VVer es versteht das Gegenwartsbild einer Stadt als das Ergebnis des Wechsels historischen Geschehens auf der Grundlage des durch die unveränderte Naturlage gegebenen Bleibenden zu erfassen, der wird im Stadtbilde Konstantinopels die größte Fülle an Beobachtungsmaterial vorfinden, in einer Intensität und Geschlossenheit, wie sie wohl keine andere Großstadt der Welt aufzuweisen hat. Denn hier hat die Natur die mannigfaltigsten und tiefsten Gegensätze auf einem Terrain vereinigt, dessen eigentümliche Stellung im Weltganzen und dessen klare und bestimmte Abgrenzung die Ausbildung einer besonderen, in sich geschlossenen Individualität gewährleistet.

Wenn man Länder und Erdteile nicht als künstlich umgrenzte Gebiete, sondern als natürliche Einheiten sieht, deren verschiedene Natur den verschiedensten Lebens- und Menschheitsformen als Grundlage dient, so erscheint Konstantinopel als ein Gebilde, dessen Grenzstellung die größten Kontraste in sich begreift.

Das Wort »Konstantinopel, eine Brücke zwischen Europa und Asien«

bekommt erst seine Geltung, wenn man sich bewußt wird, worin eigentlich jener Unterschied besteht, den die Bezeichnung der beiden Erdteile in sich schließt. Da haben wir im Osten ein Gebiet, das trotz seiner ungeheuren Ausdehnung nur an einzelnen Flußläufen und Küstengebieten der Menschheit die Möglichkeit einer kulturkräftigen Besiedlung gewährt, während gewaltige Wüstentafeln und unwirtliche Hochlandsmassen diese Stellen nur als Inseln, als Oasen erscheinen lassen.

Das Lebensbild Westasiens zeigt den schärfsten Kontrast zwischen inselhaften Hochkulturen und ausgebreitetem Nomadentum, seine Geschichte den ewigen Kampf der wan® dernden Wüstenvölker um die fruchtbaren Kulturstreifen. Die Spitze dieses Länderkomplexes gegen Westen bildet Konstantinopel, seine Geschichte ist zum einen Teile die fortwährende Abwehr der anstürmenden Ostvölker, die in den Türken ihr Ziel erreichten, um seßhaft zu werden und die Aufgabe zu erfüllen, die ihnen die andere Natur, die des Westens vorschreibt.

Diese Natur aber ist eine doppelte: Das europäische Ländergebiet umfaßt einen Kern, der im Süden, Westen und Norden durch seine Auflösung in Halbinseln und Inseln einen Kranz der verschiedensten Länderindividualitäten um sich reiht, deren Gemeinsames zuvorderst aus ihrem maritimen Wesen entspringt. Das Meer wird ihnen zum Angelpunkte der Macht, seine Beherrschung zum Leitfaden ihrer Geschichte, der ewigen Konkurrenz um die günstigsten Bedingungen des äußeren Lebens. Die zentrale (östlichee) Masse der europäischen Länder dagegen, die nur ein Teilglied der Zone ist, die über den ganzen Norden Asiens streicht, bildet einen Körper, dessen wenig differenzierte, kontinentale Natur seine Geschichte nicht als den zeugenden Kampf verschiedener Individualitäten erscheinen läßt, sondern als das Beharren ohne Ringen um ein Mehr als um das, welches die Natur selbst bietet, — sofern dieses Beharren überhaupt als Geschichte bezeichnet werden kann. Nur an den Rändern, wo diese binnenländische Masse mit den anderen maritimen Naturen in Berührung tritt, werden die Erscheinungen der Geschichte ausgelöst, insoweit dort eben das Fremde mit der Stagnation in Kampf tritt.

Auch an diesen beiden westlichen Natur- und Lebensformen hat Konstantinopel durch seine Lage innigsten Anteil. Wie es einerseits eine Pforte zum Mittelmeerbecken bildet, wie dessen Vegetation an den Ufern des Bosporus, an den vorgelagerten Inseln des Marmarameeres Platz greift und wie die Mittelmeervölker und die europäischen Seevölker seit jeher diesen Punkt durch die Gründung von Faktoreien und Handelskolonien als einen der wichtigsten erkannten, so ist die Stadt anderseits durch die Balkanländer und durch das Schwarze Meer mit dem zentralen Teile Europas verbunden, dessen Steppenboden als eine vorgeschobene Insel bis an ihre Mauern reicht, dessen Völker immer nach ihrem Besitze strebten, dessen Kulturerscheinungen, Religion, Kunst, Staat usw. durch innige Fäden mit denen Konstantinopels verbunden waren. Nur insoweit diese Völker mehr und mehr von dem westeuropäischen Geiste erfaßt werden, insoweit wird auch das osteuropäische Wesen der Stadt verschleiert.

Drei Welten stoßen hier aneinander und vereinigten seit jeher drei Menschheitsindividualitäten auf diesem einen Punkte. Keiner dieser drei Welten gehörte Konstantinopel jemals in seinem Wesen ganz an, wie immer auch der Lauf der Geschichte der einen oder der anderen Vorrang und Macht gab. Das dauernde Gesetz seiner Naturlage läßt es inmitten des Wechsels historischen Lebens unveränderlich erscheinen, als ein alleinstehendes Individuum, das wohl das Kleid wechselt, innerlich aber immer dasselbe bleibt.

Wie die Lage im Erdkreise das Geschick und Wesen der Stadt bestimmt, so auch der Umkreis ihres engeren Bodens. Beides greift innigst ineinander und schafft in ihrer äußeren Erscheinung jene bestimmenden Züge, in denen der bewußt Schauende die einzigartige Eigentümlichkeit Konstantinopels erkennt.

