Jacob von Ruisdael und Meindert Hobbema pflegen wir mit Recht als die vornehmsten Repräsentanten der Blütezeit der holländischen Landschaftsmalerei zu betrachten. Wie alle holländischen Landschaftsmaler, zaubern auch sie uns keine effektvoll komponierten Landschaften auf die Leinwand, sondern suchen die Motive in ihrer nächsten Umgebung, dem Heimatlande, und legen den Hauptwert auf die genaue Wiedergabe dessen, was die Natur ihnen bietet. Man kann wohl behaupten, dass fast alle Arbeiten Ruisdaels und Hobbemas auf sorgfältigen Naturstudien beruhen. Und in diesem Naturalismus liegt gerade ihre Grösse. Indem liebevollen Eingehen auch auf die scheinbar unbedeutendsten Dinge, ohne dabei ins Kleinliche zu verfallen, in der feinen Beobachtung der wechselnden Stimmung, welche die verschiedenen Tages- und Jahreszeiten, Windströmungen und Wolkenbildungen auf eine Landschaft hervorzubringen pflegen, stehen sie unerreicht da. Alles das vereint, verleiht Ruisdaels und Hobbemas Gemälden jenen unbeschreiblichen Reiz, den jeder empfindet und zu würdigen versteht.

Durch die Einfachheit des Stoffes und die Natürlichkeit der Behandlung desselben sind ihre Landschaften fast allen Menschen gleich lieb und wert. Welchem von beiden Meistern wir den Vorzug geben sollen, ist schwer zu entscheiden. Der vielseitigere und fruchtbarere Künstler ist ohne Zweifel Ruisdael. Wald- und Flach-Landschaften, Seestücke und Städteansichten, Winterlandschaften und nordische Landschaften in Everdingens Art sind uns von ihm in grosser Anzahl erhalten. Wir finden seine Bilder in allen öffentlichen Galerien, und besonders Dresden kann sich des Besitzes der hervorragendsten Ruisdaels rühmen. Hobbema dagegen ist einseitiger. Er behandelt fast stets dasselbe Motiv, Wassermühlen im Walde, und steht uns durch die geringe Anzahl seiner Werke, von denen sich die Besten zudem in unzugänglichen englischen Privatsammlungen befinden, verhältnismässig fern. Ueber das Leben beider Künstler sind wir schlecht unterrichtet. Wir wissen nur das mit Bestimmtheit, dass sie das Schicksal vieler Kunstgenossen ihres Heimatlandes teilten, nämlich mit irdischen Gütern nicht gesegnet zu sein. Ruisdael geriet sogar in den letzten Jahren seines Lebens in die bitterste Armut und hat wohl überhaupt sein ganzes Leben lang mit Not und Sorgen kämpfen müssen.

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Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst MEINDERT HOBBEMA 1638-1709

