Geboren zu Játiva 1588, Gestorben zu Neapel 1656.
Spanisch-Neapolitanische Schule

Ribera gehört gewiss nicht zu den Künstlern, die in der besonderen Gunst des Publikums stehen. Seine herben und nicht selten hässlichen Gestalten, seine oft abschreckenden Darstellungen, seine schwarzen Schatten, seine Farblosigkeit sind so wenig bestechend, dass der Laie darüber seine zum Teil hervorragenden künstlerischen Eigenschaften nur zu leicht übersieht. Und doch gehört gerade ein Gemälde Riberas zu den populärsten Bildern der Dresdener Galerie, die unter dem Namen der Maria von Ägypten bekannte kniende weibliche Heilige. Eigenartigkeit der Darstellung, leuchtende Färbung, Anmut der Erscheinung und Schönheit der jugendlichen Züge verbunden mit der Keuschheit der Auffassung geben diesem Bilde einen ungewöhnlichen Reiz. Die Darstellung ist erst in neuester Zeit richtig gedeutet worden. Dass in der Heiligen die Büsserin Maria von Ägypten dargestellt sei, hatte man aus ihren langen Haaren geschlossen, die ihren nackten Leib dicht wie ein Kleid umgeben. Aber für diese Heilige würde die fast kindliche Jugend ebensowenig zutreffen, wie das offene Grab, denn sie starb in der Wüste, wo ein mitleidiger Löwe ihr das Grab scharrte. Die Jungfrau ist vielmehr die heilige Agnes, eine edle Römerin, die in die Heirat mit einem Heiden nicht einwilligen wollte und deshalb ihrer Kleider beraubt und nackt in eine Zisterne gesperrt wurde; aber der Himmel erbarmte sich ihrer: das Haar wuchs ihr so lang und dicht, dass es sie wie ein Kleid umhüllte, und ein lichter Schein umgab sie, so dass niemand sie zu berühren wagte.

JUSEPE DE RIBERA 1588-1652

 

 

Die heilige Agnes


Jusepe de Ribera, ein geborener Spanier — Lo Spagnoletto — kam etwa 1606 nach Italien und ließ sich bald in Neapel nieder, wo er nach einer reichen Wirksamkeit in hohem Ansehen gestorben ist. Er hat zahlreiche Kirchentafeln gemalt, darunter grausig natürliche Martyrien, wie sie bei den Spaniern beliebt und auch in Neapel besonders begehrt waren, sodann sehr realistische Sittenbilder in der Art Caravaggios, dessen Vorbild auch übrigens auf ihn eingewirkt hat. Außerdem studierte er den Lichtmaler Correggio und die Venezianer; seine Farbe, sein Vortrag und seine ganze Auffassung sind stark venezianisch. Alles das hat seine kräftige Persönlichkeit zu einem eigenen, höchst individuellen Stil verarbeitet. In Italien herrschte um jene Zeit die akademische Richtung der Bolognesen. Ihr stellte er den Wirklichkeitssinn und die rücksichtslose Naturauffassung entgegen, die er aus Spanien mitgebracht hatte und die er nun prinzipmäßig gegen die verflachende Manier und die bloße Formschönheit durchsetzte, ganz im Sinne Caravaggios, an den uns seine Behandlung der Körperoberfläche mit den stark betonten Muskeln und seine schweren Schatten oft erinnern. Aber seine Kunst geht noch erheblich über Caravaggio hinaus. Sein sicherer Pinselstrich trifft alle Einzelheiten des menschlichen Körpers, den Ton des Fleisches, das Leben der Haut bis in ihre kleinen Linien und Falten und das Spielen der Lichter darauf. Was er auch angreift, und wie wenig uns der einzelne Gegenstand auf den ersten Blick gefallen mag, man wird immer bei näherem Zusehen etwas daran zu beachten finden. Ribera ist niemals leer oder langweilig. Gegenüber der breiten Geschäftigkeit der Bolognesen empfinden wir seinen Natursinn als eine wahre Erfrischung, Zu einem solchen Wirklichkeitsernst ist kein reiner Italiener vorgedrungen, nur noch der Spanier Velazquez, dem Ribera so ganz zusagte. Und daß dem energischen Charakteristiker auch der Ausdruck des Zarten und Weichen zu Gebote stand, zeigt der aufwärts blickende Kopf dieser betenden Heiligen, zu der dem Künstler seine eigene Tochter gesessen hat. Ganz von wunderbar gemaltem Haar umflossen, kniet sie in ihrer von goldenem Sonnenstaub erfüllten Zelle vor einer kellerartigen Vertiefung; ein Engel hat ihr das deckende Gewand gereicht. Das Bild mit der Jahrzahl 1641 wurde 1745 durch den spanischen Gesandten erworben.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Dresdner Galerie JUSEPE DE RIBERA 1588-1652