Geboren 1628/29 in Haarlem, Gestorben Ebenda 1682
Holländische Schule

Schloss Bentheim

Der grösste Dichter unter allen Landschaftsmalern ist Jacob van Ruisdael. Schon Goethe hat ihn als solchen gefeiert. Er sucht diesen poetischen Eindruck vornehmlich auf gewisse romantische Zutaten in seinen Bildern zurückzuführen: ein verfallenes Kloster in stillem Walde, grell beleuchtete Leichensteine vor düsterem Gewitterhimmel, einen rauschenden Wasserfall oder alte Waldesriesen. Aber auch bei ganz anspruchslosen Ansichten aus Niederdeutschland, bei seinen Fernsichten, seinen Waldlandschaften, selbst bei dem kleinsten Ausschnitt aus der nüchternsten holländischen Landschaft fesselt uns der gleiche Zauber, beschleicht uns jenes eigentümlich melancholische Gefühl, das nur Ruisdaels Gemälden eigen ist. Die Ehrfurcht vor der Natur, vor ihrer jungfräulichen Schönheit, vor der sonntäglichen Stille in der Landschaft erfüllt uns mit einem Gefühl der Wehmut, das uns unsere menschliche Kleinheit und Hinfälligkeit voll empfinden lässt und uns doch unendlich anzieht. Eines der bedeutendsten Bilder des Künstlers, eines der umfangreichsten und zugleich eines seiner Meisterwerke, ist das Schloss Bentheim, im Besitze von Herrn Alfred Beit in London, das uns hier in der Kupferätzung vorliegt. Freilich ist das Motiv: das prächtige alte Schloss mit seinen malerischen Türmen und Mauern hoch oben auf dem Bergrücken und die schlichten Bauernhäuser zwischen dichten Bäumen am Abhang, ein romantisches, und die Art, wie es der Künstler komponiert hat, ist eine äusserst geschickte, aber der Hauptreiz liegt auch in diesem Bilde in seiner Stimmung, in der Luft, die das Ganze umhüllt, in dem lichten Himmel mit seinen schönen grossen Wolken, und dem dunklen Tal, über das die Wolken ihre flüchtigen Schatten breiten. Trotz unserer modernsten Impressionisten behauptet doch Ruisdael noch einen der ersten Plätze in der Feinheit und Meisterschaft, womit er das Leben der Atmosphäre in seinen Bildern zum Ausdruck bringt. Das Auge unserer modernsten Landschafter ist fast ausschliesslich darauf eingestellt, in der Natur die Wirkung des Lichtes, vor allem des Sonnenlichtes, zu beobachten.

Jacob Ruisdael ist unendlich viel reicher und phantasievoller; er gibt die mannigfachsten Beleuchtungen in den verschiedensten Landschaften, aber stets mit der feinsten Beobachtung der Wirkung, welche der Himmel auf die Erde ausübt, der Wolken und ihrer Schatten, sowie der Lichtblicke dazwischen.

Ruisdael war etwa vierundzwanzig Jahre alt, als er dieses mit der Jahreszahl 1653 bezeichnete Bild malte; er stand damals schon auf der Höhe seiner Kunst, nur in kleinen Einzelheiten verrät sich gelegentlich noch der junge Künstler, wie hier in dem von Sträuchern und Gräsern üppig bewachsenen Felsvorsprung im Vordergründe und in dem Baumstumpf rechts, die er noch als Kulisse zur besseren perspektivischen Verkürzung der Ferne nötig zu haben glaubte. Freilich, vor dem Bilde selbst wird dies kaum jemand empfinden: so mächtig und wirklich, so wahr und zauberhaft zugleich prägt es sich dem Beschauer ein.

JACOB SALOMONSZOON VAN RUISDAEL (1630/40-1681)

e mehr wir über Rembrandt erfahren, je tiefer wir in seine Werke eindringen, um so lebendiger tritt uns der Mensch in seinen Arbeiten entgegen. Kaum weniger persönlich spricht uns der doch so anders geartete Maler an, der nächst ihm allen Künstlern Hollands voran genannt zu werden verdient: Jacob van Ruisdael. Rembrandt zeigt uns in zahlreichen Bildnissen sich selbst, seine Angehörigen und Freunde; in ihnen leben seine Stimmungen wieder auf, so deutlich, daß wir sie ganz zu verstehen meinen. Ruisdaels Gemälde erzählen uns von seiner Heimat, die er mit feinem, mannigfaltigem Empfinden wiedergegeben hat. Der ganze Reichtum des Landes, die Wehmut, die melancholische Ruhe und der eintönig gleichmäßige Zauber, die darüber lagern, alles das scheint in ihm Gestalt gewonnen zu haben, ln diese Bilder seiner Heimat hat Ruisdael seine Seele gelegt, sie erzählen auch von seiner persönlichen Stimmung, aber freilich zurückhaltend und leise. Er wirkt nicht wie Rembrandt durch die Intensität seines Wesens, sondern durch die Bescheidenheit, mit der er sich hinter einer großen Darstellung der Natur versteckt. Aber dadurch fühlen wir uns diesem einsamen Schwärmer für große Landschaften, diesem Melancholiker, dessen glühende Liebe und Ehrfurcht vor der Natur mit einem einzigen Sinne für ihre Erkenntnis und Wiedergabe vereinigt war, gleich nahe; wir glauben ihn zu kennen, meinen seine Schicksale zu wissen und seine Gedanken zu erraten. Die Welt muß ihn bitter getäuscht, Unglück und Mißgunst müssen ihn verfolgt haben, daß ihn wehmütige Gefühle auch m der stillen Natur, in der er Zuflucht und Frieden fand, niemals ganz verließen.

