannt ist, Siegfried den Drachen nach dem Nibelungenliede auch unter einer Linde tötet, auf deren Zweigen wohl auch die wahrsagenden Vögel sitzend zu denken sind und dergl. mehr1). Alles dies sind nach unserer Deutung nur Niederschläge resp. Localisierungen derselben himmlischen Scenerie. Im Lande des himmlischen Lichtbaums und des Regenquells wurde ursprünglich der Kampf ausgefochten, in welchem der Sturmes- und Jagdgott Apollo, mit Regenbogen und Blitzpfeil ausgestattet, den Gewitterdrachen besiegt oder seine heroischen Analoga, die Herakles, Kadmos, Siegfried u. s. w., den Streit ausgefochten haben sollten.

Entsprechend diesen Scenerieen der Drachenkämpfe kehren auch in den Kopien des betreffenden HimmelsterTains unter Bildern mehr friedlicherer Art dieselben Elemente wieder. Wie Boetticher an der oben angeführten Stelle schon von dem allgemein verbreiteten Auftreten der sogenannten Baumschlange bei den heiligen Bäumen als eines Schutzdämons gesprochen, sagt er auch von dem Vorkommen einer Quelle p. 47, »daß nur ausnahmsweise den heiligen Bäumen bei den Griechen der Weihequell fehle, ja auch in Bildwerken er sich angedeutet finde.«

Das Zusammentreffen dieser beiden Elemente geht, wie die ganze der Sache zu Grunde liegende Uranschauung, weit über die indogermanischen Kreise hinaus. So sagt z. B. auch Movers, Die Phönizier. Bonn 1841. p. 580, indem er natürlich von seinem Standpunkt aus nur an irdische Verhältnisse denkt, doch aber damit realiter meine Behauptung unterstützt:

»Man sieht aus diesen Stellen, daß ein Mschgrünender oder dicht belaubter Baum, darum die ewig grüne Terebinthe, die stark- und dicklaubige Eiche oder ein Baum, der, an einer Quelle, an einem Bache gepflanzt, wie die Pappel oder Bach weide, auch im heißesten Sommer nicht entblättert wird, zu dieser Baumverehrung wesentlich gehört.«

Ihrem Ursprung nach gehörten eben schon einfach Baum- und Quellenkultus zusammen. Wir werden für diese Verbindung und für den ursprünglichen Hintergrund der betreffenden Quellen bei der Scenerie von Dodona und bei der von der Esche Yggdrasil, sowie bei der Schilderung des Kultus, der sich an Bäume und Quellen knüpfte, noch besondere Momente charakteristisch zur Bestätigung unserer Ansicht eintreten sehen; zunächst möge das Folgende die lokale Verbreitung der Sache selbst etwas ausführen.

Die Kastalia-Quelle zu Delphi bei der dortigen Platane ist schon erwähnt worden, ebenso stand die heilige Palme zu Delos nach Hom.  Desgleichen wird bei der berühmten Platane zu Gortyna auf Kreta, die dem Zeus heilig und wunderbarer Weise »ewig grün« gewesen sein und auch im Winter nicht ihre Blätter verloren haben sollte, eine Quelle erwähnt; auf derselben Insel stand auch eine andere heilige Platane bei Knossos ebenfalls am WasseT, nämlich am Flusse Theren. Die heilige Weide der Hera zu Samos war am Flusse Imbrasos; bei der Platane in der Nähe von Kaphyä, welche Menelaos gepflanzt haben sollte und die man nach ihm nannte, befand sich nach Pausanias eine Quelle gleichen Namens. Am Kallichorosbrunnen bei Eleusis stand der heilige Oelbaum, an welchen sich die Begrüßung der Demeter durch die Töchter des Keleos knüpfte. Daß auf der Akropolis bei dem Oelbaum der Athene eine Quelle war, ist bekannt, und wenn Poseidon sie durch seinen Dreizack hervorgerufen haben sollte, so zeigt dies auch auf den Himmel, nämlich auf das trisulcum fulmen hin, welches den Regenquell weckt1). Das wären so die bekanntesten, in der Litteratur besonders erwähnten Stätten der Art in Griechenland außer der berühmten, sagenumrauschten Eiche von Dodona und ihrem Quell. Für den letzteren speziell und seine Charakteristik möge Perthes eintreten. Indem er a. a. 0. sich meiner Erklärung über den Ursprung der dortigen Weissagung anschließt, daß es nämlich das Sausen des Sturms und das Tönen des Donners war, was zu Dodona als himmlische Stimmen gefaßt den physischen Hintergrund der dort herrschenden religiösen Anschauung ursprünglich bildete, welche bei irdischer Lokalisierung der Scenerie dann die entsprechende weissagende Stimme (des Gottes) aus dem Bauschen des im Winde bewegten Bfcumes und dem Schall der ehernen Becken — auch einer Nachahmung des Donners z. B. in der Saimoneussage — wahrzunehmen wähnte1); sagt er p. 35 zum Schluß seiner Auseinandersetzung:

»Noch deutlicher als die betreffenden, eben erwähnten Schallapparate aber weisen die Eigenschaften, welche man der wunderbaren dodonäischen Quelle beilegte, auf die Erscheinungen des Gewitterhimmels hin. Servius berichtet, daß unter den Wurzeln der Eiche eine Quelle hervorsprudelte, die durch ihr Murmeln auf Antrieb der Götter Orakel gab; dieses Gemurmel habe eine Alte, mit Namen Pelias, den Menschen gedeutet. Schon der Name Pelias, griechisch nskuaq, führt uns auf das Naturgebiet, welchem, wie sich zeigte, die Peleiaden zugewiesen werden mußten.«

»Von der höchsten Bedeutung aber ist weiter eine Notiz des Plinius über eine andere angebliche Eigenschaft der dodonäischen Quelle, daß sie nämlich, obgleich sie kalt sei und eingetauchte Packeln erlöschen lasse, ausgelöschte, die hineingesenkt würden, entzünde.«

»Diese Angabe ist so auffallend, daß sie wohl von jedem Naturforscher in das Beich der Fabeln verwiesen werden wird. Es ist daher einleuchtend, daß mit den Fackeln, die sich in der Quelle von selbst entzündeten, nur die in der Gewitterwolke (immer wieder auf-) zuckenden Blitze gemeint sein können. Wer erinnert sich nicht des (schon oben erwähnten) Salmoneus, der mit Kesseln den Donner, durch Fackeln aber des Zeus Blitze nachahmen will? Wie naheliegend diese Vorstellung ist, zeigt die Stelle aus einer modernen Schilderung des Gewitters, welche Schwartz (im Ursp. d. M.) zum Beweise für seine Deutung der Fackel der Hekate anftihrt: »Die Fackel des Blitzes ist ausgelöscht, und die zornige Stimme des Donners verstummt.« — »Das griechische Wort dcdog, an welches ebenfalls Schwartz erinnert, bezeichnet sogar geradezu die Fackel sowie den Blitz«.

— So Perthes, dem ich nicht nötig habe, irgend weiteres für unseren Zweck hier hinzuzusetzen.

Während so der Dodona-Baum und seine Quelle deutlich ein irdisches Substitut des himmlischen Baumes und der Regenquelle mit allen ihren Wundem ist, spielt auch die Esche Yggdrasil, wenn sie sich gleich mit ihren drei Wurzeln durch alle Welten verzweigt haben sollte, worüber ich Poet. Nat. I, 51 gehandelt habe, doch recht eigentlich mitsamt ihren Quellen, zumal an ihr die Götter noch stetig verkehren, ursprünglich deutlich am Himmel.

Mannhardt hat die Beziehung der Quellen derselben zu den himmlischen Wassern in seinen Germ. Myth. v. J. 1859 p. 543 ff. schon des ausführlicheren dargelegt, auch einzelne andere Momente schon im ähnlichen Sinne, wie ich sie hier deute, zu fassen sich geneigt gezeigt, so daß es doppelt auffallend ist, daß er auch hier gerade bei der Esche Yggdrasil in seinen späteren Schriften, wie schon oben angedeutet, sich von Kuhns und meinen Forschungen »loszulösen«, wie er sich ausdrückt, veranlaßt gesehen hat, indem er sich hier mehr Sim-rock anschließt.2) Wenn Mannhardt z. B. in seinem »Baumkultus« v. J. 1875 p. 56 Nyerups Hypothese, »daß der vor dem Göttertempel in Upsala an einer Quelle stehende, Sommer und Winter grünende Baum ein irdisches Abbild von Yggdrasil mit dem Urdharbrunnen war, verwirft und sagt: »Nyerups Hypothese ist umzukehren. Solche Bäume waren nicht Nachbildungen, sondern Yorbilder des in norwegischen und isländischen Liedern des 10. und 11. Jahrhunderts uns entgegentretenden Weltbaumes «, so schließe ich mich, dem und den weiteren Konsequenzen, die er daraus über die Entwickelung des ganzen Baumkultus zieht, gegenüber, hierseinenfrüheren, Kuhns und meinen Forschungen homogeneren Auseinandersetzungen an und denke diese unsere Auffassung jetzt noch durch einzelne interessante neue Momente weiter auszuführen und dem ganzen von mir behaupteten Hintergrund des alten Baumkultus entsprechend zu entwickeln.

Mannhardt sagte also s. Z.in den Germ. Myth.p. 543: »Der Urdharbrunnen ist ein himmlischer. Gylfag. 15 sagt ausdrücklich: »Die dritte Wurzel der Esche erhebt sich im Himmel. Dahin reiten die übrigen Äsen zu ihrer neben dem Urdharbrunnen an der Esche Yggdrasil gelegenen Gerichtsstatt über die Brücke Bifröst, d. h. den Begenbogen hinauf, Thor aber  watet, um eben dahin zu gelangen, durch die Gewittergüsse .« —

»Wenn es heißt, daß das Wasser des Urdharbrunnens so heilig ist, daß es alles verjüngt und verklärt, so ist das deutlich dieselbe Eigenschaft, welche dem Jungbrunnen der Idhun zusteht.«

— p. 545 heißt es dann:

»Der Brunnen Mimirs, welcher unter der zweiten Wurzel der Esche Yggdrasil liegt, ist wiederum nichts anderes, als ein Bild dos himmlischen Wolkengewässers (wenn Thor zu den Biesen reisen sollte, so sind diese ursprünglich als böse Wolken dämonen auch nämlich am Himmel zu suchen (cf. p. 546).« — p. 548 »Auch der dritte Brunnen, Hvergelmir (in der Nebelwelt Niflheim) ist ursprünglich mit den beiden anderen identisch und nur eine weitere Differenzierung.«

»Ueber Niflheim erhebt sich nämlich die dritte Wurzel des Baumes Yggdrasil, und an ihr nagt beständig der Drache Nidhöggur. Diesen Drachen lernten wir aber bereits als den Gift wurm kennen, der in Niflheims Wasserhölle (Nättrönd) die Leichname der Meineidigen und hinterlistigen Mörder aussaugt.«

»Wir haben (aber) schon oben gezeigt, daß die Wasserhölle ursprünglich ein coe-lestischer Aufenthalt war.«

— So Mannhardt, was wir vollständig acceptieren und unserer Darstellung einfügen. Es stimmt auch ganz zu dem oben über Niflheim, sowie über den Drachen als dem ursprünglichen Gewitterdrachen Gesagten, wie ich ja auch schon im Ursp. d. Myth. s. Z. behauptet habe, daß die ganze Hölle der verschiedenen Yölker (auch die chthonischen Götter der Griechen) ursprünglich am Himmel zu suchen sei; wie es auch speziell zu der von mir Poet. Nat. I, 51 ff. entwickelten Ansicht über die Lage der drei Wurzeln stimmt u. s. w. Die drei Quellen, wie die drei Wurzeln, sind eben überhaupt nur, mit Mannhardt zu reden, Differenzierungen je nach den verschiedenen mythischen Beziehungen des Himmelsbaumes.

An der einen Quelle walten also die den prophetischen Peleiaden von Dodona entsprechenden Schicksal verkündenden Schwanjungfrauen, wie wir oben gesehen; nur daß eben der ethische Charakter der letzteren als Nomen sich mehr im Laufe der Zeiten herausgebildet und dem gegenüber den sonstigen natürlichen Hintergrund des Baumes überhaupt in der nordischen Scenerie immer mehr hat zurücktreten lassen.

Die zweite Quelle ist des weisen Mimir Brunnen, aus dem er jeden Morgen trinkt und so der weiseste und klügste Mann ist. Die prophetische Kraft tritt aber noch in besonders eigentümlicher Weise hier hervor, wenn, als die Yanen dem Mimir das Haupt abgeschlagen, dies an seine Stelle tritt und Odhin Gespräche mit ihm hielt, so oft er Rats bedurfte. Charakteristisch heißt es besonders in der Yöluspa:

Odhin murmelt

Mit Mimirs Haupt.

Ich muß hierauf etwas näher eingehen. Schon Simrock dachte (p. 533) bei dem weissagenden Haupte Mimirs an das redende Roßhaupt der Fallada im Kindermärchen, Kuhn verglich von anderer Seite damit das singende Haupt des Orpheus, sowie die blasenden Häupter der Winde und das wehende Johannishaupt. Eine indische Sage, welche er dann anfiihrt, vom Dadhyanc und von dessen zauberhaftem Haupte, — das im Gewitter eine Rolle spielt und bald menschlich, bald aber auch tierisch und zwar als ein Roßhaupt geschildert wird, dann in den verschiedensten Versionen bald die geheimnisvolle Kunde, welche Indra dem Dadhyanc erteilt, ausplaudernd und deshalb von jenem abgehauen gedacht wird, bald von Indra wieder im Kampf mit dem Asuren gesucht und dann auch wirklich ihm Hülfe leistend erscheint,— führte mich zu weiteren Resultaten, indem ich hier, wie auch sonst, bei den wunderbaren himmlischen Häuptern an die Anschauung meinte anknüpfen zu können, welche der norddeutsche Bauer noch aufweist, wenn er von gewissen dicken, der Gewitterbildung vorangehenden Wolkenbildungen den Ausdruck Grummel- oder Gewitterkopf gebraucht, s. Kuhn und Schwartz, Nordd. S. Geb. 429. »Dieser grummelnde oder murmelnde Gewitterkopf ist«, schloß ich die Untersuchung (Poet Nat. I, 127), »das plastische Substrat vom singenden oder redenden Haupte des Orpheus oder Mimir, des wilden Jägers, wie der blasenden Windgötter, ebenso wie vom Haupte des Zeus, aus dem, wenn es im Gewitter vom Hephäst mit dem Donnerhammer gespalten wird, Athene mit der Blitzlanze hervorspringt; das ist endlich auch das von den Blitzesschlangen umflatterte Haupt der Gorgo, welches ihr im Gewitter abgeschlagen wird. Wie aber aus dem abgeschlagenen Haupt der Gorgo das Donnerroß Pegasos entspringt, konnte jenes Wolkenhaupt auch selbst schon als das beim Beginn des Gewitters sichtbar werdende Haupt des im Gewitter dann deutlicher noch auftretenden Donnerrosses gelten. Das wäre dann auch das Pferdehaupt des Dadhyanc, welches im murmelnden Donner die Geheimnisse des Himmels ausschwatzt.«

Wenn nun dieses Haupt Indra dann, wie erwähnt, in dem Kampf mit den Asuren sucht, »da es fort war in den Bergen«, und es sich dann im See Kuruxetra fand, so erinnert dies auch wieder in anderer Weise an die obige Scenerie, wo Odhin, wie er sonst zu Mimirs Brunnen gegangen, bei dem letzten Weltkampf, der alle seine Bilder von dem Gewitterkampf entlehnt, seine Zuflucht zu Mimirs Haupt nimmt und es eben heißt: »Odhin murmelt mit Mimirs Haupt«. Führt uns doch auch schon das kurz Vorhergehende noch ausdrücklich in die Gewitterscenerie, wenn es heißt:

»Der Mittelstamm (Yggdrasils) entzündet sich

Beim gellenden Ruf Des Giallarhorns.

Ins erhabene Horn

Bläst Heimdall laut;«

und eben daran sich dann reiht: Odhin murmelt u. s. w.

Denn daß das Giallarhorn das Donnerhorn ist, haben Kuhn und Mannhardt schon (Germ. Myth. p. 550 f.) richtig erkannt. Vergl. auch Poet. Nat. II. p. 142 f.

Hatte Mimirs prophetisches Haupt aber auch selbst, wie wahrscheinlich, entsprechend dem Haupt des Dadhyanc seine Stätte in den himmlischen Wassern, eben sowie dem Mimirsbrunnen überhaupt ja das Weissagerische innewohnte, so erinnert uns das wieder noch speziell an die analoge Quelle bei der dodonäischen Eiche, von der oben geredet, die nach Servius durch ihr Murmeln auf Antrieb der Götter Orakel gab, welche dann eine Alte, mit Namen Pelias, den Menschen gedeutet habe. In beiden Fällen ist der murmelnde Donner die prophetische Stimme, dort tönte er aus dem Grummelkopf, dem Haupt des Dadhyanc u. s. w. an oder in den himmlischen Wassern, hier aus den Wassern selbst!

Wie dies aber auch sei, jedenfalls malt auch die Mimir-Quelle mit der sich an sie knüpfenden, eben geschilderten Umgebung ebenso wie die erste und die über Niflheim liegende Quelle mit dem Gewitterdrachen in verschiedener Weise nur wieder die Scenerife um den dort oben ewig blühenden Lichtbaum aus, dessen Wanken erst beim Weitende eintritt:

(Wenn) Glutwirbel umwühlen

Den allnährenden Weltbaum

(Und) Die heiße Lohe

Den Himmel bedeckt.

