1. Leonard Bramer / Musizierende Kavaliere

Bramer ist ein typisches Beispiel jener Übergangsmeister, die noch in älteren, konventionellen Anschauungen aufgewachsen sind, das Ideal der neuen Zeit wie in einem phantastischen Traum sehen, plötzlich miterleben, wie es sich in den Werken grosser schöpferischer Geister erfüllt, und nun, ausser Fassung geraten, haltlos hin und her schwanken, bald in die alte Konvention zurücksinken, bald durch groteske Einfälle die zu überbieten suchen, von denen sie überholt wurden. So werden sie zuletzt zu Karikaturen der grossen Künstler. Ein unruhiges äusseres Leben entspricht ihrem drängenden Wesen. Bramer zog früh nach Italien und muss hier, darf man nach dem Geist seiner Darstellungen schliessen, ein Vagabundenleben geführt haben. Von da wandte er sich nach Frankreich und liess sich nach der Heimkehr in Delft nieder, der Stadt, welche die eigenartigsten holländischen Künstler —man denke an Carel Fabritius, Jan Vermeer, Pieter de Hooch, Emanuel de Witte — beherbergte.

Oft ist man vor den Werken Bramers an den genialen Neapolitaner Meister Salvator Rosa erinnert worden — auch unsere Zeichnung weist auf ihn — aber der Italiener ist jünger als Bramer; er muss dessen Werke später in Holland oder auf einer zweiten Reise nach Italien, von der wir einstweilen nichts wissen, kennen gelernt haben. — Von den Italienern übernahm er die bewegte Geste der Spätrenaissance, die Kontrapostierung und die Rhythmik in dem Vor- und Zurückbeugen der Gestalten. Im Helldunkel scheint er die Wege Rembrandts zu suchen; aber die Nachahmung der italienischen Kellerlichtmaler wirkt noch stärker als sein eigenes neues Empfinden. Als er dann Rembrandt kennen lernte, übertrieb er dessen Stil ins Masslose, wurde impressionistischer und vergass völlig, was er an Formengefühl in Italien in sich aufgenommen hatte. Schmale, glitzernde Lichtstreifen kommen aus tiefem Dunkel; verzerrte Gestalten steigen auf und gebärden sich in heiligen Geschichten oder ernsten Allegorien wie Komödianten.

Darin steht er fast einzig unter den Koloristen, dass ihm mit einer zunehmenden malerischen und momentanen Wiedergabe das Interesse an dem Inhalt der Darstellung nicht abhanden kommt. Mit der Leichtigkeit der Ausführung wächst eher der Reichtum an Ideen. Er malt Historienbilder, religiöse Szenen, Allegorien und Phantasien, Soldaten-und Gesellschaftsstücke, und jedes Werk frappiert durch einen nie gesehenen Aufbau. Natürlicher als seine frühen Ölbilder spiegeln die in leichterem Material geschaffenen Zeichnungen seine sprühenden Einfalle.

Bild und Text aus dem Buch: Handzeichnungen altholla˜ndischer Genremaler (1907), Author: Bode, Wilhelm von, Valentiner, Wilhelm Reinhold.

Leonard Bramer