Befragen wir über ihn seine Biographen und die Urkunden, so bestätigen uns die dürftigen Nachrichten wenigstens das eine: daß der Künstler bei seinen Zeitgenossen durchaus nicht die Achtung fand, die er verdiente. Wir erfahren, daß er im Jahre 1628 oder 1629 in Haarlem geboren wurde, daß er schon mehrere Jahre vor 1659, in welchem Jahre er das Bürgerrecht erwarb, nach Amsterdam übersiedelte, bis er 1681 infolge schwerer Krankheit nach Haarlem zurückkehren mußte. Daß er gutherzig und anhänglich war, beweisen verschiedene Angaben, so die, daß er seinen Vater dauernd unterstützte. Beiläufig erfahren wir, daß er einsam als Junggeselle durch das Leben ging, und daß ihn in den besten Jahren jene schwere Krankheit befiel, die ihn zwang, in einem Siechenhaus seiner Haarlemer »Freunde«, der Menoniten, Zuflucht zu suchen, wo er nach wenigen Monaten {1682) im Alter von drei- oder vierundfünfzig Jahren starb. Houbraken fügt den wenigen, nüchternen Worten über den Künstler die Bemerkung hinzu: »egter heb ik niet können bemerken, dat hy’t geluk tot zyn vriendin gehad heefi«, eine Folgerung, die er wohl eher aus einem Begräbnisbrief, den er für den des Künstlers hielt1), als aus den Nachrichten über das Leben Ruisdaels oder aus seinen Bildern, für die er kein Verständnis hatte, gezogen hat. So sind seine Werke, auch wenn wir uns von dem Menschen ein Bild machen wollen, die beste, ja fast die einzige Quelle. Wir blicken gern In ihre Tiefen; denn bei kaum einem Künstler wird dadurch die Sympathie für ihren Schöpfer so gesteigert.

Ruisdael hat nicht die bestechenden oder gar hinreißenden Eigenschaften anderer großer Landschafter Hollands. Seine Gemälde haben nicht den leuchtenden Schimmer der Luft wie die des Aelbert Cuyp, nicht das Geschick und die männliche Kraft der Ausführung eines Hobbema oder die geistreich skizzierende, impressionistische Art eines jan van Gnyen. Es fehlt ihnen die heitere Farbigkeit und die lebendige Staffage der Werke des A. van de Velde, und nie hat der Künstler wie Rembrandt versucht, die plötzlich hervorbrechende elementare Gewalt der Natur zum Ausdruck zu bringen. Weder schöne, pikante Farbe, noch besonders eindringliche Sprache im Auftrag sind ihm eigentümlich. Seine meisten Werke packen daher nicht auf den ersten Blick, aber sie heben sich doch sofort aus allen anderen Bildern heraus und ziehen uns immer wieder an sich. Ihre Einfachheit ist nur eine scheinbare, ihre Zurückhaltung eine vornehme, durchaus berechnete. jener Ausdruck stillen Friedens, heiliger Ruhe, der über den Landschaften ausgebreitet ist und den Beschauer mit einem eigentümlichen Gefühl von Abhängigkeit und Sehnsucht erfüllt, entspringt aus der tiefsten Empfindung und einer Summe der feinsten Beobachtungen in der Natur. Der nachhaltige, einzigartige Eindruck der Gemälde geht aus der glücklichsten Verbindung von seltenem Geschmack, Gedankenreichtum und innigem Gefühl des Künstlers hervor, der seine ganze Seele in seine Bilder hineinlegte.

