I. Ägypten.

1. Die Männer.

Das Klima Ägyptens gebietet eine Beschränkung der Kleidung auf das Notwendigste, vor allem bei angestrengter Körperarbeit. Die Denkmäler der ältesten Zeit zeigen bei den meisten Ägyptern als einzige Bekleidung eine Hftftschnur, an der vom ein längliches Futteral hängt, in dem das Glied geborgen wird. Diese primitive Tracht kommt später nur noch auf Reliefs des neuen Reiches vor bei fremden Völkern, z. B. den Libyern; erhalten hat sie sich jedoch in Afrika bis auf den heutigen Tag. Daneben aber erscheint schon in ältester Zeit die eigentliche ägyptische Männertracht, der Schurz.

Dieser bildet für die oberen Stände mit wenigen Ausnahmen stets die mindeste Bekleidung. Von dem der unteren Klassen scheidet er sich schon seit der 4. Dynastie durch größere Länge, und als Festtracht tritt noch ein Fell über dem Rücken hinzu. Im mittleren Reich, wo der Schurz bis zur .Mitte der Unterschenkel reicht, wird unter diesem aus feinstem Leinen bestehenden noch ein zweiter kürzerer getragen. Dadurch wurde vielleicht die Durchsichtigkeit des ersteren aufgehoben und auch eine immerhin mögliche, aber für einen Vornehmen unschickliche Entblößung erschwert. Ein Schutzkleid speziell für den Oberkörper findet sich in dieser ganzen Zeit nur ausnahmsweise. So wird im alten Reich, z. B. von Jägern, ein Gewand getragen, das zur Freihaltung des Arms unter der rechten Achsel durchgeführt und auf der linken befestigt wird; im mittleren Reich ein Kragen über den Schultern, und in beiden Perioden ein weiter Mantel.Im neuen Reich erst wird die teilweise oder gänzliche Bekleidung des Oberkörpers allgemein und damit die Verhüllung vollständig. Das Gewand bedeckt jetzt Schultern und Oberarme; darüber wird zuweilen noch ein Mantel getragen.

Die Kleidung der Götter besteht außer dem einfachen Schurz des alten Reichs in einer Art kurzer Jacke, die mit dem ersteren zuweilen auch ein Kleidungsstück zu bilden scheint und, dem Frauenkleide ähnlich, von Tragbändern über den Achseln gehalten wird.

Eine Abweichung von der sonstigen Entwicklung der männlichen Tracht zeigt die des Königs, in dessen Darstellung oft das primitive Kleid ältester Zeiten, das sonst nur noch als Arbeitertracht vorkommt, der Gurt mit einem Tuchstreifen, bis ins neue Reich beibehalten wird, ohne daß aber, wie überhaupt bei keinem Vornehmen eine Entblößung vorkommt. Den gleichen Gürtel, aus Gold, trug die dem mittleren Reich entstammende Statue des Ka des Königs Hör aus Daschur.

Völlige Nacktheit ist selten. Beispiele dafür bieten eine Priesterstatue im Museum zu Giseh und die Holz-statuette eines Mannes aus Deshasheh, beide aus dem alten Reich. Ihre Nacktheit ist vorläufig nicht sicher zu erklären. Da aber die Kinder aller Stände unbekleidet gingen, hält es Herr Professor Steindorff für möglich, daß die Dargestellten hier als solche aufgefaßt sind. Denkbar wäre es auch, daß die Statuen mit wirklichen Gewändern bekleidet waren. Endlich aber muß, im Hinblick auf andere Völker, z. B. die gleichzeitigen Babylonier, mit der Möglichkeit ritueller Nacktheit gerechnet werden.

Ein in seiner Art vereinzelt dastehendes Bild erotischer Nacktheit, von Rosellini mit einiger Wahrscheinlichkeit auf die fünf Menschenalter gedeutet, findet sich im Grabe Ramses IX. in Biban-ul-moluk. Dort ist nach Kindheit und Jugend die volle Reife des Mannes dargestollt durch zwei nackte, ithy-pkallische Männer neben einer nackten Frau, die spätere Abnahme der Zeugungskraft durch dieselben Gestalten nur mit halb aufgerichtetem Gliede und das Alter durch drei nicht mehr ithyphallische Männer.

