Geboren 1613 zu Rom, Daselbst 1675.

Französische Schule

Die moderne Richtung der Malerei, die ganz auf impressionistische Wiedergabe von Lichteffekten ausgeht, hat das Interesse an der monumentalen Richtung der älteren Kunst, die vor allem durch grosse Formen zu wirken suchte, stark beeinträchtigt. Am meisten hat darunter die Freude an der klassischen Landschaft gelitten; galt vor einem Jahrhundert kein Meister unter den Landschaftsmalern höher als Claude und die beiden Poussin, so werden wir heute bei einem Sammler alter Gemälde nur ganz ausnahmsweise einem Bilde dieser Künstler begegnen. Die Schönheit ihrer Landschaften wird aber eine spätere Zeit, die über die Formlosigkeit unserer Kunst zu eigenem Stilgefühl gelangt sein wird, wieder voll zu würdigen wissen. Die Landschaften, wie sie diese französischen Künstler in Rom malten, sind keineswegs Phantasielandschaften, sie sind vielmehr auf treuem Studium der italienischen Landschaft aufgebaut und galten ihrer Zeit als besonders naturwahr und realistisch. In den grossen Formen dieser Bilder erkennen wir die stilvollen Motive der näheren und weiteren Umgebung von Rom. Wie Claude uns mit Vorliebe die Campagna von den Albaner Bergen bis hinab an den Meeresstrand schildert, ihren fein bewegten Linien in den Stimmungen der verschiedensten Tageszeiten und der mannigfachsten Beleuchtungen stets neue Reize abzugewinnen weiss, so führt uns Dughet auf die Höhen der Albaner und Sabiner Berge, lässt uns hinabblicken in die lauschigen Täler mit ihren dichten Wäldern von alten Kastanien und Steineichen, deren feines graugrünes Laub den Ton seiner Bilder beherrscht. Ein solches Motiv bietet auch unser Bild, eine neue, wertvolle Erwerbung der Berliner Galerie.

NICOLAS POUSSIN 1594-1665

 

 

Bacchische Szene


Nicolas Poussin, der Lieblingsmaler aller Franzosen, lebte hauptsächlich in Rom. Man hat seine erhabene Kunst oft mit der Tragödie des Zeitalters Ludwigs XIV. verglichen. Später malte er auch Landschaften mit antikisierender Staffage, wie die bekannte Landschaft mit dem Evangelisten Matthäus (Berlin). Aber ausgegangen ist er von der Darstellung mäßig großer Figuren, die von Landschaft und Architektur umgeben sind. Seine Studien waren tief und vielseitig. Er erforschte die antike Architektur, zeichnete nach Raffael und Tizian und modellierte mit Du Quesnoy zusammen nach dem Leben und der Antike. Seine Richtung führte ihn immer mehr auf die Zeichnung hin, auf die Durchbildung der Körperform und die Komposition. In der Malpraxis richtete er sich nach Domenichino, den er allen damals lebenden Künstlern vorzog. Aber seine früheren Bilder sind viel farbenreicher, manchmal sogar bunt; man sieht es dem Kolorit und auch den Gegenständen an, daß er die Venezianer, besonders Tizian studiert hat. Von dieser Seite zeigt ihn eins der seltenen außerhalb Frankreichs befindlichen Hauptwerke, ein Bacchanal in der Art Tizians, nur daß es in eine einzige höchst lebendige Figurengruppe zusammengedrängt ist. Die Nymphe hat den Rücken des zottigen Satyrs bestiegen und deutet mit der Rechten waldeinwärts, wohin die Reise gehen soll. Voran schreitet ein nackter Knabe, ein Amorin hat der Nymphe beim Aufsteigen geholfen, und ein kräftiger Faun mit dem Tafelgerät auf dem Kopfe beschließt den Zug. Auch die reife Sommerlandschaft mit dem abendlichen Himmel ist im Charakter Tizians gehalten.

Aus dem Buch “Album der Casseler Galerie” von 1907.

Kasseler Galerie NICOLAS POUSSIN 1594-1665