Gebroren in Leyden 1626, Daselbst 1679.
Holländische Schule

Der grosse Erzähler unter den holländischen Malern des Sittenbildes, Jan Steen, hat unter den zahlreichen Motiven des Volkslebens, die er in der mannigfachsten Weise zu variieren versteht, mit besonderer Vorliebe Szenen aus dem Leben der Kinder gewählt. Bald zeigt er uns ihre Spiele, bald begleitet er sie in die Schule, schildert sie in der Kinderstube, bei den Freuden ihres Kindertisches, bei Festen und Vergnügungen aller Art, allein oder mit den Grossen. Ungezwungene Heiterkeit und kindlicher Übermut lachen aus allen diesen Bildern, nicht selten mit einem satirischen Zug und gelegentlich gar mit moralisierender Tendenz, die der Künstler zu allem Überfluss mit Wahlsprüchen an der Wand dem Beschauer aufzudrängen sucht. In dem Nikolasfest, einem der Hauptbilder des Künstlers in der mit Werken seiner Hand besonders reich bedachten Galerie des Rijksmuseum zu Amsterdam, werden wir durch derartige Nebengedanken nicht gestört. Die Bescherung, die der heilige Nikolas an seinem Namenstage den Kindern zuteil werden lässt, schildert uns Jan Steen mit allen ihren Freuden und Leiden. Der älteste Knabe ist schlimm bedacht, wird aber doch nicht bloss mit der Rute ausgehen; winkt ihm doch die Grossmutter schon, um ihm ungesehen irgendeine freudige Überraschung zu bereiten. Die heimliche Freude der Kinder und die Teilnahme der Erwachsenen sind ebenso lebendig wie naiv beobachtet und wiedergegeben. Alle Gestalten sind trefflich charakterisiert; sind sie doch sämtlich der eigenen Familie entlehnt: ausser den Kindern sehen wir Steens Gattin Margarete, die Tochter des bekannten Landschaftsmalers Jan van Goyen, und die Eltern des Künstlers.

JAN STEEN 1626-1679

Gebroren in Leyden 1626, Daselbst 1679.
Holländische Schule

Jan Steen wie er leibt und lebt! Nachlässig auf einem Stuhl lehnend, seinen Gesang mit der Guitarre begleitend, zur Seite den Zinnkrug, gewiss nicht leer: so lacht heitere Lebenslust aus seinen breiten Zügen. Maler, Brauer und Gastwirt in einer Person, und alles mit Leidenschaft. Rastlos tätig, unverwüstlich in seinem Humor, aber zugleich der beste Gast in der eigenen Wirtsstube, in der er auf guten Trank und gute Kost zu halten wusste: so lernen wir ihn aus seinen Bildern kennen, in denen er unendlich oft sich selbst und die Seinen im eigenen Heim, in der eigenen Gaststube dargestellt hat, so schildern ihn die alten Malerbiographen, und so geben ihn die Urkunden, die in neuerer Zeit über ihn aufgefunden sind. Jan Steen war von jeher ein Lieblingsmaler des Publikums und ist es heute noch; man kann sich so viel bei seinen Bildern denken, entdeckt immer neue amüsante Beziehungen und Scherze in ihnen, über die man herzlich lachen muss. Das ist freilich nach der neuesten Ästhetik, die aus der Kunst unserer Tage, aus dem Grundsatz „Kart pour Kart“ ihre Lehren zieht, verdammens-wert, ist ein Fehler, um den der Künstler, wenn er überhaupt noch ein solcher genannt werden darf, in den zweiten oder dritten Rang gerückt werden muss! — Es ist richtig, Steen hat seine Fehler, zuweilen recht grosse Fehler, wie als Mensch so auch als Künstler. Um charakteristisch und satirisch zu sein, um einen kleinen Roman vor den Augen des Beschauers sich abspielen zu lassen, ist er absichtlich, wird er Illustrator und Karikaturist, vernachlässigt er Zeichnung und Kolorit oft in empfindlicher, unverzeihlicher Weise und überfüllt seine Bilder mit Motiven und Figuren. Auch unser Bild, im Besitz des Earl Northbrook in London, zeigt einzelne dieser Fehler: die Verhältnisse der Figur sind nicht glücklich, die Verkürzungen, namentlich im Gesicht, sind zum Teil missglückt, die Farbe hat einen eigentümlich chokoladefarbenen Ton. Und doch zieht uns dieses Bild, ziehen uns die meisten Gemälde des Künstlers unwiderstehlich an, dank einer Reihe von hervorragenden Eigenschaften, die Jan Steen für immer einen hohen Platz unter den Künstlern der holländischen Schule sichern, die ihn zu einem der grössten Genremaler aller Zeiten machen. Kein anderer Künstler ist so voller Phantasie und gestaltet mit solcher Leichtigkeit die grössten, schwierigsten Kompositionen. Keiner ist so reich und mannigfach in den Motiven, keiner hat eine solche Fülle charakteristischer Figuren geschaffen, hat mit solcher Feinheit die kleinen und grossen menschlichen Schwächen bei Gross und Klein beobachtet, hat sie mit solchem Humor und oft mit so derber Satire zu geissein gewusst. Aber auch malerisch hat Steen oft das Beste geleistet, trotz einem Ter Borch, Metsu oder Vermeer. Dann sind seine Bilder von einem Schmelz und einer Harmonie der Farben, von einer Leichtigkeit und Flüssigkeit des Farbenauftrags und einer Feinheit der Zeichnung, die sie den Meisterwerken jener grössten Maler unter den Genrekünstlem Hollands nahe stellen.

