Die Hochzeit zu Kana


Einst bildete diese farbenstrahlende Leinwand zusammen mit drei anderen grossen Breitbildern: der Madonna mit der Familie Cuccina, einer Anbetung der Könige und einer Kreuztragung (diese ist in der Hauptsache Werkstattarbeit) den Schmuck des Palastes Cuccina in Venedig, die ganze Folge kam 1645 in die Sammlung des Herzogs von Modena und mit dieser 1746 in die Dresdner Galerie. — Was den Gegenstand unseres Bildes betrifft, so hatte man in Italien im fünfzehnten Jahrhundert zur Wanddekoration der klösterlichen Speisesäle oft das Abendmahl des Herrn verwendet, im sechzehnten hörte das allmählich auf, und an Werken bedeutender Maler besitzen wir noch von Andrea del Sarto und von Tintoretto Abendmahlsdarstellungen. Dafür verbreiteten lieh nun von Venedig aus über Oberitalien die weltlicher gestimmten Gastmähler des Simon oder des Levi, die Hochzeitsfeier zu Kana und, wenn man intimere Wirkungen geben wollte, das Beisammensein in Emmaus, und alle diese haben sich in mehrfachen Darstellungen von der Hand Paolos erhalten, der darin der grösste Meister geworden ist. Wie bei dem Abendmahl des Herrn jedermann an Leonardo da Vinci erinnert wird, so ist Paolo Veronese der Gastmahlsmaler par excellence geworden. Da konnte sich seine Freude an heiterem Lebensgenuss und festlichem Glanz, an Musik und der strahlenden Pracht farbiger Gewänder und kostbaren Tafelgeräts ergehen; das zu keiner Zeit gross gewesene geistige Bedürfnis der vornehmen venezianischen Gesellschaft und das Niveau ihrer Unterhaltung bezeichnen jetzt die Zwerge und Mohrenknaben, die teilnehmen dürfen, und die mit anwesenden Hunde, Katzen und Affen. Als Wandbilder, die Fresken ersetzen sollen, sind diese Gemälde dekorativ gehalten, das heisst flächenmässig mit in die Breite gezogener Komposition ohne starke perspektivische Verschiebungen und ohne tiefe Hintergründe, wie denn auch Paolos herrliche Architekturen gewöhnlich nur leicht angelegt sind. Sein Christus ist immer unbedeutend, die andern Figuren haben ihre zufällige Modell Wahrheit, daneben aber werden noch bestimmte Menschen der Gegenwart als volle Persönlichkeiten eingeführt. Auf der grossartigeren und auch viel grösseren „Hochzeit zu Kana*‘ im Louvre, die für einen Klosterspeisesaal in Venedig gemalt war, finden wir unter den Gasten fürstliche Personen der Zeit und als Musikanten die Künstlerschaft Venedigs mit dem damals (1563) noch lebenden Tizian an der Spitze. Unser Dresdener Bild lässt uns Glieder der Familie Cuccina leicht an ihrer hervortretenöen Haltung erkennen: zunächst den stattlichen Herrn im orangegelben Kleid mit dem Schalenglas in der ausgestreckten Hand und die alte Dame im Lehnstuhl neben ihm, dann den jüngeren Mann hinter ihm, der das Glas kostend an die Lippen setzt, endlich die vom Rücken gesehene junge Frau im weissseidenen Kleide ganz links, die ihr Gesicht zu uns umwendet, Diese Mittel der Belebung geben Paolos Kunst ihre Frische, das Ungezwungene und Natürliche ihrer nicht tief gegründeten, aber immer gefälligen und anziehenden Erscheinung.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Dresdner Galerie PAOLO VERONESE 1528-1588

 

 

Die sterbende Kleopatra


Früher galt diese Kleopatra als Werk des Tizian, doch schrieben die berühmten Geschichtsschreiber der italienischen Malerei» Crowe und Cavalcaselle, es später dem Cesare Vecelll zu, was indes unverständlich ist, da man keine Leistung dieses mäßig begabten Verwandten Tizians kennt, die sich entfernt mit der vorliegenden messen könnte. Weit näher ist Wilhelm Bode offenbar der Wahrheit gekommen, als er dieses schöne Werk dem Paolo Veronese zuschrieb, allein ganz zweifellos und unanfechtbar erscheint auch diese Attribution nicht. Wir werden uns» wie bei manchem anderen rätselhaften Bild, so auch bei diesem bescheiden müssen, die ungefähre Richtung anzugeben, in der sein Ursprung zu suchen ist. Das Fesselndste an ihm ist der wundervoll verkürzte, edle Kopf» über dem die sanft beglückende Ruhe des Schlummers zu liegen scheint. Aber ist das einer Kleopatra angemessen, die entweder noch im Kampfe mit dem Gift der Schlange liegt oder durch den Biß schon vom ^ode umnachtet ist? Im gewöhnlichen Verstände nicht» denn man erwartet in diesem Falle schmerzvolle, vom Todeskampf entstellte Züge, und weil diese in dem Bilde fehlen, hat in vergangenen Tagen eine unberufene Hand die Schlange zu eliminieren und aus der Dargestellten eine in Schlaf verfallene, verlassene Ariadne auf Naxos zu machen gesucht. Da die vertiefte Spur der Schlange aber beim besten Willen nicht ganz zu beseitigen war und zum Verräter wurde» so mußte es eben schließlich bei dem angeschlagenen Thema „Kleopatra“ sein Bewenden haben. Und weshalb soll der Künstler sich nicht erlauben dürfen, den sonst grimmen und gefürchteten ’od in dieser versöhnenden Weise aufzufassen? Stellt ihn doch schon die Antike als Bruder des Schlafes dar. Und so sehen wir die unglückliche ägyptische Königin vor uns, nicht als ein Opfer körperlicher und seelischer Leiden, wie es nach ihrem Schicksal zu erwarten wäre, sondern als ein Bild inneren Friedens und ausgeglichener Schmerzensüberwindung, dessen ergreifende Schönheit in dem oben schon charakterisierten Kopfe gipfelt. Harmonisch schließt sich diesem durchgeistigtsten Teile des Bildes in malerischer Hinsicht die entblößte Brust der schönen Schläferin an. Ob der Maler wohlgetan» auch ihren etwas stark entwickelten Leib und die dicken Arme unbekleidet zu zeigen, möge dahingestellt bleiben. Sie sind allerdings durch eine unglückliche Restauration noch unförmlicher geworden, als sie ursprünglich waren, aber die Tatsache, daß diese Teile des sonst in Auffassung und koloristischer Durchführung so noblen Gemäldes etwas weniger befriedigend ausgefallen sind» als die oberen Partieen» mag in dem Umstand seine Erklärung finden, daß sich vermutlich der Künstler etwas zu streng an ein Modell gehalten hat» das Im Kopf noch jung geblieben, im Körper aber schon etwas matronenhaft geworden war.

Aus dem Buch “Album der Casseler Galerie” von 1907.

FLORENTINISCHE SCHULE PAOLO VERONESE 1528-1588