Kategorie: Kunstartikel

Es mag sehr unzeitgemäß und wenig vom Geist der Gegenwart angeweht erscheinen, wenn man heute seine Stimme zum Preise der Kontemplation erhebt. Denn als solche fasse ich die Anschauung, von deren Wert hier einige Worte gesagt sein sollen. Die mystische Psychologie definiert nach Ernst Robert Curtius Kontemplation als „eine Haltung, die eine reale Verbindung zwischen dem Sehenden und dem Gesehenen herstellt“. Der Nachdruck liegt auf dem Wort „real“ ; kontemplativ ist das Verhältnis eines Anschauenden zum Angeschauten dann, wenn es eine wirkliche und wirksame Beziehung herstellt.

Wichtig ist indessen, daß die Form dieser Beziehung genau bestimmt ist und zwar als ein Aufgehen des Schauenden im Geschauten. Das Merkmal jeder Kontemplation ist die Überwindung des ausschließlichen Ich-Zustandes, die vollkommene Apperzeption des Individuums durch das Allgemeine. Keine Macht der Welt fordert stärker zur kontemplativen Haltung auf, ja setzt sie zu ihrer Bestätigung geradezu voraus, als die Kunst. Sie ist es, die Anschauung, Versenkung in sich verlangt, sie reizt das Ich am stärksten, sich aufzugeben. Die Wahrnehmung eines Kunstwerks geschieht zweifellos unter Affektbeteiiigung (wobei Affekt im Sinne Spinozas jedes Hervorrufen eines zunächst nicht näher bestimmten Willensaktes bedeutet); Gefühl und Verstand sind dabei gleichermaßen beteiligt. Die Wirkung des Kunstwerks soll aber affektreinigend sein, d. h. sie soll dem Menschen unabhängig von seinen Willensfunktionen ihr Reich erschließen.

Das ganze Geheimnis der künstlerischen Empfindung beruht in der Fähigkeit zur Kontemplation; dem nichtkünstlerischen Menschen ist alles, was das Leben ihm vor Augen bringt, ausschließlich Anlaß zur Willensbetätigung; „nur seinen Weg im Leben sucht er“, sagt Schopenhauer im dritten Buch der „Welt als Wille und Vorstellung“, „allenfalls auch alles was irgend einmal sein Weg werden könnte, also topographische Notizen im weitesten Sinn: mit der Betrachtung des Lebens selber als solchen verliert er keine Zeit“. Der nichtkünstlerische Mensch kann sich nicht hingeben, er ist zu keiner Zeit imstande, sich von sich selbst zu trennen.

Man kann die Erfahrung unendlich oft machen, daß einseitig willensbestimmte und daher stark äffektunterworfene Menschen in den allermeisten Fällen den Dingen der Kunst gegenüber vollkommen gleichgültig sind, ja eine ausgesprochene Abneigung gegen sie haben. Sie lehnen sich dagegen auf, benommen oder bezaubert zu sein, ihr Ich sträubt sich, sich in die Gewalt einer anderen außerhalben Macht zu begeben. Nicht der Nüchterling allein, der Banause, ist unter allen Umständen kunstfeindlich. Auch temperamentvolle, bewegliche Menschen, die im Praktischen oder Begrifflichen leicht und zuverlässig fassen, können, sofern sie nicht kontemplationsfähig, sondern affektbesetzt, also rein willensbestimmt sind, hoffnungslos von allem Künstlerischen getrennt sein.

Es hegt also ein tiefer Sinn darin, wenn man sagt, jemand sei in den Anblick eines Bildes oder in das Anhören einer Musik oder eines Verses „versunken“. Der tiefste Zauber des Kunstgenusses besteht darin, daß das Ich in fast mystischer Weise in dem Angeschauten untergeht; im Selbstvergessen spricht sich der magische Bann der Kunst am deutlichsten aus. Der Genuß aller geistigen Dinge ist im Grunde überhaupt nur auf kontemplative Weise möglich. Diese tiefe Ruhe hat natürlich nichts mit einem platten denkfaulen Quietismus zu tun; Beschaulichkeit ist eine Tugend, Philistrosität, wenn auch kein Laster, so doch ein bedenklicher Mangel. Der nüchterne, nicht aus der bequemen Ruhe zu bringende Philister ist von der Kontemplation, welche unter allen Umstanden über das eigene Ich hinausführt und mithin auch nicht in der Form der subjektiven, privaten Bequemlichkeit auftreten kann, genau so weit entfernt wie der ruhelos tätige Willensmensch.

