Kategorie: Masaccio


SEIT den Tagen, da Giorgio Vasari in seinen Lebensbeschreibungen der italienischen Künstler der damals geltenden Tradition bleibende Form gab, steht die Persönlichkeit Giottos als des Begründers der italienischen Malerei fest. Was auch die Forschung seither getan hat, um erfolgreich nachzuweisen, dass auch hier das Grosse nicht plötzlich eintrat, dass Giotto Vorgänger gehabt hat, deren Existenz sein Ruhm nur überschattete: daran hat sie nicht zu rütteln vermocht, dass er als erstes greifbares Genie anzusehen ist, als der Entdecker und Wegweiser, der den Zeitgenossen die von allgemeinen Vorstellungen befangenen Augen öffnete und sie sich selbst und die engste Umgebung auf Formen und Bewegung anschauen lehrte.

Der Fortschritt, der sich durch ihn vollzog, war ungeheuer. Selten ist die Kunstvorstellung der Menschen so revolutioniert worden, als durch den Hirtenknaben aus dem Mugello. Eine lange Lebensdauer ermöglichte es ihm voll auszureifen; zahlreiche Berufungen nach allen Seiten der Heimat gaben ihm einen von Nord bis Süd, von Padua bis Neapel reichenden Einfluss. Dass es auch neben ihm, besonders in Siena, selbständige Künstlernaturen gegeben hat, ändert an der Tatsache nichts, dass Giotto überall Anregungen ausstreute.

Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst Masaccio

Geboren am 21. Dezember 1401 im Kastell S. Giovanni in Valdarno, gestorben 1428 zu Rom.

ft wenn die Natur einen vorzüglichen Geist in irgendeinem Beruf erweckt, läßt sie ihn nicht einsam, sondern bringt gleichzeitig und in seiner Nähe einen zweiten hervor, damit sie gegenseitig sich fördern und durch Wetteifer Nutzen schaffen. Abgesehen von den Vorteilen, welchen dies solchen bereitet, die vereint vorwärts streben, werden dadurch auch die Gemüter der Nachgebornen in hohem Maße zu Studium und Fleiß angefeuert, so daß sie trachten, den Ruhm und die Vorzüge zu erlangen, welche sie an denen, die ihnen vorhergegangen sind, jeden Tag preisen hören. Zeugnis hiervon gibt, daß Filippo, Donato, Lorenzo, Paolo Uccello und Masaccio zu einer und derselben Zeit lebten und jeder in seiner Art gleich trefflich waren, wodurch nicht nur die plumpe und harte Manier verbannt wurde, welche sich bis dahin erhalten hatte, sondern auch diejenigen, welche nach ihnen kamen, zu Begeisterung entflammt und zu den herrlichen Leistungen getrieben wurden, welche wir in unseren Tagen schauen. Wir sind demnach zu großem Dank jenen Meistern verpflichtet, die uns durch ihre Anstrengung den Weg gezeigt haben, zum höchsten Gipfel zu gelangen, und was die gute Methode der Malerei betrifft, ganz vornehmlich demMasaccio, denn er ist es, der voll Verlangen, Ruhm zu erwerben, die klare Einsicht gewann, von der Malerei sei nichts anderes zu fordern, als daß sie durch einfache Zeichnung und Farben die lebendigen Gegenstände nachahme, wie sie von dieser hervorgebracht werden, und wer dies am vollständigsten vermöge, sei am höchsten zu preisen. Weil er dies erkannte, brachte er es durch unausgesetztes Studium dahin, daß man ihn unter die ersten zählen kann, welche zum größten Teil die Härten und Unvollkommenheiten der Kunstzu verbannen wußten, und daß er den Anfang machte, den Gestalten schöne Stellungen, Beweglichkeit, Kraft und Leben, und den Gegenständen eine eigentümliche und natürliche Rundung zu geben, was bis auf ihn kein Maler getan hatte. Zudem ließ ihn sein richtiges Urteil erkennen, alle Figuren, deren Füße auf den Spitzen zu stehen scheinen und sich nicht so verkürzen, daß sie auf dem Boden aufruhen, seien im wesentlichen schlecht; wer dergleichen zeichne, gebe kund, wie er nichts von Verkürzung wisse. Hierin hatte zwar schon Paolo Uccello den Anfang gemacht, und manches geleistet, was diese Schwierigkeit erleichterte, Masaccio aber, der in vielen Dingen von ihm abwich, zeichnete Verkürzungen in den verschiedensten Ansichten, und besser, als irgendeiner vor ihm getan hatte; gab seinen Malereien schöne Einheit und Zartheit; brachte die Hautfarben der Köpfe und Gestalten mit den Farben der Gewänder in Übereinstimmung, die er mit wenigen Falten malte und leicht wie im Leben und in der Wirklichkeit. Dies war den Künstlern von großem Nutzen, und er verdiente als der Erfinder hiervon genannt zu werden, da man die Werke, welche vor seiner Zeit ausgeführt sind, Malereien, die seinigen im Vergleich gegen jene, Leben, Wahrheit und Natur nennen kann.