Aber neben diesen drei Quellen trieft es ja auch sonst bei der Esche Yggdrasil nicht bloß von Wasser, sondern auch von Milch und Honig, welche letzteren Momente wieder recht eigentlich auf den Himmel hinweisen. Yon dem Wasser, d. h. also auch hier dem Segen, von dem die Ströme Niflheims in weiterer Entwickelung der Sage dann kommen und der von dem himmlischen Hirsch trieft (wie der Tau von den Wolkenrossen der Valkyrien, sowie von der Wolkenmilch, die von der Ziege stammt, ist schon oben geredet; es genügt hier daran zu erinnern, und es bleibt nur noch übrig, als auf ein neues, aber höchst charakteristisches Moment darauf hinzuweisen, daß von unserm Baum auch bienenernährender Tau auf die Erde trieft, wie die Edda sagt, den man hünangsfall (Honigfall) nennt Gemahnt dies schon an die Yorstellung der klassischen Yölker, welche noch selbst ein Aristoteles und Plinius teilen, dass der Honig vom Himmel oder den Sternen triefe und nur von den Bienen eingesammelt werde, so daß es nicht weiter befremden kann, ihn hier von dem himmlischen Lichtbaum triefen zu sehen, so habe ich Poet. Nat I. p. 48—89 schon des ausführlicheren dies mythische Element behandelt und nachgewiesen, daß eine alte, mannigfach verzweigte indogermanische Naturanschauung hier eingreift, nach welcher einmal die Sterne als ein goldiger Bienenschwarm dort oben gefaßt wurden, woran noch jene erwähnte Ansicht des Aristoteles und Plinius über die Herkunft des Honigs von den Sternen erinnert, # dann aber auch Mond-und Sonnenlicht überhaupt als eine goldige Flüssigkeit und schließlich als der »Trank der Himmlischen«, der sie ewig verjünge, und ihr Born als eine Art Jugend-brunnen angesehen wurde. Ich kann unmöglich auch nur das Hauptsächlichste aus diesem Vorstellungskreise, den ich a. a. 0. aufs eingehendste behandelt habe, hier anführen; ich will nur darauf hinweisen, daß bei modernen Dichtem oft Anklänge an jene Anschauungen auftauchen (s. namentlich Poet. Nat. I. p. 29, 33 und XX), dann aber einzelne besonders bezeichnende Momente hervorheben, die speziell wieder eine Brücke schlagen zwischen der nordischen Yggdrasil und der Sagenreichen Eiche zu Dodona. Den triefenden Honigfall der Esche Yggdrasil vergleicht schon Kuhn, Herabk. des Feuers u. s. w. p. 131 (und nach ihm auch Mannhardt) mit dem indischen soma und dem iranischen hom, den Göttertränken, von denen der letztere, der hom, ebenfalls von einem sagenhaften Baum, dem Ilpa-Baum, trieft, und sagt dann: »Der Honig ist aber der hauptsächlichste Bestandteil des Mets, und wie unten dargethan werden soll, wird der Soma ebenfalls madhu genannt, was zugleich auch Honig bezeichnet. Beides, Honig und Met, sind also auch hier identisch u. s. w.« Dieselben flüssigen Elemente Wasser, Milch und Honig aber, welche bei der Esche Yggdrasil so charakteristisch auf-treten und auch in griechischen Mythen und Gebräuchen bekanntlich in entsprechender Verbindung mannigfach sich zeigen, kehren nun auch in den an Dodona und seine Eiche sich schließenden Sagen in ähnlicher Weise wieder und zwar hier ausgesprochenermaßen wieder als Nahrung der Himmlischen. Die Hyaden oder dodonäischen Nymphen, wie sie Hygin nennt, d. h. die himmlischen Wolkenwasserfrauen (die ob des Todes ihres durch eine Schlange (!) getöteten Bruders weinen), sollten dort den Bacchus, wie nach anderer Version das Zeus-Kind groß gezogen haben. Sie gelten aber nicht bloß u. a. als die Töchter des Melis-seus (des Bienenmanns), sondern Milch und Honig wird ausdrücklich als die erste Nahrung der betreffenden Götterkinder angeführt und zwar nach der kretischen Yersion der Sage beim Zeus die Milch der Ziege Amaltheia, welche wir oben mit der den himmlischen Einheriern Milch spendenden Ziege unter der Esche Yggdrasil verglichen haben (Poet Nat. H. 48). Und wenn nun weiter dann zu Dodona als Schwestern der Hyaden die Peleiaden auftreten, bald als Wolkenfrauen wie jene, bald in Taubengestalt (s. oben), so wird jener Gedanke nach all den Parallelen doch nur in anderer Form in betreff des Honigs weiter gesponnen, wenn, wie ich schon oben angedeutet, Tauben bei Homer überhaupt dem Zeus Ambrosia bringen, d. h. den himmlischen Honigtrank. Ueberall klingen dieselben Elemente an, nur immer anders gewandt. Und da mag noch ein anderer Gedanke sich Bahn brechen. Wenn Urdhs Brunnen verjüngt, sein Wasser also, wie Simrock, M. p. 40 sagt, dieselbe Kraft hat, die auch den Aepfeln Idhuns beiwohnt, ebensowie dem Begeisterungstrank der Äsen, der Odhrärir hieß, und nun weiter auch Odhrärir, ebenso wie die betreffenden Personen, mit jenem Brunnen verwechselt wird, dann auch Mimirs Quelle »Weisheit« verleiht und deshalb Mimir täglich mit dem Giallarhom (als Trinkhorn gewandt) aus ihm trinkt und Odhin auch deshalb dahin wallfahrtet, — so sehen wir nach alledem doch auch hier eigentlich immer nur analoge Elemente in verschiedenen Ansätzen und Entwickelungen, die auch den ursprünglichen himmlischen Licht- und Regenquellen allmählich andere Bedeutung verleihen. Heißt es doch in der Yöluspa dann auch wieder speziell in betreff Mimirs kurzweg:

Met trinkt Mimir allmorgentlich

Aus Walvaters Pfand!

Gerade derartige Verschiedenheiten und Unbestimmtheiten sind der volkstümlichen Sage eigentümlich, nur der einzelne Erzähler oder Dichter strebt nach einheitlicher, möglichst konsequenter Gestaltung des Stoffes; das gilt hier wie überall.

Ehe ich die Esche Yggdrasil aber verlasse, will ich doch darauf hinweisen, daß die nordische Mythe, wenn auch die Yggdrasil am berühmtesten geworden, doch noch mehrere Spielarten derartiger mythischer Bäume mit den Ansätzen ähnlicher Umgebung aufweist und namentlich bei einem unter höchst charakteristischem Hineinspielen wieder des Wassers. Yom Mimameidr habe ich schon gesprochen. In denselben Kreis gehört aber auch der Ebereschen- oder Vogelbeerbaum, Thors heiliger Baum (björg Thörs), von dessen mythischer Bedeutung bei den Ariern Kuhn und nach ihm Mannhardt schon des ausführlicheren gehandelt haben. Auf der Fahrt nach Geirrödhsgard kommt Thor nämlich in Wassernot. Giaip, Geir-rödhs Tochter, stand quer über dem Strom und verursachte dessen Wachsen. Da warf er mit einem Steine nach ihr und sprach: >Bei der Quelle muß man den Strom stauen!« Als er dem Ufer nahe war, ergriff er einen Vogelbeerstrauch und stieg aus dem Flusse. Daher das Sprüchwort: Der Vogelbeerstrauch sei Thors Rettung (Simrock M. 1878. p. 258). Wir haben in dieser Sage offenbar einen Gewitterkampf, wie in den meisten Kämpfen Thors, und da brauche ich wohl nicht erst an den durch die Gewittergüsse zur Yggdrasil watenden Thor zu erinnern, um in der obigen Scenerie den angeschwollenen Gewitterstrom, vor dem er sich kaum retten kann, und den Himmelsbaum, an dem er sich herauszieht, wiederzufinden.

Ebenso wie bei griechischen und germanischen heiligen Bäumen fehlt übrigens auch in Rom beim Ficus Ruminalis das Wasser nicht, ja die Scenerie, wie bei einer angeblichen Ueberschwemmung des Tiber an diesen Baum die Wanne mit den Götterkindern herantrieb und diese so gerettet wurden (s. meine Schrift über den Ursprung der Stamm- und Gründungss. Roms), gemahnt noch speziell im Kern an die zuletzt geschilderte Scenerie von der Rettung des Thor aus Wassersnot durch den heiligen Vogelbeerbaum.

Nachdem wir diese Verbindung des Himmelsbaums mit den Regenquellen in einzelnen charakteristischen Bildern verfolgt haben, möge noch ein kurzer Nachweis einer ähnlichen Erscheinung im Kultus folgen, der sich eng an jene Vorstellungen anschließt und im einfachen Abbilde das wiederspiegelt, was dort die Mythe mit sagenhaftem Schmuck reich umrankt zeigte.

Auf griechischem Boden haben wir diese Verbindung schon ganz allgemein oben nachgewiesen, ebenso ist erwähnt worden, daß in Upsala neben dem heiligen Baum eine Quelle war. Desgl. fand Bischof Otto von Bamberg im Jahre 1124, als er auf seiner Missionsreise nach Stettin kam, neben einem der zu gottesdienstlichem Gebrauche dienenden Gebäude einen heiligen Baute mit einer Quelle (Mannh. Baumk. p. 57). Der Baumkultus tritt nämlich in seinen Urelementen auch bei den slavischen Völkern, ja auch innerhalb des preußischen, finnischen und keltischen Heidentums in gleicher Weise auf, wie Grimm M. 1844. I. 66 bemerkt. Die Verbindung von Baum und Wasser erhellt aber am charakteristischsten in ihrer allgemeinen Verbindung bei den Germanen aus all den Kapi-tularbeschlüssen, welche dem Heidentum entgegentraten und die besonders die auguria lucorum sive arborum vel fontium als unchristliches Heidenwerk verdammen. Alle, welche diese Zeiten behandeln, von Keysler bis Pfannenschmidt, heben diesen Umstand bedeutsam hervor. Die Haupt-kapitularbeschlüsse finden sich bei Keysler und Grimm zusammengestellt, desgl. in W. Müllers Altd. Religion p. 59, wo er sagt:

»Noch mehr aber (als Haine) werden als solche Stätten des heidnischen Gottesdienstes Bäume und Quellen genannt, entweder so, daß abgöttische Gebräuche bei denselben anzustellen verboten wird, oder daß sie geradezu als Gegenstände der Verehrung bezeichnet werden.«

— Weit in das Christentum hinein zieht sich die Sitte, teils unter christlichen Formen, teils als mehr unschuldige Volkssitte gewohnheitsgemäß festgehalten. Hier nur ein paar Beispiele aus Pfannenschmidt »Das Weihwasser« Hannover 1869. Nachdem er ein Zeugnis für die Verehrung von Quellen aus der ums J. 347 verfaßten Katechesis des Cyrillus, Bischofs von Jerusalem, angeführt, wo es heißt: Cultus est diaboli, illae quae in idolis fiunt supplicationes et quaecunque in honorem idolorum per-aguntur, ut incendere lucernas et ad fontes et fluvios adolere cet, fahrt er fort:

»Wie sehr nun auch die Kirche sich bemüht hatte, den alten Glauben an die heilige Kraft des Wassers, die Verehrung der Flüsse und Quellen auszurotten, so ist ihr dies kaum bis heute ganz gelungen. So wurden noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts bei der Kirmes und auch in der Maiennacht im Oberbergischen (Rheinprovinz) nach altheidnischem Gebrauche sowohl Buchen als Linden oft mitten im Walde, besonders an den Quellen mit Kränzen geschmückt, auf welchen Kerzlein befestigt waren, die man abends anzündete.«

Aehnliche Gebräuche bringt Mannhardt in seinem »Baumkultus« in Menge bei.

Auch lokalisiert in christlichen Kultusstätten erscheint noch Baum und Quelle zahlreich nebeneinander wie zur Heidenzeit, namentlich bei Marienkulten. So sagt Vernaleken in seinen »Mythen und Bräuchen^ des Volkes in Oesterreich«, Wien 1859: »In katholischen Ländern treffen wir eine Menge Volksüberlieferungen, die sich auf die Erscheinung eines Marienbildes an einem Baume beziehen, wie wir denn häufig solche Bilder an Bäumen befestigt finden (auch Stöber in seinen Elsässischen Sagen. St Gallen 1852. p. 32 f. hebt dies hervor): »Ein Brunnen steht immer damit in Verbindung; wir erinnern nur an die Legenden, die über das an Mariae Geburt von vielen Tausenden besuchte Maria-Brunn (bei Wien) im Umlauf sind, an die Entstehung vieler Wallfahrtsorte« u. s. w.« (vergl. was Panzer in seinen bairischen Sagen über ähnliche Kultusstätten »der Mutter Gottes an der schönen Tanne«, »der Maria auf dem Baumstock in der Prauenau« und ähnl. sagt.

Ich hebe über die »Art« des Kultus der Bäume resp. Quellen aus dem reichen Material, welches Grimm und Mannhardt beigebracht, besonders noch folgende Momente hervor, indem ich sie meinem Standpunkt anpasse. Als Einleitung zunächst von den Bäumen:

1) Wie es in dem zu Anfang citierten kleinrussischen Rätsel vom Sonnenbaum hieß, er stehe mitten im Dorfe, in jeder Hütte sei er sichtbar, so fand sich auch meist bei Griechen, Römern und Deutschen in den einzelnen Niederlassungen ein irdisches Substitut desselben, das, je älter der betreffende Baum wurde und je mehr Generationen er überdauerte, nur an Bedeutsamkeit und Verehrung für die folgenden Geschlechter gewann. Die mannigfachsten Beziehungen knüpften sich daran, namentlich wurde er leicht zu einer Art Lebensbaum des einzelnen, der Familie, sowie des ganzen Stammes, in dem die Existenz wechselseitig eng verknüpft schien. Dies ist die allgemeinste und primitivste Form neben solchen reicher entwickelten, wie wir sie oben verfolgt Hierher gehört, was Plinius über das klassische Altertum sagt, wenn es im XIII. Buche zu Anfang heißt: Haec (arbores) fuere numinum templa, priscoque ritu simplicia rura etiam nunc Deo prae-cellentem arborem dicant. Das ist der Yärdtr&d, der (dann nach späterer Auffassung) vom Schutzgeist bewohnte Schicksalsbaum hinter dem Hofe in Schweden, Dänemark sowie in den Alpen, der in allerhand sympathische Beziehungen zum Hause tritt, den u. a. Schwangere in ihrer Not umfassen, um leichtere Entbindung zu erhalten, wovon nachher noch im besonderen die Rede sein wird (Mannhardt Baumk. p. 51 ff). Daß auch neben der Gründung von Kultusstätten eine solche von Städten und Burgen sich an Bäumen vollzog, hat Boetticher für Griechenland gleichfalls nachgewiesen (p. 241) , aber auch sonst schließen sich die Anfänge der Kultur an solche Bäume, vergl. auch meine Schrift »Ueber die Stamm- und Gründungssage Roms.«

2) Eine weitere Entwickelung des Kultus ist, daß man  Beutestücke der Jagd, namentlich die Felle der erlegten Tiere, dann auch ihre Köpfe und Hörner an dem heiligen Baum auf-hängte, woran sich mit der Zeit weitere Ausschmückung des Baumes als der heiligen Kultusstätte — ehe man Tempel baute — reihte. Boetticher hat auch hiervon p. 69 des ausführlicheren gehandelt. Er ist geneigt, darin ein Weihopfer zu finden, wie man es auch gewöhnlich faßt. Allerdings hat die spätere, polytheistische Zeit es so gefaßt, ursprünglich dürfte aber auch hier, wie in den meisten ähnlichen Fällen, eine einfache mechanische Nachahmung eines angeblich analogen himmlischen Vorgangs die erste Triebfeder dieser dann religiös ausgebauten Gewohnheit gewesen sein. Im II. Teil der Poet. Nat. 1 ff. u. 38 habe ich die mannigfache und weite Verzweigung des mythischen Elements der Wolke als eines Felles oder Schlauches behandelt und auch schon oben Gelegenheit gehabt darauf hinzuweisen. Das Widderfell am heiligen Baum im Sonnenlande am Phasis, der geschundene, pfeifende Windgott Marsyas an der Fichte Ast aufgehängt, ebenso wie der an der Esche Yggdrasil hängende Wolken- und Sturmesgott Odhin, — alle derartigen Bilder führten, in Analogie zu der vom Zeus nach Homer aufgehängten Hera, auf die am Himmel, event. am Lichtbaum dort oben, aufgehängten Wolken, es waren die pendentia vellera lanae des Lucrez, nur eben mythisch im einzelnen nach der ganzen Scenerie gefaßt und gewandt1). Gerade das Schweben der Wolken, die Frage, welche Macht resp. Kraft sie dort oben aufhänge, beschäftigte ja noch selbst bis in die Neuzeit, wie ich am oben angeführten Orte nachgewiesen, selbst die Gelehrten, so daß es doppelt erklärlich ist, wenn es in der Urzeit in den Bereich mythischer Vorstellungen gezogen wurde. Dafür aber, daß meine Deutung richtig, kann ich zur Bestätigung noch anführen, daß, wie ich nachträglich sehe, Mannhardt beim hängenden Odhin an einer Stelle seiner Germ. Mythen, abweichend von der von jnir in den Poet. An. H, 38 von ihm citierten Stelle, auch schon an die Wolke denkt1), dann aber bei den Südseeinsulanem auch dieselbe Vorstellung wiederkehrt, indem die Sage den Donnergott, als er von den Früchten des Himmelsbaumes gestohlen, ins Dach gehängt werden läßt, um echt tahitisch langsam zu Tode geräuchert zu werden, aus welcher Lage er sich dann durch eine List befreit.

