DAS Bildnis hat seine grosse künstlerische Ausbildung erfahren, wo starkes Volksbewusstsein die Freude an der Persönlichkeit hoch hatte emporschwellen lassen, oder dort, wo eine ausgebildete Familientradition die Züge jedes einzelnen Mitgliedes, zunächst allein um seiner Zugehörigkeit zur Gemeinschaft willen, der Ueberlieferung für die Nachkommenden wert erachtet. Aus jenem demokratischen Gefühl heraus erklärt sich das Aufkommen des Bildnisses in der Florentiner Republik, wie seine hohe Blüte in den Niederlanden; aristokratisches Empfinden bereitete dieser besonderen Kunstübung im venezianischen Staatswesen und in England eine Stätte.

In keinem Lande der Welt ist so, wie in England, die Kunst des Bildnisses vor jeder anderen Form künstlerischer Uebung bevorzugt worden. Im sechzehnten Jahrhundert wird Hans Holbein ins Land gerufen, um den König und seinen Hof zu malen; der glänzende Adel Karls I. überantwortet sich Sir Anthony van Dycks Hand, die nie versagt, wo Eleganz darzustellen ist; Peter Lely und Gottfried Kneller leiten die Tradition ins achtzehnte Jahrhundert hinüber. Wenn um dessen Mitte aber, in der Zeit des zweiten und dritten Georg, für das Bildnis wenigstens England die Führung vor allen Ländern übernimmt, so ist dies das Verdienst vor allem der beiden Künstler, die in den fast gleichen Jahren thätig gewesen sind, Joshua Reynolds und Thomas Gainsborough.

Man nennt sie stets zusammen, diese beiden, als wären sie in der Vorstellung eng verbunden: und doch hat ihr Temperament sie von einander fern gehalten, hat das Leben sie auf gar verschiedenen Wegen gelührt. Reynolds war ein vornehmer Mann, der glänzend zu repräsentieren verstand; niemand war besser geeignet, als er, die Rolle des Präsidenten der 1708 begründeten Royal Academv (P. R. A.) mit Würde zu spielen — ebenso, wie in unseren Tagen Leighton. Er war ungewöhnlich gebildet, ein glänzender Redner; die Vornehmsten, wie die Geistvollsten — ein Dr. Johnson, Burke, Goldsmith — suchten seine Gesellschaft. Das Leben, das Reynolds geführt hat, ist untrennbar mit London verbunden, das er nur zu gelegentlichen, kurzen Ausflügen verlässt.

Einzelne Kapitel aus dem Leben Gainsboroughs aber lesen sich wie Idyllen, so wie er am schönen Sommermorgen das reizende Mädchen trifft, das seine Gattin wurde; man wird an Scencn aus dem „Landprediger von Wakefield“ erinnert. Als Knabe und Jüngling durchstreift er die anmutige Landschaft Suffolks, in der er jeden Baum und Strauch kennt. In kleinen Orten, in Sudbury, Ipswich, später in Bath, verbringt er viele Jahre in bescheidener Existenz; nur die letzten fünfzehn Jahre seines Lebens hat er, endlich berühmt geworden, in London dauernd gewohnt. Er hat keine gelehrten Neigungen und nur einer der berühmten seiner Zeitgenossen, Sheridan, gehört zu seinen nahen Freunden. Dafür ist er aber, ohne je die Kunst gelernt zu haben, ein hervorragender Musiker, der sich jedes Instrument rasch zu eigen macht. Ungleichmässig in seiner Art, durchaus von der Stimmung abhängig, die ihn überkommt, kann er zu Zeiten alles bezaubern, dann ist er wieder in sich gekehrt, ja schroff, während Reynolds nie ungerecht gegen jemanden und stets gleichmässig höflich erscheint. Wägt man dann aber ab, was man von dem einen und dem andern hört: vor Reynolds hat man unbegrenzte Achtung, aber Gainsborough möchte man gekannt haben.

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Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst Joshua Reynolds THOMAS GAINSBOROUGH 1727-1788