Dieser Künstler war zu Castello S. Giovanni im Valdamo geboren, und man sagt, es wären dort noch einige Figuren zu sehen, die er in frühester Kindheit ausgeführt habe. Er war sehr zerstreuten und in sich selbst versunkenen Geistes, gleich jemand, dessen Sinnen und Streben einzig der Kunst zugewendet ist, und der sich deshalb wenig um eigenes, minder noch um die Angelegenheiten anderer bekümmert. Weil er demnach in keiner Weise der Welt gedenken wollte und auf nichts, selbstnichtauf seine Kleis düng acht hatte, auch nicht Geld bei seinen Schuldnern einzutreiben pflegte, als wenn höchste Not ihn drängte, ward er von allen, anstatt Tommaso, welches sein Name war, Masaccio genannt, nicht etwa, daß er lasterhaft gewesen wäre, denn er besaß große Herzensgüte, sondern nur wegen seiner Fahrlässigkeit die zudem nicht hinderte, daß er so verlangend war, anderen Dienste und Vers gnügen zu bereiten, als man nur immer wünschen kann. Zu der Zeit, als Masolino von Panicale die Kapelle der Brancacci in Carmine zu Florenz malte, übte Masaccio sich zuerst in seinem Beruf und suchte so viel als nur möglich Filippo und Donato nachzuahmen, wenngleich ihre Kunst von der seinigen verschieden war. Unauss gesetzt mühte er sich, seine Figuren lebendig, beweglich, der Natur getreu darzustellen. Zeichnung der Umrisse, wie Ausbildung der Farben, ist bei ihm so verschieden von dem, was frühere Meister leisteten, daß seine Arbeiten sicherlich den Vergleich mit jedem neuern Zeichen- und Malwerk bestehen können. Er war sehr eifrig bei der Arbeit und künstlich und bewundernswert bei den Aufgaben der Perspektive, wie an einem seiner Bilder mit einer Menge kleiner Figuren zu erkennen ist, welches sich heutigen Tages im Besitz von Ridolfo del Ghirlandajo befindet, und worin Christus den Besessenen heilt; in der Umgebung sind eine Menge Gebäude sehr schön perspektivisch gezeichnet, so daß man zu gleicher Zeit das Äußere ‚und Innere derselben gewahr wird, weil er zu größerer Schwierigkeit die Ansicht nicht von vorne, sondern von den Ecken genommen hatte. Mehr als andere Meister suchte er nackende Gestalten und Verkürzungen nach einer vordem ungewöhnlichen Manier auszuführen, hatte eine leichte Hand und bewies, wie gesagt, überall große Einfachheit in der Anlage der Gewänder. Von ihm ist eine Tafel in Tempera, die Madonna, die mit dem Sohn auf dem Arm im Schoße der heiligen Anna ruht, welches Bild nunmehr in S. Ambrogio zu Florenz in der Kapelle aufbewahrt wird, die neben der Tür gelegen ist, welche nach dem Sprachzimmer der Nonnen führt.