Hält man nun zu jener Vorstellung von am Himmel aufgehängten Wolken eine andere arische, nämlich die uralte einer am Himmel im Gewitter hintosenden Jagd, so liegt nach anderen Analogien die Vorstellung nicht allzufem, daß einzelne, nach dem Gewitter am Himmel übrig bleibende und dort schwebende Wolken für am himmlischen Lichtbaum aufgehängte Felle gehalten worden wären, die von den in der himmlischen Jagd gejagten Tieren als Trophäen herrührten, und daß man diesen Gebrauch dann hier auf Erden nachgeahmt hätte. Spielte doch die Sage weiter mit diesen Fellen. Ich erinnere an die Felle der im Gewitterfeuer geschlachteten Sonnenrinder in der homerischen Sage, welche noch dahinkriechen und brüllen sollten, ferner an das angebliche Wiederbeleben der Bocksfelle von seiten Thors in der nordischen und ähnliche Züge in deutscher Sage, mythische Bilder, zu denen doch selbst das oben erwähnte Aufhängen des Odhin (Yggs) und sein Wiederbeleben als eine Art Analogon zu fassen; ebenso wie schließlich das Wiederholen des Gewitterfells des goldenen Vließes (wie das des im Winter geraubten Donnerhammers Thors) ursprünglich nur als modifizierte Erweiterungen derselben Grundanschauung vom Erscheinen und Verschwinden und Wiederauftauchen des Donnergewölks zu den verschiedenen Jahreszeiten anzusehen sind, wie es in ähnlicher Weise im Element schon der oben erwähnten tahitischen Sage zu Grunde liegt.

Der Gebrauch der an heiligen Bäumen aufgehängten Felle entwickelt sich nämlich noch weiter in eigentümlicher, bisher unerklärter Weise, die aber in der oben angedeuteten Weise doch ihre Lösung finden dürfte. Zur Sache lasse ich zunächst Grimm M. p. 615 sprechen. »Bei den Longobarden«, sagt er, »kommt die Verehrung des sogen. Blutbaums oder heiligen Baumes vor. Genaueres davon meldet die vita Sancti Barbati in den Actis Sanctor, vom 19. Febr. p. 193. Der Heilige (geb. 602, gest um 683) lebte zu Benevent unter den Königen Grimoald und Bomuald, das longobardische Volk war getauft, hing aber noch an abergläubischen Gebräuchen: quin etiam non longe a Beneventi moenibus devotissime sacri-legam colebant arborem, in qua suspenso corio cuncti  qui aderant terga verteiltes arbori celerius equitabant, calcaribus cruentantes equos, ut unus alterum posset praeire, atque in eodem cursu retroversis manibus in corium jaculabantur sicque particulam modicam ex eo comedendam snperstitione accipiebant. — Ich habe p. 159 (Grimm M.) nachgewiesen, daß von Osseten und Circassiem Stangen mit Tierhäuten zu Ehren göttlicher Wesen aufgerichtet wurden, nach Jomandes bei den Goten dem Mars exuviae, truncis suspensae, daß überhaupt Tiere an Opferbäumen hingen; vermutlich war auch dieser Baum einem Gotte durch Opfer heilig, d. h. durch Votivopfer Einzelner; der ganze Ort hieß davon »ad votum«. Welche Bedeutung der Speerwurf durch die hängende Haut hatte, ist noch nicht klar; auch im Norden pflegte man durch aufgehängte rohe Ochsenhäute zu schießen (Forum. sog. 3, 18. 4, 61), es war ein Zeichen von Kunst und Stärke. Daß es rückwärts geschah, erhöhte die Schwierigkeit und ist ganz altertümlich*« So Grimm a. a. 0.

Hält man zu den oben entwickelten Vorstellungen von dem am Sonnenbaum aufgehängten Widderfell u. s. w. eine andere, nach welcher im Gewitter ein Wettschießen stattfand, ich erinnere nur an Odysseus’ Bbgenkampf, sowie das Schießen auf Baldur (s. TJrspr. d. Myth. und weiter unten die betr. Untersuchungen), so hätte man in dem obigen Speerwerfen durch eine am heiligen Baum aufgehängte Haut vielleicht eine Nachahmung eines entsprechenden Naturbildes, wie man es ähnlich dort oben am Himmel im Gewitter im Schleudern der Blitzspeere nach der Wolke vor sich gehend wähnte. Das Wettreiten dabei entspräche dem analog zu fassenden Wettfahren in einer Sage, wie die von der Werbung um die (Sonnen-)Jungfrau Hippodameia oder Ata-lante, welche in dieser Hinsicht der Brunhild entsprechen. Ist diese Deutung richtig, dann wäre auch erklärt, warum Odhin nach dem Hävamäl an der Esche Yggdrasil »vom Speer verwundet« hing; es wäre wie bei jenem Gebrauch an den Blitzspeer zu denken, den ja sonst auch Odhin führt.

Doch ich kehre nach dieser Hinweisung zum Kultus der B&ume und Quellen zurück, und da zeigt sich:

3) als gemeinsamer Gebrauch der europäischen Arier das Anzünden von Fackeln und Lichtern an denselben und, was ich gleich betonen will, zum Zweck von allerhand Augurien. Yon den Fackeln zu Dodona, welche von selbst sich wieder im heiligen Quell entzünden sollten, habe ich schon geredet und dieselben mit Perthes auf des Blitzes Fackel bezogen. Knüpfen sich hier dieselben an das Substitut des Regenquells, so schließen sie sich in einer andern Sage noch in ähnlich mythischer Form an den Baum selbst Wir werden nachher eingehender davon handeln, daß speziell zur Zeit der Bonnwendfeste man Repräsentanten des himmlischen Lichtbaums festlich ausschmückte und vor und in den Häusern aufstellte. Was da der Gebrauch festgehalten, knüpft in Island, der Schatzkammer nordischer Tradition, die Mythe in einem Bilde an den Ebereschen- oder Vogelbeerbaum, Thors heiligen Baum, den wir schon vorhin in einer Sage als Substitut unseres Lichtbaums kennen gelernt Maurer berichtet nämlich in seinen Isländischen Sagen, p. 178: »Man nennt ihn (den Vogelbeerbaum) wohl den heiligen Baum, und erzählt, daß man früher in der Weihnachtsnacht (d. h. also zur Wintersonnenwende) alle seine Zweige mit brennenden Lichtern besetzt gefunden habe, welche nicht erloschen seien, mochte der Wind auch noch so stark wehen; derselbe erscheint (setzt Maurer hinzu) also geradezu als ein Vorbild des Christbaums, den wir künstlich erst auszuputzen pflegen.« Nach der obigen Analogie dürften auch unter diesen Windlichtern — deren Substitute wir überall in den betr. Kulten wiederfinden, — ursprünglich die himmlischen Fackeln und Windlichter des Blitzes zu verstehen sein, so daß wir ebenso wie bei der obigen Ausstattung des dodonäischen Regen-Quells, welchen feurige Fackeln zu durchfurchen schienen, hier vor einer Anschauung ständen, derzufolge der himmlische Lichtbaum im Gewitter mit Lichtern besteckt oder umgeben war, was dann wieder in Gebräuchen entsprechend nachgeahmt wurde .

Nicht also bloß, »um den Schauer der Anbetung zu erhöhen«, wie Grimm M. p. 550 bei der Besprechung des Gebrauchs ad fontes sive arbores luminaria facere, candelam deferre meint, zündete man an Bäumen und Quellen Fackeln und Kerzen an, sondern zunächst in Nachahmung der himmlischen Scenerie, wie auch wieder, derselben entsprechend, allerhand Augurien sich auch an dieses Moment reihten, wie sie sich an das Wasser knüpften.

Auch über den Orient wie über das Abendland finden wir übrigens derartige Gebräuche verbreitet. Nachdem Boetticher p. 49 als nächstliegendes Beispiel, wie er sagt, die Verehrung der Terebinthe zu Mamre angeführt, bei der Hieronymus ausdrücklich die Entzündung von Lichtern erwähne, giebt er weiter Beispiele ähnlicher Art aus dem griechischen wie römischen Altertum. Grimm, Mannhardt und Pfannenschmidt verfolgen die entsprechenden Gebräuche, namentlich auch das Anzünden von Lichtern an Quellen und Flüssen, welches sich bis in die neuesten Zeiten erhalten hat, und worin slavischer Gebrauch mit deutschem übereinstimmt, nur daß jener das sog. Lichterschwimmenlassen zur Sommer-, dieser mehr zur Wintersonnenwende ausübt. Grimm führt schon a. a. 0. an, daß man zu Weihnachten noch jetzt mit Lichtern in den Brunnen schaue, ebenso erkundet man durch das erwähnte Lichterschwimmenlassen noch jetzt die Lebensdauer, sieht, wer zuerst stirbt, oder welche sich verheiraten u. dergl. mehr. Auch hier zeigt sich nämlich, worauf ich schon in meiner Schrift: »Der heutige Volksglauben und das alte Heidentum« u. s. w. H. Aufl. p. 6 f. aufinerksam gemacht habe, daß, wenn auch das Heidentum aus dem öffentlichen Leben mit Einführung des Christentums verschwunden, der mit jenem verknüpfte Aberglaube sich noch gerade in und an den einfachsten Lebensverhältnissen, wie Hochzeit und Tod u. dergl., vielfach erhalten hat. Daß aber die an Bäumen und Quellen sich schließenden Wahrsagungsarten auch bei den Deutschen, ebenso wie zu Dodona, weiteren Spielraum gehabt, mag für viele Stellen eine zeigen, wo der Papst durch Bonifacius die Deutschen ermahnt, solch heidnisches Wesen zu lassen. Divinos autem et sortilegos vel sacrificia mortuorum seu lucorumvel fontium auguria vel phylacteria et incantatores et veneficos et maleficos et observationes sacrilegas, quae in vestris finibus fieri solebant, omnino respuentes atque abjicientes, tota mentis intentione ad Deum convertimini etc. Es dürfte in betreff der Ausdehnung der betr. auguria zwischen heut und einst dasselbe Verhältnis stattfinden, wie man heutzutage das sogen. Siebdrehen auch nur noch höchstens zur Ermittelung eines Diebes anwendet, während es früher ein allgemeines, auch den Griechen bekanntes Weissagemittel war.

Diesem Wasser- und Feuerkultus schließen sich aber nun noch eine Fülle von Gebräuchen anderer Art im Ursprung an. Hierher gehören die Wasser- und Feuerlustrationen, die Wasserspenden sowie das Anzünden von feurigen Bädern und überhaupt von Feuern, namentlich zur Zeit der verschiedenen Sonnwendfeste, namentlich die Johannis-, Martins- und Weihnachtsfeuer, von deren Beziehung zu den metereo-logischen Himmelserscheinungen ich schon in den Poet. Natur-ansch. I. gehandelt habe und wofür ein reiches Material Pfannenschmidt sowohl in seinem »Weihwasser« (Hannover 1869), als auch in seinen »Germanischen Erntefesten« (Hannover 1878) beigebracht hat Letzterer nähert sich auch schon p. 491 ff. unserer Auffassung, nur daß er das Ganze noch mit Mannhardt (p. 494) zu spiritualistisch in eine wenig für die Urzeiten passende Form kleiden möchte. Höchst interessant ist bei ihm übrigens noch der Nachweis, daß gleichfalls viele Wallfahrten und Prozessionen mit brennenden Lichtern  u. s. w. zu heiligen Bäumen und Stätten, Flurprozessionen und Grenzbezüge u. dergL eben hierher ihrem Ursprung nach gehören und aus der Heidenzeit sich in christlichen Formen selbst bis auf unsere Tage erhalten haben. Und da will ich denn auch darauf hinweisen, daß auch die Hydrophorien und die Fackelläufe bei den Griechen desselben Ursprungs gewesen sein dürften. Diese Gebräuche sind offenbar zuerst sämtlich auch nur einfache Nachahmungen angebl. entsprechender Himmelserscheinungen gewesen, wie ich es schon im ersten Teile der Poet Nat. von den Johannisfeuern u. s. w. nachgewiesen, in betreff bestimmter Umzüge aber es außer im Urspr. d. Myth. auch im H. Teil der Poet Nat unter der Überschrift »Gewitter zieht herum« p. 159 cfr. No. 5 »Gewitter als himmlisches Gekessel« gefaßt habe. Indem sich diese Gebräuche dann besonders an die Sonnenwende sowie die Tag- und Nachtgleichen schlossen, bildete sich in der Urzeit gleichsam schon ein heiliger kalendarischer Jahrescyklus, dem sich später dann noch bestimmte Festspiele anschlossen, — z. B. im Demeterkult das Suchen der Kore, entsprechend dem des Adonis, — so daß auf heidnischem Boden sich hierin schon eine ähnliche Entwickelung zeigt, wie in dem christlichen Kirchenjahre mit seinen Festspielen, wie sie noch jetzt z. B. im Ober-Ammergau gefeiert werden. Tritt dies in Griechenland uns schon in voller Entwickelung entgegen, so erscheint es in den Anfängen bereits auch auf deutschem Boden. Immer sind es hier vor allem die erwähnten Sonnenwendzeiten, und so reihten sich auch den entsprechenden Wasser- und Feuerfesten entsprechende Baumfeste an, in denen man Bäume, namentlich Tannen, festlich einholte, schmückte, mit Lichtern besteckte u. s. w. ursprünglich als Repräsentanten »des himmlischen Lichtbaumes«, der »mitten in jedem Dorfe, in jeder Hütte sichtbar«1). Daß auch der Weihnachtsbaum speziell hierher gehört als Symbol des zur Wintersonnenwende wieder erstehenden Lichtbaums, daran malmte schon oben die isländische Mythe von dem heiligen Ebereschenbaum, der zur selbigen Zeit mit seinen Lichtern erglänzt haben soll, wie ich auch anderweitig schon in zwei Gelegenheitsartikeln diesen Gedanken besonders ausgeführt habe.

Bei der Eiche zu Dodona wie bei der Esche Yggdrasil haben wir schon gelegentlich die daselbst das Schicksal kündenden Wolkenwasserfrauen, Schwan- und Taubenjungfrauen kennen gelernt; die Hauptepiphanien am himmlischen Tagesbaum scheinen sich aber an die Sonne resp. an das im Blitz angeblich leuchtende und aus dem oberen Wolkenhimmel. zur Erde dann hinabsteigende Gewitterwesen angeschlossen zu haben, wobei man vielleicht, entsprechend den griechischen Philosophen, welche die Blitze von der Sonne ableiteten, auch das in den Blitzen scheinbar näher kommende, herabsteigende Wesen mit der Sonne identisch faßte, worauf mich im »Heutigen Volksglauben« p. 103—113 (vergl. »Urspr. d. Myth.« Alttestamentarische Parallelen p. 280) gewisse Parallelen zwischen der weißen, todverkündenden Frau und dem (todbringenden) Engel des Herrn in der Bibel geführt haben.

Doch dies zunächst dahingestellt, gehen wir den überhaupt hierher schlagenden Epiphanien auf und an dem himmlischen Baum etwas eingehender nach, wobei wir uns auch zunächst an Boetticher anschließen können.

