Abbildungen: I. Stanza della Segnatura. Klugheit, Mässigung, Stärke (Lünettenbild).  — Die Uebergabe der Decretalen.  — Die Disputa.  — Die Schule von Athen. — Der Parnass.  — II. Stanza d’Eliodoro. Die Messe von Bolsena. — Die Vertreibung Heliodors.Die Befreiung Petri. — III. Stanza dell’ Incendio. Der Borgobrand.

RAFFAELS Fresken im Vatikan gesehen zu haben, gehört zu den allerobersten Verpflichtungen des Italien-Reisenden, und wer auch nur wenige Tage in Rom zur Verfügung hat, wird nicht wagen, den Besuch der Stanzen zu unterlassen. Und doch wird dieser Besuch meist eine Enttäuschung sein; denn mit Eile ist hier gar nicht anzukommen, und dem flüchtigen Auge werden sich diese Dinge immer verschlossen halten. Es ist eine Irrtum, zu glauben, mit ein paar gesunden Augen könne hier jeder gleich zu Tische sitzen. Wenn die dramatischen Szenen des Heliodor-Zimmers eine gewisse Wirkung auf jeden Beschauer ausüben werden, so sind doch gerade die berühmtesten Bilder, die Schule von Athen und die Disputa im ersten Raum, aus Voraussetzungen hereorgegangen, die dem modernen Publikum ganz fremd sind. Als Vorbereitung ist nicht ein bestimmtes gegenständliches Wissen nötig, wohl aber eine Art Augensinnlichkeit, die Empfänglichkeit für die schöne Einzelbewegung und die rhythmische Folge in der Gesamtbewegung, wie sie heutzutage selten geworden sein mag.

Raffael war fünfundzwanzig Jahre alt, als er, von Julius II. berufen, in der Camera della segnatura die Arbeit beginnen sollte (1508/9). Die Aufgabe lautete auf Darstellung der Theologie und Philosophie an den Hauptwänden, der Poesie und Jurisprudenz an den Seitenwänden, die von Fenstern durchsetzt sind. Die Jurisprudenz wurde mit einer schönen Allegorie (die Tugenden, die bei der Rechtspflege nötig sind) und zwei interessanten Ceremonienbildern (Uebergabe der Gesetzbücher des geistlichen und weltlichen Rechts) abgefunden; die drei andern geistigen Grossmächte aber verlangten eine Repräsentation in den Bildern ihrer Vertreter. Und nun stelle man sich vor, was das heisst: nebeneinander eine Versammlung von Dichtern, von Philosophen — wozu auch die gesamte Naturforschung gehörte — und von Gottesleuten zu malen. Es durfte noch als ein Glück gelten, dass bei der Theologie auch der himmlische Hofstaat erscheinen sollte und bei den Dichtern Apollo und die Musen mitfigurieren konnten; nichtsdestoweniger war es keine beneidenswerte Aufgabe, dreimal hinter einander ein fast identisches Thema zu behandeln.

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Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst RAFFAEL 1433-1520

DAS Cinquecento hat die Aufgabe des Porträts von Anfang an in einem andern Sinne gefasst als das vorangehende Jahrhundert. Quattrocentistische Bildnisse haben etwas Naiv-Modellmässiges. Sie geben die Person, ohne einen bestimmten Ausdruck von ihr zu verlangen. Gleichgültig, mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit sehen die Leute aus dem Bilde heraus. Auf die schlagende Ähnlichkeit war es abgesehen, nicht auf eine besondere Stimmung. Ausnahmen kommen vor, im allgemeinen aber begnügt man sich, den Darzustellenden nach seinen bleibenden Formen festzunageln, und dem Eindruck der Lebendigkeit schien es auch keinen Abbruch zu thun, wenn in der Haltung konventionelle Anordnungen beibehalten wurden.