Geboren zu Amsterdam 1638, Gestorben Ebenda 1709
Holländische Schule

Waldige Landschaft mit Schafherde

Hobbema war 21 Jahre alt, als Jacob van Ruisdael 1659 von Haarlem nach Amsterdam übersiedelte; er kann also nicht im eigentlichen Sinne sein Schüler genannt werden, aber dass sich der junge Künstler unter seinem Einflüsse weitergebildet und starke Eindrücke von ihm empfangen hat, beweisen seine Gemälde, namentlich die frühesten, unter denen einzelne gleichzeitigen Bildern Ruisdaels zum Verwechseln ähnlich sind. Auch wissen wir durch urkundliche Nachrichten, dass der junge Hobbema zu Jacob van Ruisdael, bald nachdem dieser sich in Amsterdam niedergelassen hatte, in naher freundschaftlicher Beziehung stand. Doch ist die Ähnlichkeit zwischen den Gemälden beider Künstler nur eine äusserliche; sie liegt namentlich in den Motiven. Die einfachen waldigen Ansichten mit ein paar Hütten mit roten Dächern oder einer Mühle, mit etwas Wasser im Vordergründe und einem kleinen Ausblick zur Seite, die regelmässig die Vorwürfe Hobbemas sind, finden wir auch bei Jacob van Ruisdael. Aber bei Ruisdael ist dies nur ein Motiv neben vielen. Hobbema ist neben Ruisdael geradezu arm in der Erfindung, weniger geschickt im Aufbau seiner Bilder und ohne die tiefe poetische Empfindung seines grossen Vorbildes. Auch sind seine Bäume leicht zu massig und schwer, in der Zeichnung mit ihren stark betonten Ästen nicht ohne Manier, den Wolken fehlt oft der grosse Zug, die Farbe hat in manchen Bildern etwas Festes, Schweres. Zweifellos ist Ruisdael der genialere, grössere Künstler, und es ist durchaus ungerechtfertigt, wenn man schon seit Jahrzehnten die Gemälde Hobbemas mit dem Fünf- bis Zehnfachen von dem bezahlt, was für Jacob van Ruisdaels Bilder gezahlt wird; die weit grössere Seltenheit seiner Werke ist wohl der Grund dafür. Freilich, Hobbemas beste Bilder haben Vorzüge, die selbst Ruisdaels Meisterwerke nicht oder doch nicht im gleichen Masse besitzen. Bilder wie die „Allee von Middelhamis“ in der Londoner Galerie oder wie die „Mühle“ im Louvre sind von einer Grösse und Wucht in der Auffassung, von einer Wahrheit und Kraft in der Wiedergabe der Natur, dass sie in ihrer Art unübertroffen sind. Diese Vorzüge hat, wenn auch nicht in gleichem Masse, auch die „Waldige Landschaft mit Schafherde“ in der Galerie zu Rotterdam, die uns in der Nachbildung vorliegt.

MEINDERT HOBBEMA 1638-1709

Geboren zu Amsterdam 1638, Gestorben Ebenda 1709
Holländische Schule

die Wassermühle

So sehr Hobbema an Feinheit der Stimmung und Reichtum der Phantasie hinter seinem Lehrer und väterlichen Freund Jakob Ruisdael zurücksteht, so bewundernswert ist er in der Wahrheit seiner Naturbeobachtung und in der einfachen Grösse, in der er die Natur wiedergibt. In seinen Motiven ist er keineswegs wählerisch; er findet sie in der nächsten Umgebung von Amsterdam und wiederholt nicht selten das selbe Motiv mit geringen Veränderungen. Die „Wassermühle“ im Rijksmuseum zu Amsterdam, deren Nachbildung uns hier vorliegt, führt uns an einen Fleck in der Nachbarschaft seiner Heimatstadt, an dem er mit Vorliebe seine Studien machte. Wohl neun oder zehn Bilder unter den erhaltenen Werken Hobbemas wiederholen diesen Vorwurf bei ganz geringen Veränderungen. Kaum einen Busch, kaum einen Ast an den Bäumen, welche das malerische Wehr der Mühle in schattiges Halbdunkel hüllen, hat der Künstler verändert: aber durch einen fast unmerklichen Wechsel des Standpunktes, durch andere Beleuchtung und Stimmung hat er stets ein neues Bild geschaffen. Nur durch den Vergleich der Nachbildungen, durch die auffallenden Formen der malerischen Mühlenwerke werden wir inne, dass alle diese Bilder fast treue Veduten von einem und demselben einfachen Motiv sind. Das scharfe Auge des Meisters, das jede Veränderung in der landschaftlichen Stimmung beobachtet, das jede Tageszeit, jeden Wechsel des Lichtes mit grösster Treue zum Ausdruck bringt, befähigt ihn, aus dem selben anspruchslosen Fleck stets ein neues interessantes Bild zu machen, ohne dass er zu absonderlichen Beleuchtungen seine Zuflucht zu nehmen braucht.