Er sagt p. 33:

»Was endlich die Epiphanie der Götter unter Bäumen anbetrifft,—so findet sie sich nicht allein bei den Hellenen und Römern, sondern die ältesten heiligen Sagen des Orients kennen sie, weil sie gleicherweise mit dem Baumkultus beginnen und ihn als bestehend voraussetzen; dies gilt so für die Israeliten, wie für die übrigen Völker des Orients, die ja insgesamt Träger des Baumkultus sind.«

— Weiter heißt es dann p. 518: »Die heilige Sage in der Genesis knüpft, wie schon oben (p. 507) bemerkt ist, das Schicksal der Stammeitem des Menschengeschlechts gleichnisweise an zwei von Jehovah selbst im Paradiese als Schicksalsbäume gepflanzte Bäume, an den Baum der Erkenntnis der Dinge und an den Baum der Unsterblichkeit2). Aber diese Sage  des alten Testaments hätte unmöglich ein solches Gleichnis machen können, wenn es nicht in der lebendig geübten Verehrung des Baumes sein volles und bedeutsames Verständnis beim Volke fand; aber eben weil diese Baumverehrung ein ursprüngliches Kultuselement bei den gesamten Volksstämmen des Orients war, muß sie ohne weiteres auch bei Abraham und seinem Geschlechte vorausgesetzt werden.« — Boetticher geht dann die Epiphanien, welche in der Bibel auftreten, durch, unter welchen die dem Gideon erschienene die bedeutsamste für uns ist, da in ihr die Beziehung zu dem Baume am bestimmtesten hervortritt. »Da kam«, heißt es Richter VI., 11 »der Engel des Herrn und setzte sich unter die Terebinthe zu Ophra —, während Gideon Weizen an der Kelter ausklopfte, um es vor Midian in Sicherheit zu bringen.« »Es ist«, setzt Boetticher hinzu, »die Geschichte von der Erwählung Gideons zum streitbaren Helden und Richter in Israel ganz verwandt der Erscheinung des Herrn unter der Terebinthe bei Abraham«, und fahrt dann fort: »Gideon aber kennt ihn nicht, er mißtraut den Worten und will prüfen, ob die Erscheinung keine trügliche sei; deswegen verlangt er ein Wunder von ihr, und zwar jenes nur den Himmlischen mögliche Wunder, daß das Opfer, welches er bieten will, von selbst entzündet und verzehrt werde. Hinweggehend und ein Böcklein schlachtend legt er die Opferstücke des Fleisches mit ungesäuertem Brot auf einen Opferkorb, trägt es nach der erhaltenen Anweisung auf den Stein unter dem Baum und gießt darauf das Trankopfer aus. Da berührt der Bote des Herrn das Opfer mit seinem Stabe, Feuer fahrt aus dem Steine und verzehrt dasselbe, der Engel selbst aber wird darauf unsichtbar.« So Boetticher. — Nach dem weiteren Ausbau der Scenerie werden wir hier, wie schon oben angedeutet, in dem Boten des Herrn mit dem zündenden Blitzstab den Engel des Herrn wiedererkennen, dessen Anblick auch sonst sogar tötet, d. h. eben die leuchtende Blitzerscheinung, als Botschaft des höchsten Gottes1); die Bedeutung der Terebinthe tritt aber auch sonst charakteristisch noch genug hervor, wie Boetticher weiter ausführt, so zu Sichern, »als das väterliche Heiligtum der heidnischen Familie des Lot und ihres Götzen Tempel«:–bei welchem Baum auch später Josua die Kinder Israel berief und unter welchem er ihnen des Herrn Gesetz verkündete; — wovon der Baum genannt wurde »die Terebinthe zum Heiligtum des Herrn.« (S. Boetticher p. 522 i)

Wie durch die Geschichte Israels, ziehen sich Epiphanien unter den verschiedensten Formen auch durch das ganze griechische Altertum (Nägelsbach, »Nachhom. Theologie« u. s. w. Nürnberg 1857. p. 2.). Wenn es aber auch bei den Griechen als gefährlich galt, die Götter leibhaftig zu schauen , so dürfte auch hier ein ähnlicher, natürlicher Hintergrund anzunehmen sein, wie nach dem Glauben der Semiten. Dem sei aber wie ihm wolle, uns kommt es jetzt nur auf Erscheinungen der Götter bei Bäumen an. Auf eine ist schon oben gelegentlich hingedeutet worden, wo Demeter den Töchtern des Keleos beim Oelbaum am Kallichorosbrunnen bei Eleusis erscheint. Auf eine andere weist Nägelsbach, p. 3, hin, wenn er sagt:

»In der Schlacht bei Stenyklaros sitzen die Dioskuren auf einem Baume und werden vom Propheten Theokies gesehen, Paus. IV. 16, 2, wie Apollo und Athene bei der Buche vom Propheten Helenos. Hom. 11. VH. 20—45.«

Die Epiphanie auf dem Baume ist speziell charakteristisch, wie wir auch oben schon nach Boetticher sie besonders erwähnt, und dieser sie noch des weiteren p. 140 ff. behandelt, indem er als ihre Substitute Götterbilder »auf einem dazu abgeglichenen Aste des Baumes oder in den Zweigen seiner Krone« erwähnt Diese Form wird deshalb namentlich wichtig, weil sie höchst bedeutsam dann auf deutschem Boden wird und diese Seite der Epiphanie schließlich in besonderer Weise klar legt Wir haben schon oben erwähnt, daß Bilder der Jungfrau Maria sich namentlich so auf Bäumen finden und dieselbe gewöhnlich der Volksüberlieferung nach ebenso erschienen sein soll. Die Sagenforscher, die dies anführen, wie Panzer, Stöber u. s. w. finden mit Recht darin einen heidnischen Hintergrund, und J. Grimm macht, als er p. 66 von dem Hausen geisterhafter Wesen auf Bäumen spricht, eine Bemerkung, die uns weiter führen soll. Er sagt in der Anmerkung:

»Es verdient Aufmerksamkeit, daß auch in christliche Legenden die heidnische Idee von Götterbildern auf Bäumen eingegangen ist; so tief wurzelte .im Wolke der Baumkultus. Ich verweise auf die Erzählung von dem Tiroler Gnadenbild, das in einem Baum des Waldes aufwuchs. (Deutsche Sagen. No. 348.) In Kärnten sieht man Muttergottesbilder an Bäumen schauerlicher Haine befestigt (Sartoris Reise 2, 165). Nicht unverwandt scheint die Vorstellung von wunderbaren Jungfrauen, die in hohlen Bäumen oder auf Bäumen im Walde sitzen. (Marienkind. Hausmärchen No. 3. Romance de la infantina. p. 259.)«

So Grimm; ich habe nun inzwischen in diesen wunderbaren Jungfrauen, die nach Erlösung verlangen, auf einem Baume sitzen, in ihre goldnen Haare sich fast zu hüllen imstande sind, eine Anschauung der Sonnenjungfrau als einer einsamen, dort oben hin verwünschten Jungfrau in den »Poet. Naturansch.« L 202 f. *) nachgewiesen. Das paßt nun wieder ganz vorzüglich zu der jetzt durchgeführten Bedeutung des mythischen Baumes als des himmlischen Lichtbaumes; beide Vorstellungen tragen sich gegenseitig.

Daß aber diese Deutung richtig, wird jetzt nach unserer Entwickelung der Weltesche Yggdrasil als des himmlischen Lichtbaums noch in besonderer Weise durch die Edda selbst bestätigt. Denn es dürfte nach allem keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn nach der Völuspa Idhun oder Urdh oben auf der Esche thront und dann zur großen Sorge der Götter zu Nörwis Töchtern d. h. »zur Nacht« zeitweis hinabsinkt, wir es nicht, wie Uhland und Simrock wollen, in Idhun mit dem Blütenschmuck oder, wie Mannhardt will, mit der Wolke, sondern mit einem Sonnenwesen zu thun haben, welches, unter verschiedener und doch in der Sache analoger Vorstellung, als die Hüterin bald des ewige Jugend verleihenden Lichtbronnens, bald der Unsterblichkeit verleihenden Himmelsäpfel erscheint. Wie sie sich in einer gewissen Parallele zur Despoina-Persephone stellt, in der ich auch die Sonne nachgewiesen und mit der sie auch W. Müller und Mannhardt vergleichen, ist die andere Form, die Sage von ihrer Entführung durch den winterlichen Sturmesriesen, nur eine Version des erwähnten mythischen Zuges von ihrem zeitweisen Herabsinken von der Esche Yggdrasil »aus heiterer Wohnung«, wie die Edda sagt, »zur finsteren Nacht.«

Ein Moment, auf das ich neuerdings auftnerksam geworden bin, erhärtet aber noch in anderer Weise die Altertümlichkeit und einstige weite Verbreitung der Vorstellung von der dort oben ev. auf dem himmlischen Lichtbaum thronenden und zeitweise herabsinkenden resp. herabsteigenden Sonnengöttin. Verschiedentlich habe ich schon in der Thetis und dem Achill die Sonnenfrau und den Sonnensohn nachgewiesen, namentlich die Wandlungen der Thetis in eine Schlange, Peuer, Wasser u. s. w. auf die bekannten mythischen Elemente des Gewitters bei dem angeblichen Werben in demselben um die Sonnenfrau bezogen1). Nim erzählt Bemh. Schmidt in seinem »Neugriech. Volksl.«, Leipzig 1871, in einer Sage von einer kretischen Nereide (die als himmlische Wasserfrau sich zu einer andern Seite der mythischen Gestalt der Thetis stellt), ganz ähnliches. Gegenüber dem Burschen (dem bäurischen Substituten des Peleus also) wandelt sie sich bald in einen Hund, bald in eine Schlange, Feuer u. s. w. Aber er hält sie bis zum Hahnekrähen an den Haaren fest und vermählt sich mit ihr. Aber niemals, heißt es weiter, wechselte sie mit ihrem Manne auch nur ein einziges Wort Dieses seltsame und unerträgliche Schweigen von ihrer Seite nötigte ihn, sich abermals an jene Alte (die ihm schon den Rat gegeben, wie er die Nereide fangen könne,) zu wenden und ihr seine Betrübnis auszusprechen. Die Alte riet ihm, er möge den Backofen tüchtig heizen und, ihr Knäblein in die Hände nehmend, zur Nereide sagen:

»Du willst nicht mit mir reden? Nun, so verbrenne ich dein Kind!«

und bei diesen „Worten solle er sich stellen, als wolle er den Säugling in den Backofen werfen. Der Mann that, wie ihm die Alte voigeschrieben. Da schrie die Nereide:

»Laß ab von meinem Kinde, Hund!«

riß das Knäblein hastig an sich und verschwand vor seinen Augen. — Nicht bloß in der ersten Partie, sondern auch im Schluß finde ich ein Analogon zur Thetis-Sage. Das projektierte Schieben des Kindes in den brennenden Backofen d. h. in das Feuer, sowie der Aufschrei der Mutter haben ja auch ihre Parallele in jener, nur daß wir hier es eben mit einer bäurischen Scenerie zu thun haben, während der betr. Stoff dort der Gestalt der Sage und der göttlichen Umgebung entsprechend gewandt ist, so daß Thetis im Feuer das Kind unsterblich machen will und Peleus darüber aufschreit.

Nun macht in Bezug auf die schweigsame Nereide Schmidt folgende Anmerkung.

»Wie hat man es übrigens zu verstehen, wenn Sophokles im Troilos (bei Schol. Pind. Nem. 4, 62 £) die Ehe des Peleus mit der Thetis nennt? Ln Hinblick auf die sonstigen auffälligen Ueberein-stimmungen möchte man sich fast versucht fühlen anzunehmen, der Mythos, welchem der Dichter folgte, habe berichtet, daß Thetis in der Ehe mit ihrem Gatten, gleich der Nereide der kretischen Sage, beharrlich Schweigen beobachtet habe.«

So Schmidt Mannhardt schließt sich in seiner interessanten Behandlung der Peleus-Thetis-Sage als einer thessalischen Volkssage (in seinen »Antiken Wald- und Feldk.« p. 60) dem an und sagt bei Erwähnung der Schmidtschen Bemerkung, auch dieser Zug des Schweigens ist echt und alt »Nach einer englischen Sage, welche Walter Map, der Freund König Heinrich H., in seiner zwischen 1180—1193 verfaßten Schrift »nugae curialium« von dem berühmten angelsächsischen Ritter Ediic dem Wilden erzählt, hat derselbe im Walde tanzende Waldfrauen belauscht, eine derselben ergriffen und nach langem Kampfe siegreich mit sich fortgeschleppt. Drei Tage ist sie ihm völlig zu Willen, spricht aber kein Wort, am vierten öffnet sie den Mund, um ihn mit holdseliger Bede zu grüßen und ihm Glück zu verheißen, so lange er sie nicht schelte. Als er dies in Übereilung thut, ist sie verschwunden.« So Mannhardt.

Führten nun schon alle anderen charakteristischen Momente des betr. mythischen Wesens auf die Sonne, so wird diese Beziehung auch noch in der eigentümlichsten Weise bestätigt durch den durchgehenden Zug der zeitweisen Schweigsamkeit des betr. Wesens. In den »Poet. Naturansch.« 1.1864, p. 26 f. habe ich nämlich schon auf die Vorstellungen hingewiesen, die Tegnör von der Sonne entwickelt als einer himmlischen goldhaarigen Maid, die, dort oben hingebannt, still dahinwandle, bis sie erlöst werde, oder die als goldbefiederter Schwan im himmlischen Meer dahintreibe u. s. w. Unter den verschiedenen daran sich schließenden ähnlichen Ansichten von der Sonne, daß z. B. Helios schlafend auf einem Nachen einherfahre, fand sich ferner auch die durch altertümliche Volksrätsel belegte einer Jungfer Mundelos. Damals sprach ich es schon p. 70 und 202 aus, daß hieran anzuschließen sei das oben erwähnte goldhaarige Mädchen der Sage, welches stumm auf einem Baume im Wald spinnend sitze und des Erlösers harre wie Dornröschen, Brunhild oder die in einer Höhle, einem Berge (dem Wolkenberge), von ihrer Mutter verschlossene, spinnende Persephone (zu der Zeus dann als Blitzesschlange schlüpft, wie Odhin zur Gunlöd). Nun tritt bei der Idhun, die sonst auf der Esche Yggdrasil thront, in der ich aber nicht, wie schon oben angedeutet, mit Simrock den abstrakten »Frühling« oder »den grünen Blätterschmuck« hier finde, sondern mehr im Anschluß an Eoch-holz, wie ich weiter unten noch des ausführlicheren belegen werde, die Hüterin der himmlischen Sonnenäpfel, also auch‘ eine Sonnenmaid, höchst bedeutsam auch ein eigentümliches Verstummen mit ihrem Herabsinken von der Esche Yggdrasil verbunden hervor1). Die Edda sagt nämlich von ihr in Hrafhagaldr Odhins (als die Götter sie ratsuchend beschicken), wie sie zur Tochter Nörwis, d. h. der Nacht, herabgesunken:

Sie mochte nicht reden,

Könnt’ es nicht melden,

Wie begierig sie fragten,

Sie gab keinen Laut–

Wie schlafbetäubt

Erschien den Göttern

Die harmvolle,

Die des Worts sich enthielt

Je mehr sie sich weigerte,

Je mehr sie drängten;

Doch mit allem Forschen Erfragten sie nichts.

Allerdings knüpft die Mythe ihre Schweigsamkeit nur an eine Art ihres Zustandes, das ist aber in den obigen Sagen ebenso und die Mannigfaltigkeit der Anwendung dieses Zuges zeigt gerade, wie so oft, daß es nur verschiedene Formen für eine in der Natur der betr. Wesen angeblich überhaupt liegende Eigenschaft ist.

Ist aber Idhun auf der Esche Yggdrasil recht eigentlich nach allem die Sonnenfrau, so bestätigen dies auch noch endlich analoge deutsche Mythen, die von einem ähnlichen Yersinien der »weißen Frau« reden und selbständig schon s. Z. in, dem »Heutigen Volksglauben« u. s. w. H. AufL von mir auf das in der Gewitternacht vom Himmel herab sinkende Lichtwesen gedeutet sind. (cf. das. p. 111 ff.)

VII. Von dem Treiben der himmlischen Sonnen-, Wolken-, Sturmeswesen u. s. w. (cf. No. Y.) schienen sich unter dem himmlischen Lichtbaum, der Sage nach, besonders zweiMomenteabzuspielen, welche sich an verschiedene Auffassungen des Gewitters anschließen.

A) Wie ich aus vielfachen Mythen nämlich entwickelt habe, faßte man dasselbe u. a. als eine Vermählung des in der Gewitternaeht auftretenden, resp. am Horizont herauf kommenden Wesens mit der Sonne. Unter den verschiedenen Com-binationen, die dabei möglich schienen, hat sich bei den arischen Völkern Europas besonders reich die entwickelt, nach welcher der Sturm-resp. Gewittergott um die Sonnenjungfrau wirbt und mit ihr direkt buhlt. In einzelnen Sagen tritt nun die Beziehung zu dem uns bekannten himmlischen Terrain noch bestimmt hervor, wenngleich bei weiterer Entwicklung der Mythen in fortschreitender Kultur dies Bild weniger paßte, ebensowenig wie mit der Zeit eine auf dem Baum thronende Göttin. Es erschien dann die Form opportuner, nach welcher die Vermählung »in einer Grotte« (d. h. im Wolkenberg. S. »Poet Natur.« II. unter »Wolke«) vor sich gegangen sein sollte, cf. weiter unten p. 54 f.

»Unter der heiligen Platane bei Knossos auf Kreta am Flusse Theren sollten z. B. Zeus und Hera ihre Vermählung vollzogen haben; hier feierten die Kreter alljährlich diese heilige Hochzeit durch Nachahmung aller der Ceremonien, wie sie nach Ueberlieferung bei der Hochzeit beider Götter ehemals vollzogen waren. Ebenso sollte unter dem Laubdache einer anderen heiligen Platane auf derselben Insel zu Gortyna, wo auch ein Quell daneben aufsprudelte, Zeus sich der Europa in Liebe gesellt haben (auch nur eine Differenzierung desselben Mythos innerhalb der göttlichen und heroischen Sagenkreise). — Münzen von Gortyna zeigen diese Platane, in deren Zweigen das Bild der Europa sitzt1),« s. Boetticher p. 32.

Die Nachahmung  der betr. Götter kommt auch anderweitig vor und in Hermione erzählte man speziell noch charakteristische Accidentien. Zeus, der schon lange vergeblich um Hera gefreit, erregt einen heftigen Sturm mit Platzregen und nähert sich ihr in der Gestalt eines Kuckucks. Kann die Vogelgestalt nach dem ganzen Sagenkreis, mit dem wir es zu thun haben, an und für sich nicht auffallen, so bemerkt Welcker »Gr. M.« I. p. 365 in betreff gerade des Kuckucks noch dazu:

»Wenn dieser Vogel zuerst kuckuckt, dann regnet es, wie Hesiod in den Werken und Tagen lehrt, drei Tage in eins fort; tägliche Gewitter bezeichnen in bergumschlossenen Gründen, wie z. B. in Florenz, den Uebergang zum Frühling.«

— Gemahnt dies an die Frühlingszeit, wo in den Gewittern, wie u. a. in der Brunhild-Sage, die Vermählung der Himmlischen besonders vor sich zu gehen schien, so erinnert ebenso wieder an die im Wolkenbaum ursprünglich, wie wir oben gesehen haben, sitzende Göttin, wenn zu Samos man behauptete, das Bild der Göttin einst im Keuschlamm oder unter Weiden versteckt gefunden zu haben und dann alljährlich ein solches ebenso verbarg, suchte und wiederfand.

