Kategorie: Lorenzo Ghiberti

(1378—1455.)

GHIBERTI zählt nicht zu den problematischen Naturen der Kunstgeschichte. Um die sonnige Schönheit seiner Kunst zu würdigen, bedarf es keiner ästhetischen oder historischen Schulung. Vor seinen Erzpforten am Florentiner Baptisterium, die seine Zeitgenossen priesen, und die ein Michelangelo des Paradieses wert hielt, hemmt noch heut der Mann aus dem Volke seine Schritte, und wenn er an ihnen selbst nichts anderes bewundert als die festlich lockende Bildfülle und die Feinheit der technischen Durchführung, spürt er etwas von dem Lebenshauch Ghibertischer Kunst.

Allein Ghiberti ist in der Kunstgeschichte doch auch keineswegs eine ganz einfache Erscheinung. Er steht auf der Grenze zweier Zeitalter und zwar weder ganz als Nachzügler der Vergangenheit noch als Vorkämpfer der Zukunft. Darin ist er in gewissem Sinne mit Fra Angelico verwandt. Ghiberti wurzelt in der italienischen Gotik; dennoch ist sein Lebenswerk auch aus der Renaissance nicht loszulösen, ohne einer der Hauptrichtungen ihres bildnerischen Schaffens die Zeugen zu rauben.

Mit dem Trecento-Geschmack verbindet ihn bereits der Zug zu kunstgewerblicher Kleinkunst. Aus der Werkstatt seines Stiefvaters haftete ihm stets etwas von der Stilweise eines Goldschmiedes an. Dass dies nicht nur an seiner Schulung lag, sondern an seiner persönlichen Begabung, beweist die entgegengesetzte Richtung, in der seine Kunstgenossen von der gleichen Lehrstätte aus vorwärtsschritten. Für diese Gegensätze und damit zugleich für Ghibertis ursprüngliche Eigenart ist kein bezeichnenderes Beispiel denkbar, als seine Konkurrenzarbeit um die „zweite“ Thür des Florentiner Baptisteriums: das Bronzerelief der „Opferung Isaaks“, das noch jetzt im Bargello zu Florenz mit seinem ehemaligen Hauptrivalen, dem Werk Brunelleschis, in Wettstreit steht. Als Goldschmied und als Maler ging der junge Ghiberti an diese Arbeit und schlug doch die Bildhauer aus dem Felde. Auch Brunelleschi hatte in der Goldschmiedewerkstatt gelernt, doch bleibt sein Werk technisch nicht nur hinter der Leistung Ghibertis zurück, sondern hinter der Aufgabe selbst. Wagte er doch nicht einmal, diese winzige Reliefplatte aus einem Stück zu giessen, sondern heftete die Figürchen einzeln auf den Fond auf. Das schädigte auch den Kunstwert. Kompositionen ist Brunelleschis Darstellung mit ihrem Neben- und Uebereinander einzelner Figuren unbeholfen, ohne Einheit und Bildwirkung, wobei das Nebensächliche ungebührlich in den Vordergrund gerückt ist.

Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst Lorenzo Ghiberti

Geboren zu Florenz 1378 Gestorben 1455 daselbst.

