Kunstdrucke Nicolaes Maes

Gebroren zu Amsterdam 1630, Gestorben Ebenda 1896.
Holländische Schule

Unter Rembrandts Schülern stehen die obenan, welche sich nicht möglichst treu dem £ Meister anschlossen, sondern ihre eigenen Wege gingen: der Landschaftsmaler Philips Koninck, die Genremaler Gerard Dou und Nicolacs Maes. Dou war Rembrandts Schüler, als dieser erst einige zwanzig Jahre alt war und noch bei seinen Eltern in Leyden wohnte; Maes war sein Schüler fast ein Menschenalter später, als die Lage des Künstlers schon eine bedrängte und die Zahl seiner Schüler nur noch eine spärliche war. In beiden Künstlern verrät sich die Zeit, in der sic bei dem überlegenen Meister in der Lehre waren: Gerard Dou hat stets die saubere Durchführung, die miniaturartige Form und das kühle Helldunkel bcibehalten, das Rembrandt in seinen Leydener Jahren eigen war, während den Genrebildern von Nicolaes Maes die leuchtende kräftige Färbung, das warme Licht und die breite malerische Behandlung seines Lehrers aus dessen mittlerer Zeit eigentümlich blieb. Aber auch in der Empfindung, im Ausdruck sind diese beiden Schüler der Reflex der verschiedenen Epochen des grossen Künstlers, in denen der eine und der andere seine Schüler waren. Dou liebt figurenreiche Kompositionen, voll Bewegung, pointiert im Motiv und reich in den Stoffen und Details, während Maes seine Kompositionen auf eine oder wenige Figuren beschränkt, im Motiv äusserst einfach und anspruchslos ist, dafür aber zum Herzen spricht wie kein anderer Maler des Sittenbildes in Holland. Das Tischgebet: eine blinde Alte, die über ihrem spärlichen Mahl den Segen spricht, ein Gemälde des Künstlers, das der Gesellschaft „Arti“ in Amsterdam gehört, aber von ihr im Rijks-Museum leihweise ausgestellt ist, geht freilich über das gewöhnliche kleine Mass seiner Bilder hinaus: die Figur ist beinahe lebensgross. Auch darin, dass eine Blinde dargcstellt ist und dass eine Katze, die am Tischtuche zerrt, den Beschauer befürchten lässt, der hilflosen Frau könnte das Mahl verdorben werden, weicht der Künstler hier von der Schlichtheit und Harmlosigkeit seiner Auffassung ab. Aber diese etwas gesuchte und nicht unbedenkliche Nebenbeziehung ist so untergeordnet, die Kraft der Färbung, worin ein tiefes Rot, wie in der Regel beim Künstler, vorherrscht, und das starke Helldunkel sind von so grosser Wirkung, der Ausdruck der alten Frau ist so ergreifend, dass das Gemälde doch mit Recht zu den stimmungsvollsten Sittenbildern der holländischen Schule gerechnet wird.

Nicolaes Maes

1. und 2. Nicolaes Maes / Amme mit Kind / Alte Frau mit Garnwickel

In der Tat ist er, wie diese Wandlungen verraten, eine schwache und weiche Natur. Sein Thema ist das Leben der in engem Kreis sich bescheidenden Frau, des Mädchens, das unablässig nach dem Liebhaber ausschaut, der jungen Mutter, die im Glücke ihrer Kinder lebt, der Greisin, die sich mit kleinen häuslichen Arbeiten zufrieden gibt und ihr Alter mit Glück und Gleichmut trägt. Alles Stürmische ist ihm fremd, seihst Kraft und Männlichkeit. Seine männlichen Bildnisse sind weich und knochenlos und gar, als er später Modemaler wurde, nur matte Gegenstücke zu den flüssigen, eleganten Damenporträten.

Seine Frauencharaktere sind glücklicher veranlagt als die Rembrandts, wenn wirklich Mangel an Intelligenz und Lebenserfahrung ein Glück genannt werden darf. Sie freuen sich an Unterhaltungen, denen es an Geist fehlt, und leben in einer Gemütlichkeit, die an Langeweile grenzt. So ist der Künstler der Liebling des Publikums, zu seiner Zeit in seinen Modehildnissen, die französische Eleganz vorheuchelten, heute in seinen Frühwerken im Stile Rembrandts, die oft besser gefallen als die Vorbilder. Sie sind einschmeichelnder — vom Inhalt abgesehen, der dürftige Geschichten in behaglicher Breite erzählt — auch in der Farbe. Das starke Zinnober kommt von Rembrandts Werken der fünfziger Jahre, aber Maes fügt noch schwarz und weiss hinzu und umhüllt die drei Töne bis zur Süssigkeit mit dem Goldton seines Lehrmeisters. Auch die Zeichnung mit der alten Frau, die in ihrer Geschlossenheit eine der vollkommensten der ganzen Serie ist, zeigt diese Farbenwahl; nur tritt an die Stelle von schwarz braun, also die Farbe, die sich ergibt, wenn über schwarz ein gelber Ton gelegt wird. Die gleiche Weichheit verrat die kompakt und rundlich geschlossene Umrisslinie der Figur. Immerhin überwiegt in dem Blatt noch die Kraft Rembrandtscher Stimmung die eigene weiche Empfindung des Künstlers.

Wohl noch früher, in der Lehrzeit hei Rembrandt, ist die ,,Amme mit Kind“ entstanden. Das Beste an der Zeichnung ist, wie die Umrisse flüchtig in den Grund verrieben sind und weniger aus Unsicherheit als im Bemühen, eine Lufthülle um die Gestalt zu bilden, unklar hin- und herfahren. Sieht man, mit welchem Nachdruck der spröde Rötelstift behandelt ist, wieviel Leuchtkraft dem Rot durch verschiedene Richtung in der Schraffierung verliehen wurde (was freilich nur im Original deutlich wird), so erscheint die Zeichnung beinahe Rembrandts würdig. Nur der Ausdruck ist bei den verwandten Blattern des Meisters um einen Grad reicher, die Haltung weniger starr.

Bild und Text aus dem Buch: Handzeichnungen altholla˜ndischer Genremaler (1907), Author: Bode, Wilhelm von, Valentiner, Wilhelm Reinhold.

Nicolaes Maes