Wenn Tyrrhener und Karer dabei im Spiele gewesen sein sollten, die es geraubt und verbargen, so ist das nur der späteren Form der Sage angepaßt; ursprünglich geht das Verbergen u. s. w. auf die Göttin selbst, wie in andern ähnlichen Gebräuchen, war doch daneben auch die Sage, die Göttin solle daselbst unter dem Weidenbaum im Heraion geboren sein. Über die Sache cf. weiter Welcker, »Gr. M.« L 368 und Boetticher, p. 29 Anm.

Sind dies nur einfache Localisierungen, so haben wir in der nordischen Mythe noch eine direkte großartige Ausführung der Scenerie im Fiölsvinnsmäl, wo im Mittelpunkt derselben der uns bekannte Baum Mimameidr steht, »dem weder Schwert noch Feuer schadet«, auf dessen Gipfel ein gold-ner Hahn thront, im übrigen aber Menglada, ein Analogon der Brunhild, von dem in den Frühlingsstürmen unerkannt ihr (als Bettler) nahenden Swipdagr, der wiederum dem Siegfried entspricht, daselbst umworben wird, und beide sich dann für ewig einen.

Ich habe diesen Mythos »Urspr. d. M.« p. 266 ff. mit allen Einzelheiten ausführlich schon in diesem Sinne behandelt, so daß ich darauf verweisen kann. Ebendaselbst habe ich auch als an etwas Verwandtes erinnert, wenn bei Homer Zeus und Hera im Wolkenblumenbett hoch oben über der Erde ruhen, dann auch auf das bekannte Wahrzeichen des (gleichfalls als Bettler) unerkannt zur Penelope heimkehrenden Odysseus hingewiesen, von welchem Wahrzeichen Od. XXHI. berichtet wird und durch dessen Kenntnis sich Odysseus erst als den legitimen Gemahl erweist, daß nämlich nicht, wie Penelope ihn versuchend anordnen wollte, sein Bett sich versetzen lasse, »sondern er selber »um einen gewaltigen Oelbaum« das Gemach sich gebaut und in demselben sich einst das Brautbett bereitet.« Auch Simrock hat sich der letzten Parallele p. 568 angeschlossen und zieht dann noch als vorzügliches Gegenbild die schon oben nach der Völsunga-Sage angeführte ähnliche Scenerie in Sigmunds Halle heran. Überall brechen analoge Bilder in der überraschendsten Weise hindurch.

Nach diesen Parallelen will ich nicht unterlassen, auch noch zu bemerken, daß, an die Hochzeit des Zeus und der Hera sich auch die Sage von dem goldenen Apfelbaum der Hesperiden schließt, der als Hochzeitsgeschenk dabei erwähnt wird. Habe ich ihn oben zunächst als Correlat zu dem heiligen Baum im östlichen Sonnenlande am Phasis erwähnt, so kann ich jetzt, nachdem ich das Herab sinken der Idhun von der Esche Yggdrasil in Analogie zu ihrem Geraubtwerden durch Thiassi auf das Versinken der Sonne u. s. w. in der Gewitternacht bezogen habe, noch einen Schritt weiter gehen. Der Raub der Idhun mit ihren zauberhaften Äpfeln und ihr Wiedergewinnen durch Loki ist hiernach eine der bekannten Gewittermythen, denen zufolge ein Palladium der Lichtgötter, hier also die Früchte des himmlischen Iichtbaums, der Sonnenapfel u. s. w., im Unwetter entführt und dann dem Wesen, das sie in der Gewitternacht geraubt, wieder abgenommen werden. Wie nun in der nordischen Mythe ausgesponnen wird, daß Loki auszieht und unter allerhand Fährnissen (d. h. den Gewitterkämpfen) dies ermöglicht, so stellt sich hiernach des Herakles Zug nach den (3) goldenen Äpfeln der Hesperiden, die auch u. a. Töchter der Nacht genannt werden, als ein märchenhafter, nur verblaßter Nachklang einer ähnlichen Anschauung hin, der nur in dem Mythenkreise, dem er eingewachsen, eine etwas fremdartigere Gestalt erhalten hat

Auch in den Gebräuchen übrigens, die sich an gewöhnliche Hochzeiten knüpfen, brechen noch gelegentlich einzelne an unser bekanntes Terrain erinnernde Momente hindurch, und es ergänzt sich dabei gewissermaßen griechische und deutsche Sitte. Vom Apfel resp. der Granate als Hochzeitssymbol im Anschluß an den obigen Apfelbaum bei der Vermählung der Hera spricht schon des ausführlicheren Boetticher, »Ideen der Kunstmyth.« H 249. Er erinnert u. a. daran, daß Zeus der bräutlichen Hera einen Granatapfel zu kosten gegeben, wie es in der bekannten Sage Hades auch mit der Despoina gemacht und wie er diese dadurch zeitweise an sich gefesselt haben sollte; ebenso wie auch Zeus als Bräutigam und entsprechend auch Hera mit einem Granatapfel in der Hand dargestellt werde, was man dann mystisch gedeutet, wie auch Pausanias letzteres H. 17 erwähne.

Boetticher erinnert weiter dann an den »der Schönstem gewidmeten Apfel‘ der Eris, »an den Apfel der Atalanta«, »qnae zonam solvit diu ligatam« bei CatolL H 5; »an den Apfel des Acontius« in Ovids Heroiden XX., sowie an das  in den alten Bukolikern und Erotikern und daran, daß es auch später zu den Hochzeitsgebräuchen gehörte, der Braut einen Apfel darzureichen. »Deutlich ist der Apfel«, fährt er fort, (il pomo di zizzä nennen ihn die Sicüianer) »in dem von Bartoli in den Admirandis No. 55 abgebildeten Relief, die Hochzeit der Creusa mit dem Jason vorstellend, zu sehen. Da hielt ihn die sitzende Creusa, der die Brautgeschenke gebracht werden, in der Hand.« — Auf diese Ausführung nimmt Stark (K. P. Herrmann) »Griech. Privataltert.« Heidelberg 1870. § 31 No. 29 Bezug, wo er des Solon Gesetz anführt, nach welchem die Braut vor dem Empfange des Bräutigams im Brautgemach einen Quittenapfel pijXov xvScaviov zu verzehren habe Es ist eben jene Bestimmung entschieden nur eine Fixierung der alten Volkssitte.

Daß aber der Apfel im obigen Sinne als Liebesapfel im himmlischen Haushalt auch bei den nordischen Yölkem galt, wir es hier also mit einer gemeinsamen Urreminiscenz zu thun haben, das zeigt im Anschluß an die vorhin behandelten Mythen das eddische Lied Skimisför. Skimir zieht aus, um für Freyr um Gerda zu werben, und wendet sich u. a. mit folgender Ansprache an sie:

Der Äpfel eilf

Hab ich allgolden,

Die will ich, Gerda, dir geben,

Deine Liebe zu kaufen,

Daß du Freyrn bekennst,

Daß dir keiner lieber lebe.

Es liegt auf der Hand, daß hier nur die Äpfel gemeint sein können, die sonst Idhun hütet, und wenn sie als Morgengabe für die gesuchte Vermählung geboten werden, so haben wir eben hierin eine direkte Variante der Rolle, welche dem Hesperidenbaum bei der Vermählung des Zeus zufallt.

Aber nicht blos der Apfel spielte, wie wir oben gesehen, noch in historischer Zeit bei den Griechen in die Ehegebräuche hinein, sondern auch wieder die heilige Quelle und Fackel. Wie Juno sich vor und nach der Hochzeit nach Aelian hist an. Tritt von den erwähnten Elementen bei den Griechen mehr das Bad hervor, so spielt im Norden dagegen der Baum in vielen deutschen, slavischen und lettischen Landschaften nach Mannhardt »Baumkultus« p. 46 eine bezeichnende Rolle bei der Hochzeit (auch die Lichter fehlen nicht). Unter seinen Schutz wird gleichsam die Ehe nach der entsprechenden himmlischen Scenerie, von der wir oben gemeldet, gestellt. »Dem jungen Paare werden bei der Hochzeit«, sagt Mannhardt, der hier den Baum seinem Standpunkt gemäß als Lebensbaum fassen möchte, »grüne Bäume vorangetragen, ein grüner Baum prangt auf dem Wagen, der die Aussteuer der Braut in die neue Heimat führt, auf dem Dach oder vor der Thür des Hochzeitshauses. Im Drömling tragen die Braut- oder Bräutigamsjungfem auf dem Wege zur Kirche dem Brautpaar brennende Lichter auf jungen Tannen oder mit Buchsbaum umwundenen Gestellen voran. Im hannoverschen Wendlande tragen die Kranzjungfem während der Ehrentänze der Brautführer und des jungen Ehemanns mit der Neuvermählten mit brennenden Lichtern besteckte grüne Tannenbäumchen vorauf. In den wendischen Dörfern bei Katzeburg dagegen hatte ein grüner Baum auf dem Brautwagen Platz. In der Oberpfalz steckte ebenso vom auf der äußersten Spitze des Kammerwagens, der die Aussteuer der Braut trägt, ein verziertes Fichtenstämmchen u. s. w. In Schweden nimmt man wenigstens noch als Brautstuhl, auf dem das Hochzeitspaar während der Trauung sitzt, einen Chorstuhl, pflanzt zwei Tannen mit Blumen und Goldpapier vor dessen Thüren u. s. w.« Stellenweise ist der Brauch auch so gewandt, daß das Brautpaar zwei junge Bäume im Gemeindeeigentum pflanzen mußte; die Kommune bemächtigte sich gleichsam des alten Gebrauchs, der bei der Hochzeit einen Baum verlangte, und wandte die Sache in ihrem Interesse.

B) Nach einer anderen Anschauung meinte man, der Himmel kreise im Gewitter, und wähnte die gewitterschwangere Wolke unter den Wirbel-stöfien und dem Stöhnen des Sturmes und Donners in Geburtswehen begriffen und, nachdem die alten Lichtwesen im Unwetter untergegangen, neue Lichtwesen so wieder geboren zu sehen. (Asklepios vom Blitzglanz umflossen. Dionysos’ Feuergeburt Achill aus dem Feuer gerettet, cf. die Geburt des Caeculus und Servius Tullius). — Hierher reflektieren auch die Mythen von der Geburt eines oder zweier göttlicher Sinder beim himmlischen Lichtbauin, resp. des Sonnen-Sohnes oder der Sonnen-Tochter allein, oder der Sonne und Morgenröte oder der Sonne und des Mondes), die in den Gefahren des Gewitters verfolgt zu werden schienen u. dergL mehr.

Ich habe über die betr. Vorstellungen verschiedentlich im »Urspr. d. Myth.«, den »Poet Natur an.« L und namentlich in der Schrift »Der Ursprung der Stamm- und Gründungs-Sage Borns« gehandelt; über die zuletzt angedeuteten Combinationen der Lichtwesen vergL auch M. Müller, »D. Wissenschaft d. Sprache.« Leipzig 1866 IL p. 451 ff.

Die oben angedeutete Beziehung zweier himmlischer (goldiger) Lichtkinder zum Lichtbaum tritt äußerlich schon hervor in dem Märchen von den beiden Goldkindern, die von einem bösen Weibe (der Stiefmutter) verfolgt resp. ermordet werden, wenn aus ihrem Grabe dann zwei Bäume entstehen, die goldene Äpfel’ tragen u. s. w. Die weitere Bedeutung dieser Goldkinder ergab sich nun damals mir zunächst an einer Parallele mit dem Helios und Selene als »Kindern«, die auch durch die Mißgunst böser Anverwandten nach einer uns von Diodor erhaltenen Sage im Gewitter verfolgt werden.

Ein solches himmlisches Zwillingspaar haben wir nun auch in Hera und Zeus, welche auch vor den Nachstellungen des Kronos verborgen gehalten werden. Im Mythos finden in betreff beider freilich hierin Differenzierungen statt, insofern Zeus als zukünftiger Überwältiger des Kronos und Götterkönig besonders geheim gehalten wird und mit einem eigenen Sagenkreis umgeben erscheint, wenn er auf Kreta in einer Höhle groß gezogen sein soll, während die Geburt und das Großziehen der Hera sich auf der ihr besonders heiligen Insel Samos lokalisiert hat und dann dort unter der heiligen Weide vor sich gegangen sein sollte (Boetticher p. 29). Geht letzteres aber auf den Wolkenbaum, so ist in ersterer Sage, wie schon oben bei Erwähnung der betr. Vermählungen angedeutet worden, nur die Grotte d. L (in mythischer Bedeutung) die hüllende Wolke an ihre Stelle getreten. — Der Baum tritt aber wieder hervor, wenn von den dodonäischen Nymphen (s. über dieselben oben), das Bacchus – Kind hei der Eiche zu Dodona sollte groß gezogen sein.

Von dem ganzen Mythos-Terrain, der schwimmenden Wolkeninsel, denn so berichtet die Sage ursprünglich von Delos, der (im Kreise) umherirrenden Leto, d. h. der am Horizont in allen Himmelsgegenden herumziehenden gewitterschwangeren Wolke u. s. w. habe ich schon im »Urspr. d. M.« gehandelt. Was hier nämlich in der Mythe sich erhalten, tritt zur Ergänzung und Bestätigung des behaupteten Ursprungs der betr. Vorstellung höchst charakteristisch im abergläubischen Gebrauch in Schweden hervor. Vom Värdträd, den Mannhardt, »Baumkultus« u. s. w. p. 51, behandelt hat, ist in unserm Sinne schon als irdischem Substitut des Lichtbaums die Bede gewesen. Nun berichtet Mannhardt von ihm:

»Schwangere umfaßten in ihrer Noth den Värdträd beim Hause, um eine leichte Entbindung zu erzielen,«

also genau dieselbe Scene hier bei den Nordariem im Gebrauch, wie bei den Südariem in Griechenland im Mythos. Daß nämlich auch dort in Schweden eine mythische Beziehung auf das himmlische Terrain ursprünglich zu Grunde liegt, beweist das andere, gleichfalls von Mannhardt schon herangezogene Faktum, daß es von dem Baume Mimameidr ausdrücklich in der Edda heißt:

Mit seinen Früchten Soll man feuern,

Wenn Weiber nicht wollen gebären.

Aus ihnen geht dann,

Was innen bliebe:

So mag er Menschen frommen.

Dazu kommt noch als höchst bedeutsam nach unserer Auseinandersetzung, daß das oben erwähnte Substitut des Lichtbaumes, in dem auch, wie wir sahen, das Ehebett der Himmlischen stand, in der Yöluspa geradezu JOnderstamm hieß. Diese Bezüge mehren sich, wenn wir nicht bloß an den alten Glauben denken, daß die Menschen von den Bäumen stammen sollten, sondern auch dazu halten, daß die Kinder aus dem Brunnen der Holla kommen, den auch Simrock p. 35 mit dem himmlischen Brunnen der Urdh vergleicht Suchen wir aber nach einer Anschauung, welche die Kinder aus dem Lichtbaum und seiner Umgebung hervorkpmmen zu lassen schien, so dürfte vielleicht folgende Anknüpfung die richtige sein. Kuhn und ich haben öfter Sagen gehört, daß die Zwerge unter einem Baum hervorkommen. Der Eingang zu ihrer Wohnung ist bald unter einer Rüster, bald am Spring in der Ellernkühle, bald auf dem Hofe unter einem Apfelbaum (cf. Kuhn undSchwartz »Nordd. Sagen«). Wenn es noch zweifelhaft wäre, daß auch diese Bäume Substitute des himmlischen Lichtbaums sind, wie der oben erwähnte Värdträd, so wird man noch speziell an das himmlische Terrain erinnert, wenn das Mädchen, welches zu den Zwergen in einer jener Sagen hinabsteigt, aus dem schönen Garten daselbst zum Lohn sich Äpfel pflückt, die dann zu Gold werden. Wie ich früher  nun vielfach auch die Beziehung der Zwerge zu den Sternen mit ihren Wolkennebelkappen u. s. w. im »Urspr. d. M.« nachgewiesen, habe ich im I. Teil der »Poet. Nat.« verschiedentlich Anschauungskreise behandelt, denen zufolge nach deutschem Glauben die Sterne als die kleinen Himmelskinder gegenüber der Mutter (Sonne) oder dem Mond gefaßt wurden1). Es würden sich also hiernach die beiden Vorstellungen decken und in gleicher Weise auf das Hervorkommen der Sterne am Abendhimmel gehen, wenn einmal die Zwerge unter dem himmlischen Lichtbaum hervorkämen, dann dieser überhaupt der Kinder stamm wäre, aus welchem, wie aus dem Brunnen, resp. dem Spring dabei, die himmlischen — und dann auch die irdischen — Kinder hervoigingen; denn eine Übertragung der letzteren Art ist ja ganz gewöhnlich. Kommt doch auch hier ausdrücklich wieder noch eine andere Beziehung hinzu, von der wir in Brodewin (Nordd. Sagen Abergl. 422) eine prägnante Form hörten, wenn es daselbst hieß: »Jeder Mensch hat sein Licht am Himmel, und wenn er stirbt, so geht’s aus; es kommen statt der alten aber sogleich wieder neue zum Vorschein, da immer wieder Menschen geboren werden,« zu welcher Vorstellung römische und griechische Sage paßt.