Man spricht oft von der befreienden Wirkung der Kunst und hat damit, namentlich in der Laienästhetik, viel Unheil angerichtet, insofern in buchstäblicher Interpretation mit dieser Befreiung einer sehr bedenklichen Verflachung, ja Verkitschung das Wortgeredet wurde. Befreiung durch die Kunst kann immer nur Befreiung vom Ich, Loslösung vom Willen bedeuten. Um zu dieser notwendigen Identität des Ich mit der erkannten übergeordneten Kraft zu gelangen, dazu verhilft einzig und allein die Kontemplation, die reine Anschauung. Die „anschauende Erkenntnis“ (um noch einmal Schopenhauer zu zitieren) ist die höchste und reinste Form aller dem Menschen überhaupt möglichen Erkenntnis.

VON K. H. RUPPEL

Verzeichnis der Abbildungen:
Georg Kolbe-Max Slevogt
Graf Leopold von Kalckreuth-Etta beim Frühstück
Oswald Poetzelberger-Traum

Kunstartikel


Als der Genfer Philosoph und Mystiker Amiel vor mehreren Jahrzehnten den Satz prägte: „Die Landschaft ist ein Seelenzustand“, sprach er einen Grundgedanken des impressionistischen Idealismus aus. Das Wort „Landschaft“ in dem angeführten Satze ist in einem doppelten Sinne gemeint. Es bezeichnet erstens die Landschaft als Naturgegebenheit und zweitens die Landschaft als Motiv und Objekt künstlerischer Darstellung. Aber beidemale will der Satz sagen, daß das Wesentliche an der Landschaft die bestimmte Seelenschwingung sei, die das Erblicken und künstlerische Gestalten eines landschaftlichen Gefüges begleitet.

Was ist vom heutigen Standpunkt aus zu diesem Satze zu sagen?

Er enthält ohne Zweifel eine wichtige Teil-Wahrheit. Alle sinnlichen Eindrücke treffen den Menschen nicht als einen bloßen Registrier-Apparat, sondern sie begegnen in ihm einem mitschwingenden Element; ja einem Element, das nicht nur mit schwingt, sondern auch so viel eigene Schwingung hat, daß sich Objektives und Subjektives darin nicht immer genau trennen lassen. Es gibt ohne Zweifel einen wesentlichen subjektiven Bestandteil in allem, was wir von der Welt sehen, hören und wissen.

Wenn also ein Mensch sagt, die Landschaft ist ein Seelenzustand, so stellt er eine Wahrheit, mindestens eine Teil-Wahrheit fest. Aber er tut zugleich noch etwas anderes: erzieht diese Teil-Wahrheit in sein Bewußtsein und zwar so, daß sie das Bewußtsein völlig ausfüllt. Wer sich selbst vorsagt: die Landschaft ist ein Seelenzustand, der drängt eben dadurch die objektiven Bestandteile des landschaftlichen Wesens in den Hintergrund. Er erklärt dadurch, daß er sich nur mit der Spiegelung der Landschaft, mit der durch sie erregten Seelenschwingung abgeben und die Frage nach dem realen An-Sich der Landschaft beiseite schieben wolle. Er zieht sich auf eine Gegebenheit in seinem Ich zurück und spricht dem Draußen die Wirklichkeit ab.

— Gewiß ist die Landschaft unter anderem auch Seelenzustand. Gewiß trifft alles Äußere auf ein lebhaft antwortendes und verarbeitendes Element in uns, und insbesondere die Verwandtschaft der äußeren Natur zur Menschenseele (also die „Seelenhaftigkeit“ der Landschaft) kann nicht bestritten werden. Aber das kann nicht bedeuten, daß die Spiegelung das Ganze und das Reale der Landschaft sei. Goethe drückt die erwähnte Verwandtschaft tief und schön in dem Worte aus: Wär’ nicht das Auge sonnenhaft — Die Sonne könnt‘ es nicht erblicken! Wie klar gibt dieses Wort die inwendige, wesenhafte Beziehung des Auges zum großen Gestirn an! Aber wie deutlich hält es auch das Bewußtsein von der objektiven Wirklichkeit „Sonne“ fest! Und sehr bezeichnend ist es, wie man in neuester Zeit dieses Wort glaubte umprägen zu müssen. Es lautet nämlich in der Fassung, die ihm Fritz Mauthner gegeben hat: „Wär‘ nicht die Sonne augenbaft — das Auge könnt’ sie nicht erblicken!“

Das scheint von weitem mit dem Goethe’schen Satz übereinzustimmen. Aber in der Nähe gewahrt man sofort, daß hier ein grundlegender Unterschied gegeben ist. Goethes Wort geht von der großen Tatsache „Sonne“ aus und setzt zu ihr das menschliche Auge in Beziehung. Mauthners Satz geht vom Auge aus und setzt zu ihm die Sonne in Beziehung, bringt also irgendwie das ewige, lebenspendende Gestirn auf das enge menschliche Maß.