rägt jemand um irgend eines seltenen Vorzuges willen Ruhm unter den Menschen davon, so erlangt er dadurch nicht nur für sich Ehre und Lohn, sondern er ist meist auch ein heiliges Licht, welches vielen als Vorbild leuchtet, die nach ihm geboren werden und in dem selben Zeitalter leben; denn nichts erweckt die Geister der Menschen mehr und läßt ihnen die Mühseligkeiten des Studiums minder anstrengend erscheinen, als die Ehre und der Nutzen, welche nach saurer Arbeit durch Kunst und Geschicklichkeit gewonnen werden; sie machen einem jeden seine schwierige Unternehmung leicht, und seine Talente reifen schneller, wenn sie durch das Lob der Welt gesteigert werden. Ja unzählige, welche dies gewahr werden, wenden allen Fleiß auf, sich den Lohn zu verdienen, den sie von einem ihrer Mitbürger errungen sehen. Vor Alters wurden daher ausgezeichnete Menschen mit Reichtümern belohnt oder durch Triumphzüge und Gemälde geehrt. Weil es indessen nur selten ist, daß das Talent nicht vom Neide verfolgt wird, so muß man sich anstrengen, so viel wie möglich ihn durch größte Vortrefflichkeit zu besiegen, oder mindestens stark und tapfer genug zu werden, um seine Stürme zu ertragen. Dies vermochte durch Glück und Verdienst Lorenzo di Cione Ghiberti, auch di Bartoluccio genannt, der würdig war, von den trefflichen Meistern Donato und Filippo di Ser Bruneileschi an ihre Stelle gesetzt zu werden, indem sie erkannten, er sei ein besserer Meister in Gußarbeiten wie sie selbst, obwohl ihr Sinn vielleicht gern das Gegenteil gesagt hätte. Solche Würdigung gereicht fürwahr jenen zum Ruhm und vielen zur Beschämung, die sich groß dünken und den Platz einnehmen, welcher den Vorzügen anderer zukommt, auf welchem sie zudem keine Früchte ernten, sondern sich lange Jahre quälen, etwas zustande zu bringen, während sie den Kenntnissen anderer hinderlich sind, die sie aus Neid und bösem Willen unterdrücken.

Lorenzo war ein Sohn von Bartoluccio Ghiberti, einem vortrefflichen Goldschmied, und lernte bei ihm von frühester Jugend an jene Kunst, die er so übte, daß er viel besser arbeitete wie sein Vater; mehr Freude jedoch machte ihm die Bildhauer- und Zeichenkunst, deshalb bediente er sich bisweilen der Farben, bisweilen goß er kleine Bronzefiguren und vollendete sie mit Anmut. Auch vergnügte er sich, die Stempel der alten Münzen nachzuahmen und bildete viele seiner Freunde nach dem Leben ab. — Während er zu Florenz mit Bartoluccio, seinem Vater, durch Goldarbeiten Geld zu erwerben suchte, kam im Jahre 1400 die Pest heran, wie Lorenzo selbst in seinem Buche erzählt, daß er über die Kunst geschrieben hat, und welches jetzt dem Herrn Cosimo Bartoli, einem florentinischen Edelmann, gehört. Und da außer der Pest noch einige bürgerliche Zwistigkeiten und sonstige Not in der Stadt herrschte, sah er sich gezwungen, in Gesellschaft eines andern Malers nach der Romagna zu gehen. Dort malten sie in Rimini für den Herrn Pandolfo Malatesti ein Zimmer und sonst noch mancherlei mit vielem Fleiß und zur Zufriedenheit jenes Herrn, der noch jung war und an den Werken der Zeichenkunst ein großes Gefallen fand. — Lorenzo unterließ nicht, sich während dieser Zeit im Zeichnen, Wachsbossieren, in der Stuckatur und ähnlichen Techniken zu üben, weil er sehr wohl wußte, daß diese Art von kleinen erhobenen Arbeiten die Zeichenübungen der Bildhauer sind, ohne welche sie nichts vollkommen zu Ende führen können.

Lorenzo war nicht lange von seiner Vaterstadt entfernt, als die Pest aufhörte und die Signoria von Florenz sowohl als die Zunft der Handelsleute beschlossen, da es zu jener Zeit viele vorzügliche Meister der Bildhauerei gab, fremde nicht minder wie florentinische, es sollten die beiden noch fehlenden Türen von S. Giovanni, der ältesten und vornehmsten Kirche der Stadt, verfertigt werden. Von diesem Unternehmen war früher schon die Rede gewesen, und man kam nunmehr überein, es solle den besten Meistern Italiens zu wissen getan werden, sie möchten nach Florenz kommen, und eine Probearbeit ausführen, eine Bildtafel von Bronze, denen ähnlich, welche Andrea bei der ersten Tür angebracht hatte. Bartoloccio gab von diesem Beschluß seinem Sohne Lorenzo Nachricht, der in Pesaro arbeitete, ermunterte ihn nach Florenz zurückzukommen und einen Beweis seiner Geschicklichkeit zu geben; dies sei eine Gelegenheit sich bekannt zu machen und seine Einsicht zu zeigen, auch könne er solch großen Vorteil daraus ziehen, daß sie beide nicht mehr nötig haben würden, Birnen zu arbeiten.

