Die Falschspieler


Das Sittenbild, das heißt die Darstellung namenloser Personen, die nur ihre Gattung vertreten und die dann durch eine gegenständliche Beziehung miteinander verbunden sind, dieses Gattungs-, Gegenstands- oder, wie man früher auch sagte, Genrebild, wie es namentlich die alten Holländer gepflegt haben, kommt bei den Italienern nur ausnahmsweise vor. Ihre Kunstauffassung verlangte auch für Gegenstände des gewöhnlichen Lebens eine angemessene Stilhöhe. Das venezianische Sittenbild ist etwas völlig andres als das holländische. Der nordischen Weise am nächsten kommt in einzelnen derartigen Darstellungen der Bergamaske Caravaggio, ein selbständiger, bis zur Derbheit kräftiger Künstler, der auch in seinen Heiligenbildern die Realistik des Körperlichen bis zum Äußersten treibt und der zwar nicht an sogenannter Stilhöhe, aber an innerer Kraft und künstlerischer Originalität seinen berühmter gewordenen Zeitgenossen Guido Reni aus Bologna weit überragt. Für die Kunstgeschichte hat er dann die weitere Bedeutung gehabt, daß zwei noch Größere seiner Anregung gefolgt sind: Rubens und Velazquez. Gleich im Anfang seiner Laufbahn begründete Caravaggio seinen Ruhm mit solchen Sittenbildern, die wie Herausforderungen auf die akademisch verbildete Malerei seiner Zeit wirkten, und auch bis zuletzt hat er diese Gattung nicht ganz aufgegeben, wenngleich andre Gegenstände bei ihm überwiegen. Die Dresdner „Falschspieler“ sind ein Werk seiner spätem Zeit. Das zeigen die schwarzen Schatten und die scharf abgegrenzten Lichter, die sogenannte Kellerbeleuchtung seiner ultima maniera. Aber er hatte denselben Vorwurf schon früher behandelt in dem milden, goldfarbenen on seiner ersten Periode, so daß also das Dresdner Bild nur als eine Wiederholung anzusehen ist, und noch dazu schwerlich als eine durchweg eigenhändige. Die Szene ist ohne Erklärung verständlich, aber nicht infolge einer besonders scharfen Charakteristik, sondern weil der Vortrag eine sozusagen theatermäßige Deutlichkeit hat. Adriaen Brouwer hat mit seinen kleinen Figuren alles das ein Menschenalter später viel besser ausgedrückt. Unser gemütlicher Anteil an diesem Bilde kann ebenfalls nicht groß sein, denn von den beiden Kumpanen steht der Betrogene nicht um eine Note höher als der Betrüger.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Dresdner Galerie MICHELANGELO CARAVAGGIO 1569-1609