Auf der einen Seite umfaßt das Meer, auf der andern das Goldne Horn als langgestreckter Meeresarm eine nach dem Lande zu sich verbreiternde Halbinsel. Damit war für das Wachstum und die Ausbreitung Stambuls, d. i. des eigentlichen alten Konstantinopel, Richtung und Ausdehnungsmöglichkeit gegeben, indem eine Erweiterung immer nur die westliche Verschiebung einer vom Meere zum Goldenen Horn gezogenen Linie bedeuten konnte. Als letzte dieser Linien bildet der große Zug der Landmauern im Westen eine ebenso starke Grenze wie die Ufer des Meeres. Denn diese Mauern sind die äußerste Linie, die als schützende Verbindung von Wasser zu Wasser in Betracht kommt, und kaum ein Jahrhundert nachdem Byzanz seine Weltstellung erlangt hatte, hatte es diese
Linie erreicht und hat sie bis heute innegehalten. In dem so umschriebenen Raume ging die Entwicklung der Stadt vor sich, nicht expansiv, sondern intensiv, immer im selben Boden wurzelnd und an ihn gebunden.

Die Beibehaltung dieser von der Natur gegebenen Grenzen ließ Stambul bis heute in jenem Entwicklungsstadium erscheinen, das unsere mittelalterlichen Städte zwang, den schützenden Mauerring nicht zu durchbrechen. Freilich ist jenseits des Goldenen Horns Galata—Pera emporgewachsen und durch Brücken mit der Stadt verbunden. Wie aber jene Seite seit jeher eine Stätte des Fremden war und nicht aus der Expansion des Stadtkernes entsprang, so ist auch heute noch Galata—Pera äußerlich und innerlich ein anderes als Stambul, das bei allem Wechsel historischen Lebens die unveränderlichen Züge bewahrte, die ihm von der Natur vorgeschrieben sind.

Das hügelige Terrain gab dem Stadtbilde von vornherein seinen bestimmten und bleibenden Charakter, indem es die Hauptstraßenzüge vorzeichnete und die natürlichen Grenzen der einzelnen Viertel bestimmte. Der Hauptrücken der durch die Hügel gebildeten Höhen verläuft ungefähr parallel dem Südufer des Goldenen Horns (etwa über die Punkte Edirne Kapu, Mehmedije, Seraskierat, Aja Sofia). Er gibt der Stadt die bestimmte Silhouette und schneidet einen schmalen, langgestreckten, gegen Norden steil abfallenden Teil von einem sich dreieckig erweiternden südlichen, der in sanfteren Wellen gegen das Meer abfällt. Dementsprechend steht im Grundriß der Unregelmäßigkeit des ersteren eine klarere Gliederung des letzteren gegenüber, die durch westöstlich durchlaufende Straßenzüge und deren Vergabelungen ins Auge fällt. Eine gedrängtere Verbauung in stufenartigem Übeeinander im Norden kontrastiert mit dem aufgelösteren von dem Grün des reicheren Baumwuchses und der Gemüsegärten der Niederungen durchsetzten Siedlungsbilde im Süden. Während dieser Teil dadurch ein etwas ländliches Gepräge erhält, wird der Norden durch den besten natürlichen Hafen, den das Goldene Horn bildet, zum Handels- und Marktplatz und damit auch zum Sitz der Reichen und der Behörden. Die großen Hane, Basare und Märkte, Lagerhäuser und Mühlen, die Gebäude des Kriegsministeriums (Seraskierats), der hohen Pforte, des Scheich ül Islamats, der orientalischen Gesandtschaftten, sowie der Komplex der Bahnhofs- und Duanenbauten, der Dette publique und anderer Verwaltungsgebäude geben diesem Teil auch äußerlich seinen besonderen Charakter, wie bereits in byzantinischer Zeit das Kapitol, das Munizipium, Handelsplätze und Foren deren Stelle einnahmen. Im südlichen Teile ist es aber vor allem der Straßenzug, der (als Diwan jolu) von der Hagia Sofia zum Kriegsministerium und von da über Akserai nach Jedikulete zum Goldenen Tore® führt, der als ältester Hauptstraßenzug das Ende der natürlichen Landstraße bildete, die seit den ältesten Zeiten längs des Marmarameeres in das Innere des Landes führte. Es ist die Mese, die Mittelstraße des alten Byzanz, auf der sich die Triumphzüge der Kaiser bewegten. Das Tal des Lykus, das südlich parallel dem angegebenen Haupthöhenzuge der Stadt verläuft, und bei Akserai die Mese trifft, gibt die Richtung der Zweigstraßen, die den südwestlichen Zwickel der Stadt durchqueren, und deren Mündung bei den Militärtoren des westlichen Mauerzuges die Gewähr für die Ursprünglichkeit ihrer Anlagen gibt.

Wie diese bestimmenden Straßenzüge heute noch dieselben sind wie vor Jahrhunderten, so war auch das Leben in den einzelnen Teilen der Stadt, durch die Naturgegebenheiten bestimmt, immer dasselbe, ohne daß durch Erweiterung oder Verschiebung der Grenzen neue Zentren geschaffen oder den einzelnen Teilen wesentlich andere Bedeutung gegeben wurde. Der Wechsel der Geschichte vollzog sich im räumlichen Übereinander, nicht im Nebeneinander, und wo einst der heidnische Tempel stand, dort erhob sich später die christliche Kirche und krönt heute die Moschee den Gipfel des Hügels. Und auch darin ist der alte mittelalterliche Geist fortwirkend derselbe geblieben, daß die Religion als beherrschende Staatsidee die beherrschenden Punkte für ihre Bauten auswählte und im Stadtbilde mehr als sonst wo zur Erscheinung gelangte. Ob es die Baumeister eines Justinian oder das Genie eines Sinan waren, die die Gipfel der Hügel als weit beherrschende Punkte durch monumentale Bauten künstlerisch auswerteten: die äußere Form, das Kleid mochte gewechselt werden, das Wesen und das Antlitz der Stadt blieb das gleiche. — Und selbst das Kleid blieb nur zu oft dasselbe. Denn wenn nun die Aja Sofia, wie so manche der altbyzantinischen Kirchen, der Halbmond krönt, und wenn jene großen Moscheen einzig auf diesem Boden und eben als Konstantinopler Moscheentypus charakteristisch die Bauform jenes einzigartigen christlichen Tempels nachahmen, so findet die dauernde Individualität der Stadt ihren beredten Ausdruck.

