Jakob und Rahel


Dieses äußerst sympathische und farbenkräftige Bild gehört in die große Klasse der für die Venezianer charakteristischen Figurenlandschaften. So malten sie Giorgione und die Eonifazi, so noch zuletzt mit handwerksmäßiger Verflachung die Mitglieder der Familie da Ponte aus Bassano. Die Figur bedeutet auf solchen Bildern immer etwas mehr als eine Staffage, wenn sie auch nicht allemal so hervortritt, wie auf diesem, und die Landschaft ist immer mehr als bloß Hintergrund. Hier haben wir lombardisches Bergland mit vielen Plänen, mit bewaldeten Hügeln und Ortschaften. Wir lassen unsere Blicke darin umherschweifen. Alles ladet zum Verweilen ein. Vorne rechts führt der Weg zu einer Kirche hinan, die ganz oben zwischen Bäumen liegt, wie über so mancher Stadt in Italien, und oben gehen allerlei Menschen, darunter auch ein Eseltreiber. In diese Szenerie nun ist die Begegnung Jakobs mit Rahel gesetzt. Das Tal ist ganz von Herden erfüllt, die nicht bloß aus Schafen bestehen, wie in der biblischen Erzählung. Zwei kräftige Lombarden in bäurischer Tracht stellen die Hirten dar. Die Hauptpersonen sind feiner gekleidet. Daß diese Rahel ihre Schafe selbst hergetrieben, und daß sie sie hätte tränken können, dieses Wirklichkeitsmoment der Erzählung ist vom Künstler aufgegeben. Er hat nur die Begrüßung mit einem Kuß festgehalten und daraus eine graziöse und menschlich ansprechende Gruppe gewonnen. Sein Realismus ist eben der eines venezianischen Gesellschaftsbildes von ländlichem Charakter, eines Idylls. In städtischer Umgebung und bei vornehmeren Personen würde er auch die volle venezianische Kleiderpracht haben wirken lassen. Daß endlich die Figuren nicht sehr individuell und wenig belebt sind, gehört mit zum Charakter dieser Kunst, von der man ja sagt, daß sie außer dem Porträt hauptsächlich Gattungsbilder schaffte. — Unser Bild wurde vor t753 aus der Casa Malipiero in Venedig erworben und galt damals und noch viel später als ein Giorgione, woran heute keiner mehr denken würde. Vorne auf dem Sack sind später die Buchstaben G. B. F. aufgemalt, die möglicherweise Giovanni Busi, einen bekannten Nachahmer Giorgiones, bezeichnen sollten. Der hat aber niemals auf diese Weise signiert. Seither hat man auf Palma Vecchio geraten, an den der Typus der Rahel erinnern kann, im übrigen aber nichts. Das Wahrscheinlichste bleibt immer noch, an Palmas Hauptschüler zu denken, Bonifazio di Pitati aus Verona, der schon 1505 nach Venedig kam und dort farbenreiche, große Historien gemalt hat, deren sich noch eine ganze Reihe in der dortigen Akademie befindet.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Dresdner Galerie PALMA VECCHIO 1480-1528