Es war ihm jedoch in Florenz nicht recht zu Sinn, und von Liebe und Eifer zur Kunst getrieben, beschloß er, nach Rom zu gehen, damit er dort lerne, wie er die andern Meister übertreffen könne, und so tat er. In Rom gelangte er zu großem Ruhm und malte in Fresko für den Kardinal von S. Clemente, in einer Kapelle der Kirche S.Clemente, die Passion Christi, dabei die Schächer am Kreuz, und Begebenheiten aus dem Leben der heb ligen Märtyrin Katharina. Dieser Künstler sollte einen Teil der Arbeiten in S. Giovanni zu Rom übernehmen, woselbst Pisannello und Gentile da Fabriano für Papst Martin die Wände mit Malereien verzierten; er erhielt jedoch Nachricht, Cosimo von Medici, der ihn sehr beschützte und ihm viele Hilfe leistete, sei aus dem Exil zurückberufen und begab sich deshalb wiederum nach Florenz. Dort war Masolino von Panicale gestorben, und Masaccio mußte die Malereien in der Kapelle der Brancacci in Carmine weiterführen, welche jener um beendet gelassen hatte. Ehe er dies jedoch unternahm, malte er gleichsam zur Probe, und um zu zeigen, wie er die Kunst vervollkommet habe, den heiligen Paulus, nahe bei der Stelle, wo die Seile der Glocken sind. Hierbei gab er fürwahr viele Vorzüge kund; denn der Kopf des Heiligen, worin er den Bartolo di Angiolino Angiolini nach der Natur darstellte, hat etwas so Gewaltiges und Lebendiges, daß dieser Gestalt einzig die Sprache zu fehlen scheint, und wer den heiligen Paulus nicht gekannt hat, wird in ihr jenen Adel der römischen Bildung und zugleich die unbesiegbare Kraft jenes göttlichen Geistes erkennen, dessen Sorge allein auf den Glauben gerichtet war. In dem selben Bilde bewies er seine Fertigkeit, Gegenstände so zu zeichnen, daß sie sich von unten auf gesehen dem Auge verkürzen, eine fürwahr bewundernswerte Sache, wie noch heute die Füße des Apostels zeigen, bei welchem man die Aufgabe mit Leichtigkeit gelöst sieht. Die häßliche alte Manier, nach welcher, wie ich schon oben sagte, alle Figuren auf den Fußspitzen standen, hatte bis auf ihn gedauert, ohne daß sie jemand verbesserte; er allein und früher als irgendein anderer, brachte diesen Teil der Kunst zu der Vollkommenheit, in welcher er jetzt ausgeübt wird. ZurZeit, als er jenes Werk arbeitete, ward die genannte Kirche delCarmine eingeweiht und Masaccio malte zum Gedächtnis dieser Begebenheit in Hell und Dunkel mit grüner Erde, innen im Kreuzgang über der Türe die nach dem Kloster führt, jene ganze Feierlichkeit der Wahrheit getreu; dabei stellte er eine große Anzahl Bürger nach dem Leben dar, die in Mänteln und Kapuzen der Prozession folgen, darunter Filippo di Ser Brunellesco in Holzschuhen, Donatello, Masolino von Panicale, seinen Lehrer, Antonio Brancacci, für den er die Kapelle malte, Niccolo von Uzzano, Giovanni di Bicci de’ Medici und Bartolomeo Valori, welche alle wiederum von dem selben Meister im Hause von Simon Corsi, einem florentinischen Edelmanne, gemalt sind. Außerdem bildete er daselbst Lorenzo Ridolfi ab, der in jenen Zeiten als Gesandter der florentinischen Republik in Venedig war. Endlich sind nicht nur die oben genannten Männer dort nach dem Leben gemalt, sondern auch die Türe des Klosters und der Pförtner mit den Schlüsseln in der Hand. Bei diesem Werk ist vieles sehr vollkommen, denn Masaccio wußte auf der Fläche der Piazza die Figuren so gut in fünf- und sechsfachen Reihen zu zeichnen, daß sie allmählich abnehmen, wie es sich in der Wirklichkeit dem Auge darstellt, und ganz vornehmlich zu verwundern ist die Einsicht, mit welcher, wie bei lebenden Gestalten, nicht alle nach einerlei Verhältnis gezeichnet sind, sondern der Unterschied zwischen großen und schlanken und kleinen und dicken Leuten beachtet ist; die Füße aller stehen auf dem Boden auf, und verkürzen sich der Reihe nach so gut, daß es in der Natur nicht anders scheint. Masaccio kehrte nunmehr zur Arbeit in der Kapelle der Brancacci zurück, woselbst er die von Masolino angefangene Geschichte des heiligen Petrus weiter ausführte, und zum Teil beendete, nämlich St. Petri Stuhlfeier, die Heilung der Kranken, die Erweckung der Toten, und wie St.Petrus, der mit St. Johannes zur Kirche geht, durch seinen Schatten Lahme gesund macht. Vor andern bemerkenswert ist, wie