Geboren zu Tournus 1725, zu Paris 1805.
Französische Schule

Es ist eine genügend bekannte Tatsache, dass die Berühmtheit der Dinge sich selten nur deckt mit dem was sie wirklich historisch bedeuten. Das Grosse steht über der Masse; es pflegt nicht populär zu sein. Nicht rauhe Monumentalität, sondern liebenswürdige Grazie verlangt man. So gehört denn auch Greuzes zerbrochener Krug unbedingt in die Sammelmappe der Kunstfreunde. Was das kleine hübsche Ding zu sagen hat, wird jeder ohne weiteres verstehen; allzu ernst und tief ist es nicht. Lichter, heiterer Glanz legt sich über dies flaumig weiche, sinnlich gemalte Fleisch und das helle, duftige Kleid. Die bunten Blumen quellen aus den Falten des aufgenommenen Rockes. Die Unvorsichtige hat mit dem Krug, in welchen die Blumen hineingehören, beim Schöpfen des Wassers gespielt und ihn dabei zerbrochen. Etwas erschreckt zwar scheint sie zu sein, aber nicht so, dass sie nun davonliefe und stille Tränen weinte. Es gibt ja noch andere Krüge auf der Welt. Halb schüchtern, halb verloren präsentiert sie sich und blickt schon etwas neugierig auf die Aussenwelt. In dem starken sinnlichen Beigeschmack steckt ein eigentümlicher Kontrast zu dem, was Greuze eigentlich wollte. Denn gerade auch er sucht dem Drange der Zeit folgend, in welcher Rousseau und Diderot für Lebensphilosophie und Theater ihre Sittenlehre aufbrachten, zu moralisieren. Von der Hofmalerei und den Darstellungen der feinen Damenwelt, von den fftes champitres der Watteau und Lancret geht er zu Schilderungen aus dem Sittenleben des Bürgerstandes über. Er übertrug das Rührstück Diderots auf das Bild. Was er an grösseren Darstellungen gegeben — im Louvre hängt eine ganze Folge von Bildern aus dem Leben des Volkes , verdient kulturgeschichtlich besondere Beachtung. Indes er nimmt es nicht so bitter ernst, wie die Renaissance ihren Realismus, wie die Moderne ihre Elendsmalerei. Man muss immer an gestellte Kostümbildcr von Damen aus feiner Gesellschaft denken, so glatt und poliert sehen die Röcke dieser Bürgerfrauen aus. Auch das seidene Kleid unseres Mädchens weiss nichts von der Berührung mit den Gegenständen zur Bedienung, diese weichen Hände kennen nicht harte Arbeit, dieses Gesicht spricht nicht von ernster Betrübnis. Die verlockenden, lichten Tone im zitternden Sfumato, das zarte Spielen der weiss aufgesetzten Lichter auf dem seidenen Gewände, den rundlichen Formen des weichen, vollen Fleisches, all das stammt von Watteau und Boucher. Es passt vorzüglich zu solchen reizenden Mädchengestalten, zu seinen lachenden oder sentimental-pathetisch aufblickenden Kinderköpfen, deren er übergenug gemalt hat. Kokett sind sie und haben etwas von frischer Naivität, gemischt mit süsslicher Sinnlichkeit, diese schwellenden Lippen und diese von reichem, zumeist blondem Lockenhaar eingefassten Rosaköpfe. An ihnen erholte, erheiterte sich Greuze, der freilich ganz zu den moralisierenden Sittenrichtern seiner Zeit gezählt werden wollte. 1769 wurde er als „Sittenmaler“ Mitglied der Akademie. Das Schicksal wollte, dass er trotz der grossen Einnahmen, die ihm seine Bilder gebracht hatten, im Elend unterging und so als Greis das harte, von ihm einst aus der Entfernung geschilderte Leben des Volkes kennen lernte.

Jean-Baptiste Greuze