Aber nicht nur im Monumentalbilde der Stadt prägt sich dieser Zug der Unveränderlichkeit aus. Die Stambuler Straße erhält ihre Eigenart durch die Bauweise ihrer Häuser. Stambul ist aus Holz gebaut. Der große soziale Kontrast zwischen luxuriöser Macht und bescheidener Bedürfnislosigkeit, wie er für das ganze Gesellschaftsbild des Ostens typisch ist, wird in dem Bilde dieser Stadt nur zu deutlich, wenn man die Weitschweifigkeit und Großzügigkeit der Monumentalbauten, in denen dem Willen des einzelnen keine Schranken gesetzt waren, der Dürftigkeit der hölzernen Buden gegenüberstellt, die oft windschief und altersschwach kaum noch eine Stütze an der nächsten finden. — Auch darin ist Stambul gleich geblieben und nur zu oft wurde und wird auch heute noch diese Bauart ganzen Stadtteilen zum Geschicke. Denn so, wie es uns immer wieder aus den Tagen des alten Byzanz berichtet wird, so sind auch heute noch Riesenbrände nur zu häufige Geschehnisse: Das sich über ganze Viertel erstreckende Brandfeld ist eine typische Erscheinung im Stadtbilde Stambuls und zugleich ein Zeuge des Lebensgeistes seiner Bewohner. Denn für diese ist Leben nicht das organische Schaffen und Bauen auf Grund des Vergangenen mit der Sorge um die Zukunft. Für sie herrscht der Augenblick, der nur geben, dem Bedürfnislosen aber nichts nehmen kann. Die alte Wohnstätte ist zerstört, die Trümmer bleiben liegen bis das Grün sie überdeckt. Wozu das Vergangene fortführen, das Baufällige oder Gestürzte niederreißen um auf seinem Grunde Neues zu schaffen, wo doch die Zeit langsam und sicher dafür sorgt! — Nur die Notwendigkeit zwingt und der Glaube an das Kismet, die Bestimmung, ist nicht erfundene Philosophie, er ist der natürliche Lebensgeist der Bedürfnislosen.

Es ist der Geist des Orients, das Für den Tag leben der Wüsten und Steppenvölker, der hier in einem Gebilde zum Ausdruck gelangt, das sich Stadt — Großstadt nennt! —

Stambul ist Stadt im orientalischen Sinne: d.h, es ist ein Siedlungskörper, der dem Machtwillen seine Entstehung und Größe verdankt. Die herrschenden Völker Stambuls waren nie Städter in dem Sinne einer durch Arbeitsteilung differenzierten und Naturprodukte in industrielle Werte umsetzenden Schicht, mochten es auch die Kaiser oft versucht haben, mit fremden Kräften industrielle Organisationen zu schaffen.

Ist Stambul dadurch auch »Stadt« wie jede andere des Ostens, dessen Landvolk auf Industrieprodukte nicht angewiesen ist, so zwingt ihr doch die Natur ihren eigenartigen Charakter dadurch auf, daß die Gunst ihrer Lage als internationaler Hafen und Handelsplatz nicht ungenützt bleiben kann. Darin steht aber dem Bleibenden der dauernde Wechsel gegenüber, der den Lauf der Geschichte ganz Vorderasiens und Europas auf diesem einen Flecke widerspiegelt. Denn da diese Stadt nicht das Erzeugnis einer Volksschicht ist, die aus der einheitlichen Kulturfläche eines sie umgebenden Umlandes erwuchs, so konnte sie nur insoweit eine Eigenkultur schaffen, als das engste Stadtgebiet selbst einen Boden abgab, der — wenn auch nicht selbstschöpferisch — durch die Vereinigung der verschiedensten Elemente eine Verschmelzung, aber auch eine Intensierung derselben herbeiführte. Das aber unterscheidet Konstantinopel von anderen Seehandelsplätzen, daß es nicht ein unverbundenes Gemisch, das zufällige Nebeneinander der verschiedensten Kulturen auf einem kulturell undifferenten Flecke darstellt, sondern daß es die Verschiedenheiten zu einer Individualität zusammenfaßt. Das jeweils herrschende Volk, wie auch die handeltreibenden Fremden, paßten sich diesem Boden an.

Eine eigentümliche Art von Kulturaustausch fand zwischen beiden statt und auch hier spricht das Stadtbild eine deutliche Sprache für Gegenwart und Vergangenheit. Wie die noch stehenden Monumentalbauten der Byzantiner Byzanz als einen Punkt erkennen lassen, der die Elemente des Ostens, Kleinasiens, Syriens, Armeniens, Persiens, ja selbst Ostasiens absorbiert, wie jenes griechische Volk, dessen Kultur in Demokratie, Antropomorphismus, Naturphilosophie und in einer organisch-naturalistischen Kunst ihren Ausdruck fand, auf diesem Boden zu einem andern wurde, für das Asolutismus, eine mystische Religion, eine naturfeindliche Lebensanschauung und Kunst leitend wurden, so war diese Stadt für die Türken als Ostvolk ein natürlicher Boden, in dem sie Wurzel fassen konnten. Wie aber in byzantinischer Zeit die Kulturkreise des Ostens auf westlicher Grundlage, so spiegeln sich in den Denkmälern der türkischen Zeit, in der der historische Schwerpunkt immer mehr nach dem Westen rückte, Renaissance und Barock bis zum Rokoko, Klassizismus und Historizismus in steigender Intensität wider, ohne aber jemals einer dieser Stile im Wesen zu sein, ohne jemals den örtlichen Grundton zu verleugnen. Wie vor Hunderten von Jahren der Byzantiner in persische Stoffe gekleidet ging, so geht heute der Türke nach europäischem Schnitt, und doch blieb dieser wie jener in seinem Wesen ein anderer.

