Kategorie: Orient und Weltpolitik

Wir treiben jetzt Kolonial- und Weltpolitik seit gerade dreißig Jahren, also seit einem Menschenalter. Es ist an der Zeit, die Bilanz zu ziehen.

Was ist der hervorstechendste Zug an dem zu Versailles gegründeten Reiche? Nicht der agrarische, denn die von der Landwirtschaft lebende Bevölkerung sank von 1871 bis zur Gegenwart auf weniger als ein Drittel der Gesamtzahl; nicht der militärische, denn das Reich hat seit der Kapitulation von Paris keinen einzigen Krieg von Belang, zum mindesten keinen europäischen Krieg geführt. Es ist vielmehr der plutokratische Zug, der unerhörte Aufschwung von Handel und Industrie. Früher waren die Wünsche der Landwirtschaft und des Heeres nicht nur maßgebend, nein, diese Interessen waren so gut wie allein da. Außerhalb dieser Kreise vegetierte recht und schlecht die Zunft der Handwerker, rang sich mühsam: das Bürgertum zu politischer Bedeutung durch. Einen ansehnlichen Teil der Macht besaßen im übrigen die Beamten, auch jene, die mit agrarischen und militärischen Interessen nicht sonderlich eng verbunden waren. Seitdem ist ein erstaunlicher Wechsel in der gesellschaftlichen Schichtung eingetreten. Der Hundertsatz der Bevölkerung, der von der Industrie lebt, ist auf 36 gestiegen, stellt den weitaus größten Bestandteil, mit den Handelskreisen zusammen fast schon die Hälfte des deutschen Volkes dar. Dadurch ist einerseits die Arbeiterschaft emporgekommen, der sich die Mehrzahl der Handwerker, wie fast das ganze Heer der niederen Beamtenschaft angeschlossen hat; andrerseits eine beschränkte Anzahl von nouveaux riches, von Bankherren, Industriekapitänen, Reedern, Zechen- und Schlotbaronen, von Fabrikherren und Trustmagnaten. Zugunsten dieses kleinen Ringes wird in der Hauptsache deutsche Weltpolitik getrieben; in zweiter Linie zugunsten der Arbeiter, die durch die fetten Aufträge der. Fabriken und die steigende Ausbeute der Bergwerke in den Stand gesetzt werden, höhere Löhne zu erwirken.

Die hartnäckige und andauernde, die absolute Willenlosigkeit der deutschen Regierung erleichtert nicht nur den Feinden die Erreichung ihres Zieles, sie verbürgt auch einstweilen den Frieden. Wozu sollen die andern Krieg anfangen, wenn sie ohnehin alles erlangen, was sie nur wünschen? Aber einmal wird doch der Zeitpunkt kommen, da die Last zu groß wird, da des Kameeles Rücken bricht; einmal wird sich der Keiler der verfolgenden Meute stellen müssen, sich zur Wehr setzen oder verbluten.

Beim Hottentottenkrieg schöpften drei Betriebe den Rahm von der Milch: die Reederei Woermann, die in einem Kriegsjahre 70 Prozent Gewinn erzielte; Lieferanten wie Tippelskirch, wie Schuh- und Waffenfabriken; endlich die großen-, oligarchisch regierten Siedlungsgesellschaften in Südwest, die während des Krieges Vieh und Frucht gut an einen nahen Markt bringen konnten und deren Grund und Boden durch den Krieg und die danach einsetzende Ansiedlung ungeheuer im Preise stieg. Wer hat bisher den Vorteil von der deutschen Staatskunst in der Türkei gehabt? Neben einigen hundert Kaufleuten, neben Ingenieuren und Monteuren hauptsächlich die Deutsche Bank und die Levantelinie. Alle unsere Bestrebungen in der Türkei drehen sich um die Eisenbahnbauten und Meliorationspläne, um Elektrizitätsanlagen, aus denen die Deutsche Bank (nebst Genossinnnen) Gewinn erhofft. Wer hat den Hauptnutzen aus unserer Freundschaft mit Nordamerika? Die Hapag und der Lloyd. Wer aus dem günstigen Verhältnis zu Ghina? Fast ausschließlich einige wenige große Handelsfirmen und zwei oder drei deutsche Banken, die zunächst an gewichtigen Anleihen, dann an goldgeränderten Eisenbahnobligationen chinesischer Provinzen, drittens am Handel verdienen.

Die Reihe kann leicht fortgesetzt werden. In so manchen Ländern ist Zweck und Ziel unserer Diplomatie allein, den Ankauf von Kruppkanonen und Schiffsbestellungen auf unsern Werften durchzusetzen. An und für sich können diese Tatsachen kaum bestritten werden. Es handelt sich hier lediglich darum, sie in das richtige Licht zu setzen. Im übrigen soll weder unsern klugen und kühnen Unternehmern ihr Gewinn beneidet, noch soll bestritten werden, daß davon auch weitere Kreise, und zwar nicht nur Arbeiter einen tüchtigen Anteil mitgenießen. In jedem Falle aber geht der Hauptanteil in die Hände weniger; gerade diese wenigen aber werden für die Entscheidungen unserer Weltpolitik immer bedeutsamer. Freilich ist das in andern Ländern auch der Fall, in Frankreich, wo die ganze Marokkopolitik von der Gruppe Schneider-Creuzot gemacht wurde, in den Vereinigten Staaten, wo Rockefeller und Pierpont Morgan über das Schicksal der Nachbarstaaten beinahe unbeschränkt verfügen. Und selbst in dem jungen Japan, dessen dividendenlüsterne Großkapitalisten die Angliederung und Ausbeutung Koreas ins Werk geleitet haben. Die Folge ist, daß die auswärtige Politik in Form und Gestalt eine Politik der Plutokraten wird. In der Form: Die Botschafter und Gesandten, die Legatdonsräte, selbst Konsule werden mit Vorliebe der aufsteigenden Klassen reiccher Parvenüs entnommen. Washington entsandte nach London und Petersburg nie andere Leute als vielfache Millionäre; und als es einmal einen Unbemittelten nach Berlin schickte, den Historiker Day, da empörte sich — Berlin. Warum? Weil er nicht ausreichend repräsentieren könne. Augenblicklich ist der Minister des Auswärtigen in Paris, Herr Jonart, einer der Hauptstützen der Schneider-Creuzot-Gruppe. Er ist der Schwiegersohn von Aynard, dem Leiter des Credit Lyonnais, dem Bankier des Creuzot-Konzerns. Bei uns werden die Erben der Stum-schen Eisenhütten, der Höchster Farbwerke, einer Frankfurter Sektfirma, werden die Söhne von Eisenbahnspekulanten, Lederfabrikanten und Bierbrauern gern im auswärtigen Dienst verwendet. Dagegen ist an sich nichts zu sagen, nur darf die Aufmerksamkeit mit Recht darauf gelenkt werden, wenn dieses Element stark überwiegt. Die Gefahr eines Überwiegens ist doppelter Art. Einmal wird dadurch den auswärtigen Geschäften eine bestimmte Geistesrichtung einseitig aufgedrückt, und zweitens ist es unmöglich, daß dabei die Interessen des Volkes zu ihrem Rechte kommen.