Ruisdael ist ausschließlich Landschaftsmaler. Nur vereinzelt hat er selbst ein ganz kleines, ungeschickt gezeichnetes Figürchen in seinen Gemälden angebracht; sonst ist die Staffage von der Hand dritter, ihm befreundeter Künstler. Aber seine Landschaften sind so mannigfaltig wie die keines anderen Malers, obgleich er im Gegensatz zu anderen holländischen Landschaftsmalern auf die Darstellung der verschiedenen Tageszeiten, auf die Schilderung plötzlich sich lösender Naturgewalten oder überhaupt auf starke Effekte fast ganz verzichtet. Die Mehrzahl seiner Bilder zeigt leichtbewegtes Terrain mit Buschwerk oder Baumgruppen, oder der Künstler führt uns in das Innere des Waldes, in dem uralte Baumriesen an stillem Wasser stehen, oder er zeigt uns das große Schauspiel, wie ein reißender Strom aus dichtem Walde hervorbricht und sich brausend über den reisen in den Vordergrund stürzt, während die Wipfel der Bäume hohe Berge überragen. Dann wieder wandert der Meister mit uns auf einen Hügel oder auf die Dünen von Haarlem und öffnet uns den Blick über die weite Ebene bis an den Horizont, über den sich hoch der Himmel mit seinen flüchtigen Wolkenmassen wölbt. Gelegentlich läßt er uns auch in eine Stadt blicken, auf den Damplatz in Amsterdam, den Vyver im Haag, oder wir schauen mit ihm auf die Stadt Amsterdam hoch oben vom Gerüst des Rathausturmes herab. Als echter Holländer liebt Ruisdael die See. Wir wandeln mit ihm am Strande, den Spaziergänger und Fischer beleben, und blicken hinaus auf die leichibewegte Fläche mit den bunten Segeln der Schifferboote, oder wir fahren mit ihm hinaus auf die offene bewegte See, über die schwere Regenböen ziehen. Selbst Winterlandschaften hat der Künstler gemalt, die ebenso sehr den Winterdarstellungen aller anderen holländischen Landschaftsmaler überlegen sind, wie seine Seestücke, seine Waldlandschaften und Femsichten in ihrer Art nicht übertroffen wurden.

Auffallend ist bei fast allen diesen Bildern, daß sie einen ausgesprochen lokalen Charakter nicht zu haben scheinen, und auch dann nicht vedutenhaft wirken, wenn etwa eine bekannte Stadtansicht dargestellt ist, oder wenn sich die mächtige Marktkirche Haarlems im Hintergrund des Bildes erhebt. Ruisdael gibt, bis auf einzelne Werke seiner frühesten Zeit, komponierte Landschaften, deren innerer Aufbau sorgfältig durchdacht und abgewogen ist, sich jedoch dem Auge des flüchtigen Beschauers entzieht. Auch das einfachste Bildchen seiner Hand fällt neben den Landschaften anderer Künstler durch den großen Reichtum und die Abwechselung der feinen Kontraste auf, im Ganzen wie im Einzelnen, in der Beleuchtung wie im Terrain, im Baumschlag und Pflanzenwuchs wie in der Wolkenbildung. Alles Detail ist so geschickt der herrschenden Idee und Empfindung untergeordnet, daß man sich seiner Mannigfaltigkeit erst bei näherer Betrachtung bewußt wird. Man beachte, wie etwa auf dem stillen Wasser das Schiff gestellt und verkürzt ist, wie gut die verschiedenen Formen des einfachen Dünengrases beobachtet sind, wie die Stämme der Bäume im Walde geordnet stehen, wie die Linien des Terrains sich schieben, wie die Wolken sich bauen. Selbst im Kleinsten wird man stets die sorgfältig ordnende Hand spüren, die alles gleichmäßig und sicher durchgebildet hat, und überall wird man doch statt des kühlen Verstandes vor allem die warme Empfindung, die große Seele herausfühlen.,

Das Mittel, durch welches Ruisdael seine reichen Kompositionen zu einheitlicher Wirkung bringt und ihnen zugleich den »poetischen« Eindruck verleiht, beruht vor allem in der Kunst seiner Beleuchtung, in der Art, wie er das Helldunkel behandelt und die Luft wiedergibt. Während die meisten alten Landschaftsmaler den Himmel empfindungslos, wenn auch oft recht effektvoll, nur als Lichtquelle verwandten, versteht es Ruisdael, Himmel und Erde zu vereinigen, die Wolkenschicht wirklich zu wölben und durch die Luft die ganze Landschaft zu beleben und einheitlich zu gestalten. Die Luft durchdringt bei ihm das Ganze. Die Wolken werfen ihre Schatten über die Landschaft und stehen in engster Beziehung zu ihr. »Ruisdael sieht«, nach Fromentins Ausdruck, »jeden Gegenstand in der Landschaft zusammen mit dem korrespondierenden Punkt in der Atmosphäre.« Kein anderer Maler hat den Himmel in allen Beleuchtungen so fein beobachtet, so meisterhaft und groß wiedergegeben wie er, keiner hat die Bewegung der Luft, den Bau der Wolken so wahr und gesetzmäßig, die Unruhe und Beweglichkeit so einheitlich und bestimmt zu geben gewußt. Gleich momentan und doch geschlossen gibt er die Unruhe in der Bewegung des Wassers. Wie die Wolken vor dem Winde leicht im blaßblauen Äther dahineilen, wie sie in verschiedenen Schichten übereinander lagern, wie sie sich aufbauen, wie sie von der Sonne beleuchtet sind und mannigfache Reflexlichter erhalten, wie ihre Schatten die Landschaft beleben, wie die Luft Wald und Fels durchdringt, Himmel und Meer verbindet und alle Teile der Landschaft umgibt und in ihren zarten Dunst einhüllt, das hat Jacob Ruisdael in so unendlich feiner Art und mit solcher Mannigfaltigkeit in seinen Bildern zum Ausdruck gebracht, daß dem Beschauer dadurch das Verständnis der Natur nach vielen Richtungen erweitert und vertieft wird.