Weitere Beispiele erotischer Nacktheit finden sich in größerer Anzahl in dem obszönen Turiner Papyrus, aus dem nur eine Seite und diese verstümmelt veröffentlicht ist. Unsicher ist es, ob in den Bildern Ramses III. mit seinen unbekleideten Haremsfrauen auch der König selbst nackt ist, wie es nach den Publikationen den Anschein hat; die Tatsache an sich wäre zu auffallend, als daß den Zeichnungen hier ganz zu trauen wäre. Unter den Göttern zeigt erotische Nacktheit Min, der als Feldgott der Fruchtbarkeit, ein ägyptischer Priap, im Kostüm einer Mumie mit aufgerichtetem Phallos dargestellt wird; ebenso, oder nackt und ithyphalliscb erscheinen bisweilen Götter, die mit ihm identifiziert wurden, wie Horus, Ammon u. a.

Als weitere Ausnahme ist hier hervorzuheben der Gott Bes, der bald nackt, bald mit Schurz oder Fell bekleidet auf-tritt. Da er u. a. als Unheilabwehrer galt und seine Figürchen als Amulett getragen wurden, hat seine Nacktheit vielleicht apotropäischen Zweck, worauf auch das fratzenhaft verzerrte Gesicht des Alten und die zuweilen vorkommende Aufrichtung seines Gliedes zu deuten scheinen.

Ferner fehlt die Bekleidung bei einer Reihe von Unterweltsdämonen, Männern ohne Arme und mit Schlangenköpfen; sie dienen als Illustrationen in gewissen religiösen Schriften, von denen sich eine Kopie u. a. auch im Grabe Sethos I. findet. Ihre Nacktheit ist vielleicht als Verstärkung des Unheimlichen und Außergewöhnlichen ihrer Erscheinung zu erklären, ohne daß sich aber Bestimmtes über sie sagen ließe. Letzteres gilt auch für eine spätere, vielleicht erst ptolemäischer Zeit angehörige Fayence-Figur des nackten Thot in der ägyptologischen Sammlung der Universität Leipzig, Tf. 1,1. zumal sich kein weiteres Beispiel für diese Darstellung findet.

Was für die Vornehmen das Mindestmaß von Bekleidung ist, der einfache, ringsum schließende Schurz, ist für die unteren Stände das höchste. Ausnahmen sind vereinzelte Fälle von Oberkörperbekleidung zum Schutze gegen die Witterung im mittleren Reich: eine kurze Jacke bei Fischern, Leinenarbeitern u. a. und ein langes Hemd bei Hirten. Für gewöhnlich aber zeigt der Arbeiter das Bestreben, seine Kleidung auf ein Minimum zu beschränken, um die Bewegung des Körpers so ungehindert als möglich zu machen.

Zu dem Zweck werden im alten Reich — häufiger erst seit der fünften Dynastie — die Enden des Schurzes vorn stark abgerundet, d. h. vielleicht nur aufgesteckt, damit die Beine freier beweglich sind. Im mittleren Reich trägt man zu dem Zweck entweder einen Schurz, der nur das Gesäß und die Seiten bedeckt, so daß die Vorderseite offen bleibt, oder einen ganz kurzen, der mit runden Seitenteilen nur die Lenden deckt und anscheinend hinten wie vorn abgerundet ist; dieser ist auch die Tracht beim Tanze. Im neuen Reich werden Darstellungen des Volkes bei der Arbeit seltener; die Tracht ist die gleiche.

Da bei diesen Schurzformen die Genitalien unbedeckt sind, hängt vielfach noch vom Gürtel ein besonderer Lappen vorn herab. Wenn dieser wieder hinderlich ist, schiebt man ihn zur Seite oder nach hinten ; bei der letzterwähnten, offenbar auch das Gesäß zum Teil freilassenden Schurzform ist das Mittelstück zwischen den Beinen durchgezogen und hinten am Gürtel befestigt.

Oft wird aber während der Arbeit der Schurz ganz abgelegt und nur der Gurt getragen, von dem die Schleifenenden oder einige Schutzstreifen nach vorn herabhängen, die aber auch wieder zeitweilig unter den Gurt gesteckt oder nach hinten geschoben werden. Dem gleichen Zweck, ungehinderter Beweglichkeit, sehen wir auch die Tracht der Soldaten angepaßt, nur daß diese mehr auf den Schutz der Schamteile zu achten haben. Sie tragen entweder die gleichen oder ähnlichen Schurzformen wie die Arbeiter oder verkürzen den vorderen Teil des gewöhnlichen Schurzes um die Hälfte; fast immer aber ist am Gürtel vorn ein oft beträchtlich großes Schutzblatt angebracht, das auch, wenn der Schurz zuweilen, wie bei den Arbeitern, fortgelassen wird, nie fehlt.