Je reicher ein Kapitalist ist, umso leichter tritt an ihn oder seine Nachkommen die Gefahr heran, entnationalisiert zu werden. Von den Erbinnen Amerikas weiß man da manches Lied zu singen. Alljährlich gingen an 200 Millionen Mark aus den Vereinigten Staaten ostwärts über den Ozean, um das alte Europa zu stärken. Consuela Vanderbilt allein hat dem Herzog von Marlborough 40 Millionen Mark mitgebracht, und Jane Gould ebensoviel dem alten Gecken und bankerotten Royalisten Boni de Castellane, der das Geld mit anderen Frauen rasch durchbrachte und die stolze Tochter des Hauses Gould zur Scheidung zwang. Und nicht nur Frauen, auch Männer verließen the greatest country in the world, um auf fremdem Boden Wurzel zu schlagen. So ging Waldorf-Astor von Newyork nach England und strebte danach, Peer zu werden; zu welchem Ende er ein Schloß mit schöner Jagd in Schottland und die Pall-Mall Gazette erwarb. (In letzter Zeit sind freilich solche Übersiedlungen selten geworden.) Umgekehrt gehen reiche Deutsche nach Amerika, um sich dort dauernd niederzulassen; ich erinnere an die neben Morgan bedeutendste Bank der Union, Löb, Speyer & Co., sowie an das Bankgeschäft des Frankfurter Hallgarten. Ausgedehnte Landgüter kann man nicht in die Westentasche stecken, noch kann man sie schnell in bar Umsetzern Wievieler Jahre und welcher Mühe bedurfte doch Clod-wig Hohenlohe, seinen Besitz in Rußland zu verkaufen. Er, Kanzler, dem dabei noch alle möglichen Vergünstigungen vom Zaren selbst gewährt wurden. Dagegen ist es Keine sehr schwierige Aufgabe, eine Kapitalistenexistenz von einem Lande in das andere zu verpflanzen. Man braucht noch nicht einmal seine Aktien zu verkaufen, wählt einfach einen Aufenthalt in irgendeinem andern Lande, das einem besonders zusagt, und verlegt ganze Häuser von einem Reiche in das andere. So ist das Frankfurter Haus Rothschild nach Paris übergesiedelt, so hat sich der deutsche Inhaber der Metallweltfirma Müller im Haag niedergelassen. Selbst Fabriken, die doch mit immobiliarer Zähigkeit am Boden zu haften scheinen, sind vor einer Überführung nach fremden Territorien nicht sicher. Es gibt einen Arthur Krupp in Wien, es gibt österreichische Schuckert- und Mannesmannwerke, die selbständig geworden sind. Die russische Filiale von Siemens ist beinahe vollkommen verrusst. Überhaupt müssen alle Inhaber ausländischer Werke im Zarenreiche sich als Russen nationalisieren lassen. Selbst wenn die Inhaber Deutsche sind, verstehen die Kinder und Enkel oft schon kein Deutsch mehr. Das gleiche wird bei den Tochtergesellschaften deutscher Elektrizitäts- und Bankfirmen in Italien und Süd-Amerika platzgreifen. Tatsächlich gehen deutsche Konzerne schon vielfach mit ausländischen zusammen, haben schon halbwegs internationalen Charakter angenommen. Die A. E. G. steht mit der General Electric Co. Nordamerikas in enger Verbindung und gründete die Victoria Falls Power Co. für die Speisung der Randminen im Transvaal, fördert also englische Goldmagnaten, begünstigt das Erstarken des englischen Imperialismus. Noch deutlicher freilich wirkte in der selben Richtung Alfred Beit, ein Hamburger, der sein schon großes Vermögen in London zu einer halben Milliarde vermehrte und sich völlig, in den Dienst der imperialistischen Idee von Cecil Rhodes stellte. Ich spreche hier nur von Leuten, die bereits vorhandene Kapitalien in das Ausland überführten; sonst könnte ich‘ auch die Herren Baring, Goeschen und Cassel erwähnen, die erst jenseits des Kanals zu großem Vermögen gelangten.

An solchen Tatsachen können die verschiedensten Beobachtungen angestellt werden. Hier kommt es einzig und allein auf eane Schlußfolgerung an: Plutokratie wirkt nicht national, sie wird leicht international. Was aber soll an Stelle einer plutokratischen Politik gesetzt werden?

Eine Siedlungspolitik!

Zum Wohle des deutschen Volkes dient nur der Gewinn neuen Ackerbodens. Nur der ist dauernd und zuverlässig, nur der trotzt allen Stürmen, allen Veränderungen, widersteht selbst dem Druck einer Fremdherrschaft; nur er dient wahrhaft zur Ausbreitung, Stärkung und Vertiefung des Deutschtums.