So sehr aber die Herrschenden immer das Fremde äußerlich annahmen, so sehr büßten es die Fremden, die hier ansässig wurden trotz Beibehaltung äußeren Scheines ein. Die massige Form der »Fanariotenhäuser« die die europäischen Kolonisten als ihre Wohnhäuser und Warenlager errichteten, mag wohl an alte italische Bauten erinnern. Im wesentlichen sind sie weder genuesisch noch venezianisch, vielmehr sind in ihnen die Elemente des heimischen Holzstiles mit seinen von Konsolen getragenen überkragenden Stockwerken, mit den Erkern und schattenden Dächern in Stein übertragen. Wie im Äußern schon die spitzbogige Form der Fensterabschlüsse die Anpassung an den islamischen Steinbau erkennen läßt, so richtet sich die Behandlung der Innenräume mit ihren fast bis zum Fußboden herabreichenden Fenstern und mit dem Mangel an Möbeln nach der Lebensweise der Türken, bei denen Stühle und Tische nicht nötig, Kasten und Schränke durch Wandnischen ersetzt werden, so daß Einrichtung und architektonisches Gefüge eine Einheit bilden. Mögen auch Säulchen und Stuckaturen den westlichen Geschmack als ein Kleid erscheinen lassen, das den Fremden hier immer noch als solchen erkennen läßt, die Lehensformen dieser Menschen sind andere geworden und mit diesen ihre Wohnungen. Und was kennzeichnet die Volksschicht der Levantiner mehr als der Umstand, daß es unter ihnen Menschen gibt, die alle Sprachen und doch keine ganz reden! Ein eigentümliches Doppelwesen ist diese Stadt, in der die Herrschenden ein fremdes Kleid anziehen, die Fremden zu Heimischenwerden. Dahinter steht aber das Dauernde, Unwandelbare ihrer Natur und Lage im geographischen Gesamtbilde Eurasiens, das dem historischen Geschehen die Gesetze vorschreibt.

Der Zug des Dauernden bei allem Wandel wird vielleicht am deutlichsten in der Besonderheit und dem Schidksal jenes Teiles, der die äußerste Spitze Stambuls einnimmt, und seit jeher gegenüber der übrigen Stadt seine auch äußerlich scharf gekennzeichnete Stellung behielt. Der Hügel der alten Akropolis blieb bis heute ein aus dem Leben der Stadt ausgeschiedener Teil. Die starke Trennung zwischen Herrscher und Volk, ein mittelalterliches Erbteil orientalischer Kultur, läßt auch heute noch das alte Serail als ein Allerheiligstes erscheinen, zu dem nicht jeder Sterbliche Zutritt hat. Vergegenwärtigt man sich die Beschreibungen des byzantinischen Kaiserpalastes als eines abgeschlossenen Bezirks, in dem im Grün üppiger Gärten Repräsentations« und Wohnbauten verstreut lagen, teils in geordnetem Zusammenhang, teils in freier zwangsloser Anordnung, vielfach wohl nur pavillonartige leichte Holzbauten, die leicht verheerenden Bränden zum Opfer fielen, — dies mag ja auch den Umstand erklären, warum so wenig von all dieser Pracht erhalten blieb — und halten wir dazu das Bild des heutigen Serails mit seinen Parkanlagen und Kiosken, mit all der üppigen aber leicht vergänglichen Pracht, die den Luxus des Ostens und Westens vereinigt: Mögen die Einzelheiten verschieden sein, in der Physiognomie der Stadt bleibt das Bild dasselbe, aus dem gleichen Geiste der Macht und des Wohllebens geboren, der den Kontrast, aber auch die notwendige Ergänzung zur Bedürfnislosigkeit des Volkes bildet.

So ist Stambul als Stadt bis heute dasselbe geblieben. Die Majestät seiner Gotteshäuser, die Bescheidenheit seiner Gassen und Winkel, das rege Treiben des Hafens und die lässige Ruhe und Gleichgültigkeit des kleinen Bürgers, die nur selten einer Erregung weicht, die eigentümliche Mischung der Kulturen, das Verwachsen von Heimischem und Fremdem in Natur und Geist, dies alles schließt die einzigartige großzügige Silhouette der Stadt in eine Einheit zusammen, die seit der Zeit der großen Kaiser dasselbe Gebiet umschloß. Und doch heute will es scheinen, als sei Stambul auf einem Zeitpunkte angelangt, in dem das Dauernde, Verharrende zum Flüssigem wird, in dem die mittelalterlichen Bande gesprengt werden und die Kraft der Zivilisation die Schranken der Natur überwindet. Schon hat die Eisenbahn den alten Mauerzug durchbrochen und führt europäische Ware und Zivilisationsprodukte bis in das Herz der Stadt. Die uralten Zypressenfriedhöfe, die außen die Linie der Mauer begleiten, beginnen Fabriken Platz zu machen, und schon trägt man sich mit dem Gedanken, vor dem Goldenen Tore neue, den modernen Verhältnissen entsprechende Hafenanlagen zu schaffen und die südwestlichen Viertel der Stadt als Arbeiterviertel auszugestalten. Der alte mittelalterliche Ring wird durchbrochen, die soziale Differenzierung des Westens beginnt die Stadt zu durchsetzen. Schon sieht man allenthalhalben die alten Holzhäuser dem modernen Ziegelbau weichen, ganze Viertel inmitten alten Bestandes zeugen von wachsendem Reichtum, neue Schulgebäude sorgen auch für die geistige Differenzierung des Volkes. Die elektrische Trambahn schafft die Konzentration der einzelnen Stadtteile, ihre Schienenstränge bezeichnen die Pulsadern, in denen nun der Europäismus Galata-Peras in den alten Bestand eindringt und das bisher getrennte Hüben und Drüben zu einer Einheit werden läßt.