MEINDERT HOBBEMA 1638-1709

enn uns aus den Urkunden über die holländische Kunst immer wieder dasselbe Lied von der Verkennung und Zurücksetzung, von der Not und dem Jammer der großen Meister entgegentönt, so bilden wir uns leicht die Vorstellung, als ob ihre drückenden Lebensverhältnisse ungünstig auf die Entwickelung der holländischen Malerei eingewirkt hätten und diese nur ein schwaches Abbild von dem wäre, was sie bei glücklicher Lage ihrer Künstler hätte sein können. Nähere Beschäftigung mit den Gemälden und ihren Meistern aber überzeugt uns, daß solche widrigen Verhältnisse die Tätigkeit der Künstler doch nur selten ungünstig beeinflußt oder gar unterdrückt haben, ja daß sie häufig sogar anregend gewirkt und die Güte der Arbeiten noch gesteigert haben. Man mag es von rein menschlichem Standpunkte aus bedauern, daß Rembrandt nur ausnahmsweise mit öffentlichen Aufträgen bedacht wurde, für seine Kunst wäre es schwerlich von besonderem Nutzen gewesen. Schwankt doch noch stets das Urteil darüber, weiche Bedeutung die »Nachtwache« innerhalb seines Lebenswerkes habe; und die »Verschwörung des Claudius Civilis« wie die neuerdings erst bekannt gewordene Komposition mit dem Triumphzug eines römischen Feldherrn, die gleichfalls wahrscheinlich auf Bestellung der Stadt Amsterdam entworfen wurde, gehören gewiß nicht zu seinen hervorragenden Werken. Auf sich allein angewiesen war der Meister dagegen gezwungen, seiner künstlerischen Eingebung zu folgen. Wie Rembrandt, so ging es den meisten seiner großen Landsleute: unter dem Druck der äußeren Verhältnisse arbeiten sie mit doppelter Anstrengung und mit fester Hingabe an der Ausbildung ihrer künstlerischen Eigenart; wenn sie plötzlich nachlassen oder gar die Kunst aufgeben, so war der Grund der, daß ihnen die Eingebung versagte oder ihre Kraft erschöpft war. Dies gilt in gleicher Weise für Jan van der Heyden wie für seinen gleichaltrigen Landsmann Meindert Hobbema.

Hobbema hatte sich im Jahre 1668, damals dreißig Jahre alt, mit einer vier Jahre älteren Dienstmagd des Bürgermeisters Lambert Reynst in Amsterdam verlobt. Durch den Einfluß einer im gleichen Dienst stehenden Magd auf den Bürgermeister1) erhielt er das Amt eines »Wijnroeijers«, eine kleine Stellung am Weinsteueramt Nachdem er sich so ein leidliches Auskommen gesichert hatte, malte er nur noch gelegentlich in Mußestunden und bald wohl überhaupt nicht mehr; denn obgleich der Künstler erst im Jahre 1709 starb, besitzen wir nur ein Bild, das sicher später als 1670 datiert ist: die Allee von Middelharnis in der National Gallery in London (wahrscheinlich 1689 datiert). Mit Ausnahme dieses Werkes zeigen schon die um 1670 entstandenen Gemälde, daß die künstlerische Kraft Hobbemas damals bereits im Abnehmen war.