Niemand kann die Uhr der Zeit zurückstellen. Ein Narr, wer gegen die Industrie überhaupt sich ausspräche. Namentlich die Bergwerke, früher Kupfer-, Silber- und Gold-, jetzt in steigendem Maße Kohlen- und Eisengruben, sind die Nerven der Staaten. Selbst die Landwirtschaft kann ohne Industrie nicht bestehen, da ohne Kali und Karbid, ohne industrielle Erarbeitung der Dungstoffe, die jährlich an zwei Milliarden Mark ausmacht, der Ackerbau nicht mehr bestehen könnte; auch nicht ohne die Industriebevölkerung, die mit ihrer steigenden Kaufkraft den Landwirten einen trefflichen Markt liefert und gute, ja, wachsende Preise ermöglicht. Auf der andern Seite muß es erlaubt sein, auf die Gefahren eines übermäßigen Industrialismus hinzuweisen, muß Vorsorge getroffen werden, gegen dieses Übermaß ein Gegengewicht zu schaffen.

Auch die Hypertrophie der Kultur ist vom Übel. Wenn der Kaiser sich gegen eine „öde Weltherrschaft“ wandte, wenn er rühmte, „nach außen beschränkt, nach innen unbeschränkt“, wenn neuere Kulturpolitiker für die Ausdehnung deutscher Kultur eintreten und territoriale Ausdehnung für unmöglich halten oder sie gar verdammen, so ist das nichts anderes als eine Rückkehr zu dem Poeten, der zur Aufteilung der Welt zu spät kommt. Nein, über dieses Hochbild sind wir seit hundert Jahren hinaus. Daß eine wahllose Ausbreitung unsrer Kultur uns staatlich wie gesellschaftlich gar keinen Nutzen bringt, wurde am Anfang dieser Schrift gezeigt. Einzig und allein zu empfehlen und zu erstreben ist eine Zunahme der Siedlung. Alles andere wird uns dann von selbst zufallen.

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

Siehe auch:
Der deutsche Gedanke in der Welt
Kultur-Europa bei den andern Völkern
Orient und Weltpolitik – die Weltlage
Der Nationalismus in Asien
Orient und Weltpolitik – Der Aufstieg des Balkans
Orient und Weltpolitik – Die Balkanvölker im einzelnen
Die Fragen der asiatischen Türkei
China und der Dreibund
„Timeo Danaos“ oder Englands Schwenkung zu Deutschland
Orient und Weltpolitik – Die Irrtümer der deutschen Politik

Orient und Weltpolitik

Bei andern Völkern laufen auswärtige Unruhen auf einen Gebietserwerb hinaus, bei uns in — neue Militärvorlagen. Es handelt sich jetzt um eine runde Milliarde einmaliger, eine Viertelmilliarde dauernder Ausgaben. Die Opferwilligkeit des Volkes ist da; ja, man kann es ruhig aussprechen, daß die Regierung, die ziemlich eingeschlafen war, erst von der Volksstimmung gedrängt wurde, der Verfassung zu entsprechen. Ein Gesetz der Verfassung verlangt nämlich, daß 1 % der Bevölkerung zu den Waffen gerufen werden soll. Das war nicht entfernt erreicht (nur 0,81 %), während die Franzosen sich schon bis auf 1,40 % aufgeschwungen haben. Für den Krieg hätten die Franzosen 2,7 Millionen, wir nur 2,3 Millionen zur Verfügung gehabt. Aber wie gesagt, an militärischer Kraft gebricht es uns nicht. Was fehlt und was aller Voraussicht nach wiederum fehlen wird, das ist die richtige politische Verwertung dieser Kraft. Höchstwahrscheinlich werden wir uns durch eine Abrüstung Rußlands bewegen lassen, unsrerseits den Frieden zu wahren; dann kann Rußland die Mongolei einstecken und gegebenenfalls die widerstrebenden Chinesen niederwerfen. Ist dies geschehen, ist der Gewinn im fernen Osten eingesteckt, so können die Herren Russen mit umso größerer Zuversicht das Spiel der Mobilisation im Westen wieder beginnen.

Unsre Haltung während und vor dem Balkankriege war eine lange Kette von Fehlern. Wir beruhigten die Türkei: es gäbe keinen Krieg mit Italien. Da kam Tripolis. Wir beruhigten sie wiederum: kein Krieg auf dem Balkan. Es erfolgte der Zusammenbruch. Dann die Zusammenkünfte in London. Unwidersprochen blieb, daß auch die deutsche Diplomatie die Pforte zum Entschluß, Frieden zu machen, gedrängt habe. Es war das umso beschämender, je deutlicher es bereits geworden war, daß es sich hier nicht mehr nur um vorübergehende Balkankatzbalgereien, nicht nur um den Vormarsch der Serben nach der Adria, nicht nur um die Frage handelte, ob ein Fetzen Landes hier, ein Fetzen Landes dort den Bulgaren oder den Griechen oder den Serben oder den Montenegrinern zufallen solle, sondern vielmehr darum, ob die 78 Millionen Deutschen der alten Welt von den 156 Millionen Slaven erdrückt werden sollen, kurz, um die Aufrechterhaltung der deutschen Art in Österreich und um die Weltstellung des Deutschen Reiches. Das war durch die Bestrebungen und Stimmungen, die zum Balkankriege trieben, und durch die langwierigen Verhandlungen, die dem Waffenstillstände vor einigen Wochen folgten, vollkommen klar geworden. Und trotzdem hat man weder in Berlin noch in Wien einen genügenden Anlaß gesehen, unser Schwert in die Wagschale zu werfen oder zum mindesten mit dem ganzen Gewicht unseres Wortes einzugreifen. Beide Regierungen, die österreichische wie die reichsdeutsche, hatten im Gegenteil der Hohen Pforte den Rat gegeben, sich den Vorstellungen der Westmächte zu fügen und Adrianopel preiszugeben. Wir haben demgemäß selbst an dem Stricke zu flechten geholfen, mit dem die andern uns erdrosseln wollen. Alles das nur ein Vierteljahr, nachdem das berühmte europäische Konzert mit dem Brustton überzeugter Machtvollkommenheit erklärt hatte, es werde keine Änderungen des Status quo zulassen. Es gibt einen bitteren Spruch:

„Nur die allergrößten Kälber wählen ihren Metzger selber!“

In diese klägliche Situation einer wenig beneidenswerten Wahl haben wir Deutschen uns nun glücklich hineindiplomatisiert. Vor wenigen Monaten noch prophezeiten kluge Kenner in Berlin eine langandauernde Periode tiefen Friedens. Ich hörte einen besonders begabten Politiker in Berlin, der von einem „intensiven“ Frieden sprach, whatever that may be. Man sieht von neuem, wie sich die (angeblich) klügsten Leute irren können, sah nebenbei auch, wie sich die erhabene Börse wieder einmal geirrt hat. Man pflegt gern von dem untrüglichen Scharfsinn, von dem unbeirrbaren Witterungsvermögen der Börse zu sprechen; tatsächlich ist, wenigstens in Mitteleuropa, seit mehreren Jahren dieser helle Spürsinn zum Mythos geworden. Tatsächlich hat sich die Börse so ziemlich bei jeder großen politischen Katastrophe grimmig geirrt. Ich erinnere nur an Port Arthur im Februar 1905. Die Berliner Börse glaubte mit inbrünstiger Zuversicht an den Frieden und wurde jäh durch die Kanonen aus ihrem Schlafe erweckt, so daß die Papiere um anderthalb Milliarden Mark sanken. Dabei tut es nicht das mindeste zur Sache, daß in einigen Monaten der Sturz nicht nur wieder gutgemacht, sondern daß der frühere Kursstand bei den meisten Werten .sogar überholt worden ist. Wie ist diese betrübende Ahnungslosigkeit der Börse zu erklären? Durch nichts anderes als durch ihren engen Zusammenhang mit der Diplomatie, durch ihr hohes Vertrauen zu den Vertretern der Regierung. Wo die Diplomaten weitblickend und hellhörig sind wie in London und Paris, da übertragen sie ihre richtigen Ahnungen auch auf die führenden Finanzmänner; wo die Staatskunst im Argen liegt wie bei uns, da wird durch den Mangel an Voraussicht auch die Börse und jeder Inhaber ihrer Papiere empfindlich betroffen.

Der Basler Friede sicherte den Preußen Friedrich Wilhelms II. auf elf Jahre den Frieden. Preußen wollte nicht fechten. Aber es wurde schließlich dazu gezwungen. Genau so hat sich das neue Deutsche Reich vor einem ernsthaften Waffengange gescheut; schließlich aber zwingt es dazu die Not. Vielleicht wird es dann besser. Denn obwohl wir keineswegs alle notwendigen militärischen Anforderungen erfüllt haben, obwohl wir nicht entfernt den Vorteil unserer Zeppeline ausnutzten und unglücklicherweise nicht so viele Luftschiffe bauten, wie nur irgend angängig war — hundert Zeppeline hätten in einem einzigen Jahre hergestellt werden können —, sind wir heute doch unvergleichlich viel besser gerüstet als vor Jena.

Auf die Preisgabe der Buren folgte Samoa; nach den Brüskierungen Waldersees kam der englisch-japanische Vertrag; die Demütigungen, die wir bei Venezuela durch die Vereinigten Staaten erlitten, machte der Zusammenbruch unserer Kolonialpoliti vergessen; wir bauten auf Rußland, da ereignete sich Liaoyang und Tsuschima; auf Tanger folgte Algeciras, auf Casablanca folgten die Novembertage 1908. Der Sturz unseres Freundes Abdul Hamid wurde durch Akaba, wo wir den Sultan im Stiche ließen, eingeleitet und durch die Preisgabe Abdul Azids, dem wir die Unversehrbarkeit seines Reiches gewährleistet hatten, fortgesetzt. Wir zogen uns aus Persien und aus Unter-Mesopotamien zurück, gerade die wichtigste Strecke der Bagdadbahn, das Endglied bis zum Meere, aufgebend. Auf das japanisch-russische Bündnis kam die russisch-österreichische Spannung und unsere Erklärung, daß wir in einem serbischrussischen Falle Österreich nicht beistehen würden. Auf den Balkankrieg folgte die Botschafterzusammenkunft in London, bei der wir ausgeschaltet wurden. Unter den herbsten Einbußen sind wir noch immer still gewesen. Aber schließlich kommt die Zeit, da wir unbedingt Farbe bekennen müssen, schließlich kommt die Entscheidung in — Anatolien.

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

Siehe auch:
Der deutsche Gedanke in der Welt
Kultur-Europa bei den andern Völkern
Orient und Weltpolitik – die Weltlage
Der Nationalismus in Asien
Orient und Weltpolitik – Der Aufstieg des Balkans
Orient und Weltpolitik – Die Balkanvölker im einzelnen
Die Fragen der asiatischen Türkei
China und der Dreibund
„Timeo Danaos“ oder Englands Schwenkung zu Deutschland

Orient und Weltpolitik

Der Staatssekretär von Jagow, der in die Spuren Kiderlens zu treten scheint, lobte neulich seinen Vorgänger, weil er ein freundlicheres Verhältnis zu Großbritannien vorbereitet habe. Verschiedene Merkmale der jüngsten Zeit weisen darauf hin, daß man in Downing Street beflissen ist, der Wilhelmstraße gegenüber wieder sanftere Saiten aufzuziehen. Darob großer Jubel beim braven Michel, als ob nun wahr und wahrhaftig ein goldenes Zeitalter anhöbe.

Ein bedeutsamer Wechsel in der Haltung der Engländer ist allerdings eingetreten. Das bekundet sich weniger in der Zustimmung zu dem Flottenstandard 16:10 — einer rein akademischen Zustimmung, die ohne praktische Folgen bleiben wird —, als in der offensichtlichen und erstaunlichen Schwenkung auf dem Balkan. Die Briten sind auf einmal zu der Meinung gelangt, daß die Slaven jetzt genug eingesackt haben, und beginnen sich gegen übermäßige slavische Ansprüche zu wehren. Dergestalt schwenken sie plötzlich zu den Österreichern und erklären, Albanien (für das sie überhaupt eine große Zärtlichkeit bekunden) könne ohne Skutari nicht leben. Der wiederholte Hinweis auf Greueltaten, von slawischen Banden auf dem Balkan begangen, ist ein Symptom of the same breede.

