Gebroren Enkhuizen 1625, Gestorben zu Amsterdam 1654.
Holländische Schule

In der „Farm“ des Rijks Museum zu Amsterdam — so sollte der Titel des Bildes sein, während es unter dem Namen „die Kuh, die sich spiegelt“, nach der auffallenden Kuh im Vordergründe, berühmt geworden ist — erscheint Potter ganz in seinem Fahrwasser. Ein herrlicher, warmer Sommertag hat Menschen und Tiere in das Freie gelockt. An einem Teich vor der Farm lagert das Vieh bunt durcheinander unter dem Schatten der Bäume; ein paar Kühe sind in das Wasser getreten, dessen stille, dunkle Fläche sie in voller Körperlichkeit wiederspiegelt. Neben ihnen baden junge Burschen, während andere im Mittelgründe sich wieder anziehen. In der Ferne, die den Ausblick über weite, sonnige Weiden bietet, sehen wir eine sechsspännige Karosse auf ein Landhaus zufahren, das mit seinen Wirtschaftsgebäuden hinter Bäumen halb versteckt ist. Ein vornehmer holländischer Herr hat Potters Kunst benutzt, um seinen Sommersitz und seine Freude an der Land- und Viehwirtschaft durch ihn verewigen zu lassen. Er hatte Kunstverständnis und Geschmack genug, um sich selbst nur ganz bescheiden im Hintergründe anbringen zu lassen, den Tieren aber den Hauptplatz einzuräumen. Die behagliche Ruhe, die aus dem meisterhaft beobachteten Tiere spricht, lagert über dem ganzen Bilde, das auch in der sonnigen Landschaft und in der Zusammengruppierung reicher und geschickter, einheitlicher in der Wirkung ist als die meisten Gemälde des Künstlers. Leider ist es aber in der Färbung etwas kalt und schwer, wohl weil man es einmal zu scharf geputzt hat.

PAUL POTTER 1625-1654

Gebroren Enkhuizen 1625, Gestorben zu Amsterdam 1654.
Holländische Schule

Wie im Rijksmuseum zu Amsterdam die „Nachtwache“ das berühmteste Bild ist und als Meisterwerk Rembrandts gilt, so ist in der Galerie des Haag, im sogen. Mauritshuis, der „junge Stier“ von Paulus Potter das populärste Bild, das herkömmlich als das Hauptwerk dieses „Raffael unter den Tiermalern“ bewundert wird. Aber wie man der „Nachtwache“ neuerdings diese Stellung an der Spitze aller Werke des Grossmeisters der holländischen Schule abgestritten hat, so darf auch der „Stier“, und zwar mit mehr Recht, als sehr überschätzt bezeichnet werden. Die Komposition ist ungeschickt, die landschaftliche Feme steht zum Vordergründe in falschem Verhältnis, die Durchführung ist für den Umfang gar zu sorgfältig, vor allem ist aber der Massstab verfehlt: um diese grossen Tiere in Lebensgrösse uns vorzuführen, sind sie uns doch nicht interessant genug. Was das Bild trotzdem so populär macht, ist die unübertroffene und unübertreffliche Treue in der Wiedergabe der Tiere, im Fell und in der Farbe, in ihrer Haltung und Bewegung, vor allem in ihrem Charakter, ihrer vollen Viehmässigkeit! Potter hat sich die Haustiere so angesehen, hat sich in ihr Leben, ihre Physiognomien so einstudiert, dass er, wie der Hirt, unter Tausenden von Tieren das einzelne herauserkennt und es uns sogar in seinen Bildern herauserkennen lässt. Es ist unmöglich, die Individualität der Tiere treuer wiederzugeben! Potter hat sich so sehr in die Tiere hineingelebt, dass er seinen menschlichen Gestalten, die er regelmässig nur als Nebensache auf seinen Bildern anbringt, einen entschieden tierischen Anstrich gibt, während fast alle andern Maler ihren Tieren unbewusst einen mehr oder weniger starken anthropomorphen Ausdruck geben. Dabei haben die Tiere auf Potters Bildern, was den Reiz derselben noch erhöht, jenen charakteristischen Ausdruck vollen Behagens. Der Künstler kommt im „Stier“ der Haager Galerie, ja kommt in fast allen seinen Bildern nicht über eine meist wenig geschickte Anhäufung von Studien hinaus, aber sie sind als solche von einer Wahrheit und Feinheit der Beobachtung, von einem Ernst und einer Ehrlichkeit in der Wiedergabe, dass sie in der Tat die Bewunderung verdienen, die dem Künstler zu allen Zeiten zuteil geworden ist.