Es ist klar, daß bei dieser notdürftigen Bekleidung der unteren Stände eine stete Verhüllung der Geschlechtsteile nicht möglich war. Daß hierauf aber auch gar kein Wert gelegt wurde, d. h. daß das Schamgefühl jener Klassen überhaupt nur gering entwickelt war, das beweisen nicht nur die häufigen Fälle vou Entblößungen unter dem abgerundeten Schurz wie unterm Gurt im alten Reich, sondern auch die Tatsache, daß viele Arbeiter, besonders die in und am Wasser beschäftigten Fischer und Schiffer, auch die letzte Hülle ablegen und ganz nackt arbeiten. Auch Spiel und Gymnastik der Männer und Jünglinge wird zum Teil unbekleidet betrieben. In den Bildern des mittleren Reichs sind allerdings Entblößung wie Nacktheit seltener, und in den wenigen hierher gehörigen des neuen Reichs beinahe ganz vermieden; erstere kommt dort nur vereinzelt bei stürzenden feindlichen Kriegern und letztere bei Hirten vor.

2. Die Frauen.

Die Kleidung der vornehmen Ägypterin besteht gewöhnlich in einem dünnen,, anliegenden, bis auf die Knöchel reichenden Hemd, das über den Schultern von zwei Tragbändern gehalten wird, sonst Busen, Schultern und Arme unverhüllt läßt. Diese Tracht hat sich unverändert im alten und mittleren Reich erhalten, doch kommen wie bei den Männern auch hier einzelne Versuche vor, die Bekleidung weiter ansziidelinen: man trägt ein Gewand, das die eine Schulter bedeckt, oder ein Hemd, das beide Brüste und zuweilen anch die Schultern verhüllt und nur einen spitzen Halsausschnitt offen läßt. Im neuen Reich tritt dann analog der Entwicklung der Männertracht ein weiter Mantel, der vorher nur ausnahmsweise erscheint, als tägliches Kleid hinzu, durch den Schultern, Busen und Oberarme verdeckt werden.

Ausnahmen von dieser Bekleidung bringt die im neuen Reich aufkommende Sitte der Entblößung bei Leichenfeiern mit sich. Zum Zeichen der Trauer legen die Frauen den Mantel ab und gürten das Hemd unterhalb der Brüste, ein auch von Herodot (II, 85) und Diodor (I, 72), und zwar für beide Geschlechter überlieferter Brauch, der sich aber für die Männer auf den Denkmälern nicht nachweisen läßt.

Den Modenwechsel der oberen machen die unteren Klassen nicht mit, sondern behalten das Kleid des alten Reiches; nur bei Dienerinnen der Vornehmen findet sich zuweilen ein bis zum Halse reichendes Hemd mit kurzen Ärmeln.

Entblößungen kommen hier, wie bei den Männern, bei lebhafter, körperlicher Bewegung, Spiel und Arbeit vor. So wird beim Ballspiel das Gewand bis zu den Knien verkürzt; bei harter Arbeit z. T. bis zu den Hüften hinauf geschürzt, Avobei nur ein schmaler Streifen noch die Scham deckt; oder es wird auch der ganze Oberkörper entblößt und allein der Männerschurz getragen.

Die übrigen Entblößungen sind erotischer Art und finden sich in allen Ständen. So haben die Tänzerinnen und Sängerinnen im Harem des Vornehmen im alten und mittleren Reich meist nur einen Schurz umgelegt, mit Kreuzbändern über Brust und Schultern; zuweilen ist dieser noch zur Erhöhung des Reizes vorn abgerundet, wie bei Fischern und anderen Arbeitern, so daß, selbst wenn ein besonderer Zeugstreifen darüber hängt, was nicht immer der Fall ist, die Scham leicht enthüllt wurde. Vereinzelt sind die Frauen auch schon völlig nackt. Dies wird dann im neuen Reich die Regel; ein schmaler Gurt bildet hier ihren einzigen Schmuck.

Neben diesen Dirnen sehen wir auch die Dienerinnen der Vornehmen, vereinzelt im mittleren Reich, sehr häufig hingegen im neuen Reich nackt oder nur mit jenem Gürtel geschmückt sich im Innern des Hauses bewegen. Sie dienten wohl nebenbei auch als Konkubinen. Solche Dirnen und Dienerinnen werden oft halb oder ganz nackt und in den verschiedensten Stellungen als Griffe von Spiegeln, Löffeln und ähnlichen Geräten verwendet.