So ergeben die Urkunden das Bild eines durchaus praktischen, nüchternen Mannes. Mit dieser Vorstellung stimmt der Charakter der Gemälde überein. Ebensowenig wie die Motive, die einförmig und nicht selten fast treu wiederholt sind, variieren Komposition und Färbung in den Bildern des Künstlers. Seinen schlichten Schilderungen nach den bewaldeten Gegenden der Niederlande, vermutlich nach der Landschaft in Geldern: einer Mühle zwischen Bäumen, einem Weg durch Laubwald mit einem kleinen Wasser und einzelnen Häusern oder Gehöften, gelegentlich mit einem Kirchdorf in der Ferne, einer Ruine zwischen lichtem Gehölz und ähnlichen Motiven, liegen sorgfältige Studien nach der Natur zugrunde. Das können wir am besten an der »Wassermühle« beobachten, von der uns mehr als ein halbes Dutzend Darstellungen erhalten sind: zwei im Rijksmuseum, je eins bei Lady Wantage, in der Wallace Collection, im Museum zu Chicago (aus der Sammlung San Donato) und so fort. Der Künstler hat seinen Standpunkt Jedesmal nur wenig geändert und sich so treu an das Vorbild gehalten, daß kaum ein Baum verstellt oder ein Kontur verändert worden ist. Ebenso hat er die berühmte »Mühle« des Louvre mit geringen Veränderungen in verschiedenen Bildern wiedergegeben, die sich in der National Oailery zu London, bei der Baronin Alphonse Rothschild in Paris und an anderen Orten befinden. In der Stimmung weichen diese Wiederholungen kaum von einander ab: es ist heller Tag, und mattes Sonnenlicht liegt über der Landschaft. Trotzdem machen uns die verschiedenen Exemplare desselben Motives nicht den Eindruck von Repliken. Auch gibt es nur wenig Gemälde des Künstlers, bei denen sich der Gedanke aufdrängt, daß eine bestimmte Örtlichkeit wiedergegeben ist, wie dies der Fall ist bei der »Villa hinter einer Baumreihe«, die sich in der Sammlung San Donato befand, und bei der »Gracht in Amsterdam«, die auf einer Londoner Versteigerung vorkam. Dank seinem gewissenhaften Studium und seiner Kraft der naturalistischen Darstellung hat es der Künstler regelmäßig verstanden, aus dem einfachsten Motive der heimischen Landschaft ein Bild zu gestalten, welches so frisch und überzeugend und off so packend auf uns wirkt, daß dem naiven Beschauer nicht die Vermutung aufsteigen wird, als hätte er schon einmal das gleiche Motiv in einem anderen Bilde des Künstlers gesehen.

Dieser ehrliche, gesunde Naturalismus und die freie meisterliche Art, wie er ihn zum Ausdruck zu bringen weiß, haben Hobbema seinen Platz neben Jacob van Ruisdael gesichert, obgleich ihm dieser in dem Reichtum der Empfindung, im Geschmack des Aufbaues und vor allem in Stimmung und Empfindung weit überlegen ist Die Seltenheit seiner Gemälde hat diese bei den Sammlern, seitdem im Anfänge des vorigen Jahrhunderts das Verständnis für seine Kunst erwacht war, zu den gesuchtesten Kunstwerken gemacht, und der Umstand, daß sich gerade seine Meisterwerke an hervorragender Stelle, im Louvre und in der National Galleiy zu London, befinden, hat noch dazu beigetragen, daß man die Bedeutung des Künstlers eine Zeitlang überschätzt, daß man ihn Ruisdael gleichgestellt, ja gelegentlich sogar vorgezogen hat. Kann eine solche Verkennung des größten Landschaftsmalers aller Zeit auch nicht entschieden genug zurückgewiesen werden, so soll Hobbema deshalb sein Platz unter den ersten Meistern der holländischen Schule doch nicht streitig gemacht werden.

Hobbema war Ruisdaels Schüler und Freund, seine Richtung, die Wahl seiner Motive hat er ihm abgelemt, und doch ist sein künstlerisches Temperament grundverschieden. Ruisdael zeigt uns die Natur in ihrer Sonntagsstimmung, in ihrer Unberührtheit; der Mensch betritt sie als andächtiger Zuschauer. In Hobbemas Landschaften herrscht dagegen Werktagsstimmung, der Künstler zeigt uns die Natur, wie der Mensch sie sich dienstbar gemacht, wie er sie zurecht gestutzt hat. Auch wenn die Staffage fast fehlt — und in allen seinen Bildern ist sie untergeordnet —, haben wir die Empfindung, darin einen Schauplatz menschlicher Tätigkeit vor uns zu haben. So fehlt seinen Landschaften jener poetische Zauber, der fast jedem Gemälde seines Lehrers in so hohem Maße innewohnt. Statt dessen ist aber die Prosa, in der Hobbema zu uns spricht, oft so kräftig und eindringlich, daß sie uns überzeugt und überwältigt, daß uns manche Stimmungsbilder seiner Landsleute daneben gesucht und schwächlich erscheinen.