Ungeheure Energien sind hier am Werke. Der moderne Geist steht hier im Kampfe mit dem Dauernden der Jahrhunderte, mit uralter Tradition. Es ist eine aus der Notwendigkeit historischen Geschehens geborene Evolution, in deren klarer Erkenntnis auf Ziel und Wirkung hin die Menschen der Stadt selbst noch in den Anfängen stehen. Noch suchen die zwei Naturen, an deren Grenze zeitlich und lokal die Stadt steht, in der Seele der jungen Türken einen Ausgleich. Denn die große als unabwendbar erkannte Aufgabe, eine Vormacht westlicher Zivilisation gegenüber dem Osten zu werden, die in der Revolution 1908 ihren ersten großenSchritt tat, hat ihren Gegenpol in dem erwachenden Bewußtsein von Rasse und Nation, deren östliche Grundlage dem organisierenden und differenzierenden Westlichen fremd ist. Die unabänderlichen Gesetze der Weltlage Konstantinopels finden darin auch im heutigen Zeitpunkte wieder ihren lebendigen Ausdruck. Und wie Galata—Pera jenseits des Goldenen Horns für das alte Stambul die treibende Zentrale des Westens bedeutet, und jetzt erst aus einer Vorstadt oder besser aus einer benachbarten Fremdstadt zu einem lebendigen Teilgliede im Gesamtorganismus einer Großstadt wurde, so Skutari auf der asiatischen Seite als der Rückhalt des konservativen orientalischen Geistes mit der Intimität eines unbefangeneren Kulturlebens.

Auf dem alten Boden Stambuls kämpft beides miteinander und sucht einen Ausgleich. Trotzdem aber die umgebenden Wasser keine hindernde Grenze mehr bilden und die Stadt auch landwärts den beengenden Gürtel sprengt, behält Stambul seine eigene Stellung bei und strebt als der lebendige Kern wieder nach seinem unwandelbaren Ziele, das seit jeher in dem Ausgleichen der Gegensätze durch die Kraft seiner eigenen Individualität bestand.

Siehe auch:
Konstantinopel – HISTORISCHE EINLEITUNG

Konstantinopel Stadtansichten


Wenn es irgend eine Stadt gibt, der allein durch ihre Lage ein ewiges Leben verbürgt ist, dann ist es Konstantinopel. Daß ihre Gründung nicht schon im dritten oder vierten vorchristlichen Jahrtausend stattfand, darf nicht als Argument gegen ihre natürliche Notwendigkeit eingeworfen werden, denn damals entstanden die wenigen ältesten Städte der Welt naturgemäß nur inmitten der großen, fruchtbaren Oasen in Ägypten und Babylonien. Die Notwendigkeit der Gründung von Byzanz trat erst zur Zeit ein, als der beginnende Welthandel einen Hauptweg durch die Dardanellenstraße nahm. Seither aber, seit zuerst Phönikier, von denen wahrscheinlich der Name Byzanz herkommt, dann Dorer aus Megara in Griechenland, die sich 658 v. Chr. hier ansiedelten, den Vorteil einer kolonialen Niederlassung am Keras chrüson, dem Goldnen Hornerkannten, hat die Stadt allen Stürmen getrotzt bis auf unsere Tage. Und diese Stürme waren schwer genug.

Vollzog sich doch das bisher größte und folgenschwerste Ereignis der Weltgeschichte, die Völkerwanderung,zum größten Teil auf der Straße,an der Konstantinopel liegt, einem natürlichen Einfallstor nach Europa. Die glänzende Lage der Stadt, sowie ihre Schönheit und ihr Reichtum ließ sie mancher Barbarenhorde als erstrebenswerteste Beute erscheinen. Schon in vorchristlicher Zeit suchten sich die maßgebenden Mächte die blühende Kolonie der Megarenser zu sichern und Byzanz beugte sich einige Jahrzehnte dem persischen, spartanischen, athenischen und wieder spartanischen Joch, bis sie autonome Verbündete Athens und dann Roms wurde. Drei Jahre verteidigte sie sich gegen Septimius Severus, der sie endlich 196 n. Chr. eroberte. Diese Unterjochung jedoch und die damit verbundene Erniedrigung war nur eine unvermeidliche Phase ihrer Entwicklung, das Vorspiel für ihren bevorstehenden Aufstieg zu Macht und Größe. Die Stadt mußte römisch werden, um dann Rom und die Welt zu beherrschen, gleichwie die bisher viel verfolgte christliche Religion erst durch die römische Rezeption und Erhebung zur römischen Staatsreligion ihren Weg zur Weltreligion gewann.

Die Verlegung des Schwerpunktes des Römerreiches von Rom nach Byzanz, die Erhebung der Stadt am Goldenen Horn zur Haup- und Residenzstadt des Römischen Reiches war die größte politische Tat des Kaisers Konstantin. Am 11. Mai 330 geschah der feiereliche Taufakt im Hippodrom, und kein Kaisername hat eine stolzere Verewigung errungen als der Konstantins durch Benennung der neuen Hauptstadt nach dem seinigen. Es war jedoch nicht eine geniale Eingebung, der Konstantin bei dieser Gründung folgte, sondern das Gebot der Notwendigkeit. Der politische Schwerpunkt hatte sich schon längst nach Osten verschoben, wo die Römer seit Jahrhunderten gegen ihre erbittertsten Feinde, die Parther, kämpften, die vom zweiten Jahrhundert vor bis zum zweiten Jahrhundert nach Christus den vorderen Orient beherrschten. Rom lag zu weit abseits vom Schauplatz der politischen Kämpfe des Reiches. Schon Diokletian hatte in Nikomedia, dem heutigen Ismid am Marmarameere, residiert. Konstantin faßte verschiedene Städte für die künftige Hauptstadt, sein Rom, ins Auge. Am meisten Sardica, das heutige Sofia, also eine Binnenstadt, die als Zentrum von Illyricum für Konstantin aus nationalen Gründen in Betracht kam,- dann Tessalonich, Chalcedon und die Stätte des alten Troja, von wo aus einst Äneas nach Latium gekommmen war, und das den Römern als alte heilige Heimat galt. Natürlich ging es auch bei der Gründung von Konstantinopel, die mit der Grundlegung der westlichen Mauer einsetzte, nicht ohne göttliche Offenbarungen und überirdische Zeichen ab. Es ereignete sich mit dem Schicksale Konstantins einer jener Fälle von Protektion der Geschichte, die sich immer dann abspielen, wenn der rechte Mann zur rechten Zeit kommt und die nötige Schlauheit und Energie besitzt, das als persönliche Ernte an sich zu reißen, was in kleinen Dingen Jahrzehnte, in großen Jahrhunderte vorbereitet haben. Dank seinem parteiischen Historiographen,dem Hofbischof Eusebius, der selbst wieder durch seine Heiligsprechung in dem Mantel absoluter Glaubwürdigkeit gehüllt schien, schrieb die spätere Zeit Konstantin Eigenschaften und Taten zu, die er nie hatte. Und heute noch geht diese große Geschichtslüge durch unsere historischen Lehrbücher.