PAUL POTTER 1625-1654

Unter den Meisterwerken des Paulus Potter sind verschiedene, die er nach den Daten mit neunzehn und zwanzig Jahren malte, andere, die erst kurz vor seinem Tode entstanden. Sie sind unter sich keineswegs wesent* ieden, wie wir es sonst bei zeitlich auseinanderliegenden Werken anderer Künstler beobachten, Die Qualität der Gemälde Potters läßt sich daher nicht wie bei den meisten holländischen Kleinmeistern schon äußerlich danach bestimmen, ob sie seiner früheren oder späteren Zeit angehören — kann man doch bei dem Manne, der nach kaum vollendetem achtundzwanzigsten Jahre einer tückischen Krankheit erlag, von einer Entwickelung nur in beschränktem Sinne sprechen —, sondern die Güte seiner Werke bestimmt sich fast nur danach, wie der Künstler grade disponiert war, und ob die Motive der Anlage des Meisters entsprachen oder nicht. Völlig mißglückt sind seine großen Jugendstücke, wie die Bärenjagd des Rijksmuseums und die Sauhatz der Sammlung Carstanjen in Berlin; und auch noch die Werke großen Formates aus späterer Zeit, wie das Reiterporträt des Dirk Tulp in der Sammlung Six und die Pferdestudie bei Herrn Weber in Hamburg gehören gewiß nicht zu seinen besseren Leistungen. Sie sind ungeschickt in der Bewegung, ohne Leben, hart und kleinlich in der Behandlung. So wenig wie diese ihm von den holländischen Kunstfreunden aufgezwungenen, aber gewiß am besten bezahlten Kolossalgemälde befriedigen, so wenig erfreuen die meisten der kleinen Pferdeporträts, die der Künstler um des Unterhaltes willen für die reichen Mynheers nach ihren Lieblingsfieren malen mußte, Bilder, die sich jetzt meist im Privatbesitz befinden (in den Museen wohl das beste im Louvre, ein anderes in der Galerie zu Schwerin). Die Formen der Pferde — es handelt sich um eine schwere spanische Rasse — sagen dem modernen Geschmack wenig zu; die Farbe der meist eigentümlich gefleckten Schimmel ist für eine malerische Wirkung ungünstig. Dazu sind die Tiere in nüchterner Paradestellung in eine Landschaft gestellt, die, wie es scheint, meist aus dem Kopf gemalt ist.

In anderen gleichfalls wenig zahlreichen Bildern, in denen die Figuren neben den Tieren einen so bedeutenden Platz einnehmen, daß die Gemälde genrehaft wirken, wetteifert der Künstler mit Philips Wouwermans. Doch sind die Kompositionen weit einfacher wie bei diesem. Sie beschränken sich auf zwei oder drei Figuren und wenige Tiere mit einem kleinen Ausschnitt aus der holländischen Landschaft: ein Reiter, der sich an einer Kneipe einen Trunk reichen läßt, Pferde, die in die Schwemme geritten, oder die vor der Schmiede beschlagen werden, eine Viehmagd beim Melken, die sich zudringlicher Hirten erwehrt, und ähnliche Vorwürfe mehr. Diese Motive sind schlicht, oft derb naturalistisch, ohne viel Phantasie oder Nachdenken über die Komposition wiedergegeben. Sein Bestes leistet Potter aber im einfachen Tierbild, nur hier ist er wirklich Meister, ist er unübertroffen. Draußen auf dem Lande fühlte er sich wohl, in den Weiden der Marschen war seine Heimat.

