Kategorie: Otto Greiner


Unzweifelhaft hat sich die Dresdner Kunst-Ausstellung ein recht bedeutendes, Verdienst dadurch erworben, dass sie noch einmal durch eine geschlossene Vorführung seiner Werke mit allem Nachdruck auf einen jüngeren deutschen Künstler hingewiesen hat, der zwar bei allen wirklichen Kunst-Liebhabern schon immer der grössten Anerkennung sich erfreut, beim grösseren Publikum jedoch wohl kaum schon die Beachtung gefunden hat, die seiner ungewöhnlichen und viel versprechenden Begabung gebührt, doch ihm zur Weiterentwicklung äusserst dienlich werden dürfte: auf Otto Greiner, den feinfühligen Zeichner und Lithographen, jetzt auch der Maler des Odysseus – Bildes im Leipziger Museum.

Sie hat auch Recht daran getan, diesen Hinweis gerade in diesem Augenblick zu unternehmen, da Greiner unzweifelhaft sich auf eine ganz neue, höhere Stufe seiner Kunst gestellt hat, die hoffentlich nun die Hauptbasis seiner ferneren Tätigkeit bleiben wird. Bisher war Greiner, der Lithograph von Haus aus, zu sehr in diesen A nfängen seiner Kunst stehen geblieben. Seine Kunst blieb äusserlich klein, auch nachdem er schon lange den Übergang vom rein Handwerklichen, mit dem der Unbemittelte hat beginnen müssen, zum rein Künstlerischen gefunden hatte, mochte man innerhalb des naturgemäß beschränkten Formats seine Zeichnungen und Lithographien den zu grosser Kunst-Entfaltung geborenen Künstler auch nur zu leicht entdeckt haben.

Erst das grosse Leipziger Bild, »Odysseus und die Sirenen« hat den Künstler aus dieser Beschränkung befreit; er ist zu seinem Gegenteil, zum Monumentalmaler, zum heroischen Künstler geworden, lässt nun erst wirklich ahnen, was die deutsche Kunst von diesem Künstler wird erwarten können. Täuscht hier nicht alles, so wird, wenn diese Begabung mehr Stand hält, also so manche andere jüngere, durch allzu voreilig begeistertes Lob verdorbene Kraft der letzten Zeit, man seine Erwartungen ziemlich hoch hinauf spannen können.

Nicht das Gemälde selber, das Leipzig wohl mehr zu seinem als des Künstlers Nutzen so eifersüchtig behütet, vielmehr nur die überlebensgrossen Studien zu den Hauptgestalten desselben, sind auf der Dresdner Ausstellung zur Aufstellung gelangt. Das erscheint zunächst als ein Schaden, ist es auch insofern, als dem grösseren Publikum dadurch das Verständnis für diese Studien nicht erleichtert wird. Doch dafür stehen diese Studien nach dem Urteil des Künstlers selber künstlerisch höher, als die betreffenden Teile des Bildes, für die sie gemacht sind; ja müssen nach einer inneren Notwendigkeit auch höher stehen als diese. Denn »jede Studie hat, wie Greiner selber erkannt hat, einzeln, wie sie gemacht ist, mehr Leben, als dasselbe Stück im Bilde; das findet sich von Dürer angefangen, bei jedem, der Kompositionen macht.

Das darf auch nicht anders sein, denn im Bilde darf nicht jedes Stückchen für sich renommieren, sondern muss sich im Interesse des Ganzen unterordnen . Und so stellen sie in der Tat wohl das Bedeutendste dar, was Greiner bisher gemacht hat. Ihre Vereinigung auf der Dresdner Ausstellung ist aber auch insofern ein Verdienst, als diese Studien, bereits in Privatbesitz zerstreut, nur von wenigen in ihrer Gesamtheit haben genossen werden können. — In der Tat, Greiners ganzes Können, seine ganz ungewöhnliche Begabung treten in diesen Werken völlig zutage. Zunächst bewahrt sich hier seine ausserordentliche Zeichenbegabung, die schon immer den eigentlichen Reiz seiner früheren Werke ausgemacht hat, auch im grossen; ja die Zeichnung ist es auch hier wieder, die zunächst die Bewunderung auf sich zieht. Die Zeichnung, noch besser gesagt vielleicht, die Linienführung ist bisher Greiners eigentlich künstlerisches Element geblieben.