»Es haftet auf Konstantin noch stets ein letzter Schimmer von Erbaulichkeit, weil ihn so viele sonst verehrungswürdige Christen aller Jahrhunderte als den Ihrigen in Anspruch genommen haben. Auch dieser letzte Schimmer muß schwinden. Die christliche Kirche hat an diesem furchtbaren, aber politisch großartigen Menschen nichts zu verlieren, sowie das Heidentum nichts an ihm zu gewinnen hatte.« (Burckhardt.)

Das ändert jedoch nichts an der welthistorischen Bedeutung des Ereignisses, das sich hier vollzog, und dessen Werkzeug Konstantin war. Wenn wir unter Europa als gesellschaftlichen Begriff stets den zivilisierten Teil des asiatischen Kontinents verstehen, dessen gliedere reiches Anhängsel es ja geographisch ist, dann war das älteste Europa am Becken des Ägäischen Meeres vorhanden und hieß Großgriechenland. Das nächste Europa war das ganze Mittelmeerbecken mit seinen Randländern unter der römischen Herrschaft. Seine nördliche Grenze verlief längs der Donau. Der Norden war Urwald, Sumpf und Steppe ohne Straßen und Städte. Italien war sein Rückgrat, Rom sein Herz und Gehirn. Diese obersten Funktionäre wurden nun nach Osten übertragen, Rom übersiedelte an den Bos^ porus, und Europa wurde bis zum iranischen Hochland vorgetragen. Das Weib, das ein Gott in Stiergestalt einst über den Bosporus entführt hatte, kehrte gleichsam in seine Heimat zurück und vermählte sich mit dem Orient. Diese welthistorische Hochzeit, die sich freilich nicht unter Gesängen und Tänzen, vielmehr in Schlachten als eine wahre Bluthochzeit vollzog, zeitigte eine neue Periode der Weltgeschichte, die man das Mittelalter zu nennen pflegt, jedoch wohl bald treffender benennen wird. Die Achse der Kulturwelt war verlegt worden, und ihr Rad wurde von anderen Wassern getrieben als bisher.

Die Ruinen dieses ältesten Konstantinopel liegen zwischen und unter den Häusern und Moscheen des heutigen Stambul. DieLandzunge zwischen dem Marmarameere und dem Goldenen Horn war der geeignetste Boden für die Stadt. An seiner Spitze lag Ursprünglich die Siedlung der Phönikier, dann die dorische. Von zwei Seiten durch das Meer geschützt, forderte sie nur eine quer über den Landrücken gezogene Mauer als Schutzwall gegen Angriffe von Westen her. Konstantin baute sie, er begann den Bau eines Schlosses, baute das Hippodrom um, gründete Kirchen und gab der emporgekommenen Siedlung durch Herbeischaffung griechischer und römischer Werke der Plastik den Schein alter Kultur. Seine Hauptsorge mußte aber der Herbeischaffung von Menschen gelten. Leichter mag es gewesen sein, niedere Volksmassen aus Kleinasien und aus thrakischen Nachbarländern in der neuen Residenz mit ihren vielen Erwerbsmöglichkeiten anzusiedeln, als vornehme Geschlechter, die ihr den nötigen Glanz verliehen. Er gewann solche aus Rom und Athen durch Zusicherung besonderer Privilegien. Träger der Kultur wurde natürlich das Grichdentum. Auch der römische Kaiser und sein Hof wurden griechisch. Konstantinopel war die dritte große Metropole der östlichen Mittelmeerländer, die durch einen kaiserlichen Willensakt geschaffen wurde. Sie trat nun in Wettstreit mit den beiden anderen: mit der Seleukidenstadt Antiocheia, die längst vom Erdboden verschwunden ist, und mit der Ptolemäerstadt Alexandreia. Diese beiden Städte und nicht das unproduktive, stets nur aufnehmende Rom waren die Metropolen der hellenistischen Kultur, in der griechisches und orientalisches Denken und Fühlen zu einem neuen Ganzen vereint war. Sie waren seit dem dritten vorchristlichen Jahrhundert die wirklichen geistigen Hauptstädte jenes großgriechischen Kulturreiches gewesen, das von Gallien bis an die Grenzen des Perserreiches reichte. Die Mission Konstantinopels war es, ihr Erbe zu übernehmen und neu befruchtet weiter zu führen. Vor allem bedurfte das Reich eines geistigen Ferments, das alle seine verschiedenen Völker und Interessen wenigstens auf einem Boden vereinigte. Man gab es ihm mit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion. Statt der vielen Religionen und Sekten, die bisher in den Mittelmeerländern herrschten, der griechischen, ägyptischen, persischen, indischen, sollte allmählich eine zur Alleinherrschaft gebracht werden, die neben anderen Vorteilen besonders den der nationalen Unvoreingenommenheit hatte, die das

