Kategorie: Kunstartikel

Mit dem menschlichen Sehen hat es eine eigenartige Bewandtnis : denn es verändert sich mit den Zeiten und Persönlichkeiten. Der Urmensch sah die Dinge anders als wir, der Idealist anders als der Realist, der Dichter anders als der Realpolitiker, Das Weltbild des einen ist dem andern eine fromme Lüge oder ein Truggebilde. Die Linien und Farben der Natur verwandeln sich ebenso mit jedem Künstlerauge, das sie erschaut.

Wer hinter seiner Zeit zurückblieb und die Welt mit den Augen des Idealisten erblickt, wahrend die andern dem Realismus huldigen, der erscheint seinen Zeitgenossen als ein Unwahren Das gleiche geschieht mit dem, der seiner Zeit voraus eilt. Es ist in dieser Hinsicht ein schlimmes Geschick des echten Künstlers, daß er von Natur dazu bestimmt ist, auf Grund der Eindrucksfähigkeit seiner Sinne stets einen Schritt voraus in die Zukunft zu tun.

Daher gilt der Künstler den Zeitgenossen leicht als unaufrichtig. Je aufrichtiger er die eigene Sinnesart ausdrückt, desto mehr lügt er — nach der Meinung der anderen. Zu seiner moralischen Ehrenrettung hat man sogar versucht, ihn als — verrückt zu bezeichnen. Denn nur dem Narren ist es gestattet, von der Sinnesart anderer abzuweichen, — ohne zu lügen.

Curt Bauer.

Bildverzeichnis:
Wassili Schuchajew-Grüner Pfeffer

Siehe auch:
Die Kunst vor Gericht
Moyssey Kogan
George Minne
Wirtschaft und Kunst
Eindrücke von der Brüsseler Welt-Ausstellung
Bernhard Hoetger-Bildhauer
Georg Kolbe-Bildhauer
Eine Deutsche Welt-Ausstellung?
Haus „Rheingold“ in Berlin
Wettbewerb für das Bismarck-National-Denkmal
Sascha Schneider auf der Dresdner Kunstausstellung
Otto Greiner
Modelle zum Völkerschlacht-Denkmal
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Krieger-Denkmäler
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem
Sascha Schneider-Bildhauer und Maler
Die Wiener Plastik und Malerei
Vom Vorstellen und Gestalten des Kunstwerks
Anton Hanak-Bildhauer
Hermann Geibel-Bildhauer
Ausstellung Richard Teschner-Wien 1920
Gaston Béguin
Max Klinger-Dem Grossen Toten
Etwas über Kunstbesitz
Russische Kunst

Kunstartikel

Wir durchblättern die pompösen Hefte der „Jar Ptitza“, jener russischen Kunstzeitschrift, die in Deutschland erscheint, um die Sehnsucht des über den ganzen Erdball verstreuten russischen Emigrantenheeres zu lindern, seinem Weh nach dem verloren gegangenen Heim, dessen einen Teil die Kunst jener Epoche bildete. Es geht also vornehmlich um die Kunst der Vorkriegszeit und um die Welt, die diese Kunst besingt.

Es handelt sich um die Gruppe des „Mir Iskusstwa“. Sie Impressionisten nennen, hieße auf ihre Schwächen hin weisen und gerade das Stärkste an ihnen verschweigen. Kaum jemand von dieser Gruppe, jedenfalls niemand von den Prominenten oder den auch im Ausland bekannt Gewordenen darf diesen Namen im Sinne der Franzosen tragen, kaum jemand befolgt die Methoden der wirklichen „Impressionisten“, Bis auf die kleine Gruppe der Neo-Cezannisten verschmähten es, scheint es, die russischen Maler von jeher, die Malerei nur um der Malerei willen zu betreiben; sie waren alle irgendwie Ideenmaler, bestimmt von irgend einem „literarischen“ Zwang, Seien es die Genremaler, seien es die politisch-bürgerlichenTendenzmaler vom Ende des vorigen Jahrhunderts, seien es die Archäisten, die modernen Historienmaler oder die extremen Theoretiker, die Konstruk-tivisten, die Suprematisten, Sie hatten immer den Kopf voll und das Herz übervoll, und ihre Hände gehorchten meist mehr ihrer Dichterphantasie als ihrem Malerauge,