Genau so verfährt der, dem an dem Sachverhalt „Landschaft“ nur der Reflex im Ich, also der „Seelenzustand“ wichtig ist: er vernachlässigt die objektiv-gesetzlichen, vom Ich unabhängigen Bestandteile dieses Sachverhalts und verkürzt damit sein Weltbild um ein sehr wesentliches Element. Da muß auf die Dauer das Gefühl für die Doppelpoligkeit des Weltbildes schwinden und der eine, der Ich-Pol, zur Überbewertung kommen. Wir haben diese Konsequenz in der Malerei sich entwickeln sehen. Der frühe Impressionismus brachte, indem er von dem blinden, stumpfen Objektglauben des Realismus und Naturalismus abrückte, jene bezaubernden Schöpfungen hervor, in denen die Landschaft sich geistig und subjektiv durchleuchtete. Da hielten sich das Gefühl der subjektiven, schöpferischen Freiheit und das Gefühl der Bindung durch das Objekt noch die Wage. Der spätere Impressionismus drängte die subjektiv – seelischen Elemente des Weltbildes schon sehr stark in den Vordergrund, und der Expressionismus brachte sie zu völliger tyrannischer Alleinherrschaft.

In ungehemmter Willkür schaltete das Ich des Künstlers mit den Formen, uneingedenk der uralten Tatsache, die mit der Welt zugleich gesetzt ist: daß jede Form etwas Bestimmtes bedeutet. Es ist das physiognomische Grundgesetz der Schöpfung, daß alle Gestalt eine bestimmte Bedeutung hat und daß von jeder Form auf einen bestimmten Inhalt geschlossen werden muß.

Landschaft ist Seelenzustand, ja. Aber hart dabei ist sie ein Formengefüge eigenen Rechts und eigener Realität, in dem ein bestimmter, von der Willkür des Ichs unabhängiger Inhalt zutage tritt. Das geordnete Gefüge „Landschaft“ entsteht, wenn man so will, auf der Netzhaut unseres Auges und unserer Seele, d. h. es wird an dieser Stelle Gegenstand unserer Welt und Wahrnehmung. Aber es ist doch nur ein Auffassungs- und Zueignungsakt, was an dieser Stelle geschieht, nicht ein Stiften, nicht ein Schaffen. Jener Satz von Amiel gibt um kein Haar mehr an, als die Relation des Menschen zu einer Wirklichkeit, nicht aber diese Wirklichkeit selbst. Es ist daher idealistische Illusion, zu sagen: Die Landschaft ist ein Seelenzustand. Sie kann, nachdem sie schon lange Landschaft, d. h. geheimnisvolle Naturwirklichkeit ist, zum Seelenzustand werden, aber nie wird der Mensch der Täuschung verfallen dürfen, daß die so erregte Seelenschwingung das Ding sei.

Ich fasse zusammen: Die Landschaft ist ebensowenig mein Seelenzustand, wie die Welt meine Weltanschauung, das Leben meine Lebensauffassung, das Ding mein Dingbegriff ist. In der Landschaft wie in der Welt, im Leben und in jedem Ding gibt es eine objektive Gesetzlichkeit und Wirklichkeit. Nicht wir haben die Ordnung und den Sinn in der Schöpfung gestiftet, sondern umgekehrt: Wir sind in Ordnung, wir erhalten uns im Sinn, weil Natur und Leben ständig ordnend und sinnvoll auf uns einwirken.

An dieser Stelle stehen wir heute. In dieser Weise ist das Wort, von dem wir ausgingen, heute überholt. Denn nicht unser Weltbild kritisch zu zersetzen, ist unsere Aufgabe, sondern die, ihm den Begriff der Wirklichkeit und den Glauben an sie zurückzuerobem. W. Michel.

Verzeichnis der Abbildungen:
Carl Schwalbach-Morgen am Brunnen
Franz Barwig-Jüngling-Holzplastik
Georg Kolbe-Kaukasierin
Georg Kolbe-Raumgestaltung
Georg Kolbe-Russin
Professor Wilh-Raumgestaltung

Kunstartikel


Wie lautet die Lebensfrage der Kunst? Oder besser: Wie lautet die Antwort auf die Lebensfrage der Kunst? Sie lautet genau so, wie die Lebensfrage beim Einzelmenschen lautet: Erfülle dein Schicksal! Und das gilt für den Künstler so gut wie für den Kunstfreund. Was heißt das?