Was ist von dieser Schwenkung zu halten?

Auf der einen Seite ist es klar, daß tatsächlich den Engländern ein allzustarkes Wachstum der Slaven, namentlich des größten Slavenstaates, Rußlands, nicht erwünscht sein kann und daß in Sonderheit die Aufrollung der Dardanellenfrage durch das Petersburger Kabinett ihnen außerordentlich angenehm sein muß. Auf der andern Seite ist ein gescfiichTTicher Rückblick geeignet, in dem unbefangenen Beurteiler die Überzeugung zu erwecken oder zu verstärken, daß das Schwenken und Herüberwechseln von der einen Partei zur andern ein spezifisches Ausrüstungstück der britischen Staatskunde darstellt. Alle Beobochter sind sich darüber einig, daß der einzelne Engländer in der Regel ein ordentlicher, zuverlässiger Mensch ist, der seinen Verpflichtungen mit Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit nachkommt, während der Engländer als Politiker völlig entgegengesetzte Eigenschaften aufweist. Es empfiehlt sich, um die Staatskunst des Inselvolkes klarzulegen, wieder einmal einige hervorstechende politische Taten dieses Volkes zu beleuchten. Schon Wilhelm der Oranier stellte als obersten Grundsatz der auswärtigen Politik fest: die Nebenbuhler Englands müssen dadurch geschwächt werden, daß man sie in Streitigkeiten untereinander verwickelt und in diesen Streitigkeiten zumeist selbst Partei ergreift, auf daß man einen der streitenden Teile verhindern könne, nach einem Siege zu mächtig zu werden. Also einerlei, ob man einen Streiter ins Gesicht boxt oder mit iihm Arm in Arm geht und den Arm mehr oder weniger freundschaftlich drückt: man wird so immer in der Lage sein, beide, Feind und Freund der Früchte eines Sieges zu berauben. Dieser Grundsatz ist seit mehr als zwei Jahrhunderten bis zum heutigen Tage der Polarstern der britischen Staatsmänner geblieben. Die Ausführung kann natürlich im einzelnen verschieden sein. Eine Hauptregel ist, daß der Kampf lange genug fortgesetzt wird, bis der Verbündete Englands siegt; danach nähert sich England dem geschlagenen Gegner, um den Verbündeten um seinen Erfolg zu betrügen. Der Oranier selbst schloß mit dem Kaiser, mit Schweden und Spanien das Augsburger Defensivbündnis gegen Frankreich. Just als Markgraf Ludwig von Baden gegen Paris losstürmte, er-öffnete der englische König geheime Verhandlungen mit Ludwig XIV., vertrug sich mit ihm und drohte den Mächten des Bündnisses, mit einer plötzlichen Schwenkung dergestalt seinen ursprünglichen Gegner, den Franzosenkönig rettend. Der Friede von Ryswick (1697) war nur zugunsten Englands, aber zu ungunsten des Deutschen Reiches. Der deutsche Vetter hat aber nicht gelernt. Bei dem unmittelbar darauffolgenden spanischen Erbfolgekriege kämpften abermals britische, deutsche und spanische Truppen Schulter an Schulter. Die Engländer erboten sich, den Sohn des Kaisers, den Prätendenten

Karl, auf die iberische Halbinsel zu führen. Tatsächlich war ihnen nur darum zu tun, Spanien, in dem sie noch immer den Hauntrivalen erblickten, zu schwächen. Daher ließen sie Karl im Stich, und unterstützten ihn nicht einmal, als sich ganz Katalonien für ihn erhoben hatte; sie verboten sogar dem Prätendenten die Teilnahme am Kriege. Dafür eroberten sie am 4. August 1704, und zwar in erster Linie mit Hannover’schen Truppen. Gibraltar. Eigentlich war die Sache so, daß der Darmstädter Prinz Georg, der besagten Karl, den Kaisersohn, nach Spanien führen sollte, ihn aber nicht in Person mitbekam, von befreundeten Spaniern erfuhr, daß Gibraltar schlecht verteidigt, die Festung erstürmte und für den künftigen Köndg Karl in Besitz nahm. Als Besatzung ließ Georg verbündete holländische Truppen zurück. Allein schon nach vierzehn Tagen löste ein hannoverisch-englisches Kontingent diese Truppen ab und nahm Gibraltar für England in Besitz. Und abermals war Frankreich gedemütigt, und Ludwig XIV. bettelte um Frieden. Da knüpfte England abermals geheime Verhandlungen durch einen kriegsgefangenen französischen Abbe mit Paris an und brachte im Vertrag von Utrecht 1713 neuerdings die Verbündeten um ihre Errungenschaften. Die Engländer erhielten das Vorkaufsrecht für die spanischen Kolonien und — eine schier unerschöpfliche Goldgrube — das Monopol des Sklavenhandels. Auf die ganz außerordentlich verwickelten Operationen gegen Kardinal Alberoni möchte ich hier nur kurz Hinweisen. Der Schlußeffekt war, daß der Freund Englands, der Deutsche Kaiser, zur Auflösung der ostindischen Kompagnie, die Prinz Eugen begründet hatte, gezwungen wurde. Nebenbei gesagt, erinnert jene Gründung auffallend an die Reederei-Unternehmungen des heutigen Fürstenkonzerns. Weitere Wortbrüche beging England gegen das deutsche Kaisertum 1740. Es stand Friedrich dem Großen bei, weil er die Spaltung Mitteleuropas in zwei Großstaaten gerne sah, und zwar obwohl es die Integrität Österreichs verbürgt hatte. Im Siebenjährigen Kriege half es den Preußen und seinen Feinden; es schickte beiden Seiten Geld. Das Ergebnis war eine ungeheuere Mehrung des britischen Kolonialbesatzes. Es wäre leicht, einen ähnlichen Beweis für die napoleonischen Erschütterungen zu führen. Gehen wir zum Orient über! Es war im Interesse Englands, die Türkei in zwei Mächte zu zerteilen, also das Aufkommen Ägyptens seit 1833 zu fördern. Damit begnügte sich England nicht, sondern hetzte Sultan und Khedive gegen einander. Den ursprünglich begünstigten Khedive gaben die Briten in der Folge preis.