Wir hören von verschiedenen Lehrern, die er gehabt hat, und können ihren Einflüssen in ein paar ganz frühen Jugendwerken noch nachspüren, aber seine einzige große Lehrmeisterin war die Natur» Auf den Wiesen seiner Heimat, zwischen dem Vieh, das ihn auf allen Seiten umgab, lag er seinen Studien ob, mit vollster Begeisterung für diese Natur, mit offenem Auge und einfachem, nüchternem Sinne. Fehlt es ihm an jeder Phantasie, so ersetzt er diesen Mangel durch Ehrlichkeit und Tiefe der Empfindung, unermüdlichen Fleiß und Gründlichkeit, durch Gewissenhaftigkeit und Treue in der Wiedergabe von allem, was er mit seinem einzig scharfen Blick beobachtete. Durch diese Eigenschaften wurde aus dem ungeschickten, ängstlichen Handlanger, wie er aus der Werkstatt des Nicolaes Moeyaert hervorgegangen war, der größte Meister in der Darstellung des Tierlebens, und das in einem Alter, wo andere Künstler ihre Lehrzeit kaum hinter sich zu haben pflegen.

Potter besaß von Haus aus keine auf besonders malerische Wiedergabe gerichtete Anlage. Auch seine Lehrer hatten ihm von den Geheimnissen dieser Kunst nicht viel beigebracht. Er hat nur wenige koloristische Meisterwerke geschaffen; seine Bilder sind einfache Ausschnitte aus der Natur, wenig durchdacht im Aufbau, gelegentlich, namentlich in der frühen Zeit, sind sie sogar ungeschickt und nüchtern zusammengestellte Einzelstudien. Seine Studien nach der Natur sind von einer mikroskopischen Präzision. Mit dieser übertriebenen Vertiefung in die Einzelheiten hängt die Beschränktheit wie die Größe seiner Kunst zusammen. Auch in den Bildern von kolossalem Umfang bleibt er der Kleinmaler und erscheint sogar kleinlich, in seinen miniaturartigen Bildchen ist er dagegen groß und gelegentlich sogar großartig. Wo er eine Menge Einzelheiten als Ganzes erfassen, einander über- und unterordnen muß, reicht sein Talent nur selten aus, wo er aber eine Vielheit gleichwertiger Einzelheiten wiedergeben kann, ist er unübertroffen.