Endlich fallen auch die sogen. Puppen in dies Gebiet, kleine nackte Frauenfigürchen mit stark betonten Geschlechtsteilen, die in größerer Anzahl in den Gräbern aller Zeiten gefunden sind und dem Toten als Beischläferinnen mitgegeben wurden. Auch sonst pflegte man ja durch zahlreiche Beigaben nach allen Richtungen geistigen und materiellen Lebens für die Bedürfnisse des Toten zu sorgen. Manchmal sind die Weiber auf dem Lager liegend dargestellt, oft halten sie Musikinstrumente in der Hand und Kinder auf ihren Armen.

Beispiele erotischer Nacktheit finden sich auch unter den Göttinnen. So wird die Personifikation des Himmels Nut oftmals als eine nackte, sich über die Erde beugende Frau dargestellt, unter der, vereinzelt ithyphallisch, der Erdgott Keb liegt. In der ägyptischen Kosmogonie waren Himmel und Erde; Nut und Keb ein Liebespaar, die am Schöpfungstage vom Gotte Schn getrennt wurden, nachdem aus ihrer Umarmung vier Kinder hervorgegangen waren.

Schließlich mag noch die Gottheit des Nil, Hapi, Erwähnung finden; sie kommt seit dem mittleren Reich in androgyner Gestalt vor, bärtig, mit weiblichen, zuweilen Milch spendenden Brüsten und nur mit einem Gurt bekleidet, von dem vorn Bänder herabhängen. Ihre Zweigeschlechtlichkeit ist das Sinnbild der Fruchtbarkeit und Zeugungskraft des Flusses, dem das Land seine Vegetation verdankt; die Tracht hat der Gott gemeinsam mit den Fischern und Schiffern an seinen Ufern, nur fehlt bei ihm die Darstellung des Gliedes.

Die Kinder werden zu allen Zeiten und in allen Ständen der Wirklichkeit entsprechend nackt wiedergegeben, und zwar gehen die Knaben — und mit ihnen kindliche Götter wie Harpokrates — durchweg nackt, die Mädchen überwiegend.

Ergebnis: Wir erhalten also für Ägypten folgendes Resultat. Beim Manne der oberen Stände entwickelt sich die Tracht im Laufe der Zeit vom primitiven Schamgürtel bis zu einem den ganzen Körper verhüllenden Schutzkkleid. Entblößung der Scham oder Nacktheit sind aber zu jeder Zeit für ihn unschicklich; letztere findet sich ausnahmsweise an zwei Statuen, ohne daß bisher dafür eine sichere Erklärung zu geben wäre.

Die Tracht der unteren Klassen ist stets das gleiche, meist zu freierer Beweglichkeit verkürzte Arbeitskleid, der Schurz. Ein Schamgefühl, das die Verhüllung der Genitalien fordert, ist hier unbekannt; Entblößung wie Nacktheit bei Spiel und Arbeit sind besonders im alten Reich sehr häufig. Die Kleidung der Frauen aller Stände ist während der älteren Zeit noch nicht bis zur Bedeckung des Busens vorgeschritten; erst im neuen Reich gehen, wie die Männer, die vornehmen Damen zur Verhüllung des ganzen Körpers über. Sie kennen nur seit Einführung der Verhüllung im neuen Reich die Entblößung der Brust als Zeichen der Trauer.

Die Frau der unteren Klassen anderseits enthüllt, wie der Mann, ohne Scheu bei der Arbeit den ganzen Körper, ausgenommen die Schamgegend. In bezug auf die Erotik steht das Schamgefühl aller Klassen ziemlich auf der gleichen Stufe; hier kommt Entblößung wie Nacktheit zu allen Zeiten bei beiden Geschlechtern und Ständen vor. Bei den Göttern endlich sind die Fälle von Nacktheit, soweit sie sicher zu erklären sind, dieselben wie bei den Menschen; vielleicht tritt bei Bes noch apotropäische Nacktheit hinzu.

Die folgende Betrachtung des semitischen Orients ist insofern anders angeordnet, als eine allen Sondergebieten gemeinsame Erscheinung, die Figur des nackten Weibes, aus der Besprechung der einzelnen Landschaften zu gemeinsamer Erörterung am Schluß ausgesondert ist.