Im Jahre 1876 waren Gladstone und die öffentliche Meinung für die Bulgaren; 1878 fuhren die britischen Schiffe in die Dardanellen ein, um den Sultan zu schützen; kurz vor der Eröffnung des Berliner Kongresses schloß Downingstreet einen Gelheim vertrag mit der Hohen Pforte und versprach darin ein „eventuelles“ Schutzbündnis, wenn sie dafür Cypern ausliefern wolle. Genau in der selben Weise haben Politik und öffentliche Meinung in England jetzt während des Balkankrieges geschwankt.

Die Folgerung aus allem ist die, daß man den Briten nicht über den Weg trauen darf. Wenn sie jetzt eine Schwenkung machen, so geschieht das, um den Russen für persische und tibetanische Fälle zu drohen. Wenn sie sich uns nähern, so geschieht es, um sich möglichst bald wieder von uns abzuwenden. Jedoch nicht, ohne vorher wertvolle Zugeständnisse von uns verlangt, ohne uns gründlich geschadet zu haben.

Der alte Kant erklärte: „Die englische Nation, als Volk betrachtet, ist das schätzbarste Ganze von Menschen im Verhältnis untereinander; aber als Staat gegen fremde Staaten der verderblichste, gewaltsamste, herrschsüchtigste und kriegerregendste von allen.“ Gerade der Königsberger Philosoph war ein besonders friedlicher Mann, der in allen Dingen der von Gott gesetzten Obrigkeit untertan war. Es mußten schon starke Anlässe vorliegen, um den Mann zu solchen Worten hinzureißen. Die Ansicht des weitabgewandten Philosophen wird durch einen Ausspruch des größten Realpolitikers, seines jüngeren Zeitgenossen Napoleon, bestätigt. Der äußerte: „Wenn ganz Europa sich infolge englischer Ränke und Geldzahlungen rauft und zaust, sind die englischen Staatsmänner auf ihre eigene Sicherheit, auf Handelsvorteile, auf Beherrschung des Meeres und auf ein Weltmonopol in ihren Händen bedacht.“ Und die Torheit der kontinentalen Politik geißelt der selbe Napoleon im Jahre 1805; er warf den Österreichern auf das bitterste vor, daß sie ihn hinderten, England niederzuwerfen. Der Dank Englands für diese Haltung der Habsburger blieb natürlich aus. In zwei Dingen ist sich Weltbritannien immer gleichgeblieben: in der Verhetzung der Kontinentalstaaten und dem chassez-croisez bei Bündnissen.*)

*) Zu diesem Abschnitt vgl. die Schriften zweier ausgezeichneter Weltpolitiker, die ungefähr zu gleicher Zeit starben, um die Wende von 191M2: Karl Hron, „Rußland oder England?“, Wien 1900; „Die Weltpolitik“, Wien 1898, beide bei Friedrich Schalk. — Alexander von Peez, „England und der Kontinent“,, zweite umgearbeitete Ausgabe, Wien 1909, bei Karl Fromme.

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

Siehe auch:
Der deutsche Gedanke in der Welt
Kultur-Europa bei den andern Völkern
Orient und Weltpolitik – die Weltlage
Der Nationalismus in Asien
Orient und Weltpolitik – Der Aufstieg des Balkans
Orient und Weltpolitik – Die Balkanvölker im einzelnen
Die Fragen der asiatischen Türkei
China und der Dreibund

Orient und Weltpolitik

Als die Türken von Südosten anstürmten, als sie, zuerst 1408, das Adriatische Meer erreichten, als sie bis Krain und Laibach vordrangen, als sie endlich so ziemlich ganz Nordafrika für sich gewonnen (denn auch der Sultan von Marokko hatte wenigstens Tausende von türkischen Soldaten), da erbebte Europa. Die ganze Christenheit fühlte sich in ihren religiösen und staatlichen Lebensbedingungen bedroht. Trotzdem gewann es Frankreich über sich, mit den Erzfeinden der Christen Freundschaft zu schließen. Das war nicht gerade löblich. Allein Frankreich stand sich gut dabei, und das christliche Europa — lebt noch heute. Ähnlich wird es wohl mit der gelben Gefahr werden. Auch vor ihr zitterte Europa in seinen Grundfesten. Jetzt aber beginnen schon Bündnisse der Westmächte mit den ostasiatischen; Englands mit Japan, Nordamerikas mit China, und man beginnt einzusehen, daß auch bei den Gelben heißer gekocht wird als gegessen.

Mit Recht ist man davon abgekommen, die gelbe Gefahr in Bausch und Bogen heraufzubeschwören. Man zieht es jetzt vor, greifbare Tatsachen zu bringen, ohne weitgehende Folgerungen daran zu knüpfen.

