Kategorie: Leitgedanken

Der Tod begleitete mit einladender Geste den Weg, auf dem Offiziere und Soldaten ihren todwunden König Friedrich trugen, ihn aus dem Fährhause bei Ötscher hinüber über die Oderbrücke nach dem Schlosse Reitwein zu bringen. Als er auf der Bettstatt lag, ganz allein im düsteren Raum (die Offiziere besprachen im Nebenzimmer das Unglück des Tages), pochte der Tod beim König an:

Folge mir, verlaß den Weg des Leidens und der Qualen. Ausruhen sollst du von den Mühsalen des Lebens. Siehe, ich schenke dir Ruhe und Frieden.

Des Königs Gedanken kreisten um das Blutbad von Kunersdorf, er vernahm im Geiste das Lärmen der Schlacht, fühlte die vereinigte Streitmacht der Russen und Österreicher heranfluten, feuerte sein Heer zum Kampfe an, mußte aber doch erkennen, daß der Hunde dort zu viele waren, die das edle Wild zu Tode hetzen wollten. Für einen Augenblick kam das volle Bewußtsein zurück. Die zittrige Hand ergriff ein Blatt und brachte den Befehl an den General Fink zu Papier.

Als der General an das Krankenlager trat, bewegten sich die blassen Lippen des Königs. Er suchte mit letzter Kraft die Zeilen des Blattes zu wiederholen:

„Die unglückliche armée, so ich Ihm übergebe, ist nicht mehr im Stande, sich mit den Russen zu schlagen… Wen Laudon nach Berlin wolte, Solchen könte Er unterwegens attaquiren und Schlagen. Solches, wo es guht gehet, gibt dem ungelük einen anstandt und hält die Sachen auf. Zeit gewonnen ist Sehr vihl bei dißen desparaten Umständen.“ —

Der König liegt allein. Dunkelheit füllt den Raum, und in ihr werden aufs neue die Stunden der unseligen Schlacht wach: In dem Fiebertraum stürzen Pferde, sterben Krieger, in den Ohren braust der gelle Ruf des Kampfgewühls.

Da heben sich die Augenlider, der Blick fällt in den Spiegel an der Wand: Der König schaut ein weißes Angesicht und im Schatten tiefer Höhlen verglimmende Augen. Ein Schrei möchte sich der Kehle entringen. Der Tod legt die Hand auf die Schulter des Königs und spricht leise, ganz leise, gütige Worte, um ihn aus dem qualvollen Leben des ewigen Kampfes zu locken.

Das Herz schlägt matt. Der König hat seit der verlorenen Schlacht nichts mehr an Speise und Trank zu sich genommen. So hat die Erscheinung des Todes es leicht, den Gedanken ans Sterben zu nähren. Ein ermatteter Leib ist rascher bereit, das Leben aufzugeben. —

Leitgedanken

„Wenn du zwei Wege — Leben oder Tod — zu wählen hast, so wähle den letzteren.“

Yamato ist der Name einer japanischen Landschaft. Da aus diesem Raum hervorragende japanische Soldaten hervor gegangen sind, ist der Name Yamato ein Sinnbild für Tapferkeit und Pflichterfüllung geworden. Nichts läßt sich von einem fremden Volk auf das eigene übertragen. Aber lernen können mir aus dem japanischen Beispiel, mie Tapferkeit und Mut im religiösen Grundgefühl wurzeln.

Es geschah im Jahre 1932 westlicher Zeitrechnung, daß ein japanischer Major, bei den Kämpfen um Schanghai schwer verwundet, die Besinnung verlor und so das Unglück hatte, in die Hände des Feindes zu fallen. Durch die vorrückenden japanischen Truppen wurde er hernach wieder befreit und zurückgeführt. Eines Tages war in der Presse zu lesen, daß der Major gerade auf dem Schauplatz der Kämpfe, in deren Verlauf er gefangengenommen worden war, sich den Freitod gegeben hatte.

