Stark und tief ist die Liebe zum Wald bei den germanischen Völkern. Wie ein Erinnern an die frühere Waldheimat, in der die Vorfahren dieser Völker lebten, so klingt es immer wieder in Lied und Sage, Mythe und Märchen. Der nordische Mensch hat einen angeborenen Sinn für das Wesen und die Eigenart der Natur und mit ihm auch ein reines und unmittelbares Verständnis für das Wunder des Lebens, das sich im Wald demjenigen offenbart, dem es gegeben ist, dieses Wunder wahrzunehmen. Wir sehen in ihm ein lebendiges Ganzes, wenngleich wir im einzelnen nicht immer das Zusammenklingen zur großen Hymne des Lebens erkennen. In seinen Heimat- und Feierliedern hat der nordische Mensch immer aufs neue das große Erleben um das Geheimnis „Wald“ zu deuten versucht. Ob er von den „ewig singenden Wäldern“ spricht, von seiner „Wahlheimat“ erzählt oder von den „heiligen Seen und Wäldern“ singt, „die über die Grenzen stiller Höhen bis in das grüne Meer“ reichen, — es ist stets der gleiche Ausdruck einer artgemäßen Naturverbundenheit. Nirgendwo überkommt den germanischen Menschen ein tieferes Gefühl der Weihe als in den Wäldern seiner Heimat.

Einen lebendigen Eindruck von dem Wesen des Waldes, seiner wechselnden Zusammensetzung und örtlichen Beschaffenheit gewinnt der, der aus der Ebene in das Gebirge aufsteigt oder aus niederen Breiten der Erde in höhere kommt. Fast überall ist der Boden geeignet, einen Wald zu ernähren. Entscheidend für das Entstehen von Wäldern unter natürlichen Umständen sind die beiden Faktoren: Temperatur und Feuchtigkeit. Ob ein Wald gedeiht und sich behauptet, hängt davon ab, wie warm es ist und wieviel Regen fällt. In wärmeren Perioden der Geschichte unserer Erde hatte der Wald wohl eine gewisse Vielseitigkeit an Arten, aber keine besondere Dichte. Diese gewann er erst, als in der Jungsteinzeit und Bronzezeit die Witterung fortschreitend kühler und feuchter und somit für den nordischen Wald besonders geeignet wurde. Damals breiteten sich Rotbuche und Hainbuche, in den höheren Lagen Tanne und Fichte aus; sie machten die Wälder dichter und geschlossener als zuvor. Der nordische Wald entwickelt unter der ihm zusagenden Witterung seine ganze Kraft und erhabene Schönheit. So trat er in die geschichtliche Zeit ein.

Der Waldboden entwickelt die Kräfte, die das Abfließen des Regenwassers hemmen und wird damit zum Träger und Erhalter der Fruchtbarkeit derjenigen Landstriche, deren natürliche Pflanzendecke er bildet Schon im Dach seiner Baumkronen fängt der Wald den Regen auf, so daß er gehemmt zur Erde fällt den Boden nicht abspült und verschlammt Das Kronendach selbst fördert die Bildung von Tau und Reif. Stürme und Wind werden durch den Wald gebrochen, ihre austrocknenden und sonst nachteiligen Wirkungen für die Landschaft herabgesetzt. Der Waldboden trinkt das Wasser der Schneeschmelze, den Regen und sonstige Niederschläge wie ein Schwamm und kann größte Mengen aufnehmen, ohne daß sie oberflächlich ablaufen, über die rauhe Oberfläche des Waldbodens kann fließendes Wasser so gut wie gar nicht abrinnen. Selbst an Hängen ist der Abfluß des Wassers im Walde sehr stark gehemmt. Immer muß es in den Boden hinein und durch ihn hindurch, damit es in ihm wirkt. Leben spendet und Wachstum fördert, Quellen und Grundwasser speist. Die vom Regen durchronnenen oberen Schichten des Bodens erfaßt der Wald mit dem Wurzelwerk seiner Bestände in großer Breite und Tiefe. Vom Sturm bewegt, rütteln die Bäume am Gefüge des Bodens; er hebt und senkt sich unter der Wirkung des langen Hebels von Stamm und Wurzeln. So betreibt der Wald seine Art der „Bodenarbeit“.

Die obere, lebendurchsetzte Schicht des Waldbodens, die wir Muttererde oder Humus nennen, entsteht aus der jährlich zu Boden fallenden Streu des Waldes. Damit ist die Muttererde, die lebende, humusreiche Schicht, der Born des Waldbodens. Macht der Bauer ein Stück Wald zum Acker, wie es in der frühesten Zeit bäuerlicher Landnahme im mitteleuropäischen Raum die Regel war, so trägt ihm der Humus des Waldes die Ernte zu. Als Gabe des Waldes nimmt sie der Bauer hin. Im allgemeinen ist der Wald-Feldbau aufgegeben, und der Bauer hat selbst die Leistungen übernommen, die einst der Wald für den Boden bewirkte.