Diese Worte Bartoluccios setzten das Gemüt Lorenzos sehr in Bewegung, und wie viele Liebkosungen ihm auch von Pandolfo und dem Maler, ja vom ganzen Hof erzeigt wurden, verlangte er dennoch seine Entlassung; ungern und schwer wurde diese ihm zugestanden, da weder Versprechungen noch vermehrte Besoldung ihn zu halten vermochten; Lorenzo aber, dem jede Stunde eine Ewigkeit deuchte, ehe er Florenz erreicht hatte, zog glücklich von dannen und kehrte in seine Heimat zurück. Eine Menge fremder Künstler waren zu jener Zeit schon in Florenz angelangt und hatten sich bei den Obermeistern der Gewerbe gemeldet, welche von diesen allen sieben Meistern auswählten, drei Florentiner, die anderen Toskaner; man wies ihnen Geld an, und jeder sollte im Verlauf eines Jahres als Probestück ein Bronzebild in der Größe von denen an der ersten Tür vollenden und darin darstellen, wie Abraham seinen Sohn isaak opfert, weil man glaubte, jene Meister könnten hierin sehr wohl die Schwierigkeiten der Kunst zeigen, könnten dabei Tiere und Landschaften, Gestalten mit und ohne Gewänder anbringen, die vordersten Figuren erhaben, die zweiten halb erhaben und die letzten flach arbeiten. Bewerber bei diesem Werke waren die Florentiner Filippo di Ser Brunellesco, Donato und Lorenzo di Bartoluccio; der Sieneser Jacopo della Quercia, dessen Schüler Niccolo aus Arezzo, Francesco di Valdambrina und Simone da Colle, de’ Bronzi genannt. Diese alle versprachen den Obermeistern in der bestimmten Zeit das Bild zu vollenden; ein jeder begann das seinige mit großem Fleiß und Studium, und wandte alle Kraft und Kenntnisse auf, den andern zu übertreffen. Sie hielten dabei ihre Arbeiten ganz geheim, um nicht auf gleiche Gedanken zu geraten. — Nur Lorenzo, welcher Bartoluccio hatte, der ihn leitete, ihn keine Mühe scheuen und viele Modelle arbeiten ließ, ehe er sich entschlossen, eines auszuführen, veranlaßte immerdar die Bürger zu ihm zu kommen, um ihre Meinung zu hören, bisweilen auch Fremde, welche durchreisten, im Fall sie etwas von seinem Gewerbe verstanden, und mit Hilfe dieser Urteile brachte er ein sehr gelungenes ganz fehlerloses Modell zu Stande. Hierauf machte er die Form, goß sie in Bronze aus, was vortrefflich glückte, und ging daran, den Guß unter Beihilfe seines Vaters Bartoluccio mit großer Liebe und Geduld auszuputzen, so daß man es nicht besser hätte vollenden können. Unterdes war die Zeit gekommen, daß die Arbeiten in Vergleich gestellt werden sollten, und so wurde sein Werk mit denen aller übrigen Meister der Zunft der Handelsleute zur Beurteilung übergeben. Da nun die Obermeister und viele andere Bürger dieselben in Augenschein genommen hatten, zeigten sich alsbald verschiedene Meinungen. Eine Menge Fremder, teils Maler, teils Bildhauer und einige Goldarbeiter waren in Florenz zusammengeströmt, und diese wurden von den Obermeistern berufen, samt andern desselben Gewerbes, die in Florenz lebten, über jene Arbeiten ihr Urteil zu sprechen. Es war dies ein Gericht von vierunddreißig Personen, alle in ihrer Kunst wohlerfahren. Aber obwohl sie ungleiche Ansichten hatten, dem einen diese Manier, dem anderen jene gefiel, so kamen doch alle darin überein, daß Filippo di Ser Brunellesco und Lorenzo di Bartoluccio ihre Bilder schöner vollendet und besser und reicher mit Figuren ausgestattet hätten, als Donato, obwohl auch bei diesem die Zeichnung sehr vorzüglich war. In dem Werke von Jacopo della Quercia fehlte den Figuren Zartheit, obgleich sie auch sonst gut, nach richtigem Verhältnis und mit Fleiß gearbeitet waren. Bei Francesco di Valdambrina waren die Köpfe lobenswert, und es war wohl ausgefeilt, in der Zusammenstellung aber verworren. Simone da Colle zeichnete sich durch den schönen Guß seines Probestückes aus, was seine eigentliche Kunst war, in der Zeichnung jedoch erschien es mangelhaft, und jenes von Niccolo aus Arezzo war mit Übung zwar gearbeitet, hatte indes kurze Gestalten und war schlecht ausgeputzt. Nur das Bild von Lorenzo, welches mannochim Audienzsaale derZunftder Handelsleute sieht, war in allen Teilen vollkommen, denn er hatte dies ganze Werk nach schöner Zeichnung und sehr wohl zusammengestellt; die Figuren waren schlank, hatten Anmut und schöne Stellungen, und das ganze war mit solchem Fleiß ausgeführt, daß es nicht gegossen und mit dem Eisen geputzt, sondern geblasen zu sein schien.