Es heißt zunächst: Erfülle dein Schicksal. Fliehe nicht vor deinen Lebensbedingungen, auch nicht vor den Mängeln deiner Lage, sondern lebe sie entschlossen durch. Da erfüllt seit Jahrzehnten eine tolle Vielheit von Kunstmeinungen mit Lärm unser Ohr. Warum auch nicht? Es steht uns ja alles offen, was die menschliche Kunst je und je geleistet hat. Jahrhundert um Jahrhundert erschließt sich unserem Blick; so können wir mit Hilfe historischen Materials jede beliebige Kunstmeinung stützen und beweisen. Aber kommt es darauf an? Haben alle die tausend Kunstmöglichkeiten, die die Menschheit schon durchlebt hat, für uns irgend einen Wert?

Nein; denn auf das Erfassen der konkreten Augenblickslage kommt es an. Es kommt geradezu darauf an, über die Vielheit der Möglichkeiten hinaus zur Einmaligkeit des jetzt und hier gebotenen Handelns zu gelangen. „Jetzt“ und „Hier“ — das sind die beiden großen Zauber-und Schlüsselworte der Geschichte; auch der Kunstgeschichte. Kunstschaffen ist jedesmal Tat, nicht Meinung oder Betrachtung; Tat aus den Erfordernissen des Augenblicks, Tat, die den bloß Betrachtenden fast immer verletzt, die der Tradition fast immer wehetut und selbst die Logik kränkt — und die gerade dadurch beweist, daß sie eine Notwendigkeit und die richtige Entsprechung zur gegenwärtigen Weltstunde ist. Es gibtnichts Demütigenderes für unser stolzes Verstandesurteil, als die Tatsache, daß fast jede neue Kunstwahrheit in ihren Anfängen einem Unsinn täuschend ähnlich sah. Es war immer leicht, sie mit guten Gründen zu widerlegen; aber immer ist das Neue, wenn es in der Zeit wahrhaft verankert war, mit diesen Gründen und allen Widerlegungen fertig geworden.

Und ist das nicht ein Glück? Gibt es etwas Herrlicheres für den wirklich lebendigen Menschen, als wenn in den großen geschichtlichen Wendungen sein Voraussehen oder gar seine Verstandesansprüche nicht erfüllt werden? Wenn eine andere Kraft, das Leben selbst, ihm entgegentritt und aus einer fremden, ungeheuren Phantasie das gänzlich Unerwartete zutage bringt?

Das Widersinnige ist der eigentlich wertvolle, der kostbarste Bestandteil der Geschichte. Denn in diesem Bestandteil wirft sich unsrer Vernunft jenes Fremde entgegen, das die Welt erst wirklich zur Welt macht. Gerade das Kunstgeschehen zeigt uns diesen fremden Bestandteil sehr oft. Und keine kleine Eitelkeit sollte uns hindern, das geheime Entzücken einzugestehen, das wir empfinden, wenn es nicht nach unserem Kopf gegangen ist, wenn das Leben aus eigener Macht eine neue Wendung genommen hat, die uns selber neuen Boden, neue Kraft und Geistesfreude schenkt.

Lebensfrage der Kunst ist es, aus den echten Notwendigkeiten des Augenblicks die dunkle, rettende Tat zu tun. Aber für den Einzelmenschen ist es eine Lebensfrage, sich stets soviel Schwung und Vertrauen zu bewahren, daß er den Wendungen des Kunstgeschehens mit Frische folgen kann………… o. l.

Verzeichnis der Abbildungen:
Lothar Bechstein-Zwei Akte
Paul Plontke-Mutter und Kind
Richard Klein-Das Leben

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Bei der Übernahme des Rektorats der Technischen Hochschule Stuttgart hielt Prof. K. Schmoll von Eisenwerth eine bemerkenswerte Rede über die Stellung der Kunst im geistigen Leben unserer technischen Zeit. Aus dem bei A. Bonz’ Erben Stuttgart erschienenen Sonderdruck geben wir die Schlußsätze wieder.

„Den heutigen Rationalismus direkt zu bekämpfen dürfte erfolglos sein. Und zwecklos dürfte es sein, die Welle veräußerlichter Empfindung niederdrücken zu wollen; sie zu lenken und zu veredeln, scheint mir die wichtige Aufgabe der Erziehung.

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