Durch sein Kompositionsprinzip, dem zufolge er dürftige Bäume einzeln oder in kleinen Gruppen fast über das ganze Bild zerstreut, statt sie zum Wald zu verdichten oder als stattliche Solitärs zur Geltung kommen zu lassen, und durch die Art, wie er einzelne Bauten dazwischen auftauchen läßt, schafft er sich die Möglichkeit, ungesucht das Bild zu vertiefen, den Raum nach den verschiedenen Richtungen zu erweitern und zu beleben. Er läßt das stärkste Licht in den Mittelgrund fallen und entfaltet hier den größten Reichtum im einzelnen, während er den Vordergrund, ohne jede kulissenhafte Wirkung, kräftig abhebt. Den unruhigen Linien und Formen der Landschaft gibt er Zusammenhang und Zusammenklang durch den feinen Luftton, der das Ganze umhüllt, durch die Wirkung der Wolken, die einheitlich aufgebaut und beleuchtet sind und gleichmäßig Licht und Schatten über die Fläche verbreiten. Ebenso geschickt, ebenso wahr und individuell ist die Zeichnung und technische Behandlung Hobbemas, leichter, reicher und pikanter als bei Ruisdael, gelegentlich scharf betont und daneben in untergeordneten Stücken absichtlich ver nachlässig!. Für seine Farbengebung ist das Graugrün des Laubwerkes so charakteristisch, daß sich dadurch seine Bilder aus allen anderen gleichzeitigen Landschaften herausheben. Daneben macht sich in den Schatten ein bräunlicher und an den belichteten Stellen ein goldiger Ton geltend; im Mittelgrund hebt sich meist ein einzelnes Dach mit seinen roten Ziegeln kräftig heraus.

Bezeichnend für das Wesen des Künstlers ist, daß er nur von Zeit zu Zeit seine ganze Kraft zusammennimmt und dann Meisterwerke von einer Schönheit schafft, daß ihnen selbst Ruisdael wenig an die Seite zu stellen hat Dies gilt vor allem für die oben genannte »Allee von Middeiharnis«. Zwei Reihen von steifen, jungen Pappeln, deren Zweige bis auf die Spitzen abgehauen sind, schneiden das Bild in zwei gleiche Hälften; gerade Gräben und eine nach der Schnur angelegte Baumpflanzung im Vordergründe scheinen absichtlich den Eindruck des Abgemessenen, Schematischen noch zu verstärken; und doch tut dies der Gesamtwirkung keinen Eintrag, so mächtig ist die Wirkung der Luft, so wuchtig und malerisch ist die Ausführung. Weniger absonderlich in der Anlage, aber ebenso vortrefflich ist die »Mühle« im Louvre, ein Bild voll sonniger Erscheinung, voll warmen, goldenen Lichtes, von größter Feinheit in Anordnung und Zeichnung und voll seltener Kraft in Färbung und Behandlung. Die Darstellungen mit dem gleichen, nur von einem anderen Standpunkte gesehenen Motiv: in der Sammlung der Baronin Alphonse Rothschild in Paris, das kleinere »Dorf mit der Mühle« in der National Gallery zu London, die »Mühle« in der Galerie zu Antwerpen, in der Dresdener Galerie und andere, stehen dem Louvrebild an Bedeutung nahezu gleich. Die Wiedergabe einer anderen Ansicht, die der Künstler in verschiedenen Bildern zeigt, eines Weges zwischen Bäumen, an dessen einer Seite sich der Ausblick in eine weite, mit Gebüschen bestandene Ebene bietet, gelang dem Künstler am schönsten in dem umfangreichen Gemälde der Galerie Beit zu London. Unbedeutend neben solchen Meisterwerken, aber von eigenartigem Interesse gind ein paar ganz kleine skizzenhafte Bilder, die den Eindruck machen, als hätte der Künstler sie direkt vor der Natur gemalt. So die beiden Gegenstücke, baumreiches Terrain mit einem kleinen Wasser, in der Sammlung R. Kann in Paris (früher in Bowood), und der »Blick von der Düne«, in der Sammlung Thieme zu Leipzig. Namentlich das letztgenannte weist sich schon durch den plump geformten Dünenhügel im Vordergrund, der fast den dritten Teil des ganzen Bildes einnimmt, als Studie aus. Alle drei haben die gleiche frische Behandlung, bei der die Bäume und das Terrain in fetter Farbe modelliert sind.

