Dorfstrasse


Als Rubens in Antwerpen seine prächtigen Historien malte, lebte teils dort, teils am Hofe des Erzherzogspaares in Brüssel der „Sammetbrueghel“, sein fast zehn Jahre älterer Freund. Den Künstlerbeinamen, den er seiner kostbaren Kleidung verdankte, hat man später auch wohl auf die saubere Ausführung seiner Bilder bezogen. Sein Vater Pieter war der kräftige Bauernmaler, er selbst ist Miniaturist und in seinen Figuren, ob sie nun mythologisch oder, was häufiger der Fall ist, Bauern seines Landes sind, nur ein massiger Charakteristiken Seinen Zeitgenössischen Ruhm verdankt er der zierlichen Gesamtwirkung seiner meist kleinen Bilder, die gewöhnlich auf Kupferplatten gemalt sind; seiner Gattung nach ist er Landschafter. Er war auch einige Jahre in Italien gewesen, wie Rubens, aber der Aufenthalt hatte seinen Stil, der abgesehen höchstens von den mythologischen Stoffen durchaus heimatlich blieb, nicht verändert. Er blieb zeitlebens Feinmaler, gleichmässig auch in dem nie nachlassenden Fleiss, wenn auch seine frühesten Bilder (vor seiner Rückkehr aus Italien J596) noch ganz miniaturartig sind, die späteren etwas freier werden. Seine Zeichnung ist immer von der höchsten Sorgfalt, scharf und spitz, seine Farbe solid gedeckt, emailähnlich, leuchtend und gefällig, aber namentlich an den bunten Blumen, die er liebt, und an Tieren und Kleidungsstücken phantastisch, nicht naturwahr; am wenigsten in der Landschaft, wo freilich das Blau stark durchgewachsen ist. In ihrer klaren Anordnung nach drei Plänen sprechen diese blauen Bildchen ohne viel Luftperspektive doch Naturgefühl aus, namentlich wenn sie nicht zu sehr mit Figuren angefüllt sind. Von den Kennern jedes Zeitalters geschätzt, sind sie fast alle Ins Ausland gekommen, die meisten nach Madrid, München und Dresden. — Von den acht Stücken der Kasseler Galerie gibt uesere Abbildung das Bild Nr. 45 beinahe im Maßstabe des Originals wieder. Es ist 1609 datiert, also keins der frühesten. An der ungepflasterten Dorfstraße steht das Wirtshaus, durch den Mittelgrund geht der Blick in die Ferne. Die Staffage ist zierlich und lebendig; Landleute mit Vieh und Gefährt; eine städtische Familie ist aus ihrem Planwagen gestiegen, der Herr unterhalt sich mit einem Bauern.

Aus dem Buch “Album der Casseler Galerie” von 1907.

JAN BRUEGHEL DER ÄLTERE 1568-1625 Kasseler Galerie