Kategorie: MELCHIOR D’HONDECOETER 1636-1695

 

 

Der weiße Pfau


Die Kunstgeschichte registriert im ganzen drei Maler mit dem Namen D’HONDECOETER. Gillis d’Hondecoeter, der zu den Antwerpener Landschaftern gehörte, ist seit dem Jahre 1615 in Amsterdam nachweisbar, wo er 1638 starb. Bilder von Ihm sind selten, sein ältestes dürfte das in der Schleißhelmer Galerie befindliche Waldbild sein, das die Jahreszahl 1609 trägt. Weitere Stücke von seiner Hand befinden sich in Kassel, Dresden, Berlin, Stockholm. Diese letztgenannte Stadt bewahrt seine merkwürdig feine Landschaft „Orpheus unter den Tieren“. — Gillis‘ Sohn Gysbert d’Hondecoeter war sowohl Landschaftsmaler wie sein Vater als auch Geflügelmaler wie sein berühmter Schwager Jan Wcenix und ist gerade auf letzterem Gebiete der Vorläufer und Lehrer seines berühmten Sohnes Melchior geworden, der ein Meister des holländischen Hühnerhofs genannt werden darf. Unter den fünf Werken, welche die Kasseler Galerie von Melchior besitzt, die ihn in seiner vollen künstlerischen Kraft zeigen, ragt durch Eigenartigkeit das hier reproduzierte Gemälde ganz besonders hervor. Es zeigt uns nicht eigentlich einen Geflügelhof, sondern im Vorgrunde eines rechts nach hinten vor einem Schloß sich ausdehnenden Parkes eine Anzahl von Geflügelarten, deren Mittelpunkt ein imposanter weißer Pfau bildet. Hondecoeter hat sich mit Schaffung dieses Zentrums eine der schwierigsten Aufgaben gestellt, die ein Maler sich selbst stellen kann, indem er einen großen weißen Fleck in die Mitte seines Bildes setzt. Denn diese Verneinung jeglicher Farbe im konzentrierten Licht bedarf zur malerischen Überwindung einer Geschicklichkeit, deren sich nicht jeder Künstler rühmen kann. Hondecoeter hat sie aber bewunderungswert gelöst. Er hat das an sich im Sonnenlicht blendend weiße Gefieder des Tieres in graue, fein nuancierte, durch Halbschatten mannigfach belebte Töne aufgelöst und dadurch seinem Bilde einen harmonischen statt eines grellen Mittelpunktes gegeben. Deshalb gehört auch dies Gemälde zu seinen auserlesensten Werken und erregt die Bewunderung aller Besucher der Kasseler Galerie. Die Umgebung des weißen Pfaues bilden verschiedene andere Hühnerhofbewohner, unter denen sich zwei stahlblau und grünlich schimmernde Wasser- oder Sumpfvögel mit hohen Beinen befinden, die heutzutage wohl unter dem zahmen Geflügel nicht mehr Vorkommen. Zu dieser reichen Gruppe gefiederter Hofbewohner gesellt sich auf einer Mauer dahinter ein kleiner lustiger Affe, der sich die öligen Körner einer neben ihm emporragenden Sonnenblume schmecken läßt, ein Realist, der sich um die auf der anderen Seite aufgeblühten duftenden Rosen nicht kümmert. Jedenfalls bot jener langbeinige Vogel dem Maler gute Gelegenheit, durch die Wiedergabe seines schillernden Gefieders zu glänzen und Hondecoeter hat sie sich nicht entgehen lassen. Zu diesen beiden Vögeln treten noch hinzu ein Hahn, Hühner und ein Fasanenpaar in reicher Abstufung der Farbe ihrer Federn und in lebendigster Bewegung und Beziehung zueinander. Rechts aber schließt das Bild, wie gesagt, mit einem Ausblick auf einen vornehm sich hinstreckenden Park mit Springquell und Schloß in gedämpfter Ferne harmonisch ab.

Aus dem Buch “Album der Casseler Galerie” von 1907.

Kasseler Galerie MELCHIOR D’HONDECOETER 1636-1695