»Gehet hin und lehret allen Völkern und taufet sie …«

als obersten Grundsatz für ihre Ausbreitung aufstellte. Als Religion des Friedens und der Liebe, wie sie ihr Stifter gelehrt hatte, konnte sich freilich auch die christliche nicht durchsetzen, nachdem sie aus dem mystischen Dunkel der Katakomben ans Tageslicht emporgehoben war, um den politischen Zielen ihrer offiziellen Beschützer zu dienen. Wollte sie nicht ein willenloser Spielball in den Händen politischer Parteien werden, so mußte sie selbst eine Macht werden und dazu gab es seit jeher nur ein Mittel, den Kampf. Es brauchte, wie bei jeder Weltreligion, jahrhundertelanger Kämpfe, Kämpfe des Wortes und des Schwertes, bis die dogmatische Form geprägt war, in deren Panzer allein der ideale Kern den Schutz fand, um sich, wenn nötig mit Gewalt, behaupten zu können. Die großen, für alle Zukunft entscheidenden geistigen Kämpfe, die Konzilien, spielten sich zumeist in Konstantinopel und in den Städten seiner weiteren Umgebung, in Nikäa, Chalzedon, Ephesos, ab. Und in eben diesen Städten war es, wo sich unter dem Einfluß der jüdischen und persischen Religionsgebräuche die liturgischen Formen des Meßopfers und seines Zeremoniells entwickelten, an denen die griechisch-orthodoxe und die katholische Kirche, freilich mit beträchtlichen Abweichungen von einander, bis heute festgehalten und damit bis in die einsamsten Gebirgsdörfer Europas hinauf ein Stück altorientalischer Kultur erhalten haben.

Mit welcher Leidenschaft in Byzanz religiöse Fragen behandelt wurden, zeigt der berüchtigte »Bildersturm«, der 726 unter Kaiser Leo III. infolge seines offenbar durch Judentum und Islam angeregten Verbotes der Bilderverehrung, die in Anbetung ausgeartet war, ausbrach und nach vielen Kämpfen erst 843 auf einer Synode beendigt wurde. Hier zeigt sich eine Seite der unbedingten Überlegenheit der islamischen Religion über die christlich-orthodoxe: Wie ganz anders mutet uns die reine Gottesverehrung der Muselmanen an, als die gedankenlose Ikonenanbetung, in die der größte Teil der orthodoxen Kirche, Rußland voran, wieder zurückgesunken ist und in der sie bis heute verharrt. Emanzipierten wir Westeuropäer uns zum Teil von der orientalisch-zeremoniösen und mystischen Form der Gottesverehrung, so standen wir doch noch bis ins neunzehnte Jahrhundert ganz und gar im Banne der unter Justinian (527 — 567) kodifizierten römischbyzantinischen Gesetzgebung und tun es zum Teil noch heute! Kaum ein anderes römischgriechisches Geistesprodukt verfolgte uns so sehr bis in unsere Tage, obgleich es dem deutschen Empfinden fremd ist. Die Wirkung dieser zwei wichtigsten Kultur- und Geistesprodukte der byzantinischen Welt, Kirche und Recht, auf Westeuropa mußte hier berührt werden. Ist doch unsere Geistesgeschichte nichts anderes als die Geschichte der Befreiung von diesen beiden Mächten.

Ausführlicher wollen wir uns mit dem dritten Kulturprodukt beschäftigen, das von Byzanz den Namen bekam, der byzantinischen Kunst. Auch ihr gegenüber hat sich die Stellung der Wissenschaft in den letzten Jahren sehr verändert. Während man früher alles byzantinisch nannte, was nicht mehr klassisch-antik schien und noch nicht den Stempel der italienischen Renaissance oder einer der nordisch-nationalen Künste trug, neigt man heute bereits zur Frage, ob von einer byzantinischen Kunst überhaupt gesprochen werden darf oder ob diese Bezeichnung nicht ebenso grundlos und irreführend sei, wie die der arabischen Kunst. Ebenso wie man sich daran gewöhnt hat, diese vorsichtiger und weitherziger islamische Kunst zu nennen, sollte man jene etwa als christliche Kunst des Ostens umschreiben. Denn gleichwie die islamische Kunst ein Mischprodukt verschiedener nationaler Kunsttraditionen ist, an dem die Araber so gut wie gar nicht beteiligt waren, konnte auch Byzanz aus eigenem keine Kunst schaffen, sondern war auf die Übernahme und Verarbeitung der Künste seiner eroberten Länder angewiesen. Allein, Byzanz war am Zustandekommen jener eigenartigen Kunst, die man die byzantinische nennt, doch mehr beteiligt, als man nach einer exakten Analyse ihrer Elemente zugeben möchte, und die nach seinem Namen gebildete Bezeichnung der hier kulminierenden Kunst erscheint mindestens ebenso zutreffend, wie die der römischen Kunst, die von ihr abgelöst wurde. Beide Bezeichnungen sind richtig, sobald sie mit der nötigen Beschränkung auf die im Dienste des Hofes und der Kirche stehende höfische und kirchliche Imperiums.Kunst angewendet werden. Denn diese kann nicht mehr auf die unterworfenen, tributpflichtigen verbündeten oder feindlichen Völker, die Träger der einzelnen Elemente, Formen und Techniken einer völkischen Reichskunst, zurückgeführt werden, sondern ist das Erzeugnis einer Machtidee. Nur der von den Trägern dieser Idee verkörperte Wille zur Macht konnte die vorhandenen bautechnischen Kräfte und Errungenschaften zur Erbauung einer Hagia Sophia aufpeitschen und mit Aufgebot aller damals vorhandenen gnostischen Wissenschaft die Vorwürfe für jene Mosaiken- und Freskenzyklen schaffen, die fortan fast ein Jahrtausend lang mit kanonischer Unveränderlichkeit die Kirchen der mittelländischen Christenheit beherrschten. Die Werke dieses kirchlichen Machtwillens waren so großzügig und imposant, daß sie alle fremden Einschläge ornamentaler, dekorativer und technischer Art zu neuer harmonischer Einheit vereinigten, deren stimmungsvolle Schönheit die Frage nach den Ursprüngen nicht aufkommen ließ.

