Kunstdrucke Raffael von Urbino

Geboren am 26. März (Karfreitag) 1483 zu Urbino. Gestorben am 6. April (Karfreitag) 1520 zu Rom.

hne Beschränkung freigebig und liebreich sendet der Himmel bisweilen einem einzigen Menschen den unendlichenReichtum seiner Schätze, alle Anmut und seltene Gaben, welche er sonst in langem Zeitraum unter viele zu verteilen pflegt. Das sieht man deutlich an dem eben so herrlichen als anmutigen Raffael Sanzio von Urbino. Ihm war von der Natur jene Güte und Bescheidenheit verliehen, welche bis weilen solche schmückt, die vorzugsweise vor anderen mit anmutigem Wesen eine liebenswürdige Freundlichkeit verbinden, wodurch sie den verschiedensten Personen gegenüber, wie in allen Dingen, stets liebreich erscheinen und Wohlgefallen erwecken. Die Natur war durch die Hand Michelagnolos von der Kunst besiegt, und schenkte Raffael der Welt, um nicht nur von ihr, sondern auch durch die Sitte übertroffen zu werden. Und in der Tat, da der größte Teil der Künstler, welche bis dahin gelebt hatten, sich nicht von einer gewissen Torheit und Rohheit freimachen konnten, wodurch sie in sich selbst versunken, nicht nur Phantasten geworden waren, sondern auch off in ihrem Tun mehr das Dunkel des Lasters als das Licht und den Glanz der Tugenden, welche die Menschen unsterblich machen, gezeigt hatten: so war es wohl billig, daß sie in Raffael die seltensten Vorzüge des Herzens widerstrahlen ließ, von soviel Anmut, Fleiß, Schönheit, Bescheidenheitundtrefflichen Sitten begleitet, daß sie genügt hätten, jedes noch so schlimme Laster, jeden noch so großen Fehler zu verdecken. Gewiß kann man sagen: wen so reiche Gaben schmücken, der sei nicht nur schlechthin ein Mensch, sondern wenn der Ausdruck erlaubt ist, ein sterblicher Gott zu nennen, und wer durch seine Werke hier auf Erden einen so ehrenvollen Namen in den Geschichtsbüchern hinterläßt, darf auch hoffen, im Himmel die Freude zu genießen, deren seine Anstrengungen und Verdienste würdig sind.

Raffael wurde am Karfreitag des Jahres 1483 nachts drei Uhr zu Urbino, einer berühmten Stadt Italiens, geboren. Sein Vater war Giovanni Santi, als Maler von nicht besonderen Vorzügen, jedoch ein verständiger Mann, und geeignet, seinen Sohn auf den guten Weg zu leiten, welcher zu seinem Mißgeschick in der Jugend ihm nicht gezeigt worden war. Giovanni wußte, daß es von Wichtigkeit sei, die Kinder nicht von Ammen, sondern von ihren Müttern nähren zu lassen; als ihm daher Raffael geboren wurde, dem er zu guter Vorbedeutung diesen Namen gab, wollte er, die Mutter selbst solle den Knaben stillen, er war das erste und einzige Kind, welches der Himmel ihm schenkte, und wuchs dem Wunsche des Vaters gemäß, im elterlichen Hause auf, damit er dort in zartem Alter gute Sitten lerne und nicht bei geringen und gemeinen Leuten ein ungefälliges, rohes Betragen annehme. Als er größer wurde, fing Giovanni an, ihn in der Kunst der Malerei zu unterrichten, wofür er soviel Neigung als Talent kund gab; daher vergingen wenige Jahre, als Raffael noch ein Kind, schon seinem Vater große Hilfe bei den Arbeiten leistete, welche dieser im Staat von Urbino verfertigte.

Endlich erkannte jedoch dieser gute und liebevolle Vater, daß sein Sohn nicht viel mehr bei ihm lernen könne, und beschloß ihn zu Pietro Perugino in die Lehre zu geben, der ihm als der erste Maler seiner Zeit gerühmt wurde. Er begab sich nach Perugia, da jedoch Pietro eben abwesend war, arbeitete er einiges in S. Frans cesco und wartete ruhig dessen Zurückkunft ab. Dieser kehrte von Rom heim, und Giovanni, anmutig in seinem Betragen, trat mit ihm in freundlichen Verkehr. Als es ihm Zeit schien, teilte er ihm, so bescheiden und höT lieh, als er es nur einzurichten wußte, seinen Wunsch mit, und Pietro, der nicht weniger fein an Sitten, als voll Anerkennung für vorzügliche Talente war, nahm Raffael gern als Schüler an. Sehr zufrieden kehrte Giovanni nach Urbino zurück, nahm den Knaben aus den Armen der Mutter, die ihn zärtlich liebte und mit vielen Tränen von ihm schied, und brachte ihn nach Perugia, wo Pietro nicht sobald seine Art zu zeichnen gesehen und seine liebenswürdigen Sitten erkannt hatte, als er das Urteil über ihn aussprach, welches in der Zukunft die Tat bestätigte.

Es ist eine sehr bekannte Sache, daß Raffael in der Schule Pietros dessen Methode so genau und in allen Dingen so treu nachahmte, daß man seine Bilder nicht von den Originalen des Meisters, und ihre Arbeiten nicht voneinander unterschied.

Während ihm nun die Manier, in der er seine Bilder behandelte, großen Ruhm erwarb, wurde Pinturicchio von Papst Pius II. nach Siena gesandt, um die Bibliothek des Domes daselbst zu malen, und nahm den Raffael mit sich, den er als Freund liebte und als einen trefT liehen Zeichner kannte. Dort entwarf Raffael ihm einige Zeichnungen und Kartons zu jenem Werk und würde weiter damit fortgefahren haben, wenn nicht einige Maler ihm lobpreisend von zwei Kartons im Saale des Palastes zu Florenz erzählt hätten, in deren einem von Lionardo da Vinci ein sehr schöner Reitertrupp dargestellt war, während im anderen Michelagnolo Buonarroti mit Lionardo wetteifernd, mehrere nackte Gestalten gezeichnet hatte, die noch weit vollkommner sind. Raffael demnach, von Liebe zur Kunst und von Verlangen nach Vollkommenheit ergriffen, ließ die Arbeit zu Perugia liegen, vergaß jedes Nutzens und jeder Bequemlichkeit, und begab sich nach Florenz.