Was vermittelt uns dieses Vorkommnis? — Nur weil er verwundet und besinnungslos lag, war der Offizier gefangengenommen worden; war das eine Schande für einen Krieger? Warum bereitete er seinem Leben ein Ende, statt sich weiter für das Vaterland einzusetzen und ihm mit seinen Kenntnissen, seiner Erfahrung, seinem Mut und seinem Geist zu dienen? — Nur aus dem Yamnto-Geist her, jenem Geist des japanischen Menschen, ist seine Handlungsweise zu erklären.

In den Sagas im westlichen Japan ist die Tradition des kraftvollen Rittergeistes ganz besonders lebendig geblieben: die Grundlage für die Geisteserziehung des Saga-Ritters ist in dem Buch „Hagakure“, einem Werk über die ritterliche Moral, zu erblicken, in dem es heißt:

„Wenn du zwei Wege — Leben oder Tod — zu wählen hast, so wähle den letzteren.“

Der Major, der diese Lehre tief in sich trug, ging den Weg des Todes. Doch warum soll man den Tod suchen?

In dem Ritterkodex der japanischen Krieger von heute, „Senjinkun“ oder die Lehre im Kriegslager, heißt es:

„Lebend sollst du nicht die Schande des Gefangenen tragen; nach dem Tode sollst du nicht den schlechten Ruf von Schuld und Unheil hinterlassen.“

Von alters her gilt es in Japan als eine große Schande, in Gefangenschaft weiterzuleben; eher soll man sterben.

Es mögen im gegenwärtigen Krieg — anders als in alten Zeiten — gewisse Fälle nicht zu vermeiden sein, in denen man gefangengenommen wird; man mag durchaus der Ansicht sein, man brauche nicht unbedingt zu sterben, sobald man nur mit den hochentwickelten neuzeitlichen Waffen seine Pflicht, ja, sein Äußerstes getan hat, und man nützt seinem Lande viel mehr, indem man am Leben bleibt und seine Bestimmung — sei es im Kriege oder im Frieden — erfüllt. Eine solche Anschauung hat eine gewisse Berechtigung; der japanische Soldat indessen denkt anders: Wenn er in der Schande der Gefangenschaft weiterlebt, so bedeutet dies, daß er nicht bis zum Tode gekämpft hat, daß er noch die Möglichkeit gehabt hat, weiterzukämpfen, und er ist von tiefem Bedauern darüber erfüllt, daß er für Tenno, Vaterland und Volk nicht bis zum Tode gekämpft hat.

Leitgedanken


Als der Mechanikus Bosch 1887 im Hinterhaus der Rotebühlstraße 37b in Stuttgart Besuch bekam, ahnte er noch nicht, welche Folgen dieses Ereignis haben würde. Ein gewisser Herr Daimler kam mit einem besonderen Anliegen. Er wollte keine Klingelanlage, wie Bosch sie mit seinem Gesellen und seinem Laufjungen sonst in Wohnhäusern und Gasthöfen entrichtete. Der Besucher, der trotz seines vor vier Jahren geschaffenen ersten schnelllaufenden Verbrennungsmotors und des ersten Motorrades, das er danach baute, noch lange nicht der weltberühmte Mann war, wollte einen Zünder für seine ortsfesten Benzinmotore. Ob Bosch ihm diesen Apparat konstruieren würde? —

Der Bauer und Kronenwirt Servatius Bosch von Albeck bei Ulm hatte Robert, sein achtes Kind, zu einem Mechaniker und Optiker in Ulm 15 jährig in die Lehre gegeben. Das war aber nicht etwa Roberts Wunsch gewesen. Ihm hatte der Sinn nach den Naturwissenschaften gestanden, besonders der Botanik. Doch des Vaters Spruch hatte ihn gezwungen, sich mit den Anfangsgründen der Feinmechanik ebenso wie mit der Einrichtung elektrischer Telephon- und Lichtanlagen vertraut zu machen. Nach seiner Dienstzeit bei den Pionieren in Ulm finden wir ihn bei Schlickert in Nürnberg und — von Hause aus bemittelt und somit besonders ungebunden — in den Vereinigten Staaten.