Gegen die Gefährlichkeit der Gelben spricht besonders ihre Uneinigkeit. Der Krieg von 1894/95, die Japaner zuerst in Peking 1900, der Fall Tatsu-maru, der Boykott gegen die Japaner, der Streit um die Verwaltung der Mandschurei — das sind die Etappen in der Entwicklung des Verhältnisses der beiden Hauptmächte Ostasiens. Auch religiös besteht Feindschaft. Die Allbuddhisten Japans, die Anhänger des Fürstabts der Hungandji-Sekte, arbeiten in Lhassa und der Nord-Mongolei gegen den Buddhismus und den Lamaismus Chinas. Der Mikado ist der ferne Freund des Dalai-Lama gegen den nahen Bedränger, den Himmelssohn, wie einst Pippin den Papst gegen Byzan stützte. Rein territorial schon kann das Wirken Japans den Chinesen gar nicht anders als bedenklich erscheinen. Seit 1904 treiben japanische Agenten in der Mongolei und bei den russischen Burjaten ihr Wesen. Sie bewaffneten damals den Mongolenhäuptling Adachi und seine Zehntausend, sie vermochten Burjaten dazu, die sibirische Bahn zu zerstören. Sie sind jetzt daran, die mongolischen Fürsten mit der Gründung eines tibeto-mongolischen Großstaates vertraut zu machen. Vor zweihundert Jahren hat ein derartiger Pufferstaat zwischen Sibirien und dem himmlischen Reiche tatsächlich bestanden, das Kalmückenreich, das sich von Lhassa bis zum Baikal und Baikasch, von den Khalchi bis nach Fergana erstreckte. Es ist ein verwünscht gescheiter Gedanke der Japaner, den Wunsch der Wiedererweckung des Kalmückenreiches den noch von Dschingis-Khan träumenden „Bogenspannern des Nordens“ einzuflößen. Als Klienten des Mikados könnten sie gegen den Zaren wie den Himmelssohn verwendet werden.

Seit 1910 ging Japan zwar mit Rußland. Die Freundschaft richtete sich gegen China und Amerika. Also genau wie bei der einst alles zu überschwemmen drohenden Türkei entstehen Bündnisse und Gegenbündnisse. Die große Flut teilt sich und speist Kanäle. Die Überschwemmungswasser werden auf westliche Mühlen geleitet.

Statt das ganze Abendland zu erschüttern, fügt sich Ostasien in die Comity of nations, in den Rahmen des Völkerrechts und der Weltmächte, der Weltindustrie und des Welthandels ein und gliedert sich seinerseits in getrennte Nationen.

Allerneuestens freilich sind die Japaner wieder daran, mit China gegen Rußland zu gehen. Die Gelegenheit, den in Südosteuropa beschäftigten Zaren von der Mongolei abzudrängen, scheint günstig.

Die Rüstungen der Russen an ihrer Westgrenze dauerten bis zum März in unverminderter Kraft fort. Man rechnete, daß bereits 700 000 Mann dm Armeebezirke Warschau unter den Waffen waren. Eigentümlich war dabei wieder einmal die gegenseitige Förderung militärischer Gegner durch die Industrie. Auch gegen die deutsche Grenze sind bedeutsame Maßregeln ergriffen worden. Trotzdem haben wir dem Zarenstaate dreihundert Lastautomohile und 12 000 Wagen preußischer Kohle für Kriegszwecke geliefert. Kein Zweifel: trotz gelegentlicher Entgegnung und Abrüstung verschärft sich die Lage zwischen dem Dreibund und Rußland. Da wäre nun ein Staat, an den man wenig denkt, geeignet, eine Ablenkung zu unseren Gunsten herbeizuführen: China. Der Dreibund sollte mit dem Reich der Mitte Zusammengehen. Den Chinesen ist vor Jahresfrist die Mongolei entrissen worden. Dem äußeren Anschein nach hat sich die Mongolei für unabhängig erklärt; tatsächlich ist sie zu diesem Schritte von Petersburg aus veranlaßt worden. Tatsächlich ist die Mongolei eine Vasallin Rußlands. Nun haben die Chinesen den Verlust ihres Nordterritoriums, das an drei Millionen Geviertkilometer groß ist, sehr schmerzlich empfunden und wollen sich keineswegs darein schicken. Die Erklärung des Geghen von Urga, auch nach seinem Titel „Hutuktu“ genannt, daß er hinfort nicht nur der geistliche, sondern auch der weltliche Herr der Mongolei sein werde, hat, wie die Kundgebung des Dalai-Lama, durch die er sich auch zum weltlichen Herrscher Tibets aufwarf, in Peking nicht nur keine Anerkennung gefunden, sondern sie ist auf ernstlichen Widerstand gestoßen. Sofort nach den beiden Pronunciamentos setzten sich chinesische Truppen gegen Urga und Lhassa in Bewegung. Allein die inneren Unruhen, die noch andauern, haben ein entschiedenes Vorgehn verhindert. Inzwischen ist Urga, das schon zweimal, 1871 und 1900 bis 1902 von russischen und burjatischen Kosaken besetzt war, neuerdings von Soldaten des Zaren eingenommen worden, und in den letzten Wochen haben sich russische Abteilungen gegen Uljassutai, den Hauptplatz der Westmongolei gewandt. Das hat mit Recht den Zorn der Chinesen auf äußerste erregt. Überall im Lande fanden vaterländische Versammlungen statt, der Nationalkrieg gegen Rußland wurde gefordert. Yuanschikai schwankte zuerst. Er ließ einige alJzu laute Patrioten verhaften, und zur selben Zeit gab er dem Amban in Mukden Befehl, zu einem Feldzuge gegen Urga zu rüsten. Schließlich ließ er sich durch die steigende Fülle und Entschiedenheit von Provinzial- wie Residenzkundgebungen bestimmen, tatkräftig in der mongolischen Sache einzuschreiten. Den Russen blieb es nicht verborgen, daß der Schritt sich gegen sie richtete. Es war gerade eine Teilzahlung der Boxerentschädigung fällig; China aber wollte nicht mit Metall herausrücken und bat um Stundung. Da man in Peking das Geld für einen Krieg mit der Mongolei besitze, werde man auch das Geld für die Entschädigung flüssig machen können. Auch schickte Rußland größere Truppenmassen nach der asiatischen Grenze, und noch in letzter Zeit hat es viele polnische Regimenter, dazu einige polnische Offiziere, die in russischen Verbänden dienten, nach dem fernen Osten abgeschoben. Dann brachte es die große chinesische Anleihe von 1200 Millionen Mark zum Scheitern, denn der Einspruch Frankreichs gegen den Abschluß der Anleihe soll auf Betreiben Petersburgs erfolgt sein. In den letzten Tagen hat sich die Spannung weiter verschärft. Yuanschikai bot 40 000 Mann auf, die in diesen Wochen nach der Mongolei marschieren sollen. Außerdem sollen 500000 Mann auf der zweiten Aufmarschldnie bereitgestellt werden. Der Wunsch zum Losschlagen ist also vorhanden.