 

JAN STEEN 1626-1679

ohl über keinen Künstler der holländischen Schule ist ein gerechtes Urteil so schwer, wie über Jan Steen. Seine Charakteristik läßt sich auch nicht in wenigen Worten zusammenfassen, da seine Kunst in den verschiedensten Farben schillert. Zu verschiedenen Zeiten wurde sie sehr verschieden beurteilt. Von den Zeitgenossen wenig beachtet — der Künstler wurde schlecht bezahlt und hatte oft mit der Not zu kämpfen, so daß er durch eine Brauerei und schließlich durch eine Wirtschaft seinen Lebensunterhalt zu gewinnen suchte — ist sie seit dem 18, Jahrhundert, seit Hogarth und Troosf verwandte Töne angeschlagen hatten, recht eigentlich zu einer Lieblingskunst des Publikums geworden. Erst in neuerer Zeit ist ihr diese Stellung streitig gemacht worden, zuerst durch orthodoxe Moralprediger, dann aber durch unsere Künstler, die Jan Steen nicht mehr als voll anerkennen, nicht mehr mit Ter Borch und P. de Hooch, geschweige mit Vermeer auf eine Stufe stellen wollen. Das große Publikum läßt sich jedoch dadurch nicht irre machen; ihm bleiben Steens »amüsante« Bilder immer ein Hauptanziehungspunkt in den Galerien, und dem Publikum folgen auch die Liebhaber, die nach wie vor hohe Preise für seine Bilder bezahlen, wenn auch nicht so außerordentliche wie für die Vermeers oder de Hoochs.

Die Vorwürfe, die man Jan Steen macht, sind freilich nicht ganz unberechtigt Der Künstler äst in seinen Gemälden außerordentlich ungleich, auch wenn man absieht von den Kopien aus der Zeit des Künstlers, die nach zahlreichen seiner Bilder erhalten sind und regelmäßig als Originale ausgegeben werden. Es gibt Bilder von ihm, die so schlecht sind in der Zeichnung, so disharmonisch in der Färbung und unerfreulich im Ton, gelegentlich auch so unangenehm im Motiv, wie wir es selbst bei manchen holländischen Malern zweiten Ranges selten finden. Dazu ist er oft pointiert in seinen Motiven, so absichtlich im Haschen nach humoristischer Wirkung, daß er die Grenze des Bildmäßigen leicht überschreitet und zum Illustrator wird. Ein gerecht abwägendes Urteil wird sich aber dadurch nicht irre machen lassen. So blieb sich auch das Urteil der Kunstgeschichte über Jan Steen ziemlich gleich. Waagen sagt von ihm, daß er »unbedingt nächst Rembrandt der genialste Maler der ganzen holländischen Schule« gewesen sei, ähnlich urteilt W. Bürger, und A, Bredius nennt ihn den »größten Maler des Sittenbildes des 17. Jahrhunderts, einen der geistreichsten Darsteller der menschlichen Torheiten, den Charaktermaier par excellence«. In diesem starken Lob ist doch zugleich angedeutet, worin die Schwäche des Künstlers liegt: er ist zu sehr und oft in erster Linie Dichter; die Erfindung, das Motiv interessiert ihn oft mehr wie die malerische Erscheinung und ihre Wiedergabe. Aber doch ist er auch in der künstlerischen Durchführung gelegentlich so ausgezeichnet wie nur die größten unter den holländischen Genremalern. Zugleich fesselt er persönlich als ein Künstler voll vielseitiger, großer Anlagen. Man wird ihn daher immer unter den ersten Meistern Hollands nennen müssen.

Jan Steen ist einer der fruchtbarsten und bekanntesten Künstler. Seine zahlreichen Bilder finden sich in allen öffentlichen und privaten Sammlungen. Schon die alten Künstler» biographen erzählen uns viel von ihm, es sind allerlei Urkunden über sein Leben bekannt geworden, und die neuere Kritik hat sich mit Vorliebe mit ihm beschäftigt: und doch gibt es auch für ihn noch manches Rätsel zu lösen. Die Würdigung des Künstlers, seine Charakteristik kann noch vielfach berichtigt und erweitert werden, die Geschichte seiner Entwickelung soll überhaupt erst geschrieben werden.