St. Petrus, um den Tribut zu zahlen, auf Jesu Gebot Geld aus dem Bauche eines Fisches nimmt, denn außerdem, daß Masacci dort in einem der letzten Apostel sich selbst nach dem Spiegelbild so gut zeichnete, daß er zu leben scheint, erkennt man auch viel Mut in Petrus, derjesum fragt, und große Achtsamkeit bei den Aposteln, die in mannigfaltiger Geberde um Christus stehen, seinen Ausspruch zu vernehmen, ja man wähnt fast, diese Gestalten in der Wirklichkeit zu schauen; vornehmlich St. Petrus, der sich anstrengt, das Geld aus dem Bauche des Fisches zu nehmen und gebückt steht, daß ihm das Blut nach dem Kopfe strömt. Weit vorzüglicher noch ist, wie er den Tribut zahlt und mit Sorgfalt die Münzen zählt, während der, welcher sie einfordert, große Begierde danach zeigt, und mit Freude das Geld in seiner Hand betrachtet. Zuletzt ist dargestellt, wie St. Peter und Paul den Königssohn ins Leben zurückrufen. Dies Werk blieb indes durch den Tod Masaccios unbeendet und ward von Filippino vollends ausgeführt. In dem Bilde, worin St. Petrus tauft, wird eine nackende Gestalt sehr gerühmt, welche vor Kälte zitternd zwischen den Täuflingen steht. Diese Figur, mit vieler Rundung und in zarter Manier ausgeführt, ist von alten und neuern Künstlern stets mit Ehrfurcht und Bewunderung betrachtet worden, wie denn bis auf den heutigen Tag unzählige Meister jene Kapelle besuchen und betrachten, in welcher einige Köpfe fürwahr so schön und lebendig gemalt sind, daß man sagen kann, kein Künstler jener Zeit habe sich so sehr als er den Neuern genähert. Sein Fleiß verdient das allergrößte Lob, verdient es um so mehr, als er in seiner Kunst die Bahn zu der schönen Methode unserer Tage eröffnete. Hiervon gibt ein gültig Zeugnis, daß alle berühmten Bildhauer und Maler, welche von ihm an lebten und vorzüglich geworden sind, in jener Kapelle sich übten und ihre Studien machten: Giovanni da Fiesoie, Fra Filippo Filippino, der sie beendete, Alesso Baldovinetti, Andrea dalCastagno, Andrea del Verrocchio, Domenico del Grillandajo, Sandro di Botticello, Lionardo da Vinci, Pietro Perugino, Fra Bartolommeo di SanMarco, Mariotto Albertinelli und der göttliche Michelagnolo Buonarroti. Auch Raffael von Urbino lernte hier den Anfang seiner herrlichen Art, Granaccio, Lorenzo di Credi, Ridolfo del Grillandajo, Andrea del Sarto, der Rosso, der Francia Bigio, Baccio Bandinelli, Alonso Spagnolo, Jacopo da Pontormo, Pierino del Vaga und Toto del Nunziata; kurz alle, welche die Kunst üben wollten, sind immer dar nach dieser Kapelle gegangen, um an den Figuren Masaccios die Regeln und Vorschriften eines richtigen Verfahrens zu lernen, und wenn ich viele Fremde und florentinische Künstler nicht nannte, welche getrachtet haben, sich dort zu unterrichten, so genügt, daß, wo die Häupter hingehen, auch die Glieder nachfolgen. Wie sehr nun zu allen Zeiten die Arbeiten Masaccios in hohem Rufe gestanden haben, so ist es doch die Ansicht, oder richtiger, der feste Glaube vieler, daß er noch weit Größeres in der Kunst erreicht haben würde, wenn er nicht schonin seinem sechsundzwanzigstenJahre uns vomTod geraubt worden wäre. Geschah es durch Neid und Verfolgung,odergeschahes,weilvorzüglicheDienstemeistnicht lange dauern, er ward in seiner schönsten Blüte hingerafft undso schnell, daß es nicht an solchenfehlte, welche meinten, er sei an Gift eher als an sonst einem Zufall gestorben.

Filippo die Ser Brunellesco soll gesagt haben, als er seinen Tod vernahm: wir haben in Masaccio einen überaus großen Verlust erlitten; und es geschah ihm über alles leid, daß jener starb, denn er hatte sich lange gemüht, ihn die Regel der Perspektive und der Baukunst zu lehren. Masaccio wurde 1443 in der Kirche del Carmine begraben, und obwohl man ihm damals kein Gedächtniszeichen auf sein Grab setzte, weil er im Leben nicht sehr anerkannt war, wurde er doch nach seinem Tode durch Grabschriften geehrt.

Aus dem Buch: Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Architekten der Renaissance (1910), Author:Jaffé, Ernst.

Siehe auch:
Giovanni Cimabue
Niccolo und Giovanni aus Pisa
Giotto
Buonamico Buffalmacco
Jacopo della Quercia
Luca della Robbia
Lorenzo Ghiberti

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