Durch den Luftton wird das Helldunkel wie die Färbung in seinen Bildern bestimmt. Im Gegensatz gegen die impressionistischen Tonmaler der älteren Landschafterschule Hollands bringt Ruisdael die Lokalfarben wieder stärker zur Geltung, indes nicht so, daß nicht doch eine einheitliche atmosphärische Stimmung gewahrt bliebe. Ein fein getöntes Grün der Vegetation, meist ins Bräunliche, gelegentlich in der Ferne auch ins Bläuliche übergehend, Braun und Grau im Terrain und in den Wolken: darauf beschränkt sich im wesentlichen seine Palette. Nur das zarte Blau des Äthers, das leider in manchen seiner Bilder vom Putzen oder Durchwachsen der Farben zu scharf geworden ist, und gelegentlich ein mattes Braunrot in den Häusern schimmern als einzige stärkere Farben durch die grauen Wolken und braun-grünen Bäume hindurch und bilden, gerade wie in der Natur, die feinsten Kontraste zu dem Orün der Vegetation. Der Gesamtton ist, gleichfalls der Natur entsprechend, stets kühl.

Diese besondere Betonung der Luft gibt Ruisdael Bildern auch Ihre eigentümliche Stimmung. In seinen meisten Landschaften herrscht ein sehnsüchtiger, ja schwermütiger Zug, Die Darstellung der erhabenen Größe der Natur, ihrer Beständigkeit und ewigen Verjüngung erweckt in dem Beschauer das Gefühl der eigenen Kleinheit und Vergänglichkeit. Dies Gefühl schreckt nicht vom Anblick der Natur ab, erkältet nicht, reißt aber auch nicht zu staunender Bewunderung ihrer Unermeßlichkeit hin, sondern senkt eine ruhig ergebene Stimmung langsam in unsere Seele und erfüllt uns mit tiefem andächtigen Schauer, Die Natur so zu erkennen, daß wir uns mit ihr eins empfinden und sie uns unwiderstehlich an sich zieht, obgleich uns diese Macht so stark scheint, daß sie uns schier erdrückt, die Seele der Natur zu fühlen, war nur wenigen Künstlern wie Hercules Segers und vor allem Rembrandt beschieden. Sie schildern uns ihre imponierende Gewalt und Größe, Jacob Ruisdael ihre erhabene Gleichmäßigkeit, mit der sie zum Unterordnen und stillen Bewundern zwingt. So ist es leicht zu begreifen, wie Goethe dazu kam, ihn als Denker und Poeten zu feiern. Er schloß aus den Bildern auf den Schöpfer, sah in ihm einen Melancholiker, der die Stätte der Menschen flieht, um sich am Busen der Natur auszuweinen und in der Zwiesprache mit dem Naturgeist zur Erkenntnis und zum Frieden zu gelangen, um daraus die Kraft für seine künstlerischen Schöpfungen zu sammeln. Die »vollkommene Symbolik«, die Goethe weiter an ihm bewunderte, spricht in der Tat in einzelnen Werken aus der späteren Zeit des Künstlers mit So in dem »Judenkirchhof« der Dresdener Galerie, den Goethe zum Ausgang seiner Bemerkungen machte. Hier ist auf die Hinfälligkeit alles Irdischen, auf die Vergänglichkeit alles Menschenwerkes, über das die ewig sich erneuernde Natur erbarmungslos hinweggeht, deutlich, fast aufdringlich hingewiesen. Aber Im allgemeinen werden doch dem Künstler zu modern romantische Empfindungen untergeschoben, wenn man ihn als Menschenhasser und einsamen Träumer hinstellt. Ruisdael dachte gewiß viel naiver, mag ihm auch das Leben schwer mitgespielt haben. Lebte er doch, wie es scheint, gern in großen Städten und verkehrte hier mit manchen Künstlern, die ihm die Staffage seiner Bilder malten, oder denen er durch Malen des landschaftlichen Hintergrundes ihrer Bilder behilflich war (so Jan Vonck und Jacomo Victors) und als Lehrer oder Freund nahe stand, wie wir dies namentlich von Meindert Hobbema wissen. Seine ernste Natur war sicherlich fern von dem Weltschmerz eines Werther, sie war abgeklärt und schöpfungsfreudig, voll Begeisterung und feinstem Sinn für die Natur, voll Lust am Leben und aufgehend in der Arbeit, innerlich gefestigt, voll Frieden und religiöser Weihe.

Wie gründlich durchdacht, mit welchem Stilgefühl Ruisdaels Bilder konzipiert sind, beweist ihre große Verschiedenheit im Aufbau und in der Empfindung. Zeigen die Waldesinterieurs nur wenig vom Himmel, der sich aber in dem stillen Wasser, das sich meist in solchen Bildern zwischen den Bäumen ausbreitet, spiegelt und dadurch Licht in das Waldesdunkel bringt, so nimmt die Luft in den Fernsichten den Hauptteil des Bildes ein. ist das Meer auf den Strandbildern der ruhigen Linie der Dünen zuliebe nur wenig erregt und die Anordnung dieser Kompositionen einfach, so ist das Wasser auf seinen Seestücken, bei denen vom Strand fast nichts zu sehen ist, gerade stark bewegt: die Wolken, die sich türmen und jagen, scheinen sich mit den schäumenden Wellen zu berühren. Liebt der Künstler seine gewöhnlichen Landschaften mit Buschwerk und Bäumen, in denen eine Hütte oder eine kleine Ortschaft zu versinken scheint, reich zu beleben, so treten die Bäume in den Winterbildern sehr zurück, aber Häuser und reicheres Terrain bringen Leben in die starre Natur, bereichern auch die Färbung, und der Schnee ist je nach der Beleuchtung verschieden getönt. Verschwindet in den Landschaften des Künstlers die Staffage fast vollkommen, so sind die Städtebilder überreich an farbigen Figuren auf der Straße und den Plätzen, und die Kanäle sind voller Boote mit bunten Segeln. Überall verrät sich das feinste Verständnis für Charakter und Stimmung, für Aufbau und Bewegung der Landschaft, die doch anscheinend ungesucht aus der Natur in das Bild übertragen sind.

Jacob Ruisdael war nicht gleich der große, vollkommene Meister; auch bereiten bedeutende Landschafter auf seine Kunst vor. ln Haarlem, seiner Vaterstadt, macht sich gegenüber der ganz auf Ton ausgehenden und in einfarbiger, dunstiger und unbestimmter Malerei wirkenden Richtung der älteren holländischen Landschafterschule unter der Führung von Jan vae Ooyen seit den dreißiger Jahren eine Gegenströmung geltend, welche in der stärkeren Betonung der Lokalfarbe und individuelleren Durchbildung größere Naturwahrheit anstrebte. Künstler wie Cornelis Vroom, der schon 1628, als Jacob Ruisdael geboren wurde, als hervorragendster Landschaftsmaler in Haarlern gefeiert wird, wie Balthasar van der Veen, Guiliam Dubois und andere geben der Vegetation wieder ihr kräftiges Naturgrün, das sie bald ins Bräunliche, bald ins Bläuliche stimmen. Statt uns Ausblicke auf weite Fernen mit reich belebten Kanälen oder Landstraßen zu zeigen, führen sie uns abseits von dem menschlichen Treiben in das Innere des Waldes oder in waldige Täler, die von stillen Wassern durchzogen sind. Diesen Künstlern, ganz besonders dem Cornelis Vroom, schließt sich der junge Jacob Ruisdael an; gehörte doch auch sein Vater, der Rahmenmacher Isaak van Ruisdael, dieser Richtung an, wenn wir ihm richtig die mit dem Monogramm J. v. R. bezeichnten kleinen Landschaften zuschreiben, An solchen jugendwerken Jacobs besitzen wir noch eine beträchtliche, durch Daten beglaubigte Zahl. Wenn Fromentin behauptet, daß »man sich Ruisdael weder sehr jung, noch sehr alt vorstellen könne, daß man nichts von einer Jugendentwicklung sehe und auch nicht das Gewicht der Jahre fühle«, so wird diese irrtümliche Ansicht dadurch verständlich, daß dem Künstler Fromeniin, dessen Bilderkenntnis gering war, das Studium des Werdeganges der alten Meister verhältnismäßig fern lag, obgleich er ihren Charakter mit den treffendsten und lebendigsten Worten gezeichnet hat. Aber auch Kunstforscher wie W. Bürger, ein Pfadfinder für die moderne Forschung der holländischen Malerei nach dieser Richtung, hat die Entwickelung Jacob Ruisdaels so verkannt, daß er seine Wasserfälle für Jugend werke erklärte. Fast noch schiefer stellt sich die zeitliche Anordnung der Gemälde des Künstlers durch Alois Riegl dar, wie er sie erst vor wenigen Jahren in einem Aufsatz der »Graphischen Künste« gab. Bürgers Behauptung, daß Ruisdael fast niemals seine Bilder datiert habe, ist unrichtig; auf Dutzenden von seinen Gemälden hat er seinem Namen die Jahreszahl beigesetzt. Freilich, mit ganz wenigen Ausnahmen, nur auf Werken seiner Jugend. Aber wir haben ein anderes Merkzeichen, nach dem wir seine Gemälde wenigstens ungefähr datieren können: nach den Meistern, welche sie staffiert haben. Bilder, in denen wir Figuren von der Hand des A. van Ostade, Nie. Berchem oder Ph. Wouwerman finden, werden wir mit größter Wahrscheinlichkeit der Zeit zuweisen dürfen, da Ruisdael noch in seiner Vaterstadt Haarlem lebte; wenn wir unter den Amsterdamer Malern, die ihm Bilder staffierten, A. van de Velde als seinen Mitarbeiter finden, so wissen wir, daß diese Gemälde vor 1672, dem Todesjahre dieses Künstlers, entstanden sein müssen; und die kleinen Figuren, welche die meisten seiner Strandbilder und Stadtinterieurs beleben (die auf den beiden Gegenstücken in Berlin und in Rotterdam rühren von G. van ßattem her), lassen schon nach ihren Kostümen mit Bestimmtheit erkennen, daß diese Bilder erst in den siebziger Jahren gemalt sein können.

So läßt sich mit einiger Sicherheit ein Bild von der Entwickelung des Künstlers gewinnen, wenn wir auch das einzelne Gemälde nicht gerade, wie bei manchen anderen holländischen und vlämischen Künstlern auf einen Zeitraum von wenigen Jahren genau fixieren können. Dies vermögen wir nur bei den Werken der frühesten Zeit, etwa für die Jahre 1646 bis 1653, aus denen uns nahe an hundert Gemälde des Künstlers erhalten sind. Die Zeit liegt noch nicht weit zurück, da man von der ersten Tätigkeit des großen Haarlemer Meisters in diesem Zeitraum nichts wissen wollte und die Bilder mißachtete oder gar ihre Echtheit anzweifelte, trotz der echten Bezeichnungen und Daten, die sie tragen. Schien doch ähre frühe Entstehung dem angeblichen Geburtsjahr des Künstlers zu widersprechen, das man in das Jahr 2635 setzte. Statt aber die Gemälde und ihre Bezeichnungen zu prüfen, statt die bekannten Radierungen mit heranzuziehen, von denen eine gleichfalls die Jahreszahl 1646 trägt, und daraus die Folgerung zu ziehen, daß die hergebrachte Angabe der Geburtszeit des Künstlers eine falsche sein müsse, schrieb man Jene Landschaften mit ihrem allerdings eigenartigen Charakter Schülern oder Nachahmern zu oder bezeichnete sie selbst als Fälschungen. Und doch war das Rätsel, daß Jacob Ruisdael als halber Knabe schon treffliche Bilder gemalt haben sollte, längst gelöst; denn die Angabe eines Zeitgenossen, des L. van der Vinne, nach der Ruisdael 1648 Mitglied der Gilde in Haarlem wurde, hatte van der Willigen bereits 1870 in seinem verdienstvollen Quellenwerke über die Haarlemer Maler weiteren Kreisen bekannt gemacht.

Charakteristisch ist für diese Jugendwerke das Anspruchslose der Motive, das scheinbar Kunstlose der Anordnung, wie die Treue und der Fleiß des Naturstudiums in der Wiedergabe. Ein Dünenhügel mit dürftigem Gestrüpp und Riedgras, ein sonniger Weg zwischen Büschen, ein kleiner Bach oder Sumpf mit Schilf und Wasserblumen, eine alte, entblätterte Eiche zwischen dichtem Gehölz, eine Hütte mit rotem Dach oder eine Windmühle am Waldesrand, darüber trüber Himmel mit grauen Wolken, durch die nur ein vereinzelter matter Sonnenstrahl dringt: der Art sind die einfachen Motive, welche denen der älteren Haarlemer Meister, wie Vroom und Dubols, nahe verwandt sind. Der Aufbau ist meist noch wenig geschickt; auch die Fülle von Detail und die übertrieben sorgfältige Durchführung desselben verrät den Anfänger. Noch fehlen Ausblicke, welche eine feine Perspektive eröffnen, Bäume und Buschwerk sind leicht zu massig, die Schatten zu schwer, der Sinn für schöne und einfache Formen ist noch nicht entwickelt. Und doch enthüllt sich schon der eigenartige Künstler mit seinem feinen Sinn für die Natur in der Art, wie er durch die Stellung der Zweige und Blätter, durch ihre abwechselnd eckige oder runde Behandlung, durch den bald körnigen, bald glatten Farbenauftrag, durch den verschiedenen Ton des Grüns die einzelnen Baumarten charakterisiert, wie er die Pflanzen und Gräser bis in alle Einzelheiten mit einer an Dürer erinnernden Liebe durchbildet und mit Geschmack dem Ganzen einordnet.

Innerhalb dieser jugendwerke lassen sich die raschen Fortschritte des Künstlers leicht verfolgen. In den Bildern aus dem Ende dieser Periode sehen wir bereits, wie der Künstler den Horizont tiefer legt, wie er das Terrain geschickter verschiebt, Ausblicke in die Ferne schafft, wie er klarer in den Schatten wird, größer in den Lichtmassen, naturwahrer im Ton und in der Färbung, wie er mehr und mehr Verständnis bekommt für die Wiedergabe der Wolkenbildung und ihren Einfluß auf die Beleuchtung der Landschaft. Damit tritt auch die übertriebene Betonung der Einzelheiten, namentlich im Vordergründe, zurück, und die Komposition wird reicher, mannigfaltiger und geschlossenen Zahlreiche Landschaften von kräftiger grüner Färbung der Vegetation und körnigem Farbenauftrag, mit durch Baumgruppen und niedrige Hügel begrenzten Ausblicken über die holländische Heimat, mit einem Fluß oder einem breiten Weg, einem gelben Kornfeld als Lichtpunkt, ein paar Häusern oder einem kleinen Ort Im Mittelgrund, verdanken den letzten Jahren von Ruisdaels Aufenthalt in Haarlem ihre Entstehung. Damals scheint er zuerst, ähnlich wie Rembrandt, Amsterdam vorübergehend aufgesucht zu haben, um dort Absatz für seine Bilder zu finden, und zugleich begann er seine Studienreisen über die nächste Umgebung seiner Vaterstadt hin auszudehnen. Bei den Wanderungen in die Dünen von Noordwijk und Sandvoort erkannte er die Schönheiten der Fernsichten mit dem hohen, reich belebten Himmel und der nach dem Horizont zu allmählich verschwindenden Landschaft; die Studien für seine berühmten Flachlandschaften gehen vor allem auf diese Zeit zurück. Der Künstler kam aber damals wohl auch schon über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus. Bilder wie die überwältigend mächtige Ansicht vom Schlosse Bentheim aus dem Jahre 1654 in der Galerie Otto Beit in London, oder wie das Kloster, von denen die Galerien in Dresden, London und Berlin abweichende Darstellungen besitzen, beweisen, daß Ruisdael schon vor der Mitte der fünfziger Jahre die hügeligen Gaue des deutschen Nachbarlandes mit ihren prächtigen Wäldern und alten Burgen, namentlich die Grafschaft Cleve und das Münsterland, kennen gelernt hatte. Diese deutschen Gegenden blieben, wie es scheint, auch von Amsterdam aus ein Hauptziel seiner Wanderungen und Studien, Von seinem neuen Wohnsitz aus ist der Künstler wohl auch zuerst auf die See hinausgekommen; bei diesen Fahrten mögen die Studien zu seinen herrlichen Seebildern entstanden sein.

Die Früchte aller dieser Arbeit liegen in den Gemälden vor, die in den sechziger Jahren in Amsterdam entstanden: es sind der Mehrzahl nach die Meisterwerke des Künstlers. Die meisten Fernsichten, die Marinen, die Waldinterieurs, die ersten Winterbilder gehören dieser Zeit an. Ich nenne nur den »Sumpf im Wald« in der Eremitage und das ähnliche Bild in der Berliner Galerie, den großen Eichenwald der Wiener Hofmuseen (wohl noch vor Ende der fünfziger Jahre entstanden), die Wiedmühle am Strande im Rijksmuseum, die Fernsicht von der Burgruine und den Strand von Noordwijk in der Londoner National Gallery und so fort. Diese Werke ragen durch den Reichtum und die Feinheit der Kompositionen, durch den Geschmack im Aufbau, durch die geschickte Unterordnung der zahlreichen interessanten Einzelheiten unter die Gesamtwirkuaig, durch die bewegte Luft und die Feinheit der Beleuchtung, durch die Klarheit der Färbung und vor allem durch ihre große, ergreifende Stimmung selbst unter den Werken des Meisters weit hervor; es sind die großartigsten landschaftlichen Schilderungen, welche die Kunst hervorgebracht hat.

Die letzte Zeit der Tätigkeit des Künstlers, deren Beginn wir spätestens um die Mitte der siebziger Jahre zu setzen haben, zeigt nach verschiedenen Richtungen ein Nachlassen, vielleicht schon verursacht durch die Krankheit, die ihn verhältnismäßig früh dahinraffte und ihn wohl schon jahrelang vorher an gründlichem Studium verhinderte, wenn sie auch seine Arbeitsfreudigkeit nicht zu brechen imstande war; denn aus diesen letzten Jahren sind uns fast ebensoviele Gemälde wie aus seiner früheren Zeit erhalten. Schon technisch stehen die Bilder nicht mehr auf der Höhe wie früher, Der dunkle Grund, auf den sie gemalt sind, ist bei dem dünnen Auftrag der Farben vielfach durchgewachsen, so daß die Schatten oft zu dunkel und einförmig erscheinen; die gleiche Technik schadete dem Blau des Äthers. Die Zeichnung des Baumschlags, der Felsen und der anderen Einzelheiten ist vielfach schematisch und oberflächlich. In den Motiven läßt sich der Künstler im Streben nach großen Formen und stärkerer Wirkung, das sich meist auch schon in dem größeren Format seiner Bilder ausspricht, zu überfülltem Aufbau verleiten. Auch Hegen seinen Gemälden zum Teil nicht mehr eigene Studien der Natur zugrunde. Er benutzt die Bilder von Freunden: Ever-dingens Ansichten von Schweden und Norwegen, Szenerien aus der Schweiz von Roghman, Hackaert und anderen, um daraus Motive für seine eigenen Kompositionen zu gewinnen. Mit besonderer Vorliebe malt er jetzt Wasserfälle, breite Ströme, die sich durch enge Felsen wände zwängen und mit mächtiger Wasserfülle brausend in den Vordergrund hinabstürzen, abgeschlossen von waldigen Bergen mit Burgen oder Ruinen auf den Höhen. In einer solchen Berglandschaft, in der die Spitzen der Berge sich in den Wolken verlieren, ist im Vordergrund der Schwur auf dem Rütli dargestellt, ein Beweis, daß der Künstler wirklich eine Schweizer Landschaft darstellen wollte und aus Interesse an den großen Formen der Alpennatur sich mit der Geschichte der Schweiz vertraut zu machen suchte. Auch in dem Aufbau der Waldlandschaften dieser Zeit zeigt sich ein ähnliches Streben in der mächtigen Bildung der alten Baumriesen, dem übertriebenen Dunkel des Waldes und der Überfülle an Formen; gelegentlich enthalten die Bilder auch jene von Goethe gerühmten, oben erwähnten symbolischen Beziehungen.

So teilt auch dieser große Künstler das Schicksal, dem nach Rembrandts Tod die ganze Kunst in Holland wie mit einem Schlage erlag. Als ob nur die ragende Gestalt des großen Meisters den Verfall so lange aufzuhalten vermocht hätte!

Aus dem Buch: Rembrandt und seine Zeitgenossen : Charakterbilder der grossen Meister der holländischen und flämischen Malerschule im siebzehnten Jahrhundert. Bucherscheinung im Jahr 1906.

Siehe auch, Rembrandt und seine Zeitgenossen Teil 1, Rembrandt und seine Zeitgenossen Teil 2, Holländische Genremaler unter dem Einfluss von Rembrandt, Das Holländische Sittenbild, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine Zeitgenossen – HERCULES SEGERS, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN VAN GOYEN UND SALOMON VAN RUYSDAEL.

JACOB SALOMONSZOON VAN RUISDAEL (1630/40-1681) Rembrandt und seine Zeitgenossen

 

 

Die Herde am Waldeingang


Dieser vormals fast verschollene und auch heute nach Bredius erfolgreichen Forschungen dem Laien unbekannte Landschafter ist dennoch wert, der Betrachtung der Kunstfreunde zugeführt zu werden. Sohn des Salomon van Ruysdael und Vetter des berühmten Jacob I. ward er 1664 als Meister in die Gilde von Haarlem aufgenommen, verlegt aber 1666 seinen Wohnsitz nach Amsterdam. Man hat alle Ursache seinen Vater auch als seinen Lehrer zu betrachten, da ihre Werke auffallend viel Ähnlichkeit miteinander haben und früher öfters verwechselt wurden. Doch ist Salomon Ruysdael der ungleich bedeutendere und auch fruchtbarere Künstler. Die in öffentlichen Sammlungen und Privatbesitz befindlichen Werke des Sohnes belaufen sich auf kaum mehr als ein Dutzend, wobei allerdings nicht zu vergessen ist, daß sich früher und wohl auch fetzt noch manch ein Bild von ihm im Kunsthandel, richtig oder falsch benannt, umhertrieb und treibt. Er lag neben der Malerei auch dem Strumpfhandel ob und wird eine solch praktischere Tätigkeit für ihn wahrscheinlich einträglicher gewesen sein als das Bildermalen, wie es ähnlich noch manchem anderen, selbst höher begabten Maler im damaligen Holland ergangen ist. Später muß unser Jacob wieder nach Haarlem zurückgekehrt sein, denn im November 1681 starb dort ein Jacob Ruisdael, der zweifelsohne identisch mit diesem Sohne des Salomon ist. — Die hier wiedergegebene Landschaft war früher seinem berühmten Vetter, dann seinem Vater, endlich dem als Maler in der Luft schwebenden Izaak van Ruisdael zugeschrieben, bis sie zuletzt nach Vergleich mit seinen anderwärts befindlichen bezeichneten Gemälden als sein Werk erkannt wurde. Wenn wir oben von der Ähnlichkeit seiner Malweise mit der seines Vaters sprachen und der darauf gegründeten bestimmten Annahme, er sei auch dessen Schüler gewesen, so ist das Kasseler Gemälde der beste Beweis dafür. Bis zur Täuschung — die ja auch in seiner zeitweiligen Benennung als Salomon RUISDAEL ihren Ausdruck fand — ahmt es die Manier dieses bedeutenden Landschafters nach, in dem eigen-artig gezeichneten, spitzblätterigen Baumschlag von tiefem warmbraunen Gesamtton, in dem Aufbau und der Führung der gleichfalls warmen, bräunlichen Wolkengruppen und in der besonderen Zeichnung der Kühe mit den scharf geschnittenen, spitz zulaufenden Köpfen. Eine milde abendliche Stille lagert über diesem Stückchen Wald und dem Weg davor, auf und neben dem Herde und Hirt ruhen, dieser in genügsamer Selbstbescheidung vor sich hinträumend, jene in kontemplatives Wiederkäuen versunken. Ein bescheidener, man möchte fast sagen idyllischer Charakter der Landschaft ist dem Sohne Jacob eigen und unterscheidet ihn von der reicheren und charaktervolleren Art seines Vaters Salomon.

Aus dem Buch “Album der Casseler Galerie” von 1907.

JACOB SALOMONSZOON VAN RUISDAEL (1630/40-1681) Kasseler Galerie