Seine Gründlichkeit führt den Künstler auch in der Zeichnung und im Farbenauftrag zu einer trockenen und oft selbst peniblen Durchführung, bei der die Bedeutung der einzelnen Teile nicht erkannt, das Nebensächliche mit dem Hauptsächlichen gleich behandelt ist. Der Vordergrund besteht meist aus ein paar wenig geschickt zusammengestellten Studien von großen Pflanzen, einem Baumstumpf, einem abgestorbenen Baum und dergleichen, während der Mittelgrund fast ganz zu fehlen pflegt. Der fast gleichmäßig deckende, sorgfältige Farbenauftrag wirkt in manchen Bildern einförmig und nüchtern; aber andererseits erhöht der Künstler dadurch den Eindruck des naiv Geschauten in der Wiedergabe der Natur. Potter steht darin den großen primitiven Meistern der Niederlande nahe, vor allem Jan van Eyck. Wie diese, so entdeckt auch er die Natur aus sich heraus, sucht er unvoreingenommen mit größter Anstrengung das, was sein scharfes Auge sieht, nach dem ganzen Umfang der Erscheinung aufs genaueste wiederzugeben. Als bevorzugtes Stoffgebiet wählt er die Tiere, die Haustiere, die durch Sommer und Winter die Weiden der flachen Niederlande beleben. Ihnen gilt seine ganze Kunst, sein unermüdliches Studium. Zwischen den ruhig weidenden Herden von Kühen, Pferden und Schafen hat er sein Leben verbracht, ihre Formen, ihr Wesen hat er aufs gewissenhafteste studiert, mit größter Liebe sich in die Tierseele vertieft und das Geschaute mit unermüdlichem Fleiß und einziger Treue wiedergegeben. Bei der unerreichten Wahrheit in der Schilderung des Tierlebens, die keine Nebenabsicht aufkommen läßt, auf Jede besondere Stimmung verzichtet, erscheinen Potters Tierbilder als das vollendetste, was die Kunst in der Darstellung der Haustiere geleistet hat. Den Bau seiner Vierfüßler gibt er trotz gelegentlicher Fehler in der Zeichnung, welche seine geringen Kenntnisse der Anatomie beweisen, mit derselben Meisterschaft, mit der die griechischen Bildhauer menschliche Körper bildeten. Grade wie die Griechen, deren Ärzte darüber stritten, wie viele Rippen der Mensch habe, geht er nicht von der Anatomie aus, sondern bildet nur nach, was er in der Natur vor Augen sieht. Das Stoffliche, das Fell der Tiere ist mit allen Zufälligkeiten der Form und der Farbe nachmodelliert. Aus der Oberfläche dringt der Künstler in das Innere der Tiere, schildert sie in ihrem Phlegma, in ihrer behaglichen Existenz, ihrem friedlichen Beisammenleben, und bringt dabei das einzelne Individuum porträtartig zur Geltung. Potter ist so vollständig vertraut mit den Haustieren, daß er wie der Hirt jedes Stück der Herde an seiner Physiognomie erkennt und dieses in seiner ganzen Individualität wiedergibt. Ja, er ist so sehr Bildnismaler der Tiere, daß er nicht nur frei ist von jedem Anthropomorphismus, sondern in das Gegenteil verfällt, indem er bei der Darstellung seiner Menschen von Zoomorphismus nicht frei erscheint. Seine Burschen wie seine Mädchen und noch stärker die Kinder sind derb und schwerfällig von Gestalt, haben große Ramsnasen, kleine Augen und breite Münder und verraten in ihrem Wesen und Benehmen das stete Zusammenleben mit dem Vieh; auch haben sie das gutmütige Phlegma ihrer Schutzbefohlenen und passen trefflich in die Darstellung der Tiere. Während Cuyp und Adriaen van de Velde, die ihm in der Schilderung der Haustiere nahekommen, gern den vornehmen Besitzer mit seiner Familie bei seiner Herde anbringen, deutet Potter auf den reichen Besteller höchstens dadurch, daß er eine Equipage, einen Reiter oder ein lustwandelndes Ehepaar in der Ferne sehen läßt. In dem bekannten Bild »Aufbruch zur Jagd«, in der Berliner Galerie, sehen wir im Vordergrund zwischen den Bäumen der Allee des Bosch im Haag die Meute des Fürsten und eine Herde, die ihr begegnet, während der Fürst nur durch die sechsspännige Equipage in der Feme angedeutet ist.

Das wohlige Behagen, das die Tiere in Potters Bildern atmen, kommt auch in der Landschaft zum Ausdruck. So einfach, so wenig geschickt oder gar pikant sie im Aufbau und in der Inszenierung zu sein pflegt, so fein ist sie in den Einzelheiten, so sonnig und harmonisch in der Stimmung, Sie ist nicht durchdrungen von dem vollen warmen Sonnenschein des heißblütigen Cuyp, auch belebt sie nicht das zarte Spie! von Sonnenlicht und Schatten, wie die Landschaften des empfindsamen Adriaen van de Velde, sondern ein gleichmäßiges kühles, helles Tageslicht breitet sich über die Weiden aus als getreuer Ausdruck der phlegmatischen Empfindung ihrer vierfüßigen Bewohner und der ruhigen Stimmung des Künstlers. Nur ausnahmsweise gibt der Künstler eine andere Beleuchtung. In dem berühmten großen »Stier« im Haag zieht sich über der reich belebten Ferne, die das beste im Bilde ist, ein Wetter zusammen; in den »Pferden am Schuppen« im Louvre verfinstert eine dunkle Wolke die Landschaft, und in den »Schweinen im Sturm« in der Brüsseler Galerie beugen sich vor dem anbrechenden Gewittersturm die hohen Bäume, unter denen eine Herde Schweine erschreckt Schutz sucht. In diesen beiden letztgenannten kleinen Gemälden, die auch bildmäßig über seinen meisten Werken stehen und durch feines Helldunkel und geschickte malerische Behandlung hervorragen, spricht sich eine ernste, melancholische Stimmung aus, die an die Gemälde eines Jacob Ruisdael erinnert. Sollten sie unter den Eindrücken der zehrenden Krankheit, welcher der Künstler in jungen Jahren erlag, entstanden sein? sollten sie der Ausdruck einer trüben Todesahnung sein? So möchten wir urteilen nach unserer modernen Empfindung und unter dem Eindruck des sympathischen Bildes, das B. van der Heist vom Künstler in den letzten Wochen seines Lebens malte. Aber der einfachen Natur des Künstlers, seiner rein sachlichen Empfindungsweise lagen solche Stimmungen wohl fern.

