1. Pieter Breughel der Ältere /Hirte

Pieter Breughel, der so unübertrefflich im Erfassen komischen Gesichtsausdruckes und drolliger Situationen war, besitzt den Humor eines gesunden, starken Volkes, der frei von aller bewussten Satire ist und seine Kraft nur aus der Schilderung des Unauffälligen und Wirklichen schöpft. Sein Bestes lag nicht auf dem Gebiet des Grotesken, auf dem sich Leonardo oder Quinten Matsys bewegten, Vertreter einer raffinierten Kultur, die durch starke Übertreibungen auf überfeinerte Nerven wirkten und mit grösstem Scharfsinn Phantasiekombinationen lebensfähig zu machen suchten. Was Breughel gelegentlich in dieser Richtung (besonders in Allegorien) bildete, entbehrt des grossen Zuges seiner übrigen Schöpfungen.

Die vorliegende Zeichnung ist einer der im Masshalten grossen Umrisse des Künstlers, bei denen mit ein paar zarten Strichen genug an Ausdruck und Bewegung gegeben ist, um eine Komposition zu rechtfertigen. Es ist nichts an dem Hirten, das interessant wäre: er hat ein langweiliges Gesicht, keine aussergewöhnlich proportionierte Figur, ein schlichtes Kostüm (eine dicke Jacke und eine wetterfeste Kappe). Nur an wenigen Stellen ist die Charakteristik leise unterstrichen. Er macht ein Gesicht, als sei er im Stehen eingeschlafen. Dabei nehmen die Beine eine preciöse Schrittstellung ein, die wenig zu dem harmlosen Wesen passt. Nicht an sich, nur weil sie in weiten Schuhen stecken, wirken die Füsse übertrieben mager, und weil man sie mit den in bauschigen Ärmeln steckenden Armen vergleicht. Der Hut hat die weichen Rundungen der Gesichtsformen; wie er sich nach vorne wölbt, rollen sich die wolligen Haare nach hinten auf. Und merkwürdig kontrastieren Ober- und Unterkörper der Gestalt. Der untere Teil lässt einen klugen Schleicher vermuten, aber der obere Teil bringt eine Enttäuschung: wie die Kappe in das Gesicht gerutscht ist und die plumpen Hände den Stock umklammern, bietet der Oberkörper ein Bild naiver Dummheit.

 

2. Pieter Breughel der Altere / Zwei sitzende Bauern

Der vordere mit einem unglaublichen Kopf, dessen Plattheit die beschränkte Stirn des abgewandten Gesichtes ahnen lässt, frägt wohl seinen Nachbarn um Rat. Aber in seiner Ahnungslosigkeit merkt er nicht, dass er eine jener tragischen Typen neben sich hat, die durch prächtiges Äussere, durch üppiges Haar, wallenden Bart und schwer gebauten Kopf bedeutend wirken, aber erschrecken, wenn sie den Mund öffnen. Man sieht, wie sich die Gedanken in dem dicken Schädel langsam, fast schmerzhaft entwickeln, und erwartet, das Resultat des langen Bedenkens und Stirnerunzelns werde eine banale Bemerkung sein.

 

3. Pieter Breughel der Ältere / Maler und Kritiker

Auch hier macht ein Spiel von Ausdrucksgegensätzen den Inhalt der Komposition aus. Der Künstler ist griesgrämlich und verstimmt, weil er mit seinem Werke nicht zustande kommt, die Linien seines Gesichtes und der Haare sind verbogen und verzogen vor Grübelei; der Kritiker streckt ein verblüffend geradliniges Profil, eine glatte, verstandesklare Gesichtsfläche vor, hat die Kappe frech aufgestülpt, die beim Maler deprimiert herabgesunken ist, und lacht ironisch überlegen.

Man muss Breughel um der Tendenz der Darstellung willen bewundern. Denn über die Gegensätze zwischen Künstler und Kritiker setzt er sich nicht mit einem vernichtenden Urteil des Gegners hinweg, wie es Künstler gern in satirischen Bildern tun (auch von Rembrandt gibt es eine Zeichnung diesen Inhalts). Er steht über den Parteien, verlacht sie beide, ja vielleicht am meisten den Künstler, der sich so schnell das Spiel durch naseweise Kritiker verderben lässt.

Bild und Text aus dem Buch: Handzeichnungen altholla˜ndischer Genremaler (1907), Author: Bode, Wilhelm von, Valentiner, Wilhelm Reinhold.

Pieter Breughel der Ältere