Dort gefiel ihm die Stadt nicht minder als jene gepriesenen Werke, die er als göttlich erkannte; er be* schloß einige Zeit dort zu verweilen und wurde bald mit verschiedenen j ungen Malern b efreundet, mit Ridolfo Ghirlandajo, Aristotile San Gallo und anderen; überall in der Stadt erzeigte man ihm viel Ehre, besonders Taddeo Taddei, der, als ein Verehrer ausgezeichneter Talente, ihn stets in seinem Hause und an seinem Tische haben wollte. Raffael, liebenswürdig in allem, was er tat, wollte nicht in Höflichkeit übertroffen sein, und malte ihm zwei Bilder, in denen man frühere Manier nach Pietro und die spätere viel schönere erkennt, die er durch Studium erlangte. Diese Bilder werden noch heute im Hause von Taddeos Erben auf bewahrt. Außerdem stand Raffael in naher Freundschaft mit Lorenzo Nasi, und als derselbe sich in jenen Tagen vermählte, arbeitete er für ihn ein Bild, worin er die Madonna darstellte, wie sie das Christuskind zwischen den Knien hält, welchem der kleine St. Johannis ganz fröhlich und zu großem Vergnügen und Ergötzen beider Kinder einen Vogel reicht. Ihre Stellungen zeigen kindliche, liebevolle Einfalt, und zudem sind sie so trefflich koloriert und fleißig gemalt, daß man eher glauben könnte, sieseienlebend, als mitFarben ausgeführt. DieMadonna hat einen Ausdruck, der wahrhaft voll Anmut und Göttlichkeit ist, und die Umgebung, die Landschaft, wie alles übrige des ganzen Werkes, ist aufs schönste vollendet. Lorenzo Nasi hielt während seines Lebens dies Geschenk hoch in Ehren, sowohl um seiner Trefflichkeit willen, als weil es ein Andenken Raffaels war, den er sehr geliebt hatte. [Am 9. August des Jahres 1548 jedoch wurde es zertrümmert, als durch das Zusammenstürzen des Berges von S. Giorgio das Haus Lorenzos zugleich mit den schönen und prachtvollen Besitzungen der Erben des Marco del Nero und anderen naheliegenden Gebäuden zugrunde ging. Die einzelnen Stücke fanden sich unter dem Schutt des zerstörten Hauses, und Battista, Lorenzos Sohn, ein großer Verehrer der Kunst, ließ sie zusammensetzen, so gut es gehen wollte.

Nach Vollendung der genannten Arbeiten sah Raffael sich gezwungen, Florenz zu verlassen und nach Urbino zu gehen, woselbst seine Eltern beide gestorben waren und niemand für seine Angelegenheiten Sorge trug. Nachdem Raffael einige Arbeiten vollendet und seine Angelegenheiten geordnet hatte, ging er noch einmal nach Perugia und malte dort für die Kapelle der Ansidei in der Kirche der Serviten eine Tafel, auf welcher die Madonna, St. Johannis der Täufer und St. Nicolaus dargestellt sind. Ich darf nicht unterlassen, hier zu erwahnen, daß, nachdem Raffael in Florenz die vielen Arbeiten trefflicher Meister gesehen hatte, seine Methode sich also veränderte und vervollkommnete, daß sie der früheren in keiner Weise mehr ähnlich war, ja es schien, als rührten seine ersten Werke von einer anderen in der Malerei minder geschickten Hand.

Ehe Raffael Perugia verließ, bat ihn Madonna Atalanta Baglioni, für ihre Kapelle in der Kirche von S. Francesco eine Tafel zu malen; da er ihr aber in jener Zeit nicht zu Diensten stehen konnte, versprach er ihren Wunsch zuverlässig zu erfüllen, wenn er von Florenz zurückgekehrt sein würde, wohin seine Angelegenheiten ihn riefen. In Florenz angelangt, lag er nun mit unendlichem Fleiße seinen Studien ob und verfertigte, seines Versprechens eingedenk, einen Karton, um ihn in der genannten Kapelle zur Ausführung zu bringen, sobald es ihm passend scheine. Während er in dieser Stadt verweilte, lebte dort AgnoloDoni, der in anderen Dingen genau war, für Werke der Malerei und Skulptur aber, die er sehr liebte, gerne Geld ausgab, wenn auch so sparsam, als es gehen wollte. Dieser ließ von Raffael sein eignes Bildnis nebst dem seiner Gemahlin in der Weise ausführen, wie man sie noch jetzt bei [seinem Sohne Giovan Battista in dem Hause sieht, welches Agnolo in der Färberstraße zu Florenz an der Ecke der Alberti schön und bequem erbaut hat.

Raffael studierte in Florenz die Arbeiten Masaccios und wurde durch die Leistungen Lionardos und Michelagnolos zu noch größerem Fleiß, das heißt zu noch höherer Vervollkommnung der Kunst und seiner Manier getrieben. Während seines Aufenthaltes in jener Stadt stand er in naher Freundschaft mit Fra Bartolommeo di S. Marco, der ihm sehr wohl gefiel und dessen Manier in der Malerei er nachzuahmen suchte; dagegen lehrte er jenem guten Pater die Regeln der Perspektive, von denen derselbe bis dahin keine Kenntnis genommen hatte.

In dieser Zeit, als dieser Umgang am häufigsten war, wurde Raffael nach Perugia zurückberufen und arbeitete dort vorerst in S. Francesco das Werk für die oben genannte Frau Atalanta Baglioni, ein Werk, zu dem er in Florenz den Karton entworfen hatte. In diesem göttlichen Bilde ist ein Christus, der zu Grabe getragen wird, mit solcher Frische und Liebe ausgeführt, daß er jetzt erst gemalt zu sein scheint. Raffael dachte sich, als er dies Werk schuf, den Schmerz, welchen die nächsten und treuesten Angehörigen empfinden, die den Leichnam ihres geliebtesten Verwandten, auf dem in Wahrheit das Wohl und die Ehre einer ganzen Familie beruhte, zu Grabe tragen. Man sieht die Madonna, die ohnmächtig niedersinkt, und die Köpfe aller Figuren in Tränen höchst anmutig gezeichnet; vornehmlich schön ist Johannes; er kreuzt die Hände und neigt das Haupt in einer Weise, welche das härteste Gemüt zu Mitleid bewegen müßte. Wahrlich wer den Fleiß, die Liebe, Kunst und Anmut in diesem Bilde betrachtet, der muß sich mit Recht verwundern, denn es versetzt jeden in Staunen durch den Ausdruck der Köpfe, durch die Schönheit der Gewänder, kurz durch die höchste Vollendung aller Teile.

Als diese Arbeit zu Ende gebracht und Raffael nach Florenz zurückgekehrt war, gaben ihm die Dei, Bürger jener Stadt, den Auftrag, eine Altartafel für ihre Kapelle in Santo Spirito zu malen. Den Entwurf hierzu führte er ziemlich weit und verfertigte gleichzeitig ein Bild, um es nach Siena zu schicken, ließ es jedoch dem Ridolfo Ghirlandajo, damit er ein blaues Gewand vollende, welches noch nicht fertig war, als Raffael Florenz verließ.

