Kategorie: Kunstartikel

Unmaßgebliche Meinungen zur Sprache und Kunst.

Wenn man sich einmal auf Etymologie eingelassen hat, merkt man erst, wie schwer es ist, über den Menschen zu schreiben. Man denkt, wer weiß wie weit gekommen zu sein, wenn man sich davon überzeugt hat, daß der Mensch zwei Geschlechter und zwei Lebensalter hat. Aussprechen läßt sich solche Überzeugung leicht; aber sie sich so zu eigen machen, daß man danach leben kann und daß man danach Kranke behandeln muß, ist nicht leicht. Für den Deutschen geht es noch eher, sich bei dem Worte Mensch je nach Belieben einen Mann, ein Weib oder ein Kind vorzustellen. Aber wie macht es der Engländer, für den der Mensch man ist, der Franzose, der Italiener mit homme, uomo? Haben sie eine Neigung, ein menschliches Wesen so lange für einen Mann zu halten, bis sie es als Weib (woman — wifman, femme — femina = die Säugende) „erkennen“?

Im Griechischen ist Mensch anthropos, das Wort wird mit maskulinem Artikel für beide Geschlechter gebraucht. „He anthropos“ ist die Hure, ähnlich wie das jetzige Deutsch, übrigens erst seit kurzer Zeit, „das Mensch“ sagt, wenn eine anrüchige Frau bezeichnet werden soll; noch vor zwei Jahrhunderten war jede Frau das Mensch, und der Franzose spricht noch immer unbefangen von ma chose, wenn er von seinem Weibe erzählt. Die erste Silbe geht auf die fruchtbare Wurzel men, man — meinen zurück, von der bald die Rede sein wird; die Sachverständigen sagen, anthropos sei eine Zusammensetzung von menthere = Stirn und ops = sehen. Meine eigne Vermutung, daß die beiden letzten Silben aus der Wurzel thor (flog) (thoros = männlicher, menschlicher Samen) gebildet sind, gründet sich nur auf die Tatsache, daß sich das Wort throsko = springen, bespringen, befruchten, aus der Wurzel thor herleitet.

Ein besonderes Verfahren hat die dänische Sprache befolgt, dem Dänen ist der Mensch eine Sache — et menneske —, ein Neutrum, während der Schwede sogar so weit geht, dem Menschen als Lebewesen einen weiblichen Charakter zu geben, människa ist bei ihm nicht ein „han“ (er), sondern eine „hon“ (sie). Die beiden nordischen Wörter zeigen schon in ihrem Klang, daß auch für die germanischen Sprachen der Mann Symbol des menschlichen Lebewesens ist. Das deutsche Mensch ist ein Substantiv gewordenes Adjektiv, lautet ursprünglich „männisch“, also Mann.

In gewisser Beziehung ist es erklärlich, warum gerade der Mann als Vertreter des Menschlichen gebraucht wird: wir sind sehende Wesen, in großer Entfernung nun entscheidet die Bewegung des gesehenen Gegenstandes, ob es sich um ein Lebewesen handelt oder nicht, und die aufrechte Haltung, ob es ein Mensch ist oder ein Tier; erst in der Nähe, eigentlich an der Kleidung sieht man den Geschlechtsunterschied, ja völlig sicher wird man oft erst durch die erkennende Umarmung. — Was sich aufrichtet, aufrecht steht, sich aufrecht bewegt, ist durch das Symbol männisch bezeichnet, und das Symbol entscheidet so für den Mann. „Mann“ nun stammt von der Wurzel „men“, die denken bedeuten soll. Danach wäre Mensch — wenigstens der männliche Mensch — das denkende Lebewesen: der zwiegeschlechtige Organismus im Besitz beider Lebensalter, begabt mit der Fähigkeit zu denken.

Plötzlich stehen wir vor der Grundlage unsrer heutigen Kultur, all unsrer Philosophie, Wissenschaft, Religion, Lebensauffassung und Lebensführung: der Mensch denkt, er allein denkt, kein andres Wesen tut es; die Zweifel, ob nicht auch Tiere, Pflanzen, ja womöglich Atome, Ione, Elektrone denken, oder die andern, ob das Denken nicht dazu da ist, um jedes Erkennen zu verhindern, haben keine Bedeutung in unserm Leben; wir spielen mit diesen Zweifeln, sonst nichts.

Trotzdem, die Zweifel sind da, verstärken sich immer mehr, von allen Lebensgebieten aus erheben sich Bedenken gegen die Tyrannei des Denkens. Und da kommt es uns Mystikern zu Paß, wenn die Etymologen erzählen: Denken ist „machen, daß etwas scheint“, es beschäftigt sich nicht mit dem Wahren, sondern will wahr scheinen lassen, was gut dünkt.