Text aus dem Buch: Nacktheit und Entblössung in der altorientalischen und älteren griechischen Kunst, Author Müller, Walter A. (Walter August).

Nacktheit und Entblössung in der altorientalischen und älteren griechischen Kunst

Unter Nacktheit verstehen wir das Fehlen der Bekleidung, die unsere Sitte fordert. Es kann vollständig oder teilweise sein. Nur das erstere wird hier fortan als Nacktheit bezeichnet, dagegen die Enthüllung einzelner Körperteile als Entblößung.

Um diese verschiedenen Erscheinungen zu verstehen, müssen wir den Zweck der Kleidung im allgemeinen und die verschiedenen Trachtsitten im besondern kennen. Wir fragen daher: Welche Gründe führen zur Bekleidung des Körpers, und welche veranlassen dazu, sie aufzuheben?

Der nächste Zweck der Bekleidung ist wohl der Schutz des Körpers gegen Kälte, Hitze und andere äußere Einflüsse.

Diese je nach dem Klima verschiedene Schutzkleidung legt der Mensch ab, wo sie unnötig ist, also in der Behausung, oder wenn sie ihn an freier Bewegung oder an andern Verrichtungen hindert: bei Arbeit, Kampf, Jagd, Spiel und Bad.

Ein anderer Grund der Bekleidung ist der Schmucktrieb. Dieser kommt hauptsächlich in den heißen Gegenden in Betracht.

„Schmuckträger werden am Leibe alle diejenigen Stellen, welche als natürliche Verengerung über einer tragfähigen Erweiterung der Muskeln oder Knochen zurücktreten.“

Unter diesen sind

„Hals und Lende die tragkräftigsten; von ihnen aus entwickelten sich daher am lebenskräftigsten die verschiedenen Gestaltungen des Schmuckes, und insbesondere wieder wurde das tragende Band um die Lenden der Ausgangspunkt des südlichen Systems der Bekleidung. Dieser Schmuckgürtel ist in seiner Verbreiterung das erste Kleidungsstück einer Menschheit geworden, welche nicht die Not der Kälte, sondern der Wunsch der Verzierung geleitet hat“.

Die Verbreiterung geschieht durch Befestigen aller irgendwie als Schmuck verwendbarer Gegenstände, von Blättern bis zu Tierfellen, an die Hüftschnur. Ebenso ist der Vorgang beim Halse und den andern Schmuckträgern.

Der Schmucktrieb bemächtigt sich dann auch solcher Formen der Bekleidung, die ihrer Natur nach ursprünglich dem Körperschutze dienen, und macht sie zum Gegenstand der Mode. Reichliche, über das Bedürfnis hinausgehende Kleidung wird ein Zeichen des Wohlstandes — locupletissimi veste distinguntur (Tacitus, Germania c. 17) — und damit einer höheren sozialen Stellung. Da aber die niedrigen Klassen das Streben haben, es durch Nachahmung den höheren gleichzutun, werden letztere angetrieben, durch immer weitere Bereicherung ihres Gewandes neue Unterscheidungsmittel zu schaffen. Eine Hauptquelle dafür sind fremde Kulturgebiete : so haben die Griechen den langen Chiton von den Semiten, die Römer das Beinkleid von den nordischen Barbaren übernommen.

Wird auf diese Weise immer dichtere Verhüllung des Körpers das Zeichen höherer sozialer Stellung, so ist die Entblößung ein Zeichen der Erniedrigung, der Unterwerfung. Häufig ist es festgesetzt, daß der Untertan nicht über ein bestimmtes Maß von Bekleidung hinausgehen darf, und erscheint er vor seinem Herrscher, hat er gar einen Teil seines Leibes, meist den Oberkörper, zu entblößen. In gleichem Sinne werden Kriegsgefangene völlig nackt vor den Sieger geführt; dasselbe begegnet als Zeichen der Demütigung vor den Göttern.

Je dichtere Verhüllung des Körpers der Schutz gegen die Außenwelt oder der Schmucktrieb, die Mode zur Gewohnheit erhebt, um so größer wird der ethische Widerstand gegen die Entblößung, das Schamgefühl. Dieses heftet sich zunächst „immer an jene Stelle des Leibes, welche ein Gegenstand des Schmuckes zu sein pflegt, ohne ursprüngliche Beachtung der betreffenden Teile an sich“, ja ohne sie einmal durchgängig zu bedecken. Schließlich trägt aber die Gewohnheit, gewisse Körperteile bedeckt zu sehen, den Sieg davon und das Auge wird ihres Anblicks entwöhnt. Ihre Entblößung wird daher etwas Seltenes, Auffallendes, erregt Anstoß und ruft bei Beteiligten und Unbeteiligten das Gefühl der Beschämung hervor.