Wir haben eingangs bemerkt, daß bei der kurzen Lebenszeit Potters von einer künstlerischen Entwickelung kaum die Rede sein kann. In der Tat gehören die eben erwähnten kleinen stimmungsvollen Landschaftsbilder seiner mittleren und nicht seiner späten Zeit an. Ein kleines Meisterwerk wie das heimkehrende Vieh am Bauernhaus in der Galerie des Herzogs von Arenberg, eines der letzten Bilder des Künstlers (1653), erscheint wiederum wie ein Gegenstück zu dem köstlichen ähnlichen Bildchen in der Pinakothek zu München, das in früheren Jahren entstand (1646), während verschiedene Bilder mit weidendem Vieh in den Galerien zu Kassel, Turin, im Louvre und so fort, die aus den verschiedensten Jahren stammen (zwischen 1644 und 1652), in Komposition, Ton und Behandlung sich außerordentlich ähnlich sind. Es gibt aber doch eigentliche Jugendbilder, die von seinen bekannten Werken so wesentlich abweichen, daß sie bis vor kurzem unbeachtet geblieben oder für falsch erklärt worden sind. Sie sind zwar noch keineswegs Meisterwerke, aber doch von Interesse, nicht nur, weil sie uns die frühe Reife des Künstlers und seinen außerordentlichen Fleiß bezeugen, sondern vor allem, weil wir aus ihnen sehen, wie wenig er seinen Lehrern verdankte, und wie früh er schon seinen eigenen Weg beschrift. Es sind schon sämtlich Viehstücke, nur freilich mit biblischem Motiv. Wie er später den Orpheus als Vorwand zu einem solchen Bilde nahm, so machte er schon 1642 bei dem »Einzug Abrahams in Kanaan«, einem Werk, das aus der Sammlung Hoch in das Germanische Museum in Nürnberg gekommen ist, die Herden zum Mittelpunkt der Darstellung. Die Figuren sind noch steif und konventionell und verraten, wie die Landschaft, den Einfluß von Moeyaert, den man wohl mit Recht neben dem Vater des Künstlers, Pieter Potter, als seinen ersten Lehrer ansieht. Aber einzelne Tiere sind schon recht tüchtig und die trockene Malweise und die helle Farbengebung sind, wenn auch noch knabenhaft ungeschult, doch im wesentlichen die gleichen, wie in späterer Zeit, in der sich der Künstler zu größerer Freiheit und Mannigfaltigkeit herausarbeitete. Ganz ähnliche Bilder, sämtlich mit Vieh in der Landschaft, besitzen die Pinakothek zu München und mehrere Privatsammlungen, darunter das eine früher in der Sammlung Felix in Leipzig, das andere in der Sammlung Perkins versteigert, schon aus dem Jahre 1640, also vom Künstler in seinem vierzehnten Jahre gemalt. Den gleichen Charakter haben ein paar frühe Zeichnungen, die gleichfalls bis in das Jahr 1640 zurückgehen und auch wie die ältesten Bilder an ungeschickter Anordnung, Überfüllung und schwacher Zeichnung leiden. In anderen Werken der frühen Zeit, einfachen Studien einzelner Tiere, zeigt der Künstler dagegen sein eigentümliches Talent schon in einem für sein Alter ganz ungewöhnlichen Maße. Eine gewisse Ungeschicklichkeit, eine manuelle Schwerfälligkeit bleiben Potter auch später eigen, aber seine Ehrlichkeit und Naivität versöhnen uns mit diesen Schwächen. Die Unvollkommenheiten sind die rauhe Schale, die den köstlichen Kern umschließt; sie gehören unzertrennlich zu der Eigenart dieses Genius, der zum Ruhm der holländischen Kunst so viel beigetragen hat, wie nur wenige neben ihm.

