MAN rühmt es an alten und ehrwürdigen Kunststätten als einen besonderen Vorzug, wenn sie ihre Denkmäler nicht nur in Sammlungen aufbewahrt, sondern auch, sei es in Kirchen oder Palästen, sei es unter freiem Himmel, an den Stellen erhalten zeigen, für welche dieselben ursprünglich geschaffen sind. Solcher Städte, die an sich eine Art von Kunstmuseen bilden, wird man im Süden unter günstigeren klimatischen Verhältnissen mehr als bei uns zu Lande finden, und Florenz wäre etwa als die Krone unter ihnen allen zu bezeichnen, der weder andere, noch auch wir etwas an die Seite zu setzen vermöchten. Oder wenn wir auf deutschem Boden einen Ort nennen sollten, der wenigstens einige Analogie darböte, so wäre nur an einen zu denken: Nürnberg. Allerdings sind an dem künstlerischen Gesamtbilde von Florenz alle Künste beteiligt; was in der deutschen Reichsstadt von ehedem die Sinne am meisten anspricht, sind ihre Bauten und die plastischen Werke, welche diese schmücken. Und wenn schon in einigen andern der alten Vororte des Reiches wie Strassburg, Ulm oder Köln die mittelalterliche Bauthätigkeit Werke hervorgebracht hat, deren imponierende Grösse und Schönheit die Nürnberger Architektur überflügelt, so kann doch keiner von allen eine ähnliche Fülle der edelsten Bildhauerwerke aufweisen, wie sie Nürnberg aus der Zeit des späteren Mittelalters und der Renaissanceperiode bewahrt hat.

Drei Künstler sind es, welche sich in den Vorzug, diese reiche und prächtige Bilderwelt geschaffen zu haben, teilen: Adam Krafft, Veit Stoss und Peter Vischer. Es ist zwar in früheren Jahrzehnten, als man von einer durch historische Kritik geleiteten Kunstbeschauung kaum wusste, des Guten zu viel geschehen, wenn man alles, was Nürnberg überhaupt an plastischen Denkmälern aus dem genannten Zeitraum besitzt, unter diese drei Meister zu verteilen gewohnt war, wobei denn Krafft alle Bildhauerwerke, Stoss alle Schnitzarbeiten und Peter Vischer alle Erzgüsse zugeschrieben wurden. Wenn auch der Nürnbergische Künstlerbiograph des sechzehnten Jahrhunderts, der Schreibund Rechenmeister Johann Neudörfer, uns nur die Namen dieser drei überliefert hat, so wissen wir heute doch, dass noch andere tüchtige Kräfte in beträchtlicher Zahl neben ihnen in allen drei Kunstzweigen thätig gewesen sind, und wir wissen, dass auch diesen vieles von dem heutigen Kunstbesitz des Ortes zu danken ist. Freilich, diese Erkenntnis hat zugleich nur um so deutlicher das einzigartige Verdienst jener Dreizahl von Männern ins Licht gestellt; denn die eigentliche Auslese unter dem Vorhandenen, vom Guten das Beste, ist und bleibt doch ihr Werk allein.

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Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst Peter Vischer

Von Alters her hat Nürnberg in der Kunst des Erzgusses obenan gestanden. Im goldenen Boden des Handwerks, dem der tägliche Bedarf in Kirche und Haus mannigfachen Gewinn bot, lag die Stärke dieser Kunstfertigkeit. Aber auch künstlerischen Aufgaben im höheren Sinne hat sie sich früh gewachsen gezeigt. So liegt denn ein begründetes Selbstgefühl in den Worten des Nürnberger Meistersingers, der von den Erzgiessern seiner Stadt, den „Rotschmieden“, wie der alte Sprachgebrauch sie nennt, zu rühmen weiss, dass ihresgleichen in aller Welt nicht lebe:

— „so sein sie wol wert, dass man sie nennt
und für gross kunstig meister erkennt.“

In dieser Zunft ist Peter Vischer der grösste und gefeiertste Meister gewesen. Und er gehört noch heute zu den Künstlergestalten, die unserem Volk am besten bekannt und am meisten ans Herz gewachsen sind. — Welchem Besucher Nürnbergs stünde nicht das Bild des Peter Vischer in Erinnerung, mit seinen freundlichen, von einem runden Vollbart eingerahmten Zügen, die gedrungene Figur mit Schurzfell und Lederkappe angethan, so wie er dort sich selbst an seinem Meisterwerke, dem Sebaldusgrabe, abgebildet hat? Freilich wäre es ein Irrtum, wollte man von der schlichten bürgerlichen Gestalt, in der der Künstler hier erscheint, auf die Stellung zurückschliessen, die er in seiner eigenen Zeit und Umgebung einnahm. Als eine Persönlichkeit, die anspruchslos auftrat, schildern ihn zwar die Berichte derer, die mit ihm lebten, aber zugleich als einen Mann, der den Ersten in Nürnberg gleich geachtet war. Von Fürsten und Herren wurde seine Giesshütte aufgesucht, und ihre Erzeugnisse gingen durch das ganze Reich, ja, weit darüber hinaus, bis ins Gebiet der Karpathen und der unteren Donauländer. — Schon der Vater unseres Künstlers war ein angesehener Rotgiessermeister. In seiner Werkstatt wird Peter Vischer, von dessen Jugend nichts bekannt ist, herangewachsen sein und von ihm wird er den Vorteil der von Jugend an geübten häuslichen Schulung zugleich mit dem Erbe des künstlerischen Geistes überkommen haben. Es ist unmöglich, alle Werke namhaft zu machen, die Peter Vischer im Laufe seiner etwa vierzigjährigen Thätigkeit geschaffen hat. Der Mehrzahl nach sind sie aus einer Aufgabe der dekorativen Bildhauerkunst hervorgegangen, die gerade in jener Zeit, wie in Italien, so auch bei uns zu Lande erhöhte Bedeutung gewonnen hatte, der Herstellung des bildnerischen Schmuckes für Grabdenkmäler.

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