Sein Fortgehen war durch Bramante von Urbino veranlaßt, welcher damals im Dienste Papst Julius II. stand. Er war mit Raffael entfernt verwandt und sein Landsmann, deshalb schrieb er ihm: er hätte seinetwegen mit dem Papst unterhandelt, der einige Zimmer habe neu erbauen lassen, in denen er seine Stärke in der Kunst zeigen könne. Dieser Vorschlag gefiel Raffael, er ließ demnach die Arbeiten in Florenz und die Tafel derDei unvollendet, wie sie nach seinem Tode von Messer Baldassare aus Pescia in der Dechanei seiner Vaterstadt aufgestellt wurde, und begab sich nach Rom, wo er fand, daß ein großer Teil der Zimmer im Palaste schon gemalt war, andere noch von verschiedenen Meistern verziert wurden. In dem einen hatte Piero della Francesca ein Bild vollendet, und Luca von Cortona die Malerei einer Wand ausgeführt; Don Pietro della Gatta, Abt von S. Clemente zu Arezzo, hatte einiges begonnen, und man sah viele Gestalten von Bramantino aus Mailand, zum größten Teil nach der Natur gezeichnet, die als vorzüglich gerühmt wurden.

Raffael, vom Papst Julius aufs huldvollste empfangen, begann im Saale der Segnatura ein Bild, worin er darstellte, wie die Theologen die Philosophie und Astrologie mit der Theologie zu vereinigen suchen, und worin alle Weltweisen abgebildet sind, wie sie in verschieb dener Weise miteinander streiten. An der Seite sieht man einige Astrologen, welche allerlei geometrische und astrologische Figuren und Zeichen auf ein paar Tafeln schreiben, und sie durch einige schöne Engel den Evans gelisten senden, welche sie erklären. Diogenes mit seiner Schale liegt auf der Treppe, eine wohl ausgeführte in sich selbst versunkene Gestalt, wegen ihrer Schönheit und wegen des nachlässig übergeworfenen Gewandes sehr zu rühmen. Man sieht den Aristoteles und Plato, den einem mit dem Timäus, den anderen mit der Ethik in der Hand und um sie her im Halbkreis eine Schule von Philosophen. Nicht zu beschreiben ist die Schönheit der Astrologen und Mathematiker, welche mit dem Zirkel eine Menge Figuren und Charaktere auf die Tafel zeichnen. Unter ihnen ist ein Jüngling von seltener Anmut und Schönheit, er breitet voll Staunen die Arme aus und senkt das Haupt; dieses ist Friedrich II. Herzog von Mantua, der sich damals zu Rom aufhielt. In einer anderen Figur, die zur Erde gebogen mit dem Zirkel Linien zieht, sagt man, sei der Baumeister Bramante so treu dargestellt, daß man ihn selbst lebend zu sehen glaube. Zur Seite einer Gestalt, die den Rücken zuwendet und die Himmelskugel in der Hand hält, ist Zoroaster abgebildet; neben ihm steht Raffael, der Meister des ganzen Werkes, der sich aus dem Spiegel gezeichnet hat —ein jugendlicher Kopf mit schwarzem Barett, der Ausdruck der Gesichtszüge sehr bescheiden, gefällig und lieblich. — Unendlich schön und herrlich sind die Köpfe und Gestalten der Evangelisten, man erkennt in ihnen, besonders in denen, welche schreiben, das Prüfen und Nachdenken auf sehr natürliche Weise dargestellt. St. Matthäus entnimmt die Zeichen von der Tafel, welche ein Engel ihm vorhält, und schreibt sie in ein Buch nieder; hinter ihm sitzt ein alter Mann mit einem Blatt Papier auf dem Knie und schreibt nach, was Matthäus aufzeichnet; er beharrt aufmerksam in dieser unbequemen Stellung und streckt Kinn und Haupt vorwärts, gleich als ob er die Feder vergrößern und verlängem wolle. Nicht nur sind eine Menge solcher Einzeh heiten wohl beachtet, sondern das ganze Bild ist mit so schöner Anordnung und Ebenmäßigkeit zusammen# gestellt, daß Raffael dadurch ein volles Zeugnis von sich gab und erkennen ließ, er wolle unbestreitbar vor allen, welche den Pinsel führten, das Feld behaupten. Außerdem schmückte er dies Werk durch eine schöne Perspektive und eine Menge Gestalten, die in so zarter und weicher Manier ausgeführt sind, daß Papst Julius dadurch veranlaßt wurde, alle Bilder anderer Meister, der älteren, wie der neueren, abschlagen zu lassen, und Raffael allein vor allen, welche sich bis dahin in solchen Dingen versucht hatten, den Vorzug zu geben.

An der Wand gegen Belvedere, wo man den Parnass und die Quelle des Helikon sieht, malte er über den Berg umher einen schattigen Lorbeerhain, das Grün der Bäume so herrlich, daß man fast glaubt, ein leiser Wind bewege die Blätter; eine Menge nackter Liebesgötter, überaus schön und anmutig, schweben in der Luft, pflücken Lorbeerzweige, flechten Kränze und streuen sie auf dem Berge aus. Dort scheint fürwahr der Hauch der Gottheit zu wehen, in der Schönheit der Gestalten wie in der Vornehmheit der Malerei. Denn wer dies Bild aufmerksam betrachtet, muß erstaunen, wie ein sterblicher Geist durch das unvollkommene Mittel einfacher Farben, mit Hilfe trefflicher Zeichnung gemalte Gegenstände als wirklich erscheinen lassen könne. Für lebend hält man die Dichter, welche auf dem Berge verteilt sind; die einen stehend, andere sitzend, schreibend, sprechend, singend und miteinander redend, zu sechs, zu vier oder wie ihm gefiele zu gruppieren. Alle älteren und neueren Dichter bis auf seine Zeit sind nach wirklichen Abbildungen, nach Statuen, Medaillen und alten Bildern, mehrere auch von ihm selbst nach dem Leben gezeichnet. Man sieht den Ovid, Virgil, Ennius, Tibull, Catull, Properz und Homer, der blind mit erhobenem Haupte seine Gesänge vorträgt; ihm zu Füßen sitzt ein Jüngling, welcher sie aufzeichnet. Die neun Musen und Apoll bilden eine gesonderte Gruppe und sind so göttlich, daß sie Leben und Lieblichkeit atmen. Dort ist die gelehrte Sappho, der göttliche Dante, der anmutige Petrarca und der zärtliche Boccaccio, alle der Natur völlig getreu. Auch denTebaldeo sieht man nebst einer unendlichen Menge neuerer Dichter, und das ganze Bild ist höchst anmutig erfunden und zart und fleißig vollendet.