Es ist charakteristisch, dass Greiner auch als Lithograph, wie auf der Ausstellung wieder das ganz vorzügliche Porträt des Ser Rodolfo zeigt, sich nicht der mehr malerischen Kreidemanier, vielmehr der der Radierung und Federzeichnung sehr nahekommenden Federzeichen-Manier bedient. Diese Zeichnung, das Gefühl für den Kontour, die Kühnheit und doch Sicherheit in der Wiedergabe von Überschneidungen und Verkürzungen, das alles aber erscheint hier so bedeutend, dass wohl kein zweiter deutscher Künstler zur Zeit hierzu in diesem Maße fähig wäre, und ganz eigentümlich berührt es daher, hier einen der begabtesten unserer jüngeren deutschen Künstler gerade nach dieser Richtung hin in so voller Freiheit entwickelt zu sehen, zu einer Zeit, da wir sonst das koloristische Element als das eigentliche Ziel der modernen Malerei zu betrachten pflegten, soeben uns auch noch eine neue Geschichte der »modernen« Malerei beschert worden ist, die nur noch solche Künstler kennt, die hier den extremsten Zielen folgen oder gefolgt sind. Sollte das nicht solchen Ansichten gegenüber ein wenig zur Vorsicht gemahnen?

Die Zeichnung jedoch ist nur eine Ausdrucksweise der Greinerschen Kunst. Inhalt und Triebkraft sind die Begeisterung für schöne Körperlichkeit. Greiner hat die Verehrung für den nackten menschlichen Körper wie sie die Plastiker zu haben pflegen, wie sie aber zu allen Zeiten auch die grossen Maler als den Ausgangspunkt jeder grossen Kunst bezeichnet haben. Ihn entzückt hierbei vor allem die Harmonie dieser zweckmäßigen Gebilde, dann ihr Reichtum in allen seinen Einzelnheiten, die alle ihre Spezial-Aufgaben erfüllen sollen, ja im Aufstöbern dieses Reichtums, in dem äusseren Bioslegen dieser inneren Bildungen kann er sich gar nicht genug tun, und so ruft er die malerischen Mittel seiner Kunst, den Gegensatz von Licht und Schatten zur Hilfe, um alles, was hier sichtbar zu machen ist, auch sichtbar werden zu lassen.

Kunstartikel Otto Greiner

Verzeichnis der Abbildungen unten.





















Bildverzeichnis:

Otto Greiner – Akt mit Maske
Otto Greiner – Aktstudie und Gewandstudie
Otto Greiner – kauernder Akt
Otto Greiner – Kopf einer Römerin
Otto Greiner – nackter Mann
Otto Greiner – römischer Knabenkopf
Otto Greiner – Selbstbildnis
Otto Greiner – Studie Ex Libris
Otto Greiner – Studie Ex Libris II
Otto Greiner – Studie Ex Libris III
Otto Greiner – Studie Ex Libris IV
Otto Greiner – Studie Kind
Otto Greiner – Studie Schlacht bei Weissenburg
Otto Greiner – Studie zum Dantestich
Otto Greiner – Studie zum Gemälde Odysseus und die Sirenen II
Otto Greiner – Studie zum Gemälde Odysseus und die Sirenen
Otto Greiner – Studie zum Gemälde Prometheus
Otto Greiner – Studie zum Steindruck Tänzer
Otto Greiner – Studie zum Stich Hexenschule
Otto Greiner – weiblicher Akt
Otto Greiner – Wurmbad zu München

Siehe auch:
Ausstellung der Vereinigung Bildender Künstler Österreichs XXXIX.
Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Österreichs Secession Wien XIV.
Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Österreichs Secession Wien XXXV.
Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Österreichs Secession Wien LII.
Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Österreichs Secession Wien XLV.
Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Österreichs Secession Wien XXV.
Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Österreichs Secession Wien XXII.
Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Österreichs Secession Wien XXXVIII.
Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Österreichs Secession Wien XLVIII.
Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Österreichs Secession Wien XLIII.
Ausstellung Ivan Meštrovic (Vereinigung bildender Künstler Österreichs Secession)

Kunstdrucke Otto Greiner