Über Jan Steen weiß uns schon Houbraken allerlei zu berichten, bot ihm der Künstler doch die schönste Gelegenheit, um lustige Schnurren zu erzählen. Die Urkunden haben bewiesen, daß er über die Tatsachen nicht schlecht unterrichtet war; sein Gewährsmann war der Maler Carei de Moor, ein jüngerer Zeit* und Stadtgenosse und guter Bekannter des Jan Steen, Aber wie gewöhnlich hat er sie nur oberflächlich nacherzählt, novellenhaft zugestutzt und aus seinen Bildern zu ergänzen gesucht. Er gesteht dies halb und halb selber zu; »seine Schil-dereien sind wie seine Lebensweise, und seine Lebensweise war wie seine Schildereien«, so urteilt er über den Künstler. Daß Jan Steen ein verbummeltes Genie war, der nur malte, wenn die Not am höchsten war, der es vorzog, eine Kneipe zu halten und darin sein bester Gast war, sind Märchen, die Houbraken aus dem lustigen Inhalt der Bilder des Künstlers und aus den Erzählungen älterer Zeitgenossen über dessen Humor herausgedichtet hat. Die Urkunden sagen zwar aus, daß es Jan Steen so schlecht ging wie den meisten großen Künstlern unter seinen Landsleuten, und daß Gläubiger und Pfändungen ihn ebenso belästigten; aber nicht weil er zu träge zum Malen war, sondern weil ihm seine Bilder zu schlecht bezahlt wurden, um seine große Familie anständig durchs Leben zu bringen. Denn vom Künstler, der schon im dreiundfünfzigsten Jahre starb, sind so viele Gemälde erhalten, wie von keinem zweiten holländischen Genremaler; ist doch die Zahl von etwa fünfhundert Bildern, die man dafür anzugeben pflegt, offenbar noch zu niedrig gegriffen; und daß Dutzende von Bildern verloren gegangen sind, läßt sich aus den alten Auktionskatalogen nachweisen. Dieses reiche Oeuvre verteilt sich aber auf die kurze Zeit von wenig mehr als fünfundzwanzig Jahren.

Was wir aus den Urkunden von ihm wissen, macht dem Künstler durchaus keine Schande. Nach dem Tode seiner ersten Frau 1669 ließ ihn ein Apotheker im Februar des folgenden Jahres wegen der elenden Summe von zehn Gulden pfänden und seine Bilder verkaufen. Einige Jahre früher hatte er für die hohen Zinsen einer Schuld von vierhundertfünfzig Gulden Zahlung durch die Anfertigung von drei Porträts Zusagen müssen. Auch daß er eine Schuld in Delft mit einer alten Forderung ausglich, ist wahrlich nichts, was man ihm zum Vorwurf machen könnte. Was Houbraken von der Art, wie er seine Frau Margrit, die Tochter seines Lehrers Jan van Geyen, gewonnen haben soll, erzählt, ¡st — wie die Urkunden beweisen — eine häßliche Erfindung oder wahrscheinlicher noch eine Verwechslung, da nicht er, sondern sein Schwager, der Maler Claeuw, eine zweite Tochter des Haager Landschaftsmalers etwas übereilt heiraten mußte. Auch daß der Künstler 1672 in Leiden um eine Wirtshausgerechtsame einkam, und daß er auf Grund derselben bis zu seinem Tode eine »openbare herbergh« hielt, ist bei seiner Lebensstellung nicht befremdend. Besaß er doch schon früher in Delft zusammen mit seinem Vater, der von Haus aus Brauer war, eine Brauerei, mit der gleichfalls Schankgerechtigkeit verbunden zu sein pflegte. Die Braugerechtigkeit war damals an einzelne große Häuser gebunden und ursprünglich nur ein Vorrecht der Patrizier. In der Tat war der Vater Havick Steen der Sproß einer alten Patrizierfamilie in Leiden, wo er als angesehener Kaufmann lebte. Als Inhaber der Wirtschaft brauchen wir uns den Künstler keineswegs hinter den Laden schnapsschenkend oder als Trunkenbold am Kneiptisch zu denken, wenn er sich auch, wie es heute noch bei Wirtsleuten in den kleineren Städten Hollands mit guter alter Sitte Mode ist, mit seiner Familie im großen Wirtszimmer zwischen den Gästen aufhielt oder diese eigentlich mitten in der Familie verkehrten. Daß der Künstler dabei gelegentlich ein Gläschen über den Durst mit geleert haben mag, namentlich wenn sich seine Künstlerfreunde, die Mieris, Lievens, A. de Vois, de Moor und andere abends bei ihm versammelten, können wir gern zugeben, aber das berechtigt uns nicht, ihn für einen liederlichen Trunkenbold auszugeben. Wenn wir die hundert und mehr Bilder überblicken, in denen Jan Steen das Leben und Treiben im Wirtshaus darstellt, so werden wir bewundernd anerkennen, wie der Künstler seine Zeit hier ausnützte, mit welchem philosophischen Humor, mit welch offenem Künstlerauge er dem Treiben um ihn her gegenüberstand.

Houbraken verweist uns auf Steens Bilder, um daraus sein Leben und Trachten kennen zu lernen; gewiß mit Recht, aber sie erzählen uns doch etwas ganz anderes als dem alten holländischen Künstlerbiographen. Ein Mann von der Schaffenskraft und Schaffensfreudigkeit, dem Fleiß und Können eines Jan Steen muß schon große künstlerische, aber auch hervorragende moralische Eigenschaften besessen haben. Daß er in seinen Arbeiten sehr ungleichmäßig war, daß er manche geringe, ja geradezu schlechte Bilder gemalt hat, ist freilich ein Beweis, daß er nicht die hohen Anforderungen an seine eigene Kunst stellte, wie etwa    ein Terbordi    oder Vermeer, und daß er sich vielleicht auch in seiner Lebensweise mehr gehen ließ  als jene, aber diegroße Zahl trefflicher Gemälde, die von ihm erhalten sind, lehrt doch auch, daß er ausdauernden Fleiß und große Arbeitskraft besaß.