Auf der folgenden Wand ist der Himmel dargestellt. Christus, die Madonna, St. Johannes der Täufer, die Apostel, Evangelisten und Märtyrer thronen auf den Wolken, und Gott Vater gießt über alle den heiligen Geist aus, ganz besonders jedoch über eine unendliche Zahl Heiliger, welche unten die Messe schreiben und über die Hostie, die über dem Altar steht, disputieren; man sieht unter ihnen die vier Kirchenväter, von vielen Heiligen umgeben; dort ist Dominicus, Franciscus, Thomas von Acquino, Bonaventura, Scotus, Nicolaus von Lira, Dante, Fra Girolamo Savonarola aus Ferrara und alle christlichen Theologen, viele davon nach der Natur gezeichnet; in der Luft schweben vier Kinder und halten die aufgeschlagenen Evangelien; dies sind Gestalten, die kein Maler anmutiger und vollkommener ausführen könnte. Die Heiligen sitzen in einem Kreise in der Luft und erscheinen durch die schönen Farben wie lebend, durch die vollkommen ausgeführten Verkürzungen wie erhoben; die Gewänder haben den schönsten Faltenwurf, und der Ausdruck der Köpfe ist mehr göttlich als menschlich. Das Antlitz Christi spricht alle Milde und Barmherzigkeit aus, welche ein Bild sterblichen Augen zeigen kann. Raffael besaß die Gabe, den Angesichtern besondere Zartheit und Lieblichkeit zu geben, wie man auch an der Madonna sieht, welche die Hände über der Brust kreuzt, den Sohn mit einem Blick betrachtet, daß man überzeugt ist, er könne ihrer Fürbitte seine Gnade nicht versagen. Zugleich beobachtete er überall eine edle Würde; in den Zügen der heiligen Patriarchen erkennt man ihr hohes Alter, in den Aposteln ihre Einfalt und in den Märtyrern ihren Glauben. Mehr Kunst noch und Geist bewies er bei den heiligen Gelehrten der Kirche; zu sechs, zu drei und zu zwei streitend, sind sie durch das Bild verteilt, ihre Züge sprechen Neugier aus und ein unruhiges Streben, Gewißheit über das zu finden, worüber sie zweifeln; dies zeigen die streitenden Bewegungen der Hände und des Körpers, das gespannte Ohr, das Zusammenziehen der Augenbrauen und das völlig verschiedene mannigfaltige und eigentümliche Staunen. Ausgenommen hiervon sind die vier Kirchenlehrer; vom heiligen Geisterleuchtet, lösen und erklären sie vermittelst der heiligen Schrift jede Schwierigkeit der Evangelien, welche von Kindern, die in der Luft schweben, in den Händen getragen werden.

Auf der Wand endlich, wo das Fenster nach dem Hof ist, malte er an einer Seite Justinian, der den Doktoren die Gesetze gibt, sie zu verbessern; oberhalb des Fensters die Mäßigkeit, Stärke und Klugheit, und an der anderen Seite den Papst, der die kanonischen Dekretalen verleiht. In der Gestalt dieses Papstes ist Julian II. nach dem Leben dargestellt, neben ihm der Kardinal Giovanni de’ Medici, nachmals Papst Leo; der Kardinal Antonio di Monte und der Kardinal Alessandro Farnese, nachmals Papst Paul IIL, nebst anderen Bildnissen. Der Papst war durch die Arbeiten Raffaels sehr zufriedengestellt, und damit die unten um die Wände laufenden Vertäfelungen der Malerei würdig seinmöchten, ließ er aus Monte Oliveto di Chiusuri, einem Kloster im Gebiet von Siena, den Fra Giovanni von Verona kommen, der damals in perspektivischen Darstellungen von eingelegter Holzarbeit berühmt war. Dieser verfertigte nicht nur die Vertäfelungen ringsumher, sondem auch sehr schöne Türen und Sitze mit perspektivischen Verzierungen, wodurch er sich beim Papst viele Gunst und Belohnung erwarb.

Doch wir wollen zu Raffael zurückkehren; sein Talent in der Kunst wurde immer mehr entfaltet, und er mußte im Auftrag des Papstes auch das zweite Zimmer zunächst dem großen Saale verzieren. In jener Zeit malte er das Bildnis Papst Julius’ II. in öl so treu und ähnlich, daß man es fast mit Zagen betrachtete, als ob es wirklich lebendig wäre; dies wird heutigen Tages in Santa Maria del Popolo aufbewahrt, zugleich mit einer sehr schönen Madonna von dem selben Meister, in der selben Zeit gemalt.

Raffael hatte in Rom großen Ruhm erlangt, aber obgleich er eine anmutige Manier besaß, welche jedermann wohb gefiel, und unaufhörlich die vielen Kunstwerke des Altertums, die ihm dort vor Augen waren, studierte, so hatte doch bis dahin seinen Gestalten eine gewisse Größe und Majestät gefehlt, welche er ihnen von nun an erteilte. — Michelagnolo nämlich hatte, wie in seiner Lebensbeschreibung erzählt werden wird, zu jener Zeit in der päpstlichen Kapelle Spektakel gemacht und den heiligen Vater in Schrecken gesetzt und deshalb nach Florenz fliehen müssen; unterdessen hatte Bramante die Schlüssel zu der Kapelle und ließ nun den Raffael, seinen Freund, die Arbeiten Michelagnolos sehen, daß mit er von dessen Verfahrungsart Nutzen ziehen könnte. Hierdurch veranlaßt, malte Raffael in S. Agostino zu Rom den Propheten Jesaias über der heiligen Anna von Andrea Sansovino noch einmal ganz neu, obwohl er ihn schon vollendet hatte; die Anschauung der Gestalten Michelagnolos brachte ihn dahin, seinem Werke eine bedeutendere Größe und mehr Würde zu verleihen, Michelagnolo aber, der nachmals die Arbeit Raffaels sah, dachte und nicht mit Unrecht, Bramante habe ihm dies Übel zugefügt, umRaffaelRuhm undNutzen zu erwerben.

Bald nachher gab Agostino Chigi, ein reicher sanesischer Handelsmann und Verehrer vorzüglicher Menschen, Raffael den Auftrag, eine Kapelle zu verzieren, und zwar weil Raffael kurz zuvor in einer Loge seines Palastes, heutigen Tages die Chigi in Trastevere genannt, nach höchst anmutiger Manier eine Galatea, von Delphinen in einem Wagen auf dem Meere gezogen und von Tritonen und Meergöttem umgeben, gemalt hatte. Das . Wohlgefallen an diesem Werk veranlaßte Agostino, ihm die Ausschmückung der Kapelle rechter Hand beim Haupteingang der Kirche von Santa Maria della Pace zu übergeben; er entwarf den Karton dazu und malte sie in Fresko nach seiner neuen, etwas reicheren und größeren Manier, als die frühere gewesen war. Hier stellte Raffael einige Sibyllen und Propheten dar, ehe noch die Kapelle Michelagnolos dem Publikum aufgedeckt wurde, während er sie schon gesehen hatte; diese gelten für seine beste Arbeit, für die schönste unter so vielen schönen, denn in den Frauen und Kindern dieses Bildes sieht man die vollste Lebendigkeit und ein vortreffliches Kolorit, und dies Werk erwarb ihm im Leben und nach dem Tode hohen Ruhm, weil man es für das seltenste und trefflichste erkannte, das Raffael sein ganzes Leben hindurch gemacht hatte.