Da, wie oben ausgeführt, die Mehrzahl der Bilder Hobbemas in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum entstanden ist, so läßt sich nicht wohl eine deutliche Entwickelung in der Kunst des Meisters beobachten; trotzdem heben sich einige Gemälde als frühere, andere als Werke der späteren Zeit heraus. Die letzteren geben sich meist leicht durch ihre schwere Farbe, die monotone Wiedergabe des Lichtes und eine in Manier ausartende Zeichnung des Baumschlags und des Terrains zu erkennen. Der Künstler »häuft darin — nach der treffenden Charakteristik von Paul Mantz — Bäume auf Bäume, er vervielfacht die Zahl der Äste, an den schon überreichen Zweigen fügt er noch weitere Blätter hinzu, er vermehrt die Einschnitte des Terrains und läßt im Rasen überflüssige Halme aufschießen«. Anders verhält es sich mit den Jugendwerken Hobbemas, die, wie die meisten frühen Arbeiten der großen holländischen Künstler, lange verkannt wurden. Durch die Verwandtschaft der Gemälde des Künstlers mit manchen Werken des Jacob Ruisdael, die sich auf Wahl der Motive, Anordnung und Behandlung bezieht, hatte die alte Annahme, daß Hobbema ein Schüler Ruisdaels gewesen sei, schon viel für sich; nachdem die engen Beziehungen zwischen beiden Künstlern, und zwar schon im Jahre 1661, durch neuerdings gefundene Urkunden festgestellt sind, ist sie nahezu zur Gewißheit geworden. Ruisdael wurde erst 1659 Bürger von Amsterdam, er hielt sich hier indes schon seit mehreren Jahren zeitweise von Haarlem aus auf. Hobbema muß daher schon, bevor er mit Ruisdael In Berührung kam, bei einem Künstler in der Lehre gewesen sein, falls er nicht zu diesem nach Haarlem geschickt wurde. Seine ersten datierten Gemälde, Landschaften in den Galerien von Edmburg und Grenoble (beide vom Jahre 1659), denen sich die Jugendliche Hand in einer gewissen Trockenheit in der Ausführung und Ungeschicklichkeit im Aufbau verrät, sind jedenfalls in den Motiven und in der Zeichnung des Baumschlags Jacob van Ruisdael schon nahe verwandt. Noch stärker unter dessen Einfluß steht eine Anzahl von Bildern — in den Galerien von Augsburg, München, Dresden, neuerdings nicht selten auch im englischen Kunsthandel —, deren Echtheit oft angezweifelt worden ist, weil sie allerdings in den einfachen Motiven, wie in der flüchtigen Behandlung und einförmigen bräunlichen Färbung, die vielfach in den Schatten den braunen Grund durchscheinen läßt, von seinen anderen Werken, selbst von denen der eben genannten beiden Gemälde aus dem Jahre 1659, stark abweichen.2) Doch gibt es aus eben diesem Jahre ein unbedeutendes, bezeichnetes Bildchen mit ganz ähnlicher dünnbrauner Färbung im Städelschen Institut zu Frankfurt, das den Übergang zu diesen Gemälden bildet Auch machen sich einzelne charakteristische Eigentümlichkeiten Hobbemas schon in diesen frühesten Bildern geltend, die wir etwa in die Jahre 1657 und 1658 versetzen müssen; so die Zeichnung der Bäume, die Art, wie die Äste im Laubwerk übertrieben scharf hervorgehoben sind, die Behandlung des Terrains und anderes mehr. Auch die wenigen kleinen, ungeschickt gezeichneter» Figuren sind charakteristisch für den Künstler und finden sich in seinen gesicherten Werken auch dann, wenn die Hauptfiguren von anderen Künstlern, die ihm und Rulsdael befreundet waren, gemalt sind, etwa von A. van de Velde, Lingelbach, B. Gael und ganz ausnahmsweise auch von Ph. Wouwermans.