Mit der schwäbischen Gründlichkeit und Zähigkeit hat sich Bosch dann der Anregung Daimlers gewidmet. Gewiß gab es Vorbilder in den Zündern, z. B. an den Deutz-Motoren. Trotzdem war das, was Daimler wünschte, eine konstruktiv neue Aufgabe. So entstand noch im Jahre 1887 der erste Bosch-Niederspannungs-Magnetzünder mit Abreißvorrichtung, dem neun Jahre später der tausendste folgte. 1901 zog Robert Bosch in das neuerbaute Fabrikgebäude, in dem seine nun 45 Arbeiter gegen Mitte des Jahres den zehntausendsten Magnetzünder fertigstellten, während daneben bereits Versuche mit einem neuartigen Hochspannungszünder anliefen.

So arbeitet Bosch mit Energie, ja Leidenschaft. Nicht die Leistung schlechthin, die überdurchschnittliche Leistung erhebt er zum Prinzip, zum Prinzip, das später unter dem Namen „Bosch-Qualität“ seinen Erzeugnissen den Weltmarkt öffnet. Mit den Erzeugnissen Geld verdienen? Gewiß, die Arbeiter und Werkstoffe müssen bezahlt werden. Doch „lieber Geld verlieren als Vertrauen“ — ein Grundsatz, der ihn auf seinem Wege zum Großunternehmer und Wirtschaftspionier unabdingbar begleitet, mit all der elastischen Konsequenz, die gerade den Schwaben kennzeichnet, und die Robert Bosch im Verein mit seinen charakterlichen Eigenschaften zu einem der erfolgreichsten Unternehmer Deutschlands macht.

1912 der 1000 000ste Magnetzünder. 1913 : 3750 Köpfe Belegschaft. Inzwischen die Aufnahme des Baues von Lichtmaschinen und Scheinwerfern, dann auch Anlassern — die Bosch-Kerzen werden zu einem Begriff. Der Krieg und die Nachkriegsjahre bringen zwar Veränderungen — doch der Aufstieg wird dadurch nur kurz unterbrochen. Das Bosch-Horn tritt seinen Siegeszug durch die Welt an. 1923 sind bereits über 100 000 Bosch-Lichtmaschinen und Bosch-Hörner in die Welt gegangen, die Zahl der Beschäftigten übersteigt 10 000. 1925 wird der Bau von Einspritzpumpen und Düsen für Dieselmotoren in Angriff genommen. 1928 kommt der Bosch-Winker. Beinahe die meisten Erzeugnisse sind in mehreren Millionen im Gebrauch. Die Motorisierung im neuen Reich bringt dem Hause Bosch naturgemäß neue, übergroße Aufgaben, ist das Haus doch mit der Motorisierung aufs innigste verbunden, ja es hat daran einen Anteil, den man als entscheidend betrachten darf. 1936, am Ende einer fünfzigjährigen Entwicklung, verfügt Robert Bosch über 16 000 Arbeiter und Angestellte.