Raffael fuhr fort, in den Zimmern des päpstlichen Palastes zu arbeiten, und malte dort das Wunder des Sakramentes am Leintüchlein zu Orvieto oder Bolsena, wie man es nennen mag. In diesem Bilde sieht man den Priester, wie er Messe liest und von Scham erglüht, als um seines Unglaubens willen die Hostie auf dem Leintüchlein blutet; mit verstörten Augen, durch den Anblick seiner Zuhörer der Fassung beraubt, hat er das Ansehen eines schwankenden unsicheren Menschen, und man glaubt seinen Schrecken, fast das Zittern der Hände zu gewahren, welches in solchem Zustand erfolgt. Umher zeichnete Raffael eine Menge verschiedener Gestalten; einige bedienen die Messe, andere knien auf einerTreppe in mannigfaltig schönen Stellungen; die Neuheit des Ereignisses hat sie erschreckt, und man erkennt in vielen, in Männern sowohl als in Frauen, das Verlangen, sich für schuldig zu erklären. Am Fuße des Bildes sitzt eine Frau an der Erde, die ein Kind auf dem Schoße hält; sie horcht mit gespannten Zügen auf die Erzählung von dem, was dem Priester begegnet, was eine andere ihr zuflüstert, und wendet sich verwundert; ihre Bewegung ist voll weiblicher Grazie und von einer höchst ausdrucksvollen Lebendigkeit. An der anderen Seite sieht man den Papst Julius, der die Messe hört, ein merkwürdiger Gedanke; auch zeichnete er dort den Kardinal St. Giorgio und eine Menge anderer Personen nach der Natur. Die Öffnung des Fensters benutzte er, um eine stufenförmige Erhöhung vorzustellen, welche das Bild zu einem ganzen macht, ja esscheint, als ob derZwischenraum des Fensters gar nicht fehlen dürfte, und man kann hier wie überall mit Recht sagen, daß kein Maler in Erfindung und Zusammenstellung aller Arten vonBildern mehr Geschick, Leichtigkeit und Trefflichkeit kundgegeben hat, als Raffael. Dies zeigte er an dem selben Ort in einem anderen dem eben genannten gegenüberstehenden Gemälde, wie St. Petrus von Herodes gefangen gesetzt, von Kriegern bewacht wird — ein Bild, worin die Architektur und die einfache Zeichnung des Kerkers so sinnvoll geordnet ist, daß fürwahr im Vergleich dagegenin den Arbeiten anderer Künstler ebenso viel Verwirrung herrscht, als in der seinigen Schönheit. Er suchte stets die Begebenheiten treu darzustellen, wie sie geschrieben sind, und ausgezeichnete und wohlgefällige Dinge in seinen Werken anzubringen. Hier zeigte er das Grauen des Kerkers; mit Ketten beschwert sieht man den Alten zwischen zwei Kriegern; man gewahrt den tiefen Schlaf, in welchem die Wachen liegen; das strahlende Licht des Engels erhellt die dunkle Nacht, läßt alle Einzelheiten des Kerkers unterscheiden und glänzt auf den Waffen der Krieger wieder, sodaß man ihren Schein in der Wirklichkeit zu sehen glaubt. Nicht geringere Kunst und Erfindung bewies er in einem anderen Teile des selben Bildes: die Ketten St. Peters sind gefallen, vom Engel geleitet tritt er aus dem Kerker, und man erkennt in seinem Gesicht, daß er zu träumen wähnt; einige bewaffnete Krieger außerhalb des Gefängnisses hören den Lärm der eisernen Pforte, eine Schildwache mit einer Fackel in der Hand weckt die schlafenden Gefährten, das Licht der Fackel glänzt auf den Waffen, und wo dies nicht hinfällt, werden die Gegenstände vom Mond erleuchtet. Raffael brachte dieses geistreich erdachte Bild oberhalb des Fensters auf einer dunklen Wand an; betrachtest du die Malerei, so fällt dir das Tageslicht in die Augen und steht in schönem Gegensatz zu den verschiedenen Lichtem der Nacht; du glaubst den Rauch der Fackel, das Leuchten des Engels und die Dämmerung der Nacht nicht gemalt, sondern in Wahrheit zu schauen, mit solcher Deutlichkeit wußte er alle diese schwierigen Erfindungen darzustellen; in den Waffen sieht man den Schattenwurf, den Widerschein und den Dampf der Lichter mit trüben Tönen so herrlich gemalt, daß Raffael fürwahr den Lehrmeister der anderen Künstler hierin genannt werden kann, und von allen Bildern, welche die Nacht treu nachahmen, gilt dies bei jedermann für das herrlichste und göttlichste.

Auf einer der nicht unterbrochenen Wände stellte er den Gottesdienst der Juden dar, die Bundeslade, den Kandelaber und Papst Julius, der die Habgier aus dem Tempel jagt — ein Werk von nicht minderer Trefflichkeit, als das obengenannte Nachtstück. Einige darauf dargestellte Sesselträger sind Bildnisse damals lebender Personen, sie tragen auf einem Tragsessel Papst Julius IL, der wahrhaft wie lebendig ist. Männer und Frauen aus dem Volke weichen zurück, um Se. Heiligkeit vorüberziehen zu lassen; an der anderen Seite stürmt ein Gewaffneter zu Pferde hervor, begleitet von zwei Gestalten zu Fuß; mit wilder Gebärde jagt er den stolzen Heliodor aus dem Tempel, der auf Befehl des Antiochus die hier niedergelegten Güter der Witwen und Waisen rauben will. Schon sieht man Waren und Schätze forttragen, der Schreck vor diesem wunderbaren Ereignis jedoch zwingt den Heliodor, sie wiederum zu lassen, denn er wird von den drei Dämonen hart gedrängt, welche als eine Vision nur ihm allein sichtbar sind. Furcht ergreift seine Leute, die entwendeten Reichtümer fallen zur Erde, und mit ihnen stürzen auch die, so sie tragen, übereinander. Getrennt von ihnen sieht man den Hohenpriester Onias im priesterlichen Gewände, er hebt Augen und Hände gen Himmel und betet andächtig, betrübt durch das Mitleid für die Armen, deren Besitztum entwendet wird, und erfreut über den Beistand des Himmels, der Hilfe bringt. Ein glücklicher Gedanke Raffaels war es, daß er mehrere Gestalten zeichnete, welche die Postamente des Gebäudes erstiegen haben; sie halten die Säulen umfaßt und schauen in dieser unbequemen Stellung nach dem, was sich begibt, und das Volk, verschiedenartig gruppiert, harrt voll Staunen des Ausganges der wunderbaren Begebenheit. Dies ganze Werk ist in allen Teilen so köstlich, daß selbst die Kartons sehr hochgehalten werden.

