Das Schokoladenmädchen


Zwei Bilder besitzt die Dresdener Galerie, die überall an passenden und unpassenden Stellen dem Fremden, wenn er die Kunststadt betreten hat, sozusagen als Wahrzeichen entgegen winken. Das eine ist Raffaels Sixtinische Madonna, das andere Liotards Schokoladenmädchen, das beliebteste Stück der reichen Dresdener Pastellsammlung. Friedrichs des Grossen kunstverständiger Freund Algarotti kaufte es 1745 in Venedig. Zarter und edler hatte ein trivialer Gegenstand nicht wiedergegeben werden können; hier kann man von einer Idealisierung des Niedrigen reden. Es hätte nahe gelegen, die Kellnerin von vorne darzustellen, als sogenannte Offerte, wie solche Figuren bei Murillo und den Holländern in grosser Zahl Vorkommen. Diese ist im Profil gegeben, ohne eine Spur von Koketterie, mit niedergewandtem Blick, bewegungslos. Die Zeichnung ist von der äussersten Feinheit, die Modellierung Zart und gefällig, die Farbe zurückhaltend, vorwiegend blond. Liotard, ein Genfer von Geburt, durch seine künstlerische Erziehung zum Franzosen geworden, war in den meisten europäischen Hauptstädten tätig. Seine Gattung ist bescheiden und sie wurde schon um der Pastelltechnik willen von den Akademikern seiner Zeit nicht für voll gerechnet. Es gibt von ihm eine grössere Zahl zum Teil vortrefflicher Bildnisse, auch kleine Mythologien und Genrebilder, die meisten im Amsterdamer Reichsmuseum. Unser Schokoladenmädchen ist ein Sittenbild nach einem unbekannten Modell, „ein Stubenmensch“ heisst sie in den Akten.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Dresdner Galerie JEAN ÉTIENNE LIOTARD 1702-1789