Als Donato und Filippo sahen, mit welcher Sorgfalt Lorenzo sein Werk vollendet hatte, traten sie zur Seite, besprachen sich und kamen überein, Lorenzo müsse die Bestellung übertragen werden; es schien ihnen, dem öffentlichen und privaten Wohl sei so am besten gedient, und Lorenzo, der noch sehr jung, noch nicht zwanzig Jahre alt war, werde bei Übung dieses Berufes die herrlichen Früchte ernten, die sein schönes Bild hoffen lasse, welches er nach ihrem Urteil vollkommener als die andern vollführt hatte; ja sie sagten es würde mehr eine Handlung des Neides sein, wenn sie es ihm nehmen wollten, als rühmlich, es ihm zu überlassen. Lorenzo begann demnach das Werk für die Türe, nämlich für diejenige gegenüberder Kirchenverwaltung von S. Giovanni, und verfertigte für ein Feld derselben ein großes hölzernes Modell, genau wie es nachmals in Metall werden sollte, mit den Einfassungen und den Verzierungen der Köpfe auf den Vierungen um die mit Figuren ausgefüllten Bilder, zusamt den Friesen, welche ringsumher laufen. Hierauf arbeitete er mit allem Fleiß die Form, ließ sie trocknen, und mietete zu seinem Zweck eine Werkstätte Santa Maria Nuova gegenüber, wo heutigen Tages das Spital der Weber ist, und welche damals die Tenne genannt wurde. Dort baute er einen sehr großen Ofen, den ich mich erinnere noch gesehen zu haben, und goß jenes Stück in Metall. Das Schicksal wollte, daß es nicht wohl gelang. Lorenzo erkannte den Fehler und verfertigte, ohne zu erschrecken oder den Mut zu verlieren, schleunigstund ohne daß jemand davon wußte, eine neue Form, wiederholte den Guß, und sah ihn trefflich gelingen. In dieser Weise setzte er die Arbeit fort, indem er jedes Bild für sich allein goß und es dann geputzt und gereinigt an seine Stelle einfügte; die Verteilung der Bilder war der ähnlich, welche der Pisaner Andrea bei der ersten Türe nach einer von Giotto verfertigten Zeichnung beobachtet hatte. Hier stellte Lorenzo zwanzig Begebenheiten aus dem Neuen Testament dar und in acht ähnlichen Füllungen Gegenstände, welche mit denen in Verbindung standen, Zu unterst sieht man die vier Evangelisten, zwei auf jedem Türflügel, und weiter hinauf die vier Kirchenlehrer, welche in Stellung und Gewändern verschieden sind; einer liest, einer schreibt, die anderen denken nach, und indem jeder auf andere Weise sich zeigt, sind sie in ihrem Eifer und Nachdenken sehr wohl dargestellt. In den Friesen, welche die Bildfelder umgeben, brachte er Zieraten von Efeublättem und anderem Laubwerk an, dazwischen Simsglieder, und auf jeder Ecke einen männlichen oder weiblichen Kopf, ganz erhoben gearbeitet; sie stellen Propheten und Sibyllen vor, und geben durch ihre Schönheit und Mannigfaltigkeit den seltenen Geist Lorenzos kund. Dies ganze Werk ward mit dem größten Aufwande von Zeit und Kräften zu einer Vollendung geführt, wie sie einem Metallwerke nur irgend gegeben werden kann; die Glieder der nackten Gestalten sind in allen Teilen schön, und obwohl die Gewänder ein wenig nach der alten Methode des Giotto neigen, ist doch überall etwas darin, was sich der Manier der neueren nähert und den Figuren in dieser Größe zierliche Anmut gibt; ja alle diese Bilder sind so wohl geordnet und verteilt, daß Lorenzo das Lob, welches Filippo zu Anfang über ihn ausgesprochen hatte oder ein größeres wohl verdiente. — Von seinen Landsleuten deshalb ehrenvoll anerkannt,sah er sich von einheimischen und fremden Künstlern gleich sehr gerühmt. Dies ganze Werk zusamt den Türbekleidungen, die wiederum von Metall und mit erhobenen Fruchtgehängen und Tieren verschönt sind, kostet zweiundzwanzigtausend Gulden, dieMetalltüren aberwogen vierunddreißigtausendPfund. Als sie vollendet waren, hielten die Obermeister sich für sehr wohl bedient, und beschlossen Lorenzo, dem jedermann Lob zollte, den Auftrag zu geben, daß er an einem Pfeiler an der Außenseite von Or San Michele für eine der Nischen, die den Tuchscheerern gegenüber ist, eine Bronzestatue, vier und eine halbe Elle hoch, zu Ehren Johannes des Täufers arbeiten solle. Er fing dies Werk sogleich an, ging nicht davon, bis er es vollendet hatte, und brachte eine sehr gute, gerühmte Arbeit zu Stande.