In derZeit, als das Glück diesen Künstler so Wunderbares leisten ließ, starb durch Neid des Schicksals Julius II., der der Kunst hilfreich war und alles Gute liebte. Ihm folgte Leo X., er verlangte das begonnene Werk fortgesetzt zu sehen, dadurch wurde Raffaels Talent bis zum Himmel erhoben, und brachte ihm reichen Gewinn, denn er hatte einen mächtigen Fürsten gefunden, dem als Erbgut seines Hauses Liebe zur Kunst eigen war.

Raffael ließ es sich daher angelegen sein, die Malereien des obigen Zimmers weiterzuführen, und stellte auf der anderen Wand Attilas Ankunft in Rom dar; Papst Leo III. empfängt ihn am Fuße des Monte Mario und scheucht ihn durch die Kraft seines Segens zurück. In diesem Bilde zeigte Raffael die beiden Apostel St. Petrus und Paulus mit gezückten Schwertern, zur Verteidigung der Kirche in der Luft schwebend. Zwar meldet die Geschichte Leos III. nichts von diesem Ereignis, Raffael jedoch wollte es also darstellen, wie häufig die Malerei und Dichtkunst sich solche Freiheiten erlauben, um ihre Werke zu schmücken, ohne sich jedoch über Gebühr von ihrem ursprünglichen Gedanken zu entfernen. In den beiden Aposteln erkennt man die Kühnheit und den heiligen Eifer, welchen die göttliche Gerechtigkeit zum Schutz ihrer heiligen Religion sehr oft über die Züge ihrer Verteidiger zu verbreiten pflegt. Die Wirkung davon zeigt sich in Attila, er reitet auf einem wunderschönen schwarzen Pferde mit weißen Hufen und einem Stern auf der Stirn, seine Gebärde ist schreckhaft, das Haupt nach oben gewendet, der Körper zur Flucht gekehrt.

Unter anderen trefflichen Pferden ist ein gestreckter spanischer Klepper von besonderer Schönheit, ihn reitet eine Gestalt, deren ganzer Körper mit einem dicht anschließenden Panzer, scheinbar von Fischhaut, bekleidet ist; sie ist von der Säule Trajans entnommen, wo die fremden Völker solchen WafFenschmuck tragen; wie man glaubt, wurde er aus Krokodilhäuten verfertigt. Den Monte Mario sieht man in Flammen, zum Zeichen, daß beim Abzüge der Krieger stets alles dem Feuer zur Beute wird. Einige Kolbenträger des Papstes samt ihren Pferden sind sehr treu nach der Natur dargestellt, ebenso der Hof der Kardinäle und die Reitknechte, welche den Zelter Leos X. führen; dieser, in päpstlichem Ornat, ist nicht minder gut wie alle übrigen Gestalten nach dem Leben gezeichnet; ihn geleiten viele Hofleute, ein vergnüglicher Anblick, für dies Bild sehr geeignet und nützlich für unsere Kunst, vornehmlich für solche, die in derlei Dingen arm sind.

In Rom malte er in einem Bilde von ziemlicher Größe den Papst Leo, den Kardinal Giulio de’ Medici und den Kardinal de’ Rossi, worin die Gestalten wie rund und erhoben erscheinen. Man sieht die Fasern des Samts, der Damast, welcher den Papst umkleidet, rauscht und glänzt, die Haare des Pelzfutters sind weich und natürlich und Gold und Seide der Wirklichkeit gleich. Ein Pergamentbuch, mit Miniaturen verziert, ist täuschender als die Wirklichkeit, und eine silberne Glocke so schön, daß man keine Worte findet, es auszudrücken. Unter anderem ist am päpstlichen Stuhle eine Kugel von hellpoliertem Golde, worin die Fenster, der Rücken des Papstes und die Umgebungen des Zimmers sich deutlich abspiegeln, und alle diese Dinge sind mit einem Fleiß ausgeführt, daß sicherlich zu glauben steht, Besseres habe kein Meister vollführt und werde keiner vollführen. DiesWerk gab dem Papst Veranlassung, Raffael reichlich zu belohnen, und es findet sich noch heute zu Florenz in der Garderobe des Herzogs. Ebenso malte er die Bildnisse der Herzoge Lorenzo und Giuliano mit jener Vollkommenheit im Kolorit und Anmut, welche ihm nur eigen war; beide sind jetzt im Besitz der Erben Ottavianos de’ Medici zu Florenz. Der Ruhm Raffaels und die Belohnungen, welche er empfing, stiegen immer mehr, daher ließ er zu seinem Gedächtnis in Borgo nuovo zu Rom einen Palast erbauen, welchen Bramante mit Stuckatur verzieren ließ.

Hierdurch und durch viele andere Arbeiten war der Ruf seines Namens bis nach Frankreich und Flandern gedrungen; Albrecht Dürer aus Deutschland, ein bewundemswerter Maler, der vorzügliche Kupferstiche verfertigte, hörte von seiner Trefflichkeit und schickte ihm als Tribut seiner Huldigung einen Kopf, sein eigenes Bildnis, mit Wasserfarbe auf ganz feiner Leinwand ausgeführt, sodaß es sich auf beiden Seiten zeigte; die Lichter waren durchschimmemd, nicht mit weiß aufgesetzt, sondern auf Leinwand ausgespart, alles übrige mit Aquarellfarben gemalt und schattiert. Raffael verwunderte sich sehr darüber und sandte Dürer eine Menge Blätter von seiner Hand gezeichnet, welche dieser ungemein wert hielt. Der oben genannte Kopf des deutschen Künstlers aber befand sich zu Mantua unter den Besitztümern von Giulio Romano, dem Erben Raffaels.

Da Raffael hierbei gesehen hatte, wie Albrecht Dürer bei seinen Kupferstichen zu Werke ging, so wünschte er ebenfalls zu zeigen, was er in dieser Kunst vermöge, deshalb ließ er den Marco Antonio aus Bologna vielfache Übungen in dieser Kunst anstellen, und da sie ihm trefflich gelangen, ließ er ihn seine ersten Sachen drucken, nämlich; das Blatt mit dem Kindermord, das Abendmahl, den Neptun und die heilige Cacilia, welche in öl gesotten wird. Marco Antonio verfertigte außerdem noch eine Anzahl Kupferstiche für Raffael, und dieser gab sie nachmals dem Baviera, seinem Malerjungen, welcher für ein Mädchen Sorge trug, das Raffael bis an sein Lebensende liebte. Von ihr malte er ein Bild von großer Schönheit und Lebendigkeit, das jetzt der Hebenswürdige Matteo Botti in Florenz besitzt, ein Kaufmann jener Stadt und Begünstiger aller vorzüglichen Menschen, besonders der Maler: er achtet jenes Werk gleich einer ReHquie aus Liebe zur Kunst und vornehmlich zu Raffael.