Daß dieser Gedankengang richtig, dürfte der Umstand bestätigen, daß auch die Vorstellung des sog. Lebenslichtes sich dem anschlösse und auf dasselbe Naturterrain hinwiese. Beziehe ich gleich das dem Meleager von dem Moiren gegebene brennende Holzscheit, sowie die dem Nomagest von der Nome gebotene Leuchte zunächst auf die Blitzfackel, so stimme ich doch im übrigen Simrock bei, wenn er »M.« p. 597, sich auf die »Nordd. S. Gebr.« 431 berufend, damit das sog. Lebenslicht in eine Parallele bringt und sagt:

»Es ist noch jetzt Sitte, den Kindern bei jedem Geburtstag einen Kuchen zu schenken und darauf so viel Lichter zu stellen, als sie Jahre zählen. Diese Lichter darf man nicht auslöschen, sondern muß sie zu Ende brennen lassen«

; worauf dann Simrock an Nor nagest u. s. w. erinnert.

Doch nehmen wir den Faden unserer obigen Untersuchung nach dieser Abschweifung wieder auf. Daß sich die Scenerie der römischen Stammsage mit der Wanne, als Wiege der Mars-Kinder am ficus Buminalis bei einer Ueber-schwemmung des Tiber angetrieben, den oben besprochenen Bildern von der Geburt himmlischer Kinder unter dem Lichtbaum anreiht, habe ich in der sie behandelnden Schrift noch durch andere bedeutsame Acddentien, wie den Specht, der sie füttert, u. s. w. unterstützt Es sind ursprünglich die himmlischen Zwillinge, die dann in die Stammsage verknüpft, zu Heroen geworden sind, wo, was an ihnen noch Mythisches haften geblieben, anders gewandt ist.

Bei Besprechung derselben habe ich auch eine deutsche, überhaupt nordeuropäische Sage herangezogen, nach der ein Erlöser, Erretter, Stammvater eines neuen Geschlechts nach einer Überschwemmung von einer (goldenen) Wiege kommen sollte, die aus einem bestimmten Baum dereinst gezimmert. Die mythologischen Bezüge ließen sich auch hier nachweisen. Nun kehrt derselbe Zug mit der Wiege höchst bezeichnend wieder bei der Erlösung der versinkenden weißen Frau resp. der Hebung des mit ihr verbundenen Schatzes (des alten Horts u. 8. w. der Nibelungen- und Amelungensage).

Ich lasse zunächst Grimm reden;

»M.« p. 920 heißt es: »(Der betr. Erlöser) muß als Kind in der Wiege geschaukelt werden, die aus dem Holz des Baumes gezimmert war, der (jetzt) erst als schwaches Beis aus der Mauer eines Turmes sprießt: verdorrt das Bäumchen oder wird es abgehauen, so verschiebt sich die Hoffnung des Erlösers, bis es von neuem ausschlägt und wieder wächst Das steigern noch hinzugefügte Bedingungen; den Kirschkern, aus welchem der Sproß schießen wird, hat ein Yöglein in die Mauerritze zu tragen u. s. w. In allen diesen Sagen knüpft sich der Eintritt des künftigen lichte nach den Jahren ist natürlich eine Erweiterung des ursprünglichen Gebrauchs, um, als man den alten Hintergrund des einen Lebenslichtes nicht mehr verstand, einen neuen Gedanken damit su verknüpfen. Ereignisses an einen keimenden Baum, gerade wie der Welt-kampf durch den Schößling der Esche oder den im Laub ausschlagenden dürren Baum bedingt war.«

Schon vorher hatte Grimm die Sagen von dem erwähnten Mythus des letzten Weltkampfs und dem Erwachen des bergentrückten Helden unter ähnlicher Perspektive besprochen, dieselbe aber nur mehr zur Diskussion gestellt als ausgebeutet. Er sagte, indem er sich mit denen auseinandersetzt, die christliche Vorstellung im Anschluß an die Apokalypse darin suchen wollen: »Alter (als die Zeit der Kreuzzüge) ist die Bestimmung, daß mit ihrem (der bergentrückten Helden) Aufwachen die große Weltschlacht und der jüngste Tag anbrechen soll; daran läßt die Erwähnung des Antichrists keinen Zweifel. Hier ist Zusammenhang mit dem Mythus vom Weltuntergänge p. 771—773. Der aufgehangene Schild kann den nahenden Richter bedeuten (R. A. 851); aber das Zeichen des neugrünenden Baumes scheint mir eher heidnisch als christlich. Zwar ließe es sich auf Matth. 24, 28, Luc. 21, 29, 30 (Hel. 132, 14) ziehen, wo die Kunst des Welttages dem ausschlagenden Feigbaum, als Zeichen des nahenden Sommers, verglichen wird, die Anwendung des Gleichnisses auf den jüngsten Tag wäre aber ein Mißgriff. Eher denke ich an die nach dem Muspilli neugrünende Erde (Saem. 9b) oder an einen verdorrten, minder sprießenden Weltbaum, die Esche (s. 756—60).–«

Nach unsem Untersuchungen dürfte es keinem Zweifel mehr unterliegen, dass auch die Vorstellung des geheimnisvoll keimenden, immer wieder ausschlagenden Baumes auf den Lichtbaum geht, wie ich auch im »Urspr. d. röm. Stamms.« schon den Schild auf die Sonne gedeutet; nicht der Richter, sondern der Sonnenheld ruft durch Wiederaufhängen seines Schildes am himmlischen Lichtbaum die Geister der Gewitternacht u. s. w. zum Kampf auf, ebenso wie die Erlösung der Sonnenjungfrau und des Sonnenschatzes sich an die Geburt des Gewitterhelden, des neuen Sonnensohnes (s. Poet Nat H.) knüpft, der in leuchtender Wolke vom Sturm »gewiegt« wird.

Auf dem Gipfel des Lichtbaumes thront, wie wir oben gesehen, die (goldhaarige) schweigsame Sonnenmaid, wenn sie nicht in der Gewittemacht versinkt, auf dem Gipfel des Lichtbaums wird auch der Sonnenheld immer wieder geboren werden, der, wenn alles in des Winters Nacht schließlich untergegangen scheint, alles wieder erlösen wird in den Frühlings wettern. Nicht Nachklänge des nordischen Mythus von der Götterdämmerung, sondern volkstümliche Ansätze ähnlicher Torstellungen, wie sie dann die Edda, in ideeller Weise ausgebildet, ans Ende der Tage gerückt hat, zeigen uns die deutschen Sagen vom Untergang und der Erlösung der himmlischen Lichtwesen, sowie die vom letzten Weltkampf, indem sie so an ihrem Teil auch wieder meine alte Behauptung bestätigen, daß die große nationale Mythologie überall auf einer niederen Mythologie, wie ich sie im »Heutigen Volksglauben« 1850, p. 4, bezeichnet, d. h. der in unendlich vielen Spielarten auseinandergehenden volkstümlichen, erwachsen ist.

Indem ich den Kreis dieser Untersuchungen schließe, will ich ein paar allgemeine Bemerkungen nicht zurückhalten.

Wir haben eine def historischen Zeit ganz fremde Uranschauung von den himmlischen Lichterscheinungen als eines täglich wachsenden und schwindenden Lichtbaums als Basis und Ausgangspunkt einer Fülle mythischer und religiöser Vorstellungen erkannt und verfolgt Um ihn gruppieren sich die andern Himmelserscheinungen wie Accidentien, der Regenquell als himmlischer Bronnen u. dergl. mehr. Neben tierähnlichen Wesen fangen in fortschreitender Entwickelung auch menschenähnliche an, unter dem Weltenbaum ihr Wesen zu treiben. Neben Wolken- und Sturmesgeistern sowie feurigen Elementen tritt ein strahlendes Sonnenwesen, die schöne Frühlingssonne als Sonnentochter oder Sonnensohn, die himmlischen Schätze hütend oder mit dem Sonnenschild zum Kampf ausziehend oder als Schwan auf den himmlischen Wassern treibend u. s. w. Doch nicht allein, daß manches Rätsel so der griechischen Mythologie wie der Edda, gelöst wurde, es trat uns dabei überhaupt eine gemeinsame Glaubensphase der Urzeit innerhalb des Kreises der europäischen Arier in vielfach gegliederter und doch wieder zu einander in gewissem Sinne harmonierender Ausbildung entgegen, die nicht bloß in ihrem primitiven, volkstümlichen Charakter für die Entwickelungsgeschichte des mythisch-religiösen Glaubens der Menschheit im allgemeinen lehrreich, sondern auch im einzelnen stellenweise neue Perspektiven eröffnen dürfte, so z. B. in betreff der jüngst von M. Müller neu angeregten Frage über den sogen. Fetischglauben.

Nicht als Sitz eines Geistes oder einer Seele übt der heilige Baum oder sein Substitut seine ursprünglichen Kräfte und wird demgemäß angegangen und schließlich verehrt, – — setzt doch schon der Begriff »Seele« eine gewisse bedeutsame abstrakte Kulturentwickelung voraus, — ebensowenig ist er aber auch als lebloses Ding oder toter Gegenstand von den Menschen aufgefaßt und ein Objekt religiöser Beziehungen geworden. Wie jedes Kind noch alles um sich als lebendige Wesen derselben Art behandelt, in welcher es selbst sich zu fühlen anfängt, den Stuhl z. B., über den es gefallen, als ein böses Ding schilt, etwas anderes, was ihm Vergnügen macht, z. B. ein Mädchen seine Puppe als ein liebes Wesen herzt und küßt, ja mit Schmeichelnamen beilegt, so war dem Naturmenschen auch alles, was er auf Erden wie am Himmel sah oder was er fühlte, z. B. in letzterer Hinsicht der Sturm, ebenso aber auch eine Krankheit lebendige Bealität, die ihm eben religiös berücksichtigungswert wurde, insofern sie seine Sinne oder sein Interesse besonders affizierte und namentlich einen geheimnisvollen oder wenigstens wunderbaren Einfluß, d. h. einen solchen, den er mit seinen Sinnen nicht faßte, unmittelbar oder mi‘ telbar auf ihn auszuüben schien. Namentlich galt dies, wie auch Forschung zeigt, je länger je mehr von den Himmelsphänoiuenen, je wunderbarer und wirkungsvoller sie allmählich dem Menschen gegenüber zu treten und auf sein und der Natur Leben dauernden Einfluß auszuüben schienen. Die zauberartige Macht haftete ursprünglich in seinen Augen ebenso an den betr. Dingen wie an den Wesen, welche allmählich eine weiter sich entwickelnde Vorstellung mit ihnen verband. Der Lichtbaum sowie sein Substitut, der himmlische wie irdische Quell, das Feuer u. s. w. hatten ursprünglich an sich ebenso weissagende Kraft, wie dann bei vollerer Entfaltung der mythischen Vorstellungen der angeblich von dem heiligen Baum herab redende Wolkenvogel, die Schwan- resp. Taubenjungfrau, die Norne oder Peleiade u. s. w., bis alles nur im Dienst der göttlichen Wesen, an die man zu glauben angefangen, sich zu vollziehen und zu dokumentieren schien. Nur das Ueberviegen sachlicher oder menschlicher gedachter Gestaltung giebt dem einen den Charakter des Fetischartigen und reiht das andere dem Polytheismus ein. Und wie vor Jahrtausenden, so begleiten noch heut ganze Massen des alten Fetischismus die Menschen unbewußt in ähnlicher Weise, nicht bloß in den niederen Volksschichten, sondern oft genug auch auf der Höhe idealen Lebens, sobald eben das persönliche Interesse oder die persönliche Teilnahme ins Spiel kommt und die Unerforschlichkeit des Schicksals dem Gemüt und dem Herzen des einzelnen in gleicherweise wie einst dem Naturmaischen entgegentritt. Diese Seite des menschlichen Empfindens bleibt sich nämlich stets gleich, und wie einst die Sage an Meleagers oder Nomagests Lebenslicht sein Leben gebannt wähnte, sieht noch heutzutage eine Mutter, welche ihrem Kinde zum Geburtstag ein Licht anzündet und dies der Tradition nach Lebenslicht nennt, es ebensowenig gleichgültig von selbst verlöschen, wie wenn es beim Lichterschwimmen zu Weihnachten in auffallender Weise geschieht und das Kind etwa besonders kränklich und sein Leben gefährdet erscheint.

Außer dem Obigen noch zum Schluß folgende Bemerkung. Habe ich gleich hier die Ursprünge des Baumkultus im Anschluß an den himmlischen Lichtbaum zunächst bei den West-ariem verfolgt, so treten uns doch in eigentümlicher Weise analoge Erscheinungen bei den Ostariem, Semiten, ja auch in ihren Anfängen in Amerika, wie Afrika und Australien entgegen. Ich habe bei allen sonstigen Analogien in den Anschauungen der Völker stets die Möglichkeit paralleler, selbständiger Entwicklung betont; in den Formen, die sich dem Baumkultus anschließen, aber scheinen fast die Spuren auch eines realen Zusammenhanges hindurchzuschimmern, so daß es sich schon lohnte, einmal von diesem Standpunkt aus das betr. Kulturgebiet zu durchmessen. Denn fast gewinnt es den Anschein, als ständen wir mit den primitiven, an den Baumkultus sich anschließenden Anschauungen, — die nur eben die kulturbefähigten Völker »phantasievoll« weiter beobachtend, reicher ansgestattet und ausgebildet haben, — vor einer gemeinsamen, alten Urvorstellung der Menschheit, wie auch dasselbe überall, bis auf Australien, von dem Glauben an den im Blitz und Unwetter angeblich sich bekundenden himmlischen Schlangen und Drachen, sowie von dem elementaren Zauberglauben, namentlich dem sogen. Anhexen von Krankheiten an Mensch und Vieh durch unsichtbare Wesen, besonders von den Windgeistem, dem Blitzdrachen und ähnlichen Ungetümen gelten möchte.

Text aus dem Buch: Indogermanischer Volksglaube: Ein Beitrag zur Religionsgeschichte der Urzeit (1885), Author: Friedrich Leberecht Wilhelm Schwartz.

Hier geht es zum vorherigen Kapitel:
Indogermanischer Volksglaube – Vorrede

Siehe auch Deutsche Mythologie:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Der Anfang der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt

Indogermanischer Volksglaube

Wie ich einst unter dem Eindruck jahrelang fortgesetzter kulturhistorischer Wanderungen und Studien des Volklebens im nördlichen Deutschland den Versuch gemacht habe, in der Schrift »Der heutige Volksglaube und das alte Heidentum« aus den noch jetzt herrschenden Sagen und Traditionen die niedere, volkstümliche Mythologie der betreffenden Stämme in der Anlehnung der mythischen Gestalten an die Natur zu entwickeln: so beabsichtige ich mit den Untersuchungen, welche ich mit diesem Buche beginne, in aufsteigender Linie bis zur indogermanischen Mythologie vorzudringen, d. h. in großen Umrissen den Glaubensstand zu zeichnen, welcher sich etwa für die Zeit der Trennung der arischen Stämme, als sie Kolonisatoren nach Ost und West wurden, zu ergeben scheint. Denn wenngleich, wie ich verschiedentlich schon ausgeführt habe, die religiöse Entwickelung derselben zu jener Zeit noch nicht zu dem Begriff des Göttlichen, selbst nicht im Homerischen Sinne, vorgedrungen war, sondern sich noch mehr oder weniger innerhalb des Stadiums einer einfachen »Naturanschauung« bewegte und die mythischen Elemente selbst noch in gewissem Sinne flüssig waren, so macht sich doch daneben schon ein gewisser homogener Hintergrund in betreff einer allgemeinen, mythisch-religiösen Weltanschauung bemerkbar, der als eine gemeinsame Entwicklungsphase in dieser Hinsicht anzusehen ist, die nur dann während und mit der Zeit der Sonderung der einzelnen Stämme zu Völkem teils zurückgedrängt, teils unterbrochen wurde, so daß eben nur aus den Niederschlägen, die sie in der Tradition gefunden hat, noch ein Bild derselben zu gewinnen ist.

Das Charakteristische aber jener Zeit und der Unterschied von der historischen, wo allmählich der Einfluß einer inzwischen erwachsenen Litteratur sich mehr oder weniger geltend zu machen anfangt, beruht vor allem darin, daß für den Menschen noch immer meist alles unmittelbare Realität unter dem individuellen Reflex des Augenblickes war. Dies gilt nicht bloß von seinem Verhältnis zu der Welt, welche er mit seinen Sinnen umfaßte und im Kampf des Daseins mit den ihm angeborenen Fähigkeiten, so gut es ging, beherrschte, sondern noch in ganz besonderer Weise von der unfaßbar und geheimnisvoll ihn umgebenden Welt, die sich daneben um ihn und an ihm geltend zu machen schien und deren Einwirkungen er zu empfinden glaubte und nach gewissen Erscheinungen und Wirkungen, in Analogie zu anderen, ihm faßbareren, allmählich sich phantasievoll zurechtzulegen anfing.