Jan Steen besitzt eine Phantasie und eine vielseitige Gestaltungsgabe wie kaum ein zweiter Künstler in Holland, Rembrandt ausgenommen. Er ist freilich Genremaler und bleibt es, auch wenn er historische Motive malt, aber innerhalb dieses scheinbar eng begrenzten Gebietes leistet er das nur Denkbare an Mannigfaltigkeit der Motive. Alle die kleinen und großen Begebenheiten des alltäglichen Lebens in Holland, wie er sie mit scharfen Augen beobachtete, hat er in den verschiedensten Abwandlungen wiedergegeben. Von der Wiege bis zur Bahre begleitet er den Menschen, die Freuden und Leiden in den Häusern aller Stände schildert er mit unerschöpflichem Behagen an charakteristischen Situationen. Die Bauern zeigt er uns in der Kneipe, rauchend, spielend und zechend, beim Tanz oder beim Kegelspiel. Vorwiegend ist es aber der Städter aus dem kleinen und mittleren Bürgerstand, dessen Treiben er verfolgt» Bald führt uns der Künstler auf die Straße oder auf den Markt, er läßt einen Hochzeitszug an uns vorbeiziehen, zeigt uns eine Kirmes, eine lärmende Schar von Gassenbuben, die den Preisbullen geleitet, das Getümmel vor dem Wirtshaus, wo Reisende ankommen und angeheiterte Gäste den Heimweg suchen, die Rückkehr vom Markt, ein Picknick im Freien, eine Katzenmusik bei Mondschein, die Vermummte vor dem Haus der Geliebten vollführen, Zigeuner, die wahrsagen, einen Hühnerhof, auf dem ein kleines Mädchen das Geflügel füttert, und manche ähnliche Motive. Audi läßt er uns wohl den Handwerker oder den Gelehrten bei der Arbeit sehen: den Bäcker, der sein Brot ausbläst, den Fischhändler, den Milchbauern, den Trödler, ihre Waren ausrufend, den Schreiber oder Notar am Arbeitstisch, den Alchymisten, vor allem den Arzt, dessen Tätigkeit bei Liebesaffären er uns in Dutzenden von Bildern vorführt. Am liebsten und häufigsten erzählt er uns aber von dem geselligen Leben in Holland und führt es uns in einer Mannigfaltigkeit und Lebendigkeit vor Augen, wie es keines anderen Volkes Künstler je gelang. Er geleitet uns in die Wohnstube, in den Eßsaal, in Küche und Kammer, in den Wirtshaussaal und das Kneipzimmer, in den Biergarien und nicht selten auch in schlechte Häuser. Kein holländisches Nationalfest, das er nicht in Bildern verewigt hätte, wie er auch selbst unter den Gästen ungern gefehlt haben wird. Als begeisterter Musikfreund berichtet er auch über musikalische Vergnügungen und Konzerte mit feinen und mit groben Instrumenten, im Hause und auf der Straße. Volksfeste wie Hahnenkämpfe, des Prinzen Geburtstag, Literatenvorstellungen (die Rheto-ryker), Tanz und Schmausereien bis zu den ausgelassensten Orgien ziehen in stets neuer unterhaltender Form an unseren Augen vorüber. Selten kommt es dabei zum Streit; nur ein paar Bilder zeigen uns Schlägereien, Messeraffären oder Plünderungsszenen. Wie dem Bacchus, so bezeugt der Künstler vor allem auch der Venus seine Verehrung. Liebesszenen aller Art, aus allen Ständen, aufgeführt von den Vertretern jeglichen Alters, vom Entstehen erster zarter Zuneigung bis zu den zudringlichsten erotischen Anträgen hat Jan Steen in fast zahllosen Bildern dargestellt; nicht selten eine zweideutige oder selbst laszive Auffassung zulassend, aber stets durch Humor und feinste Beobachtung erfreuend.

Wie sich die Lebensführung der Erwachsenen In dem Benehmen der Kinder mannigfach spiegelt, wie bei diesen die Neigungen zur menschlichen Art und Unart schon lebendig zum Ausdruck kommen, das hat der Künstler mit besonderem Behagen und seltenem Geschick zu schildern verstanden. Das Treiben der Kinder in der Schule, bei ihren Spielen, in der Kinderstube und im Verkehr mit den Eltern und Großen ist der Vorwurf zahlreicher Gemälde, bei denen die feine, gutherzige Art des Künstlers, seine Liebe und sein Verständnis für das Kinderherz meist weit stärker zum Vorschein kommt wie das Gefallen an der Posse oder dem Spott.