Doch wir wollen zu den Kupferstichen zurückkehren. Die Gunst, welche Raffael dem Baviera bewies, war Ursache, daß sich nachher Marco von Ravenna und viele andere in dem Kunstzweig hervortaten und die früher so geringe Anzahl von Kupferstichen sich zu der Menge steigerte, in welcher wir sie nunmehr sehen. Raffael malte darauf eine Tafel für das den Olivetanermönchen gehörige Kloster Santa Maria della Spasmo zu Palermo und stellte darauf Christi dar, der sein Kreuz trägt; dies Werk ist als bewundernswert anerkannt; man sieht die Bosheit der Kreuzigenden, die voll Wut den Heiland zum Calvarienberge führen. Christus, von den Qualen des nahenden Todes bedrängt und unter der Last des Kreuzes erliegend, ist zur Erde gesunken; mit Schweiß und Blut bedeckt, wendet er sich nach den Marien, die bitterlich weinen; unter ihnen ist die heilige Veronica, jvoll tiefen Mitleids streckt sie die Arme aus und reicht dem Heiland ein Tuch, während Kriegsleute zu Roß und zu Fuß mit den Standarten der Gerechtigkeit in den Händen, sich in mannigfaltig schönen Stellungen aus dem Tor von Jerusalem drängen.

Dies schöne Bild lief Gefahr, zugrunde zu gehen, ehe es den Ort seiner Bestimmung erreichte. Es war eingeschifft, wie man sich erzählt, um nach Palermo gebracht zu werden, das Fahrzeug jedoch, welches es übers Meer trug, zerschellte an einer Klippe, sodaß Menschen und Waren untergingen, jenes Bild allein ausgenommen; es trieb in dem Kasten, worin es verpackt war, in den Meerbusen von Genua, wurde dort aufgefischt, ans Land gebracht und sicher aufbewahrt, als man sah, welch göttliches Werk es sei. Völlig un* versehrt, war es ganz ohne Makel geblieben, denn selbst Stürme und Wogen hatten Achtung vor solch einem Bilde. Der Ruf davon verbreitete sich, und die Mönche, denen es zugehörte, suchten es wieder zu bekommen; mit Mühe gelang ihnen dieses durch die Hilfe des Papstes, und sie gaben denen, welche es gerettet hatten, reiche Belohnung. Aufs neue eingeschifft, gelangte es nach Sizilien und wurde in Palermo aufgestellt, woselbst es berühmter ist, als der feuerspeiende Berg.

Während Raffael diese Arbeiten vollführte, welche er nicht ab weisen konnte, weil er von bedeutenden Personen Auftrag dazu hatte, und sie auch um seines eignen Interesses willen nicht ausschlagen mochte, unterließ er nicht, die begonnenen Ausschmückungen der päpstlichen Zimmer und Säle fortzusetzen. Er hielt dort beständig Leute, die nach seinen Zeichnungen das Werk förderten, sah fortwährend jedes einzelne nach und legte überall die letzte Hand an, um eine so große Verpflichtung nach Möglichkeit zu erfüllen. So konnte er nach kurzer Zeit das Zimmer des Torre Borgia aufdecken; er hatte darin auf jeder Wand ein Bild gemalt, zwei über den Fenstern und zwei auf den beiden freien Wänden. Auf der einen ist der Brand des Borgo vecchio zu Rom, der nicht zu löschen war, bis Leo IV. sich nach der Loge des Palastes begab und durch seinen Segen das Feuer völlig dämpfte.

Das zweite Bild stellt eine andere Begebenheit aus dem Leben Leos IV. dar, man sieht darin den Hafen von Ostia von einer türkischen Flotte belagert; sie war gekommen, den Papst gefangen zu nehmen, und wird von den Christen im Meer bekämpft; schon sind eine Menge Gefangener nach dem Hafen gebracht; sie steigen aus einer Barke, von den Soldaten am Bart gerissen; ihre Gesichtszüge sind schön, die Stellungen wild, mit den mannigfaltigsten Schilferkleidungen angetan, werden sie vor den Papst gebracht, der als Leo X. dargestellt ist. In den beiden anderen Bildern ist erstlich Leo X., der den allerchristlichsten König Franz I. von Frankreich salbt. Das andere Bild stellt die Krönung des eben genannten Königs dar, der Papst und Franz I. sind darin nach dem Leben gezeichnet, dieser gewaffhet, jener im päpstlichen Ornat.

Es ist unmöglich, alle Kleinigkeiten in Raffaels Werken zu beschreiben, wo jeder Gegenstand in seinem Stillschweigen zu reden scheint; doch muß ich noch anführen, daß unterhalb der genannten Bilder sich Postamente befinden, mit verschiedenen Verteidigern und Wiederherstellern der Kirche von allerlei Fiermen eingeschlossen und in einer Weise ausgeführt, daß sich überall Geist, Wärme und Überlegung kundgibt, und man überall eine Übereinstimmung des Kolorits findet, wie sie nicht besser gedacht werden kann.