Ssomow, der in Deutschland geschätzteste Maler Rußlands, der so zaubervolle Aquarelle geschaffen, kultiviert und raffiniert in der Technik der Wasserfarben, führt bis auf den heutigen Tag einen immer erbitterten, doch gleich unglücklichen Kampf mit dem Öl. Kustodjew, der verliebte, unermüdliche Schilderer russischer saftiger, üppiger Szenen aus dem Volks- und Moskauer Kaufmannsleben, hat eine Mal weise, die man barbarisch und roh nennen kann. Und diese selbe Bezeichnung verdienen so manche Russen, die trotzdem ganz ausgezeichnete und interessante Künstler sind, Von Ilja Repin, dem überragenden Haupt der „Wanderaussteller“ und Lehrer all der Mir-Iskusstwa-Leute, der neben hochanständig gemalten prachtvollen Kompositionen, klug, eindringlich und vertieft auf-gefaßten Porträts — so manche ganz unbegreifliche „Schinken“ zustande gebracht hat, die mit unglaublicher Geschmacklosigkeit gemalt sind — bis auf so manche, die erst in jüngster Zeit, und sogar in Paris zu Ehren gekommen sind, — Erfrischend und erquickend wirken, gerade durch ihren „barbarischen“ Ursprung und ihre Ursprünglichkeit, in ihrer Farbenfreudigkeit und durch ihren wirkungssicheren Farbensinn all die dekorativen Maler, die stark in der nationalen Volkskunst wurzelnd, von Lubock kommend, scheinbar naiv und draufgängerisch sich im Farbenrausch austoben. Dieser Natur, dieser Kraft verdanken die schönsten russischen Bühnenbilder ihr Dasein.

Eine führende Rolle spielt hierin Natalia Gontscharowa mit ihren ungemischten, flächig aufgetragenen Orgien von Gelb, Orange, Zinnober, Rot, Blau, Grün, Violett. Unerschöpflich, produktiv, humorvoll ist Ssudejkin, vernarrt in die russische Romantik und das russische Volksleben (ein ins üppig Russische, Schaffensfreudige übersetzter Scheurich), mit Behagen und Witz in zahllosen Kompositionen sich austobend. Remisow, der hier gezeigt wird, ist ein von Ssudejkin abhängiger, nach-schaffender Künstler, Nikolaj Roerich, der in Rußland, England und Amerika hochgeschätzte Künstler, den man allenthalben als konzentriert russischen Mystiker abgestempelt hat, ist, trotz aller Farbigkeit und all der Bilder aus dem vorgeschichtlichen Rußland, vielleicht viel mehr Schwede, der er seiner Abstammung nach ist.

Kunstartikel

Das moderne Italien hat seinen höchsten Ruhmes-Titel vielleicht auf dem Gebiete der plastischen Kunst zu verzeichnen. Die Skulptur hat namentlich in Ober – Italien, in Piemont und in der Lombardei, eine Entwickelung erfahren, welche ihr eine Stellung in der vordersten Reihe europäischen Kunst-Schaffens sichert. Ja es sind dort sogar zwei Schulen von ausgeprägter Eigenart entstanden: der »malerische« Realismus, wie er in Paul Troubetzkoy seinen Meister anerkennt, und der Idealismus, wie ihn Leonardo Bistolfi vertritt. — Wenn die Plastik der Gegenwart in Auguste Rodin den mächtigsten Beschwörer des Lebens und des von Leidenschaften gequälten Fleisches ihr eigen nennt, wenn ihr Konstantin Meunier die endgültigen Ausdrucks-Formen für das fiebernde Treiben unserer industriellen Epoche gegeben hat; wenn sie in Paul Troubetzkoy — der zwar auch russisches Blut in den Adern hat, aber der Geburt, Erziehung und Ausbildung nach durchaus Italiener ist — wenn sie in Troubetzkoy den ausschlaggebenden Impressionisten erblickt, so wurde sie von dem anderen italienischen Meister, von Leonardo Bistolfi, bereichert durch eine feine, poetische Vergeistigung und durch ungewöhnliche gedankliche Vertiefung.

Bistolfi ist geboren in Piemont, zu Casale Monferrato bei Turin im Jahre 1859. Sein Lebenslauf bietet keine bemerkenswerten Ereignisse, es sei denn in den einzelnen Etappen seiner geistigen Entwickelung: er studierte einige Zeit an der Mailänder Akademie, dann an derjenigen zu Turin, wo er seine Ausbildung beendigte und jetzt auch seine bleibende Heimat gefunden hat.