Was sind nun die Gründe solcher Erfolge, solchen Aufstieges, solcher Entwicklung? Bosch, der als 81 jähriger im März dieses Jahres zu seinen Ahnen einging, ein Deutscher bis in jede Faser, und im besonderen ein Schwabe — er hatte so ganz und gar nichts Amerikanisches an sich. Er war anständig — von einem Ausmaß, von dem andere überzeugt sind, daß es den geschäftlichen Erfolg unmöglich macht. Er hatte Haltung, war klar, treu, freiheitlich, menschenliebend und wurde seinen Arbeitern und Angestellten „Vater Bosch“. Er war kein Erfinder, doch er holte die bestgeeigneten Fachleute heran, setzte sie an die Konstruktionen, förderte die Besten unter seinen Mitarbeitern und war gewissenhaft bis ins Letzte. Er stand zu seinen Erzeugnissen. Nur Qualitätserzeugnisse wurden hergestellt, nur Qualitätserzeugnisse verließen sein Haus. Um Qualitätsarbeit zu erreichen, hat er nichts gescheut, was in seinen Kräften stand. Und es stand viel in seinen Kräften, so viel, daß die Qualität seiner Erzeugnisse zum Begriff auf der Welt wurde. Bosch hat für die Motorisierung mit seinen Mitarbeitern – und gerade auf letztere Feststellung hat er immer Wert gelegt – einige ganz grundlegende Voraussetzungen geschaffen. Das Automobil trug seine Arbeit voran — aber andererseits förderte Bosch durch seine Zubehörteile die Entwicklung des Automobils. Diese technische Wechselseitigkeit fand in ihm den Mann, der das Zeug, den Charakter und den Weitblick hatte. Nur unter diesem Gesichtspunkt aber kann man seinen Aufstieg vom Mechanikus der achtziger Jahre, vom Handwerksmeister zum weltbekannten Wirtschaftsführer sehen. Sein Hochspannungsmagnetzünder ermöglichte erst den schnellaufenden Ottomotor. Nicht minder wichtig ist seine betriebssichere Hochspannungszündkerze, das Bosch-Horn, die spannungsregelnde Lichtmaschine. Seine Einspritzpumpe gab den Anstoß zum Siegeszug des Diesellastwagens. Seine Leichtöleinspritzung ermöglichte mit die unvorstellbaren Geschwindigkeiten der schnellsten Flugzeuge. Wenn Bosch nach der Jahrhundertwende den Achtstundentag einführte, später eine Alters- und Hinterbliebenenfürsorge schaffte, die „Bosch-Hilfe“, heute mit einem Kapital von 34 Millionen Reichsmark, so spricht daraus die Verbundenheit mit seinem Betrieb, die ihn eben zum „Vater Bosch“ machte. Es mag seinen ganz persönlichen Neigungen entsprochen haben — und mit ein Ausgleich für seine ersten jugendlichen Berufspläne gewesen sein — das „Robert-Bosch-Krankenhaus“ zu stiften, eine Klinik der homöopathischen Heilkunde, heute als Forschungsstätte anerkannt. Es entspricht darüber hinaus so ganz der unermüdlichen Produktivität seiner Persönlichkeit, was wir im „Bosch-Hof“ vor uns haben. Dieser entstand aus einem Torfwerk in Oberbayern und umfaßt heute mehrere Höfe mit zusammen über 1700 ha Fläche. Dieses Mustergut, von dem fast die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche durch Urbarmachung von Hochmooren gewonnen wurde, ist ein wichtiger Versorger der Hauptstadt der Bewegung geworden.

Bosch hat es sich nie verdrießen lassen, gegen Leistungen mit Leistungen aufzukommen. So hat ein einzelner aus Treue zu seinem Werk, zur Verpflichtung etwas Einmaliges, Gediegenes zu schaffen und das Geschaffene immer mehr zu vervollkommnen, für die Volksgemeinschaft Wertvolles und Bleibendes geleistet. Je bescheidener die Mittel waren, die ihm anfangs zur Verfügung standen, je stärker die Hindernisse, die sich ihm entgegenstellten, desto treuer blieb er der inneren Verpflichtung gegenüber, die er als Aufgabe sah wie der Künstler sein Werk.

Franz Spreither.

Leitgedanken

Wie am Himmel ruht das blaue Gebirg,
so steht am Rande der Jahre immer die
Heimat, zugewendet den Gesichtern der
Jugend, aus der Schale der Träume fließt sie.

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Es wachsen die Sterne über die Felder herauf,
im Dickicht der Wälder atmet noch immer die Sage,
aus der Quellen Mund reden die Geister:
in uralter Verzauberung endet der Pfad.

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Dumpf engen die Städte sich ein, aber über
die Berge donnern die Wogen der Stürme, an
zaudernden Flüssen ruhen die Ebenenreich.

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Der Mensch schlägt Wurzeln überall, aber am
fröhlichsten ist Heimat. Jahrhunderte leben
in allem und allem mit ihr, und aller Dinge
Ursprung ist sie.

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