Raffaels künstlerischer Geist war so umfassend, daß er in ganz Italien, zu Pozzuolo, ja sogar in Griechenland Zeichner hielt, und er ließ nicht nach, sich alles zu verschaffen, was der Kunst zum Nutzen gereichen konnte. Im Verfolg seiner Arbeiten im Vatikan verzierte er einen Saal, woselbst verschiedene Apostel und andere Heilige im Tabernakel in grüner Erde gemalt waren; dort ließ er durch seinen Schüler Giovanni ausUdine, der in Nachbildung vonTieren nicht seinesgleichen hatte, alle fremden Tiere anbringen, welche Papst Leo besaß, das Chamäleon, das Zibeth, Affen, Papageien, Löwen, Elefanten und andere fremdartige Bestien. Raffael verzierte den päpstlichen Palast auch mit Grotesken und mannigfaltigen Fußböden und verfertigte daselbst die Zeichnung zu den päpstlichen Treppen und zu den Logen, welche von dem Baumeister Bramante angefangen, nach seinem Tode aber unvollendet liegengeblieben waren; sie wurden nach der neuen Zeichnung und Architektur Raffaels weitergeführt, der ein Holzmodell dazu verfertigte, reicher und schöner als jenes von Bramante. Und da nun Papst Leo seine Größe, Freigebigkeit und Herrlichkeit zeigen wollte, verfertigte Raffael die Zeichnungen zu den Stukkaturverzierungen, zu den Bildern, die inzwischen gemalt, und zu den verschiedenen Abteilungen, welche überall angebracht werden sollten. Den Giovanni von Udine setzte er über die Arbeit der Stukkaturen und Grotesken und den Giulio Romano über die der Figuren, obwohl dieser wenig daran tat, daher malten Giovan Francesco, der Bologna, Perino del Vaga, Pellegrino von Modena, Vincenzio von St. Gimignano, Polidoro von Caravaggio und viele andere daselbst Bilder, Figuren und sonstige Gegenstände, und Raffael ließ alles mit solcher Vollkommenheit ausführen, daß er sogar das Estrich aus Florenz von Luca della Robbia kommen ließ. Sicherlich kann man in Malerei, Stukkatur, Architektur und schöner Erfindung kein herrlicheres Werk vollführen noch ersinnen. Seine Schönheit war Ursache, daß Raffael zum Aufseher über alle Malereien und Bauten im Palast gesetzt wurde. Man erzählt: seine Gefälligkeit sei sogroß gewesen, daß er zur Bequemlichkeit seiner Freunde den Maurern gestattete, die Mauern nicht ganz fest und ohne Unterbrechung zu bauen und einige Öffnungen und Räume unten über den alten Zimmern unausgefüllt zu lassen, um dort Fässer, Röhren und Holz unterzubringen, durch diese Löcher jedoch wurde das Fundament des Gebäudes geschwächt, alles begann zu reißen, und man sah sich gezwungen, sie später auszufüllen. An allen Türen und sonstigen Holzverkleidungen wurden Schnitzarbeiten angebracht, die Gian Barile mit Zierlichkeit und Geschmack vollendete.

Für die schwarzen Mönche von S. Sisto zu Piacenza malte er ein Bild zu ihrem Hauptaltar, man sieht darin die Madonna, den heil. Sixtus und die heil. Barbara, ein fürwahr seltenes und wunderbares Werk.

Raffael war zu solchem Ruhme gelangt, daß Leo X. befahl, er solle den großen Saal malen, in welchem die Siege Constantins dargestellt sind, und er begann das Werk. Zudem kam dem Papste das Verlangen, reiche Tapeten von Gold und Seide weben zu lassen, hierzu verfertigte Raffael mit eigner Hand farbige Kartons, genau in der Form und Größe, wie sie gewirkt werden sollten; man schickte sie nach Flandern, und als die Tapeten vollendet waren, kamen sie nach Rom, ein wunderbares erstaunenswürdiges Werk, denn man begreift nicht, wie es möglich war, Haare und Bärte so zu weben, durch Ineinanderschlagen der Fäden dem Fleische Weichheit zu verleihen, und achtet sicher das ganze eher für ein Wunder, als für ein Kunstwerk menschlicher Hand. Wasser, Tiere und Gebäude sind mit einer Vollkommenheit ausgeführt, daß sie nicht wiegewebt, sondern wie mit dem Pinsel gemalt erscheinen. Der Preis, welcher dafür gezahlt wurde, betrug siebzigtausend Scudi, und sie werden noch jetzt in der päpstlichen Kapelle aufbewahrt.

Für den Kardinal und Vizekanzler Giulio de’ Medici malte Raffael ein Bild von der Verklärung des Heilands; es sollte nach Frankreich kommen und mit eigner Hand fortwährend daran beschäftigt, gab er ihm die letzte Vollendung. Man sah darauf Christus, der auf dem Berge Tabor verklärt wird, die Apostel harren seiner am Fuße des Felsens, und zu ihnen wird ein besessener Knabe gebracht, damit Christus, vom Berg herabsteigend, ihn befreie. Der Knabe in verrenkter Stellung, streckt schreiend die Glieder, seine verdrehten Augen zeigen, wie das Fleisch leidet, wie Adern und Pulse von dem bösen Geist gepeinigt sind, seine bleiche Farbe und seine gewaltsame Stellung verraten seine Furcht. Ihn hält ein alter Mann, die Augen rund aufgerissen, mit dem Stern in der Mitte, Stirn und Brauen gefaltet, sodaß er Angst und Kraft zugleich zeigt. Er schaut die Apostel fest an und scheint bei ihrem Anblick sich selbst zu ermutigen. Eine Frau, die Hauptfigur des Bildes, kniet im Vordergrund vor jenen beiden, sie wendet das Haupt nach den Aposteln und zeigt mit einer Bewegung des Armes auf den Besessenen, sein Elend kundzutun. Die Apostel, teils aufrecht stehend, teils sitzend und kniend, zeigen lebhaftes Mitleid mit diesem großen Unglück. In der Tat zeichnete Raffael in diesem Bilde Gestalten und Köpfe von so seltener Schönheit, so neu, mannigfaltig und herrlich, daß alle Künstler in dem Urteil übereinstimmen: unter den vielen Werken, die er ausführte, sei dies das rühmlichste, das schönste, das göttlichste. Wer erkennen will, wie man Christus zur Gottheit verklärt darstellen könne, der komme und schaue ihn in diesem Bilde. Er ist verkürzt gezeichnet, und schwebt in glänzender Luft über dem Berge zwischen Moses und Elias, die erleuchtet von ungewohnter Klarheit, in seinem Licht zum Leben erwachen. Petrus, Jacobus und Johannes liegen zur Erde gebeugt, in verschiedenen schönen Stellungen, der eine legt das Haupt auf den Boden, der andere hält die Hand vor die Augen zum Schutz gegen die Strahlen und den blendenden Glanz des Erlösers; dieser von einem schneeweißen Gewände umgeben, die Arme ausgebreitet, das Haupt nach oben gewendet, scheint das Dasein und die Gottheit der drei Personen darzutun, die in eins verbunden sind durch die Vollkommenheit von Raffaels Kunst. Es ist, als habe dieser seltene Geist alle Kraft aufgeboten, die er besaß, um in dem Angesicht des Heilandes die Macht und Gewalt der Kunst zu offenbaren, denn nachdem er es vollendet hatte, als das letzte, was zu vollbringen ihm oblag, rührte er keinen Pinsel mehr an, und es überraschte ihn der Tod.

Aus dem Buch: Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Architekten der Renaissance (1910), Author:Jaffé, Ernst.

Siehe auch:
Giovanni Cimabue
Niccolo und Giovanni aus Pisa
Giotto
Buonamico Buffalmacco
Jacopo della Quercia
Luca della Robbia
Lorenzo Ghiberti
Masaccio
Filippo Brunelleschi
Donatello
Frate Giovanni da Fiesoie (Fra Angelico)
Antonello da Messina
Fra Filippo Lippi
Jacopo, Giovanni und Gentile Bellini
Domenico Ghirlandajo
Sandro Botticelli
Andrea del Verrocchio
Andrea Mantegna
Leonardo da Vinci
Giorgione da Castel Franco
Antonio da Correggio
Fra Bartolommeo di San Marco

Raffael von Urbino