Geboren 1627 in Haarlem, Gestorben Ebenda 1682
Holländische Schule

frische Brise

Der Hang zur Einsamkeit zog Jacob van Ruisdael zur Natur, führte ihn an die Platze fern vom Treiben der Menschen: in das Dunkel des Waldes, auf die Höhen der Berge, hinaus auf die offene See. Überall hat er die Natur belauscht in ihrer unberührten Schönheit, in ihrer Grösse und Gewalt, hat Zwiesprache gehalten mit dem Geist, der sie beseelt. Von dieser Liebe zur Natur, von dem Verständnis für ihre mannigfache Erscheinung zeugen fast alle seine Gemälde; aus ihrem poetischen Inhalt spricht zugleich die Seele des Künstlers zu uns. Aus seinen Seestücken, deren etwa ein Dutzend erhalten ist, spricht diese Sprache besonders stark und anheimelnd. Wasser und Luft scheinen sich darin zu verbinden, so stark ist die Luft durchdrungen vom Gehalt des Wassers, und so deutlich zeichnen sich im Meer die Formen der Wolken ab. Die mächtige Bildung der Wolken beherrscht das unruhige Gekräusel der Wellen mit ihren kalten, weissen Köpfen, indem sie ihre grossen Schatten darüber breiten. Alles ist Bewegung, alles von Licht und Luft durchdrungen, und der düstere, feuchte Ton vereinigt das Ganze zu einer unbestimmten malerischen Erscheinung, breitet darüber jenen eigentümlich schwermütigen Zug, der uns tief ergreift. Unter den Seestücken Ruisdaels, die fast alle von grösserem Umfang sind, ist der „Sturm am Hafen“ im Louvre das bekannteste; eine „Bewegte See in der Nähe der Küste“ besitzt die Berliner Galerie; ein ähnliches Motiv, gleichfalls mit Amsterdam in der Ferne, zeigt unser Bild, das die Galerie des Earl North-brook in London schmückt, ein Werk von hervorragender Schönheit selbst unter Ruisdaels Meisterwerken.

JACOB IZAAKSZOON VAN RUISDAEL 1628/29-1682

Geboren 1627 in Haarlem, Gestorben Ebenda 1682
Holländische Schule

alte Buchen am Sumpf

Die rauschenden Wasserfälle zwischen hohen Felsen und die stillen Waldesbilder mit alten Baumriesen waren die Bilder, die man früher von Jacob Ruisdael am höchsten stellte, ja fast allein von seinen mannigfachen Darstellungen des niederdeutschen Landes zu schätzen wusste. Die Wasserfälle erscheinen uns heute zu wenig der Natur abgelauscht, zu sehr komponiert und überfüllt und mit Hilfe von Studien dritter Künstler erdichtet — wenn auch mit feiner Phantasie und echtem, poetischem Sinn. Dagegen verdienen Ruisdaels Waldesbilder, von denen wir hier eines der umfangreichsten und bedeutendsten, zugleich eines der am wenigsten bekannten vor uns sehen, ihren alten Ruhm noch im vollen Masse. Der Künstler hat diese Motive an der Grenze Hollands und Westfalens studiert und hat sie anscheinend fast ohne eignen Zusatz treu nach der Natur wiedergegeben. Darum muten sie uns so heimatlich an, versetzen uns in schone Stunden, in denen wir in diesen Wäldern unseren Träumen nachhingen. Aber bei aller Wahrheit, welche Kunst ist in diesen Bildern enthalten! Die weissen Stämme der alten Waldriesen bringen Licht in das Dickicht; der Himmel, der nur hie und da durch die Spitzen der Bäume hindurchschimmert, spiegelt sich in dem dunkeln, trägen Wasser der Sümpfe, das weisse Wasserrosen schmücken und auflichten; an einer oder der anderen Stelle lässt eine kleine Lichtung den Blick über sonnige Kornfelder oder auf grüne Wiesen, die von niedrigen Höhen abgeschlossen werden, in die Ferne schweifen und nimmt der Komposition dadurch den beengenden Eindruck. So auch in diesem Bilde, das, im Worcester College zu Oxford versteckt, nur selten einmal einem Besucher der malerischen, stillen, alten Universitätsstadt Englands bekannt wird.

JACOB IZAAKSZOON VAN RUISDAEL 1628/29-1682

 

 

Die Jagd


Jacob van Ruisdael aus Haarlem, der Schüler seines Oheims Salomon (der seinen Namen mit einem y schreibt), zog 1657 nach Amsterdam und starb arm und verlassen in einem Versorgungshaus seiner Vaterstadt, wohin er ein Jahr vor seinem Tode hatte zurückkehren müssen. Der grösste holländische Landschaftsmaler hatte im Leben keinen Erfolg, nicht einmal das bescheidene Glück seines Oheims, der dieselbe heimatliche Richtung in der Landschaft verfolgte und in Haarlem sein gutes Auskommen hatte, während viel geringere Talente, die der italienischen Manier nachgingen, mit leichter Mühe sich die Gunst der Zeit gewannen. Erst lange nach Ruisdaels Tode ist ihm unter dem Einfluss der englischen Liebhaber sowie Goethes und unserer deutschen Romantiker, die künstlerische Schätzung zuteil geworden, an der der historisch gebildete Betrachter wohl noch im wesentlichen festhalten wird, wenn es auch heute für unmodern gelten mag, Ruisdael noch für einen guten Maler zu erklären. Für einen Spezialisten der Landschaft, wie er doch im Gegensatz zu Rembrandt, dem Delfter van der Meer oder Aalbert Cuyp angesehen werden muss, ist er zunächst sehr vielseitig: er malt Dünenansichten, Wasser und Wald, nordische Wasserfälle, die er, ohne sie gesehen zu haben, dem Zeitgeschmack zuliebe komponiert, Stadtansichten, Plätze mit Architektur, Strandbilder und sogar vortreffliche Seestücke. Seltsamerweise erlasst er sich die Zeichnung der Figuren, die beinahe alle bedeutenden Landschafter ausser Wynants, z. B. sein Oheim Salomon, Goyen und van der Neer, selbst auf sich genommen haben; die Staffage lieferten ihm auf seinen Haarlemer Bildern sein Landsmann Wo uv er man, später der Amsterdamer Adriaen van de Velde und andere. Höher als seine zum teil sehr berühmten komponierten Bilder grösseren Umfangs stehen uns heute die kleineren, porträtmässigen Darstellungen der von ihm gesehenen Natur, die Dünenbilder seiner früheren Zeit, die Ansichten von Haarlem und seine schlichten, ernsten Waldlandschaften. Hier genügt er uns auch in der einzelnen Naturwahrheit am meisten, und vor allem spricht sich in ihnen sein geistiges Eigentum am vollkommensten aus: die Beseelung des Naturlebens durch eine tief poetische, ernste, manchmal sehr melancholische Stimmung, in deren Wirkung er es mit jedem späteren Künstler aufnehmen kann. Unser Dresdner Bild von mittlerem Umfange ist eine wirkliche Landschaft seiner spateren Zeit, natürlicher Buchenwald mit einem übergetretenen Sumpf in einer für Ruisdael ziemlich hellen Beleuchtung. Das Grün der Bäume ist nachgedunkelt. Die Figuren hat Adriaen van de Velde hineingesetzt.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Dresdner Galerie JACOB IZAAKSZOON VAN RUISDAEL 1628/29-1682

 

 

Der Wasserfall


Auch in der bildenden Kunst, wie in jeder anderen, muß eine Dosis Poesie stecken, wenn sie wahre Kunst sein soll. Denn die Poesie ist das inkommensurable geistige Ingredienz aller Künste, das sie erst zu solchen macht. Jacob Ruisdael, der große Landschaftspoet der Niederländer, hat eine starke Dosis davon in allen seinen Werken. Sie sind Umdichtungen der Wirklichkeit. Ihr Grundton in Farbe und geistigem Gehalt ist ein elegischer, fast schwermütiger. Ruisdael mag von melancholischem Temperament gewesen sein, und die Erfahrungen seines Lebens haben dieser Stimmung seines Inneren Recht gegeben, denn trotz seiner reichlichen, schönen Arbeit war er nicht mit Glücksgütern gesegnet. Er hat eine große Zahl von Wasserfällen geschaffen und wird nicht müde, dies interessante Thema zu variieren. Eines der schönsten Exemplare darunter ist das hiesige. Das dem Erdinneren entquellende, unfaßbare Element, das Wasser, wenn es zwischen Felsen herabstürzend in Millionen von perlenden Tropfen und leuchtenden Schaumbläschen sich auflöst und doch zum staunenerregenden Wasserfall sich zusammenschließt, hat kein Maler in dieser Form schöner dargestellt als Ruisdael. Wir glauben die Wasser rauschen zu hören, verfolgen mit dem Blicke ihren Sturz und sehen sie doch mit Befriedigung in dem ruhenden Bilde gebunden. In wohltuendem Gegensatz zu dem nimmer ruhenden Element stehen darüber die ernsten, wie für die Ewigkeit gegründeten Berge, die stillen Wälder. Es wird behauptet, Ruisdael sei nie weiter als bis nach Bentheim über die Grenzen seiner engeren Heimat hinausgekommen, habe also nie einen Wasserfall mit dem äußeren Auge gesehen, sondern die Brechung und den Sturz des Wassers nur an der Brandung des Meeres beobachtet. Seinen Darstellungen dieser Art sollen Handzeichnungen seines in Norwegen heimischen Freundes A. van Everdingen zugrunde gelegen haben, wobei er sich auch dessen Gebirgsstudien zunutze gemacht hätte, da er nie in einem eigentlichen Bergland gewesen sei. Doch weder das eine noch das andere ist nachgewiesen. Wenigstens steht nach Aussage von Norwegern für das Kasseler Gemälde fest, daß es keine skandinavische Landschaft wiedergibt.

Aus dem Buch “Album der Casseler Galerie” von 1907.

JACOB IZAAKSZOON VAN RUISDAEL 1628/29-1682 Kasseler Galerie