Wie sich diese künstlerische Vereinheitlichung und Verdichtung im Wettstreit der verschiedenen in Konstantinopel aufeinanderprallenden Richtungen unter dem Druck des imperialistischen Willens im Laufe von etwa zwei Jahrhunderten vollzog, kann hier nicht gezeigt werden. Einen Begriff von dem weiten Weg aber, der zurückgelegt werden mußte, gibt uns ein Vergleich des Standes der monumentalen Kunst unter den Kaisern Konstantin (306— 337) und Justinian (527—565). Der vor die Notwendigkeit einer künstfrischen Ausstattung gestellte Begründer der neuen Residenz sah sich darauf angewiesen, von allen Seiten, besonders aus Athen und Rom, Bildwerke nach Konstantinopel schaffen zu lassen, um diese gewaltsam zum neuen Zentrum der Kunst zu erheben. Daß das neuerbaute Hippodrom mit den geraubten Werken der Plastik geschmückt wurde, wäre nicht verwunderlich, mehr schon die Ausschmückung einer der heiligen Weisheit (Hagia Sophia) geweihten Kirche mit 427 alten Statuen, worunter nicht wenige christliche waren, wie ein Chronist anerkennend hervorhebt. Neben den Bildsäulen der Athene, Isis und anderer heidnischen Gottheiten waren auch Statuen christlicher Kaiser und wohl auch der eine oder andere »Gute Hirte« mit dem Lamm aufgestellt. Hier kann noch von keiner christlichen, geschweige denn byzantinischen Kunst die Rede sein. Die Kirchen selbst, die (ältere) Hagia Sophia, die Grabeskirche und Himmelfahrtskirche in Jerusalem waren noch einfache Rotunden meist mit Säulenwandelgängen und mit Holzdächern oder Holzkuppeln gedeckt, also primitive Baugestalten einfachster Konstruktion, wenn auch mit kostbaren geraubten Marmorplatten, -Säulen und -Statuen ausgestattet und geschmückt. Neben dieser, dem christlichen Kult neuen Bauform hielten Konstantin und seine baueifrige Gemahlin Helena an der Gestalt der alten Basilika fest. Machen wir von dieser Baukunst den Schritt zur Sophienkirche des Justinian, so stehen wir mit einem Male vor einem der größten und genialsten Bauwerke der Welt, einem für damals unerhörten und bis heute bestaunten Wunderwerk der Technik. An Stelle der noch unter Konstantin herrschenden einfachen Raumkunst befinden wir uns im imposantesten Innenraum, der je geschaffen wurde, und die ehemalige stilistische Buntheit ist durch die harmonische Einheit eines zielbewußten Kunstwollens ersetzt. Dieses Werk war nur durch die Heranziehung der besten bautechnischen Kräfte und der technischen Künste aller unterjochten Länder zu einer gemeinsamen künstlerischen Höchstleistung möglich. Mögen die konstruktiven, technischen und formalen Einzelheiten längst bekannt gewesen sein, so konnte sie doch nur ein Herrscherwille zu einem derartigen Gesamtkunstwerk vereinigen, das uns nicht nur das gesamte technische Können und den gesamten Formenschatz, sondern auch das Geistesleben der Zeit anschaulich verkörpert.

Darin liegt die historische Bedeutung der Sophienkirche ebenso wie der Peterskirche in Rom. Darin lag aber auch einst und in veränderter Gestalt heute noch die imponierende Schönheit des Stadtbildes von Konstantinopel. Ja, sie wurde zweifellos durch die Moscheebauten der türkischen Sultane noch gewaltig gesteigert. Indem fast jeder von ihnen die Stadt um eine neue Hagia Sophia bereichern wollte, und dieses größte Bauwerk der Christenheit fortwirkend stets Nachkommen bekam, reihte sich auf den Hügeln von Stambul im Laufe der Jahrhunderte ein Denkmal imperialistischer Macht neben das andere, und die mächtigen Dome mit ihren Trabanten stehen als unvergängliche Zeugen jener Fülle von Macht, die Konstantinopel seit seiner Gründung in seinen Mauern vereinigt hat. Keine Stadt auf Erden kommt ihr darin gleich. Sie ist der vollkommenste Ausdruck eines tausendjährigen Weltimperiums, der bisher geschaffen wurde. Denn keine andere Baugestalt als der kuppelbedechte Zentralbau verkörpert so vollkommen die absolute Gewalt, die Vollendung, das Insichruhen und die überragende Macht. Jakob Burckhardt nennt den Zentralbau die letzte Möglichkeit der absoluten Bauformen. So ist er auch die vollendetste Verkörperung des Absolutismus, sei es des göttlichen oder des kaiserlichen. Nicht umsonst hat sich die Baukunst der meisten Machtstaaten um ihn bemüht. Die großen Baukünstler der italienischen Renaissance haben ihre besten Kräfte an die Lösung des Zentralbauproblems angesetzt. Als erster Brunelleschi in Florenz, dann Bramante, Peruzzi, die Brüder San Gallo, Michelangelo in ihren Entwürfen zum Petersdom in Rom. Die Vollendung der Hagia Sophia wurde auch nicht annähernd mehr erreicht. Die Ausführungen waren Kompromisse. In Konstantinopel aber suchten die türkischen Architekten, die von der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts an die Moscheen bauten, die letzten Schranken, die die Hagia Sophia noch vom idealen allseitig gleich ausgestalteten Zentrainnenraum trennten, zu beseitigen, und unter dem genialen Architekten Sinan erreichten sie das Ideal wirklich. Keine andere Stadt auf Erden hat dem alleinigen Gott so überzeugende Denkmäler errichtet wie Konstantinopel. Hier gibt es keinen Zwiespalt in der religiösen Architektur. Wie ein Dom rufen alle diese Kuppeln zum Himmel:

»lä läha illa lläh«, »Es gibt keinen Gott außer Gott«.

Text aus dem Buch: Alt-Konstantinopel : hundertzehn photographische aufnahmen der stadt und ihrer bau- und kunst-denkmäler (1920), Author: Diez, Ernst, 1878-1961; Glück, Heinrich, 1889-1930.

Konstantinopel Stadtansichten