Das ändert sich im 16. Jahrhundert. Man sucht die persönlich bezeichnende Situation, einen bestimmten Moment des freibewegten Lebens. Man verlässt sich nicht darauf, dass die Formen des Kopfes für sich sprächen, in der Bewegung und Gebärde will man ausdrucksvoll sein. Aus dem descriptiven Stil ist man übergegangen zum dramatischen. Man kann sagen, das Porträt sei zum Historienbild geworden.

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Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst RAFFAEL 1433-1520

 

 

Sixtinische Madonna


Die Nachbildung eines Werkes, das in jedem Betrachter die stärksten Eindrücke zurücklässt, hat hohen Erwartungen zu begegnen. Die Sixtinische Madonna sollte in unserem Album nicht fehlen. Diese Reproduktion kann wenigstens einen Begriff von der Wirkung des Originals geben und möchte nicht auf eine Linie gestellt werden mit den vielen anderen farbigen Abbildungen kleinen Formats. — Nach Vasari, der das Bild kurz beschreibt, malte es Raffael für den Hauptaltar der Benediktinerkirche S. Sisto in Piacenza, deren Titelheiliger, der Märtyrerpapst Sixtus II., deswegen darauf anzubringen war. Er empfiehlt an Stelle eines Stifters der Muttergottes die unten ausserhalb des Bildeä zu denkende Gemeinde, auf die :hm gegenüber die heilige Barbara freundlich lächelnd (ihr Gesicht ist nicht gut erhalten) niedersieht. Von demselben Altar nahm das Bild erst 1753 der bolognesische Maler Giovanni, durch dessen Vermittelung es dann für 20000 Dukaten an August III. verkauft wurde. Es hat den grossen Stil der Raffaelschen Tapeten und ist bald nach 1515 auf Leinwandgrund, den der Künstler um diese Zeit anstatt der sonst üblichen Holztafel mehrfach benutzt hat, in allen wesentlichen Dingen von ihm eigenhändig gemalt, unter den Altartafeln grösseren Umfanges, die wir von ihm besitzen, die vollkommenste. Vasari gibt keine Datierung. Weiter gegen Ende seines Lebens hätte Raffael einem einzelnen Bilde nicht mehr diese Sorgfalt widmen können. Alles in dieser Überlieferung fügt sich so wohl ineinander, dass wir uns mit den Zweifeln der Überklugen, die es ja immer geben muss, nicht weiter aufzuhalten brauchen. — Die Madonna schwebt nicht eigentlich, sie schreitet vielmehr und kommt, wie man an den Bewegungen der Gewänder sehen kann, aus der Tiefe des Raumes von rechts nach links und, so müssen wir denken, in dem Augenblick gegangen, wo eben erst der Vorhang seitwärts zurückgezogen worden ist. Sie hat im Gesicht einige Ähnlichkeit mit der Donna l/elaia des Palazzo Pitti, deren Züge Raffael auch der Magdalena seiner Vision der heiligen Cacilia in Bologna gab, und ausserdem noch besonders weitgestellte Augen. So auch das Kind, das dadurch, ohne die segnende Gebärde und sogar mit einer weltlich lässigen Haltung, etwas Hohes und Überirdisches bekommen hat. Nach unten ist die himmlische Vision durch eine Brüstung abgeschlossen. Gespannt geben die zwei Engelknaben auf alles acht, was sich da oben zuträgt, im Gegensatz zu dem Pathos der Hauptfiguren ein liebliches kleines Genrebild für sich und zugleich ein feines Mittel der Kunst, den Blick des Betrachtenden aufwärts zu lenken. Im Bewundern <^es Malerischen findet die Betrachtung kein Ende. Der Vortrag ist kräftig, wo es passt, in den Gewändern und in den Bewegungen der Gliedmassen, z. B. den Händen des Papstes, dann aber wieder leicht und dünn und zart, wo das Durchgeistigte der Erscheinung technisch auszudrücken war. Das Höchste hierin von Vollendung und ein wahres Wunder von Kunst ist die duftige Glorie der über die Wolken hingehauchten Engelköpfe.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Dresdner Galerie RAFFAEL 1433-1520