Es ist durchaus möglich, daß man eine halbe Million Streiter aufbringt, freilich wie am Balkan, wo Irreguläre, Bandenkämpfer und sogar Landsturmleute, die noch nie einen Schuß aus einer Flinte getan haben, in weitestem Umfang Verwendung finden. An richtig ausgebildeten Truppen wird in China kaum mehr als eine Viertelmillion vorhanden sein. Und auch die stehn nicht auf der Höhe europäischer Truppen, was man freilich auch von den Kosacken nicht behaupten wird. Immerhin könnte die Wut eines Nationalkrieges eine Ievee en masse wie zu Zeiten Carnots aus dem Boden stampfen. Jedenfalls arbeitet man auf militärischem Gebiete in China eifrig. Im Sommer und Herbst 1912 sind Kadettenschulen und Kriegsschulen für Offiziere eingerichtet worden. Bemerkenswert ist, daß bei den Militärärzten Deutsch die Hauptsprache ist und daß auch in den Schulen das Deutsche eine hervorragende Stellung einnimmt. Bei den Kadetten lehren zwei deutsche Offiziere, Major Dinkelmann und Major Kleihöffer. Das sind freilich nur Anfänge. Wenn es Mann an Mann geht, müssen die Chinesen es machen wie die alten Germanen, von denen Tacitus rühmend sagt: durch die Schlacht lernen sie fechten. Daß ein Massenaufgebot Chinas auf keinen Fall eine quantite negligeable darstellt, haben die Russen schon 1880 gespürt. Ja, man kann sogar vermuten, daß der chinesische Aufmarsch in der Mongolei Deutschland wesentlich genützt hat. Im Herbst 1879 drohte der Bruch mit Rußland. Bismarck sprach in Gastein von mobilisieren. Er trat ebendort mit Andrassy in Verbindung und verabredete mit ihm den Zweibund, den er dann, dem Grafen Andrassy nach Wien nachreisend, zum Abschluß brachte. Kaiser Wilhelm war so loyal, lebte noch so in der Idee der russischen Freundschaft, daß er es nicht übers Herz brachte, das neue Bündnis vor Alexander II. geheimzuhalten. Nachdem er nicht ohne Mühe vom Fürsten Bismarck die Zustimmung erlangt, setzte er sich mit dem Zaren im November persönlich ins Benehmen. Die Zusammenkunft geschah auf einem Jagdschloß nahe an der ostpreußischen Grenze. Die Urkunden über die dortigen Verhandlungen sind im Briefwechsel Kaiser Wilhelms abgedruckt. Man hätte denken sollen, daß die Vorstellungen des alten Kaisers und die Gefahr, die den Russen von einem geeinigten Mitteleuropa drohte, auf den Zaren Eindruck gemacht hätten. Aber was geschah ? Die Rüstungen wurden russischerseits fortgeführt, und die Truppen wurden an der Grenze gehäuft, als ob gar keine Aussprache zwischen den verwandten Herrschern stattgefunden hätte.

Im Jahre 1871 hatten die Russen das Iligebiet besetzt und trotz allem Einspruch aus Peking behauptet. Die Besetzung hing mit allgemeinen Unruhen in Ostturkestan zusammen, bei denen Jacub Khan die Hauptrolle spielte. Der Usurpator Jacub wurde 1876 ermordet. Das benutzten die Chinesen, um Ostturkestan zurückerobern. Nachdem dort die chinesische Macht wieder vollkommen hergestellt war, verlangte das Tsungli-Yamen, daß die Russen ihr Versprechen einlösten, nach Wiederkehr der Ruhe Ili (das nicht eigentlich zu Turkestan gehört) zurückzugeben. In Petersburg wollte man nicht, ebensowenig wie später die Engländer ihr Versprechen in Ägypten einlösen wollten. Da entschloß sich Li-hungtschang, der ebenso wie heute Yuanschikai zugleich General und Staatsmann war, zu einer umfassenden Mobilisation. Dadurch wurde Rußland genötigt, große Massen nach dem Osten zu werfen. Der rheinische Weltreisende Joest berichtet in seiner Rede durch Sibirien, wie sehr er durch diese Maßregeln in seinem Fortkommen behindert wurde, daß Dutzende von Militärzügen ostwärts dem Ural zurollten. Auf der andern Seite haben wir das Zeugnis des Majors von Bothmer (freilich an einer recht abgelegenen Stelle, in einer Besprechung meiner ,,Geschichte Sabinens“), daß nach seinen Erkundungen — er ist selbst im Tarimbecken gereist — die militärische Stellung der Chinesen bei Kaschgar und Uljassutai so stark war, daß allein daraufhin das Petersburger Kabinett sich zur Rückgabe Ilis entschloß. Aus alledem geht hervor, daß die drohende Haltung Chinas zum Erfolge des Zweibundes (der erst drei Jahre später zum Dreibunde erweitert wurde) in gewissem Maße beitrug. Heute ist die Lage der von 1879/80 außerordentlich1 ähnlich. Auch heute könnte ein Vormarsch der Chinesen die Heere Mitteleuropas teilweise entlasten. Schon längst ist übrigens der Vater der chinesischen Verfassung, Sunyatsen, für ein Bündnis mit Deutschland eingetreten. Nachdem einmal ungeschickt erweise die japanische Freundschaft verpfuscht ist, wäre ein enger Zusammenschluß mit China ohne Zweifel das Gegebene.

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

Siehe auch:
Der deutsche Gedanke in der Welt
Kultur-Europa bei den andern Völkern
Orient und Weltpolitik – die Weltlage
Der Nationalismus in Asien
Orient und Weltpolitik – Der Aufstieg des Balkans
Orient und Weltpolitik – Die Balkanvölker im einzelnen
Die Fragen der asiatischen Türkei

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