Daß bei des Künstlers Hang zur Satire auch zahlreiche historische Bilder, namentlich solche aus der biblischen Geschichte, selbst mythologische Darstellungen und Porträts von ihm verkommen, muß auf den ersten Blick auffällig erscheinen. Doch ergibt sich eine Erklärung schon bei einem kurzen Aufzählen einiger der dargestellten Gegenstände. Wir finden mehrere Bilder aus der Geschichte des jüdischen Herkules Simson, aus der Geschichte Davids, der Esther, Mosis, dann aus dem Neuen Testament die Predigt Johannes des Täufers, die Hochzeit zu Kana, aus der römischen Geschichte den Raub der Sabinerinnen und die Enthaltsamkeit des Scipio, aus der Mythologie einige Darstellungen nach Ovid; also regelmäßig Motive, die der genrehaften Auffassung des Künstlers entsprechen und seinem Spotte Stoff bieten, vor allem wieder Szenen, in denen die Liebe die Hauptrolle spielt Die Geschichte der Delila, Bathseba, Kleopatra, der Sabinerinnen versetzt er ohne besondere Umstände In seine holländische Umgebung und steckt die Gestalten selbst in holländische Kostüme, so daß solche Motive uns heute nicht selten wie Parodien erscheinen, die sie gewiß nicht sein sollen. Auch in den selteneren Porträts, Einzelbildnissen wie Familienporträts, ist der sittenbüdliche Charakter stark ausgeprägt, das einzige Selbstporträt im Rijksmuseum ausgenommen. Nur in Nebendingen äußert sich bei ihm eine Begabung, die nicht auf dem Gebiet des Genremalers liegt: in den Hintergründen seiner Landschaften, die oft einen bedeutenden Raum im Bild einnehmen, und im Stilleben, das er gelegentlich im Vordergrund oder bei Qastszenen auf den Tischen anbringt.

Der erfinderischen Gabe des Künstlers kommt sein Geschick in der Anordnung, sein Kompositionstalent gleich. Steen wird sich keine akademischen Skrupel über den Aufbau seiner Bilder, über Tiefenwirkung, Kulissen, Kontrapost und so fori gemacht haben, aber halb unbewußt folgt er allen künstlerischen Gesetzen und wirkt durch sie, ohne daß wir die Absicht verspüren. Er liebt figurenreiche Kompositionen, und da sie voll sprudelnden Lebens sind, gibt er die einzelnen Gestalten in starker Bewegung, und doch wirkt das Ganze ruhig und geschlossen. Er weiß die Figuren geschickt im Raum zu verteilen und versteht es gleich gut, die Handlung auf einen bestimmten wirkungsvollen Moment einzustellen, alle Hauptfiguren daran teilnehmen zu lassen und die Nebenfiguren zur Charakteristik von Ort und Darstellung zu verwenden.1 ln der Individualisierung des Einzelnen aber ist er unerschöpflich. Freilich kommen manche seiner Gestalten wiederholt, einzelne sogar sehr häufig in seinen Bildern vor, weil er es liebt, seine Modelle, wie die Motive, aus seiner Umgebung zu nehmen. Trotzdem ist der Reichtum an verschiedenen Typen bei den zahllosen Gemälden immer noch groß genug, und unter ihnen finden sich Figuren von so köstlicher Lebenswahrheit, daß sie wie echte Illustrationen zu den Lustspielen eines Shakespeare, Molière oder Rabelais wirken. Man glaubt Gestalten wie Falstaff, Poyns, Malvolio vor sich zu haben und denkt an den Witz in den Volksszenen des großen Britendichters. Denn der Grundzug seiner Charakteristik ist der Humor; er ist recht eigentlich die belebende Kraft seiner Bilden Er ist nicht so derber und doch gutmütiger Art wie der des Frans Hals, nicht so übermütig und zugleich harmlos überlegen wie bei Brouwer, sondern leicht absichtlich, satirisch und selbst moralisierend. Freilich wird uns die Moral nicht durch die Darstellung selbst aufgedrängt, die nur allgemein menschliche Vorgänge gibt; nur gelegentliche Aufschriften an versteckter Stelle weisen auf eine lehrhafte Nebenabsicht (»Soo d’ouden songen, soo pypen de jongen«; »hier helpt geen medesyn, want het is minnepyn«; »wat baeter kaers of Bril, als den Uil niet zien en wil« und so fort). Bisweilen kommen solche Bilder über das Niveau flüchtiger oder selbst roher Illustrationen nicht hinaus, aber meist wirkt seine Vorführung nicht als ausgeklügelte Moralpredigt. Sie reizt mehr zum Lachen als zum Nachdenken über Wert und Unwert der Personen, die in die komische Situation kamen. Das gilt auch für die oft derben Doktorszenen. Wenn er zeigt, wie der Scharlatan auf dem Markt den Geistesschwachen am »Stein« operiert, der Doktor mit bedenklicher Miene das »Wasser« besieht, der Zahnarzt den Bauer beim Ausreißen eines kranken Zahnes durchs Zimmer zerrt, der Bader einer feisten jungen Frau ein Klistier gibt oder einem jungen Burschen das Pflaster auf die Wunden von der letzten Keilerei legt, wenn er erzählt, wie die verliebte junge Schöne dem gelehrten alten Herrn, den sein spitzer Hut als Arzt kennzeichnet, ihr eingebildetes Leiden klagt, oder wie dieser der Jungvermählten die Gründe ihrer Klagen anzudeuten sucht: da kommt nicht nur der Sinn für Spott und Hohn über Menschen, die sich betören und verführen lassen, zum Ausdruck, der Künstler lebt und fühlt doch auch mit den Verlachten und läßt oft die ihm eigene herzliche Gutmütigkeit mitsprechen, die in manchen intimen Familienszenen und Kinderbildem so unmittelbar auf den Beschauer wirkt.

Der Humor ist die Hauptstärke des Künstlers, nicht selten aber auch seine Schwäche, da er leicht das Maß überschreitet, die Charakteristik bis zur Karikatur übertreibt und ihr die künstlerischen Anforderungen unterordnet oder sie darüber vernachlässigt. Dies ist namentlich der Fall bei den Nebenfiguren, die er zur Bereicherung der Komposition im Hintergrund anbringt. Sie sind meist nur skizzenhaft angedeutet und mehr Typen als Individuen, ähnlich wie bei Brouwer. Aber während dieser in solchen Figuren mit wenigen Strichen die Form sicher und groß angibt, kommen bei Steen arge Verzeichnungen und schludrige Ausführung nur zu häufig vor.

Solche Flüchtigkeiten und Fehler stören nicht selten in Bildern, die sonst zu seinen schönsten gehören. Daneben haben viele seiner Gemälde auch in malerischer Beziehung mehr oder weniger große Schwächen; sie sind leicht unharmonisch in der Farbe oder durch einen schweren schokoladenfarbenen Ton in der Wirkung beeinträchtigt. Doch ist zum Glück auch die Zahl von Bildern, die bis in alle Einzelheiten aufs liebevollste durchgeführt und in ihrer Färbung und Behandlung von höchstem Reiz sind, recht beträchtlich. In solchen Bildern müssen wir den Künstler mit den übrigen großen Sittenbildmalern Hollands vergleichen, um uns zu überzeugen, daß er neben ihnen genannt zu werden verdient. Merkwürdigerweise steht er dann in malerischer Qualität bald dem einen, bald dem andern unter ihnen auffallend nahe, ohne doch dabei abhängig von ihnen zu erscheinen. Die paradox klingende Behauptung, daß Jan Steen am besten ist, wenn er sich selbst am wenigstens gleicht, ließe sich mit Erfolg verteidigen. Es gibt von ihm kleine Bilder mit einer oder zwei Figuren: ein junges Mädchen bei der Toilette, Frau Margrit Steen beim Lever (im Buckingham Palace und in der Galerie R. Kann zu Paris), der Klavierunterricht (in der Londoner National Gallery) und andere mehr, worin der Künstler in der Delikatesse der Zeichnung, in Verschmolzenheit und Schönheit der Farben, selbst in der ruhigen Beschaulichkeit einem Gabriel Metsu oder Frans van Mieris verwandt ist. Andere Bilder, wie Jan Steen beim Austernfrühstück in der Sammlung Neumann zu London (aus der Hope-Collection) und das ähnliche Bild in Lowther Castle, erinnern In der sonnigen Wirkung des Innenraumes und in der Pracht der Stoffe an Gemälde des Pieter de Hooch, während Darstellungen aus dem Bauernleben dem Adriaen van Ostade gleichkommen, wie ähnliche Motive im Freien an Isack van Ostade denken lassen. Selbst der Delftsche Vermeer und Nicolas Maes werden uns bei einzelnen seiner Bilder ins Gedächtnis gerufen. In den Stilleben, die er bei seinen Festen auf den Tafeln oder Im Vordergründe anbringt, kommt der Künstler bald einem Gérard Dou, bald Willem Kalf oder seinem Schwager Claeuw nahe, aber in der leichten, spitzigen Behandlung, in der reicheren Färbung, in der bewegteren Komposition unterscheidet er sich auch in solchen Bildern von allen anderen Künstlern.

Die Verwandtschaft bald mit diesem, bald mit jenem gleichzeitigen holländischen Maler hat zu dem Schluß verführt, den Künstler zu diesen Malern in ein gewisses Abhängigkeits- oder Schulverhältnis zu bringen und darnach den Verfolg seiner künstlerischen Entwickelung zu bestimmen oder richtiger zu erraten. Da er angeblich Schüler seines Schwiegervaters Jan van Goyen war, so hat man die Bilder mit landschaftlichem Hintergrund für Jugendwerke gehalten; man hat die Bilder aus dem Bauernleben in die sechziger Jahre gesetzt, als er in Haarlem lebte und mit Adriaen van Ostade in naher Beziehung gestanden haben könnte, während man seine fein durchgeführien Bildchen in der Art des Frans van Mieris seinem letzten Aufenthalt in seiner Vaterstadt Leiden (seit etwa 1670) zugeschrieben hatte, wo er mit Mieris befreundet gewesen sein soll. Auch nach der Qualität glaubte man seine Werke chronologisch ordnen zu können, indem man die flüchtigen und meist ziemlich eintönigen Gemälde bald in die frühe, bald in die späte Zeit gesetzt hat. Aber es gibt ganz frühe Werke, die vortrefflich sind, und ebenso noch solche aus seinem späteren Leben, während die Mehrzahl seiner durch Komposition, Humor und malerische Vorzüge ausgezeichneten Bilder in den sechziger Jahren zur Zeit seines Aufenthalts in Haarlem entstand. Dies läßt sich dadurch feststellen, daß weitaus die meisten der auf seinen Gemälden selten vorkommenden Daten sich gerade auf Bildern dieser Zeit finden. Es fehlt übrigens auch nicht ganz an datierten Gemälden aus früherer und aus späterer Zeit; Daten kennen wir von 1653 bis 1678, also bis kurz vor seinem Tode im Februar 1679. Auch läßt sich zum Teil aus den Trachten*) und dem Alter seiner Familienmitglieder, die er so häufig zur Darstellung bringt, die Zeit der Entstehung mancher seiner Bilder ziemlich genau bestimmen. Darnach möchte ich annehmen, daß Jan Steen vielleicht noch vor seiner Lehrzeit bei Knüpfer, dessen Einfluß bis in die letzte Zeit gelegentlich zur Erscheinung kommt, bei Jacob de Wet in Haarlem dessen beliebte Zeichenschule durchmachte. Dies wird namentlich aus manchen biblischen Bildern deutlich, wie aus der Johannespredigt im Dessauer Schloß (J. Asselyn genannt), die wohl schon um 1650 oder noch etwas früher entstanden ist. HaarSemer Jugendeindrücke, von J. de Wet und namentlich von Isack van Ostade, verrät auch die bekannte 1653 gemalte »Einholung der Braut« der Sammlung Six zu Amsterdam, das verwandte Bild »Der Markt zu Leiden« in der Städelschen Sammlung zu Frankfurt, der »Jahrmarkt« im Besitz von Albert von Goidschmidt-Rothschüd in Berlin und andere mehr. Damals wird auch Frans Hals einen tiefen Eindruck auf den jungen Künstler gemacht haben, wie es sich in seiner ganzen Auffassung, in seinem Humor, in dem köstlichen Lachen seiner Gestalten, namentlich seiner Kinder, verrät. Eine Studie, die in der Art der Halsschen Werkstattbilder gemalt ist, der gewiß sehr früh entstandene Rommelpotspieler, befindet sich in der Sammlung M. Kappel zu Berlin, noch sorglos und ungeschickt in drei Halbfiguren komponiert, aber breit und sicher hingesetzt, die Hauptfigur ganz wie von Jan oder Härmen Hals oder Judith Leyster.

Damals war Steen schon lange ausübender Künstler, hatte er doch schon 1648 die Gilde in seiner Vaterstadt Leiden mit aufgetan. Hier hatten neue Eindrücke auf ihn eingewirkt; Bilder eines Gérard Dou, eines Metsu und F. van Mieris schwebten ihm vor, als er Werke wie die früher in der Sammlung Rothan zu Paris befindliche »junge Dame am Toilettetisch« (wohl seine Gattin Margrit) malte, die aus dem Jahre 1654 datiert ist Schon in diesem und in den folgenden Jahren müssen seine ersten Familienfeste: seine »Dreikönigsabende«, »St Nikolasfeier« und »Bohnenfeste« entstanden sein, in denen wir ihn mit seiner jungen, gleichgesinnten Gattin, seinen Eltern und Kindern, gelegentlich auch mit einzelnen Verwandten und dienenden Geistern in heiterem Verein beim Mahl, bei Musik und Gesang beisammen sehen. Auf einem dieser Bilder, das sich 1896 bei Ch. Sedel-meyer in Paris befand, ist das Ehepaar noch ganz jung, das einzige Kind ist etwa zwei Jahre alt; demnach muß das Bild um 1653 gemalt sein. Auf dem ähnlichen, sehr feinen Bilde im Mauritshuis des Haag ist der reizende Bube, der die Eltern mit seinem Flötenspiel erfreut, schon etwa sieben Jahre alt, und zwei jüngere Geschwister sind da; wir müssen das Bild darnach um 1658 setzen, was auch mit dem Alter der Eltern und Großeltern übereinstimmt. Ähnliche Gemälde sind aus diesem und den folgenden Jahren erhalten, bis im Jahre 1669 aus dem heiteren Kreise die jovialste, anziehendste Gestalt, die Gattin des Künstlers, durch den Tod abberufen wurde. Noch im Jahre vorher hatte er sie in dem Meisterwerk der Kasseler Galerie köstlich frisch und ungeniert geschildert, wie sie dem Jüngsten zuschaut, der als Bohnenkönig tapfer seinen Trunk tut, während der Künstler, schon in behäbiger Fülle, lachend sich zu einem steifen Philister am Nebentische wendet. Der vereinsamte Gatte zog bald darauf nach seiner Heimat Leiden zurück, erhielt 1672 die Erlaubnis zur Eröffnung einer Wirtschaft und heiratete wenige Monate darauf im Frühjahr 1673 die Witwe eines Leidener Buchhändlers, Maria van Egmont Nach Houbrakens Angabe lebten beide, obgleich oft schmale Küche bei ihnen war, friedlich und vergnüglich; aber von diesem Zusammenleben hat uns der Künstler, soviel ich sehen kann, keine Bilder hinterlassen.

Aus den zahlreichen Gemälden, welche uns Jan Steen zwischen den Seinen im Haus und in der Wirtsstube zeigen, wie aus der subjektiven Art seiner Auffassung können wir uns ein Bild des Mannes machen, das sehr viel klarer und günstiger ist, als das Bild, welches die halb erfundenen Schnurren Houbrakens und die nüchternen Urkunden ergeben. Das Selbstbildnis des Künstlers im Rijksmuseum, das einzige lebensgroße Porträt seiner Hand, zeigt den etwa Fünfunddreißigjährigen ganz wie er aus seinen Bildern zu uns spricht. Aus den kleinen, scharf beobachtenden Augen, den mephistophelisch hochgezogenen Augenbrauen, der kräftigen Nase, den vollen Lippen, dem halb sarkastischen, halb jovialen Zug um den feingeschwungenen Mund spricht eine frische und offene Natur von starker Sinnlichkeit, voll Lebenslust und Kraft, voll von der überlegenen Lebensweisheit eines Diogenes und doch beseelt von echtem gutherzigen Humor. Offen und gefällig, leichtlebig und heiter, so charakterisiert ihn Houbraken, und so schildert er sich selbst in den zahlreichen Werken, in denen er sich bald als humorvollen Beobachter, bald als heiteren Gast inmitten seiner Freunde und Familienmitglieder dargestellt hat.

*) Aus den Trachten läßt sich bei Steen die Entstehungszeit seiner Bilder nicht immer mit Zuverlässigkeit ableiten, da er seine Figuren nur selten in modischen Kostümen zeigt.

Aus dem Buch: Rembrandt und seine Zeitgenossen : Charakterbilder der grossen Meister der holländischen und flämischen Malerschule im siebzehnten Jahrhundert. Bucherscheinung im Jahr 1906.

Siehe auch: Rembrandt und seine Zeitgenossen Teil 1, Rembrandt und seine Zeitgenossen Teil 2, Holländische Genremaler unter dem Einfluss von Rembrandt, Das Holländische Sittenbild, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine Zeitgenossen – HERCULES SEGERS, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN VAN GOYEN UND SALOMON VAN RUYSDAEL, Rembrandt und seine Zeitgenossen – MEINDERT HOBBEMA, Rembrandt und seine Zeitgenossen – ARNOUD VAN DER NEER, Rembrandt und seine Zeitgenossen – AELBERT CUYP.

JAN STEEN 1626-1679 Rembrandt und seine Zeitgenossen

 

 

Das Bohnenfest


Jan Steens Gemälde sind meist nicht nur künstlerisch hervorragend und anziehend, sondern auch im Gegenstand unterhaltend, denn er ist mehr als Maler, er ist nebenbei Humorist und Satiriker. Und diese Eigenschaft zieht doch gemeinhin mehr an, als die des Künstlers. Trotzdem ist Jan Steen der breiten Schicht der Galeriebesucher so gut wie unbekannt. Ja selbst den Gebildeteren in Deutschland ist kaum sein Name geläufig, geschweige denn sein Werk. Die beißenden Satiren Hogarths kennt jeder, die harmlosen Spöttereien und lustigen Schnurren Jan Steens fast niemand. Woher kommt das wohl? Einen Wouwerman, ‚ eniers, Ruisdael, Ostade führt alle Welt im Munde, warum nicht auch unseren trefflichen Jan Steen? Vielleicht erklärt es sich daraus, daß nicht viel Werke von ihm, die ins Gewicht fallen, in Deutschland zu finden sind, von bekannten Sammlungen nur in Kassel und Braunschweig, während die großen Galerien, wie Dresden und München überhaupt nichts von Belang, Berlin nur ein oder zwei umfänglichere und einige bescheidenere Sammlungen wohl eine Reihe kleiner feiner Bilder, aber nichts ins Auge Fallendes besitzen. Man braucht sich keines sanguinischen Lokalpatriotismus schuldig zu machen, wenn man das Kasseler Bohnenfest unter den Werken Steens in Deutschland, selbst im Vergleich mit dem Heiratskontrakt in Braunschweig, für das vollendetste hält. Zeigt es ihn doch als ebenso großen Maler wie überlegenen Kenner der Menschen und liebenswürdig heiteren Schilderer ihrer kleinen Schwächen. In dem Braunschweiger Bilde schwingt er die Geißel übermütigen Spottes etwas stark nach einer Richtung hin mit Anspielungen, die unseren heutigen Umgangssitten wenig mehr entsprechen. Doch in dem Kasseler Werk wird die fidel angeheiterte Mutter des kleinen Bohnenkönigs und der ausgelassene Rommelpotspieler, in dem man den Maler selbst sieht, höchstens bei einem griesgrämigen Misanthropen Anstoß erregen. Im übrigen ist die Bohnenfestgesellschaft in feinen Abstufungen von einer so hinreißenden und doch so harmlosen Lustigkeit erfüllt, daß es eine wahre Herzensfreude ist. Nehmen wir das Hof Orchester mit den grotesken Instrumenten, gehandhabt von den Geschwistern des kleinen Königs, daneben die von dem trinkfesten Enkel gleich der Mutter entzückte Großmama, die ihm das große gefüllte Glas hinhält, dann die Schwiegermutter in der Mitte j’enseits des Tisches mit den behaglich über dem Embonpoint gekreuzten Händen, den gemütlich lachenden und schreienden Gevatter neben ihr, den feinen j’ungen Geiger, die gutmütig grinsende alte Magd, die mit einer Schüssel voll Waffeln herzueilt, um die unersättliche Gesellschaft nicht verhungern zu lassen, endlich den etwas grämlich dreinschauenden Herrn Pfarrer (?),. dem ein Zettelchen mit der Bezeichnung „Pastor“ an der Kopfbedeckung steckt, während der Rommelpotspieler mit dem Spottwort „Sot“ ausgezeichnet ist, so haben wir eine Gesellschaft beisammen, die an fröhlicher Ungebundenheit und zwingender Komik wahrlich ihresgleichen sucht. Und malerisch ausgestattet ist sie von dem Meister mit einer Feinheit» die mit schlagender Überzeugungskraft die Fabel, Jan Steen sei ein Lüdrian im Dienste seiner Schankwirtschaft gewesen, zunichte macht. Das Bild» auf das er sehr viel gehalten haben muß, ist mit dem vollen Namen und dem Jahr 1668 bezeichnet.

JAN STEEN 1626-1679