Seine besondere Vertiefung erhält das Schamgefühl auf dem Gebiete des geschlechtlichen Lebens, der Liebe, besonders der Ehe. Man hatte erkannt, welch große Gefahr für den Bestand der Gemeinschaft in dem rücksichtslosen Kampf der Männer um das Weib lag, und legte den geschlechtlichen Besitzstand fest. Der Mann erhob auf eine oder mehrere Frauen ausschließlichen Anspruch. Die Folge war ein Zurückdrängcn des Geschlechtsverkehrs in den Hintergrund. Um in der Öffentlichkeit den Anreiz dazu zu vermeiden, mußten zunächst die bedeutendsten Reizmittel dazu, die Geschlechtsorgane, den Blicken entzogen werden. Beim Weib erstreckte sich dieses Verhüllungsbedürfnis alsbald auch weiter, besonders auf den größten Teil der Beine, auffallend spät erst auf den Busen. Bis zu dieser Stufe hat sich z. B. die ältere ägyptische Tracht noch nicht entwickelt. Aber mit der aus anderen Gründen fortschreitenden Verhüllung dehnt sich auch das geschlechtliche Schamgefühl auf immer weitere Körperteile aus, so daß es uns heutzutage bei beiden Geschlechtern für gewöhnlich nicht erlaubt, mehr als das Gesicht mit einem Teil des Halses .und die Hände unbedeckt zu tragen.

Beiseite gesetzt wird das sexuelle Verhüllungsbedürfnis gemäß seiner Herkunft dann, wenn Menschen zum Geschlechtsverkehr einander gegenübertreten. Wir nennen dies erotische Nacktheit oder Entblößung. Da aus der Liebes-verbindung alles animalische Leben entspringt, kann die Nacktheit dann auch als Symbol der Mütterlichkeit und Fruchtbarkeit dienen.

Wie offen und brutal auf alter Kulturstufe diese Art der Entblößung auftreten kann, soll hier an einem Beispiel aus einer altirischen Sage „Der Streit um das Heldenstück“ veranschaulicht werden, auf das mich Herr Professor Studniczka hin weist: Die Helden der Ulter ziehen unter Führung der drei Gewaltigsten unter ihnen in Kampfeswut nach Cruachna.

Dort fürchtet man ihre gewaltige Kraft und Streitlust, wenn man ihnen nicht zu Willen ist, und um sie zu gewinnen, gibt die Herrscherin von Cruachna den Befehl: ,,Schöne, nackte Frauen ihnen entgegen, den Busen nach vorn, den entblößten, glänzenden, und viele Mädchen, zum Liebesdienst bereit! Die Gehöfte aufgeschlossen! Die Burg offen! . . . Willkommen dem nahen Heere! Vielleicht erschlägt es uns nicht!“ Damit tritt sie heraus und nimmt 3 X 50 Mädchen mit. Die Helden sind es zufrieden, nehmen von diesen, welche ihnen am besten gefallen, und ziehen mit ihnen in die Gemächer der Königsburg ein.

Diese erotische Entblößung, die sich unter den Menschen so bewährt hatte, wurde natürlich im Kulte auf die Götter, Dämonen und Toten übertragen, jene Mächtigen, die über das Schicksal des Menschen zu entscheiden hatten. Auch hier bietet sich als Beispiel ein keltischer Brauch, den Plinius, nat. hist. XXII, 2 mit den Worten beschreibt: simili plantagini Britannorum coniuges nuruscpie toto corpore oblitae quibusdam in sacris nudae incedunt. Ähnliches findet sich bei alten und neuen Völkern öfter.

Mit zunehmender Läuterung der religiösen Vorstellungen mußte aber dieser ursprüngliche Sinn in Vergessenheit geraten, und jene Art Enthüllung als bloße Demütigung empfunden werden. Im Totenkult wurde sie dann als Zeichen rein menschlicher Trauer gefaßt und tritt als solches, eben weil der eigentliche Sinn verloren war, gegenüber den Toten des eigenen wie des anderen Geschlechts auf. Sepulkrale Nacktheit ist im Altertum und hei den heutigen Naturvölkern weit verbreitet.