Aus dem Buch: Rembrandt und seine Zeitgenossen : Charakterbilder der grossen Meister der holländischen und flämischen Malerschule im siebzehnten Jahrhundert. Bucherscheinung im Jahr 1906.

Siehe auch: Rembrandt und seine Zeitgenossen Teil 1, Rembrandt und seine Zeitgenossen Teil 2, Holländische Genremaler unter dem Einfluss von Rembrandt, Das Holländische Sittenbild, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine Zeitgenossen – HERCULES SEGERS, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN VAN GOYEN UND SALOMON VAN RUYSDAEL, Rembrandt und seine Zeitgenossen – MEINDERT HOBBEMA, Rembrandt und seine Zeitgenossen – ARNOUD VAN DER NEER, Rembrandt und seine Zeitgenossen – AELBERT CUYP.

PAUL POTTER 1625-1654 Rembrandt und seine Zeitgenossen

 

 

Kühe auf der Weide


Potter war zehn Jahre älter als Adriaen van de Velde und als Tiermaler sein Vorgänger. Er selbst war keines einzelnen, bestimmten Meisters Schüler, und in der schlichten Naturtreue, die ihn auszeichnet, steht er auf seinem Gebiete ganz auf eigenen Füssen und ohne Nebenbuhler. Sein Stoffkreis ist nicht weit. Aber seine Auffassung, sicher, klar und lebendig, entfernt von jeder Phrase oder Manier, gibt ihm seine Stelle unmittelbar neben den grössten Malern äusserlich viel bedeutenderer Gegenstände, einem Rembrandt, Frans Hals und Ruisdael. Er war brustkrank und starb als Neunundzwanzigjähriger» gemalt hat er nur elf Jahre (seit 1643) unter stetem Wechsel des Aufenthalts und in dürftigen Lebensverhältnissen, in Amsterdam» Delft, im Haag und zuletzt wieder in Amsterdam» und dabei hat er weit über hundert Bilder hinterlassen, alle sorgfältig, die meisten bis zur äussersten Vollkommenheit durchgeführt. Sie sind in der Regel in kleinem Massstabe gehalten, die Umrisse haarscharf, die Formen klar bei vorwiegend kühler Beleuchtung und frischer Lokalfärbung, die Formate der Tafeln mit feinem künstlerischen Gefühl je nach den Gegenständen bestimmt. Alles ist aus der Nähe oder wie mit weitsichtigen Augen gesehen, nichts unbestimmt oder verschwimmend» kein künstliches Lichtspiel} eine Wirklichkeitsdarstellung, in der für die Phantasie kein Spielraum bleibt. Keine Poesie also, wofern nicht das Gefallen an der einfachen Natur poetische Eindrücke geben kann, dafür aber auch keine unechte Sentimentalität. — Seine Bilder, die in deutschen Sammlungen nur vereinzelt Vorkommen, zerfallen in zwei Klassen. Es sind entweder Landschaften mit Tierstaffage oder Tierbilder mit landschaftlichem Hintergrund (die Darstellung der menschlichen Figur ist Potters schwache Seite), und diese letzteren sind seine höchste Leistung. Hierin ist er unbestritten der einzige in seiner Art; in der Staffagelandschaft könnten es andere mit ihm aufnehmen, z. B. Wouwerman, Adriaen van de Velde oder Karel du Jardin. — Unser Kasseler Bild von 1648, das beste in einer deutschen Sammlung, gehört zu der zweiten Klasse. Die Hauptfigur ist die in leicht verkürzter Silhouette prächtig vor die freie Luft gestellte schwarzweisse Kuh, die auch mit ihrer Farbe dominiert. Ihr Raumbild wiederholt sich in der Form der in die Breite gehenden Tafel. Sie allein hält der rechts zusammengedrängten Gruppe das Gegengewicht. Leichtbelaubte Frühlingsbäume, grüne Weide» deren Grashalme man zählen zu können meint, und dahinter der weite Himmel mit seinem kühlen Wolkenduft, das ist Paul Potters Heimatland, wie wir es heute noch wiederfinden können, unverändert, indessen die Kunst seiner Landsleute längst andere Wege eingeschlagen hat.

Aus dem Buch “Album der Casseler Galerie” von 1907.

Kasseler Galerie PAUL POTTER 1625-1654