Diese Staffage in Hobbemas Landschaften ist stets untergeordnet und fällt nicht, wie bisweilen bei Ruisdaels Bildern (besonders wenn Berchem die Figuren und Tiere malte), störend auf. Ob freilich der Orund dafür in einer absichtlichen weisen Beschränkung Hobbemas oder bloß in dem Mangel an Mitteln, deren er für eine reichere Staffage bedurfte, lag, mag dahingestellt sein. Die Preise, die Hobbema bei seinen Bildern erzielte (in den Schätzungen aus der Zeit des Künstlers werden sie auf zehn bis dreißig Gulden angegeben), waren jedenfalls äußerst gering. Auch nachdem er durch sein kleines Amt seine Existenz einigermaßen gesichert hatte, hat er es zu eigenem Vermögen nie gebracht Bei dem Begräbnis seiner Frau, wie bei der Bestattung des Künstlers selbst findet sich im Kirchenbuche der Vermerk: »Armenklasse«. Der Künstler wohnte in seinen letzten Jahren weit draußen auf der Rozengracht neben dem Doolhof, gegenüber dem Hause, aus dem Rembrandt zur letzten Ruhe getragen wurde. Wie er, starb auch Hobbema völlig mittellos. Wahrhaftig, Holland hat an seinen Künstlern, die den Ruhm des Landes vor allem auf die Nachwelt gebracht haben, wenig großmütig gehandelt.

Aus dem Buch: Rembrandt und seine Zeitgenossen : Charakterbilder der grossen Meister der holländischen und flämischen Malerschule im siebzehnten Jahrhundert. Bucherscheinung im Jahr 1906.

Siehe auch: Rembrandt und seine Zeitgenossen Teil 1, Rembrandt und seine Zeitgenossen Teil 2, Holländische Genremaler unter dem Einfluss von Rembrandt, Das Holländische Sittenbild, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine Zeitgenossen – HERCULES SEGERS, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN VAN GOYEN UND SALOMON VAN RUYSDAEL,

Siehe auch: Kupferstich und Holzschnitt in vier Jahrhunderten – Vorwort, Kupferstich und Holzschnitt in vier Jahrhunderten – Die Technik des Bilddruckes, Kupferstich und Holzschnitt in vier Jahrhunderten – Das fünfzehnte Jahrhundert – Der Holzschnitt in Deutschland, Kupferstich und Holzschnitt in vier Jahrhunderten – Der Kupferstich in Deutschland und in den Niederlanden, Kupferstich und Holzschnitt in vier Jahrhunderten – Der Holzschnitt in den Niederlanden.

Auch interessant: Rembrandt und seine Zeitgenossen, Rembrandts Handzeichnungen, Rembrandts Radierungen, Rembrandts Verworfene Blätter, Rembrandts wiedergefundene Gemälde, Rembrandts Zweifelhafte Blätter.

MEINDERT HOBBEMA 1638-1709 Rembrandt und seine Zeitgenossen