Das, was bei Betrachtung des Werkes Bistolfi’s am schärfsten hervortritt, ist, dass seine plastischen Schöpfungen alle aus einem Bedürfnisse nach gefühlsmässigem Ausdrucke, aus Poesie hervorgegangen sind, nicht aber aus technischen Neigungen oder aus der einfachen Liebe zur Form. Dieser unerschöpfliche Reichtum an poetischem Inhalte stellt sein Werk auf eine Stufe, welche nur von wenigen seiner Kunst-Genossen erreicht wurde.

Und was vom Gedanken – Gehalte gesagt wurde, das gilt auch von der materiellen Form: sie ist unabhängig vom Einflüsse der akademischen Schul – Manier, sie ist durchaus selbständig, aufrichtig, ebenso verfeinert als vernünftig. Eine Natur, die ganz aufgeht in einer ausser-gewöhnlichen Sensibilität, die ganz erfüllt ist von den schwersten Problemen des Lebens, eine feurige, leidenschaftliche Seele, dabei aber von einer unverfälschten Aufrichtigkeit des Empfindens: so vermochte er der plastischen Kunst einen neuen Geist einzuhauchen.

Er begann als sentimentaler Realist, anschliessend an Cremona, den grossen Mailänder Maler, auf den auch der Impressionismus Troubetzkoy’s zurück geht. Dann machte er eine radikale Periode durch, welche die Bürger entsetzte: eine Gruppe von »Wäscherinnen« wurde wegen ihrer unerbittlich-ernsten, derben Realistik als anstössig abgelehnt. Allein in einer Serie kleiner Gruppen mit ländlichen Sujets zeigt er schon bald die späteren Haupt – Karakter-Züge seiner Kunst: den Sinn für die Poesie des Freilichts, für die malerische Erscheinung der plastischen Form. Für Bistolfi ist die plastische Form untrennbar von der Luft, welche sie umhüllt, und auch von der Farbe, welche sie schmückt.

Kunstartikel

Deutsche Zukunfts-Architektur auf der Turiner Ausstellung.

Unsere Öffentlichkeit, natürlich nur die der bevorzugtesten Gebildeten, erfährt jetzt vielleicht zum ersten Male, dass man nur ganz oberflächlich und schwächlich redet, wenn man von einer »neuen Kunst« spricht. Es sind tiefer strömende, ernstere Gewalten, die sich ein Bett suchen im festen Land europäischen Kulturlebens und denen in der »neuen« Kunst nur eines ihrer Mittel, freilich das mächtigste und edelste, zubereitet wird.

Wenn man schöpferische deutsche Bau-Kunst kennen lernen will, eine Bau-Kunst, die mehr ist als geschickte und geschmackvolle Anwendung gelehrter Forschungen, so muss man Projekte und Ausstellungen studieren. Die deutsche Kultur ist noch lange, lange nicht reif genug, ist noch viel zu sehr kleinstaatlichängstlich, ist noch viel zu wenig »grossdeutsch« , um die hohen Gedanken kühner Baumeister in Thaten umsetzen zu können.

Es ist eigentlich gar nicht zu verwundern, dass es so ist und dass man einstweilen in deutschen Ländern und Ländchen das biedere Gelehrt-Thun, die wackere Altertümelei, die archaeologische Wissenschaftlichkeit noch höher schätzt: das ist so die Art kleiner Bürger in kleinen Gemeinwesen, das hat sich weiter vererbt und schwindet nur ganz allmählich.

Im »grösseren Deutschland«, das die politische und geistige Jugend dieses nach kulturellen Thaten heiss verlangenden Volkes erringen will, wird es anders sein. Wie es sein wird, davon gibt uns die Turiner Ausstellung eine Ahnung. Das »Rückgrat« der deutschen Abteilung wird hier durch eine Flucht grösserer Räume gebildet, welche mit dem Hamburger Vestibulum von Peter Behrens beginnt; daran schliesst sich der Kaiser Wilhelm-Saal von Billing, von dem aus sich nach links ein von Kandelabern flankiertes Bogen-Thor in den preussischen Repräsentations-Raum von Bruno Möhring öffnet.

2. Reich Kunstartikel