In den Mantel, der diese Figur umgibt, schnitt er seinen Namen ein.

Mit dieser Statue, welche 1414 aufgestellt wurde, begann die gute neuere Manier; dies erkennt man andern Haupte, an dem Arme, der die Fülle der Natur hat und Fleisch zu sein scheint, an den Händen wie an allen Bewegungen der Gestalt, und Lorenzo war somit der erste, welcher anfing, die Werke der alten Römer nachzuahmen, die er eifrig studierte, wie ein jeder es muß, der Gutes zu vollbringen wünscht. Auf dem Vorgiebel jenes Tabernakels versuchte er auch in Mosaik zu arbeiten, und stellte daselbst in halber Figur einen Propheten dar. — Während die Arbeiten Lorenzos, der für unzählige Personen Werke in Bronze sowohl, als in Gold und Silber vollführte, seinem Namen immer mehr Ruhm erwarben, gelangte in die Hände Giovannis, des Sohnes von Cosimo de’ Medici, ein ziemlich großer Cameol, worauf in vertiefter Arbeit dargestellt war, wie Apoll den Marsyas schinden läßt. Dieser Stein hatte, wie man sagt, schon dem Kaiser Nero als Petschaft gedient, und da er wegen der Größe des Cameols sowohl, als wegen des wunderbar schönen Schnittes eine seltene Sache war, gab Giovanni dem Meister Lorenzo den Auftrag, eine Verzierung von gegrabener Goldarbeit darum zu verfertigen. Dieser mühte sich daran viele Monate und vollendete mit dem Grabstichel eine Fassung, welche nicht minder schön genannt zu werden verdiente, als die gegrabene Arbeit in jenem Steine vollkommen war. Hierdurch wurde veranlaßt, daß Lorenzo noch viele andere Dinge in Gold und Silber ausführte, die sich heutigen Tages nicht mehr finden. Unter anderem verfertigte er für Papst Martin einen Knopf, den er am Chormantel trug, von Gold mit ganz erhobenen Figuren, dazwischen Edelsteine von großem Werte, ein sehr vortreffliches Werk. Für denselben Papst verfertigte er eine wunderbar schöne päpstliche Mitra, mit Laubwerk von durchbrochener Goldarbeit und vielen schönen, ganz erhobenen Figuren, wofür er nicht nur Ruhm erntete, sondern durch die Freigebigkeit des Papstes auch großen Vorteil erlangte. Durch die trefflichenW erke jenes sinnreichen Künstlers wurde der Stadt Florenz vieles Lob zuteil und die Obermeister der Zunft der Handelsleute beschlossen, die dritte Türe von S. Giovanni in Metall wiederum von Lorenzo arbeiten zu lassen. Bei der ersten war er ihrer Vorschrift gefolgt, und hatte sie samt der Verzierung, welche die Figuren einschließt, und dem Rahmen, welcher diese Türen umgibt, ähnlich der des Pisaners Andrea ausgeführt. Nun aber, da die Obermeister sahen, wie weit er jenen Künstler übertroffen hatte, beschlossen sie, es solle die von Andrea gearbeitete Türe, welche bisher als Mitteltüre gedient hatte, weggenommen und der Misericordia gegenüber angebracht werden, und die neue des Lorenzo solle nun an die Mitteltüre kommen; indem sie voraussetzten, er werde dabei keine Anstrengungen scheuen, deren er nur irgend in seiner Kunst fähig sei; deshalb legten sie auch die Arbeit ganz in seine Hände und sagten, sie gäben ihm Freiheit, sie auszuführen, wie er wolle, oder wie er glaube, sie so zierlich, vollkommen, reich und schön ausführen zu können, als nur zu denken möglich sei; er möge weder Zeit noch Kosten sparen, und wie von ihm alle Bildhauer übertroffen worden wären, die bis dahin gelebt hätten, so möge er in diesem Werk alle seine früheren Arbeiten zu übertreffen suchen.