Es wird leicht vergessen, daß die große Mehrzahl der landwirtschaftlich genutzten Böden Deutschlands ursprünglich alte Waldböden sind. Nur Löß-und Schwarzerdeböden sind eigentliche Getreideböden und nicht waldbedingt. Auf allen übrigen Böden aber schuf einst der Wald die Muttererde und gab dem Boden Leben und Fruchtbarkeit. Mit der Ewigkeit des Lebendigen haben diese sich unter der pflegenden Hand des Bauern bis heute erhalten. Auch dadurch sind wir ein waldverbundenes Volk!

Der Wald ist gegenwärtig im Lebensraum der nordischen Völker stark zurückgedrängt, im allgemeinen auf diejenigen Flächen, die anders als durch Waldwirtschaft mit Vorteil nicht benutzt werden konnten. Am Ende des 19. Jahrhunderts war von einem Recht des Waldes auf die Erhaltung der Eigenart seines Wesens und seiner örtlich bedingten Kraft kaum noch die Rede. Der Wald galt als eine wenig gut verzinsliche Anlage. So dachte jene Zeit und trennte sich leichten Herzens vom Baumbestand eines Waldes — oft, um den gewonnenen Erlös in anderen Unternehmungen nutzbringender anzulegen. Große Gebiete der Erde haben dadurch für immer und unwiederbringlich den Wald und mit ihm seine Fruchtbarkeit und schließlich auch die Bewohnbarkeit für ausgebreitete menschliche Ansiedlungen verloren. Unermeßlich ist die Einbuße an vielseitig bedingtem Leben, das diesen Gebieten mit dem Walde genommen wurde.

Leitgedanken

Mein Kind

Ein Kind ist mir geboren.
Wir lagen in der Schlacht;
da hat mich solches Wissen
beglückt und stark gemacht.

Ein Kind mit zarten Gliedern,
mit Händen seidenweich.
Kein Bild in meinen Herzen
kommt solcher Zartheit gleich.

Die Schlacht, die wird geschlagen,
mein Kind, das lächelt bald.
In unsere tiefsten Träume
das schwere Feuer hallt.

Was kann mir noch geschehen?
Zu Hause spielt mein Kind
mit tausend bunten Blumen
und mit dem Abendwind.

In allen unseren Schlachten,
beim Marsch und nachts im Zelt,
da spürt mein Herz die Liebe,
die uns verbunden hält.

Die schweren Waffen schweigen,
der Abend lastet schwer,
und mit den braunen Nebeln
kommt weit die Sehnsucht her.

Ich weiß, wofür ich kämpfe;
zu Hause lacht mein Kind;
Und darum bin ich stärker
als Schmerz und Opfer sind.

Kurt Kuberzig

Abbildungen Gedichte Leitgedanken

Vor dir steht ein Pferd. Das Tier gefällt dir? — Das will ich gerne glauben. Es ist auch nicht irgendein beliebiges Pferd. Es ist ein besonders schönes, ein besonders edles und rassiges Tier. Es gehört zu der Rasse der Lipizzaner, die ihren Stammbaum bis in das klassische Altertum zurückführt.

Warum gefällt dir dieses Tier eigentlich so besonders gut? Warum bist du glücklich, daß es dir begegnete? Warum tut sein Anblick dir in der Seele wohl? — Seltsame Fragen, wirst du denken; da braucht man doch nicht nach dem Warum zu fragen, wenn einem so ein Pferd gefällt, so ein herrliches Geschöpf. Warum es mir gefällt? — Nun, einfach, weil es schön ist; weil es so ebenmäßig im Wuchs ist; weil alles bei ihm so gut zueinander stimmt, Rumpf, Kopf und Beine; weil sein Fell so glatt ist, seine Farbe so vornehm, seine Bewegung so geschmeidig, seine Haltung so stolz ist. Das ist alles ganz richtig, aber ich will noch etwas ganz anderes von dir hören, nicht die Gründe für dein Wohlgefallen, die beim Pferde liegen, sondern diejenigen Gründe, die bei dir selbst liegen. Was befähigt dich, die Schönheit eines Pferdes zu empfinden? Welche Eigenschaften in dir machen dir das möglich? Ich weiß, daß dir auch diese Antwort nicht schwerfallen kann. — Du sagst, es sei dein Schönheitssinn, dein Instinkt? Richtig, aber noch treffender? — Also, dein Gefühl für Rasse!

Leitgedanken

Im schönsten Wiesengrunde ist meiner Heimat Haus;
da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus.
Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausendmal!
Da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus.

Abbildungen Leitgedanken