AN einem Hause der Johannesstrasse in Dresden . ist eine Tafel angebracht, die daran erinnert, dass hier Ludwig Richter in der letzten Zeit seines Lebens gewohnt hat und am 19. Juni 1884 gestorben ist. Erst dreizehn Jahre sind seitdem verstrichen. Noch leben manche seiner Freunde, und auch wir, die Männer der jungen Generation, haben ihn als Kinder gut gekannt.

An manchem Wintertage, wenn draussen die Flocken, die „weissen Müllerburschen“, wie wir sagten, durcheinander wirbelten, dann sassen wir in der Kinderstube mit Ludwig Richter, das heisst mit seinen Bilderbüchern, beisammen und haben uns vortrefflich unterhalten.

Wir haben einander so gut verstanden, wie späterhin nur mit wenigen Freunden. — Merkwürdig — dennoch gehört unser alter Spielkamerad schon der Geschichte an, sogar schon ziemlich lange, eigentlich schon ehe er starb. Wer heutzutage, von einer Kunstausstellung heimgekehrt, zu Hause etwa ein Buch aufschlägt, wie „Erbauliches und Beschauliches“, der muss es ohne weiteres empfinden, dass dieser Künstler nicht nur sich durch Aeusser-lichkeiten von seinen modernen Genossen unterscheidet, dass er vielmehr einer ganz anderen Welt angehört. Bei Velazquez hätte einer unserer neuen Meister das Malen lernen mögen; dass einer sich Ludwig Richter zum Zeichenlehrer gewünscht hätte, habe ich noch nie vernommen. Die Kunstgeschichte entwickelt sich eben in Gegensätzen, und der fernsten Ferne fühlen wir uns oft verwandter als dem jüngst Vergangenen.

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