Projekt Ernstfall

Dieser serbische Chor repräsentiert je nach Standpunkt wahlweise reaktionäre Rückständigkeit, den universalistischen Anspruch einer fremdartigen Wüstenreligion, slawische Eigenart oder einen lebendigen Zweig der zweitausendjährigen Tradition des Abendlandes.

Der Text des Gesanges ist rund 2.500 Jahre alt und stammt aus dem Psalm 135:

„Die Götzen der Heiden sind nur Silber und Gold, ein Machwerk von Menschenhand.“

Projekt Ernstfall

von Projekt Ernstfall

Die große Frage, die alle im weitesten Sinne konservativen Kräfte in allen Kulturen beschäftigt, ist die nach der Kontinuität des Eigenen. Jene Japaner, die in der Meiji-Zeit die Voraussetzungen dafür schufen, dass Japan den Herausforderungen der westlichen Moderne relativ erfolgreich begegnen konnte, mussten ebenso Antworten auf diese Frage finden wie die islamischen Kräfte, die sich ebenfalls durch die westliche Moderne herausgefordert sehen oder die Völker Osteuropas und Zentralasiens während der Herrschaft des auf ihre Auflösung zielenden Kommunismus.

Die Frage nach der Kontinuität des Eigenen gewinnt dabei angesichts der Herausforderungen durch Globalisierung, Säkularisierung und andere Entwicklungeen der Moderne sowie durch außereuropäische Migration auch in Europa zunehmend an Bedeutung und wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten voraussichtlich noch weiter an Bedeutung gewinnen.

In den erwähnten Beispielen war es für jene, die das Eigene bewahren wollten, jedoch vergleichsweise leicht dieses zu definieren und abzugrenzen, vor allem weil sie auf vorhandene, ausreichend intakte und homogene kulturelle Bestände zurückgreifen konnten, die weit über Aspekte wie etwa Abstammung hinaus definierten, was das Eigene ist, wodurch es herausgefordert wird und wie dieser Herausforderung begegnet werden kann.

Im Europa der Gegenwart jedoch ist die Frage nach der Kontinuität des Eigenen angesichts der vorhandenen innereuropäischen ethnischen, kulturellen und weltanschaulichen Vielfalt einerseits und der fortgeschrittenen Auflösung kultureller Bestände andererseits deutlich schwieriger zu beantworten, weil es zunehmend schwer fällt zu definieren, was das Eigene überhaupt ist. Dies erschwert nicht nur die Verteidigung des für manche kaum Greifbaren, sondern auch das Erkennen dessen, was es bedroht.

Vor allem in Deutschland fällt dies besonders schwer, was Armin Nassehi, der sich immerhin der Diskussion gestellt hat, zu dem Fehlschluss verleitete, dass

dieses Eigene als benennbare Identität verschwindet, sobald man es benennen muss.“

Auch wenn man das Eigene selbst nicht mehr definieren kann, so erinnert jedoch spätestens die Konfrontation mit dem grundsätzlich Fremden daran, dass das Eigene real ist und man dessen wesentliche Aspekte auch nicht ablegen kann. Auf der Kölner Domplatte etwa konnten die Täter das ihnen Eigene und das Fremde durchaus klar benennen und im praktischen Umgang voneinander zu unterscheiden.

Darauf, dass das Eigene im Fall des Europäers und vor allem im Fall des Deutschen zu komplex ist, um es auf einige wenige klar umrissene Eigenschaften zu reduzieren, gibt es unabhängig davon die folgenden grundsätzlichen Antworten:

  • Man erklärt das Problem für nicht existent und leugnet, dass es so etwas wie das Eigene überhaupt gibt. Dies ist die am wenigsten wirklichkeitsgerechte Antwort, die spätestens bei der Begegnung mit dem Fremden, das sich dem Versuch widersetzt zur Fiktion erklärt zu werden, scheitert.
  • Man umgeht das Problem dadurch, dass man sich vor allem durch die Abgrenzung gegenüber dem Fremden definiert. Dies erzeugt jedoch die paradoxe Situation, dass das Eigene zu seinem Fortbestand und seiner Festigung dauerhaft ein möglichst konträres Fremdes benötigt, das es notfalls erfinden müsste, um existieren zu können. Ein solcher Zustand könnte aber nicht dauerhaft sein.
  • Man versucht das Eigene greifbarer zu machen, indem man einzelne Aspekte von Identität herausstellt und ggf. auf Kosten anderer Aspekte betont. Dies tut der Universalist, der das Eigene in den abstraktesten Eigenschaften sucht die er mit möglichst vielen Menschen zu teilen meint (wobei er dazu neigt anthropologische Wunschvorstellungen auf sie zu übertragen) ebenso wie jemand, der die Identität des Menschen ausschließlich in der Vernunft begründet sieht oder Abstammung oder individuelle Eigenschaften über andere Aspekte betont. Alle diese Versuche werden der Natur des Menschen jedoch nicht gerecht und können daher ebenfalls nicht von Dauer sein.
  • Die vierte Antwort ist die des abendländischen, d.h. die des im europäischen Kulturraum aus einer Synthese christlicher und antiker Quellen entstandenen Menschenbildes. Dieses bezieht verschiedene Aspekte von Identität von der individuellen Identität über die Zugehörigkeit zu einer Familie und einer Nation bis hin zu kulturellen Aspekten von Identität sinnvoll aufeinander, ohne einen davon auf Kosten der anderen überzubetonen oder zu verleugnen. Dieses abendländische Konzept ist dabei nur ein Teil einer Reihe von untrennbar miteinander verbundenen Konzepten, die aus der gleichen weltanschaulichen Wurzel stammen, und die in ihrer Gesamtheit bislang nur im europäischen Kulturraum zur Entfaltung gekommen sind, auch wenn sich manche Nichteuropäer diesem Konzept angeschlossen haben. Dieses kulturelle Gesamtkonzept und seine Träger sind das, was das Eigene in einem umfassenden, tragfähigen, dauerhaften und wirklichkeitsgerechten Sinne ausmachen kann.

Dieses Konzept hat viele Impulse aus dem deutschen Kulturraum aufgenommen, der wiederum in den vergangenen fünfzehnhundert Jahren entscheidend durch dieses Konzept geprägt wurde, so dass deutsche Identität nicht getrennt von ihm betrachtet werden kann. Gleichzeitig reicht dieses Konzept aber über deutsche Identität hinaus. Es handelt sich zudem nicht um einen vom Menschen und somit von seinen Trägern losgelöst zu betrachtenden Entwurf.

Eine nähere Definition dieses Konzeptes des Eigenen erfolgt im nächsten Teil dieser Serie.

Projekt Ernstfall

Projekt Ernstfall schreibt
Das „Projekt Ernstfall“ begann im Sommer 2009 und war zwischen 2011 und 2014 auch im Netz verstärkt präsent. Ausgangspunkt war die Fragestellung, wie das Eigene durch die bereits angebrochene und sich in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich weiter zuspitzende Zeit der Verwerfungen hindurch getragen werden kann, die nicht nur Deutschland, sondern der gesamten europäisch geprägten Welt bevorstehen. Nach einigen Jahren Arbeit ist nun der erste Entwurf abgeschlossen, dessen Elemente hier in den kommenden Wochen vorgestellt werden sollen.

Passend zum Erreichen unseres Zwischenziels möchten wir die verbliebenen Leser auf eines der ältesten überlieferten Werke polyphonen Gesangs europäischer Tradition hinweisen. Die Interpretation des „Ensemble Organum“ greift dabei auf Elemente orientalischen Gesangs zurück und beantwortet dabei die Frage, wie das Eigene im Rahmen der Herausforderung durch das Fremde besser und stärker gemacht werden kann, vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Begegnung des mittelalterlichen Christentums mit fremden Religionen und Kulturen auf künstlerische Weise.

 

Projekt Ernstfall