Unter diesem Reflex des Augenblicks schien z. B. in betreff der Auffassung der Himmelserscheinungen die Sonne noch nicht als die eigentliche Lichtspenderin im Mittelpunkt derselben zu stehen und wurde noch nicht als der eigentliche Ausgangspunkt in dieser Hinsicht gefaßt. Wie der Tag sich zunächst ohne sie scheinbar entwickelte, sie oft auch bei Tage wieder den Augen verschwand, so wurde, wie wir auch noch sagen »der Tag resp. der Morgen bricht an«, das Tageslicht zuerst als selbständige Erscheinung gefaßt, zu dem dann der Lichtkörper, den wir Sonne nennen, als eine Art Accidenz unter den verschiedensten Formen trat. Ebenso war der Begriff Nacht noch nicht beschränkt auf die regelmäßig wiederkehrende Zeit, welche wir so bezeichnen, — der Begriff Zeit, wie der einer Regelmäßigkeit in derselben, war dem Naturmenschen überhaupt noch fremd, und es schien ihm alles in stetem Wandel begriffen, — sondern die entsprechende Bezeichnung für Nacht umfaßte alles Dunkelwerden auf Erden wie am Himmel, das, je plötzlicher es zuzeiten und unter besonders schlimmen Umständen und namentlich am Himmel z. B. in einer Gewitternacht einzutreten schien, einen desto nachhaltigeren Eindruck auf den Menschen machte.

Wie von diesem Standpunkt aus Licht und Dunkel stets so in bunter Weise am Himmel zu wechseln schienen, so fehlte es auch an einer bestimmten Sonderung zwischen der Erde und dem, was wir Himmel nennen, zumal am Horizont beides zu verwachsen schien, höchstens die Vorstellung von einem »dort oben« und einem »hier unten« allmählich einen Unterschied in dieser Hinsicht anzubahnen anfing .

Dieselbe Auffassung der Dinge vom Standpunkt der unmittelbarsten Realität des Augenblicks reflektierte auch auf das menschliche Leben selbst und supponierte so u. a. dem Traumleben des Menschen eine eigene Welt wunderbarer Art. Denn nicht allein, daß im Schlaf gelegentlich andere Menschen, auch Tote, wie Schemen und Schattenbilder zu ihm zukommen schienen; er selbst, d. h. etwas an ihm, schien, wie es im Bewußtsein noch nachreflektierte, während der Leib wie tot zurückgeblieben war, denselben gelegentlich verlassen zu haben und in andere Gegenden gewandert zu sein. Lehnte sich hieran überhaupt die allmählich dämmernde supranaturalistische Vorstellung von Geist resp. Seele und vom Fortleben auch der Toten irgendwo, — woran sich dann mit sich weitenden Ideenkonzeptionen sogar der Begriff einer Unsterblichkeit schloß, — so vertiefte sich die von den verschiedensten Seiten, von außen und von innen, sich anbahnende Vorstellung, daß es überhaupt etwas gäbe, was anders sei und sich anders entwickle, als was der Mensch mit den Händen fassen und mit den Sinnen begreifen könne, immer mehr zu dem direkten Glauben an eine ihn umgebende, aber nur in gewissen Momenten und an gewissen Wahrzeichen ihm sichtbar werdende Wunder weit, welche bei seinem primitiven, noch unentwickelten geistigen Standpunkt die Vorstellung eines sogen. Zaubers schuf.

Der Begriff Zauber war nämlich für den Naturmenschen die reale Vermittlung des Wunderbaren auf Erden wie am Himmel, sowohl für das, was ihn berührte oder um ihn vorzugehen schien und was er nicht begriff, als für all den Wandel, den er dort oben in unbegreiflicher Weise im bunten Wechsel der Phänomene vor sich gehen sah. Denn gerade in betreff der so mannigfachen Himmelserscheinungen wirkte die Realität des Augenblicks auch wieder in besonderer Weise mit. Je nachdem die einzelne Erscheinung sich gestaltete, sie mit dieser oder jener anderen in Verbindung zu treten oder gar auf sie zu wirken schien, faßte der Naturmensch sie, wie noch heutzutage jeder Dichter es thut, in ihrer Besonderheit auf. Erst allmählich begann man, indem man etwas Gleichartiges in gewissen Bildern, z. B. in den Blitzen, herauszufinden anfing, das, was man bis dahin als verschieden sich gedacht hatte, unter gemeinsamem Namen zu umfassen oder wenigstens unter einzelne Kategorien zu subsummieren. Zunächst war alles für den Menschen auch in dieser Hinsicht, wie es sich ihm im Augenblick gab. So zeitigten und befruchteten gleichsam vor allem die Wandlungen, welche am Himmel im Wechsel von Licht und Dunkel sowie im Treiben von Wolken und Wind, vor allem in den so gewaltigen Erscheinungen des Gewitters mit seinen Kontrasten vor sich gingen, die Ausbildung der Vorstellung des Zaubers, als einer geheimnisvollen Kraft, die alles möglich mache. Dieselbe knüpft sich an Dinge, wie an Wesen, und überall sah man Übergänge zwischen beiden. Die Blitzrute — der allgemeinste und ursprünglichste Zauberfetisch bei fast allen Völkern, — weckte angeblich dort oben den Regenquell, wie unter anderem Reflex das »aufblühende Gewitter«, d. h. mythisch geredet »die Wolkengewitterblume, die auf blüht«, die Gewitternacht mit ihrer Schattenwelt heraufführt oder in dem die Wolken spaltenden Blitze den »Wolkenberg« mit seinen leuchtenden Schätzen zu erschließen schien. Im Hintergrund steht erst als ein zweites Moment ein Wesen, welches mit dem Zauberding hantiert. Zunächst wohnt in den Dingen selbst die Kraft, denen deshalb der Mensch auch nachforschte und die er sich anzueignen suchte: die Wünschelrute, wie die Wunderblume, welche solchen Zauber schafft.

So liegen dicht nebeneinander die Anfänge aller der religiösen Entwicklungsformen, welche man in der Wissenschaft bisher, weil eine vor der anderen sich bei roheren Völkern je nach ihrer Kulturstufe mehr oder minder bemerkbar machte, als Stufen und Durchgangspunkte, welche zeitlich hintereinander lägen, zu fassen geneigt gewesen, — der sogenannte Fetischismus, das Schamanentum der Glaube an eine Geister- und Totenwelt und eine mögliche Vermittlung mit derselben und der Polytheismus.

Der Mittfel- und Ausgangspunkt von allem aber ist der Mensch nicht nur mit, sondern auch in der Art seiner Aperception, insofern er alles nach sich beurteilt und allem den Stempel seines eigenen Empfindens und Betrachtens aufdrückt und darnach faßt und ihm Form verleiht. Wie er sich seiner Kraft bewußt wird, ruht auch für ihn in allem zunächst möglicher Weise (potentia) eine Kraft. So erscheint ihm alles im Licht seiner eigenen Subjektivität gewissermaßen belebt. Namentlich gilt dies von allem, was ihm besonders geheimnisvoll, wunderbar erscheint und was er phantasievoll im Anschluß an einzelne Momente, die ihm durch gewisse Analogien mit Bekanntem oder Ähnlichem naher rücken, wie wir schon oben erwähnt, zu erfassen trachtet. Wie sich dasselbe in betreff der sprachlichen Bezeichnung der Dinge geltend macht, in dem ein charakteristisches Moment immer dabei hervorgehoben wird, so dient es ihm auch als Grundlage der gläubigen Anschauung, überhaupt seines Glaubens. Das »Brüllen des Donners« ist zunächst ein sprachlicher Ausdruck, wie »das Heulen des Windes«: für den Naturmenschen aber, der noch keine andere Erklärung der Erscheinung hat, ist es zugleich das Substrat eines Glaubens, dem zufolge ein gewaltiges Wesen dort oben — tier- oder menschenartig gedacht — sich so bemerkbar macht. So »vermischte« sich auch in dieser Hinsicht ihm Himmel und Erde und seine Phantasie fand überall Ähnliches, was er mit einander verknüpfte.

Dies bekundet sich nicht nur in der Anschauung, sondern auch im eigenen Handeln, und in daran sich schließenden Gebräuchen findet es einen merkwürdigen analogen Ausdruck. Wie er glaubte, den Regen herbeizaubem zu können, ähnlich wie die »dort oben« nach seiner Meinung es machten, wenn sie mit den Blitzruten angeblich die Wolken peitschten, so glaubte er auch umgekehrt, daß, wenn schwere Wolken in der, einer Gewitternacht vorangehenden Stille — wo die ganze Natur in regungslosen Schlaf versenkt zu sein schien — heraufkämen und atembeklemmend lasteten und der Wind stöhnte und ächzte, es  ginge dort oben ein ähnlicher Prozeß vor sich wie Nachts hier unten: die Nachtgeister, welche ihn selbst im Schlafe atembeklemmend drückten und plagten (oder im Fieber schüttelten), wirtschafteten nach seinen Gedanken ebenso dort oben in den Wolken. Und die Bilder, welche mit dem Wolkenalp, der Wolkenmahrt dort oben scheinbar sich entwickelten, hafteten nicht bloß um so mehr in der Tradition, je bedeutsamer sie dem Menschen durch ihren zauberhaften Hintergrund erschienen und phantasievolle Formen (unter Hineinziehung z. B. im letztem Falle der Sonne als des leidenden Objekts fanden, sondern sie reflektierten auch wieder auf die entsprechenden irdischen Verhältnisse zurück. Ebenso wie dort oben dem »dunklen« Treiben des Unwetters die Blitzrute schließlich nach seiner Meinung ein Ende machte, so galt auch, wie u. a. in der Cama-Sage sich zeigt, das irdische Substitut der Blitzrute, der geheimnisvolle Janusstab, der Weißdorn, als ein Fetisch, der gegen den irdischen Spuk der Nachtgeister überhaupt helfe. — Oder wenn nach einem anderen Bilde die Schattengeister, welche im Traum vor des Menschen Seele traten, in der Gewitternacht dort oben vermummt in gespensterhaftem Aufzuge am Himmel heraufzuziehen schienen, zu einer ganzen Totenwelt an wachsend und mit den Bildern des Grauens die Seele erfüllend: so bildete sich im Anschluß hieran die Vorstellung von Qualen, die jene dort oben aus irgend einem Grande auszustehen hätten, von denen als die mindeste erschien, verwünscht zu sein, »immer« umgehen zu müssen, als die schlimmste, im »Feuer« (des Gewitters) irgendwie gepeinigt zu werden. Das Ganze wurde dann aber wieder in die engste Beziehung zu dem Leben hier unten gesetzt und als eine Strafe für hier ungesühnte Thaten der betr. Geister gefaßt, und wie oben der Spuk endlich wieder verschwand, so glaubte man auch durch allerhand Zauber angebliche Geister hier unten entfernen, d. h. bannen zu können.

Kann man so in betreff der Einkleidung auch derartiger mythischer Schichten den Ursprung meist immer am Himmel noch verfolgen, so gilt dies vollends dann von den eigentlichen sogenannten polytheistischen Vorstellungen, nach denen man die Himmelserscheinungen unter dem Reflex zauberhaft übermächtiger Wesen selbständig zu fassen anfing. Zunächst waren es aber nur gewissermaßen »Sagen« von den Wesen dort oben, ähnlich wie von solchen hier unten, welche sich in der Tradition in einer Art von historischem Gewände so ablagerten. Und in dieser Hinsicht fallen für die Urzeit Mythe, Sage und Märchen zusammen, ebenso wie für dieselbe das sogen. Symbol, das so viel Verwirrung in der mythologischen Wissenschaft erzeugt hat, noch gar nicht existierte1). Wie die Urzeit alles unter dem Begriff befaßte »Es war einmal«, so gab es für sie noch kein Symbol, das war erst die Erfindung einer späteren Zeit, mit der man sich das überkommene mythische Material zurecht zu legen versuchte; für die Naturmenschen war alles Realität, wenn auch eben eine Realität anderer Art als die irdische. Für sie gab es nur geheimnißvolle, tier- und menschenartige Wesen oder zauberhafte, fetischartige Dinge, sowie Übergänge namentlich zwischen den ersten, indem ihnen die Kraft sich zu verwandeln, wie sich unsichtbar zu machen und dergl. beizuwohnen schien. Erst mit der Kultur und namentlich mit der Viehzucht und vor allem dem Ackerbau gingen allmählich die Naturwesen in götterähnliche (nach unsem Begriffen) über, aber lange, sehr lange hat es gedauert, ehe sich mit ihnen die Vorstellung des »Allmächtigen«, »die Welt Beherrschenden«, sowie die des »Ewigen« verband. Die nordischen Götter sehen in dieser Hinsicht noch ihrem Untergange entgegen, ebensowie nach der Sage von der Metis und Thetis der griechische Zeus noch stets für seine Herrschaft fürchtete. In der indogermanischen Zeit giebt es nun aber vollends noch keine Götter, auch nicht im späteren heidnischen Sinne, es sind noch eben nur Natur wesen. Wie in den Sagen sie stets dem Wandel noch unterworfen sind, sie mit einander streiten und kämpfen, sind sie auöh dem Verderben unter Umständen verfallen; sie werden überwältigt oder durch Zauber irgendwie überwunden; erstehen aber wieder durch allerhand Umstände in alter Kraft oder erwachen, wenn die Zeit ihrer Verzauberung um ist, zu neuem Leben. Der indische Vrtra verschlingt den Indra, der erst, als die übrigen Himmlischen den Vrtra zum Gähnen bringen, ihm wieder entschlüpft; dem Zeus schneidet Typhon die Flechsen aus, er ist kraftlos, bis Hermes sie findet und ihm wieder einsetzt. Das Sonnenwesen, mag es in der Sage von Dornröschen oder Brunhild reflektieren, erwacht wieder, als die Zeit ihrer Verzauberung um, wie Baldur in WaJi wieder geboren wird. In weiterer Entwicklung, als die Vorstellung sich schon dahin gefestigt hatte, daß alles in der Natur trotz aller scheinbar gefährlichen Wandlungen sich schließlich doch immer wieder zum Besseren wende, erscheinen die maßgebenden Wesen dann nur meist als zeitweise, z. B. im Winter, abwesend; sie kommen wieder, wenn es Not ist, oder haben ein Mittel, zu neuer Kraft zu gelangen, sich zu veijüngen u. s. w.

Entsprechend diesen Phasen galten die betr. Wesen zunächst auch nur für relativ mächtiger als der Mensch, wie auch das Treiben, die Vorgänge am Himmel sie meist nur zunächst gegenseitig zu berühren schienen und nur einzelne in bestimmter Weise dem Menschen zunächst furchterweckend oder schädigend gegenübertraten, z. B. im nächtlichen Unwetter, dem alles niederschmetternden Sturm u. dergl, bis allmählich die Fäden der Betrachtung sich weiterspannen und speziell die im Himmel waltenden leuchtenden Wesen als diejenigen immer

mehr hinstellten, in deren Händen in einem wohlwollenden Sinne im ganzen die Herrschaft der Welt läge. Erst mit dem Augenblicke aber, wo der Mensch glaubte, es ständen ihm Wesen gegenüber, die ihm »dauernd« schaden oder nützen könnten, beginnt eine Verehrung derselben und damit eine idealere Auffassung, welche den Namen des Göttlichen verdient Der Naturmensch beugt sich eben nur der Macht1), und da geben uns nun die nachstehenden Untersuchungen merkwürdige Resultate über den Entwickelungsprozeß und den Standpunkt des indogermanischen Glaubens.

Es ist eine eigentümliche Phase der Naturanschauung, welche sich um den himmlischen Lichtbaum entwickelt, namentlich mit den im Gewitter an demselben angeblich aufblühenden feurigen Schmarotzerpflanzen oder dem im Blitz leuchtenden goldigen Zweig an demselben und der Fülle zauberhafter Accidentien, welche man aus den Erscheinungen und Wirkungen des Gewitters heraus jenen himmlischen Fetischen beilegte. Unter der größten Mannigfaltigkeit mythischer Niederschläge der verschiedensten Himmelsphänomene in tier- und menschenähnlichen Bildern treten besonders im Anschluß an jene beiden Momente Sagengruppen in den Vordergrund, in denen die Sonne, männlich oder weiblich gedacht, mit Hülfe jener oben erwähnten Zauberfetische unter den Händen der finsteren, dunklen, in Wolken gehüllten Sturmesmächte zu leiden oder bewältigt zu werden schien, so daß hierin eine gemeinsame mythische Phase eigentümlicher Art zum Durchbruch kommt, welche sich charakteristisch von der später dann überwiegend ausgebildeten unterscheidet, der zufolge die Sonne, besonders die Frühlingssonne, — der Sonnensohn oder die Sonnentochter, — umgekehrt die Mächte der Finsternis überwindet.

Scheint der hierin hervortretende Entwicklungsprozeß nach den lokalen Verhältnissen verschieden vor sich gegangen zu sein, namentlich bei den griechischen Indogermanen unter ihrem heiteren Himmel überwiegend bald alles nach der Seite des Lichts, als des dauernd Siegreicheren hin sich entwickelt zu haben, so sind in den behandelten Mythen die finsteren, düsteren Wesen noch die mächtigeren, nicht bloß gegenüber den lichten Himmelswesen, sondern auch den Menschen gegenüber. Wie sie im Gewitter vermummt drohend am Himmel heraufgezogen kommen, so haftet ihnen vor allem noch in den Mythen der böse, schädigende Blick an, der überhaupt in dieser Scenerie so seinen Ursprung findet. Wenn dieses Moment dann auch noch bei den idealsten Göttergestalten nachvibriert, sobald sie im Gewitter die zornige Seite herauskehren, so zeigt der Hintergrund, welcher sich bei Untersuchung der obigen Mythen ergiebt, überhaupt noch überwiegend die gespensterhaft düstere Seite der betr. Wesen. Unter diesem Refiex rückt dann zugleich fast das ganze übrige Gespensterwesen, der ganze nächtliche Spuk mit allen seinen grausigen Bildern im Anschluß an die erwähnten Gestalten in die Gewitternacht ein und entfaltet uns so auch bei den Indogermanen einen primitiv-religiösen Standpunkt, dessen Mittelpunkt, wie bei den rohen Naturvölkern, die Furcht und dessen Typus die Vorstellung »eines namentlich an die Gewitternacht sich anschließenden und von dorther«, wie es oben schon von dem Alpglauben dargestellt worden, »seine Formen empfangenden Gespensterglaubens« ist.

