Die Anbetung der Könige

Als Earl Carlisle das Altarbild der Anbetung der Könige von Jan Mabuse vor etwa fünfzehn Jahren in der Winter-Exhibition der Royal Academy zu London zum ersten Male einem grösseren Publikum zeigte, übte das Bild eine ganz ausserordentliche Anziehung aus. Man sagt, dass dem Besitzer damals Angebote bis zur Höhe von einer Million Mark für das Bild gemacht worden seien — und damals waren die Preise noch keine Phantasiepreise, denn Amerika war auf dem Kunstmarkte noch nicht in Konkurrenz getreten! In seiner Art einen ähnlichen Ruf hat bis vor kurzem auch ein zweites Bild des Künstlers genossen, das kleine Reisealtärchen Mabuses mit der Madonna und dem Sündenfall auf den Flügeln in der Galerie zu Palermo. Dieses wunderbar erhaltene Bild, das nicht nur seinen alten Rahmen, sondern selbst den kunstreich gearbeiteten Lederkasten noch besitzt, in dem es auf Reisen mitgenommen wurde, ging freilich unter dem Namen des Jan van Eyck und ist erst in neuerer Zeit als ein früheres Werk des Jan Mabuse richtig erkannt worden. Die grosse Anbetung der Könige galt dagegen von jeher als ein Werk dieses Meisters und war als solches auch in der Royal Academy ausgestellt. Den grossen Erfolg verdankt es der überaus sorgfältigen Ausführung in einem sauberen pastosen Farbenauftrag und der harmonischen Färbung, die es trotz seines weit grösseren Umfanges in gleichem Masse auszeichnet wie das Palermitaner Altärchen. In seiner künstlerischen Bedeutung steht Mabuse sonst hinter den grossen Meistern der älteren niederländischen Schule schon weit zurück, nicht nur hinter einem Jan van Eyck, sondern selbst hinter Gerard David, von dem er fast ein Altersgenosse war. Diesem steht er dagegen in seinen früheren Bildern, wie in unserer Anbetung der Könige, in der ruhigen und würdevollen Haltung der Figuren, in ihrem ernsten, biedern Ausdruck (dem freilich Belebung ebensosehr wie den Gestalten Bewegung fehlt), in der fein gestimmten Färbung noch ganz nahe, wenn er auch bei der Grösse der Figuren weniger günstig wirkt. Doch nicht diesen Bildern, sondern den Werken seiner späteren Zeit, die unter dem Einflüsse der klassischen italienischen Kunst, eines Rafael und Michelangelo entstanden, verdankte Mabuse in seiner Zeit seine Stellung als angesehenster Künstler in den Niederlanden; Werken, die heute wegen der Unwahrheit und Roheit der Empfindung, wegen der Manieriertheit der Formen und Bewegungen kaum noch beachtet werden.

Jan Gossaert