Auf irgendeine Weise mag es auch in diesen Zusammenhang gehören, wenn sich Männer im Kampfe teilweise oder völlig entblößten, wie der Spartaner Isidas und die Gallier.  Doch läßt sich denken, daß darin auch nur ein Prahlen mit Kraft, Schönheit und Furchtlosigkeit zu erkennen ist.

Weiter kommt hier noch die in Griechenland blühende Knabenliebe in Betracht. Doch ist der Körperteil, den diese Verirrung unter die Geschlechtsteile einreiht, schon in eiuem anderen Sinne ein Gegenstand der Verhüllung. Denn die Bedeckung des Gesäßes, die schon durch den Hüftschmuck angebahnt ist, wird weitergeführt wohl namentlich durch die Empfindung des Unästhetischen im Schlußakt des Verdauungsprozesses. Bei den Naturvölkern ist

„der Abscheu vor Exkrementen oft wahrhaft abergläubisch und trägt dann dazu bei, die Umgebung der Hütten reinlich zu halten“.

Schon im Deuteronomium findet sich das Gebot, zur Verrichtung von solchen Bedürfnissen hinaus vor das Lager zu gehen, denn drinnen wandelt der Herr und die Schande der Verunreinigung würde ihn erzürnen. Auch Hesiod mahnt daran, die Notdurft möglichst so zu erledigen, daß es die Götter und Dämonen nicht sehen. Was aber diesen recht, war sicher den Menschen billig.

Außer den bisher besprochenen gibt es noch andere Gründe, das eigene Schamgefühl durch Entblößungen hintanzusetzen. Man kann dadurch bei anderen das Gefühl der Beschämung hervorrufen wollen, um mit seiner Hilfe bestimmte Wirkungen zu erzielen. So sollen spartanische Frauen den aus dem Kampfe fliehenden Söhnen ihre Geschlechtsteile enthüllt haben, um sie so wieder in den Kampf zurückzuscheuchen. Selbst die Götter glaubte man auf diese Weise beeinflussen zu können. Ein bezeichnendes Beispiel erzählt Plutarch: Als Bellerophon von Iobates ungerecht behandelt war, überflutete Poseidon auf seine Bitten das Land der Lykier. Aber die Frauen gingen ihm mit aufgehobenen Gewändern entgegen, so daß er aus Scham zurückwich und mit ihm die Wogen. Hier wirkt also die Entblößung apotro-päisch, und in diesem Sinne wird sie auch vielfach in der Darstellung dämonischer Wesen verwandt, vor deren Bild der Unheilbringer sich abwenden soll.

Doch das, was für gewöhnlich peinlich und erschreckend wirkt, kann unter Umständen auch die Lachlust erregen. Auch in diesem komischen Sinne finden wir die Entblößung verwendet. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist der unanständige Kultbrauch, als dessen aiuov die eleusinische Sage berichtet, wie Baubo die um ihre Tochter trauernde Demeter dadurch erheitert, daß sie ihr Gewand aufhebt und ihr die Scham zeigt. Ähnliches gilt von der Entblößung des Gesäßes.

Noch eins ist im allgemeinen zu bemerken. Da kleine Kinder weder in sozialer noch in geschlechtlicher Beziehung voll mitzählen, ist es in Ländern, wo cs das Klima gestattet, oder wo das Volk besonders abgehärtet ist, oft üblich, sie von der Kegel der Verhüllung auszunehnien, eine Erscheinung, die wir in Ägypten und Vorderasien noch fast durchgängig antreffen werden.

Hiermit dürften die verschiedenen Gründe und Gegengründe, die zur Bedeckung wie Entblößung des Körpers führen, im allgemeinen erschöpft sein. Sie entspringen sämtlich dem Leben und seinen Bedürfnissen. An dieses knüpft jede beginnende oder noch im Aufsteigen begriffene Kunst an. Einzelne große Entwicklungen, wie die ägyptische und semitische, sind nie dahin gelangt, in der Darstellung des Menschen hierin vom Wirklichkeitsbilde abzuweichen. Die Befreiung auch von dieser Gebundenheit, die ideale Nacktheit, war erst den Griechen Vorbehalten.