Die Gestalt des Wodan-Odhin ergiebt sich in dieser Hinsicht besonders als äußerst lehrreich für die ganze religiöse Entwicklung, indem sie sich einmal noch eng an die Natur an-sehließt, dann aber gerade in ihr noch die verschiedenartigsten Beziehungen hervortreten, welche nur eben in jenem natürlichen Hintergrund das sie einende Band finden lassen. Zeigt uns die deutsche niedere Mythologie Wodan bloß zunächst als den im Gewitter auftretenden feurigen Nachtjäger oder Wanderer, dem der Mensch aus dem Wege gehen müsse, wenn er nicht an Leib oder Seele gelähmt werden wolle, — ein deutlicher Hinweis auf die ursprünglich im Hintergrund stehende Gewitternacht, — und entwickeln die Sagen nur andeutungsweise noch sein Bild als eines den Wolkenfrauen oder der Sonnenfrau nachstellenden Dämons, so entfaltet sich in den Mythen noch dieselbe Grundlage in höchst charakteristischer Ausstattung. Mit tief in die Stirn gedrücktem Wolkenhut tritt er auf; durch die Wolken zuckt im Blitz sein »böses« Auge, welches in der ihm beigelegten »Einäugigkeit« noch einen besonderen Ausdruck gefunden. Bald erscheint er als der Wind, (»der Immergeher«) als der himmlische Wanderer, bald als ein im Sturm und im »rollenden« oder »hallenden« Donner zu »Wagen« oder »Roß« dahintosender Jäger, bald unter dem Reflex der himmlischen Schattenwelt als ein den gespenstigen Totenkahn in tiefgehender Wolke steuernder Fährmann. Bald tritt er oder sein historisches Analogon resp. Prototyp in der Gestalt des »einäugigen« Hagen dem Sonnensohn Siegfried oder der Sonnenjungfrau Brunhild feindlich gegenüber, immer ist er der düstere, finstere Gott, an dessen Fersen sich Kampf und Tod knüpfen, und durch sein ganzes Wesen geht ein Zug des Grimmen, wie er in seinem historischen Substitut, dem Hagen, noch den vollsten Ausdruck gefunden hat

Ist er so der Hauptgott der Germanen geblieben, wenn er gleich mit der Zeit in den nordischen Liedern einzelne lichtere Farben erhalten, so finden wir bei den anderen Indogermanen in einzelnen mythischen Gestaltungen noch die verschiedensten Anknüpfungen der bei ihm sich ergebenden Eigentümlichkeiten und Formen wieder, so daß seine Gestalt auch für den ur-zeitlichen Hintergrund dieser maßgebend wird. Nicht bloß daß den höchsten griechischen und römischen Göttern noch der grimme und zornige Blick zuzeiten verblieben, ihrem Charakter selbst das auch in jenem Blick dem Aberglauben nahe liegende »Neidische« noch lange angehaftet hat1); auch in einzelnen Momenten, vibriert noch die historische Beziehung in der eigentümlichsten Weise deutlich nach. Auf der einen Seite berührt z. B. Odhin sich in seiner Vermummung und gelegentlichen Schlangengestalt mit Yrtra, dem indischen Gewitterspuk, der auch dem lichten Indra dann entgegentritt, wie Odhin der Sonnenjungfrau Brunhild, oder seine Substitute Hödur, Hagen, dem Baldur und Siegfried, dann stellen sich nach anderer Seite zu dem Brunhild-Mythos nicht bloß Varianten, in denen Hermes, Dionysos und Janus mit dem dem »Schlafdorn« im Ursprung analogen »Zauberstab« ein der Brunhild entsprechendes Wesen bewältigen oder gewinnen, sondern Hermes sowie Hades und Charon sind überhaupt nur, namentlich in ihrem Verhältnis zur Totenwelt, dann Differenzierungen der Urgestalt, welche in Odhin-Wodan noch in einer gewissen Totalität uns entgegentritt Steht ihm Hermes als Totenführer nahe, und erklärt sich gleichfalls so, daß er auch der Götterbote geworden in Analogie zu dem Odhin als »Wanderer«, so ist Charon-Hades auch nur ein anderes Gegenbild, wenn er, wie jener bald im Wolkenkahn als »Fährmann«, bald hoch auf dem Donnerroß als Führer der im Gewitter dahinziehenden Totenwelt auftritt. Wenn bei den betr. Untersuchungen weiter dann eine Menge Einzelheiten, die z. T. sonst unverständlich sind, ihre Erklärung finden, z. B. des Hermes wie des Hades Stab ebenso wie die mit Odhin zusammenhängende Wünschelrute sich nur als verschiedene Nuancierungen der himmlischen Blitzrute je nach der Scenerie, in der sie angeblich auftritt, ergeben, weiter dann die blitzenden Augen des Charon, die ihm den Namen verliehen, endlich der Beiname des Hades, xkvtoxokos, u. dergL sich erklären: so ist besonders charakteristisch der Wolkenhut oder die Kappe des nordischen Bauemgottes, den auch Hermes und selbst Hades in etwas eleganterer Form, — der letztere als unsichtbar machenden Helm — beibehalten haben1), ein Moment, das um so charakteristischer ist, als es am Hades gleichsam nur lokaliter ohne besondere Bedeutung für seine weitere Gestalt haften geblieben ist, gleichwie der Donnerwagen, mit dem der  beim Raube der Persephone noch erscheint.

Ich habe hier nur einzelnes angedeutet, ebensowie es die Aufgabe weiterer Untersuchungen sein wird, ähnlichen Gestaltungen und Entwicklungen nachzugehen und namentlich die Übergänge dieser finsteren Welt der Gespenster, durch Aus-Scheidung der Gegensätze von Dunkel und Licht, in die himmlischen segenspendenden Wasser- und Luftgeister zu verfolgen; daß aber die ältere Basis der Gewittergeister überhaupt jenen finsteren, ins Böse überschlagenden Charakter gehabt, bekräftigen noch verschiedene andere Erwägungen. Zunächst zieht der böse Blick noch ganze Klassen böser Geister, wie Hexen, Dökalfr, Teichinen u. s. w. in den betr. Kreis hinein und giebt dem betr. Glauben damit eine breite Grundlage, welche in allerhand Analogien fast über die ganze Welt sich noch verfolgen läßt1). Und wenn so schon der sensus communis, wie die Alten in solcher Hinsicht sagten, meine Behauptung bestätigt, so haben wir an dem Gott des A. T. auch eine entsprechende Phase und zwar als die ältere des jüdisch-christlichen Gottesbegriffe zu verzeichnen, indem bei dem »zornigen« Gott meist stets noch das grollende Gewitter mit seinen Schrecknissen bildlich hineingezogen wird.

Auch die Sprache der Indogermanen bestätigt in dem Worte devas noch, wie ich meine, jene unsere Auffassung der mythologischen Verhältnisse. Allerdings ist dies Wort in der Ausbildung des ihm zu Grunde liegenden Begriffs des »Glänzenden«, »Leuchtenden« bei den meisten Indogermanen die Bezeichnung für den später entwickelten Begriff »göttlicher« Wesen geworden, aber bei einem Hauptzweige, den Iraniem, bezeichnet es gerade umgekehrt die »bösen« Geister, welches Auseinandergehen im Begriff doch auch wieder ganz zu dem gezeichneten Entwicklungsprozeß paßt, indem die Iranier also die finstere Seite der Gewitterwesen mit dem Worte festgehalten haben, während es den übrigen Völkern zur Bezeichnung der »leuchtenden« wurde, an die, als an die siegreichen, sich mit der Zeit die Vorstellung des Göttlichen anschloß.

Es stimmen auch die obigen Resultate ganz zu dem der menschlichen Natur, namentlich auf dem Standpunkt intellektueller wie ethischer Rohheit, eigentümlichen, naturwüchsigen Denken im Geiste des krassesten Egoismus. Wie der Mensch auf diesem Standpunkt meist nur aus Interesse handelt, so erschienen ihm auch die Wesen, die Mächte, an die er glaubte, zunächst in demselben Lichte. Erst ein ethisch-menschlicheres Leben ließ allmählich andere Empfindungen keimen und verlieh damit dem religiösen Denken auch ein anderes Kolorit Zu dieser Auffassung stimmen auch die Berichte aller Reisenden, welche unbefangener und tiefer in das Volksleben roher Naturvölker eingedrungen sind und sie objektiv, nicht unter dem Reflex sogen, allgemein angeborener, menschlicher Ideen schildern, und nicht ohne Grund stellt die christliche Moral auch die Gottesfurcht noch als Ausgangspunkt »der Liebe zu Gott«, in Erwägung der menschlichen Natur oder, wie die Kirche sich ausdrückt, »des alten Adams«, voran.

Schuf so die Phantasie dem Glauben in den verschiedenen sich bildenden Volkskreisen seine Formen, die dann die spätere Zeit in allgemeinerer nationaler Entwicklung zu gemeinsamen Bildern einte und dem eigenen fortgeschrittenen Leben homogen menschlich idealer gestaltete, so entwickelten sich analog aus dem dem Menschen angeborenen Nachahmungstrieb auch die ersten Formen für sein Handeln. Der Aberglaube wurde das erste seine Willkür innerlich beschränkende Gesetz.

Die eigenenVerhältnisse, welche man in Parallele zu ähnlichen natürlichen, namentlich himmlischen Vorgängen brachte, schienen mit denselben Accidentien wie dort vollzogen werden zu müssen, gerade wie Kinder das nachahmen, was sie von ihren Eltern sehen. Halb war es eben angeborener Instinkt, halb knüpfte sich daran der Glaube, es sei so zu best Den Vorgängen beim Wolkentreiben als dem Treiben himmlischer Herden, der angeblich am Himmel stattfindenden Bereitung neuen Feuers im Gewitter, wenn vorher alles in Dunkelheit erloschen, schlossen sich entsprechende Gebräuche in analogen Verhältnissen bei den Indogermanen an, ebenso wie beim sogen. Windmachen, dem Regenzauber oder in Einwirkung auf menschliche Verhältnisse im sogen. Nestelknüpfen, Kurieren des Fiebers u. dergl. mehr.

So tritt uns nach allen Seiten an der Hand einer auf das allgemein Volkstümliche zurückgreifenden Betrachtungsweise, — welches in seiner Naturwüchsigkeit zu allen Zeiten und überall mehr oder minder Repräsentant des allgemein Menschlichen ist, — eine psychologische Grundlage entgegen, welche die Anfänge der Religion, Mythologie und Sittlichkeit denen der Sprachbildung anreiht Und in dem Umstand, daß sich überall die Verhältnisse ähnlich entfalten, liegt nicht bloß‘ die Bestätigung der Richtigkeit des geschilderten Prozesses, sondern auch die wissenschaftliche Bedeutung desselben überhaupt, als eine allgemeine, in der menschlichen Natur liegende Entwicklungsform, welche von Geschlecht zu Geschlecht sich weitete und vertiefte und so immer mehr die Grundlage idealer Phasen wurde.

Wenn bisher die Mythologie erst in den Anfängen der Erfüllung dieser Aufgabe steht, so liegt es daran, daß die Vorbedingungen bisher für eine derartige Behandlung fehlten. Erst die neuere Zeit hat solche Untersuchungen überhaupt in den Horizont der Wissenschaft gerückt, so daß sie noch immer für  eine große Zahl Männer, die auf anderen Gebieten selbst Hervorragendes leisten, aber vorher mit ihrem wissenschaftlichen System in dieser Hinsicht abgeschlossen haben, eine terra incognitasind. Erst mußte nämlich J. Grimm die Sage in ihre wissenschaftliche Bedeutung einsetzen, erst Kuhn und M. Müller auch für die Mythologie innerhalb der indogermanischen Völker den Standpunkt der Vergleichung durchfechten, welcher für das Sprachgebiet derselben schon längst gewonnen war. Aber nur die allmählich fortschreitende Ausdehnung des gewonnenen Standpunkts auf alle Völker im anthropologischen Sinne und die Betonung des volkstümlichen Hintergrundes als der Quelle der gesamten geistigen Thätigkeit eines Volkes auch auf diesem Gebiet, (insofern nicht direkte Übertragung einer fremden Beligion nachweisbar ist), kann Gesamtresultate im obigen Sinne liefern.1) Freilich ist noch ein Moment für die volle Wissenschaftlichkeit nötig, ohne welches zwar sehr schöne Ideen im Anschluß an mythologische Betrachtungen gemacht, aber nie die fundamentale Entwicklung der Wissenschaft unter psychologischer Begründung voll gefördert werden kann. Wenn nämlich schon das Erkennen und Verstehen des volkstümlichen oder, allgemeiner gesagt, menschlichnatürlichen Standpunkts in seiner Primitivität eine Hauptforderung ist, so ist es noch in höherem Grade eine in dieser Wissenschaft mehr als in jeder andern nötige Verleugnung jeder Subjektivität und unbedingte Voraussetzungslosigkeit. Dies ist aber gerade in religiösen Dingen doppelt schwer und gilt z. B.. selbst nicht in vollstem. Maße von dem Schöpfer der neueren Mythologie J. Grimm.

Während man auf allen Seiten seiner Mythologie an das Werden der Gestalten, welche er aus den Sagen hervorzaubert, gemahnt wird und ihm selbst oft ein dahin zielendes bedeutsames Wort entfällt, so sperrt sich sein sonst so unbefangener Geist gegen die principielle Anerkenntnis des Werdens der Götter im fortschreitenden Leben der Menschheit. Wie andere den katholischen Standpunkt in die Wissenschaft vom Menschen hineintragen, so übertrug er neben seinem Idealismus den evangelischen Christen-, d. h. den evangelischen Kirchenglauben unbewußt in die Mythologie in jener Hinsicht. Es erschien ihm in betreff der letzten Gründe alles mehr oder weniger unter diesem Reflex. Der Gedanke an rohere Entwicklungsphasen auch für das ideale Leben, wie ihn so charakteristisch einmal W. v. Humboldt ausgeführt1), lag ihm überhaupt fern. So sagt er z. B. :

»Unter allen Formen ist monotheistische, wie der Vernunft die angemessenste, der Gottheit die würdigste. Auch scheint sie die ursprüngliche, aus deren Schoß dem kindlichen Altertum leicht sich die Vielgötterei entwand (?), indem des einen Gottes erhabenste Eigenschaften erst trilogisch, hernach zur Dodekalogte gefaßt wurden (?). Dies Verhältnis ergeben alle Mythologien (?), die unsrige, dünkt mich, vorzüglich klar (?): fast alle Götter erscheinen an Rang und Macht einander ungleich, bald überlegen, bald untergeordnet, so daß sie wechselweise von sich abhängig zuletzt insgesamt für Ausflüsse einer höchsten einzigen gelten müssen (?). Was der Polytheismus Anstößiges hat, wird dadurch gemildert, denn auch in der Heiden Brust war ein Bewußtsein jener Unterordnung schwerlich (?) völlig erloschen und der schlummernde Glaube an den höchsten Gott konnte stets erwachen.«

Dies klingt sehr schön; enthält aber zunächst meist mehr subjektive Voraussetzungen, die dem christlichen Gemüt wohlthun, aber vor der Wissenschaft mindestens erst im Einzelnen bewiesen sein wollen. Und von solchen oder ähnlichen Voraussetzungen sind die meisten derartigen Studien bis jetzt in praxi ausgegangen , ganz abgesehen davon, daß auch die volkstümlichen Grundlagen namentlich klassischerseits, wie schon oben angedeutet, meist vornehm ignoriert wurden, weil man sie nicht in ihrer Bedeutung erkannte und nur einseitig vom Studierzimmer aus und aus Büchern das Leben und die Entwicklung der Menschheit selbst für die Zeiten und Verhältnisse zu konstruieren versuchte, wo es entweder noch keine Litteratur gab oder sie einen verschwindenden Einfluß auf die Massen übte.

Will aber die Mythologie sich den anderen Wissenschaften voll anreihen und namentlich die ihr in bedeutsamer Weise neben der Sprachwissenschaft zufallende anthropologische Aufgabe erfüllen, d. h. vor allem mit dazu beitragen, den Schleier von der ersten geistigen Entwicklung der Menschheit zu lüften, so muß sie darnach trachten, ohne anderswoher entlehnte Voraussetzungen die Wissenschaft eines psychologischen Prozesses zu werden, der selbständig sich aus der Natur des Menschen entwickelt, bis dem heidnischen Glauben eine Lehre als Offenbarung gegenübertritt und ein neues Prinzip so in die Welt bringt.

Berlin, Ende November 1884.

W. Schwartz.

Text aus dem Buch: Indogermanischer Volksglaube: Ein Beitrag zur Religionsgeschichte der Urzeit (1885), Author: Friedrich Leberecht Wilhelm Schwartz.

Siehe auch Deutsche Mythologie:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Der Anfang der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt

Indogermanischer Volksglaube