In jeder Schule begegnen wir Künstlern, welche zwar den Zusammenhang mit der Stätte, an der sie ihre künstlerische Ausbildung erhielten, nicht verleugnen, dabei aber von Natur so eigenartig ausgestattet sind, dass sic eine vollständig unabhängige Stellung ausserhalb der historischen Entwickelung ihrer heimatlichen Kunst einnehmen. In der Geschichte der venezianischen Malerschule muss man für Lorenzo Lotto einen solchen Platz beanspruchen; sind die Bellini, Giorgione, Tizian, Paolo Veronese und Tintoretto die notwendigen Faktoren, deren Summe die Malerei der Lagunenstadt bedeutet, so könnte man Lotto sich aus der Geschichte derselben fortdenken, ohne dass eine Lücke entstände. Mit ihm aber würde Venedig um einen seiner interessantesten und originellsten Künstler ärmer werden, der zugleich unserem modernen Empfinden besonders nahe steht.

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Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst LORENZO LOTTO

 

 

Maria mit dem Kinde und Johannes


Dieses feine kleine Bild mitsamt seiner kritischen Geschichte kann uns einleitend auf einen großen Maler vorbereiten, der sehr viel Bedeutenderes geschaffen hat und der in Deutschland einigermaßen in dem Berliner Museum, sonst aber bloß in Italien kennen zu lernen ist. Seit etwa hundert Jahren in der Dresdner Galerie befindlich, trug es dort lange einen indifferenten Künstlernamen, bis der erste wissenschaftliche Katalog (1887, Wörmann) fein und kurz bemerkte, dieser tüchtige Meister sei ein Oberitaliener und habe unzweifelhaft Lionardo da Vinci und Correggio gekannt, was nunmehr jeder deutlich nachfühlen kann, der auf das Stück Landschaft acht gibt, das durch den Fensterausschnitt sichtbar wird, auf die Bildung und den Ausdruck der Gesichter und auf die tiefen, gesättigten Farben mit den Schillertönen des Orange und Graublau. Zwei Jahre später sprach Frizzoni aus, daß es ein Originalwerk des Lorenzo Lotto sein müsse, und 1891 fand Charles Loeser sogar noch die Inschrift Laurentius Lotus 15.8. Wie beinahe keiner von den bedeutenden älteren venezianischen Malern aus Venedig selbst stammt, wie sie alle vom Festland hereinkommen und frische, kräftige Eindrücke, die Erinnerung an eine ganz andre Natur, an Berge, Flüsse und Bäume mitbringen und diese Grundlagen in der Lagunenstadt künstlerisch verarbeiten? so galt auch Lorenzo Lotto lange Zeit als Bergamaske oder Trevisaner, nächst Giorgione wohl der interessanteste Venezianer, weil in ihm das Oberitalienische und das Venezianische auf eine so eigentümliche Weise zusammengeflossen ist, daß auf seinen Bildern allerlei Neues und Unerwartetes oft geradezu geheimnisvoll an die Oberfläche tritt. Jetzt weiß man, daß er in Venedig geboren wurde, wo er jedoch nur einen Teil seines Lebens verbrachte. Wir haben von ihm große Kirchentafeln, die schönsten in Bergamo, sittenbildlich aufgefaßte Gruppen, einzelne Frauen, Bildnisse ernster Männer. Seine Gestalten sind bald ruhig und schwermütig, bald lebhaft bewegt bis zum stürmischen, bald von einem weichen Liebreiz, wie bei keinem andern Venezianer. Das Zusammentreffen mit Correggio erklären wir uns heute so, daß dieser, der Jüngere, auch der Empfangende gewesen ists dessen frühestes datiertes Werk ist die Madonna mit dem heiligen Franz in Dresden (1515, Nr. 29), die Reihe der Kirchentafeln Lottos beginnt 1516, und ungefähr seit 1520 folgen dann die reifen Bilder Correggios. — Die Jahrzahl der Dresdner Madonna Lottos ist 1518 zu lesen, so daß das Bild in die Zeit seines Aufenthalts in Bergamo (1513 bis um 1525) gesetzt werden muß.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Dresdner Galerie LORENZO LOTTO