Den ersten Schritt dazu hat man schon in der Kunst der Frühzeit, der sogen, geometrischen Epoche Griechenlands finden wollen, in der die Nacktheit beider Geschlechter stark hervortritt. Hier liege ein bewußtes Absehen von der Bekleidung vor, teils zur Verdeutlichung des Geschlechts, teils aus künstlerischem Interesse für den Organismus des Körpers. Schließen wir uns dieser Erklärung an, dann wäre in dem Falle das natürliche Schamgefühl überwunden, um eine unbedingte Klarheit des Dargestellten zu erreichen. Auch bei dieser Auffassung jedoch würde sich der fundamentale Unterschied zeigen zwischen der griechischen Kunst und der orientalischen, die auf unserem Gebiete nie über die Wirklichkeit hinausgekommen ist. Aber für eine derartige Abstraktion finde ich nirgends sichere Analogien, weder in der Kunst der Naturvölker noch in der der ausgestorbenen oder lobenden Kulturvölker, soweit sie von der Antike unberührt sind. Überall nur Bilder der Wirklichkeit. Und daß wir auch in der griechischen Frühzeit nicht zu unmöglichen Resultaten kommen, wenn wir ihre Darstellungen als real nehmen, soll unten zu zeigen versucht werden.

Nach der gewöhnlichen griechischen Tradition freilich war die gänzliche Nacktheit des Mannes erst im Laufe jener Periode, gegen Ende des 8. Jahrhunderts, bei den Nationalspielen in Olympia aufgekommen, aber wir werden gleichfalls unten sehen, daß sowohl die Funde dieser Zeit wie das Zeugnis des zuverlässigsten griechischen Zeugen, Thukydides, diese Überlieferung unhaltbar machen. Allerdings werden es in erster Linie die damals aufblühende Gymnastik und Agonistik gewesen sein, die dadurch, daß sie bei dem dorischen Herrenvolk ihre Hauptpflege fanden und von diesem überall hingetragen wurden, auch die Nacktheit des Mannes weit verbreitet haben.

Als dann am Beginn des Archaismus die Kunst einen neuen Aufschwung nahm, bemächtigten sich die Künstler ganz besonders des nackten, männlichen Körpers. Während sie ihn zum Hauptgegenstand ihrer Studien machten, bildeten sie das Gefühl für seine Schönheit aus und erkannten in dem von allen Hüllen befreiten Körper das Idealbild des Menschen. In ihrer Begeisterung für das neue Schönheitsideal überschritten sie aber bald die Grenzen, die ihnen die Wirklichkeit zog, und führten die Nacktheit des Mannes in Darstellungen ein, wo das Leben sie nicht kannte. So entsteht die ideale Nacktheit. Sie bildet in kurzer Zeit einen wichtigen Bestandteil der künstlerischen Schöpfungen, ohne daß es möglich wäre, ganz scharf anzugeben, wann zuerst die ideale selbständig neben die reale Nacktheit tritt. Jedenfalls hat dann aber die Kunst des Mutterlandes an dem einmal gewonnenen Ideal festgehalten, im Gegensatz zum Leben, das in der Nacktheit des Mannes vorübergehend entgegengesetzten Strömungen nachgegeben hat.

Anders stand es mit dem Weib. War auch vereinzelt, wie in Sparta, der Versuch gemacht worden, die gymnastische Nacktheit der Frauen einzuführen, so war diese Sitte doch nie allgemein geworden. Der Künstler hatte keine Gelegenheit, den nackten weiblichen Körper in Ruhe, außerhalb der geschlechtlichen Erregung, zu beobachten. Daher kannte er ihn auch nicht und bildete ihn nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Und selbst wo er es versuchte, leuchtete in der Formengebung noch lange das Vorbild, der männliche Körper, hindurch. Erst später bemächtigte sich die griechische Kunst auch der weiblichen Körperformen und wandte sie gleichfalls in idealem Sinne an, wenn auch nie so unbeschränkt wie den männlichen Körper.

Nach den dargelegten Gesichtspunkten soll nun hier die ältere Kultur Griechenlands betrachtet werden, und vor ihr, wie es sich überall erforderlich zeigt, die der alten orientalischen Gebiete, von denen Hellas umgeben und beeinflußt war. Es wird jeweils zu verfolgen sein, welche Entblößung die Tracht an und für sich mit sich brachte, und welche Ausnahmen von der gewohnheitsmäßigen Verhüllung auf treten.

Text aus dem Buch: Nacktheit und Entblössung in der altorientalischen und älteren griechischen Kunst, Author Müller, Walter A. (Walter August).

Nacktheit und Entblössung in der altorientalischen und älteren griechischen Kunst