Es handelt sich für mich nicht darum, etwas gegen das Denken zu sagen. Niemand ist so blind zu verkennen, was der Mensch dem Denken schuldet. Aber welch eine Weisheit des Sprach-Unbewußten, schon vor Jahrtausenden das Einseitige, Absichtliche, völlig Subjektive, Dogmatische dieser Funktion des Menschen festgelegt zu haben! Die Sprache ist ehrlich geblieben, sie gibt zu verstehen, daß uns das Denken zu belügen sucht, wir aber machen uns im Gebrauch der Sprache selbst zu Unehrlichen, wenn wir das Denken rein nennen. Ich freue mich, daß das Wort Mensch nichts mit Denken zu tun hat, sondern mit Meinen; Meinen kann auch der ehrliche Mensch, im Denken liegt das Überzeugenwollen, das Haschen nach Vorteil. Und es ist wohl kaum noch ein Zweifel daran: wir Europäer haben genug gedacht, wir sollten zum Meinen zurückkehren.

Mitunter hat die Kunst versucht, den denkenden Menschen darzustellen; gemeinsam ist diesen absichtlichen Darstellungen die Mühe, die das Denken nach Ansicht der Kunst bereitet. Meist werden Denker sitzend abgebildet, zusammengekrümmt und offenbar dringend damit beschäftigt, etwas aus sich herauszupressen. Damit man nicht auf den Gedanken kommt, es handle sich um einen ganz andern alltäglichen mitunter recht schweren Vorgang des Hervorbringens, sondern um eine Arbeit des Schädels, legt man den Kopf mit dem Kinn, als ob er schwer sei, in die Stütze der Hand. Dieselbe Gewißheit, daß nicht eine Tätigkeit in den Regionen des Bauches vorgeführt werden soll, ergibt sich daraus, daß die Beine übereinander geschlagen sind: die in Betracht kommende Öffnung ist verschlossen. Die Kunst hält ebenso wie die Sprache das Denken für etwas gewollt Einseitiges; es ist nicht ein Streben nach Wahrheit, sondern der Wunsch, etwas Gedachtem den Schein der Wahrheit zu geben.

In Florenz ist ein Bildwerk des Michelangelo zu sehen, das der Volksmund il pensiero (der Gedanke) genannt hat; es ist die Grabmalfigur des jüngeren Lorenzo di Medici. Wir sind gewöhnt, pensare mit denken zu übersetzen, aber ich bezweifle, daß ein Deutscher dieses Denkmal mit dem Wort „der Gedanke“ bezeichnet hätte. Lorenzo sitzt freilich auch, er stützt sein Kinn mit der Hand, aber jede Spur des Krampfhaften, mit dem die heutige Kirnst den Denker auszustatten pflegt, fehlt; pensare (von pendere) schließt das Absichtliche des Denkakts aus, es ist ein Erwägen, der Kopf wird eher festgehalten als gestützt, das Pendeln, Wackeln soll verhütet werden.

Der Mensch als Symbol Kunstartikel

Unmaßgebliche Meinungen zur Sprache und Kunst.

In den zehn Jahren, die seit meinen letzten Mitteilungen über die Arbeitshypothese vom Es des Menschen verstrichen sind, hat sich nichts ereignet, was mich veranlassen könnte, diese vielfach erprobte Betrachtungsart aufzugehen oder etwas Wesentliches daran zu ändern.

Die Behauptung, daß alles Menschliche von diesem in unaufklärbares Geheimnis gehüllten Wesen abhängig ist, halte ich aufrecht, und ebenso bleibe ich dabei, daß niemand in die Tiefen des Es hineinschauen kann.

Dagegen kann ich einiges von jenen Formen des Es erzählen, die bisher wenig besprochen worden sind. Ich halte es auch für notwendig zu betonen, daß eine dieser Formen das Ich ist. Wie ich mir das denke, habe ich in dem „Buch vom Es“ soweit mitgeteilt, als ich es konnte.

Eine andere Form des Es, die mir zugänglicher ist, möchte ich als das Zwiefache des Es bezeichnen: Alles Menschliche läßt 6ich als zugleich männlich-weiblich und kindlich-mannbar betrachten.

Etwas Weiteres ist die Erfahrung, daß das Es sich ebenso selbständig und ebenso gegenseitig abhängig in dem Leben des Gesamtmenschen wie in den Teilen dieses lebenden Menschen offenbart, oder um es anders auszudrücken: Es hat den Anschein, als ob zwischen dem Ganzen des Menschen und der Zelle oder noch kleineren Wesen, dem Gewebe, dem einzelnen Organ oder Körperteil ein ähnliches Verhältnis bestände, wie es in den Begriffen Makrokosmos und Mikrokosmos in früheren Zeiten für das All und den Teil angenommen winde.

Schließlich ist das Symbolische, das alle menschlichen Lehensbeziehungen begleitet, Form des Es.

Der Mensch als Symbol Kunstartikel

Verzeichnis der 93 Abbildungen unten.

Die Zeiten, in denen griechisch-römische Kultur als höchstes Ideal und als einziges oder doch vornehmstes Bildungsmittel erschien, sind vorüber; die Gegenwart hat es gelernt, auf eignen füßen zu stehen. Wenn wir aber auch von antikem Wesen nicht mehr direkt abhängig sind, so werden wir uns doch hütten müssen, die Beschäftigung mit dem Altertume überhaupt als antiquiert und unnütz zu erklären.

Antike Kunst bietet bietet so viel herrliches und Großes, antike Technik so viel Herrliches und Großes, antike Technik so viel erstaunlich Durchdachtes, antikes Privatleben so viel liebenswürdiges Anheimelndes, daß wir der alten Kultur nie den Rücken wenden dürfen. Wir haben aufgehört, direkt praktisch von Griechen und Römern zu lernen – wenigstens bis zu einem gewissen Grade; wenn wir sie näher kennen lernen, sie zu lieben. Recht wenigen freilich, ist eine solch eingehende Beschäftigung mit dem Altertume möglich; allen denen aber, die der antiken Welt nicht durch eigne Studien nahe stehen, soll hier, soweit es auf engen Raume möglich war, ein Bild jener Kultur gegeben werden, der nicht nur unser deutsches Volk, sondern ganz Europa und die ganze europäische Welt ihre Bildung verdankt.



Abbildungen Kunstartikel


Man dürfte kaum von Monumentalwerken irgendwelcher Art einen starkem, nachhaltigeren und beglückenderen Eindruck erhalten als von den Monumentalfenstern der alten französischen Dome. Alles was die wundervolle Zeit der Frühgotik an künstlerischen Werten besaß, findet sich auf ihnen vereinigt. Was es nur gab an wuchtiger Gliederung, an phantasievollster Ornamentik der Architektur, an Farbenzusammenstellung und Zeichnung der Fresken und Miniaturen, an Formrhythmus der Figurenplastik, alles fand sich zusammen in Glas, Blei und Zeichnung. Und doch waren jene Künstler weder Götter noch Giganten, sondern sehr menschliche Menschen. Weil aber das Leben für sie so bewegt und voller wechselndster Ereignisse war, schufen und fanden sie in ihrer Kunst eine Art Festland, das gleich wie die Religionsübung durch Regeln bestimmt war. Vorschriften sich zu widersetzen fiel wohl kaum einem dieser Individualisten ein, denn sie waren ihnen eigentliches Bedürfnis, wie auch alle frühmittelalterliche Formalistik, die, von Symbolik durchtränkt, immer die lebendige Ahnung Gottes war. Ein jeder Strich, ein jeder Hieb im Dienste der Kunst war dem Sinn nach religiös, d. h. entsprang dem Bewußtsein eines sym bolischen Wertes aller Kunst. Ein Realismus, wie wir ihn verstehen, wäre ihnen unverständlich gewesen, weil die Erscheinungen der Natur zu mannigfaltig und deshalb für profan galten.

Es war jenen Menschen aber eine Lust, in der Natur immer das Eine lebendig zu wissen, nämlich das Wort, das den Erscheinungen erst Bedeutung verlieh. So ist es denn auch weiter natürlich, daß in Plastik, Zeichnung und Malerei die Form, die Linie, die Farbe bei allen offenen Blicken für jedes Geschehen ein Eigenleben gewannen und absolute Kunst wurden, weil sie als Abstraktionen der Natur sich der Bedeutung des Gegenstandes zu gleich bewußt wurden. Durch diesen rein geistigen Antrieb gestaltete sich das Kunstwerk überaus einfach ; niemals spielte es mit bloß ästhetischen Effekten, sondern hielt sich an die Mittel, welche symbolischen Wert hatten.

Die an sich so primitive Technik der Glasfenster kam der Natur dieser Gestaltungsweise außerordentlich entgegen. Die im Glas schon gegebenen wenigen Farben — es waren deren nur fünf bis sechs — enthielten gleichsam eine Tonleiter; nun war nur noch zu musizieren, d. h. rhythmisch und harmonisch zu gestalten. Eine riesige Fläche erhielt nun intensivstes Leben durch einfache Zusammensetzung dieser kostbaren Gläser und durch Schaffung reichster, immer wieder neuer ornamentaler Formen und architektonischer Glieder. Niemand war seither imstande, ähnliche Wunderdinge nur annähernd zu erreichen; dem prüfenden Auge eröffnet sich hier eine unausschöpfbare Welt von mystischer Wirkung, die rein nur durch feinst empfundene Farbenverteilung erstanden ist.

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