Geboren zu Tours 1485, Gestorben in Paris 1541.
Französische Schule

Neuerlieh hat man in Frankreich versucht, eine französische Malerschule des fünfzehnten Jahrhunderts zu rekonstruieren. Die Ausstellung der „Primitifs Francais“ zu Paris hat nur bewiesen, dass hier patriotische Begeisterung doch ein wenig über das Ziel hinaus geschossen ist. Ebensowenig wie es damals ein einiges Frankreich gab, existierte eine französische Malerschule. Aus den Niederlanden, welche in der nordischen Kunst die Führung übernommen hatten, haben die Besten ihr Bestes geholt. Aber nirgends ist die Malerei zu gleicher Kraft und Originalität durchgedrungen wie im Norden. Es fehlt Tiefe, Ernst und Geschlossenheit. Der Franzose stilisiert zumeist im dekorativen Sinne und mit ausgewähltem Gcschmacke. Aber die eigentliche Energie zur Verkörperung einer originellen Idee hat ihm damals gefehlt. Das hat er sich für die neue Zeit aufbewahrt, als durch die Revolution endlich das Haus gesäubert war und frische Kräfte aus dem Volke zuflossen. Denn wie im achtzehnten, war schon im fünfzehnten Jahrhundert die Kunst in Frankreich durchaus höfisch geworden. Die grosse Dekoration der Paläste hatte die Teppichweberei übernommen, und so war für die Malerei nichts weiter als die Miniatur übrig geblieben. Sie hatte Gebetbücher zu illustrieren und Miniaturporträts der Könige und Fürsten zu malen. Das war auch die Aufgabe des Jean Clouet gewesen, der im Beginn des Cinquecento der erste Hofmaler war am Hofe des Herzogs von Burgund und 1518 Hofmaler Franz I. wurde. Die Zahl der Porträtminiaturen, die man ihm neuerdings zuschreibt, schwillt mehr und mehr an. Sie zeichnen sich durch vornehme Kühle und Pikanterie in bleichen, zarten Tönen aus, während sein Rivale Corneille de Lyon lebhaftere Farbigkeit zeigt. Mit grosser Liebe ist das Detail ausgeführt. Die feinen Lichter auf den Spitzen, die glitzernden Perlenschnüre stehen eigentümlich heiter und lebhaft dem bleichen Fleischton, dem unbewegt kühlen Ausdruck im Gesicht gegenüber. Trotzdem ist das Gesicht nicht, wie etwa bei Holbein, als grosse Farbfläche gedacht, sondern der Künstler sucht die weichen, runden Formen mit Geschick herauszumodellieren.

Jean Clouet