Lorenzo begann das genannte Werk, indem er all sein Wissen anstrengte, es wohl auszuführen. Er teilte die Türe in zehn Bilder, das heißt jeden Flügel in fünf, so daß jeder dieser Räume eine und eine Drittelelle groß ist; ringsumher als Zierat des Rahmens, der die Bilder ums schließt, sieht man überhöhte Nischen, zwanzig in allem, und in jeder derselben eine fast ganz rund gearbeitete Figur, alle sehr schön; unter anderen die nackende Ges stalt eines Simson, der eine Kinnlade in der Hand, die Säule umfaßt und so vollkommen ausgeführt ist, als nur die Alten ihre Herkulesse in Bronze oder Marmor vollenden mochten. Dasselbe Zeugnis der Vollkommens heit gibt Josua, der in der Stellung eines Redners zum Heere zu sprechen scheint, und außerdem sind dort eine Menge Propheten und Sibyllen, alle in verschieb dener Weise, mit Gewändern, Kopfputz, Haarschmuck und anderen Zierden verschönt. Zwölf Figuren inliegend der Stellung brachte er in den Nischen an, welche sich in den Querleisten befinden, an den Ecken in kreisförmigen Vertiefungen vierunddreißig verschiedene Köpfe von Frauen, von jungen und alten Männern, darunter in der Mitte der Türe, nahe bei der Stelle, wo er seinen Namen eingeschnitten hat, einen alten Kopf, welcher Bartoluccio, seinen Vater, nach dem Leben darstellt, und einen jüngeren, welches Lorenzo selbst ist, der Meister des Werkes. Zwischen diesen allen Dingen wußte er eine Menge Laubwerk, Gesimse und sonstige Zieraten zu verteilen, die er meisterhaft ausführte. Die Felder dieser Türe enthalten Begebenheiten aus dem alten Testament. — Dies Werk läßt im einzelnen wie im ganzen erkennen, welch reiche Erfindung ein Bildhauer durch Kunst und Anstrengung im Zusammenstellen der Figuren zeigen könne, die zum Teil fast ganz, zum Teil halb erhoben, zum Teil flacher und endlich ganz flach gearbeitet sind; welche ungewöhnliche Mannigfaltigkeit er in den Stellungen der männlichen und weiblichen Gestalten zu entwickeln vermöge, welche Abwechslung in den Gebäuden und Perspektivgegenständen; wie es ihm möglich sei, den Angesichtern der Figuren jedes Geschlechts einen angenehmen Ausdruck zu verleihen, überall Würde zu behaupten, den alten Leuten Emst und den jungen Zierlichkeit und Anmut zu geben. Kurz, diese Arbeit ist in allen Dingen vollkommen, und ist das schönste Kunstwerk dieser Art, welches man bei den Alten und den Neuern gesehen hat; ja wie sehr Lorenzo gerühmt zu werden verdient, geht aus dem Urteil Michelagnolos Buonarroti hervor, der eines Tages, vor diesem Werke stehend, gefragt ward, was er davon halte und ob diese Türen schon wären, und zur Antwort gab: „Sie sind so schön, daß sie wohl an den Pforten des Paradieses stehen könnten,“ ein sicherlich eigentümliches Lob und von jemand ausgesprochen, der das Werk wohl zu beurteilen verstand. Lorenzo aber vermochte sie so schön zu vollenden, weil er von seinem zwanzigsten Jahre an, wo er sie begann, vierzig Jahre lang mit der größten Anstrengung daran arbeitete.

Lorenzo arbeitete nach diesem großartigen Werke die Bronzeverzierung um diejenige Pforte der selben Kirche, welche der Misericordia gegenüber steht, mit jenem wunderschönen Laubwerk, welches ernicht vollenden konnte, weil er unvermutet starb, als er eben Anordnungen traf, die Türe umzuarbeiten, welche vordem von demPisaner Am drea verfertigt worden war. Er hatte das Modell zu dieser Arbeit fast schon vollendet, und dies habe ich (sehr jung noch in Borgo Allegri gesehen, ehe es in unsem Tagen durch Schuld der Nachkommen Lorenzos zugrunde ging.

Lorenzo beschäftigte sich während seines Lebens mit mancherlei Dingen; unter andern auch zu malen und in Glas zu arbeiten, und von ihm sind die Fenster um die Kuppel von Santa Maria del Fiore, eines ausgenommen, welches Donato ausführte, und worin Christus die Madonna krönt.

Derselbe Lorenzo schrieb ein Werk in der Volkssprache, worin er von verschiedenen Dingen handelt, doch so, daß man wenig Vorteil daraus ziehen kann. Einzig gut daran ist, wie mir scheint, daß, nachdem er von vielen ältem Malern geredet hat, vornehmlich von denen, die Plinius nennt, er ganz kurz des Cimabue, des Giotto und noch anderer Meister dieser Zeit Erwähnung tut, jedoch in viel größerer Kürze, als er gesollt hätte, und dies aus keinem anderen Grunde, als um mit guter Art auf sich selbst zu kommen, und aufs genaueste alle seine Arbeiten aufzuzählen. Auch will ich nicht verschweigen, daß er glauben macht, das Buch sei von einem andern geschrieben und dennoch, indem er fortfährt, von sich selbst zu erzählen, spricht er, gleich einem, der besser zeichnen, in Erz gießen und mit dem Meißel arbeiten als schreiben konnte, in der ersten Person als: Ich tat, ich sagte, ich habe getan, habe gesagt. Endlich, als er vierundsechzig Jahre alt geworden, starb er an einem langwierigen heftigen Fieber und hinterließ ein ewiges Gedächtnis von sich durch seine Werke und die Werke der Schriftsteller. Er ward in Santa Croce ehrenvoll begraben, und sein Bildnis findet sich auf der Haupttüre von S. Giovanni, vorn, wo sie verschlossen wird, in der Verzierung des Rahmens; er hat einen kahlen Kopf, und neben ihm ist Bartoluccio sein Vater, dabei steht: Laurentii Cionis de Ghibertismira arte fabricatum.

Aus dem Buch: Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Architekten der Renaissance (1910), Author:Jaffé, Ernst.

Siehe auch:
Giovanni Cimabue
Niccolo und Giovanni aus Pisa
Giotto
Buonamico Buffalmacco
Jacopo della Quercia
Luca della Robbia

Lorenzo Ghiberti