Die Jagd


Jacob van Ruisdael aus Haarlem, der Schüler seines Oheims Salomon (der seinen Namen mit einem y schreibt), zog 1657 nach Amsterdam und starb arm und verlassen in einem Versorgungshaus seiner Vaterstadt, wohin er ein Jahr vor seinem Tode hatte zurückkehren müssen. Der grösste holländische Landschaftsmaler hatte im Leben keinen Erfolg, nicht einmal das bescheidene Glück seines Oheims, der dieselbe heimatliche Richtung in der Landschaft verfolgte und in Haarlem sein gutes Auskommen hatte, während viel geringere Talente, die der italienischen Manier nachgingen, mit leichter Mühe sich die Gunst der Zeit gewannen. Erst lange nach Ruisdaels Tode ist ihm unter dem Einfluss der englischen Liebhaber sowie Goethes und unserer deutschen Romantiker, die künstlerische Schätzung zuteil geworden, an der der historisch gebildete Betrachter wohl noch im wesentlichen festhalten wird, wenn es auch heute für unmodern gelten mag, Ruisdael noch für einen guten Maler zu erklären. Für einen Spezialisten der Landschaft, wie er doch im Gegensatz zu Rembrandt, dem Delfter van der Meer oder Aalbert Cuyp angesehen werden muss, ist er zunächst sehr vielseitig: er malt Dünenansichten, Wasser und Wald, nordische Wasserfälle, die er, ohne sie gesehen zu haben, dem Zeitgeschmack zuliebe komponiert, Stadtansichten, Plätze mit Architektur, Strandbilder und sogar vortreffliche Seestücke. Seltsamerweise erlasst er sich die Zeichnung der Figuren, die beinahe alle bedeutenden Landschafter ausser Wynants, z. B. sein Oheim Salomon, Goyen und van der Neer, selbst auf sich genommen haben; die Staffage lieferten ihm auf seinen Haarlemer Bildern sein Landsmann Wo uv er man, später der Amsterdamer Adriaen van de Velde und andere. Höher als seine zum teil sehr berühmten komponierten Bilder grösseren Umfangs stehen uns heute die kleineren, porträtmässigen Darstellungen der von ihm gesehenen Natur, die Dünenbilder seiner früheren Zeit, die Ansichten von Haarlem und seine schlichten, ernsten Waldlandschaften. Hier genügt er uns auch in der einzelnen Naturwahrheit am meisten, und vor allem spricht sich in ihnen sein geistiges Eigentum am vollkommensten aus: die Beseelung des Naturlebens durch eine tief poetische, ernste, manchmal sehr melancholische Stimmung, in deren Wirkung er es mit jedem späteren Künstler aufnehmen kann. Unser Dresdner Bild von mittlerem Umfange ist eine wirkliche Landschaft seiner spateren Zeit, natürlicher Buchenwald mit einem übergetretenen Sumpf in einer für Ruisdael ziemlich hellen Beleuchtung. Das Grün der Bäume ist nachgedunkelt. Die Figuren hat Adriaen van de Velde hineingesetzt.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Dresdner Galerie JACOB IZAAKSZOON VAN RUISDAEL 1628/29-1682

 

 

Der Wasserfall


Auch in der bildenden Kunst, wie in jeder anderen, muß eine Dosis Poesie stecken, wenn sie wahre Kunst sein soll. Denn die Poesie ist das inkommensurable geistige Ingredienz aller Künste, das sie erst zu solchen macht. Jacob Ruisdael, der große Landschaftspoet der Niederländer, hat eine starke Dosis davon in allen seinen Werken. Sie sind Umdichtungen der Wirklichkeit. Ihr Grundton in Farbe und geistigem Gehalt ist ein elegischer, fast schwermütiger. Ruisdael mag von melancholischem Temperament gewesen sein, und die Erfahrungen seines Lebens haben dieser Stimmung seines Inneren Recht gegeben, denn trotz seiner reichlichen, schönen Arbeit war er nicht mit Glücksgütern gesegnet. Er hat eine große Zahl von Wasserfällen geschaffen und wird nicht müde, dies interessante Thema zu variieren. Eines der schönsten Exemplare darunter ist das hiesige. Das dem Erdinneren entquellende, unfaßbare Element, das Wasser, wenn es zwischen Felsen herabstürzend in Millionen von perlenden Tropfen und leuchtenden Schaumbläschen sich auflöst und doch zum staunenerregenden Wasserfall sich zusammenschließt, hat kein Maler in dieser Form schöner dargestellt als Ruisdael. Wir glauben die Wasser rauschen zu hören, verfolgen mit dem Blicke ihren Sturz und sehen sie doch mit Befriedigung in dem ruhenden Bilde gebunden. In wohltuendem Gegensatz zu dem nimmer ruhenden Element stehen darüber die ernsten, wie für die Ewigkeit gegründeten Berge, die stillen Wälder. Es wird behauptet, Ruisdael sei nie weiter als bis nach Bentheim über die Grenzen seiner engeren Heimat hinausgekommen, habe also nie einen Wasserfall mit dem äußeren Auge gesehen, sondern die Brechung und den Sturz des Wassers nur an der Brandung des Meeres beobachtet. Seinen Darstellungen dieser Art sollen Handzeichnungen seines in Norwegen heimischen Freundes A. van Everdingen zugrunde gelegen haben, wobei er sich auch dessen Gebirgsstudien zunutze gemacht hätte, da er nie in einem eigentlichen Bergland gewesen sei. Doch weder das eine noch das andere ist nachgewiesen. Wenigstens steht nach Aussage von Norwegern für das Kasseler Gemälde fest, daß es keine skandinavische Landschaft wiedergibt.

Aus dem Buch “Album der Casseler Galerie” von 1907.

JACOB IZAAKSZOON VAN RUISDAEL 1628/29-1682 Kasseler Galerie