Kategorie: Jean Carries

WIR haben heute eine keramische Plastik, wie die Renaissance durch die Robbia, das Rokoko in erster Linie durch Kandier. Das ist noch viel zu wenig beachtet worden. Freilich diese moderne keramische Plastik stellt sich in ganz anderer Weise dar als die der vergangenen Zeiten: es ist keine geschlossene Bewegung, an bestimmte Orte, Persönlichkeiten, Stoffe und Vorstellungskreise gebunden.

Sie ist sporadisch aufgetaucht, hat sich der verschiedensten Materialien bedient und künstlerisch auch nach den verschiedensten Seiten hin bewegt. Sie hat auch gänzlich neue Eroberungen gemacht, vor allem andern in dem keramisch so wertvollen, plastisch bisher so gut wie ganz übersehenen Steinzeug, das als ein überraschend dankbares Material sogar bald in den Mittelpunkt dieser ganzen Bewegung getreten ist. Das ist das Verdienst Jean Carries, des französischen Bildhauers, des Begründers der modernen keramischen Plastik, ja fast der ganzen modernen Keramik überhaupt.

In der That, das spezifisch deutsche Material des Steinzeugs ist für eine höhere Bildhauerkunst das dankbarste keramische Material. Hervorragend „plastisch“ d. h. in feuchtem, ungebranntem Zustande leicht bearbeitbar und willig jedem Fingerdruck, ohne seinen inneren Zusammenhalt zu verlieren, trocknet es nachher im Brande einfach zusammen, ohne wie das Porzellan durch Schmelzung zu erweichen und die Form zu verändern. Keiner Glasur unmittelbar bedürftig, wie die Fayence und in der Regel das Porzellan, trübt hier kein glasartiger Ueberzug die Schärfe der Modellierung oder, falls doch eine Glasur aus rein ästhetischen Gründen gewünscht wird, nur äusserst wenig. Gerade wie der Künstler sein Werk verlassen, als er es in den Ofen schob, nur, weil durch das Feuer reduziert, um ein wenig kleiner, tritt es ihm, wenn die Glut erloschen, aus dem Flammenbade wieder entgegen. In voller Frische und Ursprünglichkeit steht es vor seinem Schöpfer da.

Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst Jean Carries