Das grosse Stillleben mit dem Vogelnest


Die Holländer des siebzehnten Jahrhunderts sind durch ihre Blumenpflege in der Malerei zu einer besonderen kleinen Kunstgattung geführt worden, deren Beliebtheit wir uns heute kaum noch verständlich machen können, wo nur noch geringe Talente sich auf diese bescheidene Spezialität ganz zu beschränken pflegen. Damals war die Zahl der Blumenmaler sehr gross, sie waren alle Spezialisten, und die besten standen an Ruhm und Ansehen nicht hinter den ersten Künstlern der anderen Gattungen zurück. Die Liebe zur Natur, mit der sich die alten Holländer in alles, was sie umgab, versenkten, und die nachahmende Naturtreue, die sich gerade an diesen kleinen und zarten Gebilden betätigen konnte, waren es nicht allein, was den Blumenstöcken ihre Liebhaber verschaffte. Sie sollten auch künstlerisch wirken durch Zeichnung und Komposition, vor allem aber durch die in Tönung und Helldunkel übertragene Naturmitgift der Farben, und ein rein künstlerisches Mittel ist der gern gewählte dunkle Hintergrund, der die Farben hervortreiben soll. In der Natur wäre er unmöglich; entweder er oder die Farben würden nicht sein. — Der grösste Blumenmaler von Holland ist Jan Davidsz de Heem aus Utrecht. Aber er zieht mit sechsund-dreissig Jahren nach Antwerpen, und dadurch erfährt seine Kunst zu ihrem Vorteil eine eigentümliche Mischung. Die Flamländer haben bekanntlich reiner leuchtende Lokalfarben, und ausserdem waren sie in der Blumenmalerei um diese Zeit weiter als die Holländer. Der nur wenig ältere Daniel Seghers in Antwerpen verstand seine licht und farbig gemalten Sträusse und Rankengewinde äusserst graziös anzulehnen an feste Körper mit architektonischen Formen, an Vasen, Steinnischen oder Barockrahmen mit Reliefs. Diese Kunst lernte nun von ihm De Heem. Seine Blumenstücke werden seit dieser Zeit freier und reicher, ihre Erscheinung wird farbiger. Dabei verrät uns doch der wärmere ’on — und auch das Helldunkel — den Holländer. Die Haltung ist malerischer als bei Seghers, und dabei doch alles Einzelne höchst intim behandelt. Wer durch eine grössere Sammlung geht, wird ohne weiteres den Eindruck bekommen, dass Jan Davidsz in seinem Bereich der Erste ist. — Die Bilder aus seiner Blütezeit sind selten datiert, man erkennt sie leicht an ihrer Farbigkeit gegenüber den älteren bräunlich getönten. Sie gingen früh ins Ausland und finden sich in allen grossen Sammlungen Europas, in Dresden allein nicht weniger als zehn. Das hier — in einer ganz ausgezeichneten Reproduktion! — mitgeteilte ist ein Früchtestück. Die Anordnung um altes Mauerwerk mit einem Durchblick ins Freie soll dem Ganzen Festigkeit geben. So baute man die ganz grossen Stillleben aus Wild und Geflügel vor vollständig ausgeführten Landschaften auf. Bei De Heem zeigt uns jede Frucht ihre Art, jedes Blatt und jeder Halm kommt zu seinem Recht. Dazu fliegende und kriechende Tiere ohne Zahl, Schmetterlinge, Schnecken, Ameisen. Und doch haben wir einen künstlerischen Gesamteindruck.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Dresdner